Grimmelshausen
Der keusche Joseph
Grimmelshausen

 << zurück weiter >> 

Aber unterwegs traffen wir eine Caravana an / die auch in allerhand Kauffleuten bestunde / und in Aegypten zu reisen Vorhabens war / dannenhero gesellete ich mich zu dieser / und verliese meine vorige Gesellschafft / weil ich nit allein gute Bekandte unter ihnen / sondern auch gute Gelegenheit antraffe / das / was ich hier und zu Theb æ hatte / abzuholen / und mit der Caravana Zuruckreise / sicher in Chald æam überzubringen;

Auf diese Reise nun gnädige Frau / habe ich das grosse Glück gehabt / ihren liebsten Eheherren das erste mal zu sehen; warhafftig einen vollkommenen Spiegel aller himmlischen Tugenden! Ich konte ihm gleich ansehen / daß er vornemlich zu Erhaltung vieler Menschen in diese Welt erschaffen worden wäre / und dannenhero setzte ich gleich meinen Trost auf ihn / als uns ein merckliche Schaar Arabischer Räuber angreiffen wolten; weilen aber E. Gn. von ihrem Eheherrn bereits verständigt seyn werden / was massen ihn damahls uns seine Brüder verkaufft / als will dieselbe ich mit solcher Erzehlung verschonen.

Ich habe zwar / antwortet Asaneth / so etwas beyläufftigs von ihm gehöret / aber gleichwohl keinen äigentlichen Verlauff vernommen; möchte derowegen wohl leiden / wann du Mühe nehmest / mich auch die Umstände beyläufftig wissen zu lassen; und sonderlich muß ich mich verwundern / woher du so einen gewissen Trost auf meinen Liebsten setzen und wissen können / daß er zu eurer Gesellschafft und sonst vieler Menschen Erhaltung erschaffen worden; Item / wie und auf was Weise / du die sonst grausame arabische Räuber so geschwind durch ihn abwendig zu machen vermögt habest / die doch sonst niemand zu verschonen pflegen?

Musai antwortet / mein Vatter hat auf eine Zeit seinen Geist / weil er sich darvor ausgab / er wüste alles / durch Beschwerung bezwungen / daß er ihn sagen muste / wie lang der Götter Reich und Regiment auf Erden tauren würde?

Eben als Musai diese Wort redet / und in seiner Erzehlung ferner fortfahren wolte / kam Joseph selbst zu der Gartenthür hinein getretten / und als sie sämtlich gegen ihm aufstunden / die schuldige Ehrerbietung gegen ihm abzulegen / nöthigte er sie wiederum nieder zu sitzen / und fragte zugleich / was sie vor ein gutes Gespräch hätten? Ihme antwortet Asaneth / daß ihr Musai seinen Lebens=Lauff / und darmithin so seltzame und verwunderliche Sachen zu erzehlen begriffen / daß sie ihn mit besonderer Lust und einer grossen Begierde mehrers zu vernehmen / zugehört hätte / Joseph sagte / so will ich euch nicht zerstören; und als er sich zu ihnen in das grüne Graß niedergesetzt / und den Musai durch einen Wunck zu verstehen gegeben hatte / daß er mit seiner Erzehlung fort fahren solte / fieng er solche wider an / wo er sie wegen Josephs Ankunfft lassen müssen / und sagte:

Meiner gnädigen Frauen Frag war / woher ich einen solchen gewissen Trost wegen unserer Caravana Erledigung zu ihren Liebsten setzen: und woher ich wissen können; daß er zu vieler Menschen Erhaltung erschaffen worden; Item / auf was Weiß ich die Arabische Räuber durch ihn abgeschreckt / daß sie uns wider ihre Gewonheit (als welche niemand zuverschonen pflegen) paßiren lassen; auf erste antwortete ich diß / daß mir ohngefähr eingefallen / was massen mein Vatter seinen Geist / der sich ausgab / er wüste und verstünde alles / durch Beschwerung bezwungen / ihm zu sagen / wie lang der Götter Reich denen unterschiedliche Völcker auf Erden dienen / bestehen würde? Darauf er nach vieler angewandter Müh zur Antwort bekommen / es würde in den letzten Zeiten ein Mensch zu solchem End in diese Welt geboren werden / der (nachdem er zuvor um 30. geringe silberne Pfenning verkaufft worden / und viel Schmach und Ungemach ausgestanden) durch den Glantz seiner Gottheit leuchten / und die Ehr samt dem Gottesdienst aller anderer Götter / so die Völcker auf Erden anbeten / aufheben und zerstören / und dardurch viel Million Menschen vor dem Tod und Untergang erretten würde; Weil ich dann nun aus der Kunst der Phisiognomia in dem Angesicht ihres Liebsten etwas selteners als bey andern Menschen sahe / zumahlen gewiß wuste / daß er um 30. Larin verkaufft worden / so schlosse ich gleich meines Vattern geheime Prophecey wäre bey nahe erfüllt / und unsere Caravana würde die erste aus der Zahl der jenigen Menschen seyn / die durch ihn vorm Tod errettet werden solten; und damit nun auch ein Göttlicher Glantz hierzu von ihm strahlen solte / liese ich ihn verkleiden / gab ihn vor den Apollinem aus / und erlangte also durch ihn die Freyheit unserer Gesellschafft; Ich kan mich auch noch biß auf den heutigen Tag schwerlich anders überreden lassen / als daß mein Herr eben der jenig sey / von dem mein Vatter die Weissagung empfangen / absonderlich wann ich bedencke / wie viel 100000. Menschen er vom Tode des Hungers errettet / und daß er den erdichten Gottesdienst der falschen Götter in unsern Hertzen ausgereutet / und ihr Ehre gegen ihnen aufgehaben und zerstöret hat / indem er uns den wahren GOtt hat kennen / und demselben anbeten lernen.

Joseph redet hier dem Musai ein und sagte / mein Freund / der jenige / der noch in diese Welt geboren werden soll / der Abgötter Reich zuzerstören / und unzahlbare Menschen von dem Tod zuerretten / wird ein anderer GOTT: auch ein anderer Mensch sein; als ich elende Creatur / als gegen welchen ich mich nicht würdig schätze / daß ich mein Angesicht: geschweige meine Hände unter seine Füßsolen legen sollte; Er wird auch die Seinige aus einem andern Tod als diesem Zeitlichen erretten / davon wir etwas wenigs aus den H. Geheimnüssen / die GOtt unseren Voreltern zu ihrem Trost anvertrauet / und wir auch von ihnen mündlich empfangen / daher stamlen können; Hier redet Joseph ohne Zweiffel vom Christo / dem allgemeinen Heiland / und verstehet durch die heilige Geheimnüß nichts anders / als die Göttliche Cabalam, von deren und der verworffenen Cabalæ ich vielleicht an einem andern Ort zu schreiben Ursach haben werde / daß aber des Musai Vatter von den 30. silbernen Pfenningen etwas zu sagen gewust / darüber ist sich so hoch zu verwundern / massen wir wissen / wann anders so vielen vornehmen Authoribus Glauben zuzustellen / daß auch die heydnische Sibyllen unterschiedliche Particularitäten von unserm HErrn Christo propheceyet haben.

Nachdem Joseph sich des obigen Ausspruchs hatte vernehmen lassen / führete er den Musai beyseits / und erzählete ihm / daß Pharao etwas traurig sich bey dem Fest erzeigt / als er gesehen / daß auch seine Unterthanen nicht / wie etwan hiebevor geschehen / bey demselbigen lustig gewesen; Er hätte ihm auch befohlen / die Ursach / solcher ihrer schläfferigen Andacht auszugründen und nachzusinnen / wie und durch was Mittel sie wiederum zu der vorigen frölichen Andacht und gewöhnlicher Begehung der Feste gebracht werden mögten / dann / sagte der König / sollte die Andacht des Volcks samt den Göttlichen Diensten / die sie meinen Vorfahren zuerzeigen gewohnet seyn / fallen; So wäre zubesorgen / daß mein Königlicher Gewalt endlich auch einen Stoß nehmen dörffte; Ha! antwortet Musai / was bedarffs vieler Nachgründung? Die arme Tropffen seynd von aller Reichthum und Barschafft durch die Königliche Cammer dergestalt ausgesogen und in Armuth gesetzt worden / daß ihnen Freud und Muth wohl vergehen muß; Pharao thue einmal seine milde Hand auf / und lasse seine Schätze wiederum unter das Volck kommen / wann ihm so wohl mit dessen Freuden=Festen gedient ist / so wird er schon wiederum nach Genüge seinen Lust sehen; Mein Herr vergebe mir / wann ich meiner Gewonheit: und meiner Nation Art nach so frey und offenhertzig mit ihm rede; Warum hätt er hiebevor dem Pharaone einen Rath geben / dardurch alle Reichthüm der halben Welt in seine Schatz=Cammer zusammen geflossen? Sehet mein Herr! darum trauret das erarmte Land; dessen Inwohner weder eigne Aecker / noch Häuser / noch Viehe / noch Gelt besitzen / noch eigne Herren über ihre eigne Leiber mehr seyn / denen doch GOtt und die Natur solche so wohl als dem König den Seinigen zum Eigenthum angeschaffen; Warum liegen die Kauffmanns=Händel allerdings vergraben? darum / daß dem seuffzenden Volck keine Mittel übrig gelassen worden / gleich: und mit anderen Nationen zu handeln; das arme Volck hat kein Gelt und Pharao läst es hingegen übereinander verschimlen; Weßwegen ohne Zweiffel mancher armer Tropff Rach über dich schreyet; Ein jeder mag seine Schäfflein zwar nach Nothdurfft wohl schären / aber wann er ihnen die Haut gar über die Ohren ziehen wolte / so würde er mit der Heerd bald fertig seyn / und endlich keinen andern Nutzen darvon zugewarten haben / als jener Bauer von seiner umgebrachten Ganß / die ihm zuvor / so lang sie lebte / alle Tag ein gülden Ey legte; Aber mein Herr / wo komm ich hin? Ich wolte nur zuverstehen geben / daß mich bedunckte / du habest dem Gesetz der Natur nicht so gar gemeß gehandelt / daß du so viel und grosse Schätz allein dem Pharaone zugeeignet / die doch von der Natur gegeben worden / daß nit nur der König / sondern alle Menschen deren geniessen und sich ihrer erfreuen sollten; Wo vermeynest du wohl? wann ein kriegerischer König aufstünde / der heut oder morgen solchen Schatz zu Waffen und Soldaten anlegte; könte er nicht alsdann die gantze Welt mit Krieg / Mord und Brand betrücken? und über wem würde alsdann das vergossene Blut der Unschuldigen Rach schreyen? über den jenigen würde ein solches Geschrey gehen / der dem König die Mittel zu kriegen / und also das Schwerdt zu würgen in die Hände gegeben / würde dich solches nicht in deiner Ruhe beunruhewigen / oder doch wenigst dir bey den Nochlebenden biß ans End der Welt ein bösen Nachklang verursachen? aber solches alles / mein Herr / wird deine hohe Vernunfft ohne Zweiffel eher und mehr als ich betrachtet haben.

Du hasts errathen / antwortet Joseph / und zwar nicht nur dieses hab ich betrachtet / sondern auch angefangen nachzusinnen / wie Theils der gesamleten Schätze wider unter das Volck zerstreuet werden möchten; Gleichwohl aber habe ich mich noch keines gewissen Unterfangs entschlossen; dann alle Städte des Landes seynd erbauet; die Gräben und Abläuff des Nili seynd erhoben und gebessert: der Pracht des Königs und seines Hoffgesindes ist so übermässig / daß ich weder in Essenspeisen noch Kleidungen höher zu steigen weiß / wie du dann / mein Musai / allein an Pharaonis Bart sihest / daß er ihn täglich mit Cleinodien von höherem Wert zieret / als sonst mancher Fürst vermag; Soll ich ihn zum bauen reitzen / so weist du selbst wol / daß er mehrere wohlaccommodirte Palläst zu bewohnen: als er vonnöthen hat; Soll ich ihn bewögen Schifffarten auszufertigen / mehrer Gold zu wegen zu bringen / und aus den äussersten Enden der Erden zu holen / so begieng ich eine Thorheit / dann solten solche Schiffarten gelingen / so überhäuffte ich das jenig / was er zuvor zuviel hatte; Wo aber ihm das unglückliche Meer seine Tück bewiese / also / daß er Schaden litte / so setzte ich mich und meines Vattern gantzes Haus in Gefahr; Soll ich ihn zum Krieg reitzen / oder zum grösseren Wollust / den er täglich hat / darüber mach ich mir ein Gewissen; In Summa / ich kehre mich hin wohin ich wolle / so sihe ich / daß mir bey nahe alle Thüren zu der Verschwendung verschlossen seyn / dardurch ich den armen Volck wieder mit Ehren etwas von Pharaonis Schätzen zuwerffen möchte; daß du mir aber mein Gewissen rühren wilst / darvor weiß ich dir zwar grossen Danck / und erfreue mich / daß du in dem jenigen / was dem gerechten GOtt gefällig / so weit kommen bist; du wollest aber auch bedencken / daß anfänglich bey Eintritt der wolfeilen sieben Jahr meine Meynung nicht gewesen / das Volck ins künfftig auszusaugen und unter ein solches beschwerlichs Joch zu bringen / sondern solches in den folgenden 7. theuren Jahren vor dem Hunger zu bewahren; hat nun der König entweder durch absonderliche Gnad GOttes / oder wegen des Volcks Sünde / oder anderer Ursachen halber / alles an sich gebracht / das muß ich geschehen lassen; werde auch kein Schuld daran tragen / ob gleich dieser König oder seine Nachfolger / das jenig was ihnen GOtt beschehret / wohl oder übel anlegen;

Mein Herr hat recht / antwortet Musai / und ist jetzt nur daran gelegen / daß wir bedencken / mit was Fug widerum etwas von des König Gelt unter den gemeinen Mann gebracht werden möge; hierzu nun muß sich nach des Königs humor gerichtet werden / und demnach wir von den allermeisten Königen wissen / daß sie Ehrbegierig / und sich befleissen auch bey der Nachwelt ihnen einen unsterblichen Namen zu hinterlassen / so wäre mein Rath / man persuadire den König dahin / daß er ihme zum Gedächtniß wo nicht nützlich und nöthige: jedoch andere kostbare Gebäu auffführen lasse / die gleichsam unzerstörlich seyn / und der gantzen Nachwelt das Zeugnuß seiner grossen Macht und Reichthum ins künfftig bezeugten; auf solche Weise würden viel Schätze widerum unter seine Unterthanen dispensiret und ausgetheilet; dann das Bauen hat ein weites Maul / viel Gelt hinweg zu fressen; Jch habe ein Exempel an der Semiramide, welche auch an dieser Ehrsucht kranck gelegen; und nit allein die Stadt Babylon erweitert / und mit einer solchen Mauer zieren lassen / davon die gantze Welt genug zu singen und zu sagen weiß / sondern sie hat auch ein Bruck über den Euphratem, und auf jede Seite ein Königlich Schloß / auch über diß einen Gang in der Erden unter dem Wasser hin bauen lassen / dardurch sie aus dem einen Schloß in das ander gehen könte / ohne das sie hätte über den Fluß kommen dörffen; die Stadt Ecbatanam hat sie mit unglaublichen Unkosten gewässert / alle Wege in ihren Ländern gebessert / und um deren Kürtze willen gantze Berg von harten Felsen durchlöchert oder gar voneinander geschroten; geschweige jetzt der wunderbarlichen Gärten / zu besagtem Babylon / die von dessentwegen / daß sie so hoch über der Erden im Lufft schweben / hangend genannt werden; über das hat sie aus den Bergen Armeniæ einen Stein hauen lassen / 135. Schuh lang und 25. Schuh breit / welchen sie durch Arbeit vieler Thier an den Euphrat von dar vollents nach Babylon bringen / und ihne daselbst zu Verwunderung aller Menschen / die ihn ansehen / aufrichten lassen;

Joseph antwortet / ich hab mit dieser eitelen Thorheit und unnützen Verschwendung bißher nit umgehen mögen; wann ich aber den Gelt=Mangel im Land betrachte / so muß ich gestehen / daß es besser sey Pharaonis Schätze werden solcher Gestalt unter die Unterthanen zerstreuet / als daß sie übereinander liegen verbleiben / und ins künfftig zu vieler Land und Leut=Verderbung an den Krieg verwendet werden; dannenhero werde ich dich bey dem König als einen berühmten Baumeister anbringen / worauf du dich kecklich mit allerhand Abrissen von verwunderlichen / künstlichen und immerwährenden Gebäuen gefast machen kanst; Indessen gehe nur hin / meiner Liebsten und deinen Weibern die Zeit vollends zu kürtzen / weil ich selbsten jetzunder andere Geschäfften zu verrichten.

Hierauf gieng Joseph seines Wegs / Musai setzte sich wieder zu dem Frauenzimmer / und fuhre in voriger Erzehlung folgender Gestalt fort / weil es Josephs Liebste begehrte.


 << zurück weiter >>