Grimmelshausen
Der keusche Joseph
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Deß keuschen Josephs in Egypten Lebens=Beschreibung.

GLeich wie der Apffel nicht weit vom Stamm fällt / also schlägt kein Zweig aus seiner Art! Niemalen hat eine Taube einen Raben geboren / noch ein Nachteul eine Nachtigall gehägt / ob zwar beyde von der Nacht ihren Namen herführen; Der Sara seltene Schönheit war so berühmt und vortrefflich / daß sich auch Könige: Nemlich der mächtige Pharao in Egypten und Abimelech der zu Gerara in Palestina darinn vernarreten! Wo hätte dann ein häßliches Ur=Encklein von ihr herkommen können? Vornemlich aus einer solchen Mutter wie Rahel gewesen / um welcher himmlischen Schönheit wegen / Jacob gantze vierzehen Jährige: ob zwar freywillige / jedoch sehr beschwerliche Dienstbarkeit gedultet; Warum aber das Geschlecht Thare (welcher Abrahams Vatter gewesen / und von den Arabern Assar genennt wird /) allein vor allen andern Menschen so damalen gelebt / mit so verwunderlicher Schönheit begabt gewesen / davon sagen die Araber / Perser / und der Chaldeer Naturkündiger neben ihren Geschicht=Büchern dieses; Daß obgemeldeter Thara oder Asar ein überaus künstlicher Bildhauer: Und deswegen bey dem grossen Nimbrod in Diensten sehr beliebt / und zugleich seiner Götzen Tempelwarter oder Pfleger gewest seye; Der hatte so vollkommene schöne Bilder verfertigt und unter Handen gehabt / daß sich viel die sie nur angesehen / im ersten Anblick darein verliebt: und weilen dessen Hausfrau / Abrahams Mutter (aus welchen Geschlecht auch Sara / Rebecca und Rahel entsprossen /) diese Bilder stetig vor Augen gesehen / seyen durch ihre hefftige Einbildungen alle ihre Kinder denselben an der Gestalt ähnlich worden; Welche geraubte Schönheit ihrem Geschlecht bis ins vierdte Glied (ob es zwar auff der Liæ Seiten zeitlicher verhimpelt worden) angeklebt; Unter allen aber seye Joseph der Sohn Jacobs der Kern und Ausbund darvon: Und zwar so unaussprechlich schön gewesen / daß seine Schönheit auch die höchste Schönheit eines jeden Engels übertroffen; Solches nun ist der Araber / Perser und Mesopotamier Meinung von Josephs Schönheit; Er wird auch darvor gehalten / daß die Götzen Labans so durch die Rahel wegen ihrer Raritet und sonderbahren Schönheit ihrem Vatter gestohlen: Und nachmals durch den Jacob bey Sichem unter eine Aich begraben worden / ein sonderbares Kunst= und Meisterstuck des Asars: Und die gröste Ursach beydes der Rahel und des Josephs Schönheit gewesen seyen / weil Josephs und der Rahel Mutter dieselbe geliebt: und im Anbeten solche stetigs vor Augen gehabt haben.

Aber über diese hohe Gabe der Schönheit / hat Gott den Joseph noch weit reichlicher gesegnet; So / daß man ihn wegen seiner Vortrefflichkeit wol den Edelsten König: und wegen seiner Schönheit daß er in dem herrlichsten Pallast wohnete / vergleichen mögen; Er hatte vollkommene Schönheit von der Mutter / und eben so viel Verstand von seinem Vatter auff sich geerbt; Welcher in seinen blühenden Frühlings=Jahren anzeigte was er vor Früchte bringen würde; Ja sein Verstand war damalen bereits so hoch / scharf und fähig; Sein Gedächtnis so gut und starck: und sein Kopff etwas geschwind zu begreiffen / so fertig? Daß schwerlich ein Urtheil zufällen / ob diese seine innerliche Gaben? oder die äuserliche Gestalt seines Leibs am verwunderlichsten zu schätzen? Dahero hat er gleich in seiner Jugend erlernet und gefasst / was seinen Altvättern in ihrem Mannlichen Alter zubegreiffen schwer gefallen / er gründet allen natürlichen Dingen nach / und kam in kürtze so weit / daß man ihn billich ein Vorbild des weisen Salomonis nennen mag; Er war ein guter Astronomus und Mathematicus, und verstunde die Magia oder vielmehr die Philosophia naturalis vollkommen neben dem Ackerbau. Der Menschen und Thier Eigenschafften wuste er / und konte derselben Gebrechen durch Artzneymittel leichtlich wenden / wie dann auch seine Brüder von dergleichen Wissenschafften bey ihnen höreten täglich Philosophirten / aber ihme allesamen bey weitem das Wasser nicht reichen konten / wie wol er deren eilff hatte.

Darbey ware er sehr demütig / fromb / auffrichtig / redsprechig / freundlich und holdseliger Geberden / von den Lastern wuste er so gar nichts / daß er auch ihre Namen nicht verstunde; Und ob zwar damal noch kein geschriebene Gesetz vorhanden / darnach jeder zu leben hätte ; so war er doch vom gütigen Himmel so erschaffen: Und durch das Gesetz der Natur also unterwiesen / daß er nichts anders als Tugend würckte; In solchem Stand beflisse er sich wie er seinem Vatter wol bedienen: Ihm vor Zorn und Sorg seyn: Und dessen Haab vermehren helffen möchte / wordurch er den erwarb / daß ihn Jacob desto hertzlicher liebte / ihne auch / weil sich die Lieb nicht verbergen lässt / mit einem schönen bundgestickten Rock verehrte; Er liesse ihn ungern aus dem Gesicht / weil er seiner abgestorbenen Mutter der unvergleichlichen Rahel / die Jacob so inniglich geliebt / im Angesicht zwar etwas andet; an der Schönheit selbst / sie aber hundertfältig übertraff. Gleich wie nun dem alten Patriarchen das Hertz im Leib vor Freud und Lieb aufhupffte / wann er seinen Joseph vor ihm sahe; Also lieff hingegen der Lia die Gall über / wann sie ihn nur erblickte; keiner andern Ursachen halber / als darum / weil keiner von ihren Söhnen beym Vatter so schätzbar war.

Endlich erbte solcher stieffmütterliche Neid auch auff seine Stieffbrüder / so daß seine vollkommene Tugenden und Schönheit nichts anders als einen getreuen liebreichen Vatter; Und hingegen an der Lia und seinen zehen Brüdern eilff abgesagte Feind zuwege brachten / welches er doch niemalen gemerckt / weil er sich eingebildet / es sey ein jedes so Edel und auffrichtig geartet / wie er selbsten. Je mehr aber seine Tugenden von seinen mißgönstigen Brüdern beneidet wurden / umb so viel desto mehr wurden solche hingegen nicht allein von seinem Vatter sondern auch von GOtt selbst zum höchsten beliebt; Dann der Himmel offenbahrte ihm im Traum / was vor ein Glücks er sich zu deroselben Belohnung vor seinen Brüdern ins künfftig zugetrösten hätte; Wordurch er zugleich Anlaß bekam / den Auslegungen der Träum obzuligen / deren Bedeutungen nachzusinnen / und was ihm daran noch abgieng / von seinem Vatter zu lernen; Sein erster Traum den er seinen Vatter in Gegenwart seiner Brüder (zwar mehr von Kurtzweil und Wunderswegen / daß einem so seltzame Ding im Schlaff vorkommen / als daß es ihm was sonderlichs bedeuten solte /) erzehlte / war dieses.

Mit träumte (sagte er:) Als ich neulich mit meinen Brüdern in der Ernd war / und neben ihnen meine Nachtruhe hielte / es hätten sich meiner Brüder Garben vor den meinigen die auffrecht gestanden / von sich selbst zur Erden geneigt und niedergeworffen / gleichsamb als ob sie die Meinige anbeteten; Dieses bedeutet dir / antwortet Jacob / daß du der beste unter deinen Brüdern seyest / und in angefangenen Tugenden standhafftig verharren werdest / weil deine Garben auch auffrichtig stehen blieben / daß deiner Brüder Garben aber nidergefallen / und die deinige angebetet / bedeut ihnen nichts anders / als daß sie erstlich vom Tugendweeg abweichen: Eine unverantwortliche That begehen: Und alsdann in ihrem höchsten Kummer dich in deinem Glück und Wolstand um Hülff und Gnad anflehen werden; Hierüber wurden die Brüder Josephs viel unwilliger / als über den Rock den ihn der Vatter hiebevor hat machen lassen; Und als sie in Abwesenheit Josephs und ihres Vattern über diesen Traum und seine Auslegung murreten / und ihre neidige Gemühter noch mehr untereinander zu ärgerer Verbitterung wider den unschuldigen Joseph verhetzten; Sagte Judas (welches ein tapfferer / verständiger / und mit allerhand Tugenden wolbegabter Mann: Auch dem Joseph nicht so gar verbost abhold war) zu den übrigen / es seye ein grosse Thorheit an Träum glauben / weniger sich ihrentwegen entweder zu bekümmern oder zu erfreuen; Joseph hätte halt umb selbige Zeit helffen einerndten / und wormit er des Tags umgangen / das seye ihm des Nachts im Schlaff vorkommen; Daß nun der Vatter ein Prophezeihung daraus mache / da müsse man ihn reden lassen / sein Alter ehren und ihm zugeben.

Ruben antwortet hierauff / es pflege ihm selbsten dergleichen zu widerfahren wie dem Joseph; Dann als er erst kürtzlich zu Sichem gewesen / die Waid zu besichtigen / hätte ihm geträumt als wann ihm etliche Füchs und Leoparten das beste Lamm aus seines Vatters Heerd alldorten hinweg genommen / und in die Wildnuß geführt / er hätte sich zwar gewaltig widersetzt und doch nichts erhalten mögen; Als er aber durch die Wildnuß kommen / hätte er ohngefähr dasselbe Lamb wider angetroffen / aber nicht mehr gekannt / dieweil es gantz güldene Woll getragen / ihn hätte gedeucht / daß er selbsten ein gut Kleid von solcher Woll bekommen; solte er nun aus dergleichen Possen ein künfftiges schliessen / so müste er gestehen / daß er billich vor ein Thoren zu halten seye; sintemal er sich wol einbilden könne / daß ihm dieser Traum nicht vorkommen seyn möchte / wann er selbige Täg nicht vor die Heerd gesorgt / und seine Zeit anderswo als auff derselben Waid zugebracht hätte; Und eben also wäre es auch mit Josephs Traum beschaffen. Träume / sagte er weiter / erfreuen die Unverständige / und erschrecken die jenige so sich förchten; die allermeiste geschehen vergeblich / und alle ihre Auslegungen seynd ungewiß und betrüglich; wessentwegen dann ihre Ausleger Conjectatores, das ist: Rähter genannt werden.

Aser / Gad / Nephtalin und Dann / widersprachen diesen Beyden / und sagten / wann schon die Träum nichtig und ohne Bedeutung seynd / so wird jedoch ein als den andern weg der Juncker Joseph vom Vatter uns allen vorgezogen / und sein einige Person von ihm mehr geliebt / als wir alle miteinander / welches uns zu höchstem Schimpff gereicht; endlich gieng ihre Versamlung voneinander / ein jeder zwar mit unruhigem Hertzen; Der eine liesse es bey dem alten Groll / Neid und Mißgunst verbleiben / der ander aber / sonderlich der Mägd Söhne / wurden verbitterter.

Als aber die Ernd ein End hatte / und Jacob sein gantzes Haus durch ein herrlich Mahlzeit / die man bey und die Erndganß nennet / nach gehabter Arbeit ergetzet / und sich darbey sehr frölich erzeigt / erzehlet ihm Joseph / welcher sich ehender des Himmels Fall als seiner Brüder Neid versehen hätte / widerum einen andern Traum / den er dieselbe Nacht gehabt / nemblich daß Sonn / Mond und eilff Sterne sich vom Himmel gelassen: vor seinen Füssen gedemütiget: und ihne angebetet hätten / der alte Jacob sagte hierauff / diser Traum bedeutet dir weit ein grössers als der vorige / dann sihe / es wird die Zeit kommen / daß du nicht allein über deine Brüder erhöhet / sondern auch von Vatter und Mutter selbst geehrt / und gleichsam angebetet wirst werden; Mich zwar (hängt er ferner daran) wird höchlich erfreuen / wann ich die Ehre habe / dich in solchem glückseligen Stand zu sehen / und wolte GOtt daß diese seine Göttliche Vorsehung nur bald ins Werck gesetzt würde / dieweil ich gewiß weiß / daß solches eigentlich geschehen wird; Um wie viel sich nun Jacob wegen Josephs künfftiger Hochheit erfreuet / um so viel desto hefftiger betrübten sich hingegen seine andere Kinder; Ja ihre ohne das genugsam vergallte Gemühter wurden so erbost / daß ihnen weder Essen noch Trincken schmeckte / sondern sie stunden nach und nach von der Tafel auff und verfügten sich in ihre Hütten.

Jacob vermuthe wol aus ihren Unwillen was die Glock geschlagen / und daß sie seinen liebsten Sohn solch herrlich Glück mißgönneten; Doch konnt er schwerlich glauben / daß die Person Josephs von einigem Menschen in der Welt / geschweige von seinen leiblichen Brüdern mit einem solchen Haß und Neid angefochten werden könte / wie sie schon gegen ihm gefasst hatten; Joseph aber der keinem Frembden / geschweige seinen Brüdern etwas Böses zutrauete / hielte davor / daß sie deswegen so frühre Feyrabend gemacht / damit sie am Morgen desto früher sich mit dem Viehe auf die Waid begeben möchten.

Die zehen Brüder schieden den Morgen von dannen / ohne daß einiger seinen Unmuht im geringsten hätte blicken lassen / sie beschirmten ihrer Gewonheit nach den Vatter / empfiengen seinen Segen und befohlen dem Joseph seiner wol zu pflegen; Aber so bald die sich allein draussen auff dem Feld befanden / erhub sich ihre Klag! Ach! sagte Gad / sollen wir dann erleben daß wir unsers Brudern Sclaven werden müssen? Ha! antwortet Asar / sihest du dann nicht / daß wirs allbereit seyn? Sitzt er nicht schon daheim beym Vatter zu Junckern / als wann er Perlen schwitzen und Gold hofieren werden? Wird er nicht schon gehalten wie der gröste Printz von der Welt? Was mangelt / daß sein eiteler Traum noch nicht erfüllt seye? Er hat ihn vielleicht darum erdichtet und erzehlet / damit wir auch wissen wie er von uns geehrt seyn wolle; Freylich meldet der Dann / ist sein Traum schon erfüllt worden / es wird ja keiner unter euch allen so alber seyn / der nicht in acht genommen habe / was massen ihn unser Vatter bereits vor längst in seinem Hertzen mehr geehrt und angebetet / als sonst etwas in der Welt! Nephtalin bracht seine Wahr auch zu Marckt / und sagte: Was gilts / wo ihn nicht unser Vatter zu seinem einigen Erben erklärt und uns ausstöst / oder mit unsern Kindern gar zu Josephs Sclaven macht / damit des Junckern Traum wahr werde. Judas antwortet ihm / er solte ein bessers vom Vatter gedencken / sie wären alle so wol als Joseph aus seinen Lenden geboren / er würde als ein ehrlicher auffrechter Mann ein solche Ungerechtigkeit an seinem eignem Geblüt nicht verüben / noch ihm zur ewigen Schand in der Gruben nachsagen lassen; Er hätte Theils seiner Kinder selbst vor Bastarte gehalten und aus der Erbschaft verstossen. Wer weiß? antwortet Dan / was geschiehet? haben wir nicht Exempel genug am Ismael / dem gleiches widerfahren? Dergleichen Streich seynd nichts neues bey unserm Geschlecht und Vorvättern gewesen; Ob nun zwar Ruben der Aeltiste und Beredteste unter ihnen vorgewendet / daß jenes aus Willen und Antrieb der Sar æ geschehen; Die Rahel Josephs Mutter wäre hingegen todt / die ihrige aber noch alle im Leben / die den Vatter wol anders bereden würden; Benebens auch die Bedeut= und Auslegung der Träume hönisch genug verlacht / ihre Gemühter anders zu biegen / so hat er doch nichts ausgerichtet / sintemal diese vier Mägd Söhne die übrige überschryen; Mit Vorgeben / es sey ja bekannt genug / wie ihr Vatter mit ihrem Groß=Vatter und seinem leiblichen Bruder gehandelt / in dem er beyde betrogen / und den Vätterlichen Segen der einem andern von Rechts wegen gebührt / zusamt den Recht der ersten Geburt auf sich selbst gewendet; Dörffte nun ein Kind sich kein Gewissen machen / mit seinem Vattern und Bruder so zu spielen / so würde es sich auch nicht scheuen / ins künfftig seine eigene Kinder mit gleicher Müntz zubezahlen / man wuste wol / was Gestalt er den Laban seinen Schwer / der ihm doch so viel Guts erwiesen / berückt / als er ihme dessen meiste Haab durch seine bunde Stäb ein gantz unlöbliches: Ja gleichsam Diebisches Mittel gantz vortelhäfftig abgezwackt; Was sie wol vermeinten daß Joseph anders daheim thue / und stetig bey dem Vatter zu sitzen habe / als dergleichen Stück zu lernen / dardurch er sie künftig beydes umb ihre Freyheit und ihr Erbtheil bringen möge; So sie zwar nicht dem Vatter zur Schand: Sondern sich zur Vorsichtigkeit auffzumuntern gemeldet haben wolten; Was gilts / wann wir heim kommen / und nicht anders zur Sachen thun / wo nicht dem Joseph endlich auch träumt / wie er 11. Stern auffsetze und mit Sonn und Mon darnach kugele.


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