Friedrich Gerstäcker
Der Flatbootmann
Friedrich Gerstäcker

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»Da kommen sie schon«, flüsterte der Aufseher da plötzlich, den Arm des neben ihm stehenden Fremden ergreifend.

»Wer?« rief dieser, erschreckt emporfahrend.

»Wer? Nun, ein halbes Dutzend bärenmäßig großer Alligatoren«, lachte der Aufseher. »Sehen Sie nicht die dunklen Flecke, die wie Stücke schwarzgebrannten Holzes auf dem Wasser schwimmen? Das sind sie.«

»Ach ja – wahrhaftig«, sagte der Fremde, rasch gesammelt und die Büchse schußfertig aufnehmend, »und tüchtige Kerle dazu.«

»Schießen Sie – da vorn ist schon einer auf kaum zehn Schritte.«

»Halt, noch nicht. Wir wollen erst warten, bis er sich ein wenig dreht; die Kugel könnte sonst abprallen.

»Jetzt – jetzt ist die Zeit.«

Die Büchse hob sich, und wie der scharfe Strahl dem Rohr entzischte, zeigte der Alligator auch schon den aufgedrehten weißen Bauch. Der Aufseher stand indessen mit der gehobenen Harpune wurffertig am äußersten Rand des Damms, und wie der lange Bursche mit dem Schwanz im Todeskampf das Wasser peitschend näher zum Land kam, warf er ihm das mit Widerhaken versehene Eisen kräftig in den Wanst. Gleich darauf hatte er auch, von seinem Begleiter dabei unterstützt, die wütend um sich schlagende Bestie herangezogen, und der Fremde trennte ihr hier mit seinem breiten, schweren Messer den Kopf vom Rumpf.

Die übrigen waren indessen, durch den Schuß erschreckt, ein Stück zurückgeschwommen. Sobald aber der Negerbursche sein Locken wieder begann und der Fremde seine Büchse kaum geladen hatte, kehrten sie auch wieder um und kamen gierig näher.

Als sich auch der zweite nach dem Schuß überschlug, rief der Aufseher erstaunt aus:

»Sie schießen wie der helle Teufel, und ich glaube treffen auch, wohin Sie sehen. Wäre mir nicht lieb, wenn Sie einmal auf mich zielen sollten.«

»Würde auch wohl schwerlich vorkommen«, lachte der Fremde, »auf einen Alligator schießt sich's überhaupt besser wie auf einen Menschen.«

»Haben Sie's schon einmal versucht?«

»Wüßte nicht wo«, sagte der Fremde. »Im Krieg bin ich noch nicht gewesen, und bei uns im Norden gibt es keine Menschenjagden.«

»Sie leben im Norden?« rief der Aufseher rasch und erstaunt. Der elegante, leichte Sommeranzug des Fremden wie der Panamahut, hatten ihn glauben machen, daß er es mit irgendeinem Pflanzer zu tun hätte und war vielleicht auch Ursache seiner außerordentlichen Gefälligkeit gewesen. Als er hörte, daß der Fremde aber im Norden daheim sei, fiel ihm auf einmal ein, wie es nötig wäre, daß er nach seinen Leuten sähe. Er versprach übrigens, augenblicklich einen der darin geschickten jungen Burschen herüberzuschicken, die Alligatoren abzustreifen – das konnte er keinem Weißen überlassen – wie zugleich das Fett für sich herauszunehmen.

»Wenn Sie jetzt langsam dem Haus zugehen«, sagte er dabei, »denk ich, daß Sie den Herrn wohl munter treffen. Da, Ned, nimm die Harpune und geh nach Hause. Auf Wiedersehen«, nickte er noch grüßend dem Fremden zu, und in den Sattel springend, trabte er rasch zu seinen im Feld arbeitenden Negern zurück.

Der Fremde blieb noch lange auf der Stelle, und unter der kleinen Gruppe von Bäumen hingeworfen, überschaute er sinnend und ganz in seine Gedanken versunken den Platz. Aber die Gedanken konnten keine trüben sein, denn oft lächelte er still und leise vor sich hin, und als die Sonne endlich tiefer und tiefer sank und ihn zum Aufbruch mahnte, schritt er mit fröhlichen, leichten Schritten den schmalen Weg entlang, der Pflanzung wieder zu.

Ohne sich weiter bei einem der Neger zu erkundigen, klopfte er auch bald darauf an dem Hauptgebäude an und fragte, als ihm ein junges Mulattenmädchen die Tür öffnete, nach Master Beauchamps.

»Massa ist oben«, sagte das Mädchen, »will's ihm gleich sagen, daß ihn Gentleman zu sprechen wünscht.«

»Gut, Kind«, nickte ihr der Fremde zu, »sag ihm nur, ich hätte eine Geschäftssache mit ihm abzumachen und würde seine Zeit keine Viertelstunde in Anspruch nehmen.«

Das Mädchen sprang die Treppe hinauf, und der junge Mann lehnte indessen seine Büchse in die Ecke und schritt langsam in dem mit Blumen fast gefüllten Vorsaal auf und ab. Lange brauchte er hier aber nicht zu warten, denn kaum fünf Minuten später kam das Mädchen zurück und bat ihn, ihr zu folgen. Massa sei munter und habe ihr aufgetragen, ihn hinaufzuführen.

Jack folgte ihr die breite, gebohnerte Treppe hinauf durch ein paar luftige Zimmer in das freundliche kleine Gemach, in dem die noch hin und her schwingende Hängematte verriet, daß der Herr der Wohnung sie erst vor wenigen Minuten verlassen. Mr. Beauchamps lag jetzt in einem der bequemen chinesischen Rohrstühle lang und behaglich ausgestreckt und erhob sich bei dem eintretenden Besuch nur weit genug aus seiner Stellung, dem Gast einen ähnlichen Sitz sich gegenüber anzuweisen.

»Bitte, Sir, dort stehen Zigarren«, war sein erstes Wort, »bedienen Sie sich selbst – Sie haben das Feuer dicht daneben.«

Jack grüßte ihn, nahm eine Regalia aus der offenen Kiste, entzündete sie und ließ sich dann ohne weiteres in dem ihm durch die Handbewegung angebotenen Sitz nieder.

»Sie wünschten mich zu sprechen?«

»Ja, mein Herr.«

»Mit wem habe ich das Vergnügen?«

»Henry Dodge, aus dem Staat Kentucky«, sagte der junge Mann ohne Zögern.

»Und mit was kann ich Ihnen dienen?«

»Ich komme nur im Auftrag eines Freundes«, sagte der Fremde, »der da hörte, daß ich nach dem Süden ging. Sie erlauben, daß ich ohne weiteres zur Sache komme?«

»Ich bitte darum«, erwiderte der Pflanzer, durch die Frage etwas erstaunt.

»Desto besser; das wird das Ganze außerordentlich erleichtern. Nicht wahr, Sie hatten früher eine Sklavin namens Sally, die Ihnen, glaub ich, davongelaufen ist, oder gestohlen wurde – ich weiß es nicht ganz genau.«

»Allerdings«, rief der Pflanzer, sich überrascht und erwartungsvoll in seinem Stuhl emporrichtend. »Wissen Sie etwas von ihr?«

»Allerdings«, sagte der Fremde ruhig, »ich bin ihretwegen hier gelandet.«

»Und Sie haben sie in Kentucky erwischt?« rief der Pflanzer rasch und freudig aus, indem er die Lehnen seines Stuhls fester packte.

»Leider nicht«, erwiderte, ohne eine Miene zu verziehen und mit Achselzucken der Fremde. »Sie lebt in Kanada.«

»Teufel!« rief der Pflanzer, mit dem Fuß aufstampfend. »Ist es nicht eine Schmach und Schande für uns, daß wir Kanada den Briten noch an unserer Grenze lassen? Daß wir dulden, wie sie, unseren Gesetzen zum Trotz, den flüchtigen Sklaven schützen und uns gewissermaßen in die Zähne lachen? Aber das muß anders werden – Kanada muß unser sein, und wenn wir nur wollten, was könnten denn die Engländer machen?«

»Es ist allerdings fatal«, sagte der Fremde, »aber für den Augenblick läßt sich doch nichts dagegen tun. Wir in Kentucky sind dabei noch viel schlimmer dran als Sie hier unten. Was war das Mädchen etwa wert?«

»Sie wäre mir nicht unter achthundert Dollar feil gewesen«, sagte Mr. Beauchamps finster, »und ich bin fest überzeugt, ich hätte auf dem New-Orleans-Markt tausend für sie bekommen.«

»Hm, dafür kauft man bei uns zwei solche Mädchen«, meinte der Fremde, »ihre Preise müssen hier enorm hinaufgetrieben sein.«

»Gar nicht«, rief der Pflanzer, »das Mädchen war fast weiß, was ihr auch jedenfalls die Flucht erleichtert hat, und New Orleans ist dafür ein vortrefflicher Markt. Sie wissen, es ist das eigentlich mehr Liebhaberei, gehört aber in manchen Gegenden mit zum guten Ton, Quadroon-Mädchen zur Aufwartung zu haben.«

»Und würden Sie jetzt noch das Mädchen verkaufen wollen?« sagte der Fremde, indem er sein rechtes Bein über das linke schlug und die Zigarrenasche der Tür zu schnellte.

»Verkaufen?« fragte der Pflanzer erstaunt. »Wer soll mir eine weggelaufene Sklavin abkaufen?«

»In den meisten Fällen allerdings ein schlechtes Geschäft«, lachte der Fremde, »und doch bin ich mit dem Auftrag hier, Ihnen ein Gebot darauf zu machen.«

»Sie haben sie in Kentucky eingefangen und wollen jetzt einen billigen Kauf machen?« sagte der Pflanzer rasch und mißtrauisch.

»Lieber Herr«, erwiderte kaltblütig der Fremde, »wenn das der Fall wäre und ich wollte Sie gewissermaßen um einen Teil des Wertes betrügen, so können Sie sich wohl etwa denken, daß ich mir auch den anderen sichern würde. Ich brauchte das Mädchen dann nur einfach nach Tennessee, Carolina oder Alabama zu schicken und könnte sie dort zu vollem Wert verkaufen. Nein, sie ist wirklich in Sicherheit und brauchte sich verwünscht wenig mehr um Kaufbriefe zu kümmern, wenn ihr Mann nicht vernünftigerweise Gewissensbisse spürte.

»Ihr Mann? Ist sie verheiratet?«

»Allerdings, und noch dazu mit einem wohlhabenden weißen Farmer. Diesen lernte ich zufällig auf einer kürzlich beendeten Reise durch Kanada kennen, wo er kaum erfuhr, daß ich in einem Sklavenstaat wohne, als er mich in dieser Sache um meine Meinung fragte. Er behauptete, sich nicht wohlzufühlen, solange er nicht des Mädchens Kaufbrief erlangt habe, und da ich ihm darin natürlich nur beipflichtete und er hörte, daß ich in Kürze eine Reise nach New Orleans mache, bewog ich ihn, mir das Geschäft zu überlassen und seine Frau für ihn zu kaufen.«

»Und wieviel hat er Ihnen aufgetragen, dafür zu zahlen?«

»Ei, nun, ich taxierte sie flüchtig«, sagte der Fremde, »und hielt sie, nach unseren Preisen, etwa sechshundert Dollar wert – die Liebhaberei dabei noch eingerechnet. Ich selber würde höchstens fünf für ein so schwaches Ding zahlen. Wären Sie gesonnen, das dafür zu nehmen?«

»In welcher Gegend von Kanada lebt sie?«

»In Quebec – wenigstens in der Nähe von Quebec – nein, es ist nichts bei der Sache zu tun, sie wiederzubekommen«, sagte lächelnd der Fremde, den Grund der Frage vermutend, »und meiner Meinung nach machen Sie, unter den bestehenden Verhältnissen, immer noch ein brillantes Geschäft.«

Der Pflanzer war aufgestanden und ging mit auf den Rücken gelegten Händen und raschen Schritten im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor dem Fremden stehen und sagte, ihn scharf ansehend:

»Wissen Sie, Mr...«

»...Dodge«, ergänzte Jack vollkommen ruhig, wieder die Asche abwerfend.

»Mr. Dodge – wissen Sie, daß mir die Sache ganz bedenklich vorkommt?«

»Das ist dasselbe mit mir gewesen«, lachte der Fremde, »und wenn ich auch gerade nichts gesagt habe, hab ich mir doch gedacht, daß jener Farmer einfach verrückt sein müsse, das Geld von Kanada aus noch zu zahlen.«

»Und wenn ich Ihnen den Kaufbrief nun nicht ausstellen will?«

»Nicht ausstellen?« sagte Jack. »Das ist allerdings Ihre Sache. Wenn Sie jemanden wissen, der Ihnen mehr für das Mädchen oder die jetzige Frau gibt, tun Sie allerdings recht.«

Der Pflanzer biß sich auf die Lippen und schwieg – endlich fragte er:

»Haben Sie das Geld bei sich?«

»Ich bin beauftragt«, lautete die Antwort, »Ihnen sechshundert Dollar für den Kaufbrief zu zahlen, mit einer Provision von hundert Dollar für meine Mühe und für Zeitverlust, die ich bei Einsendung des Kaufbriefs von dem Farmer selbst bekomme.«

»Und wie heißt jener – Farmer?«

»Ich habe mein Ehrenwort geben müssen, seinen Namen nicht zu nennen. – Sie mögen denselben im Kaufkontrakt offenlassen. Nach allem, was ich davon gehört, ist der Mann wohl ein wenig bei der Sache kompromittiert...«

»Mein Aufseher wurde dabei erschossen«, sagte der Pflanzer.

»Sie meinen, daß vielleicht der Täter...?« erwiderte Jack. »Hm, das wäre am Ende nicht unmöglich, aber ich muß Sie bitten, sich rasch zu entschließen. Ich erwarte das nächste stromabgehende Dampfboot und habe schon den ganzen Nachmittag versäumt, um Sie nicht in Ihrer Siesta zu stören.«

»Der Kaufbrief muß aber vom Richter unterzeichnet werden.«

»Natürlich – wohnt er weit von hier?«

»Allerdings nicht – auf der nächsten Plantage.«

»Sehr schön, dann können Sie die Sache rasch in Ordnung bringen. Wenn ich nicht irre, kommt Ihr Aufseher da eben zum Haus geritten – ah, und dort ist auch der Bursche, der meine Alligatorhaut trägt. Ich bin so frei gewesen, Ihnen einige Burschen totzuschießen.«


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