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VIII.

Es war vier Tage später, da empfing Hellmrich einen Brief mit einer ihm unbekannten Damenhandschrift. Er öffnete das Schreiben und sah zu seiner nicht geringen Überraschung unterzeichnet: »Ihre sehr ergebene Ilse Hübner.«

Wahrhaftig, es war ein Brief von der »Prinzess« im Café Chicago. Gespannt, was sie ihm wohl zu sagen hatte, überflog er die sehr korrekt geschriebenen Zeilen. Tatsächlich, diese Kellnerin gerierte sich ganz als Dame. Sie bat zuerst den Herrn Doktor um Entschuldigung für die Belästigung mit dieser Zuschrift sowie für ihre beleidigenden letzten Worte neulich. Aber die seien ihr nur so herausgeflogen, weil sie ihm nicht habe zeigen wollen, wie betroffen sie gewesen sei.

Aber der schreckliche Verdacht, dass Simmert sie doch betrogen haben könnte, dass er nicht mehr frei sei, habe sie seit dieser Stunde unausgesetzt gequält. Zwar hätten ihr Schatz und seine Freunde sie ausgelacht und in der Tat die Mitteilung Hellmrichs nur als ein feindseliges Manöver hingestellt. Aber sie könne sich das, nach dem ganzen Eindruck Hellmrichs, nicht denken. So schwanke sie in quälender Ungewissheit hin und her.

Nun könne sie es aber nicht länger mehr aushalten. Sie bäte daher, den Herrn Doktor – dessen Adresse sie soeben von einem der Herrn Albinger erfahren – inständigst, ihr doch noch einmal die Ehre seines Besuchs zu einer kurzen Aussprache schenken zu wollen. Wenn der Herr Doktor sich vielleicht morgen früh zwischen neun und zehn herbemühen wolle, da sei sie an diesem Tage ganz allein im Lokal. Die Kolleginnen kämen erst nach zehn, und Gäste wären dann auch noch nicht da. So wäre Gelegenheit zu ein paar ungestörten Worten. Noch einmal, sie bäte, sie flehe darum!

Hellmrich schwankte eine Weile, ob er gehen sollte. Was ging ihn im Grunde dieses leichtfertige Mädchen an? Soweit ihn der Fall interessierte, war er erledigt. Endlich aber entschloss er sich, einer Regung seiner Gutmütigkeit nachgebend, doch hinzugehen. Er brauchte heute erst um elf Uhr in der Schule zu sein, also Zeit hatte er ja zu dem Besuche.

Als Hellmrich, bald nach neun, in das Café Chicago kam, fand er das Lokal noch stark im Negligé vor. In den hinteren Räumen standen die Stühle noch auf den Tischen, und eine Scheuerfrau säuberte mit Schrubber und Besen den Fussboden. In dem grossen Vorderzimmer dagegen war schon Ordnung geschaffen; nur lagerte auch hier über dem ganzen Raum jener wenig anmutende Geruch von vergossenem Bier und kaltem Zigarrendunst vom Abend vorher, der trotz der geöffneten Fenster noch immer nicht verflogen war.

Ilse war schon da. Er fand sie beim Eintreten damit beschäftigt, mit einem Staubtuch Streichhölzerständer und Bieruntersätze zu reinigen und diese Utensilien in harmonischer Ordnung wieder auf den Tischen aufzubauen, wie es die Pflicht jeder jeweiligen Kellnerin »du jour« war, die schon immer eine Stunde vor den anderen zu erscheinen hatte. Als die »Prinzess« Hellmrich eintreten sah, überflog ihre Züge ein Ausdruck freudiger Genugtuung, aber gleich darauf wurde ihr Gesicht wieder ernst, fast traurig. Schnell kam sie auf den Eintretenden zu und bot ihm die Hand.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie leise. »Ich fürchtete schon, Sie würden gar nicht kommen.«

Hellmrich legte, ohne etwas zu erwidern, ab und sah sich dann nach einem Platz um. Das Mädchen wies nach einem Tische in der Ecke: »Vielleicht hier? Da kann man nicht vom Büffet aus gesehen werden. Darf ich Ihnen etwas bringen – der Form wegen?« fügte sie schüchtern hinzu. Es war ihr ersichtlich unangenehm, den nur ihretwegen hergekommenen Gast zu einer Bestellung zu veranlassen.

»Es ist allerdings ein bisschen sehr früh für einen Frühschoppen,« scherzte er. »Aber, bitte, bringen Sie mir ein Glas Portwein, wenn Sie so freundlich sein wollen.«

Während sie nach hinten ging, wo ein verschlafener Buffetier gläserklappernd hinter dem Schanktisch in dem dämmerigen Raum hantierte, sah ihr Hellmrich nach. Sie trug dasselbe Kleid wie neulich, offenbar ihre Kellnerinnen-Uniform. Vom Rücken aus gesehen, zeichneten sich die reizvollen Linien ihrer schlanken Figur noch vorteilhafter ab, und sie ging mit natürlicher Anmut. Dazu die sorgfältige, moderne, jedoch nicht extravagante Frisur und an den Füssen sehr elegante Pariser Lackschuhe – wirklich, eine aparte Erscheinung. Zu verstehen war's schon, dass einer sich in das Mädel vergaffte. Aber gegen Lotti? Pfui Teufel, wie konnte man beide nur in einem Atem nennen! Und Hellmrich schämte sich ordentlich wegen seines Vergleichs.

Nun kam die »Prinzess« wieder, setzte Hellmrich das Glas Wein hin und blieb dann am Tisch stehen. Er musste sie erst bitten, sich zu ihm zu setzen, und sie tat es mit einer gewissen Befangenheit. Ihr bescheidenes, fast schüchternes Wesen, das sie heute zeigte, blieb nicht ohne Eindruck auf den Besucher und weckte in ihm ein Gefühl der Teilnahme.

»Sie wollten mich sprechen, Fräulein Ilse,« begann er. »Was wünschen Sie denn von mir zu wissen?«

Sie schlug die Augen nun voll zu ihm auf, und ihm schien, dass sie blass und müde aussah. »Ich muss Gewissheit haben, ob er mich belogen hat. Bitte, Herr Doktor, sagen Sie mir auf Ihr Ehrenwort: Ist Rudi wirklich verlobt – richtig verlobt?«

Hellmrich zauderte einen Augenblick. Er war als korrekt erzogener Couleurstudent gewöhnt, sein Ehrenwort nur in den seltensten, ernstesten Fällen abzugeben. Einer Kellnerin? Es war ihm peinlich. Aber da sah er ihre dunklen Augen ihn so heiss bitten, und ein so schmerzliches Verlangen nach Gewissheit sprach daraus, – da überwand er sich: »Mein Wort darauf!«

»Also doch!« Das Mädchen wurde ganz bleich, und schnell barg sie das Gesicht in den Händen. So sass sie nun eine Weile regungslos, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt. Nur ihre heftig wogende Brust verriet ihre grosse Aufregung.

Hellmrich betrachtete sie mit aufrichtigem Mitleid. Es geht ihr wirklich nah, sie hat ihn offenbar lieb gehabt und – sie ist tapfer, so sagte er sich, als er sie so ihren Schmerz verbergen sah. Dann, nach einer Weile, strich sie mit der Rechten über die Stirn, ein trüber Glanz lag über ihren Augen, aber die Tränen hatte sie zurückgezwungen. Und wieder reichte sie ihm die Hand hin.

»Ich danke Ihnen. Die Gewissheit ist besser, als die geheime Angst.«

Er drückte ihre Hand mit ehrlicher Achtung, die er in diesem Augenblick für sie empfand. »Sie tun mir aufrichtig leid, Fräulein Ilse. Aber trotzdem, es ist wirklich schon besser so. Ein Mensch wie Simmert verdient auch von Ihnen nicht geliebt zu werden. Denn er ist herzlos, ohne Gesinnung – er kann niemandem Treue halten.«

Das Mädchen stützte abermals den Kopf in die Linke, und, wie zu sich selbst, sprach sie mit leiser, zitternder Summe:

»Und doch, er kann so lieb sein, so – ach Gott, es ist so schwer, von ihm zu lassen, sich getäuscht zu sehen – wieder einmal getäuscht!« Es klang wie ein unterdrücktes Schluchzen aus ihren letzten Worten.

Hellmrich schwieg. Er hätte ihr zum Trost wohl sagen mögen, auch er wisse, wie verratene Liebe tue; aber er brachte es nicht über die Lippen. Nur kein Wort hier von seiner Liebe zu Lotti, hier in dieser Umgebung, zu diesem Mädchen, wie leid sie ihm auch tat.

Die »Prinzess« fasste sich aber selbst wieder und mit einem bitteren Klang sagte sie: »Sie finden mich gewiss recht lächerlich. Eine Kellnerin, die sich einbildet, von einem studierten Mann wirklich geliebt zu werden – nicht wahr, das ist doch einfach albern, oder unverschämt? Aber trotzdem, wer kann für sein Empfinden! Und wenn Sie wüssten, wie er um mich her gewesen ist, was er mir alles gesagt und geschworen hat! Ja, so wahr ich hier sitze, geschworen hat er mir – und mehr als einmal! – er liebe mich ja so wahnsinnig, dass er mich vom Fleck heiraten könne. Wer ihn bloss immer hier im Lokal gesehen hat, wo er seinem guten Ruf nichts vergeben wollte, wo ich ihn ja am liebsten nicht mal freundlich ansehen sollte, der wird's mir ja freilich nicht glauben. Aber wenn wir allein waren – auf den Knieen hat er vor mir gelegen, wie ein Verrückter hat er sich oft gehabt. So wahr ich hier sitze! Da können Sie's vielleicht begreifen, dass schliesslich auch ein Mädchen wie ich sich in den Wahn wiegt, ehrlich geliebt zu werden. Gewiss, ich bin ja keine Heilige und ich weiss ja nur zu gut, ein Mann Ihrer Kreise heiratet eine Kellnerin nicht; aber eine Zeit lang, ein paar Jahre des Glückes, das hatte ich mir doch gedacht, könnte ich vielleicht haben – dass man doch wenigstens etwas hätte von seinem verpfuschten, jämmerlichen Leben. Aber auch das nicht! Lug und Trug auch das nur! Verraten von ihm wie von dem ersten, der mich so weit gebracht – und so wird's immer gehen. Das ist ja mein Schicksal.«

Ein höhnisches, bitteres Auflachen, und sie wollte aufspringen, um ihrer Bewegung Herr zu werden. Aber Hellmrich ergriff ihren Arm und zwang sie sanft nieder.

»Bitte, beruhigen Sie sich doch, Fräulein Ilse,« seine Worte klangen warm. »Ich empfinde herzlich mit Ihnen. Ein Mädchen wie Sie hätte in der Tat ein besseres Los verdient. Sehen Sie, Fräulein Ilse, die Geschichte mit Simmert – darum ist's ja nicht schade. So'n Kerl verdient ja nicht, dass Sie ihm nachtrauern. Darüber kommen Sie ja auch bald weg; nehmen Sie nur Ihren Stolz zu Hilfe! Aber um Sie, um Ihre Zukunft tut's mir leid, wahrhaftig, aufrichtig leid. Fräulein Ilse, Sie sollten sich doch vor ähnlichen Erfahrungen schützen, Sie sollten einen andern Weg einschlagen, sich zurückfinden in die Kreise, wo Sie hergekommen sind und wohin Sie gehören. Ein Mädchen wie Sie kann sich doch auf die Dauer in solcher Sphäre nicht wohl fühlen. Empfinden Sie das nicht schon längst selber, Fräulein Ilse?«

Sie lächelte traurig vor sich hin, während sie mit dem winzigen Battisttaschentuch sich die Augen tupfte.

»Ob ich das empfinde! Nur allzulange schon, lieber Doktor! Aber es gibt ja keinen Weg mehr zurück. Oder glauben Sie vielleicht, die, zu denen ich einst gehört, würden die Verworfene, den Schimpf, die Schande der ganzen ehrenwerten Familie, sich wieder in ihr Haus nehmen? Und selbst, wenn sie's täten – woran ja aber gar nicht zu denken! – glauben Sie, ich hielte es aus, die reuige Sünderin zu spielen, immer nur wie eine Geduldete scheu und schuldbewusst umherzuschleichen? Nein, lieber Doktor, zu solcher Rolle bin ich nicht geschaffen! Da zieh' ich's doch vor, noch ein paar Jahr' so weiter zu leben, so lange man noch jung ist – und nachher, na, dann heisst's eben: Lustig gelebt und lustig gestorben, heisst dem Teufel die Rechnung verdorben! Daraufhin, Prost, Herr Doktor!«

Mit forzierter Heiterkeit lachte die »Prinzess« ihn an und nahm keck sein Glas, ihm nickend zuzutrinken. Da gab's Hellmrich auf, weiter auf sie einzureden. Er merkte, dass einem Wesen ihrer Art mit gut bürgerlichem Rat nicht zu helfen war. Schade, aber nicht zu ändern!

Er sah nach der Uhr. »Es wird Zeit, Fräulein Ilse, dass ich in mein Pennal komme, den Bakel zu schwingen,« und er zog sein Portemonnaie.

»Ach, Sie sind Pauker?« fragte die Prinzess überrascht, etwas enttäuscht: »Das hätte ich Ihnen auch nicht angesehen! Sie sehen so forsch aus. Ich dachte, Sie wären auch Jurist.«

Hellmrich lächelte nur gutmütig. »So? Meinen Sie, dass nur die Juristen forsch sein können? Da hätten Sie nur mal zu uns nach Jena kommen sollen. Da haben wir sogar unter den Theologen Mordsfechter gehabt, die manchen Pandektenreiter übel zugerichtet haben.«

Er hatte bezahlt und bot nun, den Hut in der Hand, Ilse zum Abschied die Rechte. »Na, Adieu, Fräulein Ilse, und was werden Sie nun mit Freund Simmert anfangen?«

Ihr Gesicht nahm jenen hochmütigen, verächtlichen Ausdruck an, dem sie ihren Namen verdankte, und sie zog in sprechender Gebärde die feinen Schultern hoch.

»Der bekommt natürlich noch heute seinen Laufpass – und zwar hier vor allen Gästen! Wenn ich einen Mann habe, will ich ihn ganz haben. Für eine Teilung danke ich, und für einen Lügner ganz besonders! Das werde ich ihm ins Gesicht sagen.«

Man sah es ihr an, dass sie ihre Drohung wahr machen würde. Hellmrich ging, und er gönnte dem Verräter Lotti's die ihm zugedachte Demütigung von Herzen.


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