Iwan Gontscharow
Oblomow
Iwan Gontscharow

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VII.

Es verging eine Woche. Wenn Oblomow am Morgen aufgestanden war, erkundigte er sich vor allen Dingen danach, ob die Wege über die Newa in Ordnung gebracht seien.

»Nein, noch nicht«, wurde ihm geantwortet, und dann verbrachte er den Tag friedlich, horchte auf das Ticken des Pendels, das Rasseln der Kaffeemühle und den Gesang der Kanarienvögel.

Die Küchlein piepten nicht mehr: sie waren schon längst ausgewachsene Hühner geworden und versteckten sich in den Hühnerställen. Die Bücher, die ihm Olga geschickt hatte, hatte er noch nicht durchgelesen; wie er eines derselben auf Seite hundertundfünf mit dem Einbande nach oben hingelegt hatte, so lag es schon seit einigen Tagen da.

Dafür beschäftigte er sich häufiger mit den Kindern der Wirtin. Wanja war ein Knabe von guter Fassungskraft: nach dreimaligem Vorsprechen hatte er die Hauptstädte von Europa im Kopfe, und Ilja Iljitsch hatte ihm versprochen, sobald er nach der andern Seite hinüberkommen werde, ihm einen kleinen Globus zu schenken. Die kleine Mascha aber hatte ihm drei Taschentücher gesäumt, allerdings nur schlecht; aber dafür war es so komisch anzusehen, wie sie sich mit den kleinen Händchen abmühte, und immer kam sie gelaufen, um ihm jeden fertig gesäumten Zoll zu zeigen. Mit der Wirtin unterhielt er sich fortwährend, sobald er nur durch die halb geöffnete Tür ihre Arme erblickte. Er hatte schon gelernt, an der Bewegung der Arme zu erkennen, was die Wirtin tat, ob sie siebte, mahlte oder plättete.

Er versuchte sogar mit der Großmutter zu reden; aber sie vermochte schlechterdings nicht, ein Gespräch zu Ende zu führen: sie hielt mitten in einem Worte inne, stützte sich mit der Faust gegen die Wand, krümmte sich zusammen, und dann ging das Husten los, als ob sie irgendeine schwere Arbeit verrichtete; darauf ächzte und stöhnte sie – womit denn das ganze Gespräch zu Ende war.

Nur den Bruder bekam er gar nicht zu sehen, oder er sah nur, wie das große Paket an den Fenstern vorbeihuschte; von ihm selbst aber war im Hause gar nichts zu merken. Sogar als Oblomow einmal zufällig in das Zimmer trat, wo sie, in einen dichten Haufen zusammengedrängt, ihr Mittagbrot verzehrten, wischte sich der Bruder eilig mit den Fingern die Lippen ab und verschwand nach seiner Giebelstube.

Eines Tages, als Oblomow sorglos am Morgen aufgewacht war und sich an seinen Kaffee gemacht hatte, meldete ihm plötzlich Sachar, daß die Übergänge in Ordnung gebracht seien. Oblomows Herz begann heftig zu pochen.

»Und morgen ist Sonntag«, sagte er; »da muß ich zu Olga fahren, den ganzen Tag hindurch die bedeutsamen, neugierigen Blicke fremder Leute ertragen und ferner ihr mitteilen, wann ich mit der Tante zu sprechen beabsichtige.«

Und doch befand er sich immer noch auf demselben Punkte, und es war ihm unmöglich vorwärts zu kommen.

Er stellte es sich lebhaft vor, wie er als Bräutigam werde proklamiert werden, wie am zweiten und dritten Tage allerlei Damen und Herren sich einfinden würden, wie er auf einmal werde ein Gegenstand der Neugier werden, wie die Tante ein offizielles Diner geben und man auf seine Gesundheit trinken werde. Dann . . . dann würde er, wie es das Recht und die Pflicht eines Bräutigams war, der Braut ein Geschenk machen . . .

»Ein Geschenk!« sagte er entsetzt zu sich selbst und lachte bitter auf.

Ein Geschenk! Und er hatte nur zweihundert Rubel in der Tasche! Wenn ihm auch Geld geschickt wurde, so geschah das doch erst zu Weihnachten, vielleicht aber auch erst später, wenn das Getreide verkauft war; wann es aber verkauft werden würde, und wieviel vorhanden sei, und wie groß der Erlös sein werde, über all das mußte ihn der Brief aufklären; aber der Brief kam nicht. Was sollte er tun? Nun konnte er der Ruhe, deren er sich in den letzten zwei Wochen erfreut hatte, Lebewohl sagen!

Inmitten dieser Sorgen trat ihm Olgas schönes Gesicht vor die Seele, ihre dichten, gleichsam redenden Brauen und diese klugen, grau-blauen Augen und das ganze Köpfchen und ihre Haarflechte, die sie eigenartig tief auf den Nacken hinabhängen ließ, so daß dieselbe zu der Vornehmheit ihrer ganzen Gestalt, von dem Kopfe angefangen bis zu den Schultern und dem Rumpfe, mit beitrug und sie vollkommen machte.

Aber kaum begann er vor Liebe zu beben, als ihm auch sogleich wie ein Stein der bedrückende Gedanke aufs Herz fiel, wie er sich verhalten, was er tun, wie er an die Hochzeitsfrage herantreten, wo er Geld hernehmen und wovon er nachher leben solle . . .

»Ich will noch warten«, dachte er; »vielleicht kommt morgen oder übermorgen der Brief.« Und er machte sich daran, auszurechnen, wann sein Brief bei dem Nachbarn angelangt sein müsse, wie lange dieser wohl mit dem Schreiben gesäumt haben möge, und wieviel Zeit die Antwort brauche, um zu ihm zu gelangen.

»In drei, höchstens vier Tagen muß die Antwort kommen; ich werde mit dem Besuch bei Olga noch warten«, beschloß er, um so mehr, da er annahm, sie werde kaum wissen, daß die Übergänge in Ordnung gekommen seien.

»Katja, sind die Übergänge über die Newa in Ordnung gebracht?« fragte an demselben Morgen Olga, sowie sie aufgewacht war, ihr Stubenmädchen.

Und diese Frage hatte sie vorher täglich wiederholt. Davon hatte Oblomow keine Ahnung.

»Ich weiß es nicht, gnädiges Fräulein; ich habe heute bisher weder den Kutscher noch den Hausknecht gesehen, und Nikita weiß es nicht.«

»Du weißt nie das, was ich gern wissen möchte!« sagte die im Bette liegende Olga unzufrieden und betrachtete das Kettchen an ihrem Halse.

»Ich werde mich sogleich erkundigen, gnädiges Fräulein. Ich wagte nicht fortzugehen; ich dachte, Sie würden bald aufwachen; sonst wäre ich schon längst hinuntergelaufen.« Und Katja verschwand aus dem Zimmer.

Olga aber zog den Tischkasten auf und holte Oblomows letzten Brief hervor. »Er ist krank, der Arme!« dachte sie besorgt; »er ist dort allein und langweilt sich . . . Ach, mein Gott, wird nicht bald . . .« Sie beendete den Satz nicht, da Katja, ganz rot im Gesichte, ins Zimmer gestürzt kam.

»Sie sind in Ordnung gebracht, heute Nacht sind sie in Ordnung gebracht!« rief sie freudig, fing ihr Fräulein, das schnell aus dem Bette sprang, in ihren Armen auf, zog ihr die Bluse an und rückte ihr die winzigen Pantöffelchen zurecht. Olga öffnete flink den Tischkasten, nahm etwas heraus und steckte es Katja in die Hand; Katja aber küßte ihr die Hand. Alles dies, der Sprung aus dem Bette, das Hineinstecken der Münze in Katias Hand und der Kuß, den diese auf die Hand des Fräuleins drückte, geschah in einem einzigen Augenblicke. »Ach, morgen ist Sonntag: wie gut sich das trifft! Er wird herkommen!« dachte Olga, zog sich flink an, trank schnell Tee und fuhr mit der Tante nach einem Laden.

»Lassen Sie uns morgen nach dem Smolny-Kloster zur Messe fahren, ma tante«, bat sie.

Die Tante kniff ein wenig die Augen zusammen, dachte ein Weilchen nach und sagte dann:

»Meinetwegen; aber es ist sehr weit, ma chère! Was ist das jetzt im Winter für ein wunderlicher Einfall von dir!«

Aber Olga war auf diesen Gedanken nur deswegen gekommen, weil Oblomow ihr diese Kirche vom Flusse aus gezeigt hatte: so war denn bei ihr der Wunsch rege geworden, dort zu beten . . . für ihn, daß er gesund werden, daß er sie lieben, daß er mit ihr glücklich werden möge, daß . . . dieser Zustand der Unklarheit und Ungewißheit recht bald ein Ende nehmen möge . . . Arme Olga!

Auch der Sonntag kam heran. Olga wußte das ganze Mittagessen geschickt nach Oblomows Geschmack einzurichten.

Sie zog ein weißes Kleid an, verbarg unter den Spitzen das Armband, das er ihr geschenkt hatte, und frisierte sich so, wie er es liebte. Sie hatte tags zuvor das Klavier stimmen lassen und versuchte nun am Morgen, Casta diva zu singen. Und ihre Stimme klang so voll, wie es seit der Sommerfrische nicht der Fall gewesen war. Dann begann sie zu warten. Der Baron fand sie in diesem Zustande des Wartens und sagte, sie sei wieder so schön geworden wie im Sommer; nur sei sie ein wenig abgemagert.

»Das Fehlen der Landluft und die wenn auch nur geringe Unordnung in der Lebensweise haben auf Sie merklich eingewirkt«, sagte er. »Sie brauchen die Luft der Felder und das Leben auf dem Lande, liebe Olga Sergejewna.«

Er küßte ihr mehrmals die Hand, so daß sein gefärbter Schnurrbart sogar einen kleinen Fleck auf ihren Fingern zurückließ.

»Ja, das Landleben«, antwortete sie nachdenklich; aber die Antwort galt nicht ihm, sondern irgendwem und war so in die Luft hinein gesprochen.

»Da wir gerade auf das Landleben zu sprechen gekommen sind«, fügte er hinzu: »im nächsten Monat wird Ihr Prozeß beendet werden, und im April können Sie nach Ihrem Gute reisen. Es ist nicht groß; aber die Lage ist wundervoll! Sie werden zufrieden sein. Was für ein Haus da ist! Und was für ein Garten! Da ist auf einem Berge ein Pavillon: den werden Sie besonders liebgewinnen. Die Aussicht auf den Fluß . . . Sie erinnern sich wohl nicht; Sie waren fünf Jahre alt, als Ihr Papa von dort wegzog und Sie mit fortnahm.«

»Ach, wie froh ich sein werde!« sagte sie und versank in Gedanken.

»Jetzt ist es schon entschieden«, dachte sie: »wir ziehen dorthin; aber er soll es nicht eher erfahren, als bis . . .«

»Im nächsten Monat, Baron?« fragte sie lebhaft. »Ist das sicher?«

»Ebenso sicher wie dies, daß Sie immer schön sind und heute ganz besonders«, sagte er und ging zur Tante.

Olga blieb an ihrem Platze und träumte von dem nahen Glücke; aber sie beschloß, von dieser Neuigkeit und ihren Zukunftsplänen zu Oblomow nichts zu sagen.

Sie wollte es bis zu Ende verfolgen, wie in seinem trägen Geiste die Liebe einen Umschwung herbeiführe, wie diese drückende Last definitiv von seinen Schultern abfalle, wie er seinen Widerstand gegen das nahe Glück aufgebe, eine günstige Antwort von seinem Gutsnachbar erhalte und mit strahlendem Gesichte zu ihr gelaufen, zu ihr gestürzt komme und ihr diese Antwort zu Füßen lege, und wie sie dann beide um die Wette zur Tante hinstürzen würden, und dann . . .

Dann wollte sie ihm auf einmal sagen, daß auch sie ein Gut habe, einen Garten, einen Pavillon, eine Aussicht auf einen Fluß und ein zum Beziehen vollständig fertiges Haus, und daß sie zuerst dorthin ziehen müßten und dann nach Oblomowka.

»Nein, ich wünsche nicht, daß er eine günstige Antwort bekommt«, dachte sie; »er wird stolz werden und sich nicht einmal darüber freuen, daß ich ein Gut und ein Haus und einen Garten habe . . . Nein, mag er lieber kommen verstimmt durch die unangenehme Nachricht, daß auf dem Gute Unordnung herrsche und seine persönliche Anwesenheit notwendig sei. Er wird Hals über Kopf nach Oblomowka fahren, in Eile alle nötigen Anordnungen treffen, vieles vergessen oder nicht verstehen, alles nur so notdürftig zurechtbringen, dann schnell zurückkehren und auf einmal erfahren, daß er gar nicht hätte dorthin zu eilen brauchen, daß ein Haus und ein Garten und ein Pavillon mit Aussicht vorhanden sind, daß wir auch ohne sein Oblomowka einen Wohnsitz haben . . . Ja, ja, ich werde es ihm unter keinen Umständen sagen, sondern bis zu Ende damit zurückhalten; mag er hinfahren, mag er sich rühren und lebendig werden – alles für mich, um unseres künftigen Glückes willen! Oder nein: wozu soll ich ihn nach dem Gute schicken und mich von ihm trennen? Nein, wenn er im Reiseanzug blaß und traurig zu mir kommen wird, um für einen Monat Abschied zu nehmen, dann werde ich ihm plötzlich sagen, daß er vor dem Sommer nicht hinzufahren braucht und wir dann zusammen hinfahren werden . . .«

So phantasierte sie, lief zu dem Baron und bat ihn in geschickter Weise, er möchte vorläufig von dieser Neuigkeit niemandem Mitteilung machen, absolut niemandem. Unter diesem »niemand« verstand sie einzig und allein Oblomow.

»Gewiß, gewiß, wozu sollte ich es denn auch tun?« stimmte er ihr bei. »Ich werde höchstens Herrn Oblomow sagen, wenn die Rede darauf kommen sollte . . .«

Olga beherrschte sich und sagte in gleichgültigem Tone:

»Nein, sagen Sie es auch dem nicht.«

»Ihr Wille ist, wie Sie wissen, für mich ein Gesetz . . .« erwiderte der Baron liebenswürdig.

Sie ermangelte nicht einer gewissen Schlauheit. Wenn sie großes Verlangen trug, in Gegenwart anderer Oblomow anzusehen, so sah sie zuerst abwechselnd drei andere Personen an und dann erst ihn.

Wie viele Kombinationen stellte sie nicht an, und alle Oblomows wegen! Wie oft glühten nicht die beiden Flecken auf ihren Wangen auf! Wie oft schlug sie nicht bald die eine, bald die andre Taste an, um festzustellen, ob das Klavier auch nicht zu hoch gestimmt sei; wie oft legte sie nicht die Noten von einer Stelle auf die andre! Und nun kam er nicht! Was hatte das zu bedeuten?

Es wurde drei Uhr, vier Uhr – er war immer noch nicht da! Um halb fünf Uhr begann ihr schönes, blühendes Aussehen zu vergehen; sie wurde merklich matter und setzte sich mit blassem Gesichte zu Tische.

Aber auf die übrigen machte sein Fehlen keinen Eindruck; niemand bemerkte es auch nur; alle aßen die Gerichte, die für ihn bereitet waren, und unterhielten sich vergnügt und gleichmütig.

Auch nach dem Mittagessen und am Abend kam er nicht und kam er nicht. Bis zehn Uhr regte sie sich bald hoffend, bald fürchtend auf; um zehn Uhr zog sie sich auf ihr Zimmer zurück.

Zuerst schüttete sie in Gedanken auf sein Haupt den ganzen Ingrimm aus, der sich in ihrem Herzen angesammelt hatte; es gab in ihrem Sprachvorrat keinen scharfen ironischen Ausdruck, kein zorniges Scheltwort, mit dem sie ihn nicht in Gedanken belegt hätte.

Dann plötzlich hatte sie die Empfindung, als ob ihr ganzer Leib von Feuer und gleich darauf von Eis angefüllt wäre.

»Er ist krank; er ist allein; er kann nicht einmal schreiben . . .« schoß es ihr durch den Kopf.

Diese Überzeugung bemächtigte sich ihrer vollständig und raubte ihr in der ganzen Nacht den Schlaf. Sie lag nur zwei Stunden lang in einem fieberhaften Halbschlaf und phantasierte; aber dann, am Morgen, stand sie auf und war zwar blaß, aber ruhig und entschlossen.

Am Montag Vormittag blickte die Wirtin zu Oblomow in sein Wohnzimmer herein und sagte:

»Ein Mädchen fragt nach Ihnen.«

»Nach mir? Das ist nicht möglich!« antwortete Oblomow. »Wo ist sie?«

»Hier. Sie hat sich versehen und ist in unsere Wohnung hereingekommen. Soll ich sie eintreten lassen?«

Oblomow wußte noch nicht, wozu er sich entschließen sollte, als Katja vor ihm stand. Die Wirtin ging hinaus.

»Katja!« sagte Oblomow erstaunt. »Wie kommst du hierher? Was willst du?«

»Das gnädige Fräulein ist hier«, antwortete sie flüsternd. »Sie hat mir befohlen zu fragen . . .«

Oblomow verfärbte sich.

»Olga Sergejewna!« flüsterte er erschrocken. »Es ist nicht wahr, Katja; du machst nur Scherz! Quäle mich nicht!«

»Bei Gott, es ist wahr. Sie ist in einem Mietswagen gekommen, hat bei einem Teeladen halten lassen und wartet dort; sie will hierher kommen. Sie hat mich vorausgeschickt, damit ich Ihnen sage, Sie möchten Sachar irgendwohin wegschicken. In einer halben Stunde wird sie hier sein.«

»Ich will lieber selbst hingehen. Es ist doch unmöglich, daß sie hierher kommt!« sagte Oblomow.

»Sie werden nicht mehr rechtzeitig hinkommen; sie kann, ehe Sie sich dessen versehen, hier eintreten; sie glaubt, Sie seien krank. Adieu; ich will wieder hinlaufen; sie ist allein und wartet auf mich . . .«

Sie ging weg.

Oblomow band sich mit ungewöhnlicher Schnelligkeit die Krawatte um, zog sich die Weste und die Stiefel an und rief Sachar.

»Sachar, du batest mich neulich um Urlaub zu einem Besuche auf jener Seite, in der Gorochowaja-Straße; nun gut, dann geh jetzt hin!« sagte Oblomow in fieberhafter Aufregung.

»Nein, ich gehe nicht hin«, antwortete Sachar in festem Tone.

»Doch, geh nur hin!« drang Oblomow beharrlich in ihn.

»Wie werde ich am Wochentag einen Besuch machen? Ich gehe nicht hin!« erwiderte Sachar hartnäckig.

»Geh doch, amüsiere dich, sei nicht eigensinnig, wenn dein Herr dir eine Freundlichkeit erweist und dich beurlaubt geh zu deinen Freunden!«

»Hol sie dieser und jener, diese Freunde!«

»Hast du denn kein Verlangen, sie einmal wiederzusehen?«

»Das sind solche Schurken, daß ich sie manchmal gar nicht sehen mag.«

»Geh doch hin, geh doch hin!« setzte ihm Oblomow beharrlich zu; das Blut stieg ihm schon in den Kopf.

»Nein, heute werde ich den ganzen Tag über zu Hause bleiben; aber am Sonntag kann ich ja meinetwegen hingehen!« weigerte sich Sachar gleichmütig.

»Nein, jetzt, sofort!« suchte der aufgeregte Oblomow ihn zur Eile anzutreiben. »Du mußt . . .«

»Aber wozu soll ich denn so einen weiten Weg machen, der sich gar nicht lohnt?« versetzte Sachar.

»Na, dann geh ein paar Stunden spazieren! Sieh bloß, was du für ein verschlafenes Gesicht hast; geh in die frische Luft!«

»Mein Gesicht ist mir egal; das sieht so aus, wie es bei unsereinem gewöhnlich aussieht!« antwortete Sachar und blickte träge nach dem Fenster hin.

»Ach du mein Gott, sie wird gleich kommen!« dachte Oblomow und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Na, tu mir den Gefallen, geh, mach einen Spaziergang; ich bitte dich darum! Da! da hast du zwanzig Kopeken: trink mit einem Freunde Bier!«

»Ich will lieber vor der Haustür bleiben; wohin soll ich in der Kälte gehen? Oder meinetwegen werde ich mich am Hoftor hinsetzen: das kann ich ja tun . . .«

»Nein, du sollst weiter vom Tore weggehn«, sagte Oblomow lebhaft. »Geh in eine andre Straße, dorthin, nach links, zum Park nach jener Seite!«

»Was ist das für eine wunderbare Geschichte?« dachte Sachar. »Er treibt mich fort zum spazierengehen; so etwas ist noch nicht dagewesen.«

»Ich will lieber am Sonntag gehen. Ilja Iljitsch . . .«

»Wirst du nun machen, daß du fortkommst!« sagte Oblomow und ging, die Zähne zusammenbeißend, auf Sachar los.

Sachar verschwand; Oblomow aber rief Anisja herein.

»Geh auf den Markt«, sagte er zu ihr, »und kaufe da zum Mittagessen ein . . .«

»Zum Mittagessen ist schon alles eingekauft; es wird bald fertig sein . . .« antwortete die Nase.

»Schweig still und gehorche!« schrie Oblomow, so daß Anisja es mit der Angst bekam.

»Kaufe . . . na, Spargel . . .« schloß er, nachdem er sich einen Augenblick besonnen hatte; er wußte nicht, wonach er sie schicken sollte.

»Aber jetzt gibt es doch keinen Spargel, Väterchen! Wo soll man den hier auftreiben? . . .«

»Marsch!« schrie er sie an, und sie lief davon. »Laufe auf dem Hinwege, so schnell wie du nur kannst«, rief er ihr nach, »und sieh dich nicht um; auf dem Rückwege aber geh möglichst langsam; vor zwei Stunden darfst du dich hier nicht wieder blicken lassen.«

»Was ist das für eine wunderbare Geschichte!« sagte Sachar zu Anisja, als er mit ihr vor dem Tore zusammentraf. »Er hat mich zum Spazierengehen fortgejagt und mir zwanzig Kopeken gegeben. Wohin soll ich nur Spazierengehen?«

»So machen das die Herren«, bemerkte die pfiffige Anisja. »Geh doch zu Artemi, dem gräflichen Kutscher, und traktiere ihn mit Tee; er traktiert dich ja auch immer. Und ich werde auf den Markt laufen.«

»Was ist das für eine wunderbare Geschichte, Artemi?« sagte Sachar auch zu diesem: »Der Herr hat mich zum Spazierengehen fortgejagt und mir Geld zu Bier gegeben . . .«

»Vielleicht will er sich selbst betrinken«, vermutete Artemi scharfsinnig, »und da hat er dir Geld gegeben, damit du ihn nicht beneidest. Na, dann wollen wir gehen!«

Er zwinkerte ihm zu und machte mit dem Kopfe eine Bewegung nach einer gewissen Straße zu.

»Na, dann wollen wir gehen!« wiederholte Sachar und machte ebenfalls mit dem Kopfe eine Bewegung nach jener Straße zu.

»Eine wunderbare Geschichte: er hat mich zum Spazierengehen fortgejagt!« sagte er mit einem Lächeln heiser vor sich hin.

Sie gingen davon; Anisja aber lief bis zur ersten Straßenkreuzung, kauerte sich da hinter einen Flechtzaun in einen Graben und wartete, was geschehen werde.

Oblomow horchte und wartete: da faßte jemand den Ring am Pförtchen an, und in demselben Augenblicke erscholl das wütende Gebell des Hundes, der an der Kette umhersprang.

»Der verfluchte Hund!« sagte Oblomow zähneknirschend, ergriff seine Mütze, stürzte zum Pförtchen hin, öffnete es und führte Olga, sie fast in seinen Armen tragend, zur Haustür. Sie war allein. Katja wartete auf sie im Wagen, nicht weit vom Tore.

»Du bist gesund? Du liegst nicht im Bett? Was ist mit dir?« fragte sie eilig, als sie in das Wohnzimmer getreten waren; sie nahm weder den Mantel noch den Hut ab und musterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen.

»Es geht mir jetzt besser; das Halsleiden ist vergangen: wenigstens fast ganz«, sagte er, indem er seinen Hals berührte und ein wenig hustete.

»Warum bist du denn gestern nicht bei uns gewesen?« fragte sie und sah ihn mit einem so forschenden Blicke an, daß er kein Wort herausbringen konnte.

»Wie hast du dich nur zu einem solchen Schritte entschließen können, Olga?« begann er dann entsetzt. »Weißt du auch, was du tust? . . .«

»Davon nachher!« unterbrach sie ihn ungeduldig. »Ich frage dich: was bedeutet das, daß du dich nicht sehen läßt?«

Er schwieg.

»Hast du ein Gerstenkorn bekommen?« fragte sie.

Er schwieg.

»Du bist nicht krank gewesen, hast keine Halsschmerzen gehabt«, sagte sie und zog die Augenbrauen zusammen.

»Nein«, antwortete Oblomow im Tone eines Schulknaben.

»Du hast mich getäuscht!« Sie sah ihn erstaunt an. »Warum?«

»Ich werde dir alles erklären, Olga«, suchte er sich zu rechtfertigen. »Ein wichtiger Grund hat mich veranlaßt, zwei Wochen lang nicht zu euch zu kommen . . . ich fürchtete . . .«

»Was fürchtetest du?« fragte sie, indem sie sich hinsetzte und Hut und Mantel ablegte.

Er nahm ihr beide Stücke ab und legte sie auf das Sofa.

»Die Rederei, das Geschwätz . . .«

»Aber du hast nicht gefürchtet, daß ich die Nacht nicht schlafen, mir Gott weiß was für Gedanken machen und beinah bettlägerig werden würde?« sagte sie und ließ einen prüfenden Blick über ihn hingleiten.

»Du weißt nicht, Olga, was hier bei mir vorgeht«, sagte er, auf sein Herz und auf seinen Kopf weisend. »Ich bin in der größten Unruhe, wie im Feuer. Du weißt nicht, was geschehen ist?«

»Was ist denn noch geschehen?« fragte sie kühl.

»Wie weit das Gerücht von dir und mir sich verbreitet hat! Ich wollte dich nicht beunruhigen und scheute mich daher, mich bei dir zu zeigen.«

Er erzählte ihr alles, was er von Sachar und von Anisja gehört hatte, erwähnte auch das Gespräch der beiden Stutzer und schloß mit der Bemerkung, daß er seitdem nicht schlafe, in jedem Blicke eine Frage oder einen Vorwurf oder eine schlaue Anspielung auf ihre Zusammenkünfte sehe.

»Aber wir haben doch beschlossen, noch in dieser Woche meiner Tante Mitteilung davon zu machen«, erwiderte sie; »dann müssen doch alle diese Redereien verstummen.«

»Ja, aber ich wollte mit der Tante nicht vor Ende dieser Woche, vor Empfang des Briefes reden. Ich weiß, sie wird mich nicht nach meiner Liebe fragen, sondern nach dem Gute, und wird auf Einzelheiten eingehen, und davon kann ich ihr nichts erklären, bevor ich nicht den Brief von meinem Bevollmächtigten erhalten habe.«

Sie seufzte.

»Wenn ich dich nicht kennte«, sagte sie nachdenklich, »so könnte ich Gott weiß was glauben. Du hast gefürchtet, mich durch das Gerede von Bedienten zu beunruhigen, hast aber nicht gefürchtet, mir durch dein Ausbleiben Unruhe zu bereiten! Ich verstehe dich nicht mehr.«

»Ich dachte, ihr Geschwätz würde dich aufregen. Katja, Marja, Semjon und dieser Dummkopf Nikita reden Gott weiß was . . .«

»Ich weiß längst, was sie reden«, sagte sie gleichmütig.

»Wie? Du weißt es?«

»Ja. Katja und die Kinderfrau haben es mir schon längst mitgeteilt, mich nach dir befragt, mir gratuliert . . .«

»Haben Sie dir wirklich gratuliert?« fragte er entsetzt. »Und was hast du dabei getan?«

»Nichts; ich habe mich bedankt; der Kinderfrau habe ich ein Tuch geschenkt, und sie hat mir versprochen, zu Fuß zum Sergijew-Kloster zu gehen. Und was Katja anlangt, so habe ich es übernommen, mich dafür zu verwenden, daß sie Erlaubnis bekommt, einen Konditor zu heiraten, mit dem sie eine Liebschaft hat . . .«

Er sah sie mit erschrockenen und erstaunten Augen an.

»Du hast alle Tage bei uns verkehrt; da ist es sehr natürlich, daß die Dienstboten darüber reden«, fügte sie hinzu; »die sind die ersten, die davon zu sprechen anfangen. Mit Sonitschka ist es dieselbe Sache gewesen; warum versetzt dich denn das in solche Angst?«

»Also daher rühren diese Gerüchte?« sagte er gedehnt.

»Sind sie etwa unbegründet? Es ist doch die Wahrheit!«

»Die Wahrheit!« wiederholte Oblomow weder fragend noch verneinend. »Ja«, fügte er dann hinzu, »du hast in der Tat recht; aber ich will nicht, daß die Leute etwas von unseren Zusammenkünften wissen, und daher fürchte ich . . .«

»Du fürchtest dich, du zitterst wie ein Knabe . . . Ich verstehe dich nicht! Stiehlst du mich denn?«

Es war ihm unbehaglich zumute; sie blickte ihn aufmerksam an.

»Höre einmal«, sagte sie, »hier steckt irgendeine Unwahrheit dahinter, irgend etwas, was nicht in der Ordnung ist . . . Komm hierher und sage mir alles, was du auf dem Herzen hast. Es ist ja denkbar, daß du es einen oder zwei Tage lang, meinetwegen auch eine Woche lang unterließest, zu mir zu kommen; aber dann hättest du doch an mich schreiben, mich vorher benachrichtigen sollen. Du weißt, ich bin kein Kind mehr und lasse mich nicht so leicht durch irgendwelchen Unsinn aus der Fassung bringen. Was bedeutet das alles?«

Er dachte eine Weile nach; dann küßte er die Hand und seufzte.

»Weißt du, Olga«, sagte er »ich glaube, die Sache ist die: diese ganze Zeit her war meine Phantasie so erfüllt von diesen Befürchtungen für dich, mein Geist so von Sorgen zerquält, und das Herz tat mir so weh von Hoffnungen und Erwartungen, die sich bald verwirklichten, bald dahinschwanden, daß mein ganzer Organismus erschüttert ist; er ist von einer Erstarrung befallen und bedarf, wenigstens für einige Zeit, der Ruhe . . .«

»Aber warum ist denn der meinige von keiner Erstarrung befallen, und warum suche ich die Ruhe nur an deiner Seite?«

»Du hast junge, starke Kräfte, und du liebst in einer klaren, ruhigen Art; ich dagegen . . . aber du weißt ja, wie ich dich liebe!« sagte er, indem er sich auf den Fußboden hinabgleiten ließ und ihre Hände küßte.

»Nein, ich weiß das bis jetzt nur wenig; du bist so seltsam, daß ich mich in allerlei Vermutungen verliere; mein Verstand versagt, und meine Hoffnung erlischt . . . bald werden wir einander nicht mehr verstehen; dann wird es schlimm sein.«

Sie schwiegen beide eine Weile.

»Was hast du denn in diesen Tagen getan?« fragte sie und ließ ihre Augen zum erstenmal im Zimmer umherschweifen. »Es ist hier bei dir nicht schön: was für niedrige Zimmer! Und die kleinen Fenster, die alten Tapeten! . . . Wo sind denn deine andern Zimmer?«

Er beeilte sich, ihr die Wohnung zu zeigen, um die Frage, was er in diesen Tagen getan habe, in Vergessenheit zu bringen. Dann setzte sie sich auf das Sofa; er nahm wieder seinen Platz auf dem Teppich zu ihren Füßen ein.

»Was hast du denn in diesen zwei Wochen getan?« nahm sie das Verhör wieder auf.

»Ich habe gelesen, geschrieben, an dich gedacht.«

»Hast du meine Bücher durchgelesen? Was ist an ihnen daran? Ich werde sie wieder mitnehmen.«

Sie nahm ein Buch vom Tische und warf einen Blick auf die aufgeschlagene Seite: sie war verstaubt.

»Du hast nicht gelesen!« sagte sie.

»Nein«, antwortete er.

Sie betrachtete die verdrückten Sofakissen, die Unordnung, die verstaubten Fenster, den Schreibtisch, blätterte in einigen mit Staub bedeckten Papieren, drehte die Feder in dem trockenen Tintenfaß herum und blickte ihn erstaunt an.

»Was hast du denn getan?« fragte sie nochmal. »Du hast nicht gelesen und nicht geschrieben?«

»Ich hatte zu wenig Zeit«, begann er stockend. »Wenn ich am Morgen aufgestanden bin, werden die Zimmer aufgeräumt; das stört mich; dann beginnen die Erörterungen in betreff des Mittagessens; darauf kommen die Kinder der Wirtin und bitten mich, ihnen ihre Aufgaben nachzusehen; und dann kommt das Mittagessen. Nach dem Mittagessen . . . wann soll ich da lesen?«

»Du hast nach dem Mittagessen geschlafen«, sagte sie mit einer solchen Bestimmtheit, daß er nach kurzem Zaudern leise antwortete:

»Ja, ich habe geschlafen . . .«

»Warum denn?«

»Um die Zeit nicht gewahr zu werden: du warst nicht bei mir, Olga, und ohne dich ist mir das Leben langweilig und unerträglich . . .«

Er hielt inne; sie aber blickte ihn streng an.

»Ilja«, sagte sie ernst, »denkst du noch daran, wie du im Parke sagtest, daß in dir ein neues Leben aufgeflammt sei, wie du beteuertest, ich sei das Ziel deines Lebens, dein Ideal, und wie du mich bei der Hand nahmst und sagtest, daß sie nun die deine sei? Und denkst du noch daran, wie ich meine Einwilligung gab?«

»Kann man das denn überhaupt vergessen? Hat das denn nicht eine Umwälzung in meinem ganzen Leben hervorgebracht? Siehst du nicht, wie glücklich ich bin?«

»Nein, das sehe ich nicht; du hast mich getäuscht«, sagte sie kalt. »Du bist wieder in den Schlendrian hereingeraten . . .«

»Dich getäuscht! Es ist eine Sünde, daß du das sagst! Ich schwöre bei Gott, ich würde mich sofort für dich in einen Abgrund stürzen! . . .«

»Ja, wenn der Abgrund jetzt in diesem Augenblicke hier vor deinen Füßen wäre«, unterbrach sie ihn. »Aber wenn die Sache drei Tage hinausgeschoben würde, dann würdest du es dir überlegen und es mit der Furcht bekommen, besonders wenn Sachar oder Anisja darüber zu schwatzen anfingen . . . Das ist keine Liebe.«

»Du zweifelst an meiner Liebe?« rief er leidenschaftlich aus. »Glaubst du, daß ich aus Besorgnis um mich und nicht um dich zögere? Meine Absicht ist ja doch, deinen Namen wie mit einer Mauer zu schützen und wie eine Mutter darüber zu wachen, daß kein Gerücht dich anzutasten wage . . . Ach, Olga! Verlange Beweise! Ich wiederhole es dir: wenn du mit einem andern glücklicher werden könntest, so würde ich ihm ohne Murren meine Rechte abtreten; und wenn es notwendig wäre, daß ich für dich stürbe, so würde ich mit Freuden den Tod erleiden!« schloß er unter Tränen.

»Das ist ganz unnötig; das verlangt kein Mensch von dir! Was hätte ich von deinem Tode? Tue das, was notwendig ist! Das ist so ein Kniff hinterlistiger Menschen, unnötige oder unmögliche Opfer anzubieten, um diejenigen Opfer, die notwendig sind, nicht bringen zu müssen. Du bist nicht hinterlistig, das weiß ich; aber . . .«

»Du weißt nicht, wie sehr diese Sorgen und Qualen meine Gesundheit geschädigt haben!« fuhr er fort. »Seit ich dich kenne, habe ich keinen andern Gedanken . . . Ja, auch jetzt wiederhole ich es: du bist das Ziel meines Lebens, du allein. Ich werde sofort sterben oder den Verstand verlieren, wenn du mich verläßt! Ich atme, sehe, denke und fühle jetzt nur durch dich. Warum wunderst du dich darüber, daß ich an den Tagen, an denen ich dich nicht sehe, schläfrig werde und zusammensinke? Es ist mir dann alles widerwärtig, alles langweilig; ich bin eine Maschine: ich gehe und tue etwas und werde nicht gewahr, was ich tue. Du bist das Feuer und die Kraft dieser Maschine«, sagte er, indem er vor ihr niederkniete und sich gerade richtete.

Seine Augen leuchteten wie ehemals im Park. Stolz und Willenskraft glänzten wieder in ihnen.

»Ich bin bereit, sofort zu gehen, wohin du befiehlst, und zu tun, was du willst. Ich fühle, daß ich lebe, wenn du mich anblickst, zu mir redest, singst . . .«

Olga hörte diesen leidenschaftlichen Erguß mit ernster, nachdenklicher Miene an.

»Höre, Ilja«, sagte sie, »ich glaube an deine Liebe und an meine Macht über dich. Warum erschreckst du mich denn durch deine Unentschlossenheit und rufst bei mir Zweifel hervor? Du sagst, ich sei das Ziel deines Lebens; aber du gehst gar zu schüchtern und langsam auf diese Ziel zu; und doch hast du noch weit zu gehen; denn du mußt höher stehen als ich. Ich erwarte das von dir! Ich habe gesehen, in welcher Weise glückliche Menschen lieben«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu: »bei denen ist alles pulsierendes Leben, und ihre Ruhe ist der deinigen unähnlich; sie lassen den Kopf nicht hängen; ihre Augen sind offen; sie schlafen kaum, sie wirken und schaffen! Aber du . . . nein, es sieht gar nicht so aus, als ob die Liebe, als ob ich das Ziel deines Lebens wäre . . .«

Sie wiegte zweifelnd den Kopf hin und her.

»Du, du! . . .« sagte er, ihr wieder die Hände küssend und in Aufregung zu ihren Füßen liegend. »Du allein bist das Ziel meines Lebens. O Gott, welches Glück!« sagte er wie im Fieberdelirium. »Und du glaubst, ich könnte deine Erwartungen täuschen, nach einem solchen Erwachen wieder einschlafen und mich nicht zum Helden entwickeln? Ihr, du und Andrei, werdet sehen«, fuhr er mit begeisterten Augen um sich schauend fort, »zu welcher Höhe die Liebe einer solchen Frau wie du einen Menschen zu erheben vermag! Sieh mich an, sieh mich an: bin ich nicht aufgestanden, lebe ich nicht in diesem Augenblicke? Laß uns von hier fortgehen! Fort! Fort! Ich kann keine Minute länger hierbleiben; ich ersticke! Wie garstig ist es hier!« sagte er, mit aufrichtigem Widerwillen rings umherschauend. »Laß mich heute von diesem Gefühle leben . . . Ach, wenn doch dieses selbe Feuer, das jetzt in mir brennt, auch morgen und immer in mir brennen möchte! Aber wenn du nicht da bist, dann erlösche ich und sinke zusammen! Jetzt bin ich wieder aufgelebt, auferstanden. Mir scheint, ich . . . Olga, Olga! – Du bist das Schönste, was es auf der Welt gibt: du bist das vortrefflichste Weib, du . . . du . . .«

Er drückte sein Gesicht auf ihre Hand und erstarrte in dieser Haltung. Die Worte lösten sich nicht mehr von seiner Zunge. Er preßte seine Hand aufs Herz, um seine Aufregung zu unterdrücken, richtete aus seinen feuchten Augen einen leidenschaftlichen Blick auf Olga und verblieb so, ohne sich zu bewegen.

»Er ist voll zärtlicher Liebe!« sagte Olga bei sich, aber mit einem Seufzer, nicht so, wie sie es ehemals im Park gesagt hatte, und versank in tiefes Nachdenken.

»Es ist Zeit, daß ich aufbreche!« sagte sie, wieder zu sich kommend, in freundlichem Tone.

Er wurde plötzlich wieder nüchtern.

»Du bist hier, o Gott! Bei mir?« sagte er, und der begeisterte Blick ging in ein ängstliches Umherschauen nach allen Seiten über: die glühende Rede stockte ihm im Munde.

Er ergriff eilig Olgas Hut und Mantel und wollte ihr m seiner Verwirrung den Mantel über den Kopf ziehen.

Sie lachte.

»Ängstige dich nicht meinetwegen«, suchte sie ihn zu beruhigen; »ma tante ist auf den ganzen Tag weggefahren; zu Hause weiß nur die Kinderfrau, daß ich nicht da bin, und dann Katja. Begleite mich hinaus!«

Sie reichte ihm die Hand, schritt ohne zu zittern, ruhig, im stolzen Bewußtsein ihrer Unschuld über den Hof, unter dem wütenden Gebell des an seiner Kette hin und her springenden Hundes, setzte sich in den Wagen und fuhr davon.

Aus den Fenstern der Wohnung der Wirtin schauten mehrere Köpfe heraus; hinter dem Flechtzaun hob sich aus dem Graben Anisjas Kopf hervor.

Als der Wagen in eine andre Straße eingebogen war, ging Anisja wieder nach Hause und berichtete, sie sei den ganzen Markt abgelaufen, aber es sei kein Spargel dagewesen. Sachar kehrte nach drei Stunden zurück und schlief dann volle vierundzwanzig Stunden.

Oblomow ging lange im Zimmer auf und ab, ohne die Beine unter sich zu fühlen und ohne seine eigenen Schritte zu hören: er ging, wie wenn er eine Viertelelle vom Fußboden entfernt wäre.

Sobald nicht mehr zu hören war, wie die Räder des Wagens, der sein Leben und sein Glück fortführte, auf dem Schnee knirschten, verging seine Unruhe; sein Kopf und sein Rücken richteten sich gerade, der begeisterte Schimmer kehrte auf sein Gesicht zurück, und seine Augen wurden feucht vor Glückseligkeit und Rührung. Durch seinen ganzen Körper flutete eine Art von Wärme, Frische und Unternehmungslust. Und wieder, wie ehemals, regte sich bei ihm das Verlangen, überallhin zu fahren, irgendwohin in die Ferne: sowohl dorthin, zu Stolz, mit Olga zusammen, als auch aufs Gut, nach den Feldern und Wäldern. Er wollte sich ganz allein in sein Zimmer zurückziehen und sich in die Arbeit vertiefen, und persönlich nach dem Rybinski-Anlegeplatz fahren, und eine Fahrstraße anlegen, und wenn von einem neu erschienenen Buche allgemein gesprochen würde, es lesen, und in die Oper fahren, gleich heute . . .

Ja, heute war sie bei ihm gewesen, nun wollte er zu ihr hinfahren und dann in die Oper. Wie vollständig der Tag ausgefüllt war! Wie leicht es sich in diesem Leben atmete, in Olgas Sphäre, in den Strahlen ihres jungfräulichen Glanzes, ihrer munteren Kraft, ihres jugendlichen, aber feinen und tiefen, gesunden Verstandes! Oblomow ging, als ob er flöge; es war ihm, als trüge ihn jemand durch das Zimmer!

»Vorwärts, vorwärts!« hatte Olga gesagt. Ja, immer höher hinauf, dahin, bis zu jener Grenzlinie, wo die Macht der Zärtlichkeit und der Anmut ihre Rechte verliert, und wo das Reich des Mannes beginnt!

Welch einen klaren Blick sie für das Leben hat! Wie sie aus diesem schwer verständlichen Buche ihren Weg herausliest und instinktiv auch seinen eigenen Weg errät! Ihr Leben und sein Leben müssen wie zwei Flüsse zusammenfließen; er wird ihr Führer, ihr Leiter sein!

Sie sieht seine Kraft, seine Fähigkeiten; sie weiß, wieviel er vermag, und erwartet in aller Ergebenheit seine Herrschaft. Diese wundervolle Olga! Dieses durch nichts aus der Fassung zu bringende, mutige, schlichte, aber entschlossene Weib, das einfach und natürlich ist wie das Leben selbst!

»In der Tat, wie garstig es hier ist!« sagte er, um sich blickend. »Und dieser Engel ist in den Sumpf herniedergestiegen und hat ihn durch seine Anwesenheit geheiligt!«

Er blickte liebevoll auf den Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, und seine Augen leuchteten auf einmal auf: auf dem Fußboden neben dem Stuhle sah er einen winzigen Handschuh liegen.

»Ein Unterpfand! Ihre Hand: das ist ein Vorzeichen! Oh! . . .« stöhnte er leidenschaftlich und drückte den Handschuh an seine Lippen.

Die Wirtin blickte durch die Tür herein und forderte ihn auf, sich Leinwand anzusehen; es sei welche gebracht worden und werde zum Kaufe angeboten; ob er nicht welche nehmen wolle. Aber er dankte ihr trocken, dachte gar nicht daran, ihre Arme anzusehen, und entschuldigte sich, er sei sehr beschäftigt. Dann vertiefte er sich in Erinnerungen an den Sommer, rief sich alle Einzelheiten ins Gedächtnis zurück, erinnerte sich an jeden Baum, an jeden Strauch, an jede Bank, an jedes gesprochene Wort, und fand das alles noch reizender, als es zu der Zeit gewesen war, wo er es genossen hatte.

Er konnte sich schlechterdings nicht mehr beherrschen, er sang, begann ein freundliches Gespräch mit Anisja, scherzte darüber, daß sie keine Kinder habe, und versprach, Pate zu stehen, sobald sie eines bekommen würde. Mit Mascha verübte er einen solchen Lärm, daß die Wirtin hereinschaute und Mascha hinausholte, in ihre eigene Wohnung, damit sie den Mieter nicht bei seiner »Beschäftigung« störe.

Durch den weiteren Verlauf des Tages wurde Oblomows Tollheit noch gesteigert. Olga war heiter, sie sang, und dann wurde noch in der Oper gesungen; darauf trank er bei ihnen Tee, und nach dem Tee entspann sich ein so freundschaftliches, herzliches Gespräch zwischen ihm, der Tante, dem Baron und Olga, daß Oblomow sich völlig als Mitglied dieser kleinen Familie fühlte. Lange genug hatte er einsam gelebt; jetzt hatte er ein eigenes Heim; er brachte sein Leben in eine feste Bahn; Licht und Wärme umgab in – wie schön lebte es sich darin!

In der Nacht schlief er nur wenig: er las in den Büchern, die ihm Olga geschickt hatte, und brachte anderthalb Bände hinter sich.

»Morgen muß der Brief von meinem Gutsnachbar kommen«, dachte er, und das Herz begann ihm stärker zu schlagen. »Endlich muß er doch kommen!«

 


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