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VII.

»Na, Herr Doktor, wie schmeckt Ihnen denn das Lichtenhainer hier? Wohl nicht so wie an der Quelle!«

Einer der Burschen der Albingia sagte es zu Hellmrich, als ihnen eben die Kellnerin die Holzkannen und -Kännchen auf den Tisch gesetzt hatte. Als offizieller Verkehrsgast hatte sich Hellmrich heute – mehrere Wochen nach den letzten Vorkommnissen – wieder einmal auf der Kneipe der befreundeten Berliner Landsmannschaft sehen lassen, und man war nun jetzt zum Abschluss noch auf ein paar Schoppen Lichtenhainer in das allbekannte Café Chicago gegangen, dessen Spezialität der Ausschank des Jenischen Weissbieres seit altersher ist. Nicht minder zugkräftig als das lehmfarbene, exotische Getränk erweist sich aber für die Musensöhne die Bedienung »von zarter Hand«. So ist denn schon seit Jahrzehnten jenes Lokal ein beliebter Treffpunkt nicht bloss für die alten Jenenser, die in der Millionenstadt sich wieder einmal in die ruhige, feuchte Atmosphäre des Bierdorfes versetzen wollen, sondern für Studierende und namentlich Couleurstudenten höherer Jahrgänge überhaupt.

Hellmrich tat, langsam kostend, einen Schluck. »O, gar nicht übel, wenn's freilich in Jena auch besser schmeckte.«

Die Kellnerin, die noch am Tische stand und mit einem der älteren Albinger scherzend plauderte, horchte auf und blickte zu Hellmrich hinüber.

»Ist's wahr, sind Sie auch in Jena gewesen?«

Hellmrich sah sie daraufhin an. Es war ein hübsches Mädchen, eine pikante Brünette. In dem knapp sitzenden, schwarzen Tuchkleid, das ihre schlanke Gestalt mit den weichen Linien vorteilhaft erscheinen liess, sah sie – fast konnte man sagen – distinguiert aus. Und das feine, duftige Battistschürzchen, das Abzeichen ihres Standes, liess sie nur noch koketter erscheinen, wie ein feines Haustöchterchen, das sich nur zufällig in das Studentenwirtshaus verirrt hatte.

»Ja, Fräulein Ilse,« – so hatte er sie beim Platznehmen begrüssen hören – antwortete Hellmrich, sie mit einem Lächeln des Wohlgefallens betrachtend. »Acht Semester wohlgemut!«

»Was, acht Semester?« Lebhaft fiel sie ein und kam zu seinem Platz hinüber. »Da kennen Sie gewiss 'ne Menge alter Jenenser. Auch von den Corps, ja?«

Sie stand dicht vor ihm, die eine Hand auf den Tisch gestemmt, die andere auf seinen Stuhl gestützt. Er bemerkte dabei, wie ihr linkes Handgelenk ein schweres, goldenes Kettenarmband umschloss. Sein Blick überflog dabei auch ihre Hand, die zierlich und wohlgepflegt war, und plötzlich fiel ihm am Mittelfinger ein Ring auf, offenbar ein Herrenring, der ihm bekannt vorkam. Herr Gott, wer trug doch immer so einen Ring? Aber es fiel ihm im Moment nicht ein, und so antwortete er denn auf ihre Frage:

»Von Ansehen, ja! In Jena kennt ja bald ein Couleurstudent den andern.«

»Haben Sie auch welche von den Vandalen gekannt, zum Beispiel den –«

»Ilse!« Einer der Gäste aus ihrem »Revier« drüben am Ecktisch, dem Stammplatz mehrerer alter auswärtiger Korpsburschen, zitierte, schon etwas ungeduldig, die Hebe, und diese eilte mit einem kurzen Wort der Entschuldigung hinüber.

»Wenn die rufen, hat sie's immer verdammt eilig,« grollte einer der Albinger in seine Kanne hinein und warf einen grimmigen Blick hinüber in die Ecke, wo drei ältere Akademiker, alle mächtige Riegel im Gesicht, sassen und gerade eine Lage Knickebein ausgeknobelt hatten, an deren Vertilgung sich die Dame vom Dienst nun beteiligen sollte.

»Kein Wunder! Es sind ja lauter Freunde von ihrem Verhältnis,« erklärte dem Ärgerlichen ein Couleurbruder, der als ein häufiger Besucher mit den Familienverhältnissen des Café Chicago ziemlich gut Bescheid wusste, diese Wahrnehmung.

»So – wer ist denn der Prinz-Gemahl Ihrer Hoheit jetzt?« – Fräulein Ilse wurde nämlich wegen ihrer aparten Erscheinung und ihres für gewöhnlich stolz zurückhaltenden, dafür aber um so reizvolleren Wesens »Prinzess Ilse« genannt.

»Na, die hat doch schon seit ein paar Monaten ein offizielles Verkehrsverhältnis mit 'nem auswärtigen Korpsier. Wie er heisst, weiss ich nicht. Aber ihre Kolleginnen nennen ihn den »süssen Rudi«.

Hellmrich betrachtete mit einem gewissen, ihm selbst befremdlichen Interesse den Gegenstand dieser Unterhaltung. Die Prinzess hatte sich inzwischen drüben »häuslich niedergelassen« und schien in eine gemütliche, vergnügt-familiäre Unterhaltung mit den Freunden und Vertrauten ihres Liebsten vertieft. Er gehörte zwar keineswegs zu den Leuten, die sich gewohnheitsmässig beim dritten Schoppen in jede halbwegs appetitliche Kellnerin zu verlieben pflegen; aber diese Ilse – wahrhaftig, das war was Besonderes! Da hatte man tatsächlich das Gefühl, dass hinter dem Mädel was Aussergewöhnliches, was Besseres steckte. Kein Wunder, wenn sie so ziemlich allen Besuchern des Lokals die Köpfe verdrehte, und diese vor Neid auf den Glücklichen schwollen, den sie mit ihrer prinzesslichen Gunst begnadet hatte.

Es reizte Hellmrich ordentlich, mehr zu hören von dem Mädchen, und er wandte sich daher an den Inaktiven der Albingia, der eben die Auskunft über sie erteilt hatte. Er erfuhr denn auch noch einige biographische Details über die interessante junge Dame. Sie sollte nach gelegentlichen eigenen Andeutungen und nach den on dits, die im Lokal im Umlauf waren, in der Tat aus guter Familie stammen, ihrer Stiefmutter wegen aber von Haus »ausgerissen« sein. Ein Bruder von ihr sollte sogar bei der Kavallerie einjährig dienen. Tatsache war jedenfalls, dass sie ganz gebildet sprach und schrieb, selbst mit französischen und englischen Redensarten um sich warf, tadellos ass und sogar reiten konnte. Es hiess, dass sie jeden Morgen mit dem »süssen Rudi« im Tiergarten spazieren ritt.

Wenn auch einige skeptische bemooste Häupter, denen nichts mehr imponierte, behaupteten, all der sagenhafte Nimbus um Prinzess Ilse's Erscheinung wäre nach einem altbewährten Trick von ihr selbst schlauerweise gewoben, um ihre Person interessanter zu machen, so hinderte das doch nicht, dass die Mehrzahl aller Gäste des Café's Chicago die Renommier-Kellnerin dieses Lokals mit einem gewissen Respekt behandelten. Denn das wusste jeder: Bei Ilse prallte alles Liebeswerben unfehlbar ab; ja sie liess etwas zudringliche Verehrer sogar ganz bösartig abfallen. Sie lebte »absolut anständig«; denn jeden Abend um zwölf Uhr, wenn sie »Kasse gemacht« hatte, zog sie sich solo aus dem Lokal zurück und bestieg regelmässig draussen eine Droschke, die sie heimfuhr. Ja, sie vermied es sogar, gemeinschaftlich mit ihrem offiziell anerkannten Verehrer das Restaurant zu verlassen. Er ging korrekterweise immer schon eine halbe Stunde eher.

So weit war Hellmrich über das schöne Fräulein orientiert, als Ilse wieder einmal am Tisch der Albinger erschien, um auch dort ihres Amtes zu walten. Da benutzte er die Gelegenheit, wie er ihr das leere Kännchen darbot, um den vorhin abgerissenen Faden der Unterhaltung wieder anzuknüpfen.

»Sie wollten mich ja vorhin fragen, ob ich einen von den Vandalen in Jena kenne, Fräulein Ilse.«

»Ach, ja! Ich meinte Herrn Simmert – den Renommierfechter von den Jenenser Korps – den haben Sie doch gewiss gekannt?«

Das Mädchen sah ihn mit einer gewissen Erwartung – ja, ihm schien, mit einem leisen, stolzen Lächeln an – doch dann zeigten ihre Mienen den Ausdruck grossen Erstaunens. So sehr überraschte sie die plötzliche Veränderung in den Zügen des ihr ganz fremden Gastes.

»Simmert? – Allerdings, den kenne ich auch – vom Ansehen!« erwiderte dieser stockend, und sein Antlitz wurde fast finster. »Aber wie kommen Sie gerade auf den?« fügte er dann mit forschendem Blick hinzu.

Das Mädchen fühlte sich bei seinem seltsamen Wesen mit einemmal etwas befangen, sie hatte eine dunkle Ahnung, die sie vor dem Fremden warnte, und ausweichend antwortete sie leichthin: »O, der fiel mir nur so ein. Er verkehrt mit den Herren da drüben und kommt auch häufig hier ins Lokal.«

Und sie wandte sich schnell ab, seine Kanne am Buffet füllen zu lassen.

Hellmrich blieb in einer lebhaften Erregung zurück. Welch' wunderbarer Zufall! Auch hier musste er wieder auf Simmert stossen. Ja, vielleicht trat er jeden Augenblick in die Tür, und dann sassen sie sich gerade gegenüber! Er malte sich mit gefurchter Stirne diese Situation aus.

Die Kellnerin kam zurück. Schnell wollte sie Hellmrich nur seine Kanne mit einem kurzen »Bitt' schön« hinsetzen. Da aber fiel sein Blick wieder auf ihre Hand, die ihm das Gefäss hinreichte, und auf den Ring!

Ah! Nun wusste er mit einemmal, an wem er diesen Ring schon gesehen hatte: Simmert! Es war der altertümliche Brillantring mit Rubinen, den er damals aus dem Nachlass der Grossmutter in Jena bekommen und dann ständig getragen hatte. Und plötzlich durchzuckte Hellmrich auch eine Erleuchtung: Das Mädchen hier vor ihm war die, um derentwillen Lotte in Jena von Simmert vernachlässigt wurde!

Aber es verlangte ihn, sein Vermuten bestätigt zu sehen. So deutete er denn plötzlich auf den Ring an Ilse's Finger und sagte leise: »Ein Andenken aus Jena, wie ich sehe!«

Das Mädchen schrak ordentlich zusammen. »Woher wissen Sie das?« fragte sie mit grossen Augen ebenso zurück.

Hellmrich aber antwortete ihr mit einem ernsten, durchdringenden Blick: »Ich kenne Rudolf Simmert seit seinen Schuljahren.«

Seine plötzliche Enthüllung ihres Herzensgeheimnisses und dieser Blick, hinter dem sich noch mehr versteckte, verwirrten sie so, dass sie gegen ihren Willen sich erröten fühlte. Schnell ging sie daher, ohne ein Wort der Erwiderung, vom Tisch fort. Später sass sie wieder drüben am Eckplatz, und Hellmrich bemerkte, wie sie ihn von Zeit zu Zeit verstohlen mit einem scheuen Blick aus ihren dunklen schönen Augen anstarrte.

Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, da hörte Hellmrich plötzlich am Nebentisch die Bemerkung: »Sehen Sie, da kommt ja der schöne Rudi – der Schatz von der Prinzess. Der Kerl ist zu beneiden, was?«

Hellmrich sah sich um. Richtig, da kam Simmert. Im modischen schwarzen Raglan und Cylinder, die Hände in den Mufftaschen vergraben, den Stock mit der Silberkrücke über den Arm gehängt, ein Monokel im Auge, die Zigarette im Mund, und Lackstiefel an den schmalen Füssen, so kam er, der Typus eines Grossstadtkavaliers, heran – in wirksamem Kontrast zu seiner gezierten Kleidung die tiefen Narben im Gesicht mit dem blonden, keck nach oben gebürsteten Haby-Bart.

Nun stand er neben Ilse am Garderobenständer, die ihm entgegengeeilt war, einen heimlichen Händedruck mit ihm zu tauschen. Wirklich, ein auffallend schönes Paar, diese beiden schlanken, hohen Gestalten! Das musste selbst Hellmrich denken, als er sie so beobachtete. Er konnte deutlich sehen, wie sie ihn mit einem heissen Aufleuchten aus den dunklen Augen innig grüsste – das Mädel schien wirklich regelrecht in ihn verliebt – während er mit ganz gelassener, gleichgültiger Miene, ja mit einem leisen Ausdruck des Unwillens ihre, ihm unangenehme Begrüssung vor der Öffentlichkeit hinnahm. Nachlässig reichte er ihr Stock und Hut zu, hing seinen Paletot auf und kam dann, mit einem hochmütigen Ausdruck oberflächlich über das Lokal hinsehend, an seinen Stammtisch.

Als er dort schon eine Weile gesessen hatte, bemerkte Hellmrich, wie Ilse, die sich auch wieder an dem Tisch niedergelassen, ihm etwas zuflüsterte. Daraufhin ein überraschtes Zusammenzucken Simmerts, dann ein ärgerliches Stirnfalten, und nun kam sein Blick suchend herübergeflogen an den Tisch der Albinger. So sahen sie sich wieder. Aber nur eine Weile. Dann wich Simmert dem tief durchdringenden Blick Hellmrichs aus und tat, als habe er nichts ihn irgendwie Interessierendes bemerkt. Angelegentlich widmete er sich vielmehr der Unterhaltung mit seinen Freunden.

Hellmrich dagegen konnte nicht davon ablassen, nach dem Tisch hinüber zu starren. Ging doch allzuviel innerlich mit ihm vor. Ein heftiger, stechender Schmerz bohrte in seiner Seele über das, was sein Auge dort schaute. Und doch bannte es seinen Blick unwiderstehlich dorthin. Dazu also war seine ehrliche Liebe von Lotte verschmäht worden. Dazu hatte er die Geliebte dem anderen überlassen müssen, dass diese nun selber verraten und betrogen wurde! Ein ingrimmiger Hass gegen Simmert schwellte seine Brust, krampfhaft ballte er seine Hände um die Kanne, während er mit einem gezwungenen Lächeln auf eine Bemerkung seines Nachbarn antwortete.

Dann überliess er sich wieder seinem Brüten. Immer wieder erschien ihm Lotti's Bild in all ihrer holdseligen Mädchenhaftigkeit, in ihrer süssen Reinheit vor der Seele. Wie hätte er vor diesem Bilde anbetend knieen wollen, wie würde er es hochgehalten haben, dass der Staub des Alltags nicht an ihren Saum rührte! Und da sass einer, der mit unbedenklichem Siegerlächeln sie an sich gerissen hatte, und nun besudelte er ihre Reinheit, indem er mit einer anderen – Ah, es war nicht zum Ausdenken! Und mit diesen Lippen, die noch brannten von den leidenschaftlichen Liebkosungen der verliebten Schenkin hier, war er so manchmal frech hingefahren und hatte seine ahnungslose Braut geküsst!

Hellmrich hätte in blinder Wut hinstürzen und dem Elenden seine Schande vor aller Welt ins Gesicht schreien mögen. Mit Mühe nur zwang er sich zur äusseren Ruhe. Es war ihm daher lieb, als bald ein paar der älteren Leute, mit denen er sass, sich zum Aufbruch anschickten. Ja, das war das Beste, dass er schnell hinauskam – in die frische Nachtluft. Das würde ihn beruhigen.

Man klapperte mit den Kannendeckeln, um Ilse drüben aufmerksam zu machen und zum Zahlen herbeizuholen. Sie vernahm es und kam herüber. Während die andern scherzend mit ihr abrechneten, sandte Hellmrich noch einen letzten, heissflammenden Blick hinüber, denn er merkte, dass dort von ihm gesprochen wurde. In der Tat wandten ein paar von Simmerts Tischgenossen neugierig die Köpfe zu ihm hin. Simmert selber aber, um sich eine möglichst gleichgültige Haltung zu geben, strich sich nachlässig mit der Linken seinen Bart hoch, während er mit dem Dritten sprach. Bei dieser Bewegung Simmerts konnte Hellmrich deutlich wahrnehmen, dass sein Handgelenk ein gleiches Kettenarmband wie das Ilses schmückte. Dagegen fehlte am vierten Finger der Verlobungsring. Ah, der Elende, er hatte das Gedenkzeichen der Braut abgelegt, um unanstössig hier mit seiner Buhlerin verkehren zu können, deren Liebesband er trug.

Nun stand Ilse vor Hellmrich. Dieser legte ein Geldstück hin, verzichtete auf das Herausgeben und wollte sich kurz von ihr abwenden, um sich anzuziehen. Die Prinzess vermied es, ihn anzusehen; ziemlich bedrückt von der Situation, nahm sie das Geldstück auf und tat es in ihr Zahltäschchen. Im Begriff sich umzudrehen, streifte Hellmrich mit einem kurzen Blick noch einmal ihr Gesicht. Da fiel ihm der genierte Ausdruck ihrer Miene auf, und wieder kam ihm das Gefühl, dass in diesem Mädchen, trotz ihres Berufes, vielleicht etwas höhere Gesinnung stecke. Zugleich durchfuhr ihn der Gedanke: Sie weiss am Ende gar nichts von Simmerts Verlobung. Sie hält ihn gewiss für frei!

Und da gerade die andern nicht auf sie achteten, raunte er ihr leise zu:

»Ilse – wissen Sie, dass Simmert eine Braut in Jena hat?«

Die »Prinzess« zuckte zusammen und wurde ganz blass. Unwillkürlich flog ihr Blick zu dem Geliebten hinüber, wie, um sich seiner Treue zu vergewissern. Aber dann erwiderte sie mit einem hochmütigen Auflachen:

»Das ist nicht wahr! Das sagen Sie bloss, weil Sie sein Feind sind. Er hat's mir ja gesagt, wie Sie zu einander stehen.«

Hellmrich zuckte schweigend die Achseln. Ohne das Mädchen noch eines Blickes zu würdigen, verabschiedete er sich von den Zurückgebliebenen, und verliess dann mit seinen Begleitern das Lokal.

Als Hellmrich nach Hause kam, fand er seine Mutter noch auf, und, noch ganz unter dem Eindruck des eben Erlebten stehend, machte er seinem Herzen Luft. Wie Simmert seine Braut in nichtswürdiger Weise betrüge – mit einer Kellnerin! Da es schamlos, in vollster Öffentlichkeit geschähe, so sähe er keinen Grund, noch irgendwelche Rücksichten zu nehmen. Im Gegenteil, was ihm auch von Lotte geschehen sei, sie stehe ihm noch immer zu hoch da, als dass sie verdiene, von einem Elenden unglücklich gemacht zu werden. Er gäbe der Mutter daher vollste Freiheit, von seiner Mitteilung Gebrauch zu machen. Sie möge es ruhig der Hofrätin mitteilen, es sei das ja sogar eine Freundschaftspflicht, die sie unbedingt erfüllen müsste.

So sprach Hellmrich zur Mutter, und es war in der Tat nur tiefe Empörung, Mitleid mit Lotte, die ihn beseelten. Ein Gefühl kleinlicher Rachsucht und Schadenfreude, nun endlich einmal dem glücklicheren Nebenbuhler einen Streich versetzen zu können, hatte in seiner ehrlichen Seele keinen Raum.


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