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XI.

Nun stand Hellmrich schon ein Vierteljahr im Joch der Berufsarbeit. Er tat gewissenhaft seine Pflicht, aber es geschah ohne rechte Liebe und Befriedigung; denn gar bald hatte er erkennen müssen, dass er wenig pädagogische Neigungen und Talente hatte – wenigstens der Art, wie sie jetzt von ihm verlangt wurden.

Früher hatte er sich daraufhin niemals geprüft. Als er sein Studium begann, da hatte ihm immer noch die Hoffnung vorgeschwebt, es werde sich irgendwie später schon ermöglichen lassen, dass er, wie sein Vater, die akademische Lehrlaufbahn einschlagen könnte. Freie wissenschaftliche Forschung, das liebevolle Versenken in ein Spezialgebiet des Wissens und dann später die klare, übersichtliche Darstellung seiner Funde in Wort und Schrift – ja, das war es gewesen, was ihn gereizt hatte und was auch seinem ganzen, tief angelegten, mehr nach innen gekehrten Wesen entsprochen hätte.

Freilich war dann, als die Erkenntnis der schwierigen materiellen Lage der Mutter über ihn gekommen war und ihn gereift hatte, ja der Gedanke an solche Dinge schweren Herzens zurückgedrängt worden, wenn er ihn auch freilich nie ganz aufgeben mochte. Von einer späteren Zukunft erhoffte er noch immer eine Verwirklichung seiner einstigen Pläne. Wenn er nur rastlos nebenher weiter wissenschaftlich arbeitete, so – hatte er gemeint – konnte es ihm doch noch gelingen; es war ja schon so mancher noch aus der Gymnasialkarriere in die Universitätslaufbahn übergetreten. Und in dieser Hoffnung hatte er sich denn auch schliesslich an den Gedanken gewöhnt, eine Reihe von Jahren hindurch mal den »Pauker« zu spielen.

Aber nun, wo es so weit gekommen war, wo er das Schulamt praktisch kennen lernte, da schmeckte dieses doch viel bitterer, als er es sich gedacht hatte. Er hatte sich früher immer zum Trost die idealen Seiten des Lehrerberufs vorgestellt: Die Jugend zu bilden und zu erziehen, so für einen tüchtigen Nachwuchs seines Volkes zu sorgen, war das nicht eine hohe, wichtige Aufgabe – im Grunde doch zehnmal wertvoller als z. B. die negative Tätigkeit des Richters, der bloss die Schädlinge der menschlichen Gesellschaft ausrottet? Und musste es nicht unendlich viel innere Freude und Befriedigung gewähren, in befruchtende, persönliche Beziehungen zu jungen, noch aufnahmefähigen Menschenseelen zu treten, sie zu Spiegelbildern der eigenen Persönlichkeit zu machen, und das Heranblühen und Reifen schöner Gaben in ihnen täglich zu verfolgen?

Doch wie war das in der Wirklichkeit so ganz anders! Da sass er vor einer überfüllten Klasse von 30-40 Schülern – und er hatte in drei solchen zu unterrichten – wo von einem eingehenden individualisierenden Beschäftigen mit dem Einzelnen nicht die Rede war. Er hatte ja für jeden seiner Schüler im Laufe einer Unterrichtsstunde fast nur eine flüchtige Minute übrig. Und statt des erfrischenden, freudigen Vorwärtseilens mit den Lernbegierigen und Befähigten, auf deren verständnisvoll aufleuchtende, helle Blicke er sich als schönsten Lohn gefreut hatte, hiess es, sich den allergrössten Teil der knappen Zeit mit der Mittelmässigkeit oder Unbegabtheit aufhalten. Denn, wie ihm der Herr Ordinarius, dem er im besonderen beigegeben war, immer und immer wieder gewichtig auseinandersetzte, war es die Aufgabe des Lehrers, gerade einen möglichst grossen Teil der Schüler gleichmässig zu fördern, ein gutes Durchschnittsniveau zu haben, das den Anforderungen an die Klasse entspräche.

Das war nun freilich himmelweit verschieden von dem, was ihm vorgeschwebt hatte, und es widerte ihn nur allzu bald an, die für ihn einfachsten, selbstverständlichsten Dinge ein Dutzend Mal hintereinander einem dummen oder unaufmerksamen Jungen nach dem andern herzuleiern. Gar manchmal ertappte er sich dabei, wie ihm – ganz gegen alle pädagogischen Grundsätze – die Geduld riss, und er heftig gegen einen armen begriffsstutzigen Kerl wurde, der, wie er sich hinterher beschämt und ärgerlich selbst sagte, im Grunde doch nichts für seine Dummheit konnte.

Auch mit der wissenschaftlichen Nebenarbeit sah es sehr schlecht aus. Die jedesmalige Vorbereitung für die Stunden des nächsten Tages, die sich ihm bald als notwendig gezeigt hatte, um möglichst allen unerwarteten Zwischenfragen gewachsen zu sein, und das elende, geisttötende Heftekorrigieren, das verschlang ja eine fürchterliche Zeit. Da musste er sich manchmal unglaublich abhetzen, bloss um noch die Zeit zu finden, seine Privatstunden zu geben und abends seine Referententätigkeit für die Zeitung auszuüben. Für ein Leben mit seiner Familie, für seine wissenschaftlichen Arbeiten blieb also nur noch der Sonntag übrig.

Zu all dem kam noch das miserable Verhältnis zu seinem Direktor. Es war ganz so geworden, wie er es befürchtet hatte. Direktor Höpfner hatte ihn schon bei seiner Meldung mit jenem höhnischen, kalten Wesen behandelt, das ihn bereits als Schüler immer auf's schwerste gereizt hatte. Ihn aus zusammengekniffenen Augen mit seinem spähenden Polizistenblick musternd, hatte er ihn händereibend, mit spöttischem Grinsen empfangen:

»Ppp! Sieh', sieh'! Der Herr Doktor Hellmrich, unser neuer Probandus! Anhänglichkeit an die alte Schule – Wirklich rührend! Ppp!«

Ohne ihm zur Begrüssung die Hand zu reichen, hatte er ihn dann schliesslich zum Sitzen aufgefordert und ihm nun in sehr scharfer Weise die Anforderungen auseinandergesetzt, die er zur Erhaltung des »Geistes der Anstalt« in wissenschaftlicher und persönlicher Beziehung an die Herren seines Lehrerkollegiums stelle. Diese Ansprache war gespickt mit versteckten Ausfällen gegen Hellmrich; er gab ihm zu verstehen, dass jetzt das regellose Studentenleben vorbei sei, dass nun wieder ein sittlicher Ernst in seinem Leben regieren müsse. Hellmrich hatte, sich vor Wut die Lippen beissend, dagesessen; alles was er tun konnte, war, dass er sich so stellte, als verstände er diese Perfidien nicht.

Dieses erste Begegnen war nur das Vorspiel einer ganzen Reihe anderer, ebenso unerquicklicher Reibungen gewesen, die Hellmrich von Fall zu Fall widerwärtiger wurden.

Direktor Höpfner war wegen seiner starken Orthodoxie bekannt, und mit zelotischem Eifer hielt er, soweit es in seiner Macht stand, darauf, dass nicht nur im Religionsunterricht, sondern auch in sämtlichen anderen Disziplinen, wo gelegentlich biblische Lehren gestreift wurden, die buchstäbliche Geltung des Bibelwortes den Schülern gegenüber aufrecht erhalten wurde. Nun hatte zwar Hellmrich ja mit dem Religionsunterricht nichts zu schaffen, aber die Naturgeschichtsstunden, die er gab, boten häufig einen Stein des Anstosses.

Der Direktor hatte, bald nach Beginn von Hellmrichs Kandidatentätigkeit, einmal einer Zoologiestunde beigewohnt, die dieser in der Sekunda gegeben hatte. Hellmrich hatte dabei Veranlassung gehabt, über die Mimicry in der Tierwelt zu sprechen. Er hatte darauf hingewiesen, wie viele Tiere, zum Schutz gegen Feinde, sich in der Farbe an die Umgebung, in der sie leben, völlig anpassen, um sich unkenntlich zu machen, wie z. B. also manche Insekten die Form von Blättern oder die Farbe der Baumrinde, die sandgelben Wüstentiere die der Wüste oder die weissen Polartiere die des Schnees und Eises annähmen. Er glaubte weiter dann auch die Erklärung dieser doch nicht ohne weiteres selbstverständlichen Erscheinung geben zu sollen, und erläuterte also in lebendiger, anschaulicher Weise, wie allmählich, im Lauf einer tausendjährigen Entwicklung, die betreffenden Arten zu diesen besonderen Merkmalen gekommen seien. Wie nach und nach die Individuen, welche eine unzweckmässige, auffallende Färbung hatten, die Beute ihrer Feinde geworden seien, sodass in natürlicher Auslese nur noch die für den Kampf ums Dasein besonders tauglichen Individuen übrig geblieben seien, und diese hätten ihre charakteristischen, vorteilhaften Eigenschaften weiter auf ihre Nachkommen übertragen, gemäss dem die ganze Natur beherrschenden grossen Grundsatz der Vererbung.

So lehrte Hellmrich und freute sich im stillen, wie er die meisten Jungen mit gespanntem Interesse und aufdämmerndem Verständnis ihm lauschen sah: Ja, das war doch mal was anderes, was Neues; nicht immer das öde Schema, nach dem ihr gewöhnlicher Lehrer, der alte Professor X., ihnen jegliches Getier nach seinen Merkmalen höchst langweilig klassifizierte. Aber statt einer Anerkennung seitens des am Ofen sitzenden und die Hände vor dem Bauch faltenden Schultyrannen kam ganz etwas anderes.

Gleich beim Beginn von Hellmrichs Ausführungen hatte der Direktor förmlich die Ohren gespitzt, dann folgte ein Schütteln des Kopfes, immer häufiger und heftiger, hierauf vernehmliches Räuspern und Hüsteln, zugleich streng missbilligende Blicke zum Katheder hinauf. Als aber Hellmrich zu seinem grossen Ärger unbeirrt weiter sprach, als verstände er die doch selbst den Schülern schon auffallenden Warnsignale nicht im mindesten, da war er nervös aufgesprungen und hatte durch allerlei Zwischenfragen an die Schüler ihn von seinem Thema abzubringen gesucht. Aber umsonst, dieser unverschämte Kandidat liess sich nicht irre machen und brachte seine Ausführungen richtig zum Abschluss. Das aber war dem Gestrengen zu viel; solch unchristlichem Lehrgreuel musste er auf der Stelle entgegentreten, und so ergriff denn der Herr Direktor selbst das Wort:

»Sehr schön, Herr Kandidat! Sie haben da den Schülern eben in sehr jeistvoller Weise die Auffassung eines modernen Forschers vorjetragen. Nur dürfen wir nicht verjessen, hinzuzufügen, dass das eben eine rein persönliche Auffassung dieses Mannes ist, eine vage Hypothese, die aber absolut nicht zu beweisen ist! Ppp! Solche jeistreichen Spielereien sind ja sehr was Schönes, sie sollen uns doch aber nicht abhalten, an der Erkenntnis festzuhalten, die uns längst in viel einfacherer und einleuchtenderer Weise diese und andere Vorgänge in der Natur erklärt. Ihr wisst, lieben Schüler, dass in der ganzen Natur, in allen Erscheinungen und Äusserungen des Lebens jeglicher Kreatur, sich der Wille des erhabenen Schöpfers und Regierers des Weltalls offenbart. Ihr wisst, es steht jeschrieben, dass ohne seinen Willen kein Sperling vom Dach fällt, und so seid dessen auch sicher, dass alle jenen wunderbaren Erscheinungen, auf die Euch Euer Lehrer hier eben mit Recht hinjewiesen hat, auch nur Offenbarungen seiner unerforschlichen, ewig fürsorgenden Weisheit sind.«

So predigte der Herr Direktor noch lange eindringlich, und Hellmrich stand dabei, blass, im Tiefsten erregt, dass er hier selber wie ein Schuljunge vor seiner Klasse rektifiziert wurde und dazu schweigen musste, trotzdem er merkte, dass mehrere der aufgeweckteren Schüler bald stutzig wurden und ihn verwundert oder gar schadenfroh ansahen.

Aber damit noch nicht genug! Am andern Morgen, als Hellmrich mit den älteren Kollegen im Konferenzzimmer sass, wurde er von dem Kastellan zum Herrn Direktor beschieden, und hier prasselte eine besondere Standpauke auf ihn nieder. Der Schulleiter verbat sich auf's entschiedenste, dass an seiner Anstalt die atheistischen Lehren Darwins verbreitet würden. Natürliche Auswahl, Zuchtwahl, Kampf ums Dasein – Ppp! Mit diesen gleissnerischen, heidnischen Phrasen möge man ihm vom Leibe bleiben! Jedenfalls dürfe ihm keiner die seiner Obhut anvertrauten Schüler mit solchem Zeug in ihrem frommen christlichen Glauben erschüttern. Hellmrich hatte zwar versucht, seinen wissenschaftlichen Standpunkt zu vertreten, aber er war nicht zum Wort gekommen. So hatte er sich denn schliesslich dem direkten Verbot seines Vorgesetzten fügen müssen, aber die Freude an seiner Berufsarbeit war ihm gänzlich verkümmert worden, seitdem er darauf verzichten musste, die Dinge im Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnis zu zeigen.

War so schon Hellmrichs Leben nicht reich an Freude, so kam noch anderes hinzu, ihn oft ernst oder gar traurig zu stimmen.

Seitdem er jene neuerliche Begegnung mit Simmert gehabt, die sogar zu einem indirekten Eingreifen in seine und Lotte's Beziehungen geführt hatte, war ihre Person wieder mit neuer Gewalt in sein Leben getreten. Die Gedanken an sie liessen ihn nicht los. Gerade jetzt, wo er mit eigenen Augen gesehen hatte, auf wie schwachen Füssen ihr Glück stand – auch wenn es noch einmal wieder aufgerichtet war – gerade jetzt musste er so oft an Charlotte denken. Treue der Gesinnung war ja einer seiner hervorstechendsten Wesenszüge. So war er denn in seinen Gefühlen der Zuneigung zu Lotte unverändert geblieben. Natürlich war aus seinem Empfinden das Wünschen verschwunden, damals, als die Geliebte sich dem andern versprochen; aber seine Liebe für sie, die aufrichtige Sorge um ihre Zukunft, das war trotz des schweren Schlages, den sie ihm versetzt, unversehrt geblieben. Wenn ihn freilich auch bei Charlottens Besuch in Berlin sein Stolz abgehalten hatte, ihr sein wahres Empfinden zu zeigen, so hatte er sie doch nie zu lieben aufgehört.

Und wie vielmehr jetzt, wo er wusste, dass sie einer bangen, trüben Zukunft entgegenging, die ihr statt des erträumten Glückes die bittersten Enttäuschungen bereiten würde! Denn sie kannte ja Simmerts Charakter garnicht; sie ahnte nicht, wie alles Lug oder Selbstbetrug war, womit er sie jetzt noch einmal betört hatte. Und wenn er sie sich nun gar vorstellte, wie das holde, süsse Geschöpf in Tränen zerflossen, schmerzgequält seelisch namenlos litt und körperlich elend war, um dieses Unwürdigen willen – ah, es brachte sein ganzes Wesen in Aufruhr!

Wahrhaftig, es war kein Neid, kein geheimer egoistischer Wunsch; er hätte sie einem andern, wenn auch blutenden Herzens, wohl gegönnt, wenn dieser sie nur wenigstens glücklich gemacht hätte! Aber es hatte ihn in höchste Erregung gebracht, als er von seiner Mutter nach einem Schreiben der Hofrätin erfahren hatte, dass die Verlobten sich wieder ganz ausgesöhnt hätten! O diese kurzsichtige, unverständige und schwache Mutter, Frau Gerting! Sie ahnte nicht, welch schlimmer Zukunft sie ihr Kind blind entgegenführte. Und dass er, der alles kommen sah, nicht raten, nicht helfen konnte! Nein, mit sehenden Augen musste er die Geliebte in ihr Unglück hineintreiben sehen. Und immer wieder kam ihm dann der bittere Gedanke: Wie anders hätte sie es haben können!

Das alles stimmte ihn zumeist tiefernst, fast melancholisch. Er vermied es aber, sich über diese Dinge auszusprechen, mit denen sein heiligstes Empfinden so innig verquickt war. Selbst seiner Vertrauten, Schwester Lisbeth, teilte er sich nicht mit. So glaubten denn diese und die Mutter nur, dass sein Verdruss in der Schule, die Unbefriedigung in seinem Berufe ihm innerlich so nahe gingen. Mit herzlicher Teilnahme und Bekümmernis sahen es die Frauen mit an. Aber wie sollten sie ihm helfen? Der leidige Broterwerb, die Notwendigkeit, seine Familie zu unterstützen, machten es ja unumgänglich notwendig, dass er in der Laufbahn aushielt, die er einmal eingeschlagen hatte!


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