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Vierundzwanzigstes Kapitel

Von einem großen Schnee und einem plötzlichen Todesfall

›Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen‹, heißt es in einem Liede, aber wie sehr die, welche daheim geblieben, auf dieses Erzählen blangen, heißt es in keinem Liede, und doch ist das Verlangen des Hörens meist größer und häufiger als der Trieb zu erzählen. Wer hat es nicht schon erfahren, wenn er heimkam und das Maul nicht alsbald auftat bis hinter die Ohren, entweder weil er müde war oder weil er nichts wußte, ein: »Weißt nüt Neus?« nach dem andern auf ihn einkam und immer spitzer, immer ähnlicher dem Zauberspruch des Räubers: »Blut oder Geld!«, bis er mit etwas rausmußte, mit einer nagelneuen Lüge endlich, wenn er keine Wahrheit wußte.

Nun, so arg war es auf der Ankeballe nicht und auch nicht nötig, wenigstens an selbem Sonntag nicht. Allerdings nahm es Lisi wunder, was gegangen war, aber seine Leute zu pressen wie eine Zitrone, um zu ihren Erfahrungen zu kommen, hatte es nicht im Brauch und diesmal auch nicht nötig. Gretli hielt nicht hinter dem Berge. So sehr es Lisi freute, daß Benz dagewesen und nicht Hans, so sehr ärgerte ihns aber auch Hanse Betragen. Das sei denn doch nicht erhört worden, sagte es, daß einer es vergessen, daß er Götti sein solle, davongelaufen sei, ohne wenigstens einen andern zu bestellen. Es sei gut, daß Gritli das nicht erlebt, das hätte es nicht verwinden können. Es sei eine Schande fürs Haus, und wenn es unter die Leute komme, so müsse es sich wohl die ganze Gemeinde entgelten und sich vorhalten hören, wie kommod es sei, hier Göttene zu bestellen. Wenn der Vater jetzt nicht dem Jungen sein Treiben ein für allemal stelle, so halte es sein Lebtag nichts mehr auf ihm.

Wenn's stark nebelt, schneit's gerne viel; so geschah es auch damals. Es flockte am folgenden Morgen vom Himmel, als ob droben alle Federbetten aufgegangen und, mit Platzregen befeuchtet, die schwer gewordenen Federn niederfielen. Oder waren die großen Flocken Liebesbriefchen der Sonne, welche sie der lieben Erde sandte, von der sie durch den wüsten Nebel geschieden war wochenlang, der jetzt zur Strafe selbst das Material sein mußte zu der Sonne zarten Liebesbriefchen? Es schneite am Montag aneinander, und eine Flocke drängte die andere, daß man kaum fünf Schritte weit sah und die Hühner gleich nach Mittag z'Sädel wollten, weil sie meinten, es gehe auf den Abend.

Auf einem Baurenhof auf den Bergen ist's dann ein einsam, heimelig Leben. Man ist abgeschnitten von der Welt, die Wege sind verschneit, es geht, wenn nicht besondere Umstände obwalten, niemand vom Hause, und es kömmt niemand als etwa, wenn der Melker mistet, eine hungerige Krähe auf den Mist. Drinnen spinnt es, als ob das Stroh vom Dache gesponnen sein müßte, die Knechte holzen, wenn das Dreschen aus ist und Holz beim Hause, oder machen Bänder für die nächsten Garben. Wer schnefeln kann, bessert das Werkzeug aus, macht Hauenstiele, Axthelme und Flegelshäupter in Vorrat. Am Abend sammelt man sich in der Stube, haspelt die vollgesponnenen Spulen ab, rüstet zum Gebrauch oder zum Dörren Äpfel oder Erdäpfel, ja auch Möhren oder Rübli werden klein geschnitten, um wohlgedörrt den wahrhaftigen Kaffee zu verbessern. Soll es länger als einen oder zwei Tage dauren, so bricht dann wohl ein vorwitzig Knechtlein aus, dem es zu eng wird im weiten Hause, unter dem Vorwand, es müsse doch erkundigen, wie tief der Schnee sei und ob irgendwo noch Leute lebten. Manchmal kömmt es noch selben Abend heim, oft aber erst am folgenden Morgen und weiß dann auch viel zu erzählen, warum es nicht schon am Abend geschehen sei; daran ist dann aber zumeist wenig Wahrheit, oft pure Dichtung.

Nun schneite es selbe Zeit so vaterländisch, als ob es nicht mehr aufhören wollte, bis Mittwoch abend. Da ward guter Rat teuer, denn am Donstag war Unterweisung, und Bäbeli, Gretlis Schwester, erklärte, die fehle es nicht, es wolle keine fehlen, Krankheit ausgenommen, das habe es sich heilig vorgenommen. Vergeblich stellte man ihm vor, der Pfarrer sei auch ein Mensch, werde daher wohl Verstand haben; vergeblich sagte Gretli: »Weißt ja nicht, daß der Pfarrer immer sagt, bei solchem Unwetter solle man nicht kommen, er begehre nicht, daß man die Gesundheit verderbe?« Das wisse es wohl, daß das der Pfarrer sage, sagte Bäbeli, aber einmal wolle es keine fehlen, und jetzt solle man es nicht mehr plagen. Endlich trat der Vater auf seine Seite und sagte: »Laßt mir das Meitschi ruhig, sei es jetzt Hochmut oder Eifer, so ist die Sache recht, die es will, und darum soll es gehen, wenn es zu machen ist.«

Am Morgen hatte das Schneien aufgehört. Die Sonne sah wieder auf ihre Erde, aber kalt. Nach all den Liebesbriefen hätte man glauben sollen, die Liebe müßte heißer sein. Aber so geht es: wenn man zu äußerlich wird, fängt es innerlich an zu fehlen, wer zu viel schießt, kömmt ums Pulver, und wer mit Liebesbriefen bombardiert, um die Liebe. Die Knechte mußten ans Schneeschorren hin, das war eine harte Arbeit. Die Wände neben dem Wege wurden über mannshoch, daß man oft nicht recht wußte, sollte man schorren oder einen Tunnel machen. »B'hüt Gott das Land, wenn der plötzlich vergehen sollte, da unten ging's ärger als bei der Sündflut; b'hüt Gott die Berge, wenn der nur von der Sonne abgehen sollte, der bliebe bis z'Michelstag!« sagten die Knechte.

Kaum war es möglich, den Weg frei zu machen, daß Bäbeli um eilf Uhr in die Unterweisung kam. »Ei mein Kraft«, rief der Pfarrer verwundert aus, »du auch da und bist mit dem Leben davongekommen! Bäbeli, weißt du nicht, daß ich gesagt, bei solchem Unwetter oder Uweg sollen die Weitern nicht kommen?« »Die Knechte haben mir geschorret«, sagte Bäbeli, »da machte es nicht soviel.« Bäbeli tat die Sache sehr wohl, es hätte nicht eine rote Kuh dafür genommen. Der Pfarrer hatte seinen Eifer gesehen, und dem Pfarrer tat es, was es konnte, zu Lieb und Ehr. Andere, und zwar Buben, waren daheim geblieben, und die Knechte hatten ihm geschorret. Was tat ihm wohl und was am meisten?

Im Herausgehen sagte ihm eine Gespielin: »Weißt, der Hunghafen Hauptmann will sterben oder ist vielleicht schon gestorben!« »Mein Gott«, fuhr Bäbeli auf, »wir wissen nichts, die werden losen daheim. Was hat es ihm geben? Er war ja noch am Samstag z'weg.« »Man sagt allerlei, aber vom Rechte nicht gern, es ist e grüslige Sach«, war die Antwort. »Was ist's, was sagte man?« frug hastig Bäbeli. »Ich weiß es nicht recht, ich darf es auch nicht sagen, man hat es mir grusam verboten, und wenn es auskäme, daß ich es jemanden gesagt, es ginge mir viel zu übel«, sagte die Freundin. »Aber mir kannst es wohl sagen, ich sage es wäger keinem Menschen«, sagte Bäbeli.

Nun folgten die üblichen Formalitäten, bis endlich die Gespielin sagte: »Denk, der Hunghafen Hauptmann sollte am letzten Sonntag Götti sein, und statt dessen lief er mit Kameraden fort, neue a ne Versammlig vo dene Radikale, und ließ Taufe Taufe sein. Am andern Tag, gerade wo es in die Kirche läutete, kam es ihm in Sinn, und er sagte es seinen Kameraden, was er jetzt versäumt; da trieben sie das Gespött, schröcklich sollen sie geredet haben, daß es noch kein Mensch nachsagen durfte aus Furcht, es gehe ihm auch so; denn wo Hans aufstehen will, kann er nicht mehr, die Augen wollen ihm zum Kopf aus, grusam ist er verirret, und den Kopf hat er z'hinterfür auf dem Hals. Darauf brachten sie ihn heim, aber er kam nicht mehr zu sich selbst, kein vernünftig Wort mehr konnten sie mit ihm reden; jetzt wird er wohl gestorben sein. Man darf gar nicht daran denken. Aber jetzt, daß du mir nicht d's Herrgetts bist und einem Menschen es Wörtli d'rglyche tust, keis Wörtli sieg d'r mehr.«

Natürlich versprach es Bäbeli, flog heim, als wie aus einer Pistole geschossen, plötschte zur Türe hinein und rief atemlos: »Wißt ihr es schon wegem Hunghafen Hauptmann? D's Caspars Mädi hat mir gesagt, am Sonntag, gerade als man getauft, sei es an ihn gekommen, plötzlich sei er verirret und nie mehr zu ihm selbst gekommen, und jetzt werde es mit ihm aus sein.«

Begreiflich erzeugte das große Bewegung in der Familie. Wie es geschieht: die einen glaubten, die andern nicht. Es sei nur ein Gassengered, es habe es nur ein Kind gesagt, man hätte es ja auch vernehmen müssen, sagten die einen. Es müsse was daran sein, ersinnet so ganz z'leerem hätte das niemand, und wie man das hätte vernehmen wollen, da wegen dem Unwetter niemand dagewesen, meinten die anderen.

Benz war nicht daheim; er hatte es versucht, in den Wald zu gehen, um mit Knechten nach allfälligem Schneefall zu sehen. Lisi entschied daher, man müsse warten, bis Benz da sei, um etwas zu machen; so mir nichts, dir nichts hinuntersenden möge es nicht. Sei es nichts, werde man ausgelacht, sei es gar ernsthaft, so werde man wohl Bescheid machen. Gretli hätte gegen diesen Entscheid sich gerne aufgelehnt, aber was Lisi gesagt, war gesagt und nicht in den Wind geredet. Es blieb ihm nichts übrig, als den Vater herbeizubeten. Aber gäb wie es wünschte und hinaussah, kam derselbe nicht, so daß, wenn man sich nicht der zwei Knechte getröstet, Lisi Angst bekommen hätte. Von Lawinen, die bekanntlich einen großen Bauch und eine gewaltige Macht haben, war in dieser Gegend nichts zu fürchten.

Erst nach eingebrochener Nacht kam Benz und ganz erschöpft. Langsam nur waren sie vorwärtsgekommen und mit großer Anstrengung. Denn Schnee sei, sagte Benz, wie er ihn kaum je erlebt, und in den Wäldern sehe es bös aus.

Er hatte nichts vernommen und hörte mit Verwundern den Bericht. Wenn er nicht so müd wäre, sagte er, er ginge alsbald hinunter, aber schicken möge er niemanden. Schicke man, wen man wolle, so werde die Sache verplaudert und ein langer, überflüssiger Stiel daran gemacht. Übrigens glaube er nicht recht daran; er denke, Benz wäre wohl gekommen, wenn was dran wäre. So entschied die oberste Instanz. Jä und jetzt, Gretli, was machen?

Nun, in Spanien wären Feuerteufel aufgespritzt und herumgefahren, daß niemand des Lebens sicher gewesen, in Holland wären die Brunnenwasser der Tiefe aufgebrochen, daß nicht nur das Y übergelaufen, sondern alles Gewässer von A bis Z, das ganze Abc, und Deichbrüche hätten stattgefunden, wie nie noch erlebt worden, von wegen, wenn schon kein groß Unglück geschehen war, keine schwarze Wolke aufs Leben sich gelagert für die ganze Lebenszeit, so hatte sich dagegen ein G'wunder erhoben und vor die Nase gestellt, ein G'wunder, größer als Himmel und Erde und alles, was darinnen ist. G'wunder ist G'wunder, kann größer oder kleiner sein, nicht immer nach der Wichtigkeit des Gegenstandes, sondern nach der Natur des G'wunderigen und der Bedeutung, welche derselbe dareinsetzt. Eine g'wunderige Frau zum Beispiel kann es fast versprengen vor G'wunder, was die Köchin einer Nachbarin vom Markte bringt, so daß sie nicht bloß so leise drum herumfrägt und leise auf den Busch schlägt, was der verdeckte Korb berge, sondern daß sie darauf zufährt wie der Habicht auf eine Taube und nicht rastet, bis sie mit der G'wundernase auf Grund und Boden gekommen. Man denke aber nun, daß Gretli Benz liebte und was alles an seinem G'wunder hing, was der Gegenstand seines G'wunders barg. Nicht bloß einen Märitkorb und ob eine Ente oder ein Hähneli, drei Salatstüdeli oder nur zwei Zwiebeln oder Knoblauch, Kirschen oder Pflaumen, Zuckererbsen oder Blumkohl darin sei oder gar vielleicht einige nagelneue Erdäpfel, es lag da ein plötzlicher, unerwarteter Entscheid seines Lebenslaufes; denn wenn Hans starb, so war Benz der jüngste Sohn, der Erbe des Hofes, man denke!

Gretli beugte sich stillschweigend unter den Spruch der höchsten Instanz, und zwar ohne Feuer oder Wasser von sich zu geben, und verwerchete seinen G'wunder in aller Stille in seinem Kämmerlein. Sein Kämmerlein ist des Mädchens Heiligtum, seine Träume sein Allerheiligstes, darum wollen wir nicht mit frevler Hand den Vorhang heben, sondern bloß berichten, daß am folgenden Morgen das Aussehen Gretlis davon zeugte, daß sein Schlaf kein besonders gesegneter gewesen, sondern daß die Träume, welche bei wachem Leib durch die Seele fuhren, den Schlaf verzehrt hatten.

Am folgenden Morgen blieben sie nicht lange im G'wunder. Früh kam ein Knecht aus dem Hunghafen mit dem Bericht, es solle doch d'r tusig Gottswille jemand hinunterkommen, sie wüßten ihres Lebens nichts mehr anzufangen, lasse Benz sagen. Der Knecht wußte nicht viel zu sagen, als daß man Hans am Montagabend heimgebracht, wo er bereits verirret gewesen, und seither sei er nie mehr zu sich gekommen, kenne keinen Menschen, rase zeitweis grusam, werde es aber nicht lange mehr machen, wie die Doktoren sagten. Es sei ihm zu wünschen und den andern auch, setzte er hinzu. Auch ließ er, als er sah, daß Benz sich rüstete, merken, die Bäurin wäre nötiger als der Bauer. Die Doktoren fluchten gar über das Weibervolk, es könne und verstehe nichts. Gestern sei einer selbst in die Küche gegangen, habe den Jungfern wüst gesagt und selbst gekocht, erzählte der Knecht. Die Meisterjumpfere hätte ihm das böse Maul anhängen wollen, aber dere hätte dann der Doktor gesagt, was ihr längst gehört. Da begriff Lisi, daß sie ihns nötig hätten, denn es ist ein traurig Dabeisein in einem Krankenhause, wo die Küche so bestellt ist, daß man nichts darin bereiten, ja nicht einmal siedendes Wasser machen kann. Es ist stark und doch wahr, daß manche sich für eine Köchin ausgibt und weiß doch nicht, wenn das Wasser siedet, kann Singen und Strodeln nicht voneinander unterscheiden, hat in dieser Richtung gar kein Musikgehör.

Lisi wußte, was Eile wert ist, gab kurze Ordern und war alsbald auf dem Wege. Es sei sonderbar, dachte es, in wie verschiedenen Gedanken und zu verschiedenen Dingen man den gleichen Weg gehe. Dieser Weg führe ihns fort und führe ihns heim, und fast allemal, wenn es heimkomme, müsse es denken: »Für was gehst du das nächstemal aus, oder trägt man dich aus und den Berg ab, dahin, von wo kein Weg mehr weiterführt?« Als es von Gritlis Leiche zurückgekommen, da hätte es nicht daran gedacht, daß es wegen Hans den Weg gehen werde, und zwar an sein Sterbebett. Der sei gewesen wie ein Baum, daß man hätte glauben sollen, er werde mit den Beinen von allen andern die Äpfel von den Bäumen werfen können, und jetzt gehe es ung'sinnet ganz anders. »Ja, ja, so geht es, wie es heißt und dessen man sich doch so wenig achtet: ›Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorret, und seine Blume ist abgefallen, aber des Herrn Wort währet bis in Ewigkeit.‹« Unten fand es alles in der größten Trübsal, besonders Vater Hans. Der arme Hans war bewußtlos, doch tobte er nicht.

Über die Natur der Krankheit steht einem Laien das Urteil nicht zu, von wegen die Krankheiten im Kanton Bern kriegen seit einiger Zeit so wunderliche Charakter, daß die größten Gelehrten total konfus werden, einer wider den andern steht und ganz verschiedene Redensarten ins Feld führen. Ja, es ist sehr möglich, daß, wenn der eine behauptet, der Patient sei an dem Miserere gestorben, der andere mit bedenklicher Heftigkeit eine Hirnentzündung konstatiert haben wollte, der eine die Ursache der Krankheit in gewaltsam angetaner Erkältung, der andere in mutwillig erregtem Zornaffekt suchen würde. Und zwar geht das so nicht etwa bei dummen Landärzten, wo der Grund handgreiflich in der Dummheit und Unbildung liegen würde, sondern bei städtischen Kapazitäten, bei Professoren sogar, und zwar bei grauen, denen doch junge Weisheit klafterlang zum Maul heraushängt, wo man also die neuste Bildung und große ärztliche Erfahrung voraussetzen soll und wo von Dummheit begreiflich keine Rede sein kann. Woher nun diese Konfusion, welche begreiflich den Respekt vor den Ärzten nicht vermehrt und Bedenken erregt gegen professorliche Autoritäten und Zweifel über medizinisches Ehrgefühl und ganz gemeine Ehrlichkeit, wie sie dem gemeinsten Manne wohl ansteht, woher diese bedenkliche Konfusion, von der man sonst nichts wußte?

Man streitet sich darüber; die einen sagen, die Krankheit komme von außen her wie die Cholera und die Kartoffelkrankheit, habe unter den Gelehrten Europas schon lange gewütet und werde durch fremde Professoren, vielleicht deutsche, eingeschleppt worden sein. Namentlich bei ihnen solle es als Fundament aller Grundsätze angenommen sein, daß, gleich wie die sämtlichen Planeten um die Sonne laufen, sich nach ihr richten, von ihr alleine Leben empfangen, so müßten alle Wissenschaften, wieviel ihrer seien und wieviele erst entdeckt würden, um den Satz herumlaufen, von ihm belebt, gesättigt, gerichtet werden: »Selber essen macht feiß.« Von diesem Satze werden dann abgeleitet die Lehre von der persönlichen Freiheit und die Lehre von der allgemeinen Freiheit.

Andere meinen – es dünkt uns aber, dies falle mit dem Obigen fast zusammen –, es würden heutzutage die Sachen nicht mehr objektiv, sondern subjektiv beurteilt; je nach seinen Augen oder seinem Appetit sehe jeder jede Sache an, es gebe nichts Positives mehr, sondern nur Relatives, das heißt, kein Ding sei an sich etwas, sondern nur in Beziehung auf mich; so zum Beispiel ist der Zustand, in welchem mir sauwohl ist, ich machen kann, was ich will, die wahre Freiheit, der einzig zu duldende Zustand, und wer es nicht so meint, wer es anders will, dem macht man einfach den Grind ab, dieweil er dem Glück der Völker im Wege steht. Übergetragen in die medizinische Praxis, lautet es also: Krankheit gibt es eigentlich keine bestimmte und ausgemachte, aber krank ist jeder, den der Arzt für krank ansieht, und so krank, wie es der Arzt ansieht, und wenn zehn Ärzte an einem Menschen zehn verschiedene Krankheiten sehen, so kann er zehn Krankheiten haben. Das ist das Dumme dabei, daß dann jeder Arzt behauptet, die, welche er sehe, sei die alleinige und rechte, das gibt dann eben den Streit.

Die dritten endlich – und dieses scheint uns der Wahrheit am nächsten zu kommen – behaupten, es fehle den Ärzten an Bildung und ganz hauptsächlich an Sprachbildung; sie seien ungefähr wie Weltsche, welche Deutsch reden sollen, sie könnten hauptsächlich zwei Formen nicht unterscheiden: die aktive und die passive; diese Unbildung beschlägt nota bene die Gelehrtesten unter ihnen, Professoren zum Beispiel, welche selbst der Zeit vor sind, wie man sie zum Beispiel im Seeland und andern Sumpfgegenden findet, unter gewöhnlichen Landärzten wird sie wenig sichtbar. Die Ärzte, welche mit dieser Krankheit oder Schwachheit behaftet sind, sagen also zum Beispiel: »Du hast gestohlen dem Reichen, dem man seine Sachen nimmt«, statt daß sie sagen sollten: »Du wirst bestohlen«, sie sagen: »Du hast dich erschossen«, wo einer erschossen worden ist, und sagen: »Du bist ertränkt worden«, wo sie sagen sollten: »Du hast dich ertränkt«, »Du bist ein Lügner« statt: »Du bist angelogen worden« usw. usw. Man begreift leicht, wie dieses zu bedenklichen Verwechslungen veranlassen kann und daß daher jeder Laie sich sehr hütet, in diese Verwirrung zu geraten und über Krankheiten Urteile abzugeben, man riskiert dabei viel, ja den Kopf in politischen Zeiten und wenn der Betreffende eine politische Person ist, wie zum Beispiel der arme Hans, der wie tot dalag.

Sichtbarlich, das wird man wohl sagen dürfen, denn der Erfolg rechtfertigt die Wahrnehmung, ging's mit ihm zu Ende. Lisi tat, was es konnte, zu seiner Erleichterung. Als der Dokter kam, sagte er: »So ist's recht, nur schade, daß es zu spät ist! Aber eine solche Frau sollte man allenthalben haben, wo ein Kranker ist.« »Wäre er davongekommen«, frug Lisi ängstlich, »wenn ihm recht wär g'luegt worden?« »Glaub's nicht«, antwortete der Arzt, »die Natur war zu stark angegriffen, und zu lange ging's, ehe recht dazugetan wurde. Aber macht noch, was ich gesagt; man weiß nie, wie es innerlich aussieht und wie weit Empfindung da ist, wenn man äußerlich auch nichts merkt, das sieht man am besten an den Scheintoten, und wenn man einem Menschen vielleicht ein Leiden abnehmen oder lindern kann, so soll me d'Müh nit schüchen.« Nun, Lisi tat, was es noch konnte, und still, ohne Bewußtsein starb im Nachmittag der arme Hans.

Es war wirklich große Trauer im Hause um ihn. Der Vater weinte bitterlich; es war, als hätte sein Leiden und sein Tod alles Frühere verlöscht, alles gutgemacht. Es ist hart für einen Vater, wenn er voll Groll im Herzen heimkömmt und voll gerechten Grolles, er findet den Sohn nicht daheim, kann nicht mehr mit ihm reden, bewußtlos kommt derselbe heim, und bewußtlos stirbt er ihm. Und doch war es eben gut so und weislich vom himmlischen Vater geordnet, denn wie wären sie wohl geschieden, wenn sie zusammengetroffen, der Vater mit dem großen Zorn, der Sohn mit dem großen Trotz, und wenn der Sohn daraus gestorben, wie hätte es den Vater vielleicht lebenslänglich im Gewissen gebrannt, und wie wäre der Tod von Hanse Kameraden ausgebeutet worden; ließ doch auch so hie und da einer ein anzüglich Wort fallen, daß, wenn Hans ein Konservativer gewesen, er wohl noch lebte, und waren doch lauter Radikale bei ihm, als er den Tod holte.

Als Lisi aufbrechen und Abschied nehmen wollte, bat Benz, wenn es gehen wolle, solle es doch den Götti senden, es sehe, wie der Vater tue, und auf der Welt könne niemand mit ihm reden und ihn trösten wie der Götti. Lisi versprach es und ging wieder den gleichen Weg heim, den es am Morgen gekommen war. Wie nach recht heißen Tagen der Himmel voll Blitze ist, die Wolken korbweise die feurigen Schlangen hinauswerfen aus glühendem Schoße, so flogen die Gedanken durch Lisis Seele, bis es ung'sinnet vor ihrem Hause stund. »Hans ist tot«, sagte es den ihm entgegenkommenden Benz und Gretli, »Gott wöll seiner Seele gnädig sein! Du solltest hinuntergehen, der Vater tut nötlich, kann an nichts sinnen, als daß er mit dem Sohn nicht habe reden können. Benz läßt dir anhalten, es könne da niemand helfen und den Vater trösten als du.« »Dachte schon daran«, sagte Benz, »will mich z'weg machen, die Nacht bleibe ich dann wohl unten, will nur erst hören, wie es zu- und hergegangen.«


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