Grimmelshausen
Der keusche Joseph
Grimmelshausen

 << zurück weiter >> 

Ich will aber hiervon nichts weiters melden / sondern erzehlen / wie Joseph seine Brüder tractirt habe; So bald er vom König nach Hauß kame / meldet sie Musai bey ihm an / mit Bericht / daß sie / neben etlichen Geschencken / auch ihren jüngsten Bruder mit sich gebracht hätten; Joseph setzte sich an seinen gewöhnlichen Ort der Verhör / welcher von Gold / Perlen und Edelgesteinen schimmerte; Er liesse seine Gebrüder vor sich kommen / und nach dem sie ihres Vattern Gruß: item ihre fernere Werbung / daß man ihnen mehr Geträid zu kommen lassen wolte / samt den Verehrungen abgelegt / fragt er sie / wie ihr alter Vatter lebe / und ob diß ihr jüngster Bruder seye? Nach dem er nun genugsamen Bescheid darüber empfangen / sagte er / GOtt thut Vorsehung in allen Dingen / und hilfft denen zu aller Zeit / die sich auf ihn verlassen; Und demnach ich sehe / daß ihr eines ehrlichen Manns Kinder seyd / so sollet ihr nicht allein heut seinetwegen an meiner Tafel gespeiset werden / sondern auch / des Getraids halber / eurer Bitt gewehret seyn; Hierauf entwiche er schnell / dann seine Thränen wolten sich nicht mehr halten lassen.

Bey der Nacht=Malzeit brauchte er eine Tafel von ablenger Rundung / er selbsten sasse oben an seiner Liebsten der Asaneth lincken Seiten / an seiner lincken Hand aber sasse Ruben / und also die andere Brüder nach ihm herum / wie sie in seines Vattern Hauß zu sitzen pflegten / also / daß Benjamin an seiner Liebsten rechten Seiten zu sitzen kam: Musai aber / der die Stell eines Vorschneiders / und zugleich eines Dolmetschen vertratte / befand sich unten zwischen den Söhnen der Li æ / und der beyden Mägd Söhnen; Da mangelte nichts / was zu einer Fürstl. Tafel gehörete / dann Joseph auch aus lauter Gold und Silber speiset. Also / daß sich diese Brüder gar wol seyn liessen / weil sie nicht wusten / was man ihn Morgen vor ein Zech machen würde / sonderlich wurde dem Benjamin von der Asaneth wol zugesprochen / welche sich glückselig schätzte / daß sie ihren Schwager so nahe bey sich hatte / ihme guts zu thun.

Joseph redete nicht viel / nicht zwar sein Ansehen zu erhalten / sondern / weil er sorgen muste / das Weinen und Reden möchten ihme zusammen brechen; ob er gleich sonsten in allen Fällen eines grossen und ohnveränderlichen Gemüths war. Musai aber und Asaneth unterhielten die Brüder / deren Gespräch von nichts anders handelte / als wie betrübt sie ihren alten Vatter / wegen ihrer / und sonderlich des Benjamins Abreiß / zu Haus verlassen / als welcher diesen am hertzlichsten liebte; endlich / als ihnen die Köpff vom Trunck etwas erwärmt: und sie vom Musai angestimmt worden / bejammerten sie auch den Abgang ihres Brudern Josephs / und liessen Wort lauffen / daraus abzunehmen war / wie ungern ihn ihr Vatter verlohren; und daß sie seit seines Verlusts in ihrer Haushaltung wenig Stern gehabt hätten / weil ihr Vatter nunmehr die gantze Welt nicht mehr achtete; Asaneth erfreuete sich trefflich / daß sie so viel Tugendliche Verwandte an ihrer Tafel hatte; und konte schier nicht glauben / daß so ansehenliche dapffere Leut ihren Liebsten hiebevor so verrähterlich verkaufft haben solten: Endlich machte sie den Schluß bey ihr selbsten / daß sie von der Göttlichen Vorsehung hierzu gemüssigt worden wären / damit Josephs Tugenden der gantzen Welt offenbahr: und so wol sie / als das Egyptische Königreich durch ihn erhalten würden.

Joseph dorffte / wie gemeldt / nicht viel mit ihnen reden / er hätte sich ihnen dann offenbahren wollen / solches aber ersetzte Musai; nach geendigtem Nacht=Imbis (von welchem alle eileten / Joseph / damit er sich nicht verriethe; Asaneth aber / damit sie ihre Verehrungen / so sie ihren Schwägern geben wolte / noch verfertigen lassen: Musai / daß er seines Herrn Befelch zu Werck richt: und endlich Josephs Brüder / auf daß sie ihre Reiß desto früher angehen konten) kündet ihnen Musai an / daß die Anstalt schon gemacht wäre / ihre Säck mit Geträid zu füllen / damit sie am Morgen frühe abreisen könten / weil sein Herr verspührt hätte / daß sie / wegen ihres Vattern / heim eileten; Auch hätte ihm sein Herr befohlen / sie solten ihren Vatter seinethalben grüssen / und ihm / wegen der geschickten Geschencke dancken / mit Anerbietung / wann er vor sich und die Seinige künfftig mehr Früchten bedürfftig seye / solten ihnen solche unverweigerlich vor andern gegönnet und ausgefolgt werden.

Wie nun jedermann schlaffen war / steckte Musai einem jeden sein Gelt wieder in Sack / dem Benjamin aber des Josephs Trinckgeschirr darzu / wormit sie / so bald der Morgenstern im Osten herfür flackerte / gleichsam singend davonzogen / weil sie so wohl den Simeon als den Benjamin / vor welchen ihr Vatter so hertzlich sorgete / mit samt einer so herrlichen Anzahl Getreidts / daher brachten; Aber Sommer botz Glück! ihr Freud wehret nicht lang; dann Musai eilet mit seines Herren Leibquardi / welche in 24. Reutern einer Liberey bestunde / hernach/ und erdappte sie eben / als sie um den Mittag bey einem Wasserfluß fütterten: Holla / ihr leichtfertige Dieb / schrie er sie an / ist das die Danckbarkeit / die ihr meinem Herren / vor seine erwiesene Gutthaten / erzeigt? Hat euch euer Vatter geschickt / den jenigen zu bestelen / der euch so freundlich gastirt? Oder ists der Gebrauch in eurem Land / daß man ehrliche Leut / die jemand so guthertzig bewürthen / so belohnet / wie ihr thut? Geschwind gebt uns den Dieb samt dem Diebstahl wieder heraus / oder wir wollen euch alle mit einander auf der Stelle niederseblen.

Mein GOtt! antwortet Ruben / was bedeut das / wir haben sich verhoffentlich nicht anders gehalten als wie redliche Biderleut; können auch nicht ersinnen / was die Ursach eines solchen geschwinden Uberfalls seye? Sein Herr hat uns Gestern als ehrliche Leut befunden / und als liebe Gäst gnädig tractirt / wir hoffen nimmermehr / daß er uns jetzt anders suchen oder finden werde; Mein Herr verfahre doch sachte / biß wir wissen / was sein Meinung ist?

Schälck / Bösewicht und Dieb seyd ihr / antwortet Musai / ihr habt meinen Herren bestohlen / und ihm sein liebstes Kleinod / nemlich sein Trinckgeschir entwendet / wormit er zu weissagen pflegte; Ach schämt euch / ihr leichtfertige Leut / daß ihr so gar aller euch erzeugten Ehr; Gutthat und Gastfreygebigkeit vergesset / und euch mit einem solchen schändlichen Diebstahl beflecken möcht; Pfui ihr Schelmen / ich hab doch gleich am erstenmahl meinem Herren gesagt / was ihr vor liderliche Kunden seyet; kein gut Haar ist an euch; warum hat er euch doch nicht damal gleich alsobald allsammen an den liechten Galgen lassen aufhäncken / so wären wir und unsere Pferd jetzt der Mühe / euch nachzujagen / überhoben gewesen; In Summa Musai wuste sich so erzörnt zu stellen / und die Sach so grausam zu machen / daß den Söhnen Jacobs alle Haar gen Berg stunden. Doch waren Ruben / Judas und Levi so tapffere: und in aller Gefahr so gehertzte Männer / daß sie gleichwohl die Sach noch nicht verlohren gaben / sondern sagten dem Musai unters Gesicht / wann er etwas hinter ihn zu suchen befügt wäre / so solte ers gleichwohl thun / sie aber unterdessen ungeschänd lassen; Ja die gantze Gesellschaft der Brüder wurde endlich so kühn / daß sie selbst den jenigen in Tod verdamten / hinter welchem ein Diebstal gefunden würde / weil sie sich alle sicher wusten; Als solches beiderseits angenommen ward / fande Musai den Becher endlich in Benjamins Sack / den er selbsten zu solchem End hinein gesteckt hatte.

Da sahe man Wunder / wie die verlassene und überzeugte Hebreer ihre Kleider zerrissen / und ein jämmerlichs Leider: und Hadonay=Geschrey anfiengen; Aber dem Musai giengs zu einem Ohr hinein und zum andern wieder heraus; Er liesse einmal den Benjamin binden und nacher Thebe führen / wiewohl er ihn / wegen seines Herren / viel lieber geküst hätte; zu den andern aber sagt er / ihr mögt eures Wegs fahren / wohin ihr wolt; dann weil ihr weder meinen Herrn noch sonst jemand beleidigt / wird man euch auch nicht mit den Schuldigen straffen; Aber dieser Dieb muß noch Heut hangen / damit er Morgen den König selbst nicht auch bestihlt.

Darauf machte sich Musai und Josephs Leibquardi mit dem Benjamin darvon; die Hebreer aber stunden dort / und schlugen die Händ übern Köpffen zusammen / daß es wohl ein jämmerlicher Anblick anzusehen war / und ein Stein hät erbarmen mögen / endlich pacten sie auch auf / hernach zu folgen / des Vorsatzes / mit ihrem unschuldigen Benjamin zu leben und zu sterben / weil sie ohne ihn vor ihres Vattern Angesicht nicht mehr zu erscheinen getrauten.

Ihnen wurde gegönnet / vor dem Joseph zu kommen / welcher in gewöhnlicher Herrlichkeit auf seinem Stuhl sasse / darauf er / in allen vorfallenden Begebenheiten / Verhör und Rechtlichen Bescheid zu ertheilen pflegte.

Musai stunde da / als ein Kläger / wider den Diebstahl des unschuldigen Benjamins; des Beklagten Brüder aber baten um Gnad / weil sie sonst nichts anders vorzuschützen wusten; sie waren zwar seiner Unschuld so weit / daß Benjamin zu keiner Dieberey auferzogen worden wäre / genugsam versichert; wer hätte sich aber erkühnen dörffen / beydes Klägern und Richtern / in welcher Gewalt sie waren / Lügen zu straffen / sonderlich / weil der Diebstahl hinter ihm gefunden worden.

Indessen aber fiel Josephs Bescheid / allem Ansehen nach / gar gerecht / nemlich daß Benjamin / als der Thäter / wie ein offentlicher und überzeugter Dieb / mit dem Strang vom Leben zu Tod gerichtet: seine Brüder / aber die sich / als ehrliche Leut / an niemand vergriffen / unter Königlichen Paß und Geleid frey sicher und ungehindert / samt ihrer erkaufften Wahr / wiederum nach Haus sich verfügen sollen.

Mich wundert selber / wie Joseph damal seiner Brüder Wehemuth / ohne Vergiessung der Zähren / ansehen und ertragen mögen; dann es war / nach ausgesprochenem Urtheil / ein solch erbärmlichs Spectacul an ihnen zu sehen / daß es auch ein Diamantines Hertz hätte erweichen können; etliche rupfften Haar und Bard aus / andere aber zerissen ihre Kleider zu Fetzen / und thaten / als wolten sie verzweifeln; Judas aber erklärte sich vor den Beklagten zu sterben / deme der ehrliche Ruben nachfolgte / überlaut auf Hebreisch aufschreyende / Ach Joseph! um wie viel seliger bist du / weder wir! Ach du seyest todt oder lebendig / so bist du doch des Schmertzens überhoben / indem du nicht weist / daß dein Bruder so unschuldig eines solchen schändlichen Tods stirbt: Ach Jammer! O wehe! du elender alter Vatter; Ach Jacob / wie schelmich wirst du deiner liebsten frommen und unschuldigen Kinder beraubt! Ach wer gibt mir / daß ich von deinetwegen vor sie sterbe? Ja / er wand sich hin und her / und that nicht anders / als wann er von Sinnen kommen wolte.

Joseph aber sagte zu ihnen / ihr werdet weder mich noch die Egyptische Cron einiger Ungerechtigkeit nicht bezeihen können; dieweil ich ein solch Urtheil gefällt / das die Billichkeit selbst und des Lands Gesetz erfordert; ich zwar hab euch zu eurer Herkunft / als mein eigne Freund und liebste Gäst / empfangen / ich hab euch Geträidt folgen lassen / wie ihrs nur begehrt; ich habe euch an mein und meiner Gemahlin Seiten über meiner Tafel gespeiset / und euch solche Ehr erwiesen / die ich wol sonst manchen Fürsten nicht hätte gedeyen lassen; Ja / überhaubt davon zu reden / so habe ich gegen euch Fremdlingen mehr gethan / als meiner Hochheit zustehet / einem Inländischen widerfahren zu lassen / nur darum / dieweil ich vernommen / daß ihr einen ehrlichen alten Vatter habt; Aber nun sehet / wie habt ihr mich so schändlich betrogen; oder anders zu reden / wie habt ihr meiner Gnad und Gutwilligkeit so übel gelohnet; doch dannoch / so lasse ich euch alle / die ich unschuldig zu seyn vermeine / frey ledig ausgehen; will euch auch unter Königlichen Geleidt sicher heimschaffen / aber der Dieb / so mich bestohlen / muß hangen / und solten seiner Häls tausend seyn; dann es ist nicht Herkommens in Egypten / solch Laster ungestrafft hingehen zu lassen; Also stellte sich Joseph / den unschuldigen liebsten Bruder zu straffen / und die Schuldige / so ihn hiebevor beleidigt / freyzugeben.

Alle zehen Brüder fielen vor ihm zur Erden nieder / als er seine Red geendet hatte / Judas aber / ein ansehnlicher Mann / thät das Wort / und sagte: Herr! dein Urtheil ist untadelhafft / du hast auch den Gewalt von Gott / solches zu vollziehen; Aber / gnädiger Herr / wisse / daß du zugleich unsern alten unschuldigen Vatter / mit dem schuldigen Thäter tödtest; und also den Schuldigen / samt dem Unschuldigen umbringest / mein Herr kan ermessen / wie Hertzbrechent ein Vatter von seinem liebsten Kind solche Zeitung vernimmt? Wann er selbst anders bereits auch ein Vatter worden ist; Wir zwar werden sich nimmermehr unterstehen / unserm Vatter den Tod Benjamins zu berichten / dieweil wir nichts gewissers wissen / als daß wir ihm mit solcher Post zugleich das Leben nehmen werden; darum / so erweise doch deine Barmhertzigkeit an unseren alten Tugendreichen Vatter / wann du je unsern Bruder selbsten / deren unwürdig zu seyn erkennest; deine in den Ländern erschollene grosse Gnad und Gütigkeit / durch welche du die Völcker in dieser theuren Zeit beym Leben erhältest / würde vor unvollkommen geschätzt werden / wann du einsen Ubertrettung halber zween tödtest; und zwar einen solchen Ehrlichen alten Mann / dessen Tugenden nicht weniger / als sein hohes Alter Verwunderens und aller Ehren würdig; Was Lob / gnädiger Herr! wird es dir bringen / wann man sagen wird / du hättest unsern Vatter zwar durch deine Gutthat vorm Tod des Hungers errettet / aber hernach / durch allzuscharffe Folg der Gerechtigkeit / ihne zu einem viel erbärmlichern Sterben befürdert? Wird solche Nachred nicht den Ruhm deiner Gutthätigkeit verduncklen? Welcher löbliche Nachruhm aber hingegen desto Glorwürdiger in aller Welt ausgebreitet wird / wann du unserm Bruder Gnad erweisest; sintemahl man alsdann wird sagen / du habest beydes das Leben geschenckt und erhalten; Eya / gnädiger Herr! erbarme dich über unsern unschuldigen Vatter / und schenck ihm seinen Sohn wieder: Wilt du aber ja / daß der Gerechtigkeit und den Gesetzen des Lands ein Genügen geschehe; so mildere dein gerechtes Urtheil / also / daß unser Bruder in ewiger Dienstbarkeit verbleiben müsse / alsdann so nimm mich / oder ein andern von uns / an seine Stell an; Ich zwar / als ein starcker Mann / will dir besser / als dieser schwache Jüngling / dienen können; Ist aber die Straff mit Geld zu büssen / sihe Herr / so wollen wir / was mir vermögen / daran werden / damit wir durch unsers Bruders Leben / auch zugleich unsern Vattern vorm Tod erretten; Herr! gebrauche dich deines rechtmässigen Gewalts / zum Heil der Armen / die dich so flehentlich darum anruffen; durch Gutthat näherst du dich zu GOtt / und je grössere Gnade und Barmhertzigkeit du uns Elenden erweist / je mehr machst du dich GOtt gleichförmig; welcher dir solche edle Tugend / (darum wir und unser alter Vatter GOtt fleissig bitten wollen /) wohl belohnen wird.


 << zurück weiter >>