Friedrich Gerstäcker
Der Kunstreiter
Friedrich Gerstäcker

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4.

Über den Landgrafenplatz wälzte sich eine jubelnde Volksmasse herüber, als Graf Geyerstein gerade das Haus verlassen wollte. Ein Kamel, mit einem Affen auf dem Rücken, wurde dort vorbeigeführt, und von allen Seiten strömte das Meßvolk hinzu, den seltenen Anblick zu genießen. Eine Equipage, die des Wegs kam, sah sich der Menschenmasse plötzlich gegenüber, und da der Kutscher vielleicht auch fürchten mochte, daß seine lebhaften Pferde vor dem Kamel sich scheuen könnten, so bog er rasch nach rechts in die, wenn auch schmale, doch kurze Rosenstraße ein, um dadurch dem lärmenden Volk aus dem Wege zu kommen.

Der Graf von Geyerstein hörte wohl das Rasseln der Räder, das jauchzende Toben der sich heranwälzenden Schar, aber er sah nicht, was um ihn vorging. Den Hut fest in die Augen gedrückt, die Blicke am Boden, schritt er aus dem Hause, und wollte eben links nach dem Platze zu einbiegen, als eine lachende Mädchenstimme seinen Namen rief. Fast unwillkürlich schaute er empor und sah sich der Equipage des Kriegsministers von Ralphen gegenüber, der, mit seiner Tochter Melanie im Fond, mit Rosalie und ihrer Gouvernante auf dem Rücksitz, von einem Besuch oder einer Spazierfahrt nach Hause zurückkehrte. Rosalie nickte ihm freundlich zu, und während ihn auch die Exzellenz grüßte, bemerkte er nicht, wie Melanie den erstaunten Blick auf ihm haften und dann nach dem Hause hinaufschweifen ließ. Da erkannte sie oben am Fenster die Gestalt Georginens, und als sie mit kalter Verbeugung seinen überraschten Gruß erwiderte, war der Wagen im nächsten Augenblick die Straße hinab verschwunden. Der Rittmeister aber, ohne ihnen auch nur nachzuschauen, fand sich gleich darauf in dem das Kamel umtobenden, lachenden, kreischenden Schwarme von Menschen, durch den hindrängend er seinen Weg heimwärts suchte.

Seinen Burschen Karl fand er dort übrigens schon in Verzweiflung seiner harrend, denn eine Ordonnanz hatte einen Befehl des Fürsten gebracht, der ihn eine Stunde vor Tafel ins Schloß berief, und bis er Toilette machen konnte, war die Zeit verstrichen. Karl schüttelte auch, während er seinem Herrn dabei half, sehr bedenklich mit dem Kopfe, denn der Rittmeister sprach, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, kein Wort. Nur als er fertig war, begehrte er einen Wagen und fuhr ins Schloß. Dienstsachen hielten ihn dort bis zur Stunde des Diners beschäftigt, und das Diner selber verlief dann, wie alle derartigen steifen Festtafeln gewöhnlich verlaufen.

Es waren ungefähr fünfzig Personen geladen worden, und die Säle schwärmten dazu im wahren Sinne des Wortes von geschäftigen und müßigen Lakaien in höchster Gala und in höchster Eile, die herüber und hinüber stürzten, das zu besorgen und auszuführen, wozu beim dritten Teil von ihnen die Hälfte überflüssig gewesen wäre. Der Haushofmeister prüfte noch mit scharfer Brille die Etiketten und Siegel der verschiedenen Flaschen, und befahl, welche Sorten in Eis zu bleiben hatten, welche nicht, und der an die Suppe stationierte Beamte warf schon verzweiflungsvolle Blicke nach den beiden an die Flügeltüren postierten Lakaien hinüber, denn seit einer vollen Viertelstunde war Seiner Königlichen Hoheit angezeigt, daß die Tafel serviert wäre, und trotzdem kamen die Herrschaften nicht. Noch einmal zu erinnern, ging auch nicht an – aber der Magen des gnädigsten Herrn half ihnen endlich aus der Not. Er gab das Zeichen, die Flügeltüren schossen auseinander, und der ganze Zug der Herrschaften und Gäste bewegte sich unter der geheimnisvollen Leitung des Hofmarschalls in den Saal. Im Nu war jedem hier sein Platz bezeichnet – nicht nach geselliger Wahl, sondern nach strengem Standesunterschied und Rang, und wie die Zähne eines trefflich ineinander greifenden Räderwerkes schoben sich jetzt die Teller, von weißen Handschuhen lautlos dirigiert, zwischen die Sitzenden. – Und Gänge und Weine wechselten wie das Gespräch, das jetzt lebendiger werdend, hin und wieder flog und dem nur einzelne, mit Liebe den Getränken zusprechende alte Herren hartnäckig wiederstanden.

Und wie süß die Damen lächelten, und wie rücksichtsvoll die Herren sprachen, und wie heimlich, aber deshalb nicht weniger gut gemeint, der Haushofmeister einem oder dem andern der unaufmerksam gewesenen Lakaien einen Knuff versetzte und ihn blitzschnell bald da- bald dorthinüber sandte!

Da klirrte ein Teller auf den getäfelten, spiegelglatten Boden nieder und zerbrach in tausend Scherben – der Haushofmeister wurde totenbleich. Der arme Sünder, der das Verbrechen verübt, stand wie vernichtet – aber keiner der Herrschaften oder Gäste wandte den Kopf. Nur ein paar nervenschwache Damen zuckten zusammen – sonst hatte niemand es gehört, und die übrigen Lakaien, hier und da einen lächelnden Blick miteinander wechselnd, flogen eifriger, geschäftiger umher als je.

Der Fürst legte endlich seine Serviette auf den Teller und richtete sich empor. Die Tafel war aufgehoben, und in den zunächstliegenden Gemächern wurde der Kaffee umhergereicht. Dort sammelten sich die Gäste in verschiedenen Gruppen, während Seine Königliche Hoheit von einer zur andern ging, ein paar freundliche Worte bald an den, bald an jenen richtend. Graf Geyerstein hatte sich indes umsonst bemüht, in die Nähe der ebenfalls anwesenden Komtesse Melanie zu gelangen. Zuerst war die Komtesse von der Fürstin selber in Anspruch genommen, und dann fand er sie zwischen zwei alte verwitterte Staatsdamen so hineingezwängt, daß ihr von keiner Seite beizukommen war. Auch schien sie das gar nicht zu wünschen, denn sie unterhielt sich auf das Lebhafteste mit den beiden von Bändern und Schmuck bedeckten Überresten eines vergangenen Jahrhunderts und hatte für weiter niemanden im Saale Augen.

An einem bei Fenster fand er endlich den Kabinettssekretär des Fürsten in lebhaftem Gespräch mit zwei jungen Damen wie ein paar anderen Herren, und der Name des Kunstreiters Bertrand fesselte hier zuerst seine Aufmerksamkeit. Er trat näher und traf die kleine Gruppe in lebendiger Debatte, weniger über die Leistungen des Mannes und seiner Gesellschaft – als seine Familienverhältnisse. In der Stadt hatte sich nämlich das Gerücht verbreitet, Madame Georgine stamme aus einer altadligen französischen Familie und sei von dem kühnen Reiter und Seiltänzer unter den abenteuerlichsten Verhältnissen aus einem Kloster entführt und zum Kunstritt erzogen worden. Über die Sache selber schien man auch vollständig einig, nur über den früheren Namen der Dame schwankten die Meinungen, und alles wandte sich in vollem Eifer gegen den jungen Grafen, als dieser das ganze Gerücht bezweifeln wollte. War er doch im Begriff, sich an der ganzen Gesellschaft zu versündigen, indem er ihr den pikantesten Stoff zur Konversation damit zu rauben gedachte. Wie die Debatte gerade am lebendigsten war, näherte sich der Fürst mit einem jungen Fremden, der sich seit einigen Tagen in *** aufhielt, der Gruppe, die sich augenblicklich gegen ihn öffnete.

»Ah, lieber Geyerstein,« wandte er sich zugleich gegen den Rittmeister, »was für einen Kampf führen Sie denn hier? Aber ich weiß nicht einmal, ob sich die Herren schon kennen? – Rittmeister Graf von Geyerstein – Graf Selikoff aus St. Petersburg. – Doch um was handelte hier Ihr Streit, wenn man fragen darf?«

Die beiden jungen Leute verbeugten sich gegeneinander, und Fräulein von Zahbern, die eine der Damen, antwortete: »Um kein Geheimnis. Königliche Hoheit, und doch auch wieder ein Geheimnis, nämlich um die Abstammung der Frau des Kunstreiters.«

»Ah, apropos, Lerchenstein, wie steht denn die Sache mit jenem Monsieur Bertrand?« wandte sich der Fürst an seinen Geheimsekretär. »Haben Sie mir nicht gestern morgen etwas darüber vorgelegt?«

»Allerdings, Königliche Hoheit. Es betraf die verweigerte Erlaubnis des Magistrats, daß der etwas tollkühne Mensch zwischen den beiden Türmen der Katharinenkirche ein Seil aufspanne, um darauf seine Künste zu zeigen.«

»Ganz recht. Jetzt erinnere ich mich. Ja, was soll man da tun? Der Magistrat wird wohl seine Gründe gehabt haben, es ihm zu verbieten, wenn ihm auch eigentlich kein Mensch verwehren kann, seinen Hals zu wagen. Meinen Sie nicht, Geyerstein?«

»Ich meine, Königliche Hoheit, daß es ein wohltätiges Verbot war. Es heißt an Gott gefrevelt, seine Glieder in solcher Weise der fast gewissen Gefahr preiszugeben.«

»Das nehmen Sie aber doch wohl zu ernst, lieber Geyerstein,« sagte der Fürst, »denn wenn Sie so weit gehen wollen, dürfte ich das Seiltanzen überhaupt nicht gestatten. Ich meinesteils täte das auch mit dem größten Vergnügen, aber wo die Grenze nachher ziehen zwischen gefährlichen und weniger gefährlichen Künsten?«

Der Rittmeister schwieg, denn er erinnerte sich, daß er fast dieselben Einwendungen, mit beinahe den nämlichen Worten, vor ganz kurzer Zeit der Komtesse Melanie gemacht. Fräulein von Zahbern aber rief: »Der Herr Rittmeister ist ein durchaus grausamer Mensch, er will uns jede Unterhaltung rauben.«

»Und würden Sie, mein gnädiges Fräulein, wirklich eine Unterhaltung darin finden,« entgegnete der Rittmeister, »einen Menschen zwischen zwei Türmen auf einem dünnen Seile spazieren gehen zu sehen? Würden Sie sich an einem Schauspiel ergötzen können, bei dem Sie jeden Augenblick fürchten müßten, daß es damit endete, Ihnen den zerschmetterten Leichnam vor die Füße zu senden?«

»Sie gebrauchen gräßliche Ausdrücke, Herr Graf,« rief das gnädige Fräulein, ihren Fächer in Schauder vor die Augen hebend, »aber Monsieur Bertrand fällt auch nicht herunter, er ist ja ein Seiltänzer.«

Graf Geyerstein zuckte die Achseln. Selikoff aber sagte: »Ich glaube, das gnädige Fräulein hat im Grunde recht. Der Broterwerb fast aller dieser sogenannten Meßkünstler ist lebensgefährlich, seien das nun Kunstreiter, Seiltänzer, Feueresser oder was immer, und wollte man die Leute aus übertriebener Humanität daran verhindern, sich möglicherweise den Hals zu brechen, so gäbe man sie sicher dem Verhungern preis oder zwänge sie wenigstes, ihr Brot, das sie nun einmal haben müssen, sich auf irgend eine andere ungesetzliche Art und Weise zu erwerben.«

»Das ist schön von Ihnen, Herr Graf,« rief das Fräulein von Zahbern, fröhlich in die Hände schlagend, »daß Sie uns das Wort reden, dem sehr gestrengen Herrn Rittmeister gegenüber.«

»Aber, mein gnädiges Fräulein . . .«

»Ich lasse gar keine Entschuldigung gelten,« rief die junge Dame, »denn Sie gerade sollten der letzte sein, der sich halsbrechenden Künsten widersetzt.«

»Und warum ich?«

»Weil Sie fortwährend die wildesten, unbändigsten Pferde ganz unnötigerweise selber reiten, und wenn Sie den Seiltanz verboten haben wollen, trage ich bei Seiner königlichen Hoheit wahrhaftig darauf an, daß er Ihnen auch verbietet, Ihr Leben so mutwillig dem Eigensinne des ersten, besten Pferdes preiszugeben.«

»Ich glaube selber, Sie sind da zu strenge, mein guter Geyerstein,« sagte jetzt auch der Fürst. »Es ist einmal Messe, und wenn ich dem Seiltänzer verbieten will, sein Seil so hoch zu spannen, wie es ihm beliebt, muß ich auch dem Menageriebesitzer – wie heißt er gleich? – untersagen, mit den Hyänen zu frühstücken und seinen Kopf in des Tigers Rachen zu stecken.«

»Also befehlen Königliche Hoheit?« fragte der Sekretär.

»Lassen Sie den Magistrat ersuchen, dem Manne kein Hindernis in den Weg zu legen,« sagte der Fürst.

»Zu Befehl, Königliche Hoheit.«

»Und – was ich noch gleich sagen wollte,« fuhr der Fürst fort, »wo steckt denn eigentlich unsere kleine Ralphen? Ich habe mich in der letzten Viertelstunde vergebens nach ihr umgesehen.«

»Dort drüben, mein gnädigster Herr,« erwiderte der Rittmeister, mit einer leichten Verbeugung nach der Richtung hinüberdeutend, in der er die junge Dame wußte. »Komtesse Melanie hat sich den beiden Staatsdamen angeschlossen.«

»Ah – danke – kommen Sie, Selikoff; ich sehe unsere schöne Komtesse schon; also auf Wiedersehen!« Und mit freundlichem Nicken verließ er die sich tief verbeugende Gruppe.

Natürlich hatte das Gespräch dadurch augenblicklich eine andere Wendung genommen. Der Kunstreiter, dessen Sache man überdies als erledigt betrachtete, war vergessen, und die Unterhaltung drehte sich ausschließlich um den jungen, fremden Grafen Selikoff, den einige mit einer geheimen politischen Mission am hiesigen Hofe betraut wissen wollten. Er sollte dabei steinreich und, einer der ersten russischen Familien angehörend, sogar der Liebling des Zaren sein; so wenigstens behauptete Fräulein von Zahbern, die einen wahren Schatz von Kenntnissen in dieser Angelegenheit entwickelte. Graf Geyerstein hatte sich indessen schon lange von der Gruppe zurückgezogen und verfolgte fast unwillkürlich mit den Blicken den jungen Russen, mit dem der Fürst gerade jetzt zur Komtesse von Ralphen trat. Ihm war es fast, als ob Melanies Auge über die Schulter des Fremden hin ihn gesucht habe – aber er hatte sich doch wohl geirrt, oder die neue Bekanntschaft nahm sie so in Anspruch, daß sie des alten Freundes nicht weiter gedachte. Wie süß und lieb sie den jungen Fremden anlächelte, und wie leichtherzig tändelnd das schöne Mädchen, als der Fürst sie sich selber überlassen hatte, mit ihm den Salon hinunterschritt!

»Cher comte! Sie schneiden ein ganz verzweifelt finsteres und festwidriges Gesicht,« lächelte in diesem Augenblick ein kleiner, schmächtiger, mit Goldstickereien und Orden fast bedeckter Herr, der, den dreieckigen Hut unter den Ellbogen gedrückt, seinen Arm vertraulich in den des Grafen schob.

Es war eine eigentümlich und, einmal gesehen, kaum wieder zu vergessende Persönlichkeit, dieser Herr von Zühbig, dessen Gesicht mit dem tief hinabgedrehten, schwarzen Schnurrbart, wie den hinaufgezogenen, etwas starken Augenbrauen den unverkennbaren Ausdruck trug, als ob er permanent über irgendeinen Gegenstand sein äußerstes, aber auch untertänigstes Bedenken ausdrücken wolle. Der Mann sprach auch eigentlich nie, er lispelte nur, und lispelte dabei so süß, so lieb, so herzlich, recht aus tiefster Seele, daß man ihm zuletzt den Schnurrbart gar nicht mehr glaubte.

»Habe ich wirklich so ein finsteres Gesicht gemacht, Herr Intendant?« fragte Geyerstein, sich zu ihm wendend.

»Entsetzlich,« rief der Höfliche, und die Augenbrauen berührten fast das wohlgelockte und geölte Haar.

»Dann denunzieren Sie diesen Verstoß gegen die Etikette um Gottes willen nicht dem Zeremonienmeister. Übrigens gebe ich Ihnen die Versicherung, daß es nur ganz in Gedanken geschehen sein kann, ohne den geringsten Grund, denn ich dachte wirklich eben nur an ganz gleichgültige, unbedeutende Sachen.«

»Apropos, Herr Graf, haben Sie die neue Robe unserer Allergnädigsten schon bewundert? Sie ist wirklich magnifique.«

»Ich muß Ihnen meine Unaufmerksamkeit gestehen; ich habe es in der Tat noch nicht getan.«

»Dann versäumen Sie keinen Augenblick länger, cher comte. Die Herrschaften werden sich überdies sehr bald wieder zurückziehen. Unser gnädigster Herr war so unendlich huldreich heute – Sie hatten vorher eine längere Audienz bei Seiner Königlichen Hoheit, nicht wahr? Wohl Dienstsachen?«

»Allerdings.«

»Königliche Hoheit haben nichts über die gestrige Vorstellung erwähnt?«

»Nicht, daß ich mich erinnere.«

»Herr Generalintendant,« flüsterte in diesem Augenblick ein Kammerherr an seiner Seite, »Seine Königliche Hoheit wünschen . . .

»Zu Befehl!« rief der Geschmeidige, indem er in dem Moment auch fast um wenigstens sechs Zoll kleiner wurde, und den Arm des Kammerherrn ergreifend, schritt er mit diesem, nach einem huldreichen, überglücklichen Lächeln gegen den Grafen, der Richtung zu, in der sich der Fürst befand, unterwegs indessen die ihm übersandten Befehle des Herrn entgegenzunehmen.

Noch stand der Rittmeister auf seiner Stelle, wo ihn von Zühbig verlassen hatte, als ein Herr, ein großer, stattlicher Mann mit militärischem Anstand, aber glatt rasiertem Gesicht, mehr jedoch noch durch seinen einfach schwarzen Frack, an dem nicht ein einziger Orden prangte, gegen die übrige gestickte, geschmückte und uniformierte Gesellschaft abstechend, zu ihm trat. Es war der amerikanische Gesandte, Oberst Pollard, erst seit kurzer Zeit in ***.

»Mein Herr Graf,« redete er den jungen Mann an, den er schon früher kennengelernt und liebgewonnen hatte, »ich muß Sie um eine Auskunft bitten.«

Der Graf verbeugte sich leicht.

»Wer war der Herr, der Sie eben verlassen hat?« fragte der Oberst. »Es soll ein französischer General bei Tafel gewesen sein. – War jener Herr vielleicht . . .?«

»Da tun Sie ihm unrecht,« lächelte der Rittmeister. »Herr von Zühbig ist der harmloseste und am wenigsten blutdürstige Mann seines Jahrhunderts, obgleich allwöchentlich zahlreiche Personen unter seiner Leitung teils erstochen werden, teils an gebrochenem Herzen sterben.«

»Sie sprechen in Rätseln.«

»Es ist der Generalintendant unseres Hoftheaters.«

»Und trägt einen wahren Panzer von Orden?« sagte der Amerikaner erstaunt.

»Mr. Pollard,« lachte der Graf, »Sie sind erst zu kurze Zeit in Deutschland, um sich hier an unsere Sitten und Gebräuche schon hinlänglich gewöhnt zu haben. Aber – erinnern Sie sich wohl, daß Sie mir neulich einmal von Ihren Indianern erzählten, die gewisse Kerbhölzer haben sollen, an denen sie ihre verschiedenen Zeitabschnitte sowohl, wie außergewöhnliche Begebenheiten ihres Lebens anzeichnen?«

»Allerdings.«

»Nun gut! – unsere Höflinge – das Wort jedoch in der freundlichsten Weise gebraucht – sind ebenso die Kerbhölzer der Fürsten, an denen sie dieselben für alle Geburtsanzeigen befreundeter Höfe, für Besuche auswärtiger Potentaten, überhaupt für festliche und außergewöhnliche Gelegenheiten – ein Zeichen machen. Für ein so zierliches Kerbholz gehört aber auch, wie Sie mir zugestehen werden, ein zierlicher Schmuck, und – voilà

Oberst Pollard lächelte still vor sich hin, als plötzlich eine allgemeine Bewegung in den Salons entstand. Die Herrschaften zogen sich zurück, und die Gruppen der Gäste neigten sich tief und ehrfurchtsvoll vor dem Herrscherpaar. Und jetzt auf einmal kam reges, natürliches Leben in die bis dahin noch so steife, förmliche Menschenmenge. Alles brach auf, und wie der Fürst mit der Fürstin den Saal verlassen hatte, zogen sich die Gäste ebenfalls den Türen zu. Der Amerikaner war von dem jungen Grafen durch einige dazwischentretende Herren vom Hofe getrennt worden, als sich Graf Geyerstein wieder angeredet sah.

Es war diesmal durch eine ihm eben nicht angenehme Persönlichkeit, mit der er bis jetzt auch noch keinen Verkehr gehalten hatte: ein noch sehr junger, ungemein geschniegelter, nach Parfüm duftender Herr, mit kleinem, stark gewichstem, pechschwarzem Schnurrbart, gebogener Nase und sehr lebendigen, rasch umherschweifenden schwarzen Augen, zwei große ausländische Ordenskreuze auf der Brust, mit einem Worte, der Sohn eines erst vor kurzer Zeit baronisierten, sehr reichen Bankiers, dessen Vater mit dem Hofe in fortwährender Verbindung stand.

»Herr Graf,« sagte der junge Mann, sich selbstgefällig dem Rittmeister vorstellend, »Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich mir die Freiheit nehme, mich selber bei Ihnen einzuführen. Ich bin Baron Hugo von Silberglanz und habe schon lange nach dem Vergnügen und der Ehre getrachtet, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen.«

»Herr Baron,« sagte der Graf, »es war mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben,« und sich leicht und kalthöflich vor ihm neigend, schritt er an ihm vorüber den Saal entlang.

Baron Hugo von Silberglanz blieb, etwas verdutzt über diesen Empfang, noch einige Sekunden an derselben Stelle stehen, als er den Blick des Staatsrats von Zädnitz mit innigem und boshaftem Vergnügen auf sich haften sah. Er fühlte, wie er rot wurde, und sich rasch und mit einem vollständig gleichgültigen Blick emporraffend, warf er den Kopf zurück und schritt einem der Seitengemächer zu. Graf Geyerstein indessen, der schon gar nicht mehr an den faden Menschen dachte, suchte noch der Komtesse Melanie zu nahen, denn bis jetzt war er nicht imstande gewesen, ein einziges Wort mit ihr zu wechseln – aber es gelang ihm nicht. Einmal glaubte er allerdings, daß ihr im Saale umherschweifendes Auge ihn wenigstens streife – doch konnte sie ihn nicht gesehen haben, denn schon im nächsten Moment wandte sie sich wieder ihrem jetzigen Begleiter, dem jungen Grafen Selikoff zu, an dessen linker Seite Fräulein von Zahbern dahinschritt und sehr angelegentlich auf ihn einsprach.

»Sehen Sie nur, wie sich die Zahbern an den Selikoff drückt, und wie bezaubernd sie zu ihm hinüberlächelt,« flüsterte nicht weit von ihm der Kabinettssekretär einem neben ihm gehenden Kammerherrn des Fürsten zu.

»Das hilft ihr doch nichts,« erwiderte dieser, »er scheint nur Auge und Ohr für die kleine Ralphen zu haben.«

»Die arme Zahbern,« lächelte der Sekretär, »und sie gibt sich so viel Mühe!«

»Und hat schon so viel bittere Erfahrungen gemacht!« sagte der Kammerherr.

Die beiden Herren schlenderten langsam der Tür zu, ließen sich draußen von den Lakaien ihre Paletots überhängen und stiegen die Treppe hinunter, um ihren Wagen dort zu erwarten. Auch Graf Geyerstein folgte ihnen und sah eben noch, wie der junge Russe mit dem Kriegsminister von Ralphen und Melanie in deren Equipage stieg und in die Stadt hineinfuhr.

»Aber, Herr Graf, Sie antworten mir ja gar nicht,« sagte in diesem Augenblick eine vorwurfsvolle Stimme an seiner Seite, und Fräulein von Zahbern schaute mit einem freundlich verweisenden Blick zu ihm auf.

»Mein gnädiges Fräulein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung – das Rasseln der Wagen – Sie befehlen?«

»Gar nichts, lieber Graf; Ich meinte nur, daß der junge Graf Selikoff ein höchst liebenswürdiger Mensch ist – er war so artig; die alte Exzellenz weiß auch wohl, was sie tut.«

»Wer? – Herr von Ralphen?«

Fräulein von Zahbern nickte.

»Der junge Graf ist steinreich, ein Wort, das man ganz vorzüglich von den Russen gebrauchen kann, denn sie wühlen in Diamanten, und bei Ralphens sollen die Vermögensverhältnisse – Sie wissen, man munkelt da verschiedenes.«

»In Kaffeegesellschaften?«

»Nur nicht boshaft, wenn ich bitten darf!«

»Aber, mein gnädiges Fräulein . . .«

»Ich weiß schon, was Sie sagen wollten – auf uns arme Frauen wird von diesen sogenannten Herren der Schöpfung am liebsten gleich alles gewälzt. Das habe ich übrigens aus ganz sicherer Quelle und nicht aus einer Kaffeegesellschaft.«

»Daß die sogenannten Herren der Schöpfung . . .?«

»Da nicht sehen wollen, wo sie selber blind sind,« sagte die junge Dame mit sehr scharfer Betonung des Selber.

»Und sind sie da nicht vollkommen entschuldigt?« lächelte der Graf.

»Der Kriegsminister wird alles daran wenden, um den Russen hier zu fesseln,« fuhr die junge Dame fort.

»Glauben Sie?«

»Was die Augen sehen, glaubt das Herz.«

»Und wenn wir den Satz umdrehen?«

»Sie sind unausstehlich heute, Graf!« rief die Dame, »für meine freundliche Warnung hätte ich andern Dank verdient.«

»Für Ihre Warnung, mein gnädiges Fräulein?« sagte Graf Geyerstein erstaunt.

»Tun Sie nur nicht so unschuldig,« rief die junge Dame, »und trauen Sie der Residenz nicht zu, daß sie blind ist, wenn Sie blind sein wollen. Sie kennen doch die Fabel vom Strauß?«

»Mit dem Kieselsteine-Verschlucken?«

Fräulein von Zahbern wollte etwas darauf erwidern, aber sie biß sich auf die Lippen. »Wem nicht zu raten ist, lieber Graf,« sagte sie endlich, indem sie sich gegen ihn verneigte, »dem ist auch nicht zu helfen – ich sehe, da ist mein Wagen – au revoir!«

»Mein gnädiges Fräulein . . .«

»Apropos – werden Sie heut' abend den Zirkus besuchen?«

»Es ist Meßsonntag.«

»Leider Gottes, und ich ginge so gern! Madame Bertrand soll eine reizende Frau sein. Graf, Graf, nehmen Sie sich in acht!«

Fräulein von Zahbern drohte ihm dabei, als er ihr gerade den Arm bot, um sie in den Wagen zu heben, lächelnd mit dem Finger.

»Wieder eine Warnung, mein gnädiges Fräulein?« fragte der Rittmeister.

»Ich will weiter nichts gesagt haben,« erwiderte die Dame, und die weitere Unterhaltung wurde durch das Anziehen der Pferde abgebrochen.

Der Rittmeister schritt langsam seiner eigenen Wohnung zu.

 


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