Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Achtes Kapitel

Hans geht z'Abesitz und gibt sich mit Predigen ab

Nun gab es eine rührige Zeit im Lande. Man sah, der Regierer hatte wahr gesprochen, es war ein großer Bund im ganzen Lande, der einen Zweck hatte und alle Mittel gebrauchte, welche gut dazu schienen, die sogenannte Freiheit, welche man überall auf der Trommel hatte, zu erreichen. Die Mitglieder dieses Bundes sagen es bis auf den heutigen Tag frei heraus und ohne alle Scham, daß sie zu diesem Zwecke ohne alles Bedenken sich aller Mittel bedienten, welche ihnen passend schienen. Sagte doch einer dieser Lausbuben ohne Scham Jünglingen, die ihm zum Geschichtsunterricht anvertraut sind, in der Lehrstunde, um der Freiheit willen würde er ohne Bedenken seine Seele dem Teufel verschreiben. Durch jedes ihnen zur Hand stehende Mittel suchten sie jede Regierung, welche ihnen im Wege stund, sturm zu schlagen, bis sie nicht mehr wußte, was sie tat. Dies gelang ihnen nur zu wohl, denn die meisten dieser Regierungen waren zusammengesetzt weder aus starken Häuptern noch saubern Nieren, sondern aus zweispältigen Zungen und Herzen, welche die Folgen ihres Tuns verleugneten, den Wagen, welchen sie den Berg abgestoßen, mittendran aufhalten wollten, die Freunde höhnten, mit den Feinden liebäugelten, nicht tun durften, was sie gerne getan, und tun mußten, was ihnen wider die Hand war. Solche Leute sturm zu schlagen, ist nicht schwer. Und wäre es noch schwerer gewesen, es wäre gegangen. Wo keine Gewissen sind, aber kundige Hände, da lüpft man nicht bloß eine Geiß über Ort, sondern ein ganzes Volk. Man begann zu blasen aus allen Backen, und wie der Maler einen Hintergrund malt, eine einfarbige, dunkle Fläche, auf welcher sich die besondern Gegenstände desto bestimmter abheben, so verbreitete man vor allem eine allgemeine Unzufriedenheit, ein Unbehagen, ein Gefühl, daß einen der Schuh drücke, ohne daß man noch anzugeben wußte, wo denn eigentlich.

Mit diesem Gefühl der Unzufriedenheit ist es sehr merkwürdig, die Anlage dazu haben wir von Mutter Eva geerbt, welcher bekanntlich der Teufel mitten im Paradiese ein Ungenügen einhauchen, sie unzufrieden machen konnte. Es ist zehn gegen eines zu wetten, daß man von zehn Weibspersonen, wenn nicht neun, so doch sieben in ein tiefes Elend hineinreden, zu einem großen Weinen bringen kann. Man braucht sich nur so neben ein Weibchen oder Mädchen zu setzen und anfangen zu seufzen, dann zu sagen, wie sie eine sei, dann wieder zu seufzen und zu bedauern, daß sie nicht in der Stellung sei, wo sie von Rechts wegen hingehöre, zu klagen, sie scheine nicht recht gewürdigt zu werden, nicht die gehörige Anerkennung zu finden, »ach, wie himmelschreiend, ach, wie traurig!« oder auch nicht auf dem rechten Wege zum ewigen Leben usw., was gilt's, es geht nicht fünf Minuten, so fängt sie auch an zu seufzen, und ist sie einmal am Seufzen, so weint sie in zehn Minuten richtig bitterlich und hat das Herz voll Elend, es schwillt auf und wird so groß wenigstens wie eine Sauerkabisstande! Wer die Sache versteht, setze sich auf einen Abweisstein an einen Kreuzweg, besonders wenn der Bysluft etwas scharf geht, rede alle Weibspersonen, welche vorübergehen, an, stelle sie oder gehe mit ihnen, fange an sie zu bedauern, daß sie in solchem Bysluft, der doch ihrer zarten Haut unmöglich zuträglich sein könne, auf der Straße sein müssen, und fahre so fort gröber oder feiner je nach der Qualität ihres Kittels oder Rockes, was gilt's, er bringt sie zur Erzählung ihrer Lebensgeschichte, wenigstens zu Bruchstücken daraus, alles an einer großen Sauce von Tränen! Das ist die Aufweiserei und ihre höllische Kraft, der natürlich dann auch die Männer untertan sind. Nimm Exempel an Adam! Je leichter ein Mensch ist, je weniger er Grund gefaßt und abgestellt hat auf dem rechten Felsen, der weder im Sturme noch im Drang der Fluten wankt, desto größere Gewalt hat diese höllische Macht über ihn. Daher ihre große Gewalt über das luftige Volk der Städter, über ungläubige Schulmeister und alle die, welche mit ihren luftigen Lehren an- oder aufgeblasen waren; woran, beiläufig gesagt, die sämtlichen Regierungen eine grausame Freude hatten, diese luftige Pädagogik als Schoßkind und Meisterlos hätschelten und tätschelten, zu allen Unarten lachten, keinen Klagen Gehör gaben, die Völker damit an- und aufblasen ließen je mehr, je lieber, alles in der Hoffnung, in diesem Kinde erwachse der Held, welcher die Kirche erschlage. Im Leben ist es aber so, daß gerade solche Meisterlose den Eltern den meisten Verdruß bereiten, ihre Häupter mit Jammer in die Grube bringen. Nimm Exempel am Söhnchen Absalom! Wird hier wohl nicht anders gehen.

Also vor allem ward das allgemeine Unbehagen mit Seufzen und Winken geweckt und der Glaube großgezogen, so könne es beim Donner nicht mehr bleiben, es müsse anders werden, anders kommen. Nun malte man auf den dunkeln, wehmütigen, herzbrechenden Hintergrund, was man nur irgend ersinnen konnte von Elend, Jammer, Tyrannei, Dummheit, Verrat. Und wenn dann das Heulen und Zähneklappen recht groß ward, so kam man und malte andere Bilder. Der Teufel sagte der Eva, wenn sie essen würde von der verbotenen Frucht, würde sie Gott gleich werden. So weckte man auch in den Herzen die Begierde, die Gier und hielt jedem Herzen nach seiner Art einen besondern Lockvogel vor, den Armen die Staatskasse, den Reichen auf dem Lande Freiheit von allen und jeden Abgaben, Halunken, Vergeltstagten, Bevogteten politische Freiheit, Stimmrecht, worunter sie sich, der Himmel weiß, was vorstellten. Den eigentlichen Himmel voll Geld und reichen Staatsstellen tat man den Jungen auf mit leichtem Kopf, leichtem Magen, leichten Beinen, welche allerlei halb gelernt hatten und nichts recht konnten als tapfer brüllen, nichts hatten, aber gerne viel vorstellten, nichts arbeiten mochten, desto lieber aber aßen und tranken, für die Freiheit schwärmten und doch nichts taten als andere richten, die Aufklärung zu ihrer Göttin machten und nicht über drei Worte, welche sie im Munde führten, Aufklärung geben konnten, welche taten, als hätten sie Staatsweisheit aus der Mutterbrust schon gesogen, die übrigen Weisheiten korbweise gefressen und von keiner Ursache die Folgen erkennen konnten und an den Folgen nie die Ursache, vom Zusammenhang der Dinge sowenig Begriff hatten als irgendeine blinde Kuh im Vaterlande.

Solche Leute fand man von allen Sorten regimenterweise: Literaten ohne Gedanken, Schulmeister ohne Grütze, Studenten ohne Bier, Rechtsbeflissene ohne Begriff von Recht usw. Diese waren das junge Geschlecht, die Hoffnung des Vaterlandes, ihm gehörte die Brust der Mutter, das heißt alles, was Gutes, Eßbares, Trinkbares und übriges im Vaterlande war, ihm alleine und ausschließlich. Ein historisches Phänomen, eine Aristokratie der Jugend, stund plötzlich, in der einen Hand einen Lineal oder eine Zigarre, in der andern einen Pokal, am politischen Himmel und schrie schrecklich, damit der Himmel sich ihm öffne. So ward großer Lärm im Lande. Die Leute steckten erst die Köpfe zusammen, dann liefen sie zusammen, und endlich ward im hohen geheimen Rate erkannt, die Birli seien reif, Hansli söll gah Birli schüttle, Volksversammlungen seien anzustellen, um der Sache den Taubendruck zu geben, wie man zu sagen pflegt.

Hans und Benz hatten einander lange nicht gesehen unter vier Augen. Jeder konnte von dem andern vermuten, an welchem Seile er zog, und zwar mit Bedauren, denn sie hatten einander wirklich lieb. Hans sagte, es sei lätz, daß Benz so sehr am Alten hange, es sei dem nur zu wohl daheim, der würde sonst schon anders reden. Benz sagte von Hans, es sei lätz, daß er Hans unter den Neugierigen (ländlicher Ausdruck für radikal) sehen müsse. Hans habe sonst so viel Verstand gehabt. Aber so gehe es: wem es nicht wohl daheim sei, dem sei nirgends recht wohl, und darum wolle er immer ändern, und nichts sei ihm recht. Mit diesem Urteile beurkundeten beide viel Verstand und gaben die Quelle vieler Erscheinungen übereinstimmend und sicher an, welche die Mehrzahl der Professoren in Frankfurt, und wenn sie sieben Brillen aufeinandergesetzt, nie entdeckt hätte, und hätte das Parlament noch siebenzig Jährchen gedauert.

Nun geschah es, daß Hans geldbedürftig wurde. Das geschieht jedermann, geschah Hans schon früher. Es herrscht auf dem Lande daher noch die schöne Sitte gegenseitiger Aushülfe. Es geht ein Freund zum andern, leiht hundert, zweihundert und mehr Taler, und zwar ohne Empfangschein. »Mach's öppe uf, ih will's o ufmache, bis z'Martistag oder bis z'Frauetag kann ich es dir wiedergeben«, heißt es, und damit ist es gut, und von Zins ist keine Rede. So hatte Hans von Benz geliehen und Benz von Hans und unbeschwert. Der Bauer kann allezeit in solche Lagen kommen, wenn er gut zu kaufen sieht und nicht gerne Vorräte verkauft, weil die Preise schlecht stehen. Kapital abkünden, wenn er welches hat, tut ein Bauer nie in solchen Fällen, wenn es nicht die dringlichste Not gebietet. Er weiß, wie schwer es hält, wieder zu ersetzen und zusammenzubringen, was einmal abgelöst und verbraucht ist. Er hält seine Kapitalien so fest als seine Grundstücke. Jetzt aber ging Hans ungern zu Benz, und anderswo wußte er nirgends zu erhalten. Hans ging nicht mehr mit unbeschwertem Gewissen. Hans wußte wohl, Benz werde ihm keinen Vorwurf machen über seinen Haushalt, aber Hans fühlte wohl, Benz werde denken: »Wenn du besser zur Sache sehen, mehr daheim sein würdest, die Buben nicht so viel brauchten, so hättest jetzt nicht nötig, Geld zu leihn.« Auch bloß solche Gedanken hatte er höllisch ungern, indessen anders machen ließ es sich nicht wohl, und so viel wußte er von Benz, daß, wenn er schon das dachte, er doch nirgends sagte: »Hunghans war bei mir und wollte Geld; weiß nicht, was der Mann macht, dem geht es nicht vorwärts, der Mann wird nötig.«

An einem Abend also machte Hans sich auf die Beine nach der Ankeballe z'Abesitz. Es war finster und stürmte. Ob Hans absichtlich eine solch finstere Nacht ausgelesen, wissen wir nicht, aber möglich war's. Obschon also keine Sterne am Himmel standen, schoß doch Hans an keinen Baum und stolperte nie, er war fest auf den Beinen. Er hoschete erst an der äußern Türe, drinnen hörte ihn niemand als wahrscheinlich der Hund unterm Ofen, der schlief. Der fing an zu muckeln und halblaut zu bellen. »Was hat der aber?« sagte Lisi; »es wird ihm was vorkommen im Schlafe, aber kurios wär's doch, wenn die Hunde auch träumen sollten.« Damit ging die Türe auf, und eine Stimme sagte: »Ihr müßt kurze Zeit haben beieinander, daß, man mag doppeln, so stark man will, niemand es hört.« »Bist du es, Hans?« sagte Benz, der oben am Tische saß und Apfel rüsten half so gut als die andern; »du bist seltsam da oben, aber Gottwillche. Der Luft geht stark, doch hörte dich der Hund unterm Ofen, wir meinten, er träume.« »Selb machen sie«, sagte Hans. »Weiß nicht, kömmt ihnen vor, was den Tag über gegangen oder sonst was. Bei den Jagdhunden ist's b'sunderbar stark, wahrscheinlich kömmt ihnen ein Hase vor, sie bellen gerade, wie wenn sie aufstechen würden.«

»Kommt ins Stübli!« sagte Lisi, »will euch ein Licht hinübergeben.« »Absolut nicht«, sagte Hans, »will das Rüste nicht verstören. Meinst etwa, ich könne es nicht mehr? Das vergissen ih nit, d'Mutter selig hat mich zu gut dazu dressiert.« Somit zog Hans sein Messer hervor und begann zu rüsten wie Knecht und Magd. Er sah, daß das nicht lange dauren würde, und wollte vor dem Gesinde nicht den Namen haben, als hätte er was Besonderes, Geheimes. Er brachte erst etwas vor, das den Grund seiner Anwesenheit angeben sollte; er fragte Benz um eine eiserne Brunnenrute. Wahrscheinlich seien Strangen in den Dünkeln gewachsen, und mit seiner hölzernen könne er daran nichts machen. Nachher brachte er einige Späße aufs Tapet, welche viel Lachens gaben, aber das Rüsten nicht förderten. Wenn es so lustig ging, warum pressieren? Nun endlich wurden sie doch fertig, und Lisi musterte die Männer ins Stübli. Vor Kindergeschrei und Rädergeschnurr könne man ja kein Wort miteinander reden, sagte es.

Im Stübli fing Hans bald vom Rechten an. »Was ich dich eigentlich fragen wollte«, sagte er, »könntest du mir nicht hundert Taler leihen oder was, du weißt, ich hatte Unglück, und d'Sach giltet nüt, in einem halben Jahr allweg, vielleicht auch früher sollst es wiederhaben.« »Warum nicht?« sagte Benz. »Es ist gut, daß du kömmst. Es fragte mich einer um tausend Gulden. Ich geb es ihm nicht gerne. Mann und Unterpfand gefallen mir nicht, und doch log ich ihm auch nicht gerne, daß ich das Geld nicht hätte. Jetzt kann ich bei der Wahrheit bleiben, denn wenn ich dir gebe, bleiben mir nicht mehr tausend Gulden zum Anleihen.« »Nun, da treffe ich es denn gut, wenn es auch dir ein Gefallen ist; selb ist eine rare Sache, wenn man von jemand Geld will. Und wenn du so bei Gelde bist, so gib mir zweihundert Taler, wenn du sie entbehren kannst. Ich könnte es machen mit hundert, aber es ginge knapp«, entgegnete Hans. »Warum nicht?« sagte Benz, »gerne; wenn du es hast, so stiehlt es mir niemand.« Benz holte das Geld und legte es, zumeist in Rollen geordnet, auf den Tisch.

Während er es darlegte, sagte Hans: »So Gott will, kommen bald einmal bessere Zeiten für den Bauern, er ist lang genug Hund und Sklav gewesen; es ist jetzt einmal auch an ihm, zu sagen, wie er es haben wolle; lange genug hat es geheißen: ›Bauer, zahl!‹ Jetzt soll es dann heißen: ›Herr, zahl du!‹ Es ist Zeit, daß es ändert, so wäre das nicht länger gegangen.« Benz sagte nichts dazu, sondern zählte am Gelde, schrieb auf ein Papier die einzelnen Summen auf und rechnete sie zusammen. »Man sagt davon«, fuhr Hans fort, »es solle bald eine Zusammenkunft von achtbaren Männern geben in Brastigen, um abzureden, ob man eine Volksversammlung will oder sonst fahren. Du kömmst doch auch?« »Zweifle«, sagte Benz. »Warum wolltest du nicht kommen?« sagte Hans, »es geht dich mehr an als irgendeinen. Es ist hauptsächlich von wegen den Zehnten und Bodenzinsen und daß man nichts mehr von den Armen wolle. Jetzt zahlst am meisten Zehnten in der Gemeinde, hast einen schweren Bodenzins, und für Armentellen machst es mit hundert Gulden nicht, und du wolltest nicht helfen das alles wegmachen? Wenn du nicht willst, wer soll dann helfen?« »Und dann, wenn das alles weg ist, was dann?« frug Benz. »Was dann«, frug Hans, »was dann? He, dann ist's weg, dann brauchen wir es nicht mehr zu bezahlen.«

»Aber wer zahlt den Staat, der muß doch unterhalten sein? Die Regierung braucht allweg Geld; du magst es einrichten, wie du willst. Kommen die Zehnten und Bodenzinse weg, so kommt was anderes an ihren Platz, und die Armen wirst nicht totschlagen wollen, ›die habt ihr ja allezeit bei euch‹, heißt es«, sagte Benz. »Die Armen übernimmt der Staat«, sagte Hans, »die werden neutralisiert; es ist billig, daß die sie jetzt erhalten, welche das Land arm gemacht haben. Dazu zieht man die fremden Gelder ein. Wenn die einmal da sind, so ist genug Geld im Land, daß man sich recht kehren kann. Und was Zuschuß nötig ist, das können die Herren zahlen, die Kapitalisten, die Hagle. Die können am Schatten hocken, arbeiten nichts, und wer schafft und schwitzt, der muß sie erhalten, zinsen, daß ihm das Liegen weh tut, und noch dazu die Abgaben zahlen, und der Kapitalist zahlt nichts, tut nichts als am Schatten hocken und essen und trinken, was ihn gut düecht. Ist das recht, möchte ich wissen?«

»Hör, Hans«, sagte Benz, »das b'richtest du am unrechten Ort, denn ich und du sind auch Kapitalisten, und nicht nur die Herren haben das Geld; es ist auf dem Land soviel Geld als in den Städten. Es ist hier nicht wie an manchem andern Orte, darum ist das Land nicht arm; aber arm kann man es machen, Hans, zähl darauf! Zieht man das angelegte Geld ein und verbraucht man es, so muß man mehr steuren; und muß der Kapitalist viel steuren, so fordert er mehr Zins oder tut sein Geld weg. Am Ende muß immer das Land darhalten, mit dem muß man warten. Auf das Zentralisieren verstehe ich mich nicht. Aber so viel wissen wir, daß alles, was der Staat macht oder machen läßt, viel teurer kömmt, als was andere ehrliche Leute machen lassen. Es geht durch manche Hand, und allenthalben streift es was ab; das ist, wie wenn man Schafe durch einen Dornhag jagt, sie müssen auch Wolle lassen, und wer muß das zahlen als das Land? Das Land hat sich die letzten Jahre bereichert. Denk nur, was bauet wird und was z'verdienen gegeben wird. Aber hürsche man brav, so zähl darauf, es kömmt anders. Das ist gerade, wie wenn einer nie aufhören kann bauen, immer abreißt und neu probiert; denk, Hans, wie mancher hat sich schon z'Tod bauet!«

»So, Benz, bist du des Glaubens? Habe geglaubt, du seiest witziger als so und achtetest besser darauf, was dir zum Nutzen sei. Was haben dir die Herren z'Lieb und z'Ehr getan, daß du so an ihnen hangest und meinst, es müsse alles so bleiben? Habe nicht geglaubt, daß du ein so großer Herrenfreund seiest.«

»Nicht halb ein so großer als du«, sagte Benz. »Sehe ja oft viele Wochen keinen, während du alle Tage lange genug bei ihnen sitzest. Ich frage nichts darnach, wer regiert, wenn es nur gut geht, Ruhe und Ordnung im Lande ist, wofür man eben die Obrigkeit hat und nicht, um alle Tage dere Tüfels Händel anzufangen, wie es die Kiltbuben machen. Ich glaube, soviel ich mich darauf verstehe, möchten die jetzt Ruhe und Frieden, hatten es vielleicht auch nicht immer so. Aber jetzt, wo sie es möchten, warum jetzt weg mit ihnen? Hat man was zu klagen oder weiß man was zu verbessern, so kann man das sagen, ohne das Ganze z'unterobe z'kehre, wie man es im Sinne hat mit Schein.«

»Das verstehst du nicht«, sagte Hans. »Mit diesen ist nichts zu machen, man hat es ihnen oft genug gesagt, aber sie sind Aristokraten, Landsfeinde, verkauften das Vaterland dem ersten besten Jesuiten, wenn sie nur in ihren Sesseln bleiben können, und dienen schon jetzt den Königen und Fürsten; dazu ist die Verfassung nicht gut, zu aristokratisch, dem Land nicht günstig, die muß anders sein. Ja, Benz, du hast so viel auf der Religion; das sind Bursche, sie wären imstande, uns katholisch zu machen, und mit Schein haben sie es gut im Sinn; sie würden sonst den freisinnigen Luzernern helfen, die Jesuiten ausjagen und mehr tun für Aufklärung und Bildung. Aber wenn sie das Volk so dumm haben könnten wie ein Walliser Fraueli, wo auf Einsiedeln pfoselt, sie täten es noch heute.«

»Aber Hans«, antwortete Benz, »was willst du eigentlich, und was ist mit dir? Ich verstehe mich gar nicht auf dich; daß dir Zehnten und Bodenzinse zuwider sind, selb begreife ich, es tut mir auch allemal weh, wenn ich einen großen Bündel mit Geld forttragen muß und ihn leer zurücktragen kann, ohne was dagegen zu haben. Aber dann denke ich, wer zinsen müsse, dem gehe es ungefähr ebenso. Aber daß du so gegen die Herren auf bist und die abe willst, selb begreife ich nicht. Wärest g'sotten und braten bei ihnen, und wenn mir jemand gesagt hätte, du heiratetist den Regierer, ich hätte es glaubt, wäret ja wie zwei Finger an einer Hand. Was hat's gegeben zwischen euch? Hast ihm etwa Geld gegeben, und er leugnet es dir ab?«

»Was denkst!« sagte Hans gereizt, »das ist nicht so einer. Es sind nicht alle Herren gleich, wie auch nicht alle Kühe Blöschen sind. Es gibt auch unter ihnen solche, die das Herz auf dem rechten Fleck haben und es mit dem Lande gut meinen, denen unser Gattig Leut am Herzen liegen und die den Staren stechen und zeigen, was gehen soll und wo es hinaussoll und daß es Zeit sei, der Mähre zum Auge zu sehen, wenn nicht alles zum Teufel gehen soll. Er ist auch nicht der einzige, es gibt noch mehr deren, welche nicht wollen, daß wir so unterdrückt und verraten werden.«

»So«, sagte Benz, »der Regierer macht das! Du und er sind also noch eins? So, und dem ist's angst, er könnte katholisch werden und wegen den Jesuiten? O Hans, du guter Tropf, der ließe sich noch heute beschneiden und würde nicht bloß Jesuit, sondern Jude oder Türk, wenn er dabei alles hätte, was er liebt. Es ist ja Stadt und Land bekannt, daß der keine Religion hat und was er für Ausdrücke braucht, wo er hinkömmt, und wenn er wüßte, was ein Eid wäre, oder glaubte, es wäre was dran gelegen, er b'richtete euch nicht solche Dinge und stiefelte die Leute auf. Die andere, welche du meinst, werden nicht besser sein als er, vielleicht von dem jungen Volk, wo keinen Glauben hat, ume Durst und den alten Saufgötz, wie man ihm sagt, anbetet. Das werden saubere Herren sein, und denen ist an Zehnten und Armen geradesoviel gelegen als an der Religion und an uns Bauren geradesoviel als an den Jesuiten. Die möchten obenauf, möchten sich an den Tisch setzen, sich mästen lassen, Hans, das ist alle Handel, und möchten alles durcheinandermachen und im trüben fischen, Hans. Wenn denen die Religion einen Kreuzer wert wäre, sie würden es erzeigen, aber sie gehen ja mit ihr um wie unsereinem mit den Käfern, von denen wir lieber wollten, sie wären nicht; sie tun ihr alles zuleid, was sie nur können. Denen ist's um sich selbst, Hans, und ihr sollt nur die Finger dargeben, um die gebratenen Kestenen aus dem Feuer zu holen. Das werden alles Rechtsagenten und Fürsprecher und dere Züg sein, und weißt, für was die uns halten, Hans? Weißt, was ich dir einmal schon erzählt? Es ging ein reicher Bauer in die Stadt zu einem Fürsprech, er sollte ihm einen Handel verfechten. Nun aber war die Gegenpartei schon bei ihm gewesen, und er hatte sie angenommen. Er sagte dem Bauer, es sei ihm äußerst leid, ihm nicht dienen zu können, er habe unmöglich Zeit und sein Schreiber habe das Pfiffi. Aber wenn er wolle, so könne er ihm einen Freund angeben, der ihm die Sache mache so gut als er selbst, er könne ihn dort rekommandieren, wenn er es begehre. Der Bauer nahm es dankbar an und erhielt ein Briefchen an den Freund. Ehe er es abgab, ging derselbe in Gritlis Weinkeller und traf dort seinen Gegner. Beim Wein wurden sie redselig, als alte Nachbaren traulich. Als sie merkten, daß beide beim gleichen gewesen, wurde ihnen der Brief verdächtig; sie öffneten ihn, darin hieß es: ›Lieber Freund, heute sind zwei fette Gänse in die Stadt geflogen, du und ich wollen sie rupfen.‹ Also, Hans, für Gänse halten sie uns, für Gänse wollen sie euch brauchen. Hätt's nicht geglaubt, daß du so dumm wärest, Hans.«

»Ja, dann doch nicht alleine«, sagte Hans. »Es wird fast sein, als ob du der gescheitste Mann seiest im Lande. Denn es ist ja alles einer Meinung, so weit man hören mag. ›Abe mit ne!' sagt alles. Halten allenthalben Versammlungen, so weit man hört, und es heißt, die Gutgesinnten von den Jetzigen fahren im Lande herum und zeigen das größte Gutmeinen mit dem Volke und sagen, wie es gut kommen müsse, wenn man nur einig sei, und die werden doch auch nicht dumm sein.«

»Gerade auf denen halte ich am allerwenigsten, die möchte ich nicht als Hüterbuben auf meinem Hof«, antwortete Benz. »Wenn ich ändern wollte, gerade die müßten mir zuerst fort, denn die sind minder ehrlich als die andern.« »Kennst sie?« fragte Hans. »Nein«, sagte Benz, »sah sie nie, weißt ja wohl, daß ich den Herren sowenig als möglich unter die Augen komme, fürchte sie nicht, liebe sie nicht, will nichts von ihnen, hab's gottlob nicht nötig.« »Wenn alle so dächten wie du«, sagte Hans, »es ging sauber im Lande, wenn niemand zum allgemeinen Besten sehen wollte, alles nur so Sackpatrioten wären, wie man denen sagt, welche nur so für sich sein und für das allgemeine Beste nichts tun wollen.«

Da stieg Benz der Kamm. Rasch frug Lisi: »Ist's dann Ernst, soll's wieder eine andere Regierung geben? Es ist große Lärm unter den Leuten. In der vorigen Woche haben wir den Schneider gehabt, der hat viel b'richtet, man ist fast sturm worden. Er hat gesagt, es gebe eine Regierung, wo die Armen auch etwas zu sagen hätten, die armen Teufeln wie er nicht mehr so genug tun müßten. Jeder Arme, wo nichts geerbt habe, erhalte dann Geld genug und Arbeit, soviel er möge, daneben Holz und Land, was er brauche. Es gehe ganz anders als jetzt, wo die einen alles hätten und die andern nichts, es solle dann einmal billiger zugehen. Er ist alle preußisch gewesen und hat darauf gestichelt, wenn er Bauer wäre, er wollte das Schneidern lernen, vielleicht daß es ihm noch einmal kommod käme. Wo soll das alles herkommen, was er da gesagt hat? Du kannst mich vielleicht b'richten, Hans, da dir die Sache so gut bekannt scheint.«

»Der Schneider ist e D... Stürmi«, sagte Hans, »er redt läng Stück, er weiß nicht was, es ist sich dessen gar nicht zu achten. Er meint, er müsse geredet haben, während der Tag lang ist, es kömmt ihm nicht darauf an, was. Und das Reden ist ihnen zu gönnen, viel anderes werden sie auch nicht von der Sache haben«, sagte Hans. »Ich denk, es werde noch andern mehr so gehn, nicht bloß dem Schneider«, sagte Benz.

»Was lebt Gritli, wie geht es ihm immer?« frug Lisi. »Ho«, sagte Hans, »geng wie geng, allbeneinist fehlt ihm neuis, und allbeneinisch gruchset's süst, das wechselt so miteinander ab, wie's öppe d'r Bruch isch by de Wybere.« »He«, sagte Lisi, »das ist wege d'r Kurzwyl, Hans. Die arme Wyber müsse o öppis ha, es ist ihnen auch was z'gönne, we d'Manne desumestürchle, es weiß ke Mönsch, wo. So geht's, we nes jeders d'Sach b'sungerig ha wott. Wo beide daheim bleiben und Lieb und Leid miteinander tragen, da kann man es anders machen.« »Das wird sölle trümpft sy«, sagte Hans. »Kannst es meinethalben nehmen, wie du willst«, sagte Lisi. »Wenn du über die Weiber sagst, was dich gut dünkt, so wird es mir auch erlaubt sein, zu sagen, was mir ins Maul kömmt. Häb's nit für ungut, aber ich muß dir sagen –«

»Wann soll die Volksversammlung sein?« fiel Benz fragend ein. »Es ist noch nicht bestimmt«, sagte Hans. »Es kömmt drauf an, was nächsten Sonntag ausgemacht wird; wenn es eine gibt, wahrscheinlich über drei Wochen.« »Du wirst mir doch nicht d's Herrgetts sein wollen und der Sache nachlaufen?« fiel Lisi gegen seine Gewohnheit ein. »Laß die ausessen, die einbrocken, und denk an die Kinder!« »Du wolltest es ihm also nicht erlauben?« frug Hans. »He nun, so ist doch eins gut, daß nicht jeder Mann seine Frau fragen muß, wenn er wohin gehen möchte, ob er dürfe oder nicht.« »Und vielleicht schadete es nichts, wenn mancher Mann nicht selbst den Verstand hätte, zu wissen, was ins Mäß mag, wenn er die Frau fragte; es käme vielleicht den Kindern auch wohl und täten minder wüst.« Hans wollte auffahren.

»Nit«, sagte Benz. »Es ist nicht bös gemeint von Lisi, aber du weißt, wie es die Weiber haben: wenn man sticht, stechen sie wieder. Aber um wieder auf die Sache zu kommen, sie gefällt mir nicht, ich helfe nicht dazu. Die Aufreisig ist mir zu groß, bei einer rechten Sache mangelt es sich dere nicht; den einen spiegelt man das vor, den andern anders. Die Leute sind mir nicht die rechten. Ich vertrauete den meisten nicht drei Kreuzer an ohne drei Bürgen, und tun wie Juden auf dem Kühmärit, werden wissen, warum, schreien gar über Jesuiten, als wären diese Schweine und sie Juden und sollten sie fressen samt allem Speck, und lachen über die Religion, und nach ihren Werken ist all ihr Glaube spottschlecht. Drum, Hans, nimm dich in acht, ich will dich gewarnet haben, von wegen wir sind alte Freunde; ich täte es sonst nicht. Kannst immer machen, was du willst, bist witziger als ich. Aber d'Sach g'fällt mir nicht, und manchmal sieht einer nebe uße weiter als einer, der z'mittsinne ist.«

»Sei das jetzt, wie es wolle«, sagte Hans, »es muß g'fahre sy. Leid ist's mir, daß du die Sache nicht einsehen kannst und nicht mithalten willst. Ich nehm's dir nicht für ungut, deswegen bleiben wir hoffentlich gleich Freunde. D'rnebe wär 's mir lieber, du redetest einstweilen niemanden viel davon, es wird früh genug auf die Trommel kommen, aber dann gleich recht.« »Habe nicht Kummer!« sagte Benz, »was du mir als Freund gesagt, bleibt beim Freund, und Eid habe ich keinen auf mir, aufzupassen und anzuzeigen.« »Selb sind Späße«, sagte Hans. »Gut Nacht, dankeigist und innerthalb einem Jahr kannst wieder darauf zählen. Und du, Lisi, zürn nüt, Späß haben ist erlaubt.« »Allweg«, sagte Lisi, »und es soll dir noch mehr erlaubt sein, will's weder übelnehmen noch dir was schuldig bleiben; aber mit Gritli habe nicht Späße, das mag's nicht ertragen, sonst geht's dir bald und klagt es Gott.« »Häb nit Kummer!« sagte Hans, »was immer kracht, bricht nicht.« »Verlaß dich nicht darauf!« sagte Lisi. »Ich lasse ihm gut Nacht wünschen und es solle bald hinaufkommen, aber einen ganzen Tag.« »Will's verrichten«, sagte Hans und verschwand in der Nacht.

»Hätte doch nicht geglaubt«, sagte Hans bei sich während dem Heimgehen, »daß Benz so ein Einfältiger und Päpstlicher wäre. Da meint er, es müsse alles nach Schnur und Gesetz gehen und im alten bleiben. Jetzt macht jeder, was er kann, und d'r Schlimmer ist Meister. Da wäre doch einer ein Tropf, wenn er großen Lasten ab und zu wer weiß was noch kommen kann, wenn er es nicht täte; für was wäre man sonst in der Welt? Aber Benz war immer ein Dummer, schon in der Unterweisung. Wenn was ging und der Pfarrer fragte: ›Benz, was ist?‹, so kam ihm nie eine Ausrede in Sinn, sondern er sagte richtig, was er wußte. Er wird meinen, Zehnten, Bodenzinse und Herren habe unser Herrgott miteinander eingesetzt, daß man sie zusammenbehalten solle in alle Ewigkeit. Und mich nimmt jetzt wunder, ob man nicht allem miteinander in einem Klapf loswerden könnte. Der Regierer meint es auch, und der ist um etwas gescheuter als unser Ankenbenz, der in Gottes Namen nicht weiß, was leben ist, sondern meint, er versündige sich, wenn er nicht schaffe wie ein Knecht von einer Tagheiteri zur andern. Der Narr!«

Auch Benz hatte seine Gedanken, aber andere. Als Lisi vom Zünden zurückkam, fand es ihn, den Kopf auf den Arm gestützt, seufzend. »Das ist eine böse Geschichte«, sagte es, »es kann mich erbarmen für beide. Das gibt ein neu Gelaufe, zum alten Kummer kömmt neuer, Gritli steht das nicht aus. Hintendrein, wenn es zu spät ist, gehn dann Hans wohl die Augen auf.« »So ist's«, sagte Benz, »und da ist nichts zu machen, seine Augen sind wie verschlagen, und wenn man ihm nicht alles nachsagt, wie er's einem vorsagt, wird er böse, meint, man sei dumm, könne den Nutzen nicht einsehen. Der arme Hans kann nicht sehen, wohin ihn das führt und woher seine Klemme kömmt. Er meint, wenn er alles könne z'unteroben kehren, so werde es ihm bessern, er bekomme wieder Geld genug. Der gute Hans! Bei Zehnten und Bodenzinsen und mit den Armen wurden unsere Vorfahren reich, und auch wir waren es, und gottlob mir ist's nicht zurückgegangen. Wenn es Hans zurückging, so ist der Fehler an ihm; jetzt soll die ganze Ordnung geändert werden, und er begreift nicht, daß alles nichts hilft, solange er den Fehler nicht am rechten Ort sucht und ihm abhilft. So geht es Tausenden noch, und wir müssen ein neues G'hürsch haben, und das gibt teure Geschichten, zähl darauf! Und die guten Tröpfe merken nicht, daß im Regierer keine Treu und Wahrheit ist, und meinen gar noch, es sei ihm an der Religion was gelegen, jawolle! So eine allgemeine Aufreisete habe ich noch nie erlebt, denk an den Schneider, Frau! Das gibt eine saubere Suppe, will lieber sie nicht ausessen, und doch werde ich nicht entrinnen, es wird uns allen sein Bröcklein davon ziehen. Und doch kann Hans mich dauren, er ist und bleibt mir lieb; aber was der noch an seinen Kindern erleben wird, ich darf nicht daran denken!« So ward Hans nachgedacht.

Es war eine ganz andere Färbung der Gedanken bei Hans und Benz, welche nicht bloß eine persönliche ist, sondern eine allgemeine, der Klasse, zu welcher beide gehörten, angehörende. Hans hielt sich für klug, meinte, ihm seien neue Lichter aufgegangen, alle Geheimnisse aufgeschlossen worden, er sei ein Eingeweihter, selbst ein Licht, das da strahle an einem dunkeln Orte. Wer nun seine Vorträge nicht billigte, nicht blindlings ihm Glauben schenkte, den hielt er für dumm, einfältig, altväterisch, nicht bildungsfähig, verachtete oder haßte ihn, verspottete oder verdammte ihn, je nachdem derselbe ins Gewicht fiel, dessen Person große oder keine Bedeutung hatte. Mindere werden verspottet, Bedeutendere gehaßt, als ob sie das augenscheinliche Licht der Wahrheit einsehen könnten, aber nicht wollten, Lichtlöscher sein möchten aus persönlichen, eigennützigen Gründen. Es erhebt sich gegen sie ein eigentlicher Sektenhaß, der ohne Untersuchung allen nicht Gleichgläubigen das Urteil der Verdammung spricht und sie ins ewige Feuer schickt.

Benz bedauerte bei Hans ebenfalls eine Verblendung. Wie Hans sich auf neues Licht stützte, stützte Benz sich auf alte Erfahrung, laut welcher Hanse Licht ein Irrlicht war. Deswegen aber verachtete oder verdammte Benz Hans nicht, sondern bedauerte ihn, betrübte sich seinetwegen, es war bei ihm kein Sekteneifer, sondern ein christliches Mitgefühl, es war bei ihm kein Seligsprechen und Verdammen, sondern ein freundlich Mahnen, ein frommes Ergeben in Gottes Willen. Freilich geht dann dieses fromme Ergeben zuweilen über in träges Zuwarten, und der Eifrige wird Meister in seinem Zorne und trittet den allzu Gelassenen und Untätigen mit Füßen. Das ist die Buße, welche Gott verordnet hat dem, der nicht tut, was seines Amtes ist, der kein rechter Kämpfer ist im großen Kampfe, der nicht begreift, daß eben die rechte Liebe kämpfen muß, aber eben aus Liebe und mit Liebe.

Hans war anderwärts mit seinen Kinderlehren viel glücklicher. Schuldenbürli vor allen waren ganz glücklich und sahen Hans wie einen Heiland an, der ihnen das Tausendjährige Reich verkünde, keine Abgaben mehr für sie, Geld nicht nur so wohlfeil als möglich, sondern manchmal hätte man aus Hanse Reden abnehmen sollen, die Kapitalisten würden nicht bloß d'r Gottswillen anhalten, daß jemand ihnen ihr Geld abnehme, sondern würden noch Zins bieten, wenn jemand sich ihres Geldes erbarme. Keine Abgaben mehr, Geld, soviel man begehrt: was will ein armer Bauer mehr auf Erden?

Den Handwerkern war er nicht weniger eine himmlische Erscheinung, denn er sprach ihnen von Staatsbauten, daß ihnen das Wasser unterm Kinn zusammenlief. Wer mit Verstand jemals dem Staat gebaut hat, der weiß, was das heißen will. Eine lange Rippe von einer vierzentnerigen Sau ist ein delikat Fressen, aber wir können versichern, anständige Staatsbauten sind noch ein viel delikater Fressen. Nun, den Handwerkern der mindern Klasse überhaupt wies er nicht die Baurenhöfe zum Teilen an oder die Privatwälder oder das Geld der Reichen, sondern die Staatsdomänen und Staatskasse. Der dumme Hans dachte nicht, daß gestohlen gestohlen sei, daß, wenn man mit dem Ochsen fertig sei, man hinter die Kälber gehe. Besonders macht er Sattler, Schneider, Schuhmacher usw. auf Staatslieferungen aufmerksam. Was das für einen Schleck sei, sagte er, man glaube es nicht. Wenn ein Schneider nicht dumm sei und nebenine steche und usezieh, auch was vom Salben verstehe, so müßte der ein dummer Kerli sein, wenn er bei Militärarbeit nicht das halbe Land mit Westen, Überstrümpfen usw. versehen könne. Ehemals sei das den Staatsschneidern zugut gekommen, darum seien die auch so verflucht reich geworden, daß deren seien, welchen ganze Gassen gehörten (in London oder Paris wahrscheinlich, aber Hans nahm es nicht so genau). Aber jetzt müsse künftig das Land auch was davon haben, und erst jetzt werde es recht viel geben, wenn die Herren zahlen müßten und die Bauren befehlen könnten. Auf diesem Boden führte Hans seine Feldzüge, und der Regierer war besonders wohl mit ihm zufrieden.

Aber noch viel glücklicher war Hans der Jüngere. Hans der Jüngere war bekanntlich Leutnant, Baurensohn, Kiltbub, drei Eigenschaften, welche mit viel Leuten in Verbindung bringen und bedeutenden Einfluß zu verschaffen imstande sind. Hans hatte keine Rücksichten zu nehmen, war mit Worten und Versprechungen viel verschwenderischer noch als mit dem Gelde, kosteten ihn ja nichts, konnte sie selbst machen, kam daher nie aus damit. Er sagte allen alles zu, was sie wollten; er hätte dem einen einen Bohnenplätz im Mond, dem andern sieben Rechtsamene auf der Sonne versprochen, wenn sie es begehrt hätten.

Hauptsächlich ritt er zwei Steckenpferde: das erste war das Heldenpferd, das Schlachtroß. Er erzählte, wie sie es den Luzernern und Jesuiten, den Pfaffen überall machen wollten. Die Kapuziner werden gespickt und zu Braten verwendet, die Jesuiten verhackt wie Spinat und als Eier etwelche Nonnen darauf breitgeschlagen. In den Klöstern würde das Tausendjährige Reich gefeiert, am uralten Wein zu Tische gelegen, bis die Sterne Bärte bekämen und die Welt zu wackeln anfing. Verschossen sollte alles werden, daß kein Stein auf dem andern blieb, selbst die Berge in kleine Stücke, damit sich nicht etwa ein Pfaff dort verstecken könnte und dieweil man nicht Zeit habe, jedem Hagel nachzulaufen. Bekanntlich drohten im sogenannten Schwabenkriege die Schwaben den Schweizern, sie wollten in der Schweiz sengen und brennen, bis der liebe Gott wegen der Hitze die Füße an sich ziehen und wegem Rauch es kaum mehr aushalten könnte im Himmel, sondern bas hintere müsse. Hans wollte ein großes Loch in Himmel schießen, damit die Katholiken, wo noch am Leben seien, selbst sehen könnten, ob's wahr sei, was ihre Pfaffen ihnen vorgelogen. Seine Reden taten große Wirkung, entflammten viele, daß sie nicht warten mochten, in Kampf und Tod zu gehn, und jeden als Verräter ansahen, der sagte, es scheine ihm einstweilen nicht passend, sondern überflüssig.

Er hatte aber noch ein Pferd, welches er noch schöner ritt und gar nicht wie ein Schneider, es war das Emanzipationspferd, die Emanzipation der Jugend vom Alter. Die Alten hätten lange genug g'regiert, alles befohlen und g'regiert, wenn sie schon von allem nichts mehr verstanden, ganz veraltet, drei Ewigkeiten hinter der Zeit zurückgewesen seien. Das müsse jetzt anders kommen, die Jungen müßten ans Brett, die Alten hintern Ofen, das tue es nicht länger so. Die Jungen müßten die Regierig wählen, dann wüßte man schon, daß sie nicht Alte wählten. Die müßten es dann einrichten, wie es an andern Orten auch der Brauch sei und daß man dabeisein könne, daß man nicht mehr warten müsse, bis der Alt unter dem Herd sei, ehe man einen Kreuzer kriege, und mancher seinen Alten noch totschlagen müsse einen Tag vor dem Jüngsten, wenn er auch einmal einen Kreuzer erben wolle. Die Alten müßten abgeben oder abtreten, wenn die Jungen das zwanzigste Jahr erreicht oder die erste Garnison gemacht. Er wüßte nicht, warum einer, der fürs Vaterland gut genug sei, nicht auch daheim was vorstellen und zu befehlen haben sollte. Wenn man recht sehe, so sei es in der Bibel auch so gewesen, und wenn die so viel zu bedeuten haben solle, wie die Alten b'richteten, so solle die in allem gelten. Da habe ja der Alt seinem Bub seinen Erbteil, und zwar den ganzen herausgeben müssen, sobald derselbe es begehrt; er wüßte nicht, warum dasselbe jetzt nicht auch geschehen sollte. Das sei eine Sache, über die noch viel zu reden wäre, b'sunderbar wenn der Alt meine, er könne mit der Sache machen, was er wolle, und davon brauchen, was ihm gut dünke; mit dem, was er verputze, brauchten die Kinder nicht Mühe zu haben. Er wolle einstweilen nicht mehr sagen, aber man könne wohl merken, was er meine. Man kann sich denken, wie gerne Hans gehört wurde und wie großen Anklang er fand. Er war ein gefeierter Mann, der junge Hans. Aber das machte sich begreiflich nicht umsonst.

Hans der Alte und Hans der Junge waren noch viel mehr von Hause fort als früher und brauchten noch mehr Geld als sonst, besonders der Junge, der meinte, je mehr er verklopfe, desto größer sei er, desto mehr wirke er. Der Vater mußte fort und fort ausrücken und durfte nichts dagegenhaben. Er tröstete sich, es sei für eine gute Sache und, wenn man es recht betrachte, nur eine Wurst nach der Speckseite geworfen. Zudem rühmte der Regierer ihm seinen Sohn sehr. Das sei ein gesinnungstüchtiger junger Mann, sagte er, ein entschlossener Vaterlandsfreund. Von dem verspreche er sich viel, und der werde es weit bringen. Gerade solche junge Männer müsse man haben, wenn es gut kommen solle. Daran hatte der Vater große Freude, es war das beste Pflaster auf die Löcher im Beutel. Von des Jungen Emanzipationsreden wußte er begreiflich wenig. Hans der Junge hielt sie nicht vor Hans dem Alten. Doch haben wir Ursache zu glauben, der Alte hätte sie nicht halb so übelgenommen, als es dem Anscheine nach hätte sein sollen. Hans der Alte hätte gedacht, es sei dem Jungen nicht Ernst, er beziehe, was er sage, nicht im mindesten auf ihr Verhältnis, er sage das bloß, um andere zu gewinnen und ihnen den Speck durchs Maul zu ziehen. Wenn man es nur den Leuten recht eingeben könne, das sei die Hauptsache, daneben sei alles recht und alle Mittel gut. Und wie man nicht alle Fische mit den gleichen Mücken fange, so sei es auch mit den Menschen, man müsse jedem das darhalten, wo man glaube, er beiße. Dieser Kalkül ist nicht ungewöhnlich, es machen ihn gar viele, aber wer ihn macht, verbrennt die Finger daran gröblich, zähle er darauf, von wegen der Teufel ist ein Schelm.

Nun entstund etwas, über dessen Mangel viele lange bitterlich geweint hatten, es entstund politisches Leben, eine große Bewegung im Lande, wie auf dem Meer, wenn der Wind bläst, wie im Wasserkessel, wenn die Köchin tapfer feuert.

Tausend erregte Hoffnungen, die in der Luft herumschwammen, nicht bloß wie einfältig kleine gebratene Tauben, sondern wie große Gänse und weltsche Hühner, die öffnen die Mäuler, bringen die Geister in Bewegung und in Eifer und machen Parteien. Ach, das ist schön, wenn es Parteien gibt, die zusammenringen und -rennen, machen, was gut ist, recht zu kriegen, obenauf zu kommen, Meister zu bleiben. In Küchliwyl war es sonst so tot und still gewesen, wie wir gesehen haben. Die meisten stunden ihrem Haushalt wohl vor, dachten nicht daran, daß ihnen viel fehle und daß sie viel Besseres zu erwarten hätten, als was sie selbst erwarben mit Fleiß und Gottes Segen. Jetzt ward es auf einmal anders, jetzt taten viele nicht anders als Hausbesitzer, welche an einem schönen Morgen aus dem Schlaf erwachen und mit Schrecken wahrnehmen, daß eingebrochen und das Beste ausgeräumt worden. Erst machten sie Glotzaugen, konnten sich lange nicht fassen; als sie endlich mit Erstaunen und Grauen des Schadens sich versichert, schlugen sie Lärm, liefen von Haus zu Haus, klagten ihre Entdeckungen, erwarteten Teilnahme, forderten Hülfe gegen die verfluchten Diebe und Schelmen. Wer an ihren entsetzlichen Schaden nicht recht glauben, nicht mit Spießen, Stangen und Fackeln als gegen Mörder zu Felde ziehen wollte, den betrachtete man ebenfalls mit Erstaunen und mit Grauen, als mache man plötzlich neue Entdeckungen an ihm, alle Freundschaft zu ihm erlosch, und man ging drei Schritte ihm vom Leibe weg. Wir möchten doch fragen, ob das nicht ganz recht war, ob man Leuten, welche keine Teilnahme zeigen, keine Hülfe gewähren, wenn man ihnen vor Augen legt, wie man in Not gekommen, geschädigt worden, wieder sich entschädigen könnte, ferner trauen darf, wenn man bei gesunden Sinnen ist.

Diese schroffe Scheidung trat bei den Volksversammlungen noch nicht so grell hervor. Da lief alles durcheinander, ungefähr wie zu einem Spektakel, an eine Hinrichteten, eine Grännete oder einen Schwinget. Die Redner stellten die Delinquenten, Gränner oder Schwinger vor, und man freute sich am Luegen und stritt sich hintendrein, wer es am besten gekonnt oder gemacht, bei welchem es am lustigsten gewesen sei.

Am meisten Freude hatte man allenthalben an einem kleinen, dicken Kerl, auf dessen plattem Gesichte Hochmut und Dünkel so dick aufgetragen waren als Schminke auf den Wangen einer Dame am Hofe Ludwigs des Vierzehnten, in dessen Gesichte man im ordinären Zustande nichts sah als oben eine Brille und unten einen Tätsch, dem man bei andern Leuten Nase sagt. Dieser Stoffel staffelte eben auch an den Volksversammlungen herum, tat als eine Person von Wichtigkeit und wollte auch Reden loslassen, trat auf die Bühne, stellte sich vor, stemmte die Arme auf; es arbeitete in ihm sichtbarlich wie im Kessel einer Lokomotive, dann, wenn es genug gebystet und gepustet hatte, riß er das Gesicht auseinander, daß es ein Loch gab in der Mitte, und aus dem Loch heraus kam eine Stimme: »Die Jesuiten fort!« Dann ging das Loch zu, das Gesicht ward wieder ganz, der Blast war raus, das Männchen wurde wieder dünn und stoffelte am Stecken wieder abe von der Bühne, umrauscht vom Beifallssturm, der sich jedesmal erhob, wenn er von den gedachten wohlbekannten Worten glücklich entbunden war.

So nahmen diese Versammlungen sehr viele mehr als Spektakel als was Ernstes. Es lief Krethi und Plethi dran, Leute von allen Farben und Richtungen, ja Weiber und Kinder, Mädchen, versteht sich, die sind allenthalben, wo Hoffnungen in Aussicht stehen. Es wurde wohl gemehret, Hände flogen in die Höhe, aber wem sie gehörten und wie viele es waren und wie viele nicht in die Höhe gingen, wurde nicht genau genommen, jedenfalls weder gezählt noch konstatiert. Sie schienen alle einfarbig, darum einstimmig, denn eigentlicher Widerspruch erhob sich nirgends, hier und da ward bloß eine Modifikation laut. Je leichtfertiger es ging, um so mehr legte die Partei Gewicht darauf, um so entschiedener machte sie die gefaßten Beschlüsse als einstimmigen Volkswillen geltend, um so mehr wuchs ihr der Kamm, um so größer wurde ihr Anhang, um so entschiedener und größer wurden ihre Forderungen, um so leidenschaftlicher gebärdeten sich die Personen, um so gröber ward die politische Notzucht.

Diese trat dann so recht hervor, als in gesetzlichen Versammlungen allerlei Abstimmungen, auch Wahlen vorgenommen werden mußten. Da war politisches Leben, da konnte der alte Polizeier nichts mehr machen, da befahlen andere Majestäten, päckelten erst das Ganze ordentlich, wie man zu sagen pflegt, ließen dann die Befehle ausgehen an ihr Volk, ihre Ordonnanzen marschierten von Hütte zu Hütte, vertrugen die Aufgebote, teilten die Instruktionen mit, rühmten und lästerten, fluchten und lobten, daß das Volk bald heiß, bald kalt schwitzte, bald Hosianna schrie, bald das »Kreuzige, kreuzige!« erschallen ließ, daß es allen, welche nicht ins gleiche Bockshorn bliesen, unheimlich ward, die meisten still zu Haus blieben, die wenigen, welche öffentlich standhielten, sich ihres Lebens eben nicht zu freuen hatten, ja dasselbe nicht selten bedroht hören mußten, daß, wer furchtsam war, hinreichend eingeschüchtert wurde; ja, viele wurden politisch so genotzüchtigt, daß sie mitmachen mußten wider Willen.

Benz fürchtete sich nicht, er war von Natur mutig und stark, und auf seine Leute konnte er zählen, aber das Mißtrauen, ja selbst Verachtung, welche er sehen und empfinden mußte, er, der sonst nur Achtung und ein unbedingt Vertrauen genossen, das schmerzte ihn sehr. Benz hatte auch Ehrgeiz, wie jeder rechte Mann ihn haben soll. Benz wollte da, wo er stund, geachtet stehn und als einer, der Verstand und Willen hatte, alles zum besten zu machen, was ihm oblag oder anvertraut wurde. Wenn er an die Gemeindeversammlungen kam oder zur Kirche ging, so wurde ihm die Achtung erwiesen, und zwar ohne Reglement, mit welcher ein Oberoffizier von seinem Regiment empfangen wird. Das nahm er hin, als verstehe es sich von selbsten, er war es gewohnt von je, verdiente es; aber hochmütig darauf zu sein, daran dachte er nicht. Mehr begehrte er aber auch nicht, diese Stellung genügte ihm vollkommen, er meinte nicht, ein besonder Amt, einen Titel, eine Extraberufung haben zu müssen, um mehr zu werden und mehr vorzustellen. Nur in dem Fall, als Not an Mann gekommen und er hätte helfen können, wäre er ja freilich auch mit Opfern eingestanden, denn ein Sackpatriot war er nicht; darum lockten ihn auch die vorgespiegelten Erleichterungen nicht.

Nun aber ward es anders. Gekannt als einflußreicher Mann, mußte ihm dieser Einfluß abgeschnitten werden. Man verleumdete ihn bei dem leichtgläubigen, urteilslosen Volke auf alle Weise, bald als Jesuit, bald als Aristokrat, bald als Schindbauer, kurz, auf alle Weise, welche Eindruck machen konnte; da war nichts so schlecht, das ihm nicht angedichtet wurde. Das sah Benz begreiflich. Wenn es die Leute ihm auch nicht geradezu an den Kopf heraussagten, so merkte er es doch allenthalben an ihrem Benehmen. Man wich ihm aus, gab ihm kurze Worte oder sah ihm auf eine Weise ins Gesicht, wie er es sonst nicht gewohnt, wie es einem juckt in der rechten Hand, eine Ohrfeige aufzulegen. Männer, mit denen er sonst recht befreundet gewesen, mieden ihn oder machten ihm Vorwürfe, und wenn er auch noch so bündig seine Ansichten auseinandersetzte, fand doch nicht eins seiner Worte Glauben, wurde eher mit Hohn verlacht. Ja, selbst in Gemeindssachen, wo es sich hauptsächlich um saubere Finger handelte, bemerkte er, daß sein Wort nicht mehr galt, was früher, daß man Leuten ihm gegenüber Zutrauen schenkte, vor denen man sich früher stark in acht genommen hatte, aber sie waren von der andern Partei und taten sich hervor mit Leidenschaft und Brüllen.

»Aber Frau«, fragten wohl auch die Mägde, wenn sie von irgendeiner Sendung oder Ausfahrt zurückkamen, »aber Frau, was haben doch wohl die Leute gegen den Meister, es ist bald nicht mehr dabeizusein. Wo wir hinkommen, sei es zum Krämer oder ins Wirtshaus, haben die Leute uns was anzuhängen und uns auszuspotten oder wollen uns ausfrägeln, was bei uns gehe und wer zum Meister komme, und sagen allerlei, man darf es nicht einmal denken, geschweige sagen.« Wenn dann Lisi es mit Gewalt wissen wollte, so vernahm es, die Leute hätten gesagt, wie manchmal sie beichten müßten in der Woche, und Benz sei ein Fallit und Arschkrater, er sei bestochen von den Herren usw.

Die Kinder aus der Schule kamen heim und weinten, weil der Schulmeister gesagt, es gebe Leute, man habe sie sonst für brav gehalten, aber jetzt sehe man, was sie seien, man könnte nichts besser machen als sie hängen und mit Herd verschießen; und dazu habe er sie stark angesehen, daß sie wohl gemerkt, wen er meine. Seither verachteten sie die andern Kinder und hielten es ihnen vor, auf ihrem Vater halte man nichts mehr, er sei ein Patriot, und es nehme sie wunder, warum er nicht eine schwarze Kutte trage.

Ja, Benz merkte selbst an den Knechten, daß etwas unter ihnen war, was sie vor ihm geheimhielten; sie schwiegen oft, wenn er zu ihnen kam, und mit ihnen politisieren mochte er doch nicht. Er fürchtete, böse zu werden, kommunistische Anklänge zu hören, daneben konnte er über die Bursche nicht klagen. Aber es ist immer ein unheimlich Dabeisein, wenn man merkt, daß etwas unter dem Gesinde ist, welches sie geheimhalten. Benz empfand dies alles sehr. Er wollte sich darüber wegsetzen, aber er konnte es nicht. Er meinte, man sollte ihn ruhig lassen, man sollte doch eigentlich wissen, wer er sei, er sei nicht von heute her. Er lasse andern ja ihre Meinung ungescholten, wüßte nicht, warum er nicht auch seine eigene haben dürfe. Er laufe ja nicht in den Häusern herum und dringe sie jedem auf, wie die andern es machten, aber das Recht glaube er zu haben und lasse es sich nicht nehmen, gelegentlich seine Meinung deutsch zu sagen, mache man, was man wolle, tue man ihn seinethalben in die Zeitung. Das war ungefähr soviel als vor Zeiten das An-den-Pranger-Stellen.

Das geschah denn aber auch und grob, wahrscheinlich von jungen Leuten, wenn sie in einer sogenannten Sekundärschule weder Achtung vor ehrlichen Männern noch bei aller Sprachdressur die Bedeutung der Worte kennengelernt, nicht viel anders gelernt als viel Einbildung und ein wenig Herrscheligtun. Hans der Ältere wurde darüber wirklich böse. Das hätte man können sein lassen, sagte er, mit dem mache man nichts Gutes. Möge jetzt Benz sein, wie er wolle, schwarz oder weiß, daneben sei er ein braver Mann, aber wenn man ihn ertäubet habe, so habe man ihn ertäubet.


 << zurück weiter >>