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X.

Drei Tage gingen dahin, Tage, so fürchterlich, voll grauer Hoffnungslosigkeit, voll stumpfen Brütens, dass Charlotte meinte, sie nicht überstehen zu können. Sie blieb, dem Rat des Arztes folgend, im Bett, und es war ihr lieb so. So entging sie wenigstens jeder neugierigen Anfrage, denn ihre Mutter liess keinen Besuch zu ihr – der Arzt hätte es verboten.

Die erste Zeit hatte Charlotte in starrer Verzweiflung gelegen, durch nichts ihrem traurigen Gedankenkreise entzogen, immer und immer wieder bis zum Blödewerden dieselben Ideen aneinanderreihend, ohne je zu einem anderen, tröstlichen Ausgang zu gelangen. Was sollte denn auch werden? Es gab ja nichts anderes, als nur die Trennung von Rolf – und die hatte sie ja bereits vollzogen. Ihre Ehre, ihr Stolz gebot ihr das.

Aber dann drängten sich ganz gegen ihren Willen – erst leise, allmählich aber immer stärker und dringlicher – Gedanken anderer Richtung bei ihr auf. Wenn sie sich so in düsterstem, trostlosestem Grau ihre Zukunft ausmalte, wie sie schliesslich zusammenbrechen würde unter dem Übermass ihrer Leiden, unter den hämischen Stichelreden und der heimlichen Schadenfreude der Menschen, dann tönte es plötzlich wie aus einem entlegenen Winkel ihrer Seele leise ins Ohr: Ja, aber muss denn alles so kommen? Gibt es denn wirklich gar keine Möglichkeit, das Geschehene wieder gut zu machen?

Und diese innere Stimme, auf die sie erst nicht hören wollte, fand eine starke Unterstützung durch Charlottens Mutter. Die Hofrätin hatte gleich nach der ersten Aufregung den Vorfall mit viel ruhigerem Blick angesehen. Da musste, ihrer ganzen Veranlagung nach, ihr bald eine Seite der Angelegenheit als die schlimmste erscheinen: Der öffentliche Skandal, den die plötzliche Aufhebung der Verlobung mit sich bringen würde, selbst wenn sie von Lottes Seite ausging. Und in der Furcht vor diesem Skandal betrachtete sie den Fall bald anders. Dazu kam noch, dass sie als eine gereifte Frau, die doch vom Leben manches gehört und gesehen hatte, sich auch sagte, dass schliesslich das Verfehlen Simmerts nichts so Ungeheuerliches war, dass es nicht wieder verziehen werden könne. Wie viele junge Leute hatten nicht einmal als Verlobte, ja selbst später als Ehemänner in solcher Weise über die Stränge geschlagen! Nun, und sie waren nachher doch noch ganz brave Familienväter geworden. Irren, selbst ein schweres Irren, war schliesslich menschlich; namentlich bei einem noch jungen, leicht angelegten Menschen, der sich noch nicht ausgetobt hat.

Wenn es sich also nur um eine vorübergehende Verirrung bei Simmert handelte, wenn er den guten Willen hätte, alles wieder gut zu machen – mein Gott, so hätte man ihm ja wohl vielleicht auch wieder verzeihen können. Rolf würde, voll Reue über sein Verfehlen, und beschämt durch Lottis verzeihende, weibliche Güte, sich fortab vielleicht sogar viel innerlicher und ernster an seine Braut anschliessen als vorher.

So dachte die Hofrätin, und so sprach sie auch zu ihrer Tochter, nachdem diese selbst solchen Vorstellungen zugänglich geworden war. Ja, sie tat sogar noch mehr, aber das verschwieg sie Charlotte.

Gleich am Sonntag morgen hatte sie nämlich an Simmerts Mutter geschrieben und ihr das Geschehene mitgeteilt. Aber sie hatte zugleich den Wunsch ausgedrückt, dass – wenn irgend möglich – doch noch nicht alles aus sein möge. Wohl habe Rolf sich schwer vergangen und wohl habe ihr armes Kind, das infolge der Aufregung jetzt schwer krank darniederliege, im leicht begreiflichen Ausbruch des ersten Schmerzes und der gerechten Empörung ihm den Ring wiedergeschickt, jedoch das könnte ja alles noch einmal wieder eingerenkt werden, wenn Rolf ehrliche Reue zeige und von neuem um die Liebe seiner Braut werben wolle. Sie habe daher bis jetzt die ganze Sache mit strengster Diskretion behandelt und so die Möglichkeit einer Wiederherstellung des Verlöbnisses noch offen gehalten.

Charlotte hatte unter dem ständigen Zureden ihrer Mutter schliesslich angefangen, sich die Möglichkeit einer Aussöhnung mit Rolf ernstlich vorzustellen. Wohl sträubte sich zwar ihr Mädchenstolz noch immer gegen diesen Gedanken. Aber trotzdem – wenn er als Zerknirschter, als ein reuiger Sünder vor ihr knieen und ihre Verzeihung erflehen würde, wer weiss, was sie täte! Die Liebe soll ja alles verzeihen, und – dann tauchte auch noch dabei ganz im Hintergrunde der erlösende Gedanke auf, dass damit ja das fürchterliche Gespenst des öffentlichen Skandals verscheucht sein würde!

So fehlte denn im Grunde zu einer Beilegung des Konflikts nichts als die Bereitwilligkeit Simmerts. Aber von ihm war bis jetzt noch kein Lebenszeichen eingetroffen. Das beunruhigte die Hofrätin bereits ernstlich. Es wäre ja zwar unerhört gewesen – aber wenn Rolf von der anderen, von jener Person nicht lassen könnte, oder wenn er durch Lottens voreiliges Zurückschicken des Ringes in seinem Mannesstolz verletzt, nun aus Trotz nicht wieder einlenken wollte!? Mit sorgenschwerer Stirn ging die Hofrätin im Haus umher. Schon der dritte Tag und noch immer kein Brief, weder von Rolf noch von seiner Mutter! Sie wagte sich gar nicht mehr zu ihrer Tochter hinein, wo sie auf jede Frage nach einem Brief nur immer mit einem stummen Kopfschütteln antworten musste.

Das war eine neue, bitter-ernste Demütigung für Lotte. Nun war sie in Gedanken sogar schon bereit gewesen, die schwere Schuld zu verzeihen, aber er, der Schuldbeladene, regte sich nicht, um ihre Vergebung zu erbitten. Wie wenig musste ihm doch an ihr gelegen sein, dass er zu all seinen Verfehlungen auch das noch fügte! Das war zu viel für Lotte's kaum erst wieder ruhiger gewordenes Herz. In tiefem Leid vergrub sie ihr Gesicht in die Kissen, und heftiges Weinen erschütterte unaufhörlich ihren jungen Leib.

Die Mutter sah es mit wirklicher Verzweiflung an. Sie konnte doch nicht mehr tun, als sie schon getan! Aber, wie sie ihr armes Mädel, das wirklich in diesen bösen Tagen ganz blass und schmal geworden war, so herzzerbrechend schluchzen hörte, da hätte sie den letzten Rest ihres Stolzes opfern können: An Rolf telegraphieren, ihn beschwören, ein Wort der Liebe von sich hören zu lassen! Der Gedanke kam ihr wieder und immer wieder. Und sie wusste, sie würde ihn auch noch ausführen.

Da brachte endlich am Abend dieses schlimmsten Tages die letzte Post noch einen Brief. Gott sei gedankt! an Charlotte – von Rolf!

Mit freudestrahlendem Gesicht wollte die Hofrätin hinübereilen zu Lotte und ihr den heiss ersehnten Brief bringen. Aber da zögerte ihr Fuss. Wie? Wenn das Schreiben nun aber ganz anders lautete, als sie erwartete? Wenn es die Absage Simmerts an seine Braut wäre?

Frau Gerting's Herz klopfte in höchster Spannung. Dann trat sie, entschlossen, zum Tisch mit der Lampe hin und erbrach das Schreiben. Das war sie ihrem kranken Kinde einfach schuldig; enthielt der Brief Schlimmes, so sollte es Lotti jetzt wenigstens noch nicht erfahren.

In fliegender Hast las sie nun; doch bald klärten sich ihre Mienen wieder auf: Dem Himmel sei Dank! Rolf sah alles ein, er bereute sein Unrecht und bat Lotti, ihm noch einmal verzeihen zu wollen. Er gäbe ihr hiermit sein Ehrenwort, dass jene unwürdigen Beziehungen bereits gelöst seien und dass er sich nie wieder so weit vergessen würde. Es quälte ihn auf's schwerste das Bewusstsein, seiner armen, kleinen süssen Lotte solch tiefen Schmerz zugefügt zu haben. Er wisse wohl, dass er nichts Besseres verdiene, als von ihr weggeschickt zu werden. Aber er hoffte, dass sie sein Irren doch noch einmal würde vergeben können. Und er bäte, bald – am liebsten gleich kommen zu dürfen, um sich ihre Verzeihung zu erbitten. Er sei ja in solcher Sorge, da er von seiner Mutter gehört habe, dass Lotti um seinetwillen so schwer krank sei und leide. Er bitte also inständigst, kommen zu dürfen und hoffe, dass ihm seine geliebte Lotte erlauben würde, ihr nach mündlicher Beichte und dem erneuten Gelöbnis unwandelbarer Treue noch einmal den Ring anzustecken. Bis dahin harre er in der grössten Aufregung und Zerschlagenheit.

Mit einem Gefühl höchster Glückseligkeit faltete die Hofrätin den Brief wieder zusammen. Gottlob, Rolf war also doch wirklich nicht so schlimm, wie sie gefürchtet hatte. Ein Bruder Leichtsinn, aber ein gutes Herz, und er liebte doch also wirklich ihre Lotti! Und mit freudebeflügelten Schritten eilte sie hinein zu Lotti, ihr die frohe Botschaft mitzuteilen.

Rolf Simmerts Brief war in der Tat so abgefasst, dass keiner zwischen den Zeilen herauslesen konnte, wie es in Wahrheit in ihm aussah, und wie dieses Schreiben entstanden war.

Als er vor drei Tagen Lotti's Absagebrief bekommen hatte – es war am selben Tage, wo ihm Ilse in unverschämtester Weise an seinem Stammtisch im Café Chicago den Laufpass gegeben hatte – da hatte er zunächst gewütet. Diese Weiber! Der Teufel sollte sie holen – allesamt! Aber er hatte es reichlich satt, sich von ihnen an die Kette legen zu lassen. Na gut, dass die Geschichte nun aus war – die eine wie die andere! So war er wenigstens wieder ein freier Mann, der tun und lassen konnte, was er wollte. Und er machte, in Gesellschaft seiner Freunde, von der neu erlangten Freiheit ausgiebigsten Gebrauch, indem er in einem nächtlichen Balllokal mit mehreren leichtfertigen Dämchen bei einem tollen Sektgelage seine »Entlobung« feierte.

Am nächsten Mittag, als er mit noch wüstem Kopf und einem starken Moralischen ob des vertanen Haufen Geldes im Bette lag, hatte ihn seine Mutter durch scharfes Pochen an seiner Zimmertür unsanft geweckt und dann zu sich beschieden. Sie empfing ihn mit eisiger, verächtlicher Miene. Sie schäme sich, dass er ihr Sohn sei, und sie wisse nicht, ob sie einen solchen Wüstling und Wortbrüchigen noch länger in ihrem Hause dulden solle. Simmert hatte erst geglaubt, dass nur sein nächtliches Bummeln diesen Zornesausbruch heraufbeschworen hatte; aber dann hatte ihm die Mutter den Brief der Hofrätin hingeworfen. Sie wusste also von allem.

In heftigster Weise griff ihn die Mutter weiter an. Sie empfand zwar nichts Wärmeres für ihre Schwiegertochter; aber ihre streng religiöse Gesinnung und der Stolz auf die Ehre ihres Hauses trieben sie diesmal dazu, sich ganz auf die Seite Charlottens und ihrer Mutter zu stellen. So malte sie denn Rolfs Vergehen in den schwärzesten Farben und nannte ihn einen Verworfenen, der es überhaupt nicht mehr wagen dürfte, seine Hand nach einem ehrbaren Mädchen auszustrecken. Aber trotzdem müsse er, um der Ehre seiner Familie wie seiner Braut willen, noch einmal versuchen, sich ihre Verzeihung zu erringen. Wenn er aber dies nicht täte, so wären auch sie geschiedene Leute!

Mit diesem Schlusswort liess ihn die Mutter stehen. Simmert hatte es bei seiner jämmerlichen körperlichen und seelischen Verfassung völlig an Energie gefehlt, sich zu verteidigen und gegen die Mutter aufzubegehren. Er hätte es aber auch nach ihren letzten Worten nicht gewagt. Denn er kannte sie zur Genüge, um zu wissen, dass sie damit Ernst machen würde. Es war ja zwar lächerlich – um dieses Anlasses willen! Aber die Alte würde es fertig bringen, ihn aus dem Haus zu weisen und womöglich gar auf den Pflichtteil zu setzen. Und das wäre ein verteufelter Nackenschlag gewesen, denn sein verstorbener alter Herr war leider so unvorsichtig gewesen, seine Mutter zur alleinigen Erbin einzusetzen. Er hing also materiell ganz von ihrer Gnade ab, und da das einst von der Grossmutter ererbte Kapital bereits bedenklich zusammengeschmolzen war, so hatte er umsomehr allen Grund, vernünftig zu sein.

Zu diesen Rücksichten materieller Art war dann auch später noch ein menschliches Rühren getreten. Infolge des Hasses, den er jetzt auf Ilse doppelt warf – war sie doch schliesslich an allem schuld! – waren ihm der bisherige Gegenstand seiner Leidenschaft und alle Ihresgleichen für's erste etwas über geworden. Er raffte sich zu sittlicher Entrüstung über den ›Schlamm‹ auf, in dem er so lange mit Behagen gewatet, und wollte sich in eine reine Atmosphäre flüchten, um sich selbst innerlich wieder zu läutern. So erschien ihm denn plötzlich Lotti's Bild wieder süss und begehrenswert, und er phantasierte sich schliesslich wieder in eine schwärmerische Verehrung für seine Braut hinein. Ihre Krankheit – um seinetwillen! – kam noch hinzu; so war es denn in der Tat, im Augenblick wenigstens, wahr empfunden, was er an Lotte geschrieben hatte. –

Die Hofrätin hatte der Tochter den Brief gegeben und diese ihn mit angstvollem Erbleichen in die Hand genommen. Nun aber schoss jähe Röte in ihre Wangen: »Mutti! Ach Mutti!« Mit Schluchzen und Jubeln zugleich warf sich das aufgeregte Mädchen der Mutter um den Hals. Und in einem wohltuenden, erlösenden Weinen löste sich dann die Spannung der letzten qualvollen Tage.

Am selben Abend ging dann ein Brief Frau Gerting's an Simmert zur Post. Sie teilte ihm darin im Namen ihrer Tochter mit – so hatte man nach reiflichem Überlegen auf Drängen der Mutter sich entschlossen – dass diese sich im Moment noch nicht stark genug fühle, um ihm selbst zu antworten. Sie hoffe jedoch, dass ihre Gesundheit sich jetzt so bessern würde, dass sie am nächsten Sonntag hier seinen Besuch empfangen könne.

So war denn die Aussöhnung der Verlobten noch einmal glücklich wieder zu stande gekommen, und die Hofrätin konnte sich nach langen Wochen der Sorge und Aufregung endlich einmal wieder zu einem tiefen, erquickenden Schlummer hinlegen. Gott sei Dank, das Schreckgespenst des öffentlichen Skandals konnte sie nun nicht mehr ängstigen! Mit diesem wohligen Bewusstsein schlief sie bald ein.


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