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II.

Zum Henker! Nein, es ging heute wahrhaftig nicht! – Aufgeregt warf Hellmrich das Buch vor sich hin, dessen Gedankengang er sich trotz aller Bemühungen nicht einprägen konnte. Es war heute einer jener Tage, wo man vor Unlust nichts zu Stande bringt. Draussen ein grauer, regnerischer Tag. Wenn sein Blick durch das offene Fenster hinausirrte, so starrten ihn die öden, grauen und schmutzigen Wände des Hinterhauses an; eng, von allen Seiten eingeschlossen war das Gesichtsfeld, wie in einem Gefängnis. Wollte der geängstigte, sehnsüchtige Blick sich über das nassglänzende Schieferdach ins Freie retten, wo sonst ein kleiner, viereckiger Ausschnitt des blauen Himmels tröstlich daran gemahnte, dass es doch noch etwas anderes als Mauersteinhaufen auf der Welt gab, so sank er heute traurig schwer nieder, denn auch da oben ein trostloses, ödes Grau! Und in diese trübselige Szenerie passte so ganz das Treiben der Hinterhausbewohner, dessen unfreiwilliger Zeuge er war.

Ein lautes Weh- und Hilfe-Geheul und das viehische Gebrüll einer lallenden, rauhen Mannesstimme hatten ihm vorhin verraten, dass der ewig betrunkene Schuster im Seitenflügel seine Frau wieder einmal durchgeprügelt hatte, und nun erscholl zur Abwechslung das widrige, gellende Keifen des rothaarigen Weibes, da ihm gerade gegenüber. Notgedrungen nahm er bei dem offenen Fenster – er konnte nicht ohne frische Luft leben – tagtäglich an den Familienszenen da vis-à-vis teil. Fünf unbändige Rangen mit verbissenen, trotzigen Gesichtern hausten da mit der Mutter und dem tagsüber auswärts arbeitenden Vater in einer Stube und der Küche. Die Frau wusch zudem noch im Hause. Da blieben die rotköpfigen kleinen Scheusäler sich selbst überlassen und trieben jeden Augenblick einen neuen Unfug, sodass das arme, abgehetzte Weib alle paar Minuten von ihrem Wäschetrog am Fenster hinwegspringen musste und mit Geschimpf oder wuchtigen Hieben Ordnung zu schaffen versuchte. Ein liebliches Familienidyll! Wahrhaftig, das fehlte ihm gerade heute noch.

Hellmrich warf krachend die Fensterflügel zu, einen grimmigen Blick zu der verwundert herüberschauenden Wäscherin hinschleudernd. Das heisst, eigentlich konnte sie ihm ja leid tun. Wer weiss, vor sechs, sieben Jahren war sie vielleicht noch ein frisches, hübsches, lebenslustiges Mädel gewesen, das sich solche Ehefreuden auch nicht hatte träumen lassen. Aber ganz egal! Er konnte das heute nicht mehr ertragen; auch er hatte schliesslich mal Nerven. Missmutig schritt er zu der Zigarrenkiste auf der Kommode zwischen den zierlichen Nippes der Schwester hin, wo er seinen Tabak herbergte, und stopfte sich seine lange Pfeife, deren Genuss ihm hier, auf Fürbitte der guten Liesel, von der Mutter gestattet war. Dann liess er sich auf das kleine Sofachen mit dem verschlissenen Plüschbezug niederfallen – das wurmstichige Gestell ächzte dabei bedenklich – und rauchte vor sich hin. Seine Gedanken eilten in die Ferne.

Mein Gott, was hatte ihm in Jena so ein Regentag getan! Ja, hatte es denn überhaupt einmal in jenen ganzen vier Jahren in Jena geregnet? Er sann ganz ernsthaft nach. Nun, gewiss wohl hin und wieder, aber, dass er sich so gar nicht darauf besinnen konnte, das war doch der beste Beweis dafür, dass das gar keinen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Ob Sonnenschein, ob Regen – fidel, sorglos war man da immer gewesen. Ja, der Schoppen schmeckte erst recht, wenn es draussen prasselte, und sogar ein Bummel aufs Bierdorf oder durch den Wald war bei Regenwetter ganz famos. Da hatte man sich die hohen Kanonen angezogen und war lustig drauf los gestiefelt. Richtig, jetzt fiel's ihm ja deutlich ein, wie sie so manchmal bei tollstem Guss den steilen Weg vom »Wilhelm« hinuntergeschlittert waren, dass die faustdicken Schollen des zähen Lehmbodens von den Sohlen der Hintermänner her den Vorangehenden klatschend um die Ohren sausten. Einmal dem immer tip-topen Simmert, der sich gerade umdrehte, mitten ins Gesicht! Er musste jetzt noch lachen, wenn er daran dachte.

Ja, ja, Jena! Und Hellmrich paffte, die Brust von tiefer, schmerzlicher Sehnsucht geschwellt, mächtig vor sich hin. Wenn er nur wenigstens mal ordentlich was von dort zu hören bekommen hätte! Er dachte es heute wieder, wie schon so oft. Freilich, er erhielt ja öfters einmal eine Nachricht, eine Bierkarte vom Kneipabend oder von der Mensur – aber, was war das für seine brennende Begier, Ausführliches zu hören über alles, woran sein Herz nach wie vor in unwandelbarer Treue hing! Pahlmann hatte ihm zwar schon seit drei Wochen einen »richtig gehenden« langen Brief in Aussicht gestellt, aber es war halt immer beim Versprechen geblieben. Gewiss, Hellmrich wusste ja selber am besten, dass man im lieben Jena von lauter Nichtstun so in Anspruch genommen war, dass man zum Schreiben wirklich nicht kam – aber trotzdem, man empfand das doch recht schmerzlich, wenn man selber erst einmal draussen war.

In solche Gedanken verloren sass Hellmrich lange, dann liess ihn plötzlich ein Klingeln hochfahren, und zugleich vernahm er draussen auf dem Korridor das bekannte Geräusch, wenn Postsachen durch den Briefeinwurf in der Tür geworfen werden. Er sprang auf und sah nach der Uhr: Richtig, gerade zehn, wo die zweite Post zu kommen pflegte! Ob ihm vielleicht heute gerade der Postbote die ersehnte briefliche Mitteilung aus Jena gebracht hatte? Von einer dunklen, erwartungsvollen Ahnung getrieben, eilte Hellmrich hinaus. Da lagen in der Tat auf dem Boden zwei Briefe – er hob sie schnell auf – und der eine, wahrhaftig, war von Pahlmann! Hellmrich hätte vor heller Freude aufjubeln mögen. Schleunigst eilte er nun mit seinem Schatz in sein Zimmerchen und fetzte ungeduldig den Umschlag auseinander: Gott sei Dank! Volle zwölf Seiten hatte Pahlmann geschrieben – der gute Kerl, das mochte ihm verdammt sauer geworden sein! Und mit dankbarer Rührung vertiefte sich Hellmrich in die etwas kritzlichen Schriftzüge seines getreuen Berichterstatters. Der schrieb also:

»Lieber Hellmrich!

Endlich komme ich dazu, Dir meinen langversprochenen Schreibebrief zu senden. Du wirst gewiss schon mit Sehnsucht darauf gewartet haben; aber es ging faktisch nicht eher. Nun aber drückt mir ein grosses Ereignis, leider kein freudiges, die Feder in die Hand. Hier ist nämlich etwas Tolles passiert: Toni ist i. p. raus! Es tut uns allen furchtbar leid, denn es war natürlich nur eine versoffene Geschichte, aber es ging nicht anders. Er hatte uns zu wüst kompromittiert, und zwar gerade den Vandalen gegenüber. Da mussten wir ihn eo ipso rauswimmeln.

Die Sache ist so zugegangen: Du weisst ja, dass Toni schon lange eine Sauwut auf Simmert hatte, namentlich Deinetwegen und wegen Bems angeschossenem Pedal. Da hatte er also schon lange drauf gespannt, dass er sich den »Grafen«, der sich übrigens immer mausiger machte und die Nase gar nicht mehr hoch genug kriegen konnte, mal kaufte. Aber Simmert musste irgendwie Wind davon gekriegt haben, denn er ging Toni egal aus dem Wege, sodass er ihn nicht stellen konnte. Bis am letzten Sonnabend – heute vor vier Tagen – da platzte die Bombe endlich. Es war gerade nachmittags, wo Simmert meist spazieren zu reiten pflegte, da lief er durch Zufall Toni gerade vor dem Ulmer seinen Laden in die Hände. Er wollte schnell umkehren, aber Toni rief ihm in seiner perfiden Art laut ins Gesicht, sodass es ein paar Cimbern, die gegenüber auf dem Trottoir gingen, hörten und stehen blieben: »Aha, eine wohllöbliche Vandalia konzentriert sich rückwärts.« Darauf wurde Simmert ganz blass, aber ging nun an Toni ran und fragte, was er damit sagen wollte. Da sah ihn der mit ein paar Augen an – na – Du kennst ihn ja, es kann einem graulich dabei werden – und sagte bloss: »Dass Sie der grösste Lump und Kneifer in ganz Jena sind!«

Simmert wird natürlich im selben Augenblick wie ein Tobsüchtiger, nimmt die Reitpeitsche – er hatte wohl gerade zu Pönecke in den Stall gewollt – will Toni damit verdreschen, aber der, wie der Teufel, reisst ihm das Ding aus der Hand und haut wie ein Verrückter auf Simmert los, der im ersten Moment so verblüfft war, dass er Toni erst den Arm festhalten konnte, als er schon ein paar Striemen im Gesicht weg hatte.

Natürlich hatte sich inzwischen ein Mordsauflauf gebildet. Ich möchte ja nicht in Simmerts Haut gesteckt haben; manche sagen, er hätte beinahe geheult vor Wut. Wenn er nur seinen Revolver da gehabt hätte – hat er nachher zu Tobias gesagt – er hätte Toni einfach niedergeknallt. Na, das Ende vom Liede war natürlich 'ne Pistolenforderung, auf fünf Schritt Barriere bis zur Abfuhr. Am Sonntag Vormittag war Ehrengericht, und am nächsten Morgen sollten sie knipsen. Am Sonntag Nachmittag ist Toni dann noch mit Ranitz und dem langen Dircksen von den Freiburger Rhenanen – Du weisst, seinem alten Kompennäler – oben auf dem Jenzig gewesen und hat sich eingeschossen. Er soll brillant geschossen haben, auf zehn Schritt noch immer das Ass aus der Karte, und hat gesagt: »Gottverdimich! Wenn ich den Schuft, den Simmert, morgen nicht runterputze, will ich Matz heissen!«

Es kam aber leider anders, und natürlich steckt wieder so ein verfluchtes Frauenzimmer dahinter! Gleich nachdem Du von hier fort warst, ist nämlich eine Schauspiel- und Operetten-Gesellschaft aus Leipzig hergekommen und hat im Engelsaal gastiert. Und selbstverständlich ist Toni wieder der Hahn im Korbe bei all den Weibsbildern der Truppe gewesen. Namentlich die Soubrette, Tilly von Garmond nannte sich die Nummer – es war notabene wirklich ein famoses Weib – die war einfach futsch in ihn. Sie hat sogar den Oberleutnant von Teschdorff, der doch sonst alle Theaterweiber immer an der Strippe hat, seinetwegen höllisch abfallen lassen. Na, da ist es ja schliesslich auch wohl zu verstehen, dass Toni ein bisschen verknallt war. Nun wollte es aber zu seinem Unglück der Zufall, dass gerade an diesem selben Sonntag die Gesellschaft ihr letztes Gastspiel gab und noch am Abend nach der Vorstellung abreiste. Da hat denn Toni, der während der Vorstellung hinten in der Garderobe mit seiner Dulcinea mächtig Sekt gekneipt hatte – im letzten Akt kam sie sogar regelrecht angeschwipst auf die Bühne – sich von ihr beim zärtlichen Abschied auf dem Bahnhof breit schlagen lassen, noch ein Ende mitzufahren, bloss bis Grossschwabhausen. Und richtig, er kriecht auf den Leim, nimmt zwei Billets erster Klasse, und los geht's. Im Tête-à-tête mit ihr vergass er denn natürlich das Aussteigen und fuhr bis Weimar mit, er hat's uns ja nachher selber erzählt. Da war aber unglücklicherweise wieder längerer Aufenthalt, es wurde weiter gekneipt, und schliesslich liess er sich von ihr zureden, die angebrochene Nacht doch nun noch weiter mit ihr zu verbringen. Er wollte denn auch richtig noch bis Bebra weiter mitfahren und dann mit dem Nachtzug über Weimar nach Jena zurückkehren. Aber es kam anders. In Bebra war er eingeschlafen gewesen; das Weib, die Tilly, hatte natürlich ihre diabolische Freude an dem Spass und liess ihn ruhig bis Frankfurt a. M. mitfahren. Was er da wohl am andern Morgen für Augen machen würde!

Na, sie hat sich ja mächtig geschnitten! Als Toni am andern Morgen, Montag früh, im Bahnhof zu Frankfurt aufwachte, wo er gerade Simmert im Rautal gegenüber stehen sollte, da wird er ja wohl nicht gerade zu Zärtlichkeiten aufgelegt gewesen sein!

Was soll ich Dir nun weiter sagen? Wir fahren früh um fünf Uhr bei Toni vor, finden ihn nicht in seiner Bude und merken, dass er überhaupt nicht die Nacht nach Haus gekommen ist. Wir rennen in's Café Eychelberg und Held, aber nirgends ist er gewesen, in ganz Jena ist er nicht aufzutreiben.

Inzwischen waren aber die andern, Sekundant, Arzt und Testant, immer für alle Fälle ins Rautal gefahren, wo die Gegenpartei, höchst verwundert, schon lange wartete. Aber auch die letzte Hoffnung, dass Toni vielleicht irgendwie allein hierher gekommen sein könnte, war vergebens: Keine Spur von ihm zu sehen. Die Vandalen waren auf unser Bitten so anständig und warteten noch anderthalb Stunden. Dann aber kam Ranitz in einer Chaise angeprescht und teilte mit, was wir inzwischen in Jena rausgekriegt hatten, dass Toni gestern Nacht wirklich abgereist sei, ohne Nachricht zu hinterlassen – kein Mensch wusste wohin.

Na, die Gesichter hättest Du sehen sollen! Nur einer mag wohl heimlich mordsvergnügt gewesen sein – Simmert! Der hat wirklich einen heillosen Dusel! Auf so gute Art davor gekommen zu sein! Denn nun war natürlich die Sache erledigt – Toni hatte ja dem Anschein nach eklatant gekniffen, war einfach ausgerissen. Zwar als wir wieder nach Jena reingekommen waren, so gegen neun Uhr, fanden wir ein dringendes Telegramm auf der Kneipe vor, das lautete: »Alemannia Jena. Zug verschlafen. Komme mit nächstem Schnellzug zurück. Bitte dringlichst Austrag der Angelegenheit zu verschieben. Rittner.« Aber es war zu spät. Schon ein paar Stunden später schickten uns die Vandalen ein Schreiben zu, worin sie uns erklärten, dass sie nach dem heutigen Verhalten des Herrn Rittner, der sich dem Austrag eines Duells durch die Flucht entzogen habe, sich nicht mehr in der Lage sähen, diesen Herrn als satisfaktionsfähig anzusehen. Die zwischen ihrem C. B. Simmert und Herrn Rittner schwebende Ehrensache wäre natürlich damit erledigt.

Und wir? Was sollten wir nun weiter tun? Nachmittags kam Rittner an, vor physischem und moralischem Jammer ganz bleich und verstört, und erzählte uns, wie alles gekommen war. Als er hörte, was geschehen, da brach er förmlich zusammen. Denn nun wusste er ja, dass er keine Hoffnung mehr hatte, seine Ehre zu reparieren. Er sagte kein Wort mehr zu uns, sondern ging sofort von der Kneipe weg nach Haus. Um acht Uhr hatten wir dann Konvent, um über seinen Fall zu beraten. Wir hatten ihn durch einen Fuchs zitieren lassen: aber er war nicht gekommen. Er hatte dem Fuchs nur ein paar Zeilen mitgegeben; er wüsste, was ihm selbstverständlich nach den Gesetzen des Ehrenkodex geschehen müsse. Dass er kein Kneifer sei, das glaubten wir ihm ja wohl nach seiner heutigen Erklärung und wie wir ihn sonst kennten. Im übrigen möchten wir tun, wie wir müssten. Er würde natürlich bereits morgen Jena für immer verlassen.

Wir waren wirklich alle furchtbar geknickt; einen Kerl wie ihn, der über dreissig Mal losgewesen und sich vor dem Teufel selbst nicht gefürchtet hätte, nun als Kneifer exkludieren zu müssen! Man hätte faktisch heulen können über so 'ne Gemeinheit des Schicksals. Aber es half uns ja alles nichts. Schliesslich haben wir wenigstens das Letzte getan, was wir konnten, dass wir ihn nicht cum infamia rausgejagt haben, sondern bloss i. p. dimittierten. Weiss Gott, leicht ist wohl keinem von uns die Abstimmung geworden!

Ja, wer hätte das gedacht, als Du noch in Jena warst! – – –

Sonst hat sich hier eigentlich nichts ereignet und verändert. Bem ist inzwischen lange als geheilt aus der Klinik entlassen und geht dieser Tage in die letzte Station vom Staatsexamen. Dass Korff, nachdem ihm unser A. H. Dr. Mantz die Assistentenstelle abgeknöppt hat, nach Berlin gegangen ist, habe ich Dir wohl schon mal auf einer meiner Karten geschrieben? Unsre neuen Füchse lernen das Fechten brenzlig, besonders der lange Müller; der Kerl hat ein famoses Handgelenk – pass auf, das wird mal unser Renommierfechter!

Im übrigen wird hier noch immer feste weiter gesäuft. Dabei ist mir denn auch, kurz vor dem Krach mit Toni, ein Malheur passiert. Ich war nämlich vorige Woche bei Vater Pilling in Pension. Drei Tage Karzer, weil ich bei einer kleinen Holzerei mit Proleten im »Rautenkranz« etwas lebhaft mitgewirkt und auch dem Nachtrat eins auf die Mütze gepfeffert habe. Ich war im »Schloss Sanssouci« einlogiert – weisst Du, wo wir das letzte Mal noch zusammen Hähnchen besuchten, als er den dämlichen Polypen bei der angeblichen Futterkiste die ganze Nacht auf seiner eiskalten Bude eingesperrt hatte. Der Hahn hat sich jetzt übrigens als Arzt in Grossenroda niedergelassen, im Gothaschen; na, ich möchte ja dem »Retter der Menschheit« mich auch anvertrauen! Danke, Komma!

Nun, lieber alter Verstand, bin ich am Ende meiner Weisheit. Ich habe auch wahrhaftig in meinem Leben noch nie einen so blödsinnig langen Brief geschrieben. Wenn mir das man gut bekommt! Ich habe einen richtig gehenden Tatterich vom vielen Schreiben in meiner Flosse gekriegt. Oder, meinst Du, dass das etwa von was anderem käme?!

Na, denn Proscht!

Lass Dir's gut gehen, altes Haus, und schreib' bald auch mal recht ausführlich! Was machst Du eigentlich in Berlin? Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie man da die Zeit totschlägt.

Mit herzlichem Gruss Dein
Pastor.

P. S. Morgen ist »dies academicus« beim »Kämmer-Karl«. Das wird wieder eine schöne Knillität werden!«

Hellmrich war aufgesprungen, und nun lief er, in tiefster Erregung, gesenkten Hauptes im Zimmer auf und ab. Herrgott, war es denn möglich? Heinz Rittner mit Schimpf und Schande aus Jena weg, aus dem Kreis der Alemannen ausgestossen! Er, der so lange ihr Stolz gewesen! – Welch' Unheil für den Ärmsten! Nun hatte er den letzten Halt verloren, nun ging es sicher mit ihm bergab! Und plötzlich fiel Hellmrich jener Moment ein, am Morgen seiner Abreise von Jena, wo Toni so hoffnungslos von seiner Zukunft gesprochen hatte. Mein Gott, wie unheimlich schnell hatte sich dieses Ahnen erfüllt! Als ob er es damals schon gewusst hätte. Armer, armer Kerl!

Und noch eins erfüllte Hellmrich mit tiefem Weh: Wie schnell schloss sich doch die Lücke, wo jener gestanden hatte, im Kreise der Alemannen! Aus Pahlmanns Worten fühlte er es ja deutlich heraus. Gewiss, wohl hatte man im Augenblick des Geschehens unter dem starken Eindruck des Traurigen gestanden. Aber alsbald war man auch darüber hinweggekommen. Sentimentalität gab es da wahrhaftig nicht. Wer nicht mehr dazu gehörte, nun der musste eben hinaus und existierte nicht mehr für die anderen. Über den Gefallenen ging gleichgültig das gewohnte Leben, sorglos und lustig, hinweg. Gelegentlich wohl mal ein bedauerndes »Schade um den armen Kerl!«, aber damit war auch das Mitgefühl erschöpft.

Ja, ja, man musste wohl erst einmal herausgerissen sein aus dem ruhelos dahinsprudelnden Treiben, zur Vereinsamung und zum Selbstbesinnen gelangt sein, um solche Dinge tiefer empfinden zu können. Glückliche, ahnungslose Jugend, Ihr anderen, die Ihr noch mitten auf dem Strome schwimmt! Aber hütet Euch – er hat Strudel, in denen Ihr versinken könnt, ohne dass Ihr es ahnt.

Armer Heinz!


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