Grimmelshausen
Der keusche Joseph
Grimmelshausen

 << zurück weiter >> 

Potiphar war noch nicht über eine Stunde lang hinweg / als Selicha nach dem Joseph schickte; welcher denselbigen Tag schön geziert aufziehen muste / weil es ein Fest=Tag war; Solcher Aufzug verdoppelte nicht allein seine Schönheit; sondern auch der Selicha Liebes=Begierdten; Er erschiene mit einem unwilligen Gehorsam / welches er nie gethan hatte / dieweil er dienete; und fand die Selicha auf einem Bette liegen / in solcher Postur / wie man die Venus selbst bey uns zu mahlen pflegt; Nur ihr Kopf war mit etlichen Kleinodien: Der Hals samt den Armen mit Perlen: und die Finger mit köstlichen Ringen geziert / sonst aber war ihr gantzer Leib nackent / und mit einem leibfarben seidenen Teppich bedeckt / der so dünn und durchsichtig war / daß man ihre Schneeweisse Haut / und alle Gliedmassen eigentlich dardurch sehen konte; der Busen war nur so weit bloß; daß man ihre harte Brüste / die so weiß / als Alabaster schienen / eben halber nackend in die Höhe startzen sahe / und damit diese annemliche Augenweid desto Lustreitzender wäre / waren die Umhäng zierlich aufgebunden / der gantze Lufft mit lieblichem Geruch erfüllt / und um und um alles mit Rosenblättern und andern wohlrichenden / so Blumen als Zweigen bestreuet; also / daß alles zusammen einen anmuthigen Anblick und Augenlust abgabe; Joseph thät sein gewöhnliche Ehrbezeugung / und begehrt unterthänig zu vernehmen / was sein gebiedente Frau zu befehlen beliebe / wiewohl er zuvor wohl wuste / was sie verlangte; sie antwortet / daß sie Vorhabens gewest wäre / ein wenig aufzustehen; und weil ihre Jungfern sie allein nicht erheben mögen / hätte sie ihm ruffen lassen / ihnen zu helffen; weil sie aber nun noch ein weilgen wolt liegen bleiben / so könte er noch ein wenig verziehen / und unterdessen wohl ein bißgen nidersitzen; Sie liesse sich wohl im geringsten des jenigen nicht mercken / was sie im Sinn hatte / damit sie den Joseph nicht gleich Anfangs scheu machte / sie wolte zuvor seine Jugend durch ihre Anschauung / welches auch die ältiste Gräißen in Harnisch jagen mögen / Feur fangen lassen; zu solchem End bewegte sie die Decke so artlich / daß ihr Busam offt gantz bloß zu sehen war / und vergaß darneben nicht / dem Joseph zugleich nach und nach mit Liebreitzenden Blicken ihrer schönen Augen / so gleichsam vor Begierde funckelten / zuzusetzen: zwar kan man leicht die Rechnung machen / weil Joseph auch Fleisch und Blut hatte / daß er in diesem Handel von demselben auch mercklich muß angefochten worden seyn; Weil er aus schuldigem Respekt sein gnädige Frau ansehen muste / und ihr den Rucken nicht kehren dorffte; Aber sein Vorsatz fromm zu seyn / überwand doch!

Als es die Selicha nun Zeit zu seyn dunckte / oder ihre Begierden sich sonst nicht länger im Zaum wolten halten lassen / gieng / auf empfangene Losung / die eine Kammer=Jungfer hinweg / und gleich hernach / wurde die ander geschikt / die erste zu holen / sie blieben aber beyde aus / weil sie wusten / was ihrer Frau Will war; Joseph wolte ihnen folgen / aber vergeblich / dann weil Selicha schrie / ob sie dann all von ihr lauffen wolten? muste er bleiben. Ach! sagte sie / himmlischer Engel / wilst du mir dann auch nicht mehr gönnen / dein schönes Angesicht zu sehen? Joseph schwieg vor Scham stockstill; Sie aber schämte sich destoweniger / indem sie sich herum warf / und dem Joseph ein zimlich unverschämtes Einsehen machte: Wie Joseph? fuhr sie weiter fort; wird dann die gebiedente Frau im Haus deshalber ohnwürdig gedacht / mit ihr zu reden / weil sie sich gegen dir mehr als ein dienstbare Magd demütigt? Gib mir aus schuldigem Gehorsam Antwort / wann du mich nicht würdigen wilst / mit mir als mit einer Verliebten zu reden: Joseph antwortet / gnädige Frau / wann ihr Begehren so zimlich und tugendlich: oder deroselben mein Antwort so angenehm wär / als ehrlich mir zu thun und zu reden gebührt / so hätte ich so lang nicht geschwiegen / sondern wäre / wanns müglich seyn könte / mit dem Werck selbst / das sie suchet / hernach gefolgt; dieweil ich aber ein schlechten Ruhm sihe dessen wir sich hierdurch würdig machten; hat mich rahtsamer zu seyn gedunckt / daß ich der Tugend und Erbarkeit mehr als dem Gehorsam folge; welche mich fromm seyn und schweigen heissen: Hertzallerliebster Joseph / antwortet Selicha / du schützest Ehr und Tugend vor / welche doch nur im Wahn bestehen / ja es ist nur ein unnutzliches Spiegelfechten: Schau nur / wann du gleich aller Welt Tugend hättest / so werden sie dir doch nicht anstehen / oder zu deiner Beförderung an dir wargenommen werden / und also dir nichts helffen können / weil du ein leibeigner Knecht bist; wann du aber nach meinem Willen lebest / welches du ohne das zu thun schuldig bist / so kan ich dich frey und glückselig machen / welches dir deine Tugenden nicht leisten können; bleibest du mir aber widerspänstig / und machest / durch deine hartnäckige Verweigerung / daß ich dir endlich widerwertig werde / und mein hertzliche Liebe in greulichen Haß verwandle; so weist du wohl / daß ich Mittel übrig hab / mich / wegen solcher Verachtung / an dir erschröcklich zu rächen / darvor dich alle Tugenden nicht werden beschützen können; Schaue / hertzliebster Joseph / hier ist doch die allerschönste Gelegenheit / uns mit allem Wollust in Geheim zu ergetzen; also / daß wir uns vor das glückseligste Paar in der Welt schetzen könten / wann du nur dein Glück erkennen / und demselben dancken woltest / in dem es dich so freundlich durch meine inbrünstige Lieb begrüsset; Dieses alles brachte sie mit solchen beweglichen und Lustreitzenden Geberden vor / daß sie auch den Saturnum selbsten hätte ergeylen können / zu ihr / wie ein junger Satyrus / aufs Bette zu springen; Ich kan mir auch wohl einbilden / daß mancher / der diß list / bey sich selbst gedenckt; diß wäre ein stattlich Fressen vor mich gewesen.

Aber der keusche Joseph hatte einen viel tugendlichen Sinn / er antwortet; Gnädige hochgebiedente Frau / ich weiß wohl daß ich ein armer verkauffter Knecht bin / aber eben darum muß ich mich um so viel desto mehr befleissen / desto reicher an Tugenden zu seyn; ich weiß wohl / daß ich meiner hochgebiedenten Frauen in Unterthänigkeit zu gehorsamen schuldig bin; aber darneben ist mir auch nicht verborgen / daß sich mein Gehorsam nicht weiter erstreckt / als in billichen Dingen / und nicht in solchen Sachen / die meinem Herren zum Schimpff gereichen; und wann mich schon die Tugenden zu nichts befürdern (wann ich anders derselben etliche habe) so nutzen sie doch meinem Herren / in dem sie mich lernen / ihme treu zu seyn / worzu er mich vornemlich erkaufft hat; Die angetrohete Rach bekümmert mich zwar; aber mein hochgebiedente Frau beliebe zu wissen / daß der Tod selbst mich so hoch nicht erschröcken kan / zu Erhaltung meines Lebens ein solche Missethat zu begehen / deren ich nicht versichert wäre / daß sie nur ein einige Stund verschwiegen bleibt.

Alle diese Wort waren der Selicha wie lauter Blitz und Donnerschlag / biß auf die letzstere / aus denen sie schloß / Joseph sorgte nur / es möchte nicht verschwiegen bleiben / im übrigen aber wäre er schon so viel als gewonnen / dann sie / als eine Haidin / die GOtt nicht erkannte / sondern ihren vihischen Begierdten nach hienge / wuste nichts von den Waffen der Gottesforcht / damit sich dieser keusche Jüngling / wider den Angriff seiner Bestreitterin / zum allerbesten bewehrt gemacht hatte! sagte derowegen; Was? was verschwiegen? da laß mich vor sorgen / setze diese unnütze Sorg bey seits / und lasse uns unsere Frühlings=Jahr mit Freuden geniessen; Ich werde es dahin zu richten wissen / daß unsere Liebe verborgen verbleibt / und wir alle wollustbarliche Vergnügung: sonst aber niemand kein Nachricht davon haben soll;

Joseph antwortet / nun gesetzt / gnädige Frau / daß es niemand innen wird / wie sie sagt; werden aber nach vollbrachter That auch unsere Gewissen schweigen? würden sie uns nicht so Tags / so Nachts henckermässig peinigen? Damit doch die Befleckung ihres Ehebettes / wie hertzlich auch die Reu seyn möchte / nimmermehr ausgetilgt werden könte; käme solche begangne Sünd aber an Tag / so wäre der Jammer nur desto ärger; Eur Gnaden bedencken nur / was auf solchen Fall vor grosser Spott / Schimpff und Schand ihro / ihrem Eheherrn und ihrer gantzen vornehmen Freundschafft zustünde? Würde alsdann nicht mein Leben verlohren seyn? welches sie zu erhalten schuldig / wann dieselbe / wie sie sagt / mich anders liebet? Haltet derowegen eurem Eheherren die verpflichte ehliche Treu / und verschertzet euer geruhig reines Gewissen nicht so liederlich durch eines so kurtzwehrenden Wollusts / oder vielmehr Unlusts willen / welcher sonst nichts als ein ewigs Hertzenleid nach sich schleppet: Wann sie sich nicht nach dem jenigen sähnet / was Ihro nicht gebührt / und ihr ohne das zu bekommen ohnmüglich / so wird sie diese böse Anfechtung bald dämpfen: Will auch zu solchem End meiner gebiedenten Frauen nicht länger verbergen / daß ich keines Weibs werth bin / weil ich in meiner Jugend durch Unfall verlohren / was zu solchem Handel erfordert wird / solte aber meine Schönheit / welche Euer Gnaden sich an mir einbildet / ein Ursach ihres Leidens seyn / wie sie vorgeben / so weiß ich Mittel / solche dergestalt zu schänden / daß sie derselben bald vergessen werden / dabey mein hochgebiedente Frau verspüren kan / wie hertzlich ich sie gleichwohl liebe. Hierauf schwieg Joseph still / und hoffte / er hätte sie genug bewegt / entweder in sich selbst zu gehen / und ihr ein Gewissen zu machen / oder ihn / wegen seiner vorgewandten Undüchtigkeit / zu verwerffen.

Aber weit gefehlt / die Lieb hat schärffere Augen / Ach! liebster Joseph / sagte sie / du wendest vor / die Tugend sey der Zweck / nach dem du strebest / und schämest dich doch nicht zu liegen / auf daß du mich betriegen mögest; Die zarte Milchhaar deiner Rosenfarben Wangen / damit sich die Korallenrothe Lippen zu ziehren beginnen / bezeugen mir so viel ein anders: sie schwieg darauf still / und henckte den Kopff / also / daß Joseph nicht abnehmen kunte / was sie weiters Sinns war / Joseph aber redet auch nichts mehr.

Nahe an ihrem Bette / stund ein gedeckter Tisch mit allerhand Confect und köstlichen Wassern / auch sonst starcken Geträncken / so bald truncken machen / überstelt / welches Selicha zugerichtet / entweder den Joseph mit dem Trunck zu bedäuben / oder nach vollbrachter Liebes=Freud sich mit einander dabey zu ergetzen; sie befahl dem Joseph / ein Marzaban von dorther ihr zu langen; er reichte es ihr zu mit gewöhnlicher Ehrerbietung; aber an statt / daß sie nach dem Marzaban greiffen sollen / wurden ihre Liebs=Begierdten so hefftig / daß sie ihn beym Mantel erwischte / ihn zu sich aufs Bette zu ziehen / zugleich mit heissen Thränen bittend / er wolte sich doch nur ein bißgen zu ihr setzen; Joseph aber / der stärcker war / als sie / auch wohl wuste / daß niemand lang im Feuer sitzen solte / er wolte sich dann verbrennen / entrisse sich aus ihren zarten Armen / (in welchen sie gleichwohl seinen Mantel behielte) und lieffe aus dem Zimmer hinweg.

Was vor ein Krieg diß Weib / nach Josephs Abschied mit ihr selbst / wegen der vermeinten Verachtung / angefangen / muß nur jeder bey sich selbst erachten / dann damahls weder ich noch sonst jemand bey ihr gewesen / der es nachsagen könte; aber man kan leichtlich gedencken / wie es hergangen sey? Dann als ihre beyde Kammer=Jungfern wieder zu ihr kommen / zerrisse sie eben aus grimmigem Zorn an dessen unschuldigen Mantel / der sich selbst keiner Straff schuldig machen wollen; Sie hatte schon ihre krause Haarlocken ausgezerret; auch ihr schönes Angesicht jämmerlich zerkratzt / und sahe aus wie ein höllische Furi / wiewohl sie kurtz zuvor der Venus selbst hätte gleichen mögen! Sie tobet wie ein wüttiger Hund / und fluchte allen Göttern erschrecklich / als denen sie die Schuld ihrer unglückseligen Buelerey beymaß / worüber sich ihre Jungfern entsetzten / und genug zu thun hatten / sie wieder ein wenig zu sich selbst zu bringen.

Als Potiphar gegen Abend nach Haus kam / und sein Weib in solchem Stand fande / hat er / wie jeder sich einbilden kan / vor Schröcken gewißlich nicht lachen mögen; er fragte sein hertzliebste Frau um die Ursach; sie aber beschuldigte den Unschuldigen des jenigen / was sie selbst begangen hatte; Ach! sagte sie / hertzliebster Eheherr; der leichtfertige Hebreer! der Schelm und der Ehrendieb! dem du so viel guts gethan / und alles das Deinige vertraut hast; Schaue doch / um der Götter willen! dieser Vogel und Ertzbösewicht / als er vermerckte / daß ich meinen Jungfern erlaubt / von mir zu gehen / weil ich ein wenig zu schlaffen getraute / kommt; nemlich zu mir! zu einem krancken Weib! zu der Frauen im Haus! und welches das ärgste ist / zu seines Herren Ehefrauen! und wolte dein reines Ehebete an einem so heiligen Festtag! mit einem schändlichen Ehebruch besudeln; als wann du nicht Mägd genug hättest / seine viehische Brunst zu leschen! Ja! als er mich nicht willig fande; wolte er mich nothzüchtigen! und indem ich mich dapfer wehrete / mein und deine Ehr zu erhalten; hat er mich / und hingegen ich seinen Schelmen Diebs Mandel so zugerichtet / wie du hier vor Augen sihest! Ist daß der Danck / den du um ihn verdienet? Ist das ein Stück seiner Fromkeit / die du ihm jederzeit zugetraut? und ist das die Treu deren du dich allwegen zu ihm versehen hast? Deine Gutthaten haben den undanckbaren Vogel erstlich zum Junckern: und endlich so geil gemacht / daß er sich auch deiner ehrlichen Frauen nicht enthalten mögen; Nun wohlan / ich hab das meinig gethan / als ein ehrliche Frau / dir aber will gebühren / daß du gegen ihm wie ein Ehrliebender Mann thust der vor sein Ehr eifert.

Ob Potiphar damahl auch zornig über den Joseph worden seye / bedarff keiner Frag: so viel war an ihm / wann er durch diese Begebenheit nicht zugleich erfahren hätte / was vor ein getreu / ehrlich / from und tugendsame Frau sein Liebste sey / so hätte er ihn gleich zu Streichblätzlein zerseblen lassen; aber er kitzelt sich mit seiner Frauen Frommkeit innerlich / wie die höltzerne Puppen lachen / daß er nicht zörnen kunte: ha! sagte er zu sich selbst / wie seynd doch die Menschliche Urtheil so blind / und betrogen / ich hab schon vielmahl aus meines getreuen Weibs Gesicht urtheilen wollen / als wann sie den Joseph mit buhlerischen Augen ansehe / und hat mich gedunckt / als wann er solches nicht in Acht nähme; aber jetzt sehe ich wohl / der schlimme Gesell hat sie geliebt / und sie hat hingegen sich seiner nicht angenommen; Ach die Götter wollen mir mein Fehler verzeihen / daß ich so argwöhnisch gegen einem solchen frommen Weib gewesen; Sey zu frieden / liebster Schatz / ich will dich besser in Ehren halten / als noch nie (sagt er in seinem Hertzen /) dann hast du dich eines solchen schönen Jünglings / wie Joseph einer ist / enthalten können / so wirst du endlich auch die Götter selbst (wie meinen eignen argwöhnischen Augen widerfahren ist) zu Lügnern machen; Mit dem lieff er über seinem geheimen Schreibtisch / der in seinem Kavet stund / und langte heraus eine Prophezeyung / so ihm ein Oracul geben / als er / nach Abgang seiner ersten Gemahlin / sich wieder zu verheyrahten entschlossen. Und deswegen Rahts fragte / daß lautet also:

Greifft Potiphar zur zweiten Ehe /
So find er nichts als Ach und Wehe /
So offt / als er der Liebe pflegt /
So viel er auch der Hörner trägt /
Doch wird es so subtil zugehn /
Daß er es selbst nicht kan verstehn.

O verlogener Apollo / sagt er / wer wird mich nun zum Hanrey machen können / wann es Joseph / der schönste in der Welt / nicht zu thun vermöcht hat; der Gauch wuste aber nicht / daß Selicha allzeit / wann er sie im Arm gehalten / an Joseph gedacht / und das jenig / so ihr von ihm geschahe / von Josephs wegen / den sie ihr an seiner Statt eingebildet / angenommen hatte; Er zerriß diese Weissagung und sagte / weil niemand sein eigner Richter seyn soll / so solte man den Joseph ins Gefängniß führen / er wolte der Sach schon Rath schaffen.


 << zurück weiter >>