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XII.

Von Jena hatte Hellmrich schon eine Ewigkeit nichts mehr gehört, und auch das trug dazu bei, ihn traurig zu machen. Sein Herz hing in der alten, unwandelbaren Liebe und Treue auch an Jena und der Alemannia; um so schmerzlicher traf es ihn, dass er nun schon monatelang kein Lebenszeichen von dort bekam. Wie schnell hatte man ihn da vergessen! Mit bitterem Lächeln sagte er es sich. Ja, ja, so lange man dabei war, so lange war man der gute Kamerad; aber aus den Augen, aus dem Sinn! hiess es auch hier. Denn er wusste, dass noch eine ganze Anzahl seiner Altersgenossen, mit denen er jahrelang im täglichen Verkehr gestanden, dort waren.

Wie oft flogen seine Gedanken nicht zu ihnen hin, namentlich in der Schummerstunde, wenn er einmal ein Viertelstündchen müssig am Fenster sass. Jetzt gehen sie in Jena zum Dämmerschoppen! oder heute geht's hinaus zur Exkneipe nach Winzerla! rief es dann wehmütig, erinnerungsselig in ihm, und lebendig stiegen die Bilder all der guten Gesellen und frohen Stunden vor ihm auf, bis ihm ein tiefer Seufzer der Sehnsucht nach dem »lieben, alten Nest« die Brust schwellte.

Aber kein Echo solcher Gefühle drang von dort her zu ihm in seiner seelischen Einsamkeit und Freudlosigkeit. In den ersten Monaten nach seinem Fortgang da hatten sie ihm gar freilich häufig, fast von jedem Kneipabend aus, eine Grusskarte geschickt; aber allmählich blieben diese Lebenszeichen aus, trotzdem er seinerseits zahlreiche Briefe und Karten geschrieben hatte. Selbst von Pahlmann, mit dem er einen, wenn auch oft stark unterbrochenen Briefwechsel bis zum letzten Wintersemester hin geführt hatte, war seit mehr als einem halben Jahr, wo dieser das Unglück mit seinem Auge gehabt hatte, so gut wie keine Nachricht mehr gekommen. Nur die offiziellen Mitteilungen, die gedruckten Semesterberichte, hektographierte Briefe wegen Extraumlagen und Conventsbeschlüssen, das war alles, was den Zusammenhang mit der aktiven Couleur aufrecht erhielt – ein dürftiges Band, dürre, nüchterne Mitteilungen! Traurig, traurig – dazu hatte er also vier lange Jahre mit der Alemannia gelebt, sein ganzes Denken und Handeln in den Dienst der grün-weiss-schwarzen Farben gestellt, damit er nun eine Nummer war auf der Liste der »Alten Herren«, aber sonst nichts weiter!

Wohl kam Hellmrich zwar alle paar Wochen in einem der grossstädtischen Bräus mit anderen Alten Herren der Alemannia zusammen, die gleichfalls in Berlin ansässig waren. Aber das waren alles Leute, schon bedeutend älter als er; sie kannten keinen von denen, mit denen er zusammen in Jena gelebt hatte, und über die zu reden ihm Bedürfnis gewesen wäre. Auch waren sie meist schon durch Berufs- und Eheleben etwas philiströs geworden und verstanden die jugendlich schwärmerische Begeisterung nicht mehr recht, mit der er selber noch an all und jedem hing, was mit Jena in Zusammenhang stand. – –

So war das Weihnachtsfest herangekommen, das Hellmrich still im kleinen Kreise der Seinen verlebt hatte. Mit besonderer Freude hatte er es nicht feiern können, wie es nun einmal in ihm aussah; das Liebste an allem war ihm noch die Musse der Ferien, die es ihm beschert hatte: Endlich einmal eine Spanne Zeit, wo er sich, ungestört von Schulanforderungen, seinen Studien hingeben konnte. Die Arbeit, solche Arbeit – wahrhaftig, das war wirklich noch das Beste vom Leben! Das fühlte er auch jetzt, am dritten Feiertag vormittags, wo er, behaglich eine der guten Weihnachtszigarren rauchend, die ihm die Mutter geschenkt hatte, vor seinem Tisch am Fenster sass und sich in ein geistvoll geschriebenes naturwissenschaftliches Buch vertieft hatte.

Mit innerster Freude folgte er den scharfsichtigen Darlegungen des Autors, der seine überzeugenden Ideen in einer fesselnden, fast eleganten Form dem Leser darbot. Grossartig! Donnerwetter! Selber einmal so ein Werk schreiben; alles das, was man in stillen Stunden ernsten Forschens errungen hat an neuer Erkenntnis, der Mitwelt offenbaren in packender Weise – das wäre ein Lebensziel! Und mit glänzenden Augen, geröteten Wangen, liess er sich, immer begeisterter, von seinem Autor mit fortreissen.

Ganz ins Lesen vertieft, hatte Hellmrich nicht darauf geachtet, wie es draussen geklingelt hatte und dann an der Entreetür Worte gewechselt worden waren. Nun ging aber plötzlich die Tür auf und sein jüngster Bruder Hellmuth erschien. »Du, Karl!« rief er halblaut: »Draussen ist ein Herr Pamann – oder so ähnlich – aus Jena! Der will Dich sprechen.«

»Was, Pahlmann?« Hellmrich sprang auf, in allerfreudigster Überraschung. »Aber das ist ja –! Wo ist er denn? Du dummer Kerl, hast ihn wohl gar draussen stehen lassen?«

Und er drängte sich schnell an dem Kleinen vorbei, um hinaus zu laufen. Richtig! An der Entreetür stand Pahlmann! Mit beiden Händen ergriff er den Besucher und zog ihn hinein.

»Pastor, mein guter, alter Pastor! Lebst Du denn also wirklich noch und kommst mal nach mir sehen? Na, das ist brav von Dir, Du altes Haus!«

In seiner Herzensfreude legte er dem Couleurbruder den Arm um die Schulter und führte ihn so in sein Zimmer hinein.

»So, nun lass Dir noch mal sagen, wie herzlich mich Dein Kommen freut, und lass Dich mal ansehen, wie Du ausschaust, mein alter, guter Kerl! – Noch was Neues zugekriegt auf Deine alten Tage – he?«

Freudestrahlend, in herzlicher Freundschaft, blickte er dem einstigen Jenenser Gefährten ins Gesicht, der mit einer gewissen Verlegenheit diese Musterung über sich ergehen liess.

»Herr Gott, Pastor, schmal bist Du geworden!« staunte Hellmrich. »Und wahrhaftig, der ganze schöne Männerbauch ist ja weg!« Lachend tippte er dem Freund vor den allerdings wieder ganz normal gewordenen Leib. »Pastor, Mensch – hast Du Dir etwa den Suff abgewöhnt?«

Pahlmanns Mienen spiegelten ein Gefühl starken Unbehagens wieder, und nun sprach er endlich. Aber sofort fiel Hellmrich der veränderte Ton der Stimme auf. Das war ja gar nicht mehr das behäbige Bierorgan, die nachlässige Ausdrucksweise des »Bierpastors«, sondern er sprach so gemessen und gewählt, fast etwas salbungsvoll, als müsse er auch im Privatleben die Würde des künftigen Seelsorgers wahren. Noch mehr aber machte Hellmrich der Inhalt seiner Worte staunen.

»Lieber Hellmrich, verzeih', aber ich möchte Dich bitten, meinen früheren Spitznamen, sowie überhaupt all die Anspielungen auf meine früheren Gewohnheiten und Verirrungen freundlichst zu unterlassen. Ich bin seit der schweren Prüfung, die ich im Frühjahr – Du weisst ja, mit meiner Verletzung am Auge – zu bestehen hatte, ernstlich in mich gegangen, und ich darf jetzt nach mehr als einem halben Jahr der Erprobung wohl sagen: Gott sei Dank, ich bin ein anderer Mensch geworden! Du wirst es gewiss aber als zartfühlender und selbst ernsthafter Mensch verstehen, lieber Hellmrich, dass mich jede Erinnerung an jene verlorene Zeit meines Lebens schmerzt und beschämt, und daher meine Bitte sicherlich erfüllen. Ich wollte Dir das gleich von vornherein sagen, damit Du weisst, wie es jetzt um mich steht. Der, den Du in Jena einst gekannt hast, bin ich nicht mehr, lieber Hellmrich!«

Hellmrich blieb einen Augenblick stumm. Auf ein solches Wiedersehen war er allerdings nicht gefasst gewesen. Im ersten Augenblick, als Pahlmann so würdevoll anfing, da hätte er fast laut losgelacht. Das war ja einfach zum Radschlagen: Der »Pastor«, das grösste Bierhuhn Jenas, wollte ihm hier als Sittenprediger kommen. Haha! Der Ulk war nicht schlecht! Aber ein Blick auf Pahlmanns Gesicht, aus dem ein tiefer Ernst sprach, gab ihm eine andere Auffassung. Nein, nein, das war kein Scherz, keine »Kateridee«, dem Pastor war es heiliger Ernst mit seinen Worten, und – man sah es ihm ja auch an – er war wirklich ein anderer geworden. Aber wie war das alles gekommen? Aus den kurzen Nachrichten, die Hellmrich über Pahlmanns Malheur damals bekommen hatte, war ja nicht das Geringste zu entnehmen gewesen, das diesen völligen Umschwung seines Wesens hätte erklären können.

»Mein lieber Pahlmann,« sagte Hellmrich nun herzlich und bot seinem Gast nochmals die Hand: »Verzeih', wenn ich Dir unbewusst weh getan habe. Aber nun setz' Dich, und erzähl' mir mal in Ruhe, wie das alles so gekommen ist.«

Pahlmann folgte der Aufforderung. Er liess sich Hellmrich gegenüber auf dem alten, ziemlich ausgesessenen Sofa nieder und begann dann, die Hände ineinander verschränkt und vor sich niedersehend, die Geschichte seiner Läuterung zu erzählen. Zum erstenmal sprach er zu einem seiner Couleurbrüder über diese seine innersten Seelenerlebnisse. Denn – wie er sich zu Hellmrich beklagte – bei den andern in Jena durfte er ja auf kein Verständnis rechnen; da hätte man nur blutigen Hohn für ihn. Er habe daher auch den Verkehr auf der Kneipe so gut wie aufgegeben, er komme nur noch zu den unumgänglichen offiziellen Gelegenheiten. Ja, er habe selbst schon daran gedacht, ganz aus der Alemannia auszutreten, mit der ihn nun gar kein inneres Band mehr verknüpfe; aber schliesslich habe er doch hiervon abgesehen. Eingedenk seines Burscheneides könne und wolle er nicht sein einmal gegebenes Gelöbnis brechen. Als Mann wie als Christ müsse er halten, was er versprochen. So werde er denn in der Alemannia verbleiben und an seinem Teil versuchen, namentlich bei den jungen, noch bildungsfähigen Mitgliedern auf ein vernunftgemässes, sittliches Leben hinzuwirken – ungeachtet allen Spotts der älteren Leute, die seine »innere Missionstätigkeit« auf den Kneipen und bei gemeinschaftlichen Ausflügen natürlich brutal verulkten.

Hellmrich musste allerdings auch unwillkürlich lächeln, wenn er sich Pahlmann so vorstellte, wie er mit ernsthafter, pastoraler Miene, wie ein eifriger Missionar unter den Heiden, zwischen den üppigen Füchsen sass und sie zur Massigkeit ermahnte, während ihnen der Fuchsmajor alle zehn Minuten einen Halben vortrank. O jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum! Was war aus des Pastors eigenen schönen Talenten am Biertisch geworden! Aber er hörte doch dessen Beichte weiter mit Aufmerksamkeit und Teilnahme an.

Pahlmann erzählte dann ferner noch, wie er sich eifrig auf sein Studium gestürzt habe. Er arbeite Tag für Tag, oft bis in die Nacht hinein. Anfangs sei es ihm zwar recht sauer geworden; er hätte die geistige und körperliche Fähigkeit zu anhaltenden Arbeiten völlig verloren gehabt. Aber durch ein regelrechtes, energisches Training habe er sich doch in ein paar Wochen so weit gebracht, dass er den Tag wieder zehn bis zwölf Stunden studieren könne, und jetzt bringe er es oft noch auf mehr. Denn er wolle nun keine Zeit mehr verlieren, und er hoffe mit Gottes Hilfe schon zu Beginn des nächsten Sommersemesters ins Examen gehen zu können.

Nachdem er sich selber so den Beweis geliefert, dass er ein anderer geworden sei, und dass es nun mit ihm wieder vorwärts gehe, habe er auch wieder gute Beziehungen zu seinem Elternhause hergestellt, die – wie Hellmrich ja noch wisse – in der letzten Zeit sehr getrübt gewesen seien. So sei er denn diese Weihnachtsferien zum erstenmal seit anderthalb Jahren wieder nach Haus gefahren, und er hätte daheim ein echtes, rechtes, schönes Weihnachtsfest verlebt, voll inniger Dankbarkeit, dass sich in seinem Leben noch einmal alles so glücklich gewandelt habe. Nächst der höheren Fügung, die er in der Schickung der entscheidungsvollen Prüfung für ihn erblicke, schulde er aber seinen unauslöschlichen, tiefsten Dank Schwester Martha, dem guten Engel seines Lebens. Sie habe ihm nicht nur mit ihrer aufopfernden Pflege damals sein Augenlicht erhalten, sondern sie sei es ganz besonders gewesen, die die ersten aufsprossenden Keime eines neuen Lebens in ihm voll Eifer und Liebe gehütet und gekräftigt habe.

Und Pahlmann begann ein so warmherziges Loblied auf die Schwester zu singen, dass Hellmrich bald merkte, wie es um ihn stand.

»Du, Pahlmann, sag' mal; wie alt ist eigentlich die Schwester Martha?« fragte er dazwischen.

»Erst vierundzwanzig,« antwortete Pahlmann arglos, aber als er dann Hellmrichs gutmütiges Lächeln und ein scherzhaftes Drohen mit dem Finger sah, merkte er, dass er sich verraten hatte, und fragte seinerseits errötend: »Aber wieso? Warum interessiert Dich das?«

Da legte ihm Hellmrich, aufstehend, die Hände auf die Schulter: »Na, mein alter Junge, nun weiss ich genug! Aber Du kannst auch versichert sein, dass das unter uns bleibt. – Doch weisst Du, nun haben wir lange genug »trocken« geredet, jetzt wollen wir uns mal eine Feiertagsflasche leisten und anstossen –«

»Ach, bitte, nein!« fiel ihm aber Pahlmann ins Wort. »Man kann ja auch so anregend plaudern. Es muss doch nicht immer gleich getrunken sein. Wenn Du mir aber eine Zigarre anbieten willst – ich muss nämlich gestehen, dass ich diesem Laster noch immer verfallen bin,« bekannte Pahlmann mit einem schwachen Ansatz zum Scherz.

Hellmrich sah ihn mit grossen Augen an. Dann aber schlug er derb mit der Hand auf den Tisch:

»Nee, hör' mal, mein Junge! Das kann ich nun nicht mehr stillschweigend mit anhören. Dass Du in Dich gegangen und ein ernster, nach christlichen Grundsätzen lebender Mensch geworden bist – in Gottes Namen! Das will ich Dir gern alles nachfühlen und zugestehen! Obschon ich ein etwas grösseres Mass Jugendfrische und Lebensfreude trotzdem gern bei Dir sehen möchte. Aber, dass Du nun den regelrechten Mucker spielst und ein solides Glas Wein ausschlägst, das Dir ein alter Freund zum Willkommen vorsetzen will – nein, nein, Du! Das kann ich nicht vertragen, da mach' ich nicht mehr mit!«

Und ärgerlich lief Hellmrich, die Hände auf den Rücken gelegt, im Zimmer auf und ab. Da trat Pahlmann zu ihm:

»Entschuldige, Hellmrich!« bat er sanft, fast schüchtern: »Ich wollte Dich ja mit meinem Ausschlagen Deines freundlichen Anerbietens nicht kränken. Du musst mich richtig verstehen: Sieh' mal, es ist mir im Anfang verd– sehr schwer gefallen, mir das unvernünftige Trinken abzugewöhnen, an das ich ja leider seit Jahren gewöhnt war. Und als immer wieder Rückfälle kamen, weil ich nicht verstand, die richtige Grenze inne zu halten, da habe ich schliesslich zu einem radikalen Hilfsmittel gegriffen und habe dem Alkohol ganz entsagt.«

»Was? Du bist also rite Abstinenzler?« – fast entgeistert starrte Hellmrich den ehemaligen Renommiertrinker Alemannias an. Das konnte ja doch einfach nicht möglich sein! Der andere aber nickte still bestätigend. War es nur eine Täuschung Hellmrichs, oder lag es in diesem Augenblick wirklich wie ein Hauch der Wehmut um vergangene Herrlichkeit auf Pahlmanns Antlitz? Wie dem auch war, seine Worte verrieten nichts dergleichen.

Aber Hellmrich konnte das noch immer nicht fassen. »Mensch – wenn Du nun aber zu unseren Leuten auf die Kneipe gehst, dann musst Du doch was trinken!«

»Allerdings – Selterswasser im Steinkrug. Apel, der mir strengste Verschwiegenheit gelobt hat, besorgt mir's heimlich, unten aus dem Ausschank. Die andern denken, ich trinke Lichtenhainer.« Pahlmann gestand den Betrug mit einem tiefen Erröten ein.

Noch einen langen, schier entsetzten Blick warf Hellmrich auf den abtrünnigen Jünger des Gambrinus, dann wandte er sich wortlos von ihm ab. Nun ward's ihm klar, besser als nach all den langen Reden vorher: Pahlmann war – kein Zweifel mehr – ein Verlorener für diese Welt! Mit stiller Trauer ging er langsam zu der dämmrigen Ecke am Ofen hin. Da stellte er sich auf und blickte gedankenverloren vor sich hin. Hilf Himmel, was konnte in knapp Jahresfrist aus einem Menschen alles werden! Pahlmann aber deutete sich sein Schweigen anders:

»Hellmrich, Du verachtest mich gewiss wegen meiner Knackerei, so gut wie die andern in Jena,« sagte er trübselig. »Aber ich kann nicht anders! Ich sagte Dir's ja, ich bin zu schwach, den richtigen Moment abzupassen! Ich kann mich leider nur in Extremen bewegen. Säufer oder Abstinenzler – für mich gibt's keine Mittelstrasse, wenigstens jetzt, solange mir noch das richtige Mass des Alters fehlt. Und da will ich doch zehnmal lieber das letztere wählen und die Verachtung der ganzen Welt auf mich nehmen – wenn's auch zuweilen nicht leicht ist.«

Mit leisem, traurigem Ton fügte er es hinzu und griff dann nach seinem Paletot am Nagel. Doch im nächsten Augenblick stand Hellmrich neben ihm und nahm ihm den Überzieher aus der Hand.

»Mein guter, alter Kerl, sei mir nicht böse!« bat er herzlich. »So war's ja nicht gemeint. Im Gegenteil: Alle Hochachtung vor Deiner Energie und Selbstverleugnung! Aber nun komm, setz' Dich wieder her, und hier – steck' Dir eine Zigarre an, ein Weihnachtsgeschenk von meiner guten alten Dame.«

Pahlmann war gerührt von Hellmrichs Güte – der erste Mensch aus dem Kreis seiner Couleurbrüder, der ihn verstand – und mit warmem Dankesgefühl qualmte er das angenehm duftende Kraut vor sich hin. »Hm, Du – was Feines! Ein prächtiges Zigarrchen!«

Auch Hellmrich hatte sich bedient, und so rauchten beide ein Weilchen stillschweigend in dem allmählich dämmrig werdenden Gemach. Eine stille Resignation war über Hellmrich gekommen. Wie hatte er sich auf das persönliche Wiedersehen mit Pahlmann gefreut. Und wie war's geworden! Da sassen sie nun einander dicht gegenüber, ein paar alte Kameraden, und im Grunde doch nun zwei Fremde, die einander im Innersten nicht mehr verstanden. Denn wie jemand seine Jugend verleugnen und die oft ja wilde, aber trotzdem doch köstliche Burschenherrlichkeit als etwas Ruchloses von sich abtun konnte – das, was Hellmrich das Herrlichste an seinem ganzen Leben war, von dem er jetzt in den dürren Jahren insgeheim noch zehrte! – das begriff er nicht. Zwischen Pahlmanns Fühlen und dem seinen gähnte da eine tiefe Kluft. Es tat ihm leid um den alten Genossen viel schöner und ernster Stunden, aber er fand keine Brücke mehr zwischen sich und ihm, die in innere Regionen geführt hätte.

Schliesslich – es musste ja doch gesprochen werden – begann Hellmrich nach diesem und jenem zu fragen, und Pahlmann erteilte gewissenhaft Auskunft. Von Heinz Rittner – Hellmrich forschte natürlich gleich zuerst nach dem, der ihm einst am nächsten gestanden – ja, da hätten sie in Jena auch nie wieder was gehört. Der war nun schon an die anderthalb Jahr so gut wie verschollen. Nur gerüchtweise habe verlautet, dass er sich in Greifswald aufhalten solle und sich dort viel in den Schifferkneipen umhertreibe.

Und was der gute »Bem« mache, fragte Hellmrich nach einer kurzen, ernsten Pause weiter. Ach, mit dem, das sei ja eine traurige Geschichte, erwiderte Pahlmann. Bem sei damals, bald nach Hellmrichs Fortgang, nach glänzend bestandenem Examen in die Praxis gegangen. In einem Dorf im Hannoverschen habe Buttmann sich dann niedergelassen, und alles sei zunächst ausgezeichnet gegangen. Trotz der Wunde am Bein wäre er wie ein Bürstenbinder von Dorf zu Dorf gestiefelt, seine Riesennatur hätte ihm das ja erlaubt, und einen Wagen hätte er sich nicht geleistet, um möglichst bald seine Jenenser Schulden abstossen zu können. Und Buttmann habe auch mit einem solchen Erfolge gearbeitet, dass er am Ende des ersten Jahres bereits an dreitausend Mark habe abzahlen können. Dann aber habe ihn sein Schicksal ereilt. Infolge der Überanstrengung des Beines bei den täglichen Gewaltmärschen sei eine schwere Gelenkentzündung bei ihm ausgebrochen, die Bem, in seiner kraftvollen, gegen sich selber rücksichtslosen Art anfangs vernachlässigt, die ihn dann aber einfach arbeitsunfähig gemacht hatte. Schliesslich habe er monatelang in einem Sanatorium gelegen, was seine ganzen Mittel aufgezehrt habe. Als er dann einigermassen wieder hergestellt war, sich aber immer noch sehr schonen sollte, habe er sein Nest besetzt gefunden. Ein Konkurrent aus der Nachbarschaft hatte seine ganze Praxis an sich gerissen. Da habe sich Buttmann nach mehrfachen vergeblichen Versuchen endlich in einem Industriedorf im sächsischen Erzgebirge niedergelassen, aber es gehe ihm da herzlich schlecht. Zu verdienen sei bei den armen Teufeln nicht viel, und die paar Groschen, die er sich, mühsam am Stock humpelnd, zusammendokterte, holten ihm die Gläubiger prompt wieder weg. Der Gerichtsvollzieher sitze ihm beständig auf dem Hals. Unter diesen Umständen sei der arme Bem natürlich in einer desolaten Gemütsverfassung, und ein Couleurbruder aus der dortigen Gegend, der ihn auf der Durchreise mal flüchtig gesehen hatte, habe berichtet, er mache ganz den zerfallenen, unstäten Eindruck eines Morphinisten.

Erschüttert sprang Hellmrich auf. Mein Gott, was musste er heute nur alles Trauriges erfahren. Nur eine kurze Spanne Zeit trennte ihn von jener sorglosen, glänzenden Zeit, wo Alles noch so heiter um ihn herum aussah, und nun hatte schon so schweres Missgeschick manch einen von den leichtherzigen, guten Gesellen betroffen, die einst mit ihm trutzig-froh ihr »Was die Welt morgen bringt!« sorglos in die Luft geschmettert hatten.

Er wagte kaum noch weiter zu fragen nach anderen; aber schliesslich trieb es ihn doch, noch mehr zu erfahren, und Pahlmann erzählte weiter: Der alte Walcker habe endlich mit zweiunddreissig Semestern das Studium aufgegeben und reise jetzt als Agent einer Versicherungsgesellschaft umher. Der dicke Hess, der einstige würdige »Erste« – damals als Pahlmann aktiv geworden – habe geheiratet und sitze jetzt auf dem Rittergute seines Schwiegervaters, der ihm die Bewirtschaftung übertragen habe. Dr. phil., Rittergutsbesitzer, Leutnant der Reserve und dazu ein hübsches Frauchen – na, doch endlich mal ein Lichtblick nach all dem Trüben, was er eben zu Gesicht bekommen, dachte Hellmrich erleichtert aufatmend. Bertram hätte nun seine erste theologische Prüfung bestanden und kürzlich seine erste Kandidatenpredigt in Rottershausen bei Kahla gehalten, und auch Ranitz habe mit der Arbeit Fühlung genommen, er lasse sich zum Referendar einpauken. Ja, und der »Hahn«, der einstige Schreck aller Polypen Jenas, sei nicht nur seit Jahresfrist schon braver Ehegatte, sondern sogar vor ein paar Wochen Papa geworden. Natürlich ein Junge – ein kleines »Hähnchen«! Hellmrich musste lachen. Ob es wohl auch schon so wacker krähen konnte, wie der »Hühnerkopp«, sein Vater, wenn er wegen seiner gottlosen Suada drei Ganze spinnen musste?

So berichtete Pahlmann von den alten Gesellen, die nun schon draussen in alle Welt zerstreut waren, und von denen, denen noch die »blühende, goldene Zeit« im lieben Jena für eine Weile beschieden war. Alles lebte in Hellmrich wieder auf, und als Pahlmann sich dann verabschiedet hatte – er musste mit den Seinen zur Feier des dritten Feiertages noch zu einem Onkel zu Besuch gehen – da blieb er in wehmutsvoller, aber doch gehobener Stimmung zurück. Er holte sich Schwester Lisbeth, seine verständnisvolle Kameradin herzu, und bei der Flasche Wein, die Pahlmann ausgeschlagen, ging ihnen beiden dann das Herz auf. Hellmrich schwärmte von alten, schönen Zeiten, er erzählte der gespannt lauschenden Schwester wieder, was er von dem lieben, alten Gefährten eben gehört, und mit tief innerer Teilnahme sandten die guten Seelen ihre trauernden Gedanken hinaus zu den beiden, die da draussen einsam ihren Kampf mit dem unerbittlichen Geschick ausfochten, zum armen Buttmann und zu dem Verfahrenen, Verschollenen, – Heinz Rittner!


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