Grimmelshausen
Der keusche Joseph
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DEmnach Gott der Allmächtige nunmehr den Joseph durch die 7. fette und 7. theure Jahr und des Aegyptischen Pharaonis Königliche Gnad groß gemacht / dieser aber auch seinen getreuen Musai zwar dergestalt bereichert / daß er / wie ein kleiner Herr / in Ruhe leben: oder wie man bey uns Teutschen sagt / mit einem schmutzigen Maul zum Fenster hinaus sehen konte; So unterliesse er gleichwol nicht / die Erkandtnuß seiner Schuldigkeit um empfangene Gnad und Gutthaten gegen seinem gewesenen Herrn danckbarlich zubezeugen; dann gleich wie Joseph nicht aufhörete / noch immerfort bey dem König der näheste zu seyn / also hörete Musai nit auf / dem Joseph täglich aufzuwarten / und dessen Angehörige unabläßlich zu bedienen.

Einsmals als die Aegyptier im Anfang des Julii der grossen Göttin Isis (die auch Jo oder Ceres genannt wird) zu Ehren das lustige Fest der Blumen / Blühte / Baumfrüchte und Erdgewächse / mit grosser Solennität und Freud begiengen / an welchem Joseph / des Lands Gewonheit nach / neben andern grossen Fürsten / bey des Königs Person seine Zeit zuzubringen / und dem Fest beyzuwohnen hatte; liesse Asaneth dem Musai befehlen / daß er sich mit samt seinen beyden Weibern und deren Kindern zu ihr und ihren beyden Söhnen in dero Lustgarten begeben: und obbemeltes Fest celebriren helffen sollte; Solches war aber nur ein Vorwand / ihre Heucheley (die damals weder vor eine Verletzerin der Gewissen oder vor eine Schand gehalten wurde) darunter zu verbergen; dann so wol Asaneth als Musai vom einigen und warhafften GOtt so viel Bericht aus Josephs Mund empfangen / daß sie kein grössere Andacht zu besagter erdichteten Göttin trugen / als Joseph selbsten; Jhr Meynung gieng dahin / sich vielmehr denselben Tag auf eine andere Art zu erfreuen / und dem wahren Gott zu dancken / daß er sie durch ihres Josephs Unterricht aus solchem aberglaubigen Irrsall und Thorheit gerissen / und zu seiner Erkandnuß gebracht hatte.

Musai stellte sich mit den Seinigen ein / und halff den Imbiß bey einem Brunnen im anmuthigen Schatten etlicher lustiger Bäume geniessen / die zu solchem Ende dorthin geflantzt waren; Unter welchem Asaneth anfieng und sagte: Mein Musai! um wieviel vergnügter leben wir nunmehr uns selbsten und dem ewigen GOtt / von dem wir wissen und glauben / daß er uns ihme zu Ehren und Wolgefallen also zu leben erschaffen hat? Gnädige Frau! antwortet Musai / ich bin schon manchmal in Betrachtung dieser Sach so lang gestanden / als wann ich hätte einwurtzeln wollen / und wann ich mich allerdings müd nachgesonnen hatte / so war endlich mein Schluß / ich wäre allein dieser mitgetheilten Wissenschaft wegen ihrem liebsten Eheherrn mehr obligirt / als wann er mich reicher / als den Pharaonen selbst gemacht hätte; zuletzt geriethe ich in nicht geringe Verwunderung / wann ich bedachte / wie liederlich sich die albere Menschen von dem waaren GOtt / den anfänglich ihre Voreltern ohne Zweiffel erkandt haben / abführen: und hingegen so kindische Possen zu glauben bereden lassen! Könte einem auch etwas ungereimters träumen / als wann man sihet / daß vernünfftige Menschen ein unvernüfftig Thier / wie der Aegyptische Apis ist / anbeten / und ihm göttliche Ehr bezeugen? Ich mögte doch wol wissen / durch was vor eine Begebenheit die sonst kluge Aegyptier zu dieser Thorheit bezaubert worden? Asaneth antwortete / das wil ich dir erzählen / wie mirs etwan hiebevor mein Herr Vatter erzählet hat: Apis, der auch Osiris genannt worden / war einer von den ältisten und löblichsten Königen unsers Landes / er wurde zu Nysa in dem fruchtbaren Arabia geboren und erzogen / und nachdem er seine Schwester Isidem zum Weib genommen / und dieses Reich in seinen Besitz gebracht / hat er nicht allein seinem Aegypten und seinen Unterthanen; sondern auch der gantzen Welt und allen Menschen viel Guts gethan: dann als zu seinen Zeiten die Menschen an etlichen Orten aus Mangel andere Nahrung des genügsamen zahmen Viehes / oder daß sie sich nur mit Aeichlen und dergleichen wilden Baumfrüchten nit behelffen konten oder wolten / einander selbst aufzufressen gewohnet waren / hat er solches verhütet und abgebracht / indem er den Ackerbau / wie auch den Weinstock / und wie er gepflantzt werden soll / erfunden / und die Menschen gelehret; zu solchem Ende und nit Kriegs halber ist er auch die gantze Welt mit einem Kriegsheer durchzogen / nachdem er zuvor seiner Gemahlin Isidi die Regierung seines Reichs übergeben / und ihr den allerklügsten Mercurium, der die Schreib= Leß= Sing= Rechen= und Stern=Kunst erfunden / zum Rath; seinen Vettern Herculem aber zum Feld=Obristen zu geben: und Busirim über seine Länder am Meer: Antæum aber über Lybier und Moren zu Verwesern gesetzt hatte.

Bey sich selbst behielte er zum Gefährten Apollinem seinen Bruder / Anubim und Macedonem, zween tapffere Soldaten; Maronem den Weingärtner und Triptolemum den Ackerbaur; so hatte er neben andern Musicanten auch bey sich die neun Jungfrauen samt ihrem Vorsteher Apollo, welche Dirne von den Griechen Musæ genennt worden / als die in Gesang / Seitenspiel und andern Künsten / wol geübt und erfahren waren; Er thät ein Gelübd / seine Haar nicht abnehmen zu lassen / biß er wieder in Aegypten gelange / welchen Gebrauch unsere reisenden Männer ihm zu Ehren noch behalten; solcher Gestalt hatte er seine Reise durch Æthiopiam: von dannen am rothen Meer her / durch Arabiam in Indiam genommen / und unterwegs die Einwohner aller Orten das Getraid zu bauen / und den Weinstock zu pflantzen unterrichtet / wo aber das Land selbst oder dessen Einwohner nicht bequem waren / den Weinstock zu pflantzen / hatte er sie das zythus (Bier) lernen machen / und folgends seinen Weg aus Arabia und India durch die übrige Länder Asiæ an den Hellespontum genommen / worüber er in Europam geruckt / und in Thracia den König Lycurgum / der seinem löblichen Beginnen widerstanden / erschlagen: hingegen daselbst seinen Maronem hinterlassen / die gepflantzte Sachen zu beobachten; wie er dann auch zu solchem Ende Macedonem in Macedoniam, davon dasselbige Land seinen Namen bekommen / und Triptolemum in Atticam gesetzt; In Hispania hatte er Geryonem den Tyrannen daselbst in einer Schlacht überwunden und erschlagen / dessen drey Söhne in guten Künsten unterrichten und aufziehen lassen / und ihnen die Verwaltung ihres vätterlichen Reichs / als sie zu ihren Tagen kommen / wiederum übergeben / und also hat Osiris sich um alle Menschen wohl verdient gemacht / ist auch an mehrentheils Orten nicht anders / als ein Gott / aufgenommen und empfangen worden / und zuletzt mit vielen Geschencken wieder glücklich in Aegypten angelangt. Die junge Geryones in Hispania hingegen / gedachten mehr / ihres Vatters Tod zu rächen / als an die Gutthaten Osiridis, massen sie dessen Bruder Typhonem durch grosse Geschencke und Verheissungen bewögt / daß er mit Hülff 25. Mitgesellen Osiridem erschlug. Und damit er sie solcher Ubelthat und der Forcht gebührender Straff mit theilhafftig machte / und sich also ihres Beystandes versicherte / hat er den todten Cörper in 26. Stück zerschnitten / und jedem von seinen Mordgesellen eins mitgetheilt.

Aber Isis verfolgte die Mörder mit Hülff ihres Sohns Hori, der sonst der Aegyptische Hercules genannt wird / und als sie Typhonem samt seinen Gesellen erschlagen lassen / und die Stücke von ihres Manns Cörper wieder bekommen / hat sie von Wachs und Spezerey so viel Bilder in des Osiridi Gröse verfertigt / als sie Stücker von dessen Cörper hatte / und in deren jedes ein Stück von ihres Mannes Leib verschlossen; und demnach sie dessen Begräbnis unbekand / und also ihn selbst vor einen GOtt gehalten haben wolte; hat sie Priester geordnet / und einen Ayd von ihnen genommen / daß sie das jenige / so ihnen anvertrauen würde / niemand offenbaren wolten; nachgehends aber einen jeden absonderlich überredet / daß bei ihm allein des Königs Cörper zu begraben niedergesetzt worden wäre / welchen er an seinem Ort begraben; Osiridem aber in Bedenckung seiner grossen Wolthaten / die er den Menschen erwiesen / mit göttlicher Ehre zieren: und ihm einige Thier heiligen / und solchen auch / so lang sie lebten / und nach ihrem Tod / göttliche Ehr / wie dem Osiridi selbsten anthun solten.

Damit nun die Priester hierzu desto geflissener wären / gab sie ihnen allerdings den dritten Theil von des Lands Nutzungen zu ihrem Unterhalt / auf welche fette Vermächtnis und fundation, welche nicht zu verschmähen war / die Priester zween Stier dem Osiridi geheiliget / welche / wie du sihest / von unserm Volck Apis und Neruis genannt / und vor Götter gehalten und geehret werden. Damahls wurde auch bey Lebens Straff verbotten / und solches Gebot wird auch noch festiglich gehalten / Osiris sey ein Mensch gewesen; Solches Stillschweigens halber wirst du auch in jedem Tempel / da Osiris geehrt wird / das Bild oder den Abgott Harpocratem finden / welches den Finger auf die Lippen legt. Es hat auch diese Isis ein garstig Bild des vom Typhone nach beschehener Zerstückung ihres Manns in den Nilum hingeworffenen Glieds in den Tempel aufgehenckt / und ihm wie einem Gott Ehr zu beweisen angeordnet: von welchem schandlichen Gottesdienst mir / als einer ehrlichen Frauen / nicht zu reden gebührt / wann ich mich nicht der unseren thummen Blindheit darbey erinnerte / und durch solche Erinnerung desto stärcker angefrischt würde / den waren Gott um seine Erkantnus / und daß er mich aus solchem unflätigen Götzendienst errettet / desto hertzlicher zu dancken; und gleichwohl hat die Verehrung dieses garstigen Abgotts / wie eine böse unheilbare Seuche / um sich gefressen / so / daß sie auch zu den ausländischen Völckern gekrochen / welche ihn / wie ich höre / Priapum nennen. Und also / mein Musai! hat unsers Lands Gottesdienst einen Anfang genommen. Von der Isis selbsten wird gesagt und geglaubt / daß sie noch lebe / und in der Welt / als eine ohnsterbliche Göttin / herum ziehe / die Menschen / gleich wie ihr Mann gethan habe / das Ackern / Mahlen und Brodbachen zu lernen; wann dem also wäre / so müste sie albereit über 400. Jahr alt seyn.

Musai sagte / meine gnädige Princesse! wie wird es aber heutigs Tags mit diesem Apis gehalten / und wie ist es seyt des Osiridi Tod mit ihm gehalten worden / daß die Aegyptier den Betrug nicht mercken / oder ihre eigne Blindheit so gar nicht sehen können; Item, so hätte ich vermeinet / das Bild Harpocratis, weil es mit dem Finger auf dem Mund andeutet / daß man verschweigen solle / daß Osiris ein Mensch gewesen / würde vielmehr den Aegyptiern die Nichtigkeit der erdichten Gottheit Osiridis verrathen und offenbahren / als dessen Menschheit verhölen helffen.

Asaneth antwortet / was den Harpocratem anbelangt / haben unsere Priester dem Nachsinnen der klugen Aegyptier bereits vor längsten mit einer erfundenen Lügen vorgebogen / und das Volck überredet / Harpocrates seye von der Iside geboren worden / nach dem sie Osiris nach seiner Hinzuckung zu den Göttern widerum beschlaffen habe / und weil das Kind tod auf die Welt kommen / zeige das Bild mit seinem auf den Mund getruckten Finger an / daß es niemals nicht geredet; das erste von diesem Bild / nemlich / daß man die Menschheit Osiridis verschwiegen halten solle / wissen allein die Priester / das ander aber / von der Geburt Harpocratis, muß das Volck glauben; betreffent den Apim, ist der erste so genannte Stier gantz schwartz gewesen / ohne daß er fornen auf der Stirn einen weisen viereckten Flecken: in der Seiten einen dem gehörnten Mond gleich: und auf dem Rucken das Bild eines Adlers: auf der Zungen aber einen Knopff in Gestalt des Krebs: und zweyerley Haar im Schwantz gehabt; diesen beten die Unserigen an / und halten ihn vor dem höchsten Gott Osiridem, weil die Priester vorgeben / Isis hätte die von Typhone zerschnittene Glieder Osiridis in einen höltzernen Ochsen eingeschlossen / und denselben mit einer Ochsenhaut umgeben / welches Ochsenbildnus hernach die Seele Osiridis empfangen / und also zu einem lebendigen GOtt worden; Er stehet / wie du gesehen haben wirst / in seinem Tempel in einem schönen Saal / und der Ort / wo er ligt / wird Geheimnusweise das Brautbett: der Hoff vor seinem Saal aber / darinnen er zu Zeiten Spielens halber / und dann auch ihn den Fremden zu zeigen / der Stall der Mutter Apis genannt / wohin man ihm alle Jahr einmahl eine Kuhe zuführet / die gleiche Zeichen wie er haben muß; wann er dann nun seine Jahr erlebt / die ihm in den so genannten heiligen Büchern zu leben vorgeschrieben worden / so wird er von den Priestern in einen Brunnen ertränckt / und ein anderer mit gleichen Zeichen an seine Statt gesucht / welches aber nit ehender geschiehet / sie getrauen dann einen andern so gezeichneten wiederum zu finden / ihre Bücher mögen darzu sagen / was sie wollen; wann dann nun ein anderer gefunden wird / so frolocken beydes das Volck und die Priester / speisen ihn 40. Tag / setzen ihn in ein besonder Schiff / darin ein gantz vergultes Haus stehet / und führen ihn mit grossem Gepräng in seinen Tempel; festiglich glaubend / daß Osiridis Seele jederzeit in diesem Ochsen seye / und aus einem in den andern wandere / dahero bey vielen der Wahn entstanden / daß die Seelen der Verstorbenen aus einer Creatur in die ander gehe / wannenhero dann unsere aberglaubige Leute sich des Fleisch essens enthalten / weil sie sorgen / sie möchten vielleicht die Seelen ihrer Großältern zwischen den Zähnen zermahlen. Mit solchen Lügen und Fünden nun wird das Volck unterhalten / und dem Apis (welcher / so lang er lebt / Apis, nach seinem Tod aber / wann er im Tempel in einem Sarch beygesetzt worden / Serapis genannt wird) göttliche Ehr erwiesen. Er wird auch in wichtigen Sachen um Raht gefragt / und seine Antwort erkant / wann er eine fürgehaltene Handvoll Früchten entweder verwirfft / oder gantz oder halber hinweg frisst.

Diese Erzehlung der Asaneth vom Ochsen Apis und König Osiride wird beyläufig mit allen autoribus, so von ihnen geschrieben / übereinstimmen; es ist aber meines Davorhaltens dieser Osiris, der auch Apis, Bacchus, Dionysius, Pluto, Pana, Ammon, &c. genannt worden / kein anderer als Mizraim des Noe Enkel / Chams Sohn gewesen / welches bezeuget der schändliche Abgott Priapus, der von ihm seinen Ursprung genommen / als welchen die Einwohner in und um das jüdische Land herum Mizraim genennet haben; von Phaetonte seinen Bruder / der sonst in H. Schrift Phut genannt ist / wird gelesen / daß er im 1857sten Jahr vor Christi Geburt in Italiam kommen sey / eben als damahls von grosser Sommers=Hitz selbige Landschafft an dreyen Orten angangen / und in der Gegent Toscana, Viterbo, und Capua elend verbronnen; dessen Schwester und Gemahl Isis aber soll zu den Zeiten des Babylonier sibenzenden Königs Spareti um das 1556ste Jahr vor Christi Geburt auch in Italiam kommen seyn / eben als der Toscaner Jasius dasselbe Königreich erhalten / und mit der Cybele Hochzeit gehabt; welches wohl seyn kan / weil sie nach Art ihres Anherrn ein hohes Alter erreicht: und über 600. Jahr gelebt: auch bey nahe die gantze Welt durchzogen haben soll / die Völcker den Gebrauch des Korns zu unterrichten; Ihr Bruder Dardus aber hatte sich in Græcia nieder gelassen / und ebenmässig das fünffhunderte Jahr überlebt; sonst ist nit ohn / daß Satanas mit diesem Apis, gleich wie mit andern heidnischen Abgöttern / sein Spiel gehabt / dann er zu den Zeiten der Cleopatræ geweinet / geseuffzt / geheulet und geplerret / endlich aber / nach dem der Herr Christus vor Herode in Aegypten geflohen / gar verreckt ist. Wer mehr von diesem Stier zu wissen beliebt / lese Diodorum Siculum, welcher auch meldet / daß / als bey Ptolemæi Lagi Regierung / der Apis vor Alter gestorben / dessen Hüter ein überaus grosse Summa Golt / welches zu seiner Unterhaltung gegeben war / und noch drüberhin 50. von Ptolemæo entlehnte talent Silbers auf sein Begräbnus verwendet. Sonsten ist gläublich / daß beydes die Hebräer / so unter Mose und Aaron aus Aegypten gezogen / und Jeroboam / so sich ein Zeitlang in Aegypten aufgehalten / diesem Apis nachgeöhmt / und ihre güldene Kälber nach ihm gemacht haben; von diesem Mizraim wird nach Josephi des jüdischen Geschichtschreibers und aller Juden Zeugnus Aegyptus noch Mesre und dessen inwohnent Volck Meßreer von den Hebräern genannt.


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