Friedrich Gerstäcker
Der Kunstreiter
Friedrich Gerstäcker

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18.

Der alte Mühler suchte an dem Nachmittage noch durch alle seine Überredungskünste dem Knaben den Entschluß des Fortlaufens auszureden, aber vergeblich. Karl, mit dem neuen, freien Leben vor sich und des Zwanges, dem er sich hier hatte fügen müssen, lange müde, beharrte nicht allein fest auf seinem einmal gefaßten Vorsatze, sondern überredete sogar den Alten, daß er ihn bis nach Schildheim hinunter begleitete, um dort selber seine neugefundenen Freunde zu treffen. Das mußte natürlich heimlich geschehen; der Präzeptor störte sie dabei nicht, da dieser die Sonntagsnachmittage gern zu seinen Studien benutzte und Karl dann immer auf seines Onkels Stube war. Überdies konnte die Zusammenkunft nur eine kurze sein, denn mit der Dämmerung machten sich die »Künstler« schon wieder auf den Weg, um im nächsten Dorfe zu übernachten und den andern Morgen rechtzeitig die nächste Eisenbahnstation zu erreichen. Georg erfuhr Karls Flucht auch erst am andern Morgen, und zwar durch den Hauslehrer, der seinen Zögling vergebens zur Stundenzeit erwartete und ihn dann ebenfalls ohne Erfolg bei seinem Onkel suchte. Der alte Mühler machte sich nun allerdings darauf gefaßt, eine heftige Szene mit seinem Schwiegersohne bestehen zu müssen, denn daß er um Karls Flucht gewußt, lag auf der Hand. Sehr erstaunt und nicht unangenehm überrascht war er aber sowohl wie Georgine, daß Georg keine Silbe davon erwähnte. Dieser ritt allerdings, gleich nachdem er die Nachricht erhalten, fort und kehrte erst gegen Abend zurück – war er ihm gefolgt, in der Absicht, ihn wieder einzufangen? Wenn das der Fall gewesen, sprach er mit niemandem darüber, und selbst beim Abendessen erwähnte er des Flüchtlings mit keiner Silbe. Georgine glaubte nicht mit Unrecht, daß er selber froh war, den lästig werdenden Knaben, ohne eigenes Zutun, aus seiner Nähe entfernt zu wissen.

So vergingen die nächsten Wochen. Der Kandidat, dessen Zögling auf so seltsame Weise abhanden gekommen, war entlassen worden, und das Leben auf dem Gute ging wieder im alten, stillen Gleise. Allerdings suchte jetzt Georg seine Frau in mancher Weise zu zerstreuen und führte sie wieder mehr als im letzten Monate auf die benachbarten Güter, deren Insassen auch Schildheim manchmal aufsuchten – aber Georgine fand keine Freude mehr daran. Die alte Sehnsucht war in ihr erwacht; es drängte sie jetzt mehr, allein und ungestört zu sein, um ihre eigenen Pläne und Träume zu überdenken als sich durch fremde, gleichgültige und ihr oft langweilige Menschen zerstreuen zu lassen, und während Georg dieses Zurückziehen von der Gesellschaft mit Freuden sah und zu seinen Gunsten deutete, brütete der Geist der Frau über Trennung – Flucht von ihm.

Nicht so bald hatte der alte Mühler den Knaben vergessen, an den er sich einmal gewöhnt – an dem sein Herz hing. Er fehlte ihm auf Schritt und Tritt – Tag und Nacht mußte er an ihn denken, und um die Zeit zu töten, mit der er jetzt weniger anzufangen wußte als je, ging er nun häufiger in den »Stern« hinunter, in des alten Tobias' Gesellschaft seine eigenen mürrischen Gedanken zu vergessen.

Georg mußte das endlich bemerken, und um ihn davon abzuziehen, suchte er den Alten im Gute selber zu beschäftigen. Er wollte ihn nach und nach an eine geregelte Tätigkeit gewöhnen – aber das ging nicht mehr. Mühler hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie nützlich beschäftigt und dachte gar nicht daran, auf seine alten Tage etwas derartiges zu beginnen. War er dem nun früher soviel als möglich ausgewichen, so kam es ihm jetzt, mit dem Gedanken an den entlaufenen Neffen und das lustige Leben, in dem dieser schwelgte, doppelt zuwider vor. Alles ihm Aufgetragene führte er deshalb nachlässig oder gar nicht aus und der Heftigkeit Georgs begegnete er mit einer störrischen Gleichgültigkeit, die eben alles über sich ergehen ließ. Nach vierzehn Tagen aber hielt er selbst das nicht mehr aus. Es war ein Brief von Karl gekommen, und Georgine hatte ihm den Inhalt desselben mitgeteilt. Die Versprechungen von dort lauteten dabei so verlockend, daß er ihnen, mit der Sehnsucht nach dem Jungen, nicht länger widerstehen konnte, und er beschloß, einen entschiedenen Schritt zu tun.

Das bequeme, bis dahin geführte Leben hatte aber doch auch zu viel Anziehendes für ihn gehabt, es so ohne weiteres, besonders ohne Sicherheit, was er dafür eintausche, von der Hand zu weisen – eine Hintertür beschloß er sich jedenfalls offenzuhalten, noch dazu, da ihm das zugleich Gelegenheit bot, sich auf friedlichere Weise von Georg zu trennen. Schnell deshalb mit seinem Plane im reinen, ging er noch an dem nämlichen Abend zu seinem Schwiegersohne und erklärte ihm, daß ihn die Angst um den Neffen nicht ruhen noch rasten lasse und er ihn um die Erlaubnis bitte, einen Versuch zu machen, ihn wieder aufzufinden. Er verlangte nur vierzehn Tage Zeit dazu, und habe er ihn bis dahin nicht gefunden, so wolle er ohne ihn zurückkehren.

Georg war klug genug, den Alten zu durchschauen, denn daß dieser den Aufenthalt des Burschen oder doch wenigstens wußte, wohin er sich damals gewandt, blieb gewiß. Wollte er ganz fort von ihm? – hatte er im Sinne, nicht zurückzukehren? – Vielleicht – er selber aber hätte Gott gedankt, den lästigen, fatalen Menschen auf solche Weise loszuwerden; durfte er dann doch weit eher auf ein friedlich häusliches Leben rechnen und wurde noch dazu der steten Angst und Gefahr enthoben, durch ihn seine eigene Existenz gefährdet zu sehen. Nur daß Georgine bei der Flucht des Vetters sowohl wie bei der jetzt erklärten Abreise des Vaters so ruhig und teilnahmlos blieb, war ihm rätselhaft.

Trieb den alten Mann wirklich nur die Sehnsucht nach dem Knaben, an dem er, wie Georg recht gut wußte, mit ganzem Herzen hing – und wollte er in der Tat ihn zurückholen? Oder fühlte Georgine jetzt selber, daß ihr Vater den alten Possenreißer nicht vergessen, sich nun einmal in seinen Jahren nicht mehr ändern könnte? Fühlte sie, daß es zu ihrem und ihres Gatten Wohl und Frieden sei, wenn er sie verlasse? O, dann hätte er dieses endliche Erkennen ihrer Pflichten, zu ihres und ihres Kindes Bestem, von ganzem Herzen segnen wollen.

Dem alten Manne gab er natürlich mit Freuden die Erlaubnis zur Reise, wie Geld, sie zu bestreiten, aber vergebens suchte er Georginen, als Mühler sie verlassen hatte, zu einem offenen Geständnis ihrer Gefühle zu bringen. Georgine gab ihm nur ausweichende, ja fast leichtfertige Antworten, und hatte es ihn gedrängt, sein übervolles Herz einmal gegen sie offen ausschütten zu dürfen, so stieß sie ihn jetzt mehr zurück, als daß sie ihn ermutigt hätte. Er konnte freilich nicht ahnen, daß der alte böse Geist aufs neue Besitz von der ehrgeizigen Seele der Frau genommen hatte und sie in ihm, dem Gatten, nur noch den Tyrannen sah, der ihrem wie ihres Kindes Glück aus elendem Stolz im Wege stand.

Georg war, das sah sie klar, seit jener Zusammenkunft mit dem Grafen, ein durchaus anderer geworden. Wo war der todesverachtende Mut geblieben, mit dem er sich früher den verwegensten Künsten entgegenwarf? wo die frische, fröhliche Lebenslust, die ihn den Augenblick genießen ließ, eben des Augenblickes wegen, und nicht der nächsten Stunden gedachte, viel weniger der nächsten Jahre? So hatte sie ihn kennengelernt, so geliebt, und jetzt? – Sie haßte die Bücher, über denen er halbe Tage grübelte, sie haßte die friedliche Beschäftigung, in der er seinen Frieden fand, und mit keinem solchen Ziele vor sich wie er, in diesem Leben ein verlorenes Glück wieder zu gewinnen, zürnte ihr Herz im Gegenteil über das, was er ihr geraubt und sann und sann darauf, es mit Gewalt oder mit List sich wieder zu erobern. Aber sie war klug genug, den Gatten gerade das, was jetzt ihre ganze Seele erfüllte, nicht ahnen zu lassen. Sie kannte den unbeugsamen, starren Geist des Mannes; hier aber erst hatte sie dessen Einfluß fühlen gelernt; denn so lange ihre Bahnen draußen in Licht und Jubel nebeneinander hinflogen, war er ihr immer störend in den Weg getreten. Jetzt dagegen, wo sie ihm gehorchen sollte, sie, die bis dahin nur gewohnt gewesen, zu befehlen, empörte sich ihr ganzes Selbst gegen einen solchen Zwang und kein Wunder, daß sie den Augenblick herbeisehnte, in dem sie sich und ihr Kind demselben entziehen konnte.

Der alle Mühler war indessen, nachdem er Abschied von Georginen genommen und von ihr heimlich mehrere Briefe erhalten hatte, mit seinem treuen Begleiter, dem Spitz, nach Schildheim hinunter gegangen. Georg erbot sich zwar, ihn bis zur nächsten Eisenbahnstation fahren zu lassen, aber er lehnte es ab, und zwar unter dem Vorwande, daß er noch gar nicht genau wisse, nach welcher Richtung er sich wenden solle. In der Tat aber wollte er Georg keine Kontrolle geben, wohin er gefahren sei; der Kutscher konnte ihn, wie er recht gut wußte, nicht leiden und würde jedenfalls an der Station aufgepaßt haben, wohin er sein Billet genommen.

Gepäck führte er übrigens fast gar keins bei sich, sondern hatte das Nötigste deshalb schon mit Georginen besprochen. Georg war oft auf halbe Tage abwesend, und es fand sich dann leicht eine Gelegenheit, seine sämtlichen Sachen nachzuschicken.

Mühler nun, seit langer Zeit zum erstenmal wieder mit einer Summe Geldes in der Tasche und mit voller Freiheit, jeden beliebigen Gebrauch davon zu machen, konnte sich nicht entschließen, trockenen Mundes am »Stern« vorüber zu gehen. Fand er niemandem weiter dort, so war er doch sicher, »den faulen Tobias« anzutreffen, und seinen Abschiedstrunk nahm er dann mit dem.

Der faule Tobias saß auch wirklich, nach alter Gewohnheit, dicht neben dem Ofen hinter einem der kleinen schweren Tische, ein Glas Branntwein vor sich, und zwar nicht das erste. Das spirituöse Getränk schien aber keineswegs heute den sonst so belebenden Eindruck auf ihn gemacht zu haben, und während sich früher sein faltiges und etwas schmutziges Gesicht immer aufhellte, wenn er seinen »Freund« Mühler entdeckte und nun sicher war, ein paar Stunden angenehm mit erzählten Schnurren und Anekdoten zu verbringen, zogen sich heute seine Augenbrauen womöglich noch finsterer zusammen. Nur die geballte Faust, die er auf dem Tische liegen hatte, nahm er herunter und steckte sie, geballt wie sie war, in die Tasche, als ob sein Grimm und Ärger niemandem weiter gehöre als ihm selber und er auch wisse, wo er ihn hintun könne.

Mühler merkte auf den ersten Blick, daß mit dem alten Burschen etwas nicht richtig sei, und da ihm besonders heute gar nichts daran lag, einen mürrischen, verdrossenen Trinkgenossen zu haben, setzte er sich hinüber zu ihm auf die Bank, warf seinen Hut und das kleine Bündel, das er in der Hand trug, hinter sich und sagte, während sein Spitz auf einem Stuhl neben ihm ganz ernsthaft Platz nahm: »Wirt, eine Flasche Wein, aber von Eurem besten – nicht etwa den Rachenreißer wieder, den Ihr mir das letzte Mal gegeben.«

Tobias warf ihm einen etwas erstaunten Seitenblick zu und rückte ein wenig bei, um ihm mehr Raum zu geben, schien aber trotzdem entschlossen, in seinem Schweigen zu verharren und erwiderte nicht einmal den guten Tag, den ihm jener bot.

»Na zum Teufel,« sagte Mühler, »was steckt dir denn in der Krone, he? Hast du die verkehrte Maulsperre, Kamerad, oder kennst du mich nicht mehr? Du schneidest ein Gesicht heut', als ob dir das Wasser ausgeblieben wäre und du jetzt mit Schnaps mahlen müßtest, um das alte Räderwerk im Gange zu halten.«

»Ist ihm auch was Ähnliches passiert, Herr Mühler,« nahm da für Tobias ein alter Bauer, der unfern von ihrem Tische hinter einem Kruge Bier saß, die Antwort auf, »das Wasser zum Mahlen ist ihm freilich ausgeblieben – nur mit dem Schnaps wird's etwas dünn aussehen. Es bleibt ihm schon nichts anderes übrig, wie eine Windmühle anzulegen.«

»Auch kein schlechtes Geschäft, Kamerad,« lachte Mühler, von dem gebrachten Wein den Stöpsel ziehend, »he, noch ein Glas, Herr Wirt! – Sind famose Dinger, diese Windmühlen, in denen einem früh die Morgensonne und nachmittags die Abendsonne in dasselbe Fenster scheint.«

»Du weißt den Henker davon,« fuhr Tobias mit einem tückischen Blick den alten Bauer an. »Wenn ich Schnaps brauche, werde ich ihn auch bekommen. Du Hungerleider gibst mir doch keinen.«

»Nein, Tobias, da hast du recht,« lachte der Alte gutmütig, »das wäre auch dreimal weggeworfenes Geld, und hättest du nicht so viel von dem bösen Stoff getrunken, sähe es jetzt auch besser mit dir aus.«

»Aber was ist denn vorgefallen?« rief Mühler erstaunt.

»Nichts, als was wir alle lange vorhergesehen haben,« sagte der Bauer. »Sein Geld, das ihm gehörte, hat der Tobias durchgebracht, und wenn der Müller drunten auch genötigt ist, ihn bis an seinen Tod zu füttern, so hat er sich doch geweigert, ihm von heute ab einen Pfennig weiter zu geben, sein liederliches Leben zu unterstützen.«

»Der Müller ist ein Lump!« fiel hier Tobias wütend ein, indem er die geballte Faust wieder aus der Tasche zog und damit auf den Tisch schlug, »ich habe mich für ihn aufgeopfert, und jetzt kommt er . . .«

»Der Müller ist ein Ehrenmann,« unterbrach ihn ruhig der Bauer, indem er von seiner Bank aufstand, sein Bier austrank und seinen Hut vom Nagel nahm, »er hat bis jetzt mehr für dich getan, wie einer von uns getan haben würde, und Not, Ärger und Schande außerdem dafür genug gehabt. Da er jetzt sieht, daß du kein anderer Mensch werden willst, so mag er dich wenigstens auch nicht länger in dem liederlichen Leben unterstützen, und da hat er, sollt' ich denken, recht. Daß du anders denkst, ist deine Sache – Gott befohlen!« Und seinen Hut aufstülpend, verließ der alte Mann das Zimmer.

Tobias schleuderte ihm mit einem boshaften Blick den bittersten Fluch nach, auf den er sich besinnen konnte; Mühler aber lachte und sagte: »Laß den Brummbär laufen, Kamerad; gut, daß er fort ist; der soll uns den schönen Tag noch lange nicht verderben. Da trink', das ist der Sorgenbrecher, besser als das verwünschte Vitriolöl, das sie hier für Schnaps verkaufen. Der hier brennt nicht und wärmt doch, und je mehr man davon trinkt, desto leichter wird's einem im Kopfe.«

Tobias schien noch immer keine rechte Lust zu haben, geselliger zu werden, wenn er auch das dargebotene Glas nicht verschmähte; mit jedem Glase aber taute er mehr auf, und während sich Mühler, in einer eigenen Art von rauher Herzlichkeit bemühte, den alten niedergebrochenen Säufer aufzurichten, fing ihm selber der Wein an zu schmecken.

»Hol' der Henker die Kosten!« lachte er, als er die dritte Flasche bestellte, »wo das herkommt, ist mehr, und so jung treffen wir doch nicht wieder zusammen.«

»Wo das herkommt, ist mehr?« sagte Tobias, aufmerksam werdend, »der da droben« – und er beutete mit dem Daumen nach der Richtung des Gutes hinüber – »ist wohl schmählich reich?«

»Puh, reich!« rief Mühler, das große Glas bis zum Rande füllend und auf einen Zug leerend, »was heißt reich? Was man hat, kann einem die nächste Stunde gestohlen werden oder sonst abhanden kommen, aber was man kann, Kamerad, darauf kommt's an, und das, was man kann, das macht den Mann.«

»Nun, Kamerad,« lachte Tobias, der bis jetzt noch viel nüchterner als Mühler war, trotzdem daß er schon ungezählte Gläser Branntwein vorher hinabgegossen, »bis jetzt hast du uns aber noch nicht gezeigt, was du kannst . . .«

»Vielleicht habe ich nicht gewollt,« schmunzelte Mühler.

»Und willst du jetzt?«

»Nein,« schüttelte Mühler mit dem Kopfe, indem er einen Blick nach der am Fenster spinnenden Wirtin hinüberwarf. Der Wirt war hinausgegangen, um nach seinen Getränken zu sehen, und weitere Gäste nicht im Zimmer – »andere brauchen auch nichts davon zu wissen.«

»Na, vor der darfst du dich nicht genieren,« meinte Tobias, »wenn du sonst ein Geheimnis daraus machst, denn die ist stocktaub. Aber weißt du – wenn's – was wäre, das man zum Leben und besonders zum Trinken gebrauchen könnte, verstehst du, da wär' mir's recht, wenn ich auch etwas davon erführe. Wer weiß, wie man's einmal gebrauchen kann.«

»Du?« lachte der Alte, dem der Gedanke ungemeinen Spaß machte, sich den »faulen Tobias« als »Künstler« vorzustellen, »hahahaha, das ist kostbar – du, mit den lahmen Knochen, du wärst ein Kapitalexemplar für irgendeine Gesellschaft!«

»Hoho!« rief Tobias, leicht gereizt, »ich weiß mich wohl in jeder Gesellschaft zu benehmen, und du hast noch gar keine Ursache gehabt, mir das unter die Nase zu reiben.«

»Puh, Tobi, schwatz' von nichts, wovon du nichts verstehst,« sagte Mühler, der keineswegs trunken, aber durch den Wein gesprächig geworben war. »Was ich unter Gesellschaft verstehe, ist etwas ganz anderes – nicht das, was du meinst, wo zehn oder zwanzig oder dreißig Personen zusammenkommen und sich um die Tische herumsetzen und ihr Bier trinken. Kannst du aber – Donnerwetter, die Flasche ist schon wieder leer – he, Wirtschaft! – kannst du auf dem Kopfe stehen?«

»Ich?« sagte Tobias, ihn mit einem entsetzlich verblüfften Gesicht anstarrend, »ich weiß nicht – ich habe es noch nicht versucht.«

»Ist auch gar nicht nötig, Kamerad, denn du kannst's doch nicht,« sagte Mühler, »und das ist noch das Leichteste dabei. – Hast du neulich gesehen, was für Kunststücke die drei Burschen machten, die hier Im Dorfe waren?«

»Von denen der eine die Leiter hinauflief, ohne daß sie jemand hielt?«

»Ganz recht, und das sind noch Spielereien, denn sie riskieren nichts dabei, als vielleicht einmal, wenn es mißglückt, auf den Hintern zu fallen.«

»Aber was hat das mit dir und – mit dem Baron da oben zu schaffen?« sagte Tobias, der aus den Worten seines Nachbars nicht recht klug wurde.

»Kannst du das Maul halten?« fragte Mühler leise.

»Das kann ich,« versicherte Tobias, wirklich froh, endlich einmal etwas zu finden, was er wirklich zu können glaubte.

»Gut,« sagte Mühler, »das ist manchmal schon viel wert – da kommt aber der Wirt wieder – der braucht nichts zu wissen.«

»Na, Herr Mühler,« sagte dieser, der mit einer frischen Flasche zum Tische trat, »sind ja heute recht fidel. Hab's mir gleich gedacht, daß Sie mehr wollten, und die alte Sorte mitgebracht. Nicht wahr, der schmeckt ?«

»Es geht – da nehmt die leeren Flaschen mit. Tobias hier ist heute etwas niedergeschlagen, und den müssen wir wieder fidel machen – trinkt Ihr ein Glas mit, Sternenwirt?«

»Gleich steh' ich zu Befehl, Herr Mühler – muß nur einmal hinunter in die Schmiede, dort etwas zu besorgen – ich bin bald wieder da. Sollten Sie in der Zeit etwas wollen, so steht es drüben in der Stube, und meine Alte da kann es Ihnen geben.«

»Der kann abkommen,« sagte brummend Tobias, als der Wirt das Zimmer verlassen hatte, »Lump nichtsnutziger. Wer Geld hat, dem macht er den Buckel krumm, und sowie er merkt, daß es dünn wird, kennt er einen nicht mehr und fängt an, schwer zu hören. Dir knöpfe ich die Ohren noch einmal auf, Halunke – aber – über was sollt' ichs Maul halten, Mühler? – Was kann der Baron und was kannst du?«

»Baron,« sagte Mühler, die Achsel zuckend und sich und Tobias aufs neue einschenkend, »der da drüben ist so wenig Baron wie du und ich.«

»Den Teufel auch!« murmelte Tobias leise und erstaunt vor sich hin.

»Das schadet auch nichts, Kamerad,« lachte der Alte in übermütiger Laune weiter, »bah, so viel für einen lumpigen Baron, wenn er nichts weiter kann, als Samstags dem Verwalter sein Geld auszahlen und für das übrige den lieben Gott sorgen läßt – unser Monsieur Bertrand kann mehr.«

»Mosje Bertrand?« fragte Tobias erstaunt.

»Sagte ich Bertrand?« fragte Mühler, dem das Wort nur so entfahren war.

»Ich dächte . . .«

»Na, bleibt sich gleich – den solltest du einmal auf drei Pferden zugleich reiten sehen.«

»Auf dreien, na, so lüg' du und der Teufel! wie will er denn auf dreien zugleich sitzen?«

»Sitzen? – er sitzt auch nicht, er steht, mit jedem Fuß auf einem und das dritte zwischen den Füßen, und vier dabei vorn im Zügel, daß die Haare sausen.«

»Aber das machen ja die Kunstreiter!« sagte Tobias, jetzt völlig verblüfft über alles, was er hörte.

»Tun sie auch, Kamerad,« lachte Mühler, »und seine Frau, meine Tochter, solltest du erst sehen – der Jubel von den Leuten, wenn die auf ihrem Schimmel geflogen kam und durch Reifen sprang und über Tücher wegsetzte und sich so und so drehte – und die Kleine – die Josefine, das ist ein wahrer Teufel von einem Kinde auf dem Sattel – sie könnte nicht leichter auf dem festen Boden tanzen.«

»Ja, zum Donnerwetter, Kamerad,« sagte Tobias, erstaunt Front gegen ihn machend, »der Baron da drüben ist doch nicht etwa . . .«

»Der beste Kunstreiter, der je ein Pferd dressiert hat,« ergänzte Mühler, »das muß man ihm lassen, wenn er auch noch ein schlechter Ökonom sein mag.«

»Und die ganze Familie – und du?«

»Lauter Kunstreiter,« lachte der Alte triumphierend, ohne sich jedoch selber als Bajazzo zu denunzieren. »Das ist ein lustiges Leben, Kamerad, und du solltest einmal dabei sein, wenn es so recht mitten im Glanz und Gang ist. Hier – der Teufel soll's holen, ein Hund hat's besser, als den ganzen Tag da drinnen hinter den steinernen Mauern zu sitzen und Maulaffen feilzuhalten, und ich hab' es auch satt bekommen und gehe meiner Wege.«

»Was?« rief Tobias, jetzt noch mehr erstaunt als vorher. »Du willst fort, Kamerad, willst mich hier allein lassen?« setzte er mit einer eigenen Art von Rührung hinzu.

»Kann's nicht ändern,« bestätigte Mühler, »das Leben hier führ' ein anderer – mein Junge ist schon voraus.«

»Und die da drüben auf dem Gute?«

»Mögen's halten, wie sie wollen,« sagte Mühler gleichgültig, »ich kann mir mein Brot verdienen ohne die da, und lustigeres Brot, wie sie mir bieten können. Wenn mit dir nur etwas anzufangen wäre, nähm' ich dich mit, Tobi, aber – es geht nicht, du bist zu steif in den Knochen – meine müssen freilich auch erst wieder gelenk werden, denn das lange Stillhocken ist ihnen schwerlich dienlich gewesen.«

Tobias antwortete ihm nicht, andere Gedanken gingen ihm im Kopf herum, und Mühler tat einen langen Zug aus seinem Glase. Dabei fiel aber sein Blick auf die Wanduhr, und sich aufraffend, sagte er: »Donnerwetter, es wird spät! ich muß fort.«

»Heute noch?«

»Gleich.«

»So warte wenigstens, bis der Wirt wiederkommt.«

»Wozu?« lachte Mühler, »die paar Flaschen kann er mir zum Andenken aufschreiben, bis ich zurückkehre. Wirte vergessen einen so leicht, wenn man ihnen nicht ein kleines Andenken da läßt.«

»Das geschieht dem Lump recht,« lachte Tobias, »sonst aber,« setzte er, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, hinzu, »hätt'st du mir es vielleicht da lassen können, und ich hätt's ihm gegeben, wenn er wiederkam.«

»Wolltest du wirklich?« fragte Mühler, und ein eigener, drolliger Zug zuckte ihm um die Mundwinkel. Wie sein Blick aber auf die Jammergestalt des vor ihm stehenden, zusammengebrochenen alten Säufers fiel, regte sich auch etwas wie Mitleiden in seinem Herzen. Leichtsinnige Menschen sind gewöhnlich gutmütig, und in einem eigenen Anfall von Großmut sagte er: »Na, meinetwegen, Tobias – ich will dir das Geld da lassen, gib es dem Wirt, wenn er kommt. Drei, vier Flaschen hatten wir ja wohl, die Flasche kostete 18 Schillinge, macht zusammen 1 Taler 24 Schillinge, da – da hast du's und – vergiß es nicht etwa . . .«

»I bewahre!« sagte Tobias, das Geld, ohne es zu überzählen, in die Westentasche schiebend, »und du kommst wirklich nicht wieder?«

»Wenigstens so bald nicht. Heut' abend denk' ich noch bis Kerkhofen zu marschieren.«

»Dann darfst du dich auch nicht länger aufhalten,« sagte Tobias, der seine eigenen Gründe hatte, den Kameraden unterwegs zu wünschen, ehe der Wirt wiederkam.

»Darf ich nicht?« lachte Mühler, »aber ich glaube, du hast recht; es wird spät. So behüt' dich Gott, Alter, und trink' mir nicht zu viel; es wär' schade, wenn wir dich verlieren sollten, denn eine solche natürlich rote Nase kommt nicht gleich wieder vor.«

»Ist mir auch sauer genug geworden,« meinte Tobias, »sie dahin zu bringen.«

»Kann ich mir denken – also nochmals adieu! komm, Hanswurst!« Und mit den Worten schüttelte er ihm die Hand, griff dann seinen Hut und sein Bündel auf und verließ, von seinem Spitz gefolgt, das Haus und das Dorf. Tobias begleitete ihn nicht. Es war noch ein Rest in der Flasche, den er erst vertilgen mußte, und dann gingen ihm auch eine Menge Dinge im Kopfe herum, die er vorher in aller Ruhe ordnen und sichten mußte; das Denken fing ihm doch an schwer zu werden. Wie er noch so da saß, kam der Wirt zurück.

»Nun,« sagte der, »wohin geht denn der Schwiegervater? Ich sah ihn von weitem, mit einem Bündel in der Hand, aus dem Dorfe marschieren – weißt du's, Tobias?«

»Was geht mich der Mühler an?« murrte dieser, »ich bin sein Aufpasser nicht.«

Der Wirt ging zu seiner Frau ans Fenster, faßte sie an der Schulter und schrie ihr ins Ohr: »Hat der Mühler bezahlt?«

Die Frau schüttelte mit dem Kopfe, und der Wirt warf einen Blick nach Tobias und der jetzt leeren Flasche hinüber. Der aber regte sich nicht oder tat, als ob er nicht ein Wort von dem Gesprochenen gehört. Was ging ihn Mühler an? – Endlich stand er auf, nahm seinen alten Filzhut und sagte: »Was bin ich schuldig?«

»Schuldig?« fragte der Wirt, »wenn du alles zahlen wolltest, was du hier schuldig bist, so hättest du eine lange Rechnung und ich einen guten Tag. Heute habe ich dir von vornherein gesagt, daß ich dir die paar Glas Schnaps schenke, damit hört's aber jetzt auf, und von nun an wird dir hier im Stern nicht eher wieder ein Glas Branntwein hingestellt, als bis du das Geld auf den Tisch legst.«

»Ich will von Euch nichts geschenkt,« grollte finster der Alte, »und brauche nichts – vier Glas Branntwein habe ich gehabt, etwa so viel wenigstens. Da sind Eure paar lumpigen Schillinge« – und damit warf er die Münze auf den Tisch.

»Haha, hast du doch noch etwas in einer Taschenecke aufgehoben?« lachte der Wirt, »na, mir kann's recht sein; bei dem aber, was ich gesagt habe, bei dem bleibt's.«

»Will schon wieder Geld kriegen,« lachte der Alte tückisch vor sich hin. »Ich weiß, was ich weiß, und der Baron muß zahlen.«

»Der wird dich vom Hofe jagen, wenn du da 'nauf betteln gehst.«

»Betteln? habe noch in meinem Leben nicht gebettelt und werd's auf meine alten Tage nicht anfangen. Was ich weiß, kauft er mir gern ab.«

»Was du weißt?« lachte der Wirt, »na, höre, Tobias, du machst deinem Schulmeister zu viel Komplimente. Ja, wenn der verantwortlich wäre für alles, was du nicht wüßtest!«

»Mein Schulmeister hat nichts damit zu tun,« murrte der alte Mann verdrießlich.

»Und wer sonst?«

»So fragt man die Narren aus,« erwiderte Tobias trocken, schlug sich seinen Hut noch einmal fest und verließ das Haus, die Straße nach dem Gute zu einschlagend.

 


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