Grimmelshausen
Der keusche Joseph
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Judas zoge mit starcken Tagreisen voran / und verkündet dem Joseph seines Vattern Ankunfft / deren er sich höchlich erfreuet / und ihm mit Fürstlichem Pracht entgegen zoge / biß zur Stadt Heroum: da beydes Jacob und Joseph vor grosser übermässiger Freud schier vergangen wären; das Geschlecht Jacobs verwundert sich nicht so sehr / über die Herrlichkeit und Hochheit Josephs / als die Egyptier über das ehrwürdig Alter Jacobs / und die Menge seiner ansehenlichen Söhne und Enckel; deren damahlen / mit samt dem Joseph und dem Vattern selbsten / bey siebenzig Seelen beyeinander waren; Der Patriarch selbsten war in so hohem Alter noch zimlich vermöglich / und mit einem Violbraunen Rock bekleidet / über dessen Brust biß auf den Nabel sich sein Silber=weisser Bart ausbreitete; und weil die Farb seines Angesichts noch so Lebhafft: die Lippen noch so roth: und seine Augen noch so klar waren / als eines dreysig=jährigen Manns / gab ihm solche eigne Zierd ein anmuthiges Ansehen; Joseph liesse ihn auf seinem köstlichen Wagen / neben seiner Asaneth / und zweyen jungen Söhnen / Ephraim und Manasse / sachte hernach folgen / er aber ritte auf seinen Hand=Pferdten mit fünff seiner Brüder voran / dem König seines Vattern und dessen gantzen Geschlechts Ankunfft zu berichten; welcher sich so hoch darüber erfreute / als wann ihm selbst ein angebohrner Freund nach Haus kommen wäre: dahero fragte er den Joseph gleich / was ihr Handthierung seye / und wie er sie in seinem Reich am besten accomodiren möchte / daß sie bleiben könten: Da antwortet Joseph sehr weißlich / daß es Leut wären / die mit der Viehezucht sich zu ernehren gewohnt wären; und könte ihnen der König kein grössere Gnad thun / als wann er zuliesse / daß sie Hirten verbleiben möchten. Hierdurch brachte Joseph zwey Ding zuwegen; erstlich / daß sie allein beyeinander wohnen / und ihrem Vatter desto besser miteinander vorstehen könten; und zweytens / daß sie also / von den Egyptiern abgesondert / keinen Unwillen wider einander schöpffen möchten; Als welche vom Viehe sich zu nähren / und solches schlachten zu sehen / vor ein schröckliche Sach hielten / weil sie solches damahls anzubeten pflegten. Und nach dem Jacob selbst den König grüssete / ist ihm und den Seinigen zu Heliopolis zu wohnen / gegönnet worden / allwo Joseph seinen Schwervatter / und von seiner Gemahlin die mehriste ligende Gütter hatte; der König verwundert sich über Jacobs hohes Alter und ansehenliche Person; Und nach dem er ein Zeit lang mit ihme Sprach gehalten / hat er ihn und seine Kinder wieder mit Königlichen Geschencken begabt / und in Josephs Behausung aus seiner Küchen speisen lassen / auch dem Joseph befohlen / daß er ihnen ein Anzahl Getraids aus seinen Kornhäusern verehren solte / damit sie / in Zeit wehrender Theurung / kein Mangel hätten; Nach solchem hat sie Joseph / wie auch seinen Schwervatter noch etlich Tag bey sich behalten / und Fürstlich tractirt / zu letzt aber nach Heliopolis gesetzt / und / nach des Königs Befelch / mit aller Nothdurfft wohl versehen.

Indessen vermehrte sich die Theurung ie länger je mehr / und war ein elender Jammer in der Welt / Joseph aber gab niemand kein Getraidt / als um paar Geld / und als solches auch nach und nach / um Früchten / zu des Königs und Josephs Handen kommen war / musten silberne und güldene Geschirr / allerhand Kleinodien / Perlen und Edelgestein / die sonst viel Jahr lang wohl aufgehebt worden / hervor; also / daß bey nahe kein güldner noch silberner Ohren= oder Finger=Ring im Land verblieb / welcher nicht dem Pharao zu Theil wurde; es mochte aber alles nicht erklecken / also / daß die arme Leut / ihr Leben vorm Hunger zu erretten / in den fünff letzten Jahren erstlich ihr Vieh und ligende Güter / ja endlich ihre eigne Leiber zu ewiger Dienstbarkeit / um Proviant dem Joseph verkaufften; Derohalben wurde der König ein Herr über alles / was sich in Egypten befand; nur die Priester / darunter auch Josephs Verwandten verstanden werden / behielten ihre vorige Freyheit und Aecker; hingegen hatte Joseph die gantze Menge des Volcks / biß sich die grausame Theurung endigte / zu speisen; wolte er anders die jenige / so er dem König vor Eigen erkaufft hatte / nicht Hungers sterben lassen; er bestellt hin und wieder Proviant=Verwalter / und ließ jedem täglich die blosse Nothdurfft reichen / gleichsam / wie man jetziger Zeit den Soldaten ihr Commißbrod gibt; darvor musten sie dem König Städt / Schlösser und hohe Thürn bauen und bevestigen / Wasserleitungen und Fischweyer graben / und andere Arbeiten verrichten / weil man sie zur selben Zeit zum Ackerbau vergeblich gebraucht hätte.

So bald sich aber die Theurung endet / und der Nilus seiner vorigen Art nach sich ergossen: und das Land zur Fruchtbarkeit genugsam befeuchtigt hatte; war Joseph schon im Land herum gezogen / und hatte dem Volck wieder Ackerfelder ausgetheilt. Also / und der Gestalten / er richtet alle Güter zu unveränderlichen Mäyerhöfen / und stellet sich des Königs eignen Leuten zu / mit dem Geding / daß sie solche / als ihr Eigenthum einhaben / nutzen / niessen und bauen: hingegen aber alle Jahr den fünfften Theil von dem jenigen / daß sie erziehen würden / in des Königs Kornhäuser lieffern solten; in aller Maß und Form / wie man noch heutigs Tags den Bauern die Land=Güter zu verleihen pflegt. Hierdurch ward beydes dem König und dem Volck mercklich geholffen / diesen zwar / weil es wieder unversehens zu liegenden Gütern kam / jenem aber / daß er und seine Nachkömmling zu ewigen Zeiten ein so grossen Nutz alle Jahr zu hoffen hatte.

Nach diesen so mühseligen als löblichen Verrichtungen lebte Joseph mit seiner Liebsten in solchem Ehrenstand / biß an sein End mit höchster Vergnügung / so / daß ihm kein eintziges Unglück mehr zuhanden stieß / ausser / daß ihm sein Vatter / zwar des Lebens und verdrüßlichen Alters satt / mit Tod abgieng; nach dem er ihm zuvor siebenzehen Jahr in Egypten reichlich verpflegt und versorgt hatte; dieser setzte Josephs zween Söhn zu Erben ein / und rechnet sie unter seine Kinder / befahl auch seinen Söhnen durch ein Testament; daß sie ins künfftig mit ihnen beyden das Land Canaan / so ihnen GOtt versprochen / um Josephs Gutthat willen / theilen solten: Als ihn aber seine Söhne / nach seinem Begehren / und auf Pharaonis Verwilligung / nacher Hebron begraben hatten / wolten sie mit dem Joseph nicht wieder zuruck in Egypten ziehen / dann sie besorgten / er möchte ihnen erst nach ihres Vatters Tod eintrencken / was sie hiebevor an ihm verschuldet hätten; derowegen that Ruben folgende Red bey der Begräbnuß zum Joseph.

Herr Bruder / sagte er / ich kan dir nicht verhalten / daß die Furcht der billichen Rach und Straff / damit du gegenwärtige deine Brüder / um ihrer hiebevor an dir verübter Mißhandlung willen / nach unsers Vattern seel. Todt belegen möchtest / sie so erschröckt und verzagt gemacht habe / daß sie Bedenckens tragen / wiederum mit dir in Egypten zu kehren; und wenn du des Willens wärest / ihnen zu wiedergelten / was sie an dir verdienet haben / so wäre mir solches eben so unmüglich zu ertragen / als hefftig mich ihre Ubelthat / die sie an dir begangen / hiebevor geschmertzt hat; Müste derowegen / damit ich solch Elend an ihnen nicht ansehen dörffte / der Erste seyn / der sich auch aus deinen Augen verliert; wiewohl mit schwer fallen wird / einen so herrlichen und lieben Bruder zu verlassen; gleich wohl aber müssen wir / als erkantliche danckbare Leut gestehen / daß du uns siebenzehen gantzer Jahr lang / &c. Hier wolte Ruben des Josephs Gutthaten erzehlen / und wegen sein und seiner Brüder sich derselbigen bedancken! aber Joseph fiel ihm in die Rede / und sagte: In den siebenzehen Jahren werdet ihr nichts anders als meine Brüderliche Lieb und Treu gegen euch verspührt haben / und daß ich vorlängst alles / was geschehen ist / der Göttlichen Vorsehung / und nicht einiger Boßheit / die in euch stecken möchte / zugeschrieben habe; Warumb wollet ihr dann / wider den Willen GOttes / jetzt so bößlich von mir weichen? Warlich / hierdurch werdet ihr selbst euch zu ewigem Spott den Egyptiern und aller Welt offenbahren / was ich euch zu Ehren vor unserm lieben Vatter seel. biß in sein Grab verschwiegen habe; um die Gutthaten / die ich euch erwiesen / will ich mir nicht dancken: noch euch oder mir aufrupffen oder vorrucken lassen; dann alles / was ihr genossen habt / ist aus Güte und Vorsehung GOttes geschehen; Wir wollen derowegen darvon nicht reden / sondern ihr müst diß hören und wissen / daß wir einander jetzt näher als hiebevor verbunden und zugethan seynd! Dann ihr könt nicht läugnen / daß meine beyde Söhne / Manasse und Ephraim / in euere Zahl aufgenommen worden; Werdet ihr sie nun in Egypten verlassen; und euch von mir und ihnen trennen wollen; so widerstrebt ihr GOttes Willen und eures Vattern Befelch / den ihr zu halten Eidlich geschworen habt! dardurch werdet ihr euch / beydes der Göttlichen Verheissung und des Vätterlichen Segens / das Land Canaan zu besitzen / unwürdig machen; Ich zwar hab Mittel genug / meine Söhne / auch ohn euere Hülff / zu Egyptischen Fürsten zu hinterlassen / denen an Macht / sich an euch und den eurigen zu rächen / nicht manglen würde / wann ihr gleich mitten in Canaan säset; Aber wie geschähe dardurch dem Göttlichen Willen und vätterlichen Befelch ein Genügen? Ey nun wolan dann / ihr liebe Brüder / so setzet derowegen alles Mißtrauen beyseits / und bedenckt vielmehr / daß meine Kinder / bey tödtlichem Hintritt unsers lieben Vattern seel. auch ihres Vatters entsetzt worden / weil er sie in seinem Testament mir genommen: und zu seinen Kindern: euch aber zu ihren Brüdern gemacht hat; Was meinet ihr wol / das unser Vatter seel. anders dardurch verstanden haben wolle / als daß ich / an statt seiner / eurer aller Vatter und Verpfleger wäre? Hierauf nun so schwöre ich euch / bey dem GOtt meiner Vätter / Abraham / Isaac und Jacobs / daß ich mich in alle Weg und auf alle Fäll gegen euch / nicht allein als ein getreuer Bruder / sondern auch / als ein liebreicher Vatter bezeugen / und euch / nach meinem Vermögen / nicht anders / als meine leibliche Söhne halten will; Wann ihr mir aber weder Trauen noch Glauben zustellen: sondern euch von meinen Kindern entäussern / und mich also / wie ihr vorhabt / verlassen wollet; so bezeuge ich hiermit öffentlich vor GOtt / vor aller Welt und vor den gegenwärtigen Gräbern unserer Vätter / daß ich an allem dem Unheil / so euch hieraus entstehen wird / kein Schuld haben will; Als Joseph auffhörete zu reden / fiengen seine Brüder an zu weinen / und versprachen / nicht allein bey ihm zu bleiben / sondern ihme auch allen Kindlichen Gehorsam zu erweisen / welches alles sie mit einem Eydschwur bekräfftigten.

Also brachte sie Joseph wiederum zuruck mit sich in Egypten / und lebte bey ihnen in Ruhe und Fried / bis er das 110. Jahr seines Alters erreichte; Warhafftig / ein Mann mit eben so wunderbarlichen Glück / als seltenen Tugenden begabt / der seinen grossen Gewalt nicht anders / als recht / wohl / ehrlich und ohntadelhafft gebraucht hat / die Egyptier nannten ihn ein frembden Vatter und Erhalter ihres eignen Vatterlands / damit sie aber mit dessen Gebeinen nach seinen Tod keine Abgötterey treiben könten / in dem sie schon seine Fußstapffen bey seinem Leben / als eines Irrdischen Gottes küßten / befahle er / so wohl seinen Brüdern / als ihren und seinen Kindern / daß sie seinen Cörper nicht gleich nach Hebron begraben: sondern nach seinem Absterben bey sich behalten: und wann sie künftig das Cananeisch Land einnehmen würden / die Gebein mit sich führen: und zu seinen Vättern begraben solten; welches dann erst über 400. Jahr hernach geschehen ist.

Darum / ihr Menschenkinder / nachdem ihr Josephs Histori gelesen habt / so lernet euch der unveränderlichen Vorsehung GOttes anvertrauen; mit Versicherung / daß der himmlische Schluß durch sonst nichts geändert wird; als wann ein demütig=büssender Bekenner begangener Sünden / durch hertzliche Thränen / von der unendlichen und grundlosen Barmhertzigkeit GOttes Gnad erlangt.

E N D E


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