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VI.

Hellmrich nahm an der heutigen Versammlung ein besonderes persönliches Interesse; er ging diesmal nicht von berufswegen dorthin, um für sein Blatt darüber zu referieren, sondern er wollte nur den Zuhörer spielen. Zum erstenmal sollte nämlich heute, nach den Anzeigen in den sozialdemokratischen Zeitungen, ein junger Redner der Partei vor einer grösseren öffentlichen Versammlung debütieren, und dieser Debütant war kein anderer als Korff, sein ehemaliger Couleurbruder.

Hellmrich hatte erst seinen Augen nicht trauen wollen oder nur an eine Namensgleichheit geglaubt; denn es schien ihm doch ganz ungeheuerlich, dass ein Mensch, mit dem er das gleiche Band getragen, unter die sozialdemokratischen Agitatoren gegangen sein sollte. Als er aber in einer weiteren Anzeige auch den Vornamen – Jakob Korff – und zugleich eine kurze biographische Notiz gelesen hatte, aus der hervorging, dass Herr Korff sich schon bei der jüngsten Bewegung der Krankenkassen gegen die Apothekenbesitzer hervorgetan und um die Sozialdemokratische Sache verdient gemacht habe, da war jeder Zweifel beseitigt: Der einstige Jenenser Alemanne war also wirklich ein Anhänger der internationalen »roten Couleur« geworden. –

Nun sass Hellmrich in dem schon dicht gefüllten Saal und harrte mit Spannung dem Auftreten Korffs entgegen. Noch war dieser aber, ebenso wie die übrigen Hauptpersonen des Abends, nicht erschienen. Hellmrich hatte sich noch mit seinem Stuhl in eine Lücke der vorderen Reihen hineinschieben können, so dass er einen ziemlich freien Ausblick auf den Vorstandstisch und das Rednerpult hatte. Wohl hatten einzelne der Nächstsitzenden etwas verwundert aufgeschaut, als da ein neuer Ankömmling, nach seiner guten Kleidung und den vielen Schmissen sicherlich ein Zugehöriger der Bourgeoisie, zwischen den »Proletariern« Platz nahm, aber es erregte doch kein Aufsehen. Die gewohnheitsmässigen Besucher solcher Versammlungen wussten, dass manch »Studierter« als Pressevertreter oder Sozialpolitiker aus beruflichem Interesse auch den sozialdemokratischen Versammlungen beiwohnte, und überdies, es hielt ja auch schon manch einer aus den akademischen Kreisen heimlich oder offen zur roten Fahne!

Hellmrich liess seinerseits seine Blicke prüfend umherschweifen. Schon das äussere Bild dieser Versammlung erregte sein lebhaftes Interesse. Seine Referententätigkeit für die Zeitung hatte ihn immer nur in wissenschaftliche Vorträge, zu festlichen Veranstaltungen hochangesehener gemeinnütziger Körperschaften oder dergleichen, geführt; aber noch niemals hatte er eine Volksversammlung besucht – und nun gar eine sozialdemokratische! Das erste Empfinden, das er beim Überblicken des Saales hatte, war das einer starken Überraschung: Das sah ja hier ganz gemütlich und gut bürgerlich aus – nichts von dem rauhen proletarischen Anstrich, den er erwartet hatte!

Das Publikum am heutigen Abend war allerdings nicht das gewöhnliche. Die breiten Massen der Männer der schwieligen Faust, die sonst bei sozialdemokratischen Versammlungen mit ihren rauhen, lauten Stimmen, mit übelduftendem Zigarrenqualm und einer ziemlich kräftigen Alkoholatmosphäre den Saal anzufüllen pflegen, fehlten heute fast gänzlich. Die Art des auf der Tagesordnung stehenden Themas brachte das mit sich.

Herr Jakob Korff sollte heute über den Lohnvertrag und seine Bedeutung für die Angestellten im kaufmännischen und industriellen Betriebe reden. Das Thema, das voraussichtlich eine ziemlich nüchterne, sachliche Erörterung mit sich bringen würde, hatte, wie begreiflich, wenig Anziehungskraft für die Herren von der schwieligen Faust gehabt – es war ihnen wohl auch etwas zu hoch! Sie waren daher heute lieber in ihren Stammkneipen geblieben, um bei Schnaps und Bier ihre eigene politische Weisheit einander zum Besten zu geben. Dagegen sah man viel junge Leute, die offenbar den kaufmännischen Kreisen angehörten, und fast die Hälfte der Anwesenden waren Frauen, zumeist junge Mädchen, wohl Näherinnen oder sonstige Hilfskräfte der Grosskonfektion.

Unter diesen Umständen reizte es Hellmrich ganz besonders, sowohl die Gesamtphysiognomie der Versammelten wie einzelne Typen daraus zu studieren. Wie er aber so den Saal musterte mit seinen wohl tausend Besuchern, kamen ihm eigenartige Gedanken, wie sie bisher in ihm noch nie aufgestiegen waren. Er musste sich gestehen, dass es doch ein beredtes Zeichen der Zeit sei, dass hier so viel junge Menschen anstatt sich wie die andern im Strudel der Grossstadt zu amüsieren und leichtherzig sich über die Missstände des Lebens hinwegzusetzen, ernsthaft beisammen waren, um sich über die Aufbesserung ihrer Arbeits- und Lebenslage belehren zu lassen.

Manch intelligentes Gesicht konnte er hier sehen, viele mit ruhigem, energischem Ausdruck, bereit, mit kräftiger Tat in den Kampf um's Dasein zu treten, manche mit dem stillen, in sich gekehrten Ausdruck des weltverbessernden Grüblers, einige aber auch mit dem aus tiefliegenden Augen glühenden Blick des Fanatikers oder dem hoffnungslosen Lächeln des Zweiflers in dem hageren, blassen Antlitz.

So die Männer, und die weiblichen Besucher boten einen ähnlichen Anblick dar. Sie waren durchgängig sehr sauber und adrett angezogen, manche sogar mit einem bescheidenen, hübschen Putz an Hut und Jackett, doch ohne die auffallende Halbwelt-Eleganz ihrer leichtlebigen Kolleginnen aus der Konfektionsbranche. Man hatte es hier offensichtlich mit fleissigen, anständigen Mädchen zu tun, die für ihren und ihrer Angehörigen Lebensunterhalt unermüdlich arbeiteten und weder Zeit noch Lust zu einem genusssüchtigen Bummelleben hatten. Die Gesichtszüge waren zumeist nicht unsympathisch, vielfach sogar hell und freundlich; das glückliche, sanguinische Temperament und die grössere Genügsamkeit des Weibes in materieller Hinsicht liessen sie offenbar die Härten des Lebens leichter ertragen als die Männer.

Plötzlich ging eine Bewegung durch die Versammlung, die in grosser Ruhe der Eröffnung entgegenharrte. Alle Blicke richteten sich nach dem Eingang, wo – nach einem kurzen Disput mit dem dort postierten Schutzmann, der keinen mehr in den überfüllten Saal hineinlassen wollte – eben noch drei Personen erschienen waren. Doch sie mussten sich wohl legitimiert haben, denn sie durften doch noch passieren.

»Das ist Rathacker – da, der Grosse!« Leise flüsterte man sich den Namen des bekannten Sozialistenführers zu, der da neben einer Dame und einem jungen Mann – Hellmrich erkannte richtig in ihm Korff wieder – durch die enge Gasse der Sitzreihen sich zum Vorstandstisch hinwandte.

Dort angelangt, begrüsste die Dame, eine hochgewachsene Erscheinung in einem knapp sitzenden, dunkelgrauen Kostüm, mit einer leichten, kühlen Neigung des Kopfes den schon hier sitzenden Polizeileutnant, der mit kurzem militärischen Gruss dankte, und legitimierte sich als die Einberuferin der Versammlung – Genossin Frau Meta Rockenburger. Während der Leutnant gewissenhaft die polizeilich vorgeschriebenen Papiere prüfte, schickte die Dame mit ernster, fast kühler Miene hochaufgerichtet einen musternden Blick aus ihren grossen grauen Augen über die Versammlung hin. Dann zog sie mechanisch die an langer, feiner Goldkette hängende Uhr aus dem Gürtel, nickte zu dem Abgeordneten Rathacker hinüber und erklärte darauf – der neben ihr sitzende Leutnant hatte ihr die Papiere jetzt mit zustimmendem Kopfneigen zugeschoben – mit mässig lauter Stimme in geschäftsgeübter Ruhe die Versammlung für eröffnet. Sie erteilte zunächst dem »Genossen« Rathacker das Wort.

Der Reichstagsabgeordnete erhob sich von seinem Platz am Vorstandstisch an der andern Seite der Einberuferin. Es war eine hagere Gestalt mit einem charakteristischen, klugen Gesicht mit kühn geschweifter Adlernase. Nur wenige Worte richtete er an die Versammelten. Er wollte ihnen diesmal nur einen eifrigen jungen Vorkämpfer für die Sache der Arbeiter und Arbeiterinnen vorstellen, Herrn Jakob Korff, der ihnen heute über den Arbeitsvertrag einen beachtenswerten und lehrreichen Vortrag halten werde.

Voll Neugier richteten sich die Blicke nun auf den Dritten am Vorstandstisch, den noch jungen Mann vielleicht Anfang der Dreissiger, der jetzt aufgestanden war und sich leicht vor der Versammlung verneigte: Eine nur mittelgrosse Figur, fast schmächtig, mit blassem, scharfgeschnittenem Antlitz. Ein dunkler Schnurrbart und ein paar Narben auf Wange und Stirn gaben im Verein mit dem goldenen Klemmer dem Gesicht ein weiteres charakteristisches Gepräge.

Mit grossem Interesse musterte Hellmrich den einstigen Couleurbruder, der jetzt zum Rednerpult hintrat und seine Papiere auseinanderfaltete. Korff hatte sich im Grunde wenig verändert, nur etwas magerer war er geworden, dazu bestimmter in seiner Haltung, und auch seine Miene verriet noch grössere Entschlossenheit als früher in Jena.

Nun begann Korff seinen Vortrag. Er hatte ein grosses Organ, das mit seinem energischen, scharfen Klang den weiten Saal vollständig beherrschte, und er sprach mit jener kühlen, überlegenen Ruhe, die ihm schon als Student eigen war. Mit gespannter Aufmerksamkeit, aber auch in stark kritischer Stimmung folgte Hellmrich den Ausführungen des Redners. Er musste dabei aber notgedrungen die ruhige, sachliche Form anerkennen, die Korff während seines ganzen Vortrages hindurch beobachtete, sowie eine offenbar gründliche Sachkenntnis. Er schien sich mit grossem Fleiss in seine Materie eingearbeitet zu haben.

Wie Korff so sprach, hätte man meinen können, irgend einen volksfreundlichen Redner der bürgerlichen Parteien zu hören. Ja, er erkannte sogar wiederholt an, dass die neue deutsche Gesetzgebung die Rechte der Arbeiter gegenüber den Unternehmern sehr erheblich mehr wahrnähme und die Arbeiter dadurch im Verhältnis zu früher in mancher Beziehung wesentlich günstiger stellte. Aber dann kam gleich allerdings jedesmal ein dieses Lob einschränkender, ironischer oder scharf satirischer Nachsatz, dass natürlich die bürgerlichen Parteien diese Gesetze nicht etwa aus Liebe zu den Arbeitern gemacht hätten, sondern nur unter dem steten Druck der sozialistischen Bewegung, ohne deren frisch belebenden Hauch unser sozialpolitisches Leben noch genau so stagnieren würde wie vorher.

Noch schärfer jedoch trat der wahre Charakter des Redners hervor, als sich dann im Anschluss an seinen Vortrag eine Diskussion entspann. Da meldeten sich nämlich unter anderen auch ein kleiner Fabrikbesitzer und ein bekannter nationalsozialer Professor zum Wort, die sowohl auf die berechtigten Interessen der Arbeitnehmer hinwiesen, als auch für die vorurteilslosen bürgerlichen Parteien in Anspruch nahmen, dass ihnen gleichfalls das Wohl der Arbeiter am Herzen liege. Nun kam eine gewisse Spannung in die Atmosphäre der Versammlung; hier und da ertönte ein dumpfes Murren des Widerspruchs oder ein bitteres Auflachen.

Korff fertigte in einer Entgegnung die beiden Widersacher – von seinem Standpunkt aus – sehr schneidig ab. Noch schärfer klang jetzt seine Stimme, seine schwarzen Augen funkelten höhnisch, feindselig hinter den Klemmergläsern auf, und mit einer ungemein gewandten Dialektik zerpflückte er die Gegengründe Satz für Satz. Mit beissendem Spott machte er namentlich die »verschwommenen Phantastereien« des Professors, des »sozialen Friedensapostels«, lächerlich. Da sei ihm doch selbst noch der ehrliche, feindselige Egoismus lieber, als diese die Wirklichkeit umnebelnden, also irreführenden Humanitätsphrasen. Klar legte Korff seinen Hörern dar, wie absurd, wie platterdings unmöglich es einfach vom realpolitischen und nüchternen naturgeschichtlichen Standpunkt aus sei, dass ein Angehöriger einer Klasse, die im schärfsten Interessengegensatz zu einer anderen lebe, für sich in Anspruch nehmen wolle, ebenso gut für das Wohl jener anderen zu sorgen, wie diese selbst.

»Nein, Genossen und Genossinnen, das ist ein Unding, eine lächerliche Illusion politisch unklarer, schwachsinniger Köpfe – wofern es nicht ein unerhört frivoler Versuch Eurer Gegner ist, Euch blind zu machen und ruhig weiter auszunutzen. Ebenso wenig, wie der Fuchs dem Hasen, wie die Katze der Maus liebevoll besorgt ist, reichlich Futter zu schaffen und opferfreudig lieber selbst zu hungern, ebenso wenig werden die Arbeitgeber und die mit ihnen durch gleiche Lebensinteressen verbündeten bürgerlichen Klassen in Wahrheit sich um Euer Wohlergehen kümmern. Also: Nehmt klug, was sie Euch notgedrungen als kärgliche Abschlagszahlung auf Euer gutes, grosses Recht geben, aber verzichtet in törichter Bescheidenheit nicht auf den Rest – liefert Euch nicht ihrer »Grossmut« aus. Wie das einzelne Individuum im Kampfe ums Dasein nur an sich denkt, so jeder einzelne Stand im sozialen Kampf. Und darum noch einmal: Hier Arbeiter – hier Unternehmer! Das wird die Losung sein, die uns scharf und feindlich scheidet, bis einmal der wilde Verzweiflungskampf des darbenden Volkes ausgekämpft, bis einmal das soziale Elend aus der Welt geschafft sein wird, und die Morgenröte des Glücks, der Freiheit über einer neuen, grossen Ära des Menschengeschlechts strahlend aufziehen wird – im sieghaften Zeichen unserer Partei, der Menschen und Völker befreienden Sozialdemokratie!«

So schloss der Redner, und brausender, begeisterter Beifall lohnte seine Worte. Hellmrich blickte sich um: Lauter entflammte Blicke, aufgeregte Mienen, ja, viele waren aufgesprungen, als wollten sie im Überschwang ihrer Gefühle hindrängen zu dem Redner oder sich feindselig auf seine beiden Widersacher stürzen. Die Vorsitzende musste energisch die Glocke schwingen, um wieder Ruhe im Saal herzustellen.

In Hellmrich wogten die Gedanken gleichfalls erregt auf und nieder. Zum erstenmal in seinem Leben geschah es, dass er über das soziale Problem zu einem ernsten Nachdenken kam. Bisher hatte er politischen Dingen überhaupt ziemlich uninteressiert gegenübergestanden. Es war zunächst einmal seine grundsätzliche Ansicht gewesen, dass ein junger, erst werdender Mensch, wie ein Student, gut tue, sich nicht den Kopf mit Fragen der Politik zu erhitzen. Wirklich grosse nationale Aufgaben, wie einst vor der Reichsgründung, die auch den Jüngling schon mit Begeisterung hätten erfüllen können, gab es ja jetzt nicht mehr, und der gehässige, kleinliche Zank der Parlamente über Zölle und Steuern, ob ein Pfund Zucker ein paar Pfennige mehr oder weniger kosten sollte, das hatte ihn nur langweilen oder abstossen können. So hatte er denn, wie einst als Student, so auch jetzt als angehender Staatsbeamter, den politischen Teil der Zeitungen nur immer sehr mit Auswahl gelesen – nur hin und wieder eine Episode aus dem politischen Leben verfolgt, die ihn gerade einmal interessierte, aber im übrigen war es ihm höchst gleichgültig, ob dieser oder jener Minister am Ruder war, ob gerade wieder einmal irgendwo ein Streik war oder eine Zollenquete vor sich ging.

Heute nun mit einemmal traten all diese abseitsliegenden Dinge, laut seine Teilnahme heischend, an ihn heran, und er fühlte plötzlich, wie in seinem Innern gleichsam eine Tür aufsprang, wie ein bis dahin schlummernder Sinn langsam erwachte und sich alsbald kräftig zu regen begann. Es geschah dieses Erwachen teils unter dem nachhaltigen Eindruck, den vorhin das stille Beobachten der vielen hundert Menschen um ihn herum auf ihn gemacht hatte, die alle das gleiche Sehnen und Streben nach Vorwärtskommen, nach wirtschaftlichem, sozialem und geistigem Aufschwung zu einer starken politischen Flutwelle vereinte, teils aber auch unter dem Eindruck von Korffs beredten Worten, seiner selbst den Gegner fesselnden Art, und nicht zuletzt, weil die Person dieses Redners ihm einst menschlich näher gestanden hatte. So hatten ihn denn auch jetzt dessen Ausführungen viel kräftiger angefasst und aufgerüttelt, als wenn ein ganz Fremder zu ihm gesprochen hätte.

Ein zwiespältiges Gefühl bewegte Hellmrich. Auf der einen Seite musste er vieles, was Korff da eben gesagt hatte, durchaus anerkennen; er musste es aus eigener Beobachtung und Erfahrung bestätigen: Kein ernsthafter Mensch, der die Verhältnisse kannte und leidenschaftslos überblickte mit dem ungetrübten Auge des Mannes, der auch politische und soziale Erscheinungen mit ruhiger Objektivität auf ihren ursächlichen Zusammenhang und ihre Bedeutung für die allgemeine Menschheitsentwicklung hin prüfte, kein solcher konnte doch wohl leugnen, dass die Lage der Arbeiter und kleinen Angestellten noch vielfach sehr verbesserungsbedürftig war. Keiner konnte auch leugnen, dass in der Tat im Erwerbsleben ein kalt egoistischer Zug das Hauptmerkmal war, dass – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen – im allgemeinen die Interessen der Arbeitnehmer und -Geber im Widerspruch standen, und dass es unbestreitbar das Verdienst der Sozialdemokratie war, in den »bürgerlichen« Kreisen die Pflicht zur sozialen Fürsorge im modernen Sinne erst zum Bewusstsein und zur Betätigung gebracht zu haben. Ja – um ehrlich zu sein – er musste selbst das Korff zugeben, dass es sogar im Anfang nicht sowohl Mitgefühl mit der Not der arbeitenden Klassen als die Besorgnis vor der sich ungestüm, bedrohlich gebärdenden jungen Organisation ihrer Kräfte gewesen war, das hierzu getrieben hatte.

So machte Hellmrich mit grösster Ehrlichkeit gegen sich selbst Korff jedes Zugeständnis, dessen er nach seiner innersten Überzeugung fähig war; aber trotzdem konnte er Korffs Schlussfolgerungen aus diesen Tatsachen, seiner flammenden Aufforderung zum Klassenkampf, nicht folgen. Hier, fühlte er deutlich, überschritt jener die Grenze, welche klare Einsicht und die Sorge um die nationale Wohlfahrt der an sich durchaus berechtigten Bewegung der Arbeiterschaft zogen. Trotz aller Interessengegensätze brauchte doch keine Todfeindschaft zwischen »bürgerlichen« und »arbeitenden« Kreisen zu bestehen, als ob etwa die ersteren bloss die Blutsauger wären, die allesamt ohne ehrliche Arbeit sich bloss vom »Schweiss der Proletarier mästeten«. Wenn doch manch Arbeiter nur wüsste, wie nervenzerrüttende Kopfarbeit so zahllose Angehörige der von ihm beneideten »faulen Bourgeoisie« von früh bis spät in ihr Joch spannt, sie ihrer Familie entzieht und dennoch ihnen nur einen kärglichen Verdienst abwirft, der kaum höher ist als der vieler Handarbeiter!

Aber ganz abgesehen hiervon, so dachte Hellmrich, selbst da, wo wirklich die Gaben des Schicksals sehr ungleich verteilt waren, wo die Interessen des Unternehmers denen der Arbeiter und Angestellten in natürlichem Gegensatz gegenüberstanden, warum sollte es selbst hier nicht zur Verständigung im Guten kommen? Gab es doch in allen Berufsständen, auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens Interessengegensätze, aber sie alle wurden verständig durch Kompromisse ausgeglichen, ohne dass die Parteien sich in unversöhnlichem Hass gegenüberstanden. Warum also nicht auch hier? Und wenn es schon richtig war, dass das soziale Programm der modernen Gesetzgebung ursprünglich nur nüchterner Staatsraison zu verdanken war, so war doch gewiss auch wahr, dass das neue, nunmehr herangewachsene Geschlecht bereits aufgewachsen war mit dem der Menschheit neu gewonnenen Begriff der sozialen Pflicht, dass nunmehr Abertausende aus dem bürgerlichen Lager aus selbstlosen, idealen Beweggründen mithalfen, das Los der im Leben schlechter Gestellten nach Kräften zu bessern. Warum also Hass und Spott für sie?

Hier machte sich Korff eines schweren Verfehlens schuldig. Aber trotzdem, so musste sich Hellmrich bei ruhigem Nachdenken gestehen, war das nur zu begreiflich. Die ganze innere Entwicklung seines einstigen Couleurbruders, und so auch jetzt seine politischen Ansichten, waren ja nur eine traurige Folge seiner sozialen Herkunft, Erziehung und wirtschaftlichen Lage. In Entbehrungen und trübseligen Familienverhältnissen, im Lebenskreise des »Proletariats« aufgewachsen, hatte Korff, früh verbittert und hart geworden, die Gesellschaft immer nur aus seinem dunklen Winkel mit einem beschränkten Gesichtskreis kennen gelernt. Selbst die Schul- und spätere Universitätsbildung hatte an diesem schon früh gereiften, aber einseitig entwickelten Charakter keine regulierende Wirkung mehr ausüben können. So musste er denn schliesslich wohl dahin kommen, wohin er jetzt geraten war. Traurig, dass es so war, dass dieser scharfe, regsame Geist sich nicht in den Dienst des Aufbauens gestellt hatte, sondern eine zersetzende Wirksamkeit im Spiel der politischen Kräfte auszuüben bestimmt war, aber er konnte ihn darum nicht verachten. Denn er tat, was er seiner inneren Entwicklung nach musste, und – das war sicher – es war seine ehrliche Überzeugung, wenn er so sprach, wie vorhin.

Trotz allem aber, es blieb für Hellmrich ein trauriges Schauspiel, den ehemaligen Farbenbruder auf der Seite derer zu sehen, die in fanatischer Unbesonnenheit und Leidenschaftlichkeit gegen die bestehende Gesellschaftsordnung Sturm liefen, um mit manchem Schlechten blindlings auch das Gute niederzureissen und Hass und Zwietracht zwischen die Söhne und Töchter eines Volkes zu säen. So erhob er sich denn, um hinauszugehen. Im Vorübergehen am Vorstandstisch streifte sein Blick Korff, und auch dieser gab durch eine Gebärde des Erstaunens zu erkennen, dass er Hellmrich bemerkt hatte. Ein leises Lächeln spielte dabei um Korffs Lippen, als wollte er sagen: Ah, sieh' da, Freund Hellmrich! Du auch hier – vielleicht auf dem Wege zu uns? Aber Hellmrich sah den andern mit einem abweisenden, ernsten Blick an, der ihm jeden Zweifel darüber benahm, dass es keine Gemeinschaft gab zwischen ihnen beiden. Und dennoch sprachen auch Trauer und Mitleid aus diesem Blick.

So schritt Hellmrich aus dem Saal hinaus, aber noch draussen, beim langsamen Nachhausegehen, wogten die Gedanken des heutigen Abends in ihm nach. Mit gereifterem Urteil blickte er jetzt um sich und rückwärts. Wahrhaftig, – es sah in der Welt doch anders aus, als sie es als sorglose Studenten im lieben Jena gewähnt hatten, und es gab so manche bitterernste Dinge im Leben, von denen sie sich nichts hatten träumen lassen. Umsomehr aber war es Pflicht dessen, der nun ins Leben hinausgetreten war, frisch teilzunehmen an den Kämpfen der Zeit, mit warmem Herzen an der Linderung der menschlichen Not und an der Veredelung des menschlichen Geistes mitzuarbeiten, aber auch kraftvoll den Irrenden entgegenzutreten, die da wähnten, dass aus dem Samen des Hasses und der Zwietracht die Wohlfahrt der Menschheit erblühen sollte. Und wahrlich, er wollte sich fortab nicht länger in sträflicher Gleichgültigkeit dieser Pflicht entziehen! Mit diesem inneren Gewinn kehrte Hellmrich schliesslich heim.


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