Grimmelshausen
Der keusche Joseph
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Ruben / Judas und Levi hielten zwar Widerpart und verfochten ihres Vattern gepflogene Händel nach Müglichkeit / in dem sie alles was Jacob gethan / der Weiber Anstifftungen zulegten / welcher Hülff Joseph aber beraubt wäre; Es wäre aber alles vergeblich / dann diese Reden der übrigen Brüdern ohne das vergallte / neidige und mißgünstige Hertzen durch Mißtrauen dem Joseph noch gehässiger machte; Also daß sie endlich beschlossen / sich mit der Menge Viehe nach Sichem auff die jenige gute Waid zubegeben / die Ruben hiebevor ausgespehet hatte / um sich allda so lang auffzuhalten / bis sie sehen was ihr Vatter thun wolte / und ob er allein mit dem Joseph würde hausen wollen / auff welchen Fall / wann geschehen solte was sie unnötig vermutheten / sie schon den besten Theil der Herd in ihrem Gewalt hätten.

Also liessen sich diese Gebrüdere durch Eifer / Neid / Haß / Mißgunst / Zorn und Mißtrauen umbtreiben / und zogen mit ihren Herden in die Waid=reiche Gegend Sichem.

Indessen gedachten weder Jacob noch Joseph an gar nichts böses / sondern Joseph muste dem Alten seinen Traum noch eins erzehlen / und hingegen die Auslegung darvor widerum anhören; Gewißlich / liebster Sohn / sagte Jacob / ich versichere dich eigentlich / daß du zu einem grossen Herrn wirst werden; Aber alsdann sey mir und deinen Brüdern behülfflich / wann wir anders / nach Verhängnuß GOttes / deiner Hülff bedörffen und dich darum anlangen werden; Diese Wort redet der Alte so beweglich: Endet sie mit einem so inbrünstigen Vätterlichen Kuß; Und sahe seinen Sohn darauf so andächtig an / daß sich Joseph (weil er seinen Vatter ohne das mehr als sich selbsten liebte /) des Weinens nicht enthalten konte / welches dann seiner Antwort ein gute Weil den Paß allerdings versperrte / demnach er sich aber wieder erholet / sagte er / hertzliebster Vatter / nimmermehr gedencke / daß ich zugeben werde / daß deine graue Haar sich vor mir bucken sollen / etwas bittweiß zu begehrn / wann ich anderer Gestalt dein Anligen / und wie dir zu helffen sey / errathen kan; Und solte ich gleich den Thron der Assirier besitzen; So werde ich doch / als ein getreues Kind / deines Alters Trost verbleiben / so lang mir GOtt die Ehr und Gnad verleyhet / dich auf dieser Welt zu bedienen.

Nach vielen dergleichen Gesprächen / hat Jacob den Joseph gesegnet / ihme GOtt befohlen / und zu der künfftigen Würdigkeit / als wann er sie schon vor Augen sehe / alles Glück und Heyl hertzlich angewünscht; auch auf sein bittliches Begehren unterrichtet / wie er einen jeden Traum / der etwas bedeute / leichtlich auslegen könne; Welche Kunst er dann / wegen seines klugen Verstands und hierzu geneigten angebornen guten Art / nicht allein mit geringer Mühe gleich begriffen / sondern auch nachgehends / durch sonderbare göttliche Gnad und sein eigenes scharpffes Nachsinnen / so weit gebracht / daß in gantz Egypten / auch unter den Allerweisesten / keiner seines gleichen zu finden gewesen / wiewohl dieselbe Nation ein sonderbare Profession aus dieser Wissenschaft gemacht / und sich mehr / als die Chald æer oder einige andere Völcker in der Wert / darin geübet.

Der spate Abend kam diesen beyden viel früher / als sonsten / weil ihnen ihr liebreich Gespräch den Tag so unvermerckt gekürtzt hatte; Sie wären auch der dunckelen Nacht selbst noch nicht gewahr worden / wann Lia nicht zu ihnen getretten wär / anzeigende / daß die Söhn mit dem Viehe noch nicht ankommen / diese fragte zugleich / ob sie nicht wüsten / warum sie wider ihre Gewonheit so spat ausblieben? Oder wohin sie sich doch mit der Herd begeben haben möchten; Weilen aber keiner von ihnen beyden / weder die Ursach ihres Ausbleibens / noch den Ort / da sie sich befinden möchten / aussinnen können; haben sie die Nacht / an statt des Schlaffs / mit Unruhe und Sorgen eben so betrübt zugebracht / als ergötzlich ihnen der verstrichene Tag gefallen.

Den folgenden Morgen vermehrte sich diese Traurigkeit im gantzen Hauß / je eine Sohnsfrau fragte die andere / ob sie nicht beym Abschied ihres Manns vernommen / wohin sie sich miteinander zu verfügen gewillt gewesen! Keine unter allen aber konte Nachricht geben / als Rubens Liebste / dann diese sagte / ihr Haußwirth hätte sich ohnlängst vernehmen lassen / daß er in der Sichemiter Gegend ein solche hertzliche Waid angetroffen / daß immer Schad seye / wann man dieselbe ohnnützlich verderben liesse / hielte also davor / daß ihre Männer sich ohn Zweiffel dort herum aufhalten müsten / vornemlich / weil sie den Kern des besten Viehes bey sich hatten.

Der bekümmerte Jacob / ermaß die Nähe des Wegs / und erkannte ohnschwer / daß seine Söhn / wann sie gleichwol dort geweidet hätten / wol widerum daheim seyn können / dann er dazumal zu Sicima / welches die Hebreer Suchoth nennen / gewohnet / von welchem Ort es einen nicht so gar fernen Weg nach Sichem hat.

Darauf hin haben ihm nicht weniger sein eigene Sorgen / als sein und seiner Söhne Weiber / und deren jungen Kinder unauffhörlich Weheklagen inständig eingerathen / daß er hinschicken und erkundigen lassen solte / ob sie vielleicht durch die Arabische Räuber angegriffen und weggeführt worden / oder ob ihnen sonst ein ander Unglück begegnet wäre; Josepho dem Klugen / und zwar damals nur sibenzehen jährigen Jüngling / wurde diese Verrichtung aufgetragen; Und damit er desto eilender ein gute Bottschafft zuruck bringen: oder / wann vielleicht Gefahr vorhanden / desto geschwinder entfliehen könte / würde ihm seines Vattern bester und schnellester Läuffer / von Persischer Art / den er aus Mesopotamia mit sich gebracht hatte / untergeben / auf welchem er / mit dem Segen Jacobs versehen / der Herde Spur nachstriche / seine geliebte Brüder zu suchen; Welche er auch gegen Vesperzeit mit samt der Herd ehender / und zwar in so gutem Stand angetroffen / als ihn zuvor seine all zu grosse Sorg und vor sie habende Bekümmernuß glauben lassen; massen ihn solcher gewünschte Anblick hertzlicher erfreuete / als wann er jetzo die propheceyte Herrlichkeit hätt antretten sollen.

Seine Brüder hingegen / da sie ihn von weitem sahen / sprachen untereinander; Ach schauet: Dort kommt unser Printz! Wolan / legt euch nider und erfüllet seine Träum; Sehet doch um GOttes willen / der Juncker Träumer hat sich auf unsers Vattern bestes Pferd gesetzt / damit er unser Ehrerbietung desto Majestätischer empfahen möchte! Ey warum sitzen wir doch nicht alle auf unseren Schindmerren / damit sie sich / gleich wie die Garben in seiner Phantasey gethan / vor dem seinigen neigen: Und wir zugleich diesen gewaltigen Kerl mit anbeten möchten! Zwar warum nicht? Denn diß ist der jenige gewaltige Wundermensch / dem Sonn und Mond zu Gefalen vom Himmel steigen / und sich zu seinen Füssen legen! Diß ist der grosse Herr / von dem Vatter und Mutter erzittern / weil sie nicht wissen / wie sie ihn genug ehren sollen! Ja der ists! Dem wir alle / samt unseren Kindern / als Sclaven / zu dienen vom Himmel zugeeignet seyn! Villeicht kommt er jetzt darumb in seinem bunden Rock so stattlich aufgebutzt / und so prächtig beritten daher / uns seinen leibeignen Knechten scharffe Befelch zu ertheilen / und zugleich die Pflicht des Gehorsams und schuldiger Unterthänigkeit von uns zu empfahen? Ja; (hencken sie ferner daran /) ehe wir dir zu Gebot stehen wollen / ehe soll dein bundter Fürsten=Rock / in welchem du gleichsam Königlich prangest / mit Blut besudelt: und dein stoltzer Leib von unsers Vattern Angesicht hinweg gerissen: und in den innersten Schlund der Erden verborgen werden; Und dieses sey der Ayd / den wir dir / an statt eines unterthänigen Gehorsams / wollen geschworen haben.

Sie haben auch solches zu halten sich hoch verpfändet / doch etliche nicht des Willens / solches ins Werck sezen zu helffen / sondern darum / dieweil sie von den Zornigsten hierzu gemüssiget wurden / vornemlich der dapffere Ruben / welcher auf alle Mittel und Weg gedachte / wie er dem Joseph das Leben erhalten: und ihn wieder zu seinem Vattern schaffen möchte; Hat ihnen derowegen gleich Anfangs gerathen / sie solten gar keine Hand an ihn legen / dann mit solchem Brudermord würden sie GOtt zum höchsten beleidigen / ihren alten Vatter auch zu todt kräncken / und ihnen selbst einen immerwehrenden nagenden Wurm ihres bösen Gewissens erwecken; Demnach aber weder ihre zornige Ohren ihn hören: noch ihre ergrimte Gemühter sich anders lencken lassen wolten / stellet er sich / als wäre er anders Sinns / und zwar ihrer Meinung worden / sagte derowegen: Jhr lieben Brüder / wann es ja nicht anders seyn soll / so müssen wir gleichwol auch mit der Sach behutsam umgehen / und sich nicht übereilen / dann ihn hier bey der Herd hinzurichten ist nit rathsam / weilen wir von unsern Knechten möchten verrathen werden; Lasset uns rathschlagen / was Todts und an welchem Ort er sterben soll; Mit nichten / sagten die andere / er muß auf der Stell dran / dann lassen wir diese Gelegenheit aus Handen / so wird die Verhängnus keine mehr so gut gönnen / sondern verschaffen / daß wir / als Gebundene / unter seinem Gewalt sitzen: und in harter Dienstbarkeit künfftig unseren saumseligen Verzug bereuen müssen.

Ruben / als er ihre Hartnäckigkeit und blutdurstige Entschliessung sahe / antwortet / mein Meinungs ist ja nicht / daß man weder ihn selbst noch diese Gelegenheit aus Handen gehen lassen; Sondern sich vor der That weißlich berahten solle; damit die Sach also klüglich angegriffen und vollendet werde / daß sie künfftig verschwiegen bleibe / und uns kein Schand oder Nachtheil bringen möge / dann ihr wisset all / daß eilen nie kein gut thät.

Eben damal kam Joseph zu ihnen geritten / er stig vom Pferd und neiget sich gantz ehrerbietiglich gegen ihnen / vermeldet zum allerersten des Vattern Gruß und Segen / folgends / wie bekümmert er ihrentwegen daheim sässe / weil er nicht wüste / wo sie wären / und ob es ihnen wol oder übel gienge; Hertzlich besorgende / es möchte ihnen villeicht ein Unglück begegnet seyn; Hätt ihn derowegen geschick / zuvernemen / &c.

Mit dem / und zwar / ehe er seine Red vollenden konte / packten sie ihn an / Simeon muste ihn binden und verwahren / weilen er der stärckste unter allen war; Sie aber tratten beyseits / vom Ruben ferner zu vernehmen / was er dann nun vermeinte / das jetzo weiters zu thun sey; Demselben war nichts höhers angelegen / als wie er den frommen Joseph davon bringen möchte / und muste doch besorgen / wann er von neuem vor dessen Leben reden würde / daß seiner Brüder grimmige Gemüther / (die einmal dem Joseph obgemeldeten Ayd geschworen / und ihn von der Kost zu thun festiglich beschlossen hatten /) auch mit einem neuen Muth entzündet werden dörffen / dardurch Joseph gleich im selben Augenblick von ihnen hätte getödtet werden können; Hat derowegen seine Red folgender Gestalt eingerichtet:

Hertzliebe Brüder / sagt er / wann die Söhne Jacobs ins künfftig ein Unglück treffen solte / so würde Ruben gewißlich nicht leer ausgehen! Wann die Kinder Israel zu Josephs Sclaven werden solten; So würden ich und die Meinige ohn Zweifel seiner Dienstbarkeit nicht entrinnen mögen / dann es heisset: gleiche Brüder / gleiche Kappen; Und solte es dahin kommen / was ihr besorget / und ihm unser Vatter selbst weissaget (ob ich zwar nichts auf närrische Träum halte) so wär ich wol thörecht / wann ich ein bessers hoffen würde / als mit euch über einen Kamm geschoren zu werden; Finde derowegen das beste Mittel zu seyn / daß wir ihn aus dem Weg raumen; uns selbsten Sicherheit vor ihm verschaffen / und also durch sein Verderben unserem eignen Unglück vorkommen; Ich werde keinem unter euch rahten / daß er ein gifftige Schlang im Busen auferziehe / damit sie ihn hernach erwürgen solle / weil jeder unter euch mein lieber Bruder ist! Warum wolte ich dann den gäntzlichen Untergang unser aller Freyheit hägen / wann ich Mittel und Gelegenheit sehe / uns samtlich solcher Gefahr zu entreissen; Daß ich aber gerahten habe / man soll kein Hand anlegen: solches ist noch mein Meinung! Aber man muß mich recht verstehen: Dann tödten wir ihn selbsten / so begehen wir ein Bruder=Mord mit eignen Händen / und wird das unschuldig Blut über uns gen Himmel schreyen; In dem wir aber der Gestalt unsern Vattern seines liebsten Kinds berauben / so nehmen wir ihme auch zugleich sein Leben / in dem wir ihn durch solche That in grosses Hertzenleyd: und durch solches Hertzenleyd sein Ehrwürdige graue Haar vorsetzlich und vor der Zeit in die Grube fördern / welche That auch bey den wildesten Völckern / die GOtt nicht kennen / verhasst: und uns und unsern Nachkömlingen ein ewige Schand seyn würde; Das allergreulichste aber ist diß / daß wir den jenigen verderben / den GOtt selbst liebt / und ihne allen Segen und so grosse Hochheit versprochen; Und zwar / so thäten wir solches uns einer gar bösen Ursach / (welches noch abscheulicher und sträfflicher wäre /) nemlich aus blossen Neid und Haß / welche Laster GOtt mißfallen / ja über diß / wäre solche Sünd grösser als der Todschlag Kains / weil wir uns seine erschröckliche Straff kein Exempel seyn lassen! Wie meinet ihr wol / hertzallerliebste Brüder / wann wir ihm eigenhändig das Leben genommen haben werden / welches wir ihm nimmermehr wieder zu geben vermögen / wie hänckermässig uns hernach unsere eigne Gewissen martern und peinigen würden / wann schon der grundgütige GOtt selbsten stillschwiege / und um unserer Vätter Frömkeit willen übersehe? (Ruben sage wol / daß er keinen von seinen Brüdern hiermit bewegte / dann sie sahen alle stürmisch und mörderisch aus / grißgramten / und bissen die Zähn aufeinander / mit grosser Ungedult; Derowegen lencket er seine Red auf folgenden Schlag hinaus:) Dieses alles / liebe Brüder / bring ich nicht darum vor euere Ohren / daß ihr den Joseph mir und euch zum Herrn behalten sollet; Sondern deßwegen: Damit wir / so wol ausser seiner Herrschafft und Dienstbarkeit / nach unserer Altvätter Herkommen / in Freyheit leben: Als auch unsere Händ von seinem unschuldigen Blut rein und unbefleckt halten mögen / und in alle Weg uns weißlich vorsehen sollen / damit wir unsere Handlungen vor GOtt und der gantzen Erbarn Welt / wo nicht verantworten / doch wenigst beschönen können; Was Rahts dann nun / hertzliebste Brüder? Wir haben einmal ein Ayd geschworen zu seinem Verderben / der muß gehalten seyn / so lieb uns der jenige GOtt ist / der unserem Beginnen den heutigen gantzen Tag zusihet / auch zuvor unsere Gedancken wuste / ehe dieselbe in unsere Hertzen gestigen / solche auch samt der That zu seiner Zeit richten wird! Wolan dann nun / liebe Brüder; Welche Tiger=Art hat Jacob geboren / dem liebsten Sohn Israelis den ersten tödtlichen Streich zu geben? Nein: Nein: daß sey ferne / daß wir sich an GOtt / an unserm Vatter und an unserem Bruder dergestalt vergriffen! Ich weiß ein bessern Raht / den Joseph an Ort und End zu bringen / daß er seines Vattern Angesicht nimmermehr sehen: und jedoch unserm Ayd genug geschehen solle; Zabulon / du weist die Wolffsgrube / so wir dieser Tagen hier nechst im Wald miteinander gefunden haben / in dieselbe wollen wir ihn stecken / so ist er schon / unserem Ayd gemeß / im Abgrund der Erden verborgen / darinnen wollen wir ihn andere Vätter / Mütter und Brüder suchen lassen / die ihn Ehren und anbeten mögen / so lang sie wollen / oder biß er selbst in solcher Herrlichkeit verreckt; Gefällt euch dann dieser Vorschlag nicht / so will ich ihn in eine solche ferne Wildnuß führen / da er entweder den Räubern oder den Wilden Thieren zu theil werden muß: So bleiben unsere Hände seines Todes halber unschuldig.


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