Karl Gutzkow
Der Zauberer von Rom, I. Buch
Karl Gutzkow

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23 14.

Als Lucinde dies grauenvolle Wort gehört hatte, erhob sie sich voll Entsetzen.

Sie verstand nicht sogleich vollständig, was sie gehört hatte.

Und anfangs wußte sie kaum, wo sie war.

Die Mägde hatten schon aufgeräumt und schon hingen über dem gelben Plüschsammet wieder die grauen Ueberzüge. Nur sie selbst hatte man noch den erquickenden Schlaf genießen lassen.

Die Lisabeth wiederholte die grauenvolle Mittheilung:

Der Deichgraf ist todtgestochen! Gestern! Im Düsternbrook!

Aber der Doctor? fragte Lucinde, selbst zum Tod erblaßt und sich jetzt erst auf alles Gestrige besinnend.

Sie schliefen gerade, hieß es, als die Leute, die auf der Buschmühle arbeiten und, wenn sie nach Hause wollen, den Weg über Neuhof nehmen, die Nachricht brachten. Es war um neun Uhr.

Ermordet! wiederholte Lucinde schauernd und sich nun besinnend auf alles das, was damit zusammenhängen konnte . . .

Abgestochen mit einem Messer, gerade wie man einen Karpfen absticht, dicht am Kiemen, fuhr die Lisabeth fort. Im Regen lag er, hart am Grenzstein bei der großen Eiche. Mit dem Menschen, der's gethan hat, muß er gerungen haben auf Tod und Leben.

Wer war es?

24 Die Lisabeth wußte niemand zu nennen und erzählte nur von der ungeheuern Bewegung und Aufregung auf dem Hofe und in der ganzen Gegend . . .

Und der Doctor?

Dem hätte man's gestern Abend sogleich gesagt. Er hätte wie versteinert gestanden, sie erst wecken wollen, dann wäre er hinuntergeschlichen in seinen Wagen, wie ein Schatten. An den Glaswänden hätte er sich halb ohnmächtig gehalten und wie er sein Antlitz darin gesehen, da hätt' er sich an den Kopf geschlagen und einigemal gelacht, gelacht vor Schmerz. Die Lisabeth setzte hinzu, wie es auch ihr immer ginge, daß sie vor Schmerz lachen müßte und daß sie drum schon einmal einen Doctor gefragt hätte. Die Aerzte wissen, was sie alles dem Volke leisten sollen! Sie werden gefragt, ob sie nicht Tränke haben, um gerade nur das oder das zu träumen, und schon zu manchem Arzt kam eine Mutter und verlangte ihrem Kinde etwas verschrieben, weil es so leicht »schrecke«.

Von den Nerven Lucindens wissen wir schon, daß sie gegen den Schreck gestählt sind. Was aber sagte denn nur der Doctor? fragte sie.

Der wollte Sie nur wecken, hieß es weiter, und als Sie nicht hörten, schlich er davon und in den Wagen war er und sein Gaul zog ihn fort, wir wußten selbst nicht wie. Hernach sagte Stephan, der spät aus dem Wirthshaus kam, es wäre besser gewesen, es hätte ihm eins sein Roß geführt: er hätte auf die Nacht ein Unglück haben können – es geht schroff ab bis zur Buschmühle.

Dort fand er schon den todten Vater? fragte Lucinde vor Staunen kopfschüttelnd.

Stephan, fuhr die Lisabeth fort, war der erste, der den Deichgrafen gefunden hat. Es fehlte ihm ein Stemmeisen und 25 da war's ihm, als ob er's im Grund hätte liegen lassen, an der großen Eiche. Nun ging er hinunter und im Schummer schon. Gleich sah er da, wie an seinem Werkplatz alles durcheinander lag. Der Stein mit dem Adler war weggeschoben, rundum war alles zertreten und gerade, wie wenn es Streit gegeben. Und, Marie Joseph! da fand er denn auch den Deichgrafen gerade auf dem Gesicht liegend. Hier, sehen Sie, hier am Halse, da wo schon manche ein neugeboren Kind mit einer Stecknadel umgebracht hat, gerade da hatt' er's weggekriegt; kaum drei Zoll tief war der Nickfänger hineingefahren, sagte Stephan.

Der Nickfänger? fragte Lucinde. Woher weiß man denn von einem Nickfänger? Was wird der Kronsyndikus sagen? fügte sie, jetzt noch harmlos, hinzu.

Die Lisabeth sah Lucinden groß an. Sie schien zu erstaunen über eine Frage, die geringe Menschenkenntniß verrieth. Lucinde war in der That von den sonstigen Dingen, die in ihr lebten, so erfüllt, daß sie kaum noch an die auffallende gestrige Rückkehr des Kronsyndikus dachte.

Die Lisabeth erklärte zunächst das späte Ausbleiben Stephan Lengenich's. Der hätte im Wirthshaus den Vorfall wol zehnmal wiederholen müssen. Die Leiche war in die Buschmühle getragen worden und jetzt säße schon ein Actuar aus dem Amt Lüdicke unten und im Düsternbrook würde alles nach Befund aufgenommen. Daß es in dem ganzen Kreis eine nicht geringe Zahl von Menschen gab, die mit dem Theilungscommissar in Streit lagen, und daß man ihm gerade an dem einsamen Düsternbrook hatte aufpassen können, stand fest. Ein Verdacht auf diesen oder jenen, der hier der Thäter hätte sein können, wurde nicht ausgesprochen; die Lisabeth selbst war zu klug, die Gedanken, die der ganze Hof schon über den Kronsyndikus theilte, Lucinden mitzutheilen.

26 Es war eine dumpfe Schwüle, die den Vormittag über Schloß Neuhof und allen seinen Bewohnern lag. Die Arbeiter gingen lässig. Jeder hatte die schreckensvolle Thatsache zu wiederholen und zu erörtern. Lucinde begriff dann allmählich, daß die sonderbare, allen ersichtlich gewesene Aussöhnung des Kronsyndikus mit dem Sohn des Deichgrafen allgemein in Zusammenhang mit dem Vorgefallenen gebracht wurde. Die Unruhe und das Geheimnißvolle wuchs, als Stephan Lengenich, der allerdings bekanntermaßen im steten Kriege mit dem Deichgrafen gelebt hatte (Lucinde hatte seinen Streit mit dem Doctor selbst beobachtet), auf gerichtliche Requisition abgerufen wurde und am Abend nicht wiederkam. Die Vorstellung, die schon auf dem ganzen Schloß feststand, der Kronsyndikus wäre der Mörder, theilte sich allmählich auch Lucinden mit, und als erst der Inspector der Brennerei, die wichtigste Person auf der Oekonomie, erklärte, es würde doch wol nothwendig sein, den Kronsyndikus auf Eggena durch einen Expressen von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen, wobei er die Miene eines Mannes annahm, der von etwas an sich ganz Ueberflüssigem sprach, wandte sie sich erblassend ab und ging dem Parke zu, überlegend, ob sie nun nicht selbst zur Buschmühle sollte. Die Wege dorthin waren übermäßig vom Regen aufgeweicht und Beistand mochte sie nicht begehren. Schon war ihr, als wäre sie eine Mitschuldige, die vor allem den Kronsyndikus zu schonen hätte. Darum war Heinrich sein Sohn! Darum wollte er ihm gleichsam die Hände binden! – So sprach sie mit sich selbst im Pavillon und blickte gedankenvoll in den düstern Park. Der Sturmwind peitschte wieder die Zweige der hohen Ulmen und bog die alten Stämme. In ihrem Innern sah es kaum anders aus.

Einer Nachricht vom Doctor harrte sie mit jeder Minute entgegen. Diese kam nicht. Der Tag ging über das grauenvolle 27 Ereigniß hinweg; auch eine aufgeregte, halb schlaflose Nacht. Von dem Doctor war nichts zu hören und zu sehen; selbst dem gewöhnlichen Boten, dem buckligen und schon grauhaarigen Sohn der Alten, bei denen sie wohnte, dem Musikanten, hätte sie seinen Verrath verziehen, wenn er nur eine Mittheilung gebracht hätte. Als dieser dann kam, den Vorfall wiederholte und hämisch lachte und zu seinen beiden aus ihrer Lethargie erwachenden und grinsenden Alten von einem Schaffot sprach, über das erst ein Sammettuch gebreitet werden müßte mit einem geflügelten und gekrönten Lindwurm – dem Wappen der Wittekinds – da ergrimmte sie aufs heftigste, verbot ihm im Pavillon zu bleiben, riß, da er nicht gehen wollte, das Fenster auf, warf seine Geige weit in die Nacht hinaus, zwang ihn, seinem Instrumente, das er auf allen Kirchweihen und an jedem Sonntage in den Schenken um Witoborn strich, nachzulaufen und schloß indessen, mit einigen Sätzen von der Treppe ihm nachspringend, die Thür des Pavillons zu. Die Alten vergegenwärtigten sich inzwischen, welchen »Stein im Brete« Lucinde vorn im Schlosse hatte, und ließen sie aus Furcht gewähren.

Auf dem Hofe fehlte das Auge des Herrn. Der Bote hatte vom Vorwerk Eggena die Nachricht gebracht, der Kronsyndikus würde in der Frühe zurückkommen. Aber er kam erst am Abend. Er allein, ohne den Kammerherrn. Das hörte Lucinde von den Alten, die beim Hofkehren ihn hatten aussteigen und vom Landrath, der ihn begleitete, Abschied nehmen sehen – noch immer war er in seiner glänzenden Uniform! Jetzt drängte sie's, zu ihm zu eilen, und doch fürchtete sie sich, dem entsetzlichen Mann entgegenzutreten. Auch mußte sie nach dem Vorgefallenen, nach dem Beweise des höchsten Vertrauens, das er ihr geschenkt, glauben, er würde bald aus eigenem Antriebe entweder selbst kommen oder nach ihr schicken.

28 Da es zuletzt dunkel wurde und sich noch immer niemand bei ihr hatte sehen lassen, auch vom Doctor keine Kunde gekommen war und nun erzählt wurde, am folgenden Morgen würde auf einem der nächsten Kirchhöfe, der zu einer kleinen evangelischen Gemeinde gehörte, der Deichgraf begraben werden, und als dann auch Abends von dorther in rührendem Klageton zwei kleine Glöcklein aus dem Thale heraufklangen, hielt sie es so nicht länger aus. Sie wagte sich über den großen Weiher des Parkes hinaus, dessen gefiederte Bewohner zur Abendruhe schon längst die Stockwerke ihres Thurms bezogen hatten; sie wollte sich in den Zimmern des Kammerherrn zu schaffen machen und so den Vater an ihre Gegenwart erinnern.

Wie erstaunte sie aber, als sie dasselbe Gefährt, in welchem sie vor zweimal vierundzwanzig Stunden Heinrich Klingsohr vorm Schlosse angehalten hatte, an der hintern Aufgangstreppe des Schlosses stehen sah und erfuhr, der Sohn des Deichgrafen wäre oben mit dem Kronsyndikus allein und niemand dürfte sie stören!

Sie traute ihrem Ohre kaum. Jetzt sah sie jedenfalls die Bestätigung erst der Unschuld des Kronsyndikus überhaupt, dann aber auch wieder, aufs neue grübelnd und die Vorgänge vergleichend, die so nahe Verwandtschaft beider.

Von den Leuten erfuhr sie, daß die Aussichten auf Entdeckung des Mörders sich gemehrt hätten. Theils behauptete man, daß von einem Morde überhaupt nicht die Rede sein könnte, sondern nur von den Folgen eines Wortwechsels und Handgemenges. Hatte der Deichgraf beim Streite sich gewandt und war ein gezücktes Messer (ein gezogener Hirschfänger, wagte schon niemand mehr hinzuzusetzen) so unglücklich gewesen, gerade im selben Augenblick in den Nacken zwischen die Halswirbel zu fahren, so drehte sich der Unglückliche noch einen Augenblick ein klein wenig um und 29 »war weg«, wie die Kenner versicherten. Man erzählte, daß so die Jäger mit dem Nickfänger dem Todeskampf eines erlegten Hirsches im Nu ein Ende machen. Alle aber wußten, daß sich die Umstände, wie es hergegangen, immer mehr lichteten, seit man einem an der Eiche vorgefundenen Fetzen Tuch die einstimmige Erklärung gab, daß dieser sicher beim Ringen vom Kleide des Mörders gerissen worden war. Man wußte auch, daß der Tuchfetzen von grüner Farbe gewesen. Allen mußte dabei der Kronsyndikus vor Augen stehen, der so ängstlich vorgestern seinen grünen Jagdrock bis oben hin zugeknöpft hatte. Allen mußte begreiflich sein, daß der Geruch, der sich, nach seiner Rückkehr aus der Gegend des Grundes her, so pestilenzialisch im Schlosse verbreitet hatte, nur von einem verbrannten Kleide herrühren konnte. Doch niemand verweilte in ersichtlicher Weise bei diesen Deutungen, die einzige Lisabeth ausgenommen, die wie sinnlos hin- und herrannte, seitdem Stephan Lengenich aus Lüdicke nicht wiederkam.

Indem klingelte es beim Kronsyndikus aufs heftigste. Jeder glaubte, dort wäre Hülfe nöthig. Lucinde bebte. Die Lisabeth suchte nach Fassung. Sie schickte einen Diener, um die Befehle des gnädigen Herrn zu holen.

Nach wenig Augenblicken kam der Diener zurück. Das Roß sollte ausgeschirrt werden –

Ausgeschirrt? war ein einziges Wort, das alle zugleich aussprachen. Man zerstreute sich kopfschüttelnd. Auch Lucinde zog sich zurück, dem Vorpark zu.

Und wieder klingelte es.

Der Diener kam aufs neue und brachte die Nachricht, man hätte Licht verlangt und – zwei Flaschen Burgunder –

Jetzt wußte Lucinde nicht mehr, woran sie sich halten sollte. Sie fragte nach dem Kammerherrn, von welchem man nichts wußte; dann schwankte sie, da nicht nach ihr begehrt wurde und sie 30 lange vergebens überlegt hatte, wie sie aus freien Stücken in eine so geheime Zwiesprache eintreten sollte, ihrem Häuschen zu, jetzt sich selbst bescheidend mit ihrer Jugend und Lebensunerfahrenheit. Seit lange zum ersten male sagte sie sich, daß sie bei ihren Jahren das alles schon zu verstehen – »zu dumm« wäre.

Im Pavillon war es düster und gespenstisch. Der Sturm tobte; Zweige brachen; die Mitbewohner schliefen schon. Sie glaubte immer noch, man würde sie nach vorne rufen. Es geschah nicht. Es verging die zehnte Stunde. Endlich suchte sie fiebernd das Lager.

Das Lied der Prinzessin Ilse aus dem »Liederbuch von Heine«, in dem sie eine Weile gelesen, rauschte ihr noch lange im Ohr:

Es bleiben todt die Todten,
Und nur das Lebendige lebt;
Und ich bin schön und blühend,
Mein lachendes Herze bebt.

Und bebet mein Herz dort unten,
So klingt mein krystallenes Schloß,
Dort tanzen die Fräulein und Ritter
Und jubelt der Knappentroß.

Bilder wie vom Hause im einsamen Tannenwald, Bilder vom ledernen Großvaterstuhl und der am schnurrenden Spinnrad sitzenden Großmutter, Bilder vom wilden Jäger und seinem Liebchen, vom Mondschein, vom Galgen, von Gretchen in ihrem Wahnsinn gaukelten um so mehr um sie her, als sich für sie die Lebensschicksale der alten Stammers und einer ihnen frühgestorbenen Tochter trotz der Dunkelheit, die auf ihnen lag, gespenstisch einmischten. Der Refrain »Dort oben auf dem Schlosse« blieb sich gleich und der bucklige »junge« Stammer geigte dazu unter ihrem Fenster und nebenan wisperten die Alten. Es war ihr, 31 wie wenn irgendwo Hochzeit gefeiert wurde mit Gästen aus der Unterwelt.

Blanke Ritter, Frau'n und Knappen
Schwangen sich im Fackeltanz . . .

Am folgenden Morgen klagten wieder die ihr so wohl bekannten, sonst selten von ihr beachteten kleinen Glöcklein, die evangelischen, die großen, die katholischen, schwiegen.

Ueber den Doctor erfuhr Lucinde, daß er erst Nachts zwölf Uhr vom Schlosse abgefahren, und über den Kronsyndikus, daß dieser schon um fünf Uhr in der Frühe vom »schönen Enckefuß« abgeholt worden und nach Eggena zurückgekehrt war. Nach ihr wurde nicht gefragt; sie hörte dies gern, weil es ihr anzudeuten schien, daß zwischen den Menschen, die ihr werth waren, Friede herrschte und sie an allem Vorgefallenen für unbetheiligt galt.

Um acht Uhr sollte der Deichgraf begraben werden.

Aus Nähe und Ferne, zu Fuß, zu Roß, zu Wagen strömten die Theilnehmenden herbei.

»Es war ein Mann! Nehmt alles nur in allem!« klang seine Nachrede – erst am Grabe von der aufgeschütteten Erde aus, dann bis in die fernsten Gauen des Vaterlandes. Man legte Eichenkränze auf seinen Hügel. Sie wurden auch im bildlichen Sinne ihm gewunden, in Nachrufen aller Art, in Versen, in ungebundener Rede. Man pflückte die Blätter zu diesen Kränzen bildlich aus den Schluchten des Teutoburger Waldes, durch die der Edle damals als Flüchtling geirrt war, als er sich in der Befreiungsstunde des Vaterlandes so gefahrvoll verrechnet hatte. Auch seine Tage von Magdeburg wurden gerühmt. Schon war die Zeit angebrochen, wo auf den Thronen Herrscher saßen, welche die Blütenträume auch ihrer Jugend wollten reifen sehen. So wie jetzt bei diesem vielbesprochenen Ende eines Patrioten, gehen zuweilen noch durch das Vaterland segnende Geister und 32 schwingen die Fahnen unsers wahren Ruhmes. Zu den Posaunen, über welche die weißen Ehrentücher des Friedens, nicht die blutigen des Streites festlich niederhängen, horchen wir dann noch einmal wieder empor, wie zu den Herolden unserer wahren vergangenen und künftigen Größe. O  daß es so oft nur die Todten sind, um die wir uns die Hände reichen! Daß es fast immer nur eine Erinnerung, ein Lied, ein Gedicht ist, um das eine kurze Weile das vielstimmige Durcheinander der Parteien verstummt, eine Weile der große Riß, der durch das deutsche Herz geht, nicht im eigenen empfunden wird! Man pries des Geschiedenen Muth, seine Charakterstärke und Rechtlichkeit. Sein letzter Uebergang in die Formen der Bureaukratie war ein so natürlicher gewesen. Er war von denen, welche die antike Tugend haben, den Staat bis in die innersten Fingerspitzen zu fühlen. Man verurtheilt diese Tugend so oft schon wieder! Wie habt ihr sie gefährlich gemacht diese Tugend! Nach dem, was wir schaudernd erlebt, welch ein Verbrechen ist es nicht schon wieder geworden, auf den Ruf der Lärmtrommel zu hören, die durch die Straßen wirbelt! Wer hinaussieht, wer da ein Wort in die freie Luftwelle gibt, dem wird die Zeichnung vor den Mächtigen gewiß! Nun müssen wir uns schon so erziehen, daß wir in einem allgemeinen Brande auf keinen noch so starken Hülferuf mehr hören, sondern kalt nur unsere Habe bergen. »Was geht euch das Andere an!« Wehe, wehe euch, wenn einst die Stunde der großen Gefahr schlägt, die dem Vaterlande näher rückt! Dann werden wir in die Straßen und Plätze hinaussprechen sollen und niemand wird es können oder wagen! Dann werden wir gerufen werden von den Signalen, die uns trügerische erscheinen müssen, seitdem ihr die, welche ihnen schon einmal gefolgt sind, so unerbittlich straftet! Wehe dann euch – und wol auch uns, die wir euch, allzufeige, gefürchtet!

33 Klingsohr, der Alte von den Extersteinen, hatte diese Furcht, genannt Selbstbeherrschung, nie gehabt und sein lebendiges Ergriffensein von der Zeit rühmte man damals an ihm. Man nahm die Lieder von Arndt und Schenkendorf zu Eingangs- und Schluß-Blumenpforten seiner Nekrologe, die sich bis in die fernsten kleinen Volksblätter verloren. Auch sein Bild verbreitete man. Ein kleiner, kurzer, dicker, untersetzter Mann war es, gar kein Gracchus oder Timoleon für die Phantasie. Die Stirn sogar so groß, wie man sie bei Narren zeichnet, die Augen blinzelnd klein, die Backenknochen vorstehend, wie bei Baschkiren, der ganze Mann einem modernen Bacchus nicht unähnlich, und doch trank er nur das klare Wasser des Buschmühlbaches, so oft er den »Vater Rhein« beim jährlichen Erinnerungsfest der Freiwilligen und der Gründung der Städteordnung leben ließ. Er war entzündet vom Feuer nur seiner freien und überzeugungsreinen Seele. Er hatte die Schönheit des Gedankens. Einige Spötter rügten, daß er nicht nur kein Vermögen hinterließ, sondern dasjenige, das er besaß, sogar in Zerrüttung. Er hatte aber Gläubiger, die ihm auch noch den Gutsankauf hätten möglich machen mögen. In einigen Städten sammelten die Liederkränze für sein Grab und zu einem Denkstein.

Um den Anlaß seines Todes loderte erst über jeder Bergspitze und nach allen Richtungen des Vaterlandes hin eine Flamme des Zorns und der gedrohten Rache. Dann kamen in den Zeitungen wieder die berühmten Sänger, die Tänzer, die Tänzerinnen, die Festlichkeiten in Paris und London, man hatte einige Mammuthsknochen ausgegraben, die neuen Eisenbahnen erfüllten alles mit Bewunderung und Speculationseifer; eine Flamme nach der andern erlosch und zuletzt blieb kein anderer 34 Rächer mehr übrig als das langsame und geheime Gerichtsverfahren jenes Städtchens Lüdicke, das mehren Dynastieen zugleich angehörte, und der über die Buschmühle verhängte Sequester.

Stephan Lengenich, der Küfer und Arbeiter im Düsternbrook, blieb eingezogen. Er galt in wenig Tagen für den muthmaßlichen Mörder.


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