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Sechstes Kapitel

Eine geistliche Abendunterhaltung

Diese Gelegenheit ergriff jener Amtsrichter, von welchem wir gesagt, er habe die Pfarrer in Schutz nehmen wollen, und machte sich unbemerkt davon. Er war nicht Liebhaber vom Lange-Sitzen und Spät-Heimkommen, er war ein Hausvater vom rechten Schlage. Aber wie es so geht, es ist einer nicht immer Meister, man läßt ihn nicht fort, man lacht ihn aus, man verspricht, mit ihm zu kommen, wenn er nur ein wenig warte, nur bis die Flasche zu Ende sei usw. Es ist dies eine peinliche Lage, ein Sitzen auf Dornen, da lernt man die Gelegenheiten fassen, wo man unbemerkt sich schieben kann. Unser Amtsrichter war zu Fuß, er meinte, er habe seine Beine zum Brauchen, solange sie was taugten; wenn das Alter komme, dann tue ihm das Fahren um so wöhler.

Wie er fortging, stieß er mit seinem Pfarrer zusammen, der auch auf seinem Heimwege war. Es freute sie beidseitig. Ungefähr treffe auch was und manchmal was Gutes, an das man nicht gedacht, und das sei das Beste, was er heute gehabt, sagte der Amtsrichter. Nun erzählte er den Hergang mit dem Eid und daß es ihn sehr gefreut, daß der Abstand erklärt worden. Aus den Akten hätte er auch die Überzeugung geschöpft, daß er falsch getan worden wäre. Aber der ganze Handel sei so verdreht und verwickelt worden, daß man z'Not hätte merken mögen, warum es sich eigentlich handle. Aber sie müssen es so machen, wenn sie einen Prozeß ausspinnen und recht lange an den Parteien saugen wollen. Der Pfarrer scheine bei der Eidesunterweisung denen, welche schwören sollten, die Augen aufgetan zu haben. »Da hättet Ihr hören sollen, wie es über die Pfarrer losging, Ihr hättet mich bald übel gedauert.«

»Das glaube ich«, sagte der Pfarrer. »Es geht uns allemal so, wenn wir einen unglücklichen Eid verhüten. Nun, von vielen Advokaten dünkt es mich gar nicht anders. Ich weiß, was das für Leute sind und wie sie das Geld nötig haben. Es ist sich aber auch nicht zu verwundern, es ist bei den meisten in diesem Gelde kein Segen, und je mehr einer verdient, desto ärmer wird er. Das bloß müht mich, daß meistens auch die Beamteten ins gleiche Loch blasen, es dem Pfarrer übelnehmen, wenn er seine Pflicht tut, ihn um so weniger leiden mögen, je eifriger und tätiger er in seinem Amte ist. Das ist nicht recht und kömmt nicht gut.«

»Ja, Herr Pfarrer, so ist's«, antwortete der Amtsrichter. »Unsereinem kömmt viel mehr dazu, begreiflich, zu hören, was Euch angeht, als Ihr selbst. Und da nahm es mich oft wunder, woher das feindselige Verhältnis eigentlich kommt. Ich war noch nicht bei manchem Beamteten, der nicht den Pfarreren den Tätsch gab, wo er nur konnte, und sie gelegentlich plagte aus lauter Spaß, ihnen dann hintendrein selbst aus der Not half, nachdem sie recht nötlich getan und genug gezappelt hatten.«

»Das will ich Euch schon sagen, Amtsrichter, Euch darf ich es, jedem sagte ich es nicht, mag nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Böses mit Bösem«, erwiderte der Pfarrer. »Seht, Amtsrichter, dieser Zwiespalt ist eine uralte Sache, und wenn man ihn von obenherein vornehm abtun will, so könnte man sagen, er sei nichts als ein Stück des großen Kampfes des Zeitlichen mit dem Ewigen, des Weltlichen mit dem Göttlichen. Aber mit solchen hochklingenden Sätzen ist nichts gemacht; je vornehmer sie tönen, desto weniger ist damit gesagt, man muß sie den Philosophen überlassen, die handeln mit solchen Orakelsprüchen ungefähr wie die Juden mit alten Kleidern und die Heimberger mit Kachelgeschirr.

Unser Verhältnis zum Staat kömmt von der Reformation her. Die katholische Kirche war eine weltliche Macht, hatte durch ihre Priester und sonst allerlei ihre Hand in allen andern Staaten, daher die Fürsten nicht übel unter dem Daumen. Stellte einer derselben sich ungebärdig, kriegte er früher oder später die Rute vaterländisch. Schadete freilich manchem nichts, hatte sie mehr als verdient, aber damit verrückte die Kirche ihre Stellung und pflanzte die Ansicht, als ob sie andere als christliche Zwecke, Sonderzwecke hätte, als ob sie eine unabhängige, den andern Staaten feindselige Macht suche und ausüben wolle. Als in der Reformation Staaten sich der katholischen Botmäßigkeit entzogen, boten die meisten Mächtigen und Häupter ihre Hand dazu, sicherlich nicht aus rein christlichen Trieben, sondern um frei zu werden von dieser Gewalt und frei nach Belieben schalten zu können in ihrem Lande, ohne mittendrinnen eine andere mit Rechten ausgestattete Macht zu haben. Als sie einmal entronnen waren, scheuten sie sich vor dem alten Verhältnis wie gebrannte Kinder das Feuer. Das Christliche wollten sie nicht ausrotten, sie wollten Christen bleiben, darum mußten sie auch Kirchen und Pfarrer haben, um die Sakramente zu verwalten und zu predigen; aber sie lebten in steter Angst, die alte Macht möchte auch in die neue Kirche kommen, bewachten mißtrauisch alle Regungen der neuen Kirche, wiesen barsch und streng alle Mahnungen, welche von ihr ausgingen, von sich, ja sie verfolgten feindselig das Christentum in der Kirche, wenn es zu neuem, regerm Leben erwachen wollte. Sie konnten nicht unterscheiden die Macht, welche das Christentum über die Menschen haben soll, und zwar über Bettler und Fürsten, und die Macht, welche die Kirche gegenüber der Staatsgewalt über äußere Verhältnisse sich angeeignet hatte. Sie schnitten, wo sie konnten und mochten, durch persönliches Einwirken und allgemeine Verordnungen die Einwirkungen der Kirche auf das Leben der Menschen ab; das Verhältnis des Staates zu der Kirche war das eines Siegers zu einem Besiegten, dem zwar das Leben gelassen wird, aber erstlich abgenommen nicht bloß alle Waffen, sondern alles, was er bei sich hat, und der dazu noch auf das schärfste überwacht wird, so zwar, daß allemal, wenn der arme Gefangene einen längern Schritt tut oder einmal zwei rasch hintereinander, er mit einer Kette belästigt und gebunden wird.

Je mehr der Staat die Macht der Kirche brach, desto mehr dehnte er die seine aus, desto mehr erstreckte der Staat seine Gewalt über alle Korporationen oder Gemeinden, alle Verhältnisse der Menschen zueinander, alle Vermögensverhältnisse und alle persönlichen Verhältnisse, ja allgemach auch über das Inwendige des Menschen, sein Wissen und sein Denken. Der Staat regulierte die Wissenschaften und forderte Rechtgläubigkeit in Beziehung auf den Staat und dessen Einrichtungen, das heißt, der Staatsbürger sollte das ganze Eingericht des Staates schön finden und darin sich selig fühlen; wer das nicht tat, ja vielleicht gar dagegen sprach, der war ein Ketzer, der ward gerichtet. Damit machte der Staat sich zu Gott, wenn er auch noch den Titel nicht annahm.

Nun wißt Ihr, mein lieber Amtsrichter, wohl, wie es geht in der Welt, der Knecht treibt es immer weiter als der Herr, in allem Bösen heißt das, er ist dessen Affe. Mit reichen und stolzen Herrschaften ist ein schwer Leben und Auskommen, aber die Dienerschaft ist zehnmal unerträglicher. Während man droben im Salon noch leidlich behandelt wird, tut unter der Türe der Portier, daß es einen in allen zehn Fingern juckt, und der Kammerdiener auf der Treppe, daß man ihm mit dem Fuße gehörigen Orts nachhelfen möchte. Ist ein Reicher wüst gegen die Armen, sind es Kinder und Knechte zumeist viel mehr, daß dieselben vor dem Hause ein Kreuz machen und weit umgehn, um nicht vom Volk mißhandelt oder gar von Hunden gefressen zu werden.

Ungefähr so machten es die Beamteten des Staates gegenüber der Kirche, sie trieben Hohn und Spott mit ihr, und wo sie dieselbe irgendwie ärgern und kränken konnten, sparten sie es nicht. Ja, es trieb es ein Hochgestellter einmal so weit, daß er am Bettag, also an einem hohen Festtag, jagen ging mit einer großen Meute, und zwar in der Nähe seines Wohnsitzes. Es ward gejagt. Der Hase versetzte sich auf dem Kirchhofe, während die Gemeinde in der Kirche war. Die Hunde kamen heulend an, stöberten um die Kirche herum, stachen endlich wieder auf, und neu ging's los. Man denke sich das Geheul der Hunde und die Erbauung in der Kirche! Weil gegen solche Unbill und Verhöhnung alles christlichen Sinnes die Wächter der Kirche absonderlich protestierten, weil sie so oft in Fall kamen, gegen Mißbräuche bei frommen Stiftungen, gegen Spoliationen der Kirche zu protestieren, so verhöhnte man sie, als bildeten sie sich ein, die Geistlichkeit sei die Kirche. Dieser sei es nur um Geld und Gut, um ihre Einkünfte zu tun. Machte aber einmal einer die Gemeinden auf die Übergriffe des Staates aufmerksam, sowohl im innern als äußern Leben, und erhoben die Gemeinden ebenfalls ihre Stimme, ward der Pfarrer von Beamteten denunziert als Aufrührer, als böser Kopf, wurde womöglich gestraft oder bis auf den Tod geplagt und gehetzt. Wenn ein Beamteter sich recht beliebt und groß machen wollte, tat er es auf Kosten der Kirche oder des christlichen Sinnes und meinte dabei, was für ein Held er sei.

Im Maße, als der Staat seine Macht ausdehnte bis in die Gewissen hinein, zog er auch die Kirchendiener in den Bereich seiner Geschäfte und bürdete ihnen Dinge und Tabellen auf, daß es schauderhaft war, ja suchte auf jedem Wege dazu zu gelangen, daß sie sich eigentlich mehr als die Prediger des Staates denn als die Prediger Gottes darstellten, mehr die im Staate herrschenden Grundsätze, die Staatsreligion, predigten als die Lehre des Heils in Christo, das wahre Evangelium.

Zu allem diesem kamen noch andere Ursachen, welche mächtig einwirkten. Im vorigen Jahrhundert kam von Frankreich her die Aufklärerei und mit ihr der Wahn, wer Anspruch auf Bildung mache, dürfe kein Christ mehr sein, es wenigstens nicht zeigen, er müsse sich des Evangeliums als einer Torheit der Griechen und eines Ärgernisses der Juden schämen. Der größte Teil der Staatsbeamteten gehörten dieser Klasse der Gebildeten an, verachteten also mit dem Kirchlichen alles Christliche, und es bildete sich da eben die Ansicht aus, alles dieses sei gut genug für das Volk, aber die Gebildeten seien weit darüber hinaus, es sei ein Kappzaum für das Volk, dasselbe im Staatsschritt zu erhalten, eine Abteilung der Polizei, so gleichsam die innere. Und ich will es Euch nicht verhalten, Amtsrichter, daß viele Geistliche zur Bestätigung dieser Ansicht beitrugen. Sie waren auch Kinder ihrer Zeit, angesteckt vom damaligen Zeitgeiste, das heißt von dem Geist der Welt, wie er damals gefärbt war und gestaltet. Sie äußerten sich zweideutig über Amt und Stand, Glauben und Lehre, taten selbst, als hielten sie sich für eine Art von vernünftigen Vorbildern in allerlei nützlichen Dingen, Stallfütterung zum Beispiel und Hühnerzucht, predigten eine flache Staatsmoral, gut genug für Bauren, an welcher der Landvogt Freude hatte, welche indes jetzt manchem Neugnädigen noch viel zu scharf und streng gewesen wäre, wenigstens für seine Person. Ferner gehörten früher viele Beamtete den höheren Ständen an, waren reich und vornehm oder wußten wenigstens zu tun, als wären sie es, trugen den Hochmut vor sich her, betrachteten die untern Stände, die untern Beamteten als eine Art niederer Dienerschaft und behandelten sie demgemäß. Und viele Pfarrer ließen sich dies wiederum gefallen, waren arm und nicht vornehm, liefen in abgezerrten Röcklein herum, hatten die Sitten der feinen Welt nicht, aber große Hochachtung davor, viel Demut dagegen und trugen dafür auch viele Demütigungen davon, und wenn sie einmal was zu sagen, gegen diese Beamtetenherrschaft eine Einsprache wagten, fuhren ihnen Donnerwetter aufs Haupt, daß sie in Zukunft das Reden vergaßen.

Diese Beamteten in ihrer großen Mehrzahl kannten das Volksleben durchaus nicht, ja die, welche aus dem Volke herausgewachsen waren, verleugneten es nicht bloß alsbald, sondern waren auf das emsigste bemüht, dasselbe zu zerstören. Die wenigsten hatten einen Begriff von der Bedeutsamkeit dieses Lebens, was demselben förderlich war, was zerstörend auf dasselbe einwirkte; man kümmerte sich überhaupt um die Familie, das Haus wenig oder nichts, sondern bloß um den Staat; Häuser, Menschen hatten bloß einen Wert in Beziehung auf den Staat. Schoß nun irgendeinem Beamteten ein Staatsgedanke durch den Kopf, wie zum Beispiel Tabellen vollständiger gemacht, Beamteten Mühe abgenommen, neue Stellen geschaffen, Gefälle, Sporteln usw. erhöht oder geschaffen werden, ward es flugs ausgeführt und weiter nichts gefragt und nichts gehört. So entstund das Verhältnis der Beamteten und der Geistlichen und bildete sich immer weiter aus bis auf den heutigen Tag.«

»Aber wo soll das dann am Ende hinaus?« frug der Amtsrichter. »Der Präsident meinte, man solle die Geistlichen ganz abschaffen, der Regierer wollte das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet haben, sondern die Geistlichen so bilden lassen, daß sie gerade zu dem gut würden, wozu man sie brauchen wolle, für Staatsmoral zu predigen und der Polizei zu helfen.«

»Ja«, sagte der Pfarrer, »das weiß Gott, wo das hinaussoll. Wenn der nicht wäre, man verlöre den Mut, aber der wird es schon machen, der ist es, der in die Hölle führt und wieder heraus, der aus dem Schlafe weckt, die einen mit freundlichem Windessäuseln, die andern mit lieblichen Lichtstrahlen, die dritten mit Donnerwettern, die vierten mit der scharfen Rute der Zucht. So geht es nicht lange mehr fort, lieber Amtsrichter. Das Gefühl ihres Berufes als Diener Gottes, Verkündiger seines ewigen Wortes und eines ewigen Lebens ist in zahllosen Dienern der Kirche erwacht, und die staatlichen Mißhandlungen und Entwürdigungen fühlen sie mit glühender Pein. Sie sehen sich auf Erden zwischen Türe und Angel, zwischen der trotz aller Verhöhnungen und militärischer Austreibungen der Jesuiten und Plünderungen der Klöster an innerer Macht immer wachsenden katholischen Kirche und dem die eigene Kirche immer mehr zerholzenden, verhöhnenden Staat, der wie ein dummer Junge sein eigen Geld verklopft, um andere zu gleicher Torheit zu reizen. In diesen bubenhaften Reizungen wurden die nervösern Weltschen überreizt, warfen den Bündel vor die Türe. Auf der einen Seite wird die Frage der Trennung der Kirche vom Staate immer lebhafter, auf der andern Seite die bubenhafte Hitze, alle Kirchen zu zerstören, immer größer. Und die, bei welchen diese lümmelhafte Hitze am größten ist, eifern am meisten gegen die Trennung, denn mit der Trennung hört die Gewalt über die Kirche auf; sie ist nicht mehr eine Seite der Polizei im Rechtsstaat, die Staatsmänner können sie nicht mehr mit Füßen treten.

Während es so draußen redet, streitet, stürmt, wird es hohl, öde, leer in den Tiefen, und gähnend tut sich ein Abgrund auf, der alles zu verschlingen droht. Der Staat kann nicht Gott sein, gegen seine Ohnmacht empören sich seine Kinder und Anbeter; Staatsglaube und Staatspädagogik geben keine Befriedigung, nichts als ein nagend Ungenügen, eine bodenlose Unzufriedenheit. Der Staat, der alles in allem sein wollte, will am Ende alles und gibt nichts, bringt Hunger und stillt ihn nicht, erzeugt Bedürfnisse, und sind sie erzeugt, spottet er ihrer, statt sie zu befriedigen, bildet die Menschen, das heißt, er erzieht sie so, daß sie das Höchste begehren lernen, während sie das tägliche Brot nicht erhalten können. Der Staat stellt die Person gewordene, konzentrierte Selbstsucht dar, in allen seinen Kindern erzeugt er diese Selbstsucht wieder, und diese selbstsüchtigen Kinder werden sich bald genug erheben gegen diesen trostleeren Erzeuger und sich untereinander fressen.

Aber eben deswegen, weil der Unsegen dieser falschen Staatswirtschaft immer mehr zutage trittet, den Menschen in diesem liebeleeren Chaos immer unheimlicher wird, die Verwilderung der Massen trotz allem Geschrei von Bildung immer augenscheinlicher zutage trittet, die Ohnmacht des Staates, das Heiligtum im Inwendigen des Menschen, in welchem seine höchsten Kräfte liegen, das Gemüt, freundlich auszubauen und den Menschen aus dem tierischen Zustande zu einem höheren Wesen zu erwecken, immer klarer wird, immer handgreiflicher sich herausstellt, werden sich die Bangen wieder unter das Panier der Kirche flüchten, werden wiederum den Durst ihres Gemütes an dem Borne stillen, der den Trank enthält, der den Durst für immer stillet, daß es den Trinkenden nicht mehr dürstet in alle Ewigkeit, der ihm das Ungenügen nimmt und das wahre Genügen gibt.

Die Not lehrt beten, Amtsrichter. So denke ich mir, werden die Völker, wenn sie, so recht im Wirrwarr, durch den Staat in Sümpfe gekommen, wo ihnen der Tod droht, wiederum das Heil in Christo suchen, werden es erkennen, daß er der einzige Name ist, in dem die Menschen können selig werden, daß in ihm alleine die wahre Freiheit ist, die von innen heraus, aus dem Heiligtum des Gemütes wachsen kann und äußerlich durch die Liebe gepflegt und erhalten wird, die nicht gegeben werden kann, weder auf Löschpapier noch auf Granit, auch nicht in Erz gegraben. So denke ich, werde das wahrhaft Christliche auch wieder zur Geltung kommen, und die Völker werden es erkennen, daß, was sie als das Köstlichste in ihrem Haushalt haben, auch das Köstlichste im großen Haushalt, im Staate sein müsse, wenn die rechte Gliederung vorhanden sein soll, bei welcher allen Gliedern wohl ist. Und wie der Hausvater der rechte Wahrer und Hüter dieses Heiligen im Hause ist, so muß auch der große Hausvater oder Landesvater oder Regent, oder trage er Namen, welchen er wolle, der erste Christ im Lande sein, voranleuchtend im Lichte, das da kam in die Finsternis, und alle, welche er setzet nach ihm zu Obersten und Amtleuten, müssen das christliche Siegel haben und leben und regieren als die, welche Gott Rechnung abzulegen haben am Jüngsten Tage über jedes anvertraute Pfund. Und wo das Volk sie wählet, seine Obersten, Amtleute und Regenten, da wähle es gottesfürchtige Männer vor allem, welche Christum liebhaben und in einem ehrbaren Leben wandeln, geizhässig und tapfer sind und den Nächsten lieben als sich selbst. Dann, denke ich, Amtsrichter, werde die Feindschaft aufhören zwischen den Dienern des Staates und den Dienern der Kirche, zwischen den weltlichen Beamteten und den geistlichen, denn sie werden einig in Christo sein und es erkennen, daß sich Christi schämen nicht bloß eine Sünde sei, sondern eine große Torheit und daß der rechte christliche Sinn die höchste Bildung sei, welche ein Mensch auf Erden erlangen kann; dann werden sie Hand in Hand gehen, denn sie wissen, sie schaffen beide das gleiche Werk, die Förderung des Reiches Gottes auf Erden, nur jeder nach seiner Art und dem Maße des anvertrauten Pfundes.«

»Was meint Ihr, Herr Pfarrer«, antwortete der Amtsrichter, »wie lange geht das noch, bis es so ist? Wäret Ihr heute bei uns gewesen, große Hoffnung, es zu erleben, hättet Ihr nicht bekommen.«

»Da möchte ich sagen, Amtsrichter«, antwortete der Pfarrer, »vom Tag und der Stunde weiß niemand als der Vater, der im Himmel ist. Mich dünkt, ich wittere Morgenluft, aber ich kann mich täuschen, es kann noch zehnmal ärger kommen, und ich kann mich noch zehnmal täuschen, und doch bleibt mein Glaube fest, daß es besser komme, und zwar nicht im Sinne der Radikalen, sondern in christlichem Sinne. Und wenn ich es nicht erlebe, wenn ich auf dem Totenbette liegen sollte und alles schwarz um mich von Not und Unglauben, so bleibt mir doch der Glaube, daß er seine und meine Feinde in Grund treten werde, es bleibt mir der Glaube an den Sieg, und wenn ich mit Händen und Füßen gebunden wäre, es ist Gott, der alles macht.«

»Von diesem Glauben haben sie heute auch gesprochen«, antwortete der Amtsrichter, »und nicht genug sagen können, wieviel Schaden die Pfarrer anrichteten, weil sie diesen Glauben den Leuten predigten; die täten dann nichts und meinten, der liebe Gott müsse ihnen alles machen, wer auf ihn vertraue, dem gebe er die Sache im Schlafe.«

»Ach, wenn doch solche Staatsbuben oder Staatsjunker den Verstand brauchen wollten, aber das können sie nicht, der Teufel hat ihnen den Verstand verdreht und die Augen und die Ohren, darum sehen, hören und begreifen sie nichts. Man sollte nicht, aber ich werde allemal zornig, wenn so ein geistiger Fötzel oder Lump das Maul aufmacht und was von Religion spricht. Sie sind ärger wie die Müsterler; wenn die einmal einen lästerlichen Witz aufgeschnappt, geben sie ihn in jeder Postkutsche, jeder Table d'hôte wieder. Aber wie einmal ein Müller sagte, die ärgsten Diebe seien nicht Wirte, nicht Müller, sondern wenn man auf einen Müller einen Wirt pfropfe, dann entstünden sie, so sind auch die Ärgsten, die mit der Bildung und Angewöhnungen eines Müsterlers, sei es nun von welcher Sorte es wolle, und habe er in Baumwolle, Käs oder Wein gemacht, zu Staatsjunkern avancieren. Die produzieren ihre aufgeschnappten Lästerungen und Floskeln nicht bloß in der Postkutsche, sondern wollen dieselben als Maxime und Grundsatz gelten machen im Staate und bringen es bei jedem Anlasse vor als eine unumstößliche, unwidersprochene Wahrheit und sind so gescheut, nicht zu merken, wie sie sich vor allem Volk prostituieren und an Pranger stellen, sie, die sogenannten Gebildeten, die nicht wissen, wie dumm ist, was sie sagen, deren Bildung aus nichts besteht als aus einigen angepflasterten Floskeln und Phrasen, welche aus dem Pflasterkübel des gröbsten Maurers zu kommen scheinen.

Der Glaube, den ich habe und von dem ich rede, ist nicht der Glaube jener Sekte, die den Tisch deckte, sich darum setzte, betete, in der Meinung, der liebe Gott werde das Essen in schönen Schüsseln wohlgekocht vom Himmel auf den Tisch fallen lassen. Sondern mein Glaube ist der, daß Gott nichts tut, wozu er mir die Kräfte gegeben hat, daß ich diese Kräfte anzustrengen habe nach Vermögen und Gewissen, und zwar ohne Gewißheit haben zu wollen, richte ich damit das Erstrebte aus oder nicht, sondern in aller Demut Gott das Gedeihen überlassend. Der Mensch soll säen, aber in Gottes Hand steht die Ernte; über das, was ich tue, bin ich verantwortlich, was ich wirke, waltet Gott. Ich als Pfarrer, Amtsrichter, scheine gegenwärtig einen trostlosen Beruf zu haben. Es ist fast, als ob ich Nebel müllern wollte, um Mehl zu machen, oder mit Wolken oder Schnee fundamenten zu einem Hausbau, und doch kann eine reiche Ernte kommen, wenn Gott es will. Ob sie aber komme oder nicht komme, soll ich schaffen ohne Unterlaß, von Gott dann in aller Demut und Geduld sein Gutfinden erwartend.

Seht, Amtsrichter, es heißt: ›Meine Gedanken sind nicht euere Gedanken und meine Wege nicht euere Wege‹ und: ›Bei Gott sind alle Dinge möglich.‹ Wie oft war es anhaltend Wetter, trocken oder naß, welches alle Früchte gefährdete. Alle Wetteranzeigen hatten getäuscht. Hundertmal erwartete Änderung war ausgeblieben, alles schien verloren. Über Nacht kam, als niemand daran dachte, ein Umschwung, alles kam ganz anders, als der Mensch es vorausgesagt, und was kein Mensch dem andern Menschen geglaubt hätte, stellte Gott der ganzen Welt handgreiflich vor Augen. Wie es mit dem Wetter geht, geht es oft in der Geschichte; wenn die ganze Welt so recht ihre Ohnmacht fühlt und ins Unglück sich ergeben will, gibt Gott der Sache einen Tätsch, und die Sache ist umkehrt. Denkt, Amtsrichter, an Napoleon; wer schlug den, als alle Mächtigen zu seinen Füßen lagen? Nicht der Alexander, nicht Blücher, nicht Wellington, sondern Gott, er blies in die Wolken, und die große Armee war weg. Daraufhin, als Gott das seine getan, kriegten die Menschen und räumten auf mit dem Rest, hatten aber noch Not genug damit. Gradeso unerwartet, nur umgekehrt, machte Gott es bereits mehrere Male mit dem Christentum. Er kann in den Sinn der Völker blasen wie in die Wolken, daß derselbe ändert über Nacht, und der Stein, den die Bauleute verwarfen, kann ung'sinnet wieder erwählet werden zum Eckstein, und mir ist's immer, ich wittere Morgenluft. Und wenn ich auch alle Tage riefe: ›Wächter, was sagst du von der Nacht?‹, und der Wächter antwortete mir alle Tage: ›Es ist zwar der Morgen kommen, aber es wird doch Nacht bleiben‹, so würde ich doch fest im Glauben bleiben, daß der Herr Meister bleibe, daß der Morgen komme, wo alle seine Feinde zu seinen Füßen liegen.«

»Ja, Herr Pfarrer«, sagte der Amtsrichter, »das wäre wohl ein schöner Glaube, und daß der was schaden könnte, kann ich nicht einsehen. Aber von einem solchen Glauben haben die drinnen keinen Begriff. Sie hören etwas halb, verdrehen es dann noch halb, geben dann dieses für die christliche Religion aus und peitschen es als solche aus. Es erleidet mir manchmal übel, dabeizusein.«

»Aber widerredet ihnen dann niemand, und nimmt man es so an mir nichts, dir nichts?« fragte der Pfarrer.

»He, das ist so«, sagte der Amtsrichter. »So alles glaubt man nicht immer, und zuweilen sage ich auch, wie ich's meine. Aber was will man mit solchen Herren anfangen, die haben Mundstucker, daß sie einen zehnmal übermaulen, man ihnen auf zehne kaum einmal Bescheid geben kann. Dann ist das bei manchen, nicht bei allen so: sie denken, solche Herren, so gelehrt und in alle Spitzen gestochen, werden das besser wissen als so dumme Bauern, welchen man die Wahrheit absichtlich vorenthalten; wenn solchen nicht zu glauben sei, wem sollte man dann glauben? Denen einmal mehr als den Pfarreren – verzeiht, Herr, meine Meinung ist es nicht –: die predigten in ihren Sack. Die einen seien so dumm freilich und glaubten noch, was sie predigten, die andern aber, besonders die jüngern, wüßten wohl, daß nichts dran sei, aber es sei ihnen halt wegem Brot. Die Advokaten machten es ja auch nicht besser, die redeten, was schöns sei, für den schlechtesten Handel ums Geld.«

»Aber das ist ja traurig, Amtsrichter, daß die Leute einen Glauben haben, den man ihnen so mir nichts, dir nichts wegschwatzen kann, ungefähr wie man Kreide abwischt an einer schwarzen Tafel. Es ist traurig, daß Leute, von denen man ja augenscheinlich sieht, daß sie keine Religion haben, eine solche Gewalt bekommen, daß sie die Leute beschwatzen können, das Köstlichste, was sie haben, wegzuwerfen; es ist noch ärger, als das Erbrecht zu vertauschen an ein Linsengericht.«

»Es ist ein Unglück, Herr Pfarrer«, sagte der Amtsrichter, »aber es meinen die Leute eben, wer gebildet sei und ein Herr sein wolle, der glaube nichts, Bildung und Glauben hätten nebeneinander nicht Platz. Wer schuld an dieser Meinung ist, weiß ich nicht. Daneben haben viele Menschen gar so einen kurzen Glauben, Ihr könnt es Euch nicht denken, Herr Pfarrer, wie kurz, er mag das Leben gar nie erlängen. Sie handeln nicht darnach, sie stärken ihn nicht, sie lesen höchstens Zeitungen, so trocknet er ab wie eine Warze, die, kömmt man dran, abfällt.«

»Da ist das große Elend«, sagte der Pfarrer. »Ich weiß es eigentlich wohl, und wenn man nur das ansieht, so möchte man fast verzweifeln, daß es je besser werden könnte, man sollte eher denken, es werde alle Tage schlechter. Aber eben bei Gott sind alle Dinge möglich, Tauwetter und Kälte, Sonnenschein und Regen, und alles, wie er will, bald plötzlich, bald so gleichsam schleichend nach und nach. So kann auch der Glaube und die Ergebung an Gott plötzlich kommen wie am ersten Pfingsttage zu Jerusalem über Tausende auf einmal, wie er plötzlich kam über einen einzelnen, Paulus, bald so, bald anders. Nun, da muß dieser Glaube, wenn sein Besitz nicht wie ein Blitz sein soll, der vorüberfährt, gepflegt sein, behütet, genährt und gestärket auf jegliche Weise. Aber der da Leben gibt in den Baum, der tot gestanden den Winter über, daß er oft in wenig Tagen treibt, grünt und blüht, und der dann für die Witterung sorget, daß zur Frucht die Blüte sich gestaltet, dann weiter, daß über die Frucht die Reife komme, der da den Glauben gewecket hat, der kann auch die Stimmung kommen lassen über das Volk, wo es einmütiger im Geiste wird, einträchtig einer des Bruders Glauben stärkt und an des Bruders Glauben den seinen, wo der Glaube wächst von Tag zu Tag, bis er in das Leben hineinlanget und das Leben regiert als wie die Sonne die Tage des Menschen. Das kann Gott tun, Amtsrichter.

Aber wer dran schuld ist, daß so kurz der Glaube geworden und abgetrocknet wie eine alte Warze, das ist leider Gottes ja der Staat, der Alleinherrscher sein wollte über die Leiber und über die Seelen der Menschen, sie nur passend haben wollte für seine Staatszwecke; daran sind alle seine Beamteten schuld, die den Unglauben an Gott zur Schau trugen und Untertänigkeit gegen den Staat zur Religion machten; daran ist, Gott sei es geklagt, das ganze Herrentum schuld, das den Glauben an die Bildung tauschte und den Tausch hochmütig zur Schau trug wie ein torrecht Kind, das eine gefärbte Glaskugel herumträgt, welche es gegen eine Perle eingetauscht, und dieses Herrentum ging bis auf den Kammerdiener und die Kammerjungfer, bis zu Schneider und Putzmacherin herunter und wurde genährt in den Familien, in Staats- und andern Schulen, welche mehr sein wollten als andere.«

»Wie zum Beispiel die Sekundarschulen«, sagte der Amtsrichter.

»Allweg«, antwortete der Pfarrer. »Aber nichtsdestoweniger kann es anders kommen durch Gott. Käme es nicht anders, so glaubte ich wirklich an die Nähe der letzten Dinge, an den Untergang. Denn wie ohne Religion der einzelne untergeht, ohne Religion die Völker sich auflösen, so müßte für eine Menschheit ohne Religion das Ende dasein. Und wohlverstanden, unter Religion verstehe ich nicht das Gutdünken irgendeines Staatsmanns oder Staatspädagogen, sondern jetzt das Christentum.«

»Ja, Herr Pfarrer«, sagte der Amtsrichter, »was Ihr vom Untergang sagt, ist ganz richtig. Soweit ich die Sache kenne, sehe ich, daß gottloses Wesen nicht Bestand gibt, und wo gottloses Wesen in einer Familie einreißt, geht sie zugrunde. Da kann mich nicht bald einer mehr dauern als Hunghans, mein Kolleg. Der war sonst so ein rechter Mann und ließ sich andrehen von den Herren, sie sind g'sotten und braten beieinander, er fängt an zu hüdelen, redet manchmal Sachen, welche einem Kachelfuhrmann oder Schweinhändler übel anstehen würden. Und glaubt mir oder glaubt es mir nicht: schon sieht man es seinem Hofe an, es ist, wie wenn er das Hüdele seines Meisters nachmachen müsse, es ist nicht mehr die alte Ordnung da. Und erst an den Kindern wird man es sehen, an den Buben wird er was erleben, besonders an dem jüngern, dem Leutnant; der soll der Ungereimteste sein weit und breit und Geld verklopfen, daß es einem übel gruset. Wenn es so fortgeht, nimmt das ein Ende mit Schrecken, und so geht es noch vielen im ganzen Lande, wie ich merken mag.«

»Wollen das Beste auch für sie hoffen, lieber Amtsrichter. Muß da rechts, hoffe, Euch bald wiederzusehen«, antwortete der Pfarrer. »Verzeiht, Herr Pfarrer, so schnell werdet Ihr diesmal meiner nicht los. Es liegen mir noch zwei Fragen am Herzen, auf die ich Antwort möchte. Wenn Ihr nichts dagegenhabt, so begleite ich Euch noch bis zum Gummwäldli, mache fast nichts um.« »Freut mich, Amtsrichter, je weiter, je lieber. Fragt nur; was ich weiß, sollt Ihr auch wissen.«

»Kann's kurz machen, Herr Pfarrer, es ist das: Heute und fast allemal, wenn wir zusammenkommen nach dem Amtsgericht, geht es über die Religion los, daß es mir übel erleidet, dabeizusein; das Christentum soll jetzt die Finsternis sein, welche dem Lichte der Bildung und Aufklärung weichen müsse. Wie die Fische nur im Wasser leben könnten, die begabtern Geschöpfe nur in der Luft, so könnten nur dumme, ungebildete Menschen Christen sein; Aufgeklärte, Gebildete könnten sowenig damit machen, als ein vernünftiger Mensch im Wasser leben könne, hat einmal der Regierer gesagt. Nun halten der Regierer und der Präsident alle Pfarrer, welche das Christentum predigen, entweder für Dummköpfe oder für Heuchler und Lügner. Darum will der Präsident sie ganz abschaffen und durch Schulmeister ersetzen. Die seien die würdigen Diener der Zeit, weil sie dieselbe vollständig begriffen, daher sie auch am geeignetsten seien, die Moral, welche im Geiste der Zeit liege, den Menschen beizubringen. Der Regierer dagegen will die Pfarrer im Dienste des Staates, so gleichsam als innere Polizeidiener beibehalten. Er sagt, es seien noch gar viele dummen Leute, die vertrügen das Abschaffen der Pfarrer nicht, aber wenn nach und nach durch die Pfarrer selbst die Lehre geändert werde, so merkten sie es nicht und glaubten den Pfarrern die neue Lehre so gut als die alte. Dafür sei daher zu sorgen, daß man aufgeklärte Pfarrer kriege, die begriffen, was die Glocke geschlagen. Nun, mein lieber Herr Pfarrer, bekümmert mich dies. Soll das der Ausgang aller Dinge sein, ist das Vertrauen auf Gott und dessen Sieg über alle seine Feinde eine torrechte Sache, so wie es kindische Torheit ist, wenn ein Kind ein Spielzeug fallen läßt in den eilenden Bach und nun in der Hoffnung am Bache sitzenbleibt, der Bach, der mit demselben davongeeilt, werde dasselbe auch wiederbringen?«

»Ja, lieber Amtsrichter, das sind wichtige Punkte; um diese Angel herum dreht sich das ganze heutige Gerede. Was es bis zum Gummwäldli ergeben mag, sollt Ihr wissen. Kommt Ihr aber einmal zu mir, sollt Ihr's gründlicher vernehmen. Allerdings, lieber Amtsrichter, haben Präsident und Regierer vollkommen recht. Mit ihrer, überhaupt der heutigen sogenannten Bildung und Aufklärung kann die christliche Religion nicht bestehen, und ganz füglich kann man bei derselben die christlichen Prediger abschaffen und die Herren Schullehrer an ihre Plätze setzen; je flacher, dest besser. Nun wäre dies freilich zum Erschrecken, aber ehe wir es tun, wollen wir zuerst untersuchen, was ihre sogenannte Aufklärung und Bildung ist, und dann, ob sie die bleibende sei und bleiben müsse bis ans Ende der Welt.

Amtsrichter, Ihr wißt, daß der Mensch Leib und Seele hat; beide haben Kräfte, in beiden liegen große Gebiete, nach beider Natur beziehen sich die einen auf das Leibliche, die andern auf das Geistige, die einen auf das in der Welt, die andern auf das über der Welt. Nun werden in dieser heutigen Zeit und durch die heutige Schulmeisterei vorzugsweise, wo nicht in einem christlichen Hause nachgeholfen wird, die Kräfte, welche sich auf die Welt beziehen in der Seele, also die Verstandeskräfte angebaut. Es ist wahr, das geschieht in bedeutendem Maße und ist kommod zur Erkenntnis der Dinge dieser Welt und zur Benutzung der Dinge dieser Welt. Der Mensch meint, dadurch zum Herrn und Meister der Welt geworden zu sein, das macht ihn stolz und übermütig. Je einseitiger diese schulmeisterliche Verstandesbildung verfolgt wird, desto mehr beschränkt sich des Menschen Umsicht, bis sie zuletzt einschrumpft und nichts mehr zu erkennen vermag als die Welt und was in der Welt weltlich ist. Was er mit diesen einseitig ausgebildeten Kräften entweder nicht erkennt oder nicht beherrscht, das verleugnet oder verachtet er hochmütig, ungefähr wie ein Blinder das Licht und ein Gehörloser die Töne, deswegen sind sie denn doch da.

Es ist aber nichts, welches dem alten Menschen die starre, trockne, gefräßige Selbstsucht so sehr nährt und ausbildet als diese einseitige Richtung auf die Dinge dieser Welt, und aus dieser Selbstsucht entsteht der Streit; denn wie sollte da Friede sein, wo jeder der erste sein, jeder alles haben will? Da muß jeder wider alle sein, alle wider jeden, und je höher der Mensch die Welt hält, desto kleiner wird er selbst. Daher der große Streit unter den Menschen und der Mangel an großen Menschen. Ist das eben nicht der Jammer dieser Zeit, daß es an wahren Männern fehle, daß je mehr Dampf sei, desto seltener die hochachtungswürdigen Charakter würden? Ist das eben nicht der Jammer, daß trotz aller Bildung die einzelnen Menschen immer rücksichtsloser gegen andere, daher gröber, roher, ungenießbarer würden, jeder Ansprüche mache, niemand ehre, wovon gerade die Jugend das merkwürdigste Exempel gebe? Sonst sei die Jugend demütig gewesen und habe das Alter geehrt, jetzt stelle der junge Fasel in seinem Dünkel sich voran und verachte das Alter. Die verschiedenen Stände hätten einander geehrt und geliebt im Verhältnis der gegenseitigen Dienstleistungen. Der Beschenkte habe zum Beispiel den Wohltäter geliebt, der Arbeiter den, welcher ihm Arbeit gegeben, und jetzt sei alles umgekehrt und gerade dieses alles an der Trägerin der heutzutägigen Bildung, an der Schulmeisterei, am allersichtbarsten und auffallendsten. Eine Gesellschaft, aus lauter selbständigen, g'stabeligen Ichs zusammengesetzt, besteht nicht. Das Ziel dieser Richtung ist die Barbarei des Tiertums. Aber habt nicht bange, Amtsrichter, das ist das Ende dieser Richtung, aber nicht das Ende der Menschheit. Nein, gottlob, diese Richtung ist keine notwendige, die ihren reißenden Lauf hat, einer Lawine gleich, bis ans Ende der Welt. Nein, diese Richtung ist ein Wind, und der Wind dreht sich; dieser Richtung Ende ist schön und für immer dargestellt im Turmbau zu Babel. Die Menschen wollten in Himmel bauen, am Ende verstund keiner den andern mehr und liefen sinnlos auseinander, und der Turm zu Babel ist bis auf den heutigen Tag sprüchwörtlich geblieben.

Wenn die Menschen so recht trostlos geworden und, wie es heißt, ihr Elend recht erkennen, da werden sie wiederum gedenken an die höhern Kräfte im Menschen, welche ihn – und nicht die niedern Verstandeskräfte, welche sich auf die Welt und das Diesseits beschränken – von den Gras oder Fleisch fressenden Kreaturen unterscheiden und welche einzig die wahrhaft großen Menschen machen. Aus diesen Kräften geht eine ganz andere Anschauung der Welt und Wertung der Dinge hervor, denn in diese Rechnung nimmt man Gott und Seele auf und rechnet bis übers Grab hinaus. Das sind die Kräfte, welche im Gemüte liegen, welche, wenn sie ins Leben hinaustreten, die Welt überwinden, die man Liebe, Treue, Begeisterung, Glauben, Ahnen nennt, die nach oben trachten und ringen nach der Gemeinschaft mit Gott. Das sind die hohen und heiligen Gebiete im Menschen, in denen Christus der rechte Säemann ist, der Same das Wort Gottes und die Frucht der neue Mensch, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit, der nach dem Frieden trachtet, des Herren Willen tut und trägt und freudig sich selbsten opfert, wenn es der Herr gebietet, denn er glaubt, daß selig die seien, die um des Herrn willen sterben, von nun an. Das ist der Teil im Menschen, welcher dem Himmel angehört und den Weg dahin hienieden suchen soll, der in dem Geiste lebt, den die Welt nicht fasset, der nur vom Geiste geurteilt sein will. Der Anbau dieses Teiles im Menschen, das Wecken dieser Kräfte schließt die Bildung des Verstandes und seiner Kräfte keineswegs aus, aber sie bleiben dann durch die andern Kräfte begrenzt in ihren Schranken und verirren sich nicht in Gebiete, wo ihnen nicht gegeben ist, Steg und Weg zu finden. Darin gab Christus ein Beispiel; er war gebildeter, um so zu reden, als die damaligen und die heutigen Sadduzäer, und sagt er nicht: ›Seid klug wie die Schlangen, aber ohne Falsch wie die Tauben‹? Der Christ, der in sich die Welt überwunden, ist Herr der Welt und nicht Sklave der Welt, er besitzt das rechte Gleichgewicht der Kräfte, er gebraucht die Welt, aber sein Trachten geht nach dem Himmel, er allein faßt des Menschen Stellung; sich selbst zu Gott zu machen, verabscheut er als Abgötterei, aber ein Kind Gottes zu sein, ist seine Freude. Faßt man so den ganzen Menschen ins Auge, mein lieber Amtsrichter, so kann keine wahre Bildung und Aufklärung dem Christentum entwachsen; sie ist ja eben eine Blume desselben, aber jeder Kraft weist sie ihre Stelle an, hat Freude am Verstand, wenn er tiefer und tiefer die Natur ergründet, heißt ihn aber schweigen, wenn der gleiche Verstand sich an Gott wagt und ihn konstruieren will. Das Christentum allein bedingt den wahren Fortschritt, denn es will ja die Vervollkommnung jedes einzelnen Menschen ohne Unterschied, und zwar auf einem Wege, der allen offen ist.

Das Christentum allein heiliget die Staatsformen und garantiert die Wahrheit, es fordert Treue, ehrt jede Persönlichkeit, sichert alle Güter, verbindet die Bürger durch Liebe zu Brüdern und hat den obersten Grundsatz: ›Was du willst, daß dir die andern tun, das tue du auch ihnen!‹

Betrachtet dagegen die Freiheit und die Bildung des radikalen Heidentums! Seine Freiheit ist Zuchtlosigkeit der Häupter, Despotie gegen alle Andersdenkenden, das Ziel seiner Bildung ist finstere, rohe Barbarei. Betrachtet die Träger und Lehrer des Zeitgeistes und seiner Bildung, was sind das für Zeugen der Gesittung und des Wissens? Seht Ihr nicht an den meisten ein ungeschlachtes Wesen, dessen sich der gemeinste Bauer schämen würde?

Darum, lieber Amtsrichter, habe ich nicht Angst. Wie vor die Sonne Wolken kommen, aber auch wieder gehen müssen, so stehn jetzt vor unserer geistigen Sonne auch Wolken, aber auch sie werden gehen müssen. Solange aber das Christentum bleibt, muß auch das Predigtamt erhalten werden, aber das rechte, eben nicht das, welches alles andere predigt, nur nicht Christum. Säemänner und Träger des Wortes müssen sein, und wie gebildet wahre Christen auch sein mögen. Nie werden sie die Predigt des Wortes missen wollen, dieweil sie wohl leben an jedem Worte von Gott und göttlichen Dingen, und nie werden sie die Sakramente missen wollen, diese Pfänder göttlicher Liebe und Gnade, und diese können nicht genommen, sie müssen gegeben werden.«

»Ich hörte noch lange zu«, sagte der Amtsrichter, »aber hier ist d's Gummwäldli, hier muß ich ab. Aber ich habe schon viel gehört und bin ein andermal besser g'fußet. Wenn es wieder losgeht, wohl, denen will ich aufwarten! Danke zum schönsten, Herr Pfarrer!« »Habt nicht zu danken«, sagte der Pfarrer. »Tat's mir doch selbst wohl, einmal mich über diesen Punkt auszusprechen. Es würde mich freuen, wenn ich mehr Gelegenheit hätte, Amtsrichter, mit Euch z'b'richte.« »Mich ebenfalls«, sagte der Amtsrichter. Und nachdem sie Abreden getroffen, gingen beide fröhlich wie nach einer guten Tat nach Hause.


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