Friedrich Gerstäcker
Der Kunstreiter
Friedrich Gerstäcker

 << zurück weiter >> 

27.

In Altona herrschte ein reges Leben, und der alte Forstwart Barthold schritt staunend an Georgs Seite durch die menschengedrängten Straßen. Das war eine Stadt – das war ein Treiben und Schieben durcheinander, und was für kostbare Waren überall – der Alte wäre am liebsten vor jedem Schaufenster stehen geblieben, immer Neues anzustaunen und zu bewundern. – Und aus diesem Gewimmel von Menschen, wo es, wie bei einem Bienenschwarm, herüber und hinüber fuhr, sollte er den einzelnen Fremden heraussuchen, den er draußen im Walde gesehen? Der Kopf schwindelte ihm, und er ging die ersten Stunden wie in einem Traume umher.

Georg, der ihn begleitete, befand sich ebenfalls in furchtbarer Aufregung – freilich aus einem andern Grunde – und mußte sich Mühe geben, wenigstens die äußere Fassung zu bewahren. Hatte er doch sein nächstes Ziel, den wahrscheinlichen Aufenthalt seines Kindes, seiner Josefine, jetzt erreicht – aber wo sie finden in der großen Stadt – und wenn gefunden, wie sie dann sich retten?

Gestern abend war er, aber zu spät, um noch irgend welche Nachforschungen anzustellen, mit seinem Begleiter in Hamburg eingetroffen, und heute morgen hatte er vergebens auf der Polizei in Altona angefragt, ob zwei Damen, eine Frau von Geyfeln und eine Frau Georgine Bertrand, angemeldet wären – man wußte dort noch nichts von ihnen. Den Namen des Entführers kannte er ja nicht.

In der Nähe des Zirkus durfte er auch nicht wagen, sich – wenigstens am Tage – blicken zu lassen, denn er blieb dort zu sehr der Gefahr ausgesetzt, von einem seiner früheren Leute, vielleicht gar von dem alten Mühler oder Karl erkannt und verraten zu werden. Georgine wäre in dem Fall augenblicklich gewarnt worden und sein ganzer Plan vernichtet, jede Aussicht auf Erfolg zerstört gewesen. Da wurde, als er eben nach Hamburg hinüber wollte, um dort den Abend abzuwarten, seine Aufmerksamkeit auf große Zettel gelenkt, die ein junger Bursche an den Ecken anklebte. Ein Holzschnitt oben darüber – einen Reiter zeigend, der mit sieben Pferden dahin flog – ließ keinen Zweifel, zu welcher Vorstellung, und Georg trat, zitternd vor Angst und Erwartung hinan, den gesuchten und doch gefürchteten Namen seines Weibes – seines Kindes darunter zu finden – und er hatte sich nicht geirrt. Der Name Georgine Bertrand stand allerdings nicht auf dem Zettel, aber die pomphafte Ankündigung eines neuen Gastes, einer Madame Georgette mit ihrer Tochter Mademoiselle Georgette, ließ ihm fast keinen Zweifel, daß Frau und Kind schon an diesem Abend, wenn auch unter anderem Namen, im Zirkus wieder auftreten würden.

Vorsichtig suchte er jetzt Georgettens Wohnung zu erfragen, aber die Auskunft, die er darüber erhielt, machte ihn wieder irre, denn diese lautete dahin, daß Madame Georgette, die neue berühmte Kunstreiterin, in Royazets eigener Wohnung abgestiegen sei und ein Quartier bezogen habe, und der Mann, der ihm die Auskunft gab, setzte aus freien Stücken hinzu, es hieße in der Stadt, Monsieur Royazet habe selber geäußert, die Dame sei seine ihm bestimmte Braut. Wer dann hatte Georginen entführt? Royazet selber? Die Beschreibung des jungen Mannes, die der alte Forstwart gab, paßte nicht dazu, auch sollte Royazet, wie er hier leicht erfragen konnte, Altona die letzte ganze Woche mit keinem Schritte verlassen haben.

Die Unruhe, hierüber Gewißheit zu erhalten, peinigte ihn zuletzt so, daß er beschloß, über Tag auf gut Glück hin die Stadt zu durchstreifen, vielleicht hier zufällig dem Entführer zu begegnen und ihn dann zu zwingen, ihm Rechenschaft zu geben.

Einmal schoß ihm der Gedanke durchs Hirn, Royazet selber aufzusuchen und von ihm sein Kind, wenn nicht im guten, mit Gewalt zurückzufordern; aber standen sie hier nicht unter dänischem Gesetz, und war Frau wie Kind nicht mit Leichtigkeit außer seinem Bereich gebracht, wenn er den langsamen Gang der Gesetze hätte zu Hilfe rufen wollen? Royazet war außerdem sein Feind, noch von früherer Zeit her, und auf einen Beistand von seiner Seite nicht zu rechnen – und doch blieb das seine letzte Hoffnung, wenn alles andere fehlschlug.

Heute abend wollte er selber den Zirkus besuchen – unkenntlich machte er sich leicht auf nicht auffällige Weise durch einen breiträndigen Hut, eine Brille und einen um das Kinn gelegten Schal, und dort konnte er mit eigenen Augen sehen, wie weit seine Befürchtungen gerechtfertigt seien. Bis dahin litt es ihn aber nicht, die Zeit ruhig und geduldig abzuwarten, sein Blut kochte und wallte in den Adern, und Straße auf und ab – nur die unmittelbare Nähe des Zirkus ängstlich meidend – zog er mit seinem auf dem ungewohnten Steinpflaster schon lange müde gewordenen alten Begleiter her und hin, sich selber nicht einmal ganz klar dabei, was er mit dem Entführer anfangen solle, wenn er ihn wirklich träfe.

Aber auch diese Suche mußte er endlich als durchaus hoffnungslos aufgeben, denn Barthold leistete ihm darin nicht einmal die Dienste, die er von ihm erwartet hatte. Durch die ganz ähnliche Kleidung so vieler Tausende nämlich fortwährend getäuscht, hielt er bald den, bald jenen für den Gesuchten, und brachte Georg dadurch ein paarmal so in Verlegenheit, daß er froh war, durch irgend eine Entschuldigung von fälschlich angeredeten Personen wegzukommen.

Sein Quartier hatte er in Hamburg bezogen und dort sein Pferd eingestellt, und dahin begab er sich endlich wieder mit dem Forstwart den einbrechenden Abend und die Stunde der angekündigten Vorstellung abzuwarten.

Der Abend kam, und Georg, in einem alten Mantel gehüllt, nahm für sich und den Forstwart zwei Sitze auf dem dritten Platz, um dort keinerlei Gefahr ausgesetzt zu sein, erkannt zu werden. Und mit welchen Gefühlen wohnte er dem Beginn dieser Vorstellung bei – mit welcher furchtbaren Pein war er Zeuge ihres weiteren Verfolges!

Barthold hatte im Anfang die Zuschauer genau mustern müssen, ob er den Fremden aus dem Walde hier wieder erkenne, aber ohne Erfolg. So sicher er geglaubt, sich auf sein Auge verlassen zu können, so verwirrt sah er sich hier in dieser neuen, ihm völlig fremden Welt, mit tausend Gesichtern um sich her, die, alle in einer Kleidung steckend, auch für ihn alle den einen Stempel in Ausdruck und Form zu tragen schienen. Er konnte den, den er suchte, nirgends finden. Sowie aber die Vorstellung begann, wurde Georgs Aufmerksamkeit vollständig auf diese gelenkt – er hatte alles andere in dem einen Gefühl vergessen, sein Kind wiederzusehen – seine Josefine, und eine unsagbare Pein schoß ihm durchs Herz, als er sich dachte, wie.

Und die Musik begann. Der Possenreißer erschien, mit seinen eklen Gliederverrenkungen die Zuschauer zu belustigen, und Barthold hätte ein Jahr da sitzen können, ehe er in der buntbemalten, aus lauter Gelenken bestehenden Gestalt mit ihren widernatürlichen Bewegungen den sonst so steifen, ernsten »Schwiegervater vom Gute« wiedererkannt hätte. Georg wandte sich in Ekel von ihm ab. Jetzt schmetterten die Trompeten, jetzt wichen die Menschen in dem schmalen Eingange zurück – einige dänische Offiziere und andere Kavaliere, die sich dorthin, der Damen des Zirkus wegen, postiert hatten – und herein auf ihrem eigenen Pferde, in Licht und Glanz strahlend, das Antlitz ordentlich in Freude und Triumph, in wilder, ungebändigter Siegeslust leuchtend, flog – Georgine.

Und sie war schön, diese Königin der Amazonen, schön wie das flammende Meteor, das seinen Glutenstreifen pfeilschnell durch den dunkeln Himmel zieht; schön wie das zuckende Nordlicht, das mit seinen Feuerstrahlen die kalte Winternacht erhellt. Ihre Augen flammten, ihre ganze Gestalt hob sich, und wie das Publikum erst in staunender Bewunderung diese plötzlich auftauchende, leuchtende Erscheinung angestarrt, so brach plötzlich das Eis, das es bis dahin wie gebannt gehalten, und donnernder, nicht endender Applaus grüßte sie beim ersten Betreten ihrer neuen Laufbahn wieder.

Dieser Beifallssturm schien den Körper des wirklich wunderschönen Weibes ordentlich zu durchzucken, schien ihn emporzutragen mit sich selbst. Kaum berührten ihre Fußspitzen den Sattel, über dem sie mehr schwebte, als daß sie auf ihm stand, und während höhere, fast glühende Röte ihr Antlitz färbte und ihre Augen leuchteten, während die Locken im scharfen Luftzuge flatterten, und das Pferd selber, das sie trug, einen Teil der Begeisterung mit zu fühlen schien, brach sich der stürmische Applaus, wie das regelmäßige Branden einer See, immer wieder und wieder Bahn und übertäubte selbst die schmetternde Musik. Barthold hatte sie erkannt – gleich auf den ersten Blick, denn diese Züge, einmal gesehen, waren nicht so leicht wieder vergessen. Er blickte auch Georg schüchtern und erstaunt von der Seite an. Dessen totenbleiches Antlitz verriet aber nur zu deutlich, was in ihm vorging, und er wagte nicht, ihn auch nur mit einem Laut, mit einer Bewegung zu stören.

Die Tour war vorüber – wieder und wieder mit tobendem Beifallsjauchzen gerufen, zog sich die schöne Reiterin zurück, und ein paar der Clowns zeigten jetzt ihre Künste.

»Mademoiselle Georgette!« verkündete der Mann in hohen Reiterstiefeln und mit einer langen Peitsche in der Hand, der mitten in der Arena stand, den neuen Namen, indem er seine Waffe demonstrierend und mit einer Verbeugung gegen den Eingang neigte.

Georgs Blut stockte; die Lichter flimmerten ihm vor den Augen, der ganze Zirkus drehte sich mit ihm, und krampfhaft faßte er seines Nachbars Arm, sich an diesen zu halten. Aber diese Schwäche, die ihn überkam, dauerte kaum länger, als sie gebraucht hatte, ihn zu bewältigen. Er war wieder er selbst, und sah jetzt, wie sein Kind geschmückt und aufgeputzt auf einem kleinen munteren Ponny in die Arena sprengte und den Rundlauf begann. Wenn es aber auch das Publikum täuschte, dem Vaterauge konnte die stark aufgetragene Schminke das veränderte Aussehen des Kindes nicht verbergen.

Josefine sah leidend aus; ihre Augen lagen tief in den Höhlen, und statt des fröhlichen Lächelns, das sonst in solchen Augenblicken ihre Züge belebte, trugen sie das deutlich auffallende Gepräge von Angst und Zaghaftigkeit. Ihr Blick flog nicht frei umher, sondern haftete an der Mähne des Pferdes, und sie schien sich erst in etwas zu sammeln, als sie den Zirkus einigemal umritten hatte.

Das Publikum verhielt sich dabei still. Die kurz vorher bewunderte glänzende Erscheinung der Mutter hatte es zum Teil verwöhnt, zum Teil empfand es aber auch wohl die unverkennbare Angst des Kindes mit und fühlte sich unbehaglich dabei. Die Musik wurde lebendiger, der Takt schneller, das Pferd, gewohnt, den Lauten zu gehorchen, flog rascher mit seiner kleinen Reiterin dahin, und während Josefine die früheren Stellungen und Bewegungen auf dem dahinschnaubenden Tiere auszuführen versuchte, erkannte Georg mit peinlichem Schmerz die Angst und Unsicherheit, in der sie sich befand.

Da trat neben Royazet Georgine in den Gang, zwischen die Schar der dort eingedrängten Zuschauer, und wie das Kind vorbeipassierte, rief sie ihm einige Worte der Ermunterung zu. Die Aufmerksamkeit der Kleinen wurde aber dadurch von ihrem Pferde abgelenkt, und gerade als sie Georg wieder gegenüber kam, verlor sie das Gleichgewicht und mußte, um nicht zu stürzen, vom Pferde springen.

Im Publikum herrschte eine Totenstille, nur auf dem dritten Rang lachte eine Anzahl trunkener Matrosen, und einer schrie in seinem Plattdeutsch: »Nehmt doch die Deern weg, die kann ja nicht hopsen! Einer von den Hanswursten soll herein kommen!«

Ein Teil lachte; Josefine aber hatte im Nu wieder das Pferd am Zügel; der Bereiter sprang hinzu, ihr zu helfen, das geduldige Tier stand, und von neuem umflog sie den Zirkus. Da wurden Reifen und Girlanden herbeigebracht, über und durch die sie springen sollte. Geeorgine stand noch immer im Eingange, mit keiner Ahnung, wie nah ihr Gatte sei – Josefine machte, als sie an ihr vorüber flog, eine bittende Bewegung und zeigte auf die Reifen, daß diese entfernt werden sollten. Wie sie vorüber kam, schüttelte Georgine mit dem Kopfe und lächelte dazu.

Einige der Clowns sprangen jetzt mit anderen dazu angestellten Dienern auf den Rand der vorderen Galerie, um die Reifen auszuhalten und dem Kinde das Springen durch Auf- und Niederheben so viel als möglich zu erleichtern. Josefine aber gab, obgleich das Pferd schon drei- oder viermal die Runde darunter durchgemacht hatte, noch immer nicht das Zeichen, daß sie bereit zum Voltigieren sei. Da endlich wurde das Publikum ungeduldig; es wünschte diesen »Schulübungen,« wie einige meinten, ein Ende gemacht zu sehen, und Georgine, dadurch gereizt, gab den Leuten einen Wink, die Reifen auszuhalten.

»Spring!« rief sie dabei der Tochter zu, »du hast es ja tausendmal getan!«

Der Clown, der den ersten Reifen hielt, zog ihn nochmals zurück, denn er sah, das Josefine nicht fertig wurde – den zweiten mußte sie aber beachten und kam glücklich hindurch, ebenso durch den dritten. Das Publikum applaudierte, froh, dem jungen Mädchen einigen Mut machen zu können. – Wieder wurden einige Reifen aus ihrem Bereich gehoben, denn das Kind hatte aufs neue einen Fehltritt auf dem Sattel gemacht; aber sie gewann das Gleichgewicht gleich wieder, stand fest, bog sich zum Sprunge wieder und flog hindurch.

War es nun Ungeschicklichkeit des Haltenden oder ihre eigene Schuld, es ließ sich das nicht in der Schnelle, mit der das Ganze vorwärts ging, bestimmen. Josefine blieb aber mit dem Fuße an dem Reifen hangen – der Clown ließ ihn los, um sie nicht vom Pferde zu reißen; doch ehe sie wieder festen Fuß fassen konnte, schnellte der elastische Reifen zwischen sie und den Sattel, und seitwärts abgedrückt, stürzte sie nach außen auf den Rand der Balustrade.

Wohl streckten sich eine Menge Arme nach ihr aus, ihren Fall zu brechen. Josefine selber war aber auch gewandt genug, die größte Gefahr schon selber zu vermeiden. Den fremden Armen dabei scheu entgleitend, sprang sie in die Arena zurück, neigte sich beschämt gegen die lautlos zu ihr niederschauenden Menschen und verschwand dann, an ihrer Mutter vorüber, in den Gang.

Unmöglich wäre es, die Gefühle zu schildern, die bei dieser Szene Georgs Herz zerschnitten, und einmal drängte es ihn schon, durch die Zuschauer hin in den Zirkus zu springen, sein Kind aufzugreifen und mit ihm zu entfliehen. Er mochte auch eine Bewegung dahin gemacht haben, denn Barthold hielt ihn plötzlich erschreckt am Arme fest. Er selber fühlte auch das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens, hier in dem fremden Lande aus der Mitte der in Royazets Diensten stehenden Leute, in Gegenwart Georginens, die ihn augenblicklich erkannt hätte, etwas derartiges zu versuchen. Es hätte seine letzte Hoffnung vernichten müssen. Aber er vermochte auch nicht länger diesen Anblick zu ertragen, und Bartholds Arm fassend, zog er ihn mit sich fort, hinaus ins Freie.

Der alte Forstwart folgte willenlos, obgleich das alles so viel Reiz und Zauber für ihn hatte, daß er wohl noch gern eine Weile länger da geblieben wäre. So verdutzt war er aber auch zugleich über das prachtvolle Erscheinen seiner früheren Herrin und ihrer Tochter – der gnädigen Frau Baronin mit der kleinen Josefine – und so wenig konnte er sich in seinem schlichten Verstand das Ganze zusammenreimen, daß ihm selber vom vielen Denken wirr im Kopfe wurde. Er legte das freilich der furchtbar lärmenden Musik zu Last, von der sie gar nicht weit gestanden hatten, und seine Ohren gellten ihm noch, als sie schon eine Strecke die dunkle Straße entlang geschritten waren.

Unterwegs wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt. Stumm und schweigend schritten die beiden Männer nebeneinander her, drängten sich durch das Gewühl am Hamburger Berge, kreuzten die stillere Promenade, die Hamburg und Altona voneinander scheidet, und wanderten dann noch eine Strecke durch enge Straßen mit »baumhohen« Häusern, wie der Forstwart bei sich dachte.

Barthold, so gut er im Walde draußen zu Hause war, so völlig aus seiner Sphäre fühlte er sich hier, und wenn er sich dort etwas auf seine Ortskenntnisse zugute tat, mußte er sich hier gestehen, daß er wie ein Kind von der Führung seines Begleiters abhängig sei. Eine Straße glich ihm vollständig der andern, und bogen sie jetzt rechts und dann links ab, so hätte er zehn gegen eins wetten wollen, daß sie genau denselben Weg zurück machten, den sie gekommen wären. Sehnsüchtig bemerkte er indessen auf ihrem Wege eine Menge hell erleuchteter Fleischläden und Bäckerstände, und drehte ein paarmal verlangend den Kopf danach um. Es war auch kein Wunder; Georg in seiner Aufregung hatte den Tag noch keinen Bissen über seine Lippen gebracht, und dabei ganz vergessen, daß der Alte keineswegs geistig so bewegt sei, um seinen Hunger ebenfalls darüber zu vergessen.

So vertieft Georg aber auch in seine eigenen schmerzlichen Gedanken sein mochte, so entging ihm doch nicht das zeitweilige Zögern des Alten an solchen Stellen, und er sagte endlich, als sie wieder einmal einen ähnlichen Ort passiert hatten, ohne anzuhalten: »Ihr seid wohl hungrig, Barthold?«

»Hm – da einmal gerade die Rede davon ist,« meinte der Alte, »so hätte ich allerdings nichts dagegen, wenn ich mir ein Stück Brot und Fleisch kaufen könnte. In der Eile aber, in der wir daheim fortgingen, habe ich ganz vergessen, auch nur einen einzelnen Schilling einzustecken.«

»Armer Barthold!« sagte Georg gerührt, »habe ich Euch doch ganz vergessen! Aber wartet nur noch wenige Minuten; wir haben gleich unser Ziel erreicht, und dort wollen wir alle beide ordentlich essen. Wir haben es alle beide nötig, denn wir brauchen Kräfte für den morgenden Tag.«

»O, ich kann's schon eine Weile aushalten, wenn's sein muß – nur – da wir hier so bequem vorüber gingen, dachte ich . . .«

»Wir haben es dort noch bequemer. Seht Ihr den von vielen Laternen beleuchteten Platz, auf den wir zugehen? Dort sind wir jetzt zu Hause. Hättet Ihr selber dahin den Weg gefunden?«

»Im Leben nicht – ich weiß auch nicht – hier zwischen den hohen Häusern wird es mir so schwül und eng. Ich komme mir vor wie ein Vogel im Bauer, und wenn ich hier bleiben müßte – ich glaube, ich stürbe in der ersten Woche vor Sehnsucht nach einem Baume.«

»Aber wir haben heute Bäume genug gesehen.«

»Ja, leider Gottes,« seufzte der alte Mann, »und die armen Dinger haben mich auch genug gedauert. In Reihen aufgepflanzt, stehen sie wie die Soldaten, dürfen keinen Zweig über die Linie hinausstrecken, wenn ihnen nicht das widerspenstige Glied weggeschnitten werden soll, und statt der freien Himmelsluft, die gern von oben zu ihnen möchte, aber nicht kann, bekommen sie Steinkohlenqualm und allen möglichen andern Dunst und Stank zu atmen. Und nun erst so ein armer Baum mit einer flammenden Laterne neben sich, wie muß dem zumute sein! wie elend, wie gedrückt muß er sich fühlen! Die Bäume verlangen in der Nacht so gut ihre Ruhe wie der Mensch und das Tier, und kann so ein Baum schlafen, wenn ihm die neugierigen Flammen fortwährend zwischen die Äste hineinleuchten und Wagengerassel und Menschenstimmen ununterbrochen das Rauschen seiner Wipfel übertäuben? – Es ist nichts mit den Bäumen in einer Stadt, und wie ein Reh kein Reh mehr bleibt, wenn man's in einen Kasten mit Gitterstäben steckt und notdürftig füttert, um das arme Ding am Leben zu erhalten, so sind meiner Meinung nach das hier, was wir heute gesehen haben, auch keine Bäume mehr, sondern nur grüne Verzierungen, die sich das Menschenvolk da aufgestellt. Ich kann mir auch nicht denken, daß ein solcher Baum imstande ist zu wachsen – es ist gegen die Natur, und sein Laub wird im Sommer auch dürftig und staubbedeckt genug sein. Was ist da solch eine ganze Allee gegen einen einzigen Baum im freien, schönen Walde? – gegen meine alte Eiche?«

Der Alte hätte noch ruhig eine Weile so fortgeschwatzt, obgleich Georg, mit seinen Gedanken schon wieder weit zurück, nicht einmal die Worte hörte, die er sprach; aber sie erreichten jetzt den freien Platz, auf dem ihr Hotel lag, und Georg bog links danach ein und betrat gleich darauf mit dem Forstwart die unten gelegene Restauration. Fühlte er doch selber das Bedürfnis, den abgespannten Körper auszuruhen und zu stärken, und Barthold war ordentlich heißhungrig nach irgend etwas Genießbarem geworden.

Der große Saal war noch schwach besetzt, füllte sich aber bald mit nach und nach eintreffenden Gästen, und Georg nahm an einem kleinen Tische Platz, bestellte bei einem rasch herbeispringenden Kellner ein kompaktes Abendbrot für sie beide und hing indessen seinen eigenen trüben Gedanken nach.

Barthold wußte sich besser zu beschäftigen und nahm einstweilen das vor ihn hingelegte Rundstück oder Brot in Angriff, dem knurrenden Magen nur wenigstens etwas zu bieten. Dann betrachtete er staunend das geräumige, prachtvoll eingerichtete Lokal, das seinem Begriff von einer »Stube« auch nicht im entferntesten entsprach. Das ganze Forsthaus daheim war nicht einmal so groß und geräumig, und auf dem Gute selber nicht die Hälfte der Pracht an Hausgerät, Tapeten und Beleuchtung. Was für ein schmähliches Geld mußte das alles kosten, und wie reich, wie steinreich mußte der Mann sein, dem das gehörte! Dann interessierten ihn auch die fremden Holzarten, die er hier sah, und er würde diese näher untersucht haben, wäre nicht in dem Augenblick das Essen gekommen. O wie süß das duftete! und der alte Forstwart hatte im Nu alles andere darüber vergessen.

Der Saal füllte sich indessen mehr und mehr, und dem alten Forstwart wollte nur das nicht dabei gefallen, daß keiner den andern grüßte und Leute sich manchmal dicht neben andere hinsetzten, ohne auch nur so viel wie »guten Abend« zu sagen. Georg hatte eine Flasche Wein bringen lassen und schenkte dem Alten ein – und wie vortrefflich schmeckte das! – er trank ein Glas nach dem andern. Mehr und mehr Menschen kamen und besetzten die nächsten Tische. Barthold unterließ dann nie zu grüßen, erhielt aber kaum ein Kopfnicken als Antwort – nicht einmal die Hüte setzten die groben Menschen ab! Das Essen schmeckte ihm aber trotzdem, und Georg war lange damit fertig, als er noch immer fleißig Messer und Gabel handhabte. Mehr und mehr Gäste kamen herein; an dem nämlichen Tische, an dem Georg und der alte Forstwart saßen, hatten schon neben ihnen vier oder fünf andere Gäste Platz genommen; Georg sah sie gar nicht; vor seinen Augen schwebte nur die unglückliche bleiche Gestalt des Kindes, das, seiner Heimat entrissen, mit einer solchen Mutter in das wilde Leben hinausgeschleudert worden war, und Plan nach Plan baute er auf, wie er sich ihm nahen, wie er es retten solle.

Der alte Forstwart trat ihn auf den Fuß; er litt es, bis es ihn schmerzte, dann zog er den Fuß zurück, ohne weiter darauf zu achten. Barthold aber fühlte unter dem Tische vorsichtig weiter nach dem ihm entzogenen Gliede, und wieder fühlte Georg die schwere Sohle des Alten auf seinen Zehen. Erstaunt sah er zu ihm auf und bemerkte jetzt erst, daß der Alte, über seinen Teller gebeugt und auf der Gabel ein großes Stück Beefsteak, ihm einen bedeutungsvollen Blick zuwarf und dann seitwärts nach einem jungen Manne schielte, der, den Hut auf dem Kopfe, eine viereckige Lorgnette ins Auge gekniffen, im Stuhle zurückgebeugt, dicht neben Barthold saß und die Weinkarte musterte. Georg wußte im ersten Augenblick nicht, was der Alte wollte; daß dieser aber irgendeine überraschende Entdeckung gemacht haben mußte, ließ sich nicht verkennen. Dem Blick folgend, den er noch immer von ihm selber auf den Fremden fallen ließ, schoß da plötzlich der Verdacht in ihm auf, ob das vielleicht der Fremde sei, den er den ganzen Tag gesucht und der ihm also zufällig hier in den Weg gelaufen. Eine Verständigung mit Barthold war aber an dem Tische selbst nicht möglich; er stand deshalb auf, gab dem Forstwart ein leises Zeichen, ihm zu folgen, und ging nach der andern Seite des Saales hinüber. Barthold verstand im Augenblick, was er wollte – blieb noch eine kurze Zeit sitzen und stand dann ebenfalls auf.

Der Fremde sah ihn über die Weinkarte an und rückte seine Lorgnette schärfer ins Auge; der Alte aber drehte sich langsam von ihm ab und stand wenige Sekunden später neben Georg.

»Was habt Ihr, Barthold?«

»Das ist er!« flüsterte der Forstwart rasch zurück.

»Wer? – der Fremde von Schildheim?«

»Derselbe, den ich an der Eiche getroffen habe, und der dann am nächsten Tage mit in den Schlitten gestiegen ist.«

»Seid Ihr dessen ganz gewiß? – Ihr habt Euch heute so oft geirrt.«

»Alles, was ich gegessen habe, soll mir zu Gift werden, wenn das nicht der Rechte ist,« versicherte Barthold. »In dem irre ich mich aber nicht; das Gesicht ist nicht zu vergessen und überdies hat er mich auch wieder erkannt.«

»Ihr glaubt wirklich?«

»Wenigstens ist ihm mein Gesicht bekannt vorgekommen, denn er hat mich ein paarmal durch sein viereckiges Glas, daß er sich vors Auge klebte, betrachtet. Sehen Sie, Herr Baron, er dreht auch jetzt den Kopf wieder nach mir um. Das ist der Bursche, und ein schlechtes Gewissen hat er obendrein.«

Der alte Barthold hatte sich dieses Mal nicht geirrt; es war in der Tat Baron von Silberglanz, der, in der verdrießlichsten Laune von der Welt, dort am Tische saß und die Weinkarte musterte. Daß er allerdings dem, welchem er von allen am letzten zu begegnen wünschte, so unverhofft ins Garn gelaufen war, ahnte er noch nicht; des alten Forstwarts Gesicht und Kleidung war ihm aber in der Tat aufgefallen. Er mußte das Gesicht in letzterer Zeit irgendwo gesehen haben; das weiße Haar besonders machte ihn stutzig – doch wo? Er besann sich darauf, konnte aber nicht gleich die richtige Umgebung für ihn finden. Jetzt stand der andere Fremde auf, der mit am Tische saß – auch dessen Gesicht war ihm bekannt – jetzt folgte ihm der alte Jäger, und die beiden sprachen da hinten miteinander – er sah sich nach ihnen um und begegnete ihren auf ihm haftenden Blicken. Sie sprachen von ihm, und im Nu, während ihm das Lorgnon aus dem Auge fiel und sein Blut zum Herzen zurückfloh, kam ihm die Erinnerung an alle beide – kam ihm das Bewußtsein der Gefahr, in der er sich befand.

Das war der alte Jäger aus dem Walde bei Schildheim – der andere Monsieur Bertrand – der Baron von Geyfeln – wo um Gottes willen hatte er seine Augen gehabt, daß er ihn nicht gleich erkannte? Und rasch die Weinkarte hinlegend, dachte er jetzt nur daran, sich so rasch als irgend möglich zu entfernen, etwaigen unangenehmen Erörterungen am liebsten aus dem Wege zu gehen. Ein flüchtiger Blick dort hinüber überzeugte ihn auch rasch, daß er sich keineswegs geirrt. Georg, als er sah, daß er aufstand, bewegte sich durch die, dort für ihn glücklicherweise gedrängt sitzenden Gäste der Tür zu, jedenfalls in der Absicht, ihm den Weg abzuschneiden. Wenn er diese vorher erreichen konnte – sein Paletot hing dicht daneben – so war er sicher. Baron von Silberglanz dachte in der Tat in dem Augenblick gar nicht daran, daß er »Kavalier« sei, was er sonst selten vergaß. Sein einziger Gedanke war »Flucht«, und während er sich so wenig auffällig als möglich Bahn durch Kellner und Gäste machte, murmelte er leise und ängstlich vor sich hin: »O ja – weiter fehlte jetzt gar nichts mehr, um der ganzen Geschichte noch die Krone aufzusetzen – weiter gar nichts! Daß mich auch der Teufel plagen muß, gerade noch heute, den letzten Abend, diesem verzweifelten Menschen in den Weg . . .« Er streckte den Arm nach dem neben ihm hängenden Paletot aus; mit der Linken hatte er schon die Türklinke gefaßt, als er eine Hand auf seinem Arm fühlte und eine ruhige, tiefe Stimme an seiner Seite sagte: »Auf ein Wort, mein Herr.«

»Ja – bitte recht sehr – guten Abend,« erwiderte Herr von Silberglanz rasch und verlegen.

»Bitte, Barthold, holt mir doch einmal meinen Hut dort – vom Tische da drüben. Ich stehe gleich zu Ihren Diensten.«

»Ich muß um Verzeihung bitten – ich bin in großer Eile.«

»Sie haben Zeit,« erwiderte Georg ruhig, »überhaupt ist es besser, daß das, was wir miteinander abzumachen haben, mit so wenig Aufsehen als möglich geschieht.«

»Ich begreife nicht, mein Herr – Sie irren sich wahrscheinlich in der Person. Ich bin Baron von Seitendorf.«

»Ich kenne Ihren Namen gar nicht,« erwiderte vollkommen kaltblütig Georg. »Der Name tut auch hier nichts zur Sache, wo wir uns bloß an die Person zu halten haben. – Ich danke, Barthold. Wartet hier, bis ich wieder zurückkomme.«

»Aber was wünschen Sie?«

»Da Sie so in Eile sind, werde ich Sie ein Stück begleiten. Was wir miteinander zu sprechen haben, bedarf überdies keiner Zeugen. Herr Baron, ich stehe zu Diensten.«

»Schön – sehr schön,« sagte von Silberglanz verlegen, indem er seinen Paletot anzog und sich in diesem Augenblicke nach Paris oder London oder in irgendeine andere sehr entfernte Gegend wünschte. »Wenn es Ihnen denn gefällig ist . . .«

Georg machte eine auffordernde Bewegung für ihn, voranzugehen; von Silberglanz, sich jetzt mit einem tiefen Seufzer der Notwendigkeit fügend, gehorchte, und wenige Minuten später schritten die beiden Männer draußen am Bassin des Jungfernstieges, von niemandem weiter gestört, dahin.

»Herr Baron,« brach Georg endlich das für jenen schon drückend werdende Schweigen, »es ist zwischen uns beiden nicht weiter nötig, große Umschweife zu machen, und das beste wird sein, einfach und rasch zur Sache zu kommen. Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen, obgleich ich es fast vermute.«

»Ich habe in der Tat nicht die Ehre . . .«

»Nun gut denn – ich bin derselbe Mann, den Sie früher unter dem Namen Georg Bertrand kennen lernten, und Madame Georgine, die Sie aus Schildheim mit ihrem Kinde entführten, ist meine Frau.«

»Mein Herr – ich gebe Ihnen mein Wort . . .«

»Halt! – Sie sind Kavalier,« unterbrach ihn Georg rasch, »bedenken Sie, was Sie sprechen, und verpfänden Sie Ihr Wort nicht an eine – Lüge.«

»Herr Baron . . .«

»Davon mehr nachher,« erwiderte Georg kalt. »Jetzt verlange ich Antwort – aufrichtige, unumwundene Antwort: Wo haben Sie mein Weib gelassen? – Wo befindet sie sich jetzt und – was war Ihre weitere Absicht mit ihr? – Glauben Sie dabei nicht, mich durch leere Ausflüchte, durch irgendein Märchen zu täuschen. Ich will die Wahrheit von Ihnen, und wenn ich – doch genug,« brach er, sich gewaltsam fassend, in seiner Drohung kurz ab, »wir stehen hier nicht allein auf deutschem Boden, sondern Sie sind auch gezwungen, mir Genugtuung zu geben, und daß ich mir diese verschaffen werde, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Also beantworten Sie mir einfach und ehrlich meine Frage. Sie können Ihre Sache dadurch nicht verschlimmern, sondern nur verbessern. Wo ist Georgine und ihr Kind jetzt – in wessen Schutze?«

»Herr Baron,« sagte von Silberglanz, in dem Gedanken an ein Duell mit wirklich geladenen Pistolen innerlich erbebend, indem er zugleich einsah, daß alles weitere Leugnen fruchtlos sei, »ich – sehe vollkommen ein, daß Ihr Zorn gerechtfertigt ist – ich gestehe, daß ich gefehlt habe, und werde . . .«

»Davon später – bitte, kommen Sie zur Sache,« unterbrach ihn Georg kurz. »Wo wohnt Georgine – wo – wohnen Sie?«

»Lassen Sie mich ausreden,« bat von Silberglanz, der sich überdies zwingen mußte, seine Gedanken zusammenzuhalten. »Sie haben das Recht, eine Erklärung zu fordern, und soweit als ich sie Ihnen leisten kann, soll sie Ihnen werden. Für alles übrige muß ich Sie aber in der Tat bitten, sich an – Ihre Frau Gemahlin und – Herrn Royazet zu halten.«

»Royazet?« sagte Georg schnell, »so haben Sie für ihn . . .«

»Bitte, mißverstehen Sie mich nicht,« erwiderte von Silberglanz, schon bedeutend beruhigt, als ihm Georg weit kaltblütiger zu sein schien, als er ihn gefürchtet haben mochte. »Wollen Sie mich die ganze Sache einfach erzählen lassen, wie sie ist? Vielleicht finden Sie auch dann, daß ich weit weniger schuldig bin, als Sie jetzt zu glauben scheinen.«

»Reden Sie,« sagte Georg ruhig, »aber hoffen Sie nicht, mich zu täuschen.«

»Ich denke nicht daran,« erwiderte von Silberglanz, »um Ihnen aber einen klareren Überblick über alles zu geben, muß ich etwas weiter ausholen. Wollen Sie mich geduldig anhören?«

»Ja.«

»Ich wohne in ***. Ein Freund von mir hatte eine Reise in dieses Land gemacht, kam zurück und erzählte mir, daß er Sie und – Ihre Frau Gemahlin dort in stiller Einsamkeit gefunden.«

»Herr von Zühbig,« sagte Georg, während ein verächtliches Lächeln um seine festgeschlossenen Lippen zuckte.

»Erlauben Sie mir, daß ich nur dann Namen nenne, wenn es dringend nötig ist. Er sagte mir – jener Freund nämlich – daß sich Madame Ber – daß sich Frau Baronin von Geyfeln entsetzlich unglücklich fühle und gab mir dabei deutlich zu verstehen, daß – daß ich – daß sie geäußert habe – ich – ich sei ein alter Freund von ihr – oder sie hege Zutrauen zu mir,« setzte er rascher hinzu, als er bemerkte, daß ihn Georg erstaunt ansah.

»Woher kennen Sie meine Frau?« fragte er ruhig.

»Ich – ich hatte das Vergnügen, sie in *** einigemal zu sehen.«

»Und Georgine hätte ihrem Freunde zu verstehen gegeben, daß Sie ihr helfen sollten, aus ihrer unglücklichen Lage zu kommen?«

»Das war der Sinn.«

»Sonderbar! meine Frau hat mit Herrn von Zühbig keine drei Worte gesprochen, die ich nicht gehört hätte. Sie war nur beim Abendbrot gegenwärtig, und ich habe in der Zeit das Zimmer nicht verlassen. Überhaupt drehte sich das Gespräch, soviel ich mich erinnere, nur um ganz gleichgültige Dinge.«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Kavalier, daß ich nur unter dieser Voraussetzung gewagt habe, der Dame meine Dienste anzubieten.«

»Gut – fahren Sie fort; die Sache ist überhaupt unwesentlich und wir verlieren Zeit.«

»Ich konnte nicht denken,« fuhr Herr von Silberglanz fort, »daß mir Herr von – daß mir mein Freund eine Unwahrheit gesagt habe, denn als ich nach Schildheim kam und Sie zufällig verreist fand . . .«

»War das in der Tat zufällig?«

»Ich kann den höchsten Eid darauf ablegen – Sie zufällig verreist fand, bestätigte mir die Frau Baronin durch ihr ganzes Benehmen nicht allein, nein, auch deutlich mit Worten, daß ich mich nicht geirrt und bat mich, sie zu begleiten.«

»In der Tat?« flüsterte Georg leise zwischen den fest zusammengehaltenen Zähnen durch.

»Es änderte allerdings meinen ganzen Plan. Ich war auf einer Reise nach Paris begriffen.«

»Von *** über Schildheim?«

»Geschäfte hatten mich genötigt, den Umweg zu machen,« log von Silberglanz, »aber den Bitten einer Dame konnte ich keine Weigerung entgegenstellen.«

»Und Sie entführten sie?«

»Will ich aufrichtig sein, Herr Baron,« versicherte der kleine Mann verlegen, »so – wurde ich von ihr entführt, denn die – gnädige Frau ordnete alles selber an, bestimmte Zeit und Ort, sorgte für Geschirr und alles, und ich – hatte eigentlich weiter nichts zu tun, als mitzufahren – ja, wenn ich alles zusammenrechne, so habe ich bis zu diesem Augenblick auch in Wirklichkeit nichts weiter getan, als daß ich eben mitgefahren bin, wobei mir die gnädige Frau als einzige Vergünstigung gestattete – die Passage zu zahlen.«

»Und das Kind?«

»Baron, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« rief Herr von Silberglanz rasch, »ich hatte keine Ahnung davon, daß uns das gnädige Fräulein begleiten sollte. Ja, ich war im höchsten Grade überrascht und be – und erstaunt darüber. Im Schlitten saß ich dabei hinten auf der Pritsche bei neun Grad Kälte; auf der Eisenbahn setzte sich Frau von Geyfeln mit ihrer Tochter in ein Damencoupé, wohin ich ihr nicht folgen durfte, und endlich in Altona angekommen . . .«

»Nun? fahren Sie fort.«

»In Altona angekommen,« sagte Herr von Silberglanz, und es war augenscheinlich, daß er über diesen Teil seiner Erzählung nicht gern mit der Sprache herausrückte, denn wenn es ihn auch in den Augen des Gatten entschuldigen mußte, so schien er sich doch »als Kavalier« der Rolle etwas zu schämen, die er dabei gespielt – aber er durfte nicht schweigen und fuhr deshalb etwas verlegen fort: »In Altona angekommen, entließ mich Frau von Geyfeln mit freundlichem Dank und – quartierte sich ohne weiteres bei Monsieur Royazet ein, den sie jedenfalls schon von früher her kennen mußte.«

»Sie täuschen mich nicht?«

»Ich habe nicht den geringsten Grund dafür, irgendwelche Rücksicht auf die Dame zu nehmen, da sie nicht die geringste auf mich genommen hat. Nach allem, was ich gesehen und erlebt, war ich ihr nur ein Werkzeug, das sie benutzte, solange sie es brauchte, und es dann – beiseite warf. Sie werden es daher erklärt finden, mein bester Herr Baron, wenn ich es nicht für gerechtfertigt halten würde, daß Sie nach allem, was Sie jetzt gehört und was, wie Sie mir fest glauben mögen, die reine, lautere Wahrheit ist, noch von mir Satisfaktion verlangen sollten. Ich würde dabei wahrhaftig auf das Unschuldigste von doppelten Ruten gepeitscht. Es ist mir außerdem schon sehr unangenehm, Ihnen das alles erzählen zu müssen, und ich tue es allein in der Überzeugung, Ihnen es einmal schuldig zu sein – und dann auch auf Ihre Diskretion rechnen zu können.«

Baron von Silberglanz würde sich noch weit mehr, als es schon der Fall war, gedemütigt gefühlt haben, hätte er den Ausdruck von Verachtung sehen können, den Georgs Züge annahmen. Schweigend schritt dieser eine Zeitlang neben ihm her, endlich sagte er, ohne auf die letzte Anrede ein Wort zu erwidern: »Folgte das Kind der Mutter willig?«

»Im Anfange, ja,« antwortete von Silberglanz rasch, denn er fand eine große Beruhigung darin, daß sein Begleiter auf etwas anderes übersprang; in der Frage lag überhaupt für ihn das geringste Kompromittierende, »das junge Fräulein schien zu glauben, daß die Reise nur eine gewöhnliche kurze Spazierfahrt sei.«

»Und nachher, als sie erfuhr, um was es sich handle?«

»Ich konnte nicht deutlich verstehen, was ihr die gnädige Frau sagte. Es war kurze Zeit vorher, ehe wir die Eisenbahnstation erreichten, und Sie werden sich erinnern, daß ich auf der Pritsche saß. Aber die Kleine weinte dann und bat die Mama, sie nicht mitzunehmen.«

»Das tat sie?«

»Ja, wahrhaftig! Ich erbot mich auch, als ich das bemerkte, die junge Dame sicher wieder nach Hause zurückbegleiten zu lassen, die gnädige Frau antwortete mir aber gar nicht auf den Vorschlag.«

»Und sind Sie später nicht mehr mit ihr zusammengetroffen? – Haben Sie verstanden, was ich Sie fragte?«

»Ich? – ja – vollkommen, sehr werter Herr. Ich – muß gestehen, ich suchte noch einige – wenigstens einmal wollte ich suchen, ihr zu nahen, was aber in ihrer Wohnung nicht möglich war. Die Leute dieses Monsieur Royazet sind ein außerordentlich rohes und ungebildetes Volk. Ich wußte mir dann heute morgen Zutritt zu einer der Proben zu verschaffen; aber auch ohne den geringsten glücklichen Erfolg. Frau von Geyfeln behandelte mich wie einen vollständig fremden Menschen.«

»Und Josefine?«

»Ihre Fräulein Tochter – ja – sie war auch in der Probe. Das arme Kind wollte erst nicht reiten – sie fürchtete sich jedenfalls und weinte, aber die gnädige Frau waren sehr böse, und es ging nachher recht gut, ja, ich kann wohl sagen, vortrefflich.«

»Und Ihre Absicht jetzt?«

»Meine Absicht? – Hamburg morgen früh mit dem Schnellzug wieder zu verlassen, um nach Paris zu gehen. Ich habe dort so dringende Geschäfte, daß ein versäumter Zug den Verlust eines Vermögens nach sich ziehen könnte,« rief von Silberglanz sehr rasch.

»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte Georg kalt. »Nach allem, was ich von Ihnen gehört habe – und ich glaube, daß Sie die Wahrheit sprechen, denn Ihr Hiersein bestätigt es schon, sind Sie genug mit der traurigen Rolle bestraft, die Sie gespielt haben. Aber, bitte, geben Sie mir Ihre Karte.«

»Meine Karte?« sagte von Silberglanz, der bei dem Anfang der Rede neue Hoffnung geschöpft hatte, erschreckt, »ich – ich bedaure sehr, ich habe gar keine bei mir.«

»Ich bitte Sie um Ihre Karte,« wiederholte Georg kalt und ruhig. »Sie werden mich nicht glauben machen wollen, daß eine Persönlichkeit wie Sie auch nur einen Schritt aus dem Hause ohne Karte gehe. Ich werde Sie dieser Sache wegen, wenn sich in der Tat alles so verhält, wie Sie sagen – nicht weiter belästigen. Verhält es sich aber nicht so, dann müßte ich doch suchen, näher mit Ihnen bekannt zu werden. Ich bitte um Ihre Karte oder ich begleite Sie bis in Ihre Wohnung.«

»Ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich mein Etui eingesteckt habe,« sagte von Silberglanz in äußerster Verlegenheit. »Sie können sich fest darauf verlassen, daß ich Ihnen kein falsches Wort gesagt habe.«

»Bitte, sehen Sie nach . . .«

Der Baron fand, daß er den Mann nicht los wurde, ohne ihm zu willfahren. Flucht war unmöglich – der gewandte Kunstreiter hätte ihn in wenigen Sätzen eingeholt. Er blieb stehen und suchte erst eine Zeitlang in allen den Taschen, in denen er genau wußte, daß das Etui nicht stak.

»Wenn ich Ihnen nun vielleicht meinen Namen aufschriebe,« bemerkte er dabei, als letzte Hoffnung auf Ausflucht.

»Ich muß und will Ihre Karte haben,« lautete die unerbittliche Antwort, und von Silberglanz brachte endlich das verlangte Etui zum Vorschein.

»Ah, wahrhaftig – da ist es doch – ich werde Ihnen gleich . . .«

»Bitte, erlauben Sie es mir,« sagte Georg ruhig, nahm ihm das Etui aus der Hand und wählte sich selber eine Karte aus, von der er überzeugt war, daß es keine fremde, erhaltene sei. Sie standen gerade unter einer der zahlreichen, hell brennenden Gasflammen, und er las den Namen laut:

Baron Hugo von Silberglanz,

»sagten Sie mir nicht vorhin, daß Sie Seitendorf hießen?«

»Ich?« erwiderte verlegen von Silberglanz, »wohl kaum – die Namen klingen so ähnlich – Sie haben sich vielleicht verhört.«

»Möglich – noch eins. Kann man leicht in Royazets Wohnung gelangen?«

»Es ist ganz unmöglich,« versicherte der Baron schnell. »Sie müßten denn vorher durch einen ganzen Saal seiner Bereiter und – und Tänzer hindurch. Ihre Frau Gemahlin ist mit Fräulein Tochter in dem hintersten Teile der Wohnung einquartiert, und zwar drei Etagen hoch.«

»Es ist gut. – Herr Baron, wie Sie mir jetzt gegenüberstehen, fühlen Sie jedenfalls selbst am besten; es bedarf keiner weiteren Worte. Ich hatte anfangs im Sinne, Sie nicht so leicht zu entlassen, aber ich sehe, daß ich von Ihnen keine weiteren Satisfaktionen verlangen kann. Gehen Sie; das aber schwöre ich Ihnen zu, begegne ich Ihnen noch morgen, nach Abgang des ersten Zuges, hier in Hamburg oder Altona, so befehlen Sie Ihre Seele Gott.«

»Wenn ich den Zug versäumte, würde ich einen Extrazug nehmen, von hier fortzukommen,« rief von Silberglanz rasch. »Ich bedaure unendlich, Ihnen in dieser bösen Sache . . .«

Georg drehte sich kalt von ihm ab und schritt die Straße wieder zurück, dem Hotel zu, den Baron sich selbst und seinen eigenen, nichts weniger als angenehmen Gefühlen überlassend.

 


 << zurück weiter >>