Friedrich Gerstäcker
Der Flatbootmann
Friedrich Gerstäcker

 << zurück weiter >> 

6. Die Verfolger

Indessen hatte das fremde Boot draußen einen weiten Bogen um das Flatboot beschrieben und augenscheinlich den Strom nach irgend etwas abgesucht. Jetzt kehrte es zurück und hielt gerade auf sie zu. Deutlich konnten sie schon von Bord aus die im Mondlicht blitzenden Ruder, wenn sie aus dem Wasser gehoben wurden, erkennen, und bald war das kleine schlanke Fahrzeug ihnen so nahe, daß sie imstande waren, die darin Sitzenden zu zählen. Es waren vier Mann an den Rudern und einer am Steuer; die ersteren jedenfalls Neger, der Steuernde dagegen ein Weißer.

»Hallo, das Boot!« rief da eine rauhe Stimme das Flatboot an.

»Hallo, das Boot!« wiederholte fast mechanisch der alte Poleridge, der neben Bill am Steuerruder stand.

»Habt Ihr ein Kanu gesehen, das an Euch oben an jener Landspitze vorbeigerudert ist?« wurde wieder gefragt.

»Die Stimme kommt mir bekannt vor«, brummte der Alte leise vor sich hin und rief dann laut: »Was für ein Kanu?«

»Was für ein Kanu?« wiederholte ärgerlich der im Boot. »Nun, zum Teufel denn, ein Kanu mit einem einzelnen Mädchen drin!«

»Hm, so! Nein«, sagte der Alte ruhig.

»Nein? – Ihr müßt es gesehen haben«, rief aber die Stimme wieder. »Es kann in höchstens zwanzig Schritt an Euch vorbeigefahren sein.«

»Möglich«, erwiderte ruhig der Alte, »wir haben aber mehr zu tun, als auf das zu achten, was im Strom herumschwimmt.«

»Ich will verdammt sein«, brummte da Bill, »wenn das nicht der einäugige Halunke von der Plantage da oben ist, der seinen Niggern heut abend noch eine kleine Extrabewegung verschafft.«

»Jawohl ist er's, der – Lump«, nickte der Alte verdrießlich vor sich hin, »kommt mir aber gerade recht. Erst verdirbt er uns den Handel an Land, und dann will er auch hier noch auf dem Wasser das große Wort führen! Was der aber nur mit dem weißen Mädchen zu schaffen haben kann?«

Das Boot war indessen ganz nahe, und zwar zum Hinterteil des nur mit der Strömung niedertreibenden Flatboots gekommen, um mit den an Bord Stehenden bequemer reden zu können.

»Mr. Poleridge«, sagte da der Weiße, der am Steuer saß, »ich habe etwas mit Ihnen zu sprechen – werfen Sie uns einmal ein Tau herunter, daß ich an Bord kommen kann. -

»Tut mir leid«, sagte der Händler aber ruhig, »ich bin heut abend nicht mehr zu Hause. Wenn Sie was von mir wollen, seien Sie so gut und kommen Sie am Tag wieder.«

»Unsinn«, rief der andere ärgerlich. »Sie sind in der Zeit zwanzig Meilen den Strom hinab.«

»Mit Gottes Hilfe, ja«, erwiderte der Händler, »aber bei Nacht und Nebel läßt man nicht gern fremde Menschen an Bord.«

»Aber ich bin kein Fremder«, rief der Mann wieder, »mein Name ist Hoof – ich bin der Aufseher der Plantage, an der Sie bis heut abend gelegen haben.«

»So?« sagte der Yankee trocken. »Wäre mir dann sehr angenehm, Ihnen noch adieu sagen zu können, denn heut abend hatt ich das wirklich schmählich vergessen.«

Der Aufseher biß die Zähne zusammen; seine Leute hatten die Ruder eingenommen und trieben dicht hinter dem Boot langsam mit ihm stromab.

»Mr. Poleridge«, sagte der Aufseher da mit ernster Stimme, »ich fürchte, Sie spielen ein gefährliches Spiel. Sie haben eine entsprungene Sklavin an Bord und wollen sie verheimlichen. Wissen Sie, daß nach unseren Gesetzen Zuchthausstrafe darauf steht?«

»Entsprungene Sklavin?« wiederholte der Händler, doch etwas verdutzt. »Unsinn, Mann – fahrt nach Hause und legt Euch zu Bett und kommt mir hier nicht mit Euren Flausen. ich habe niemanden an Bord und steh Euch keine Rede mehr.«

»Das wollen wir sehen«, rief da der Aufseher, bei dem der Zorn die Oberhand gewann. »Sie müssen mich an Bord lassen, um mich selber zu überzeugen. Sie dürfen mir das nicht verweigern!«

»Darf ich nicht? Oh!« lachte der Yankee. »Da könnte jeder angefahren kommen und in finsterer Nacht an Bord wollen, nach entlaufenen Niggern zu sehen. So sicher ist der Mississippi nicht, um das zu riskieren, und von müssen ist nun hier gar keine Rede.«

Der Aufseher schwieg; plötzlich aber rief er seinen Leuten zu, die Ruder wieder aufzugreifen. Mit ein paar Ruderschlägen war das Boot an der Seite des Flatboots, und der Aufseher erhob sich, den Rand desselben zu erfassen.

»Tom – reich mir einmal meine Büchse herauf!« rief da der alte Mann mit donnernder Stimme über Deck. »Und der erste, der seinen Kopf bei mir, gegen meinen Befehl, an Bord zeigt, kann sich auch darauf verlassen, daß ich ihm das Mondlicht hindurchscheinen lasse. Wetter noch einmal, ich will doch sehen, wer Herr auf der alten ›Susy‹ ist, Ihr oder ich!«

In wenigen Augenblicken kam einer der Leute mit der Büchse angesprungen, und Mr. Hoof wagte nicht dem Verbot zu trotzen, der alte Mann hätte auch seine Drohung erfüllt und kein Gerichtshof der ganzen Welt ihn deshalb schuldig befunden. Mit einem gotteslästerlichen Fluch stieß der Aufseher sein eigenes Boot wieder ab, und die Leute setzten ihre Ruder ein. Das des einen Negers traf aber dabei auf das versenkte Kanu, und im Augenblick wurde die Aufmerksamkeit des Negertreibers dorthin gelenkt.

»Beim Teufel, sie ist an Bord!« schrie er, laut aufjubelnd. Jetzt wollen wir sehen, ob Ihr ein Recht habt, mit Euren nordischen Abolitionistenbooten hier an den Plantagen zu landen und Neger zu stehlen. Weigert Ihr Euch noch, die Sklavin herauszugeben?«

»Neger stehlen, du faulmäuliger Halunke!« rief aber jetzt der alte Yankee, dem es schon in den Fingern zuckte. »Nun mach aber, daß du fortkommst, soviel rate ich dir, oder ich selber tue etwas, das mich am Ende später gereuen könnte.« Der alte Mann hob drohend die Büchse, und der Aufseher, feige überhaupt, wo er irgend Widerstand fand und nicht die Mehrzahl auf seiner Seite hatte, warf den Bug des Boots herum. Die Ruder fielen wieder ein, und das kleine Fahrzeug lag bald außer Schußweite von dem Deck des Flatboots oder der Arche, wie solche Kästen ebenfalls nicht selten genannt werden. Dem Alten ging aber das Wort ›Sklavin‹ im Kopf herum. War es nur eine List des Aufsehers, einen Vorwand zu haben, um an Bord zu kommen und dieses nach der flüchtigen Weißen zu durchstöbern, oder – es gab allerdings Sklaven, die fast so weiß waren und oft weißer als ihre Herren und doch Niggerblut in den Adern hatten. Der Zweifel wurde ihm unbehaglich, und er mußte ihm rasch ein Ende machen.

»Bill«, sagte er, sich zudem Steuernden wendend, »hab mir ein Auge auf das Boot, und wenn sie wieder herankommen, ruf mich! An Bord darf mir der Halunke bei Nacht und Nebel auf keinen Fall, und wenn ich zehn Nigger hier hätte, die seinem Sklavenzüchter gehören. Wenn er was von uns will, soll er morgen kommen, oder – an uns schreiben.« Und mit diesen Worten verließ er, seine Büchse mit hinunternehmend, das Deck.

»Hallo, Jack! »sagte er übrigens erstaunt, als er in seine Kajüte trat und dort den jungen Bootsmann neben der Fremden stehen sah, deren Hand er gefaßt hielt. »Weißt du, was der Lump, der Mr. Hoof, der draußen in seinem Boot bei uns war, gesagt hat?«

»Die Wahrheit, Mann«, flüsterte da die Frau.

»Alle Wetter!« rief der Yankee erschrocken, und das Mädchen barg schaudernd ihr Antlitz in den Händen. Jack hatte aber vorgearbeitet und, auf die Gutmütigkeit der alten Dame bauend, diese wenigstens für sich gewonnen. Was kümmerten ihn die Gesetze der Sklavenhalter – hier vor sich hatte er ein armes mißhandeltes Geschöpf, ein Opfer von den Tausenden, die jährlich unter der Peitsche ihrer Henker verbluten; ihrem Schutz hatte sich die Unglückliche anvertraut, und er selber war fest entschlossen, sein Leben für sie einzusetzen. Viel kaltblütiger nahm aber der Yankee die Sache, der zu oft schon hier in Louisiana und überhaupt in den Sklavenstaaten gewesen war, um nicht ganz genau die Gefahr zu kennen, der er sich ausgesetzt, und keineswegs daran dachte, sein Eigentum und seine eigene Freiheit zu wagen, um einer entlaufenen Sklavin zu ihrer Flucht behilflich zu sein. Ruhig legte er deshalb die lange Büchse wieder auf ihren Platz, warf einen langen forschenden Blick auf das in sich zusammengebrochene Mädchen und sagte, indem er sich wieder abwandte, um die Kajüte zu verlassen:

»Ja, dann brauche ich freilich die Büchse nicht mehr das hätte ich früher wissen sollen.«

»Was willst du tun, Mann?« rief die alte Frau, die rasch seinen Arm ergriff.

»Was ich tun will?« wiederholte der Yankee, sie erstaunt ansehend. »Nun, das Boot wieder herbeirufen und sie ihren Leuten übergeben. Glaubst du, daß ich Lust habe, meine Ladung in der nächsten Stadt vom Sheriff verauktionieren zu sehen und selber mit den Louisiana-Zuchthäusern Bekanntschaft zu machen? – Ich müßte geradezu wahnsinnig sein.«

»Aber sieh dir das Mädchen nur erst an, Mann«, bat die Frau, der das Herz bei dem Gedanken weh tat, die Unglückliche ihren Peinigern wieder überliefert zu sehen. »Sieh«, sagte sie, die Hände der Armen von dem bleichen tränennassen Antlitz niederdrückend, »sieh das Kind, weiß wie eine Kirschblüte und mit dem lieben Gesicht meiner Schwester Lucy so ähnlich wie ein Ei dem anderen, und sieh hier«, fuhr sie fort, das Mädchen mit ihrer kräftigen Hand emporhebend, daß ihr Mann den blutgestreiften Rücken erkennen konnte, »sieh das – so haben sie das arme Kind mißhandelt und gepeitscht, eines erbärmlichen Hundes wegen, den ein Alligator gefressen hat. Sind das Menschen?«

»Hm«, sagte der Händler, »das ist allerdings schlimm – sehr schlimm, und ähnliches traue ich dem Halunken auch wohl zu, der da draußen mit seinem Boot umherrudert, aber – er hat die Gesetze einmal auf seiner Seite, und gegen den Stachel können wir nicht löcken. Hätt ich das Mädchen auf meiner Farm in Indiana, ließe sich ein Wort darüber reden, und wir fänden vielleicht Mittel und Wege, sie nach Kanada hinaufzuschaffen. Hier aber, mit meinem ganzen Vermögen beinah im Bereich ihrer Gesetze, kann ich gar nichts machen, wenn ich auch wirklich wollte. Der Lump da draußen braucht weiter nichts zu tun, als hinter uns herzurudern und morgen, wenn es Tag wird, am nächsten Städtchen zu landen und uns anzuzeigen. Nachher haben wir Sheriff und Konstabler warm vom Bäcker weg an Bord, und daß ich mich dem nicht aussetze, ich dächte, dafür würdest du mich kennen.«

»Und das Kind wolltest du wirklich ausliefern?« sagte die Frau.

»Wenn ich vorher gewußt hätte, wie die Sachen standen, hätt ich sie gar nicht an Bord gelassen. Jetzt ist aber noch nichts verdorben. – Der Overseer wird froh sein, wenn er sein Eigentum zurückhat, und wir schwimmen ruhig weiter. Alle Sklaven kann ich doch nicht freimachen, und um mit der einen anzufangen, riskier ich nicht mein Hab und Gut und meinen Hals. Rede nicht weiter, denn du weißt, es hilft dir nichts.«

»Dann laß sie wenigstens ihr Boot nehmen und irgendwo an Land gehen!« bat die Frau.

»Damit werden wir aber die Schufte nicht los«, brummte der Mann. »Entweder entdecken sie das Kanu mit dem hellen Kleid darin, und dann kann sie ihnen nicht entgehen, oder sie fahren hinter mir drein und machen mir dann Gott weiß was für Umstände im nächsten Ort.«

»Liefert mich aus«, sagte da plötzlich das Mädchen selber mit leiser, aber entschlossener Stimme. »Ich fühle, daß ich kein Recht habe, Euch solcher Gefahr auszusetzen, und – ich bin doch verloren. Entkäme ich auch hier in den Wald, was hülfe es mir – ich müßte in der Wildnis verderben oder an bewohnte Stellen gehen, und überall gelten diese furchtbaren Gesetze, die mich verdammen. Liefert mich aus – mir bleibt doch keine andere Wahl, als zu sterben.«


 << zurück weiter >>