Friedrich Gerstäcker
Der Flatbootmann
Friedrich Gerstäcker

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10. Schluß

Drei Jahre waren nach den zuvor beschriebenen Vorfällen verflossen und die Pflanzer in Louisiana gerade emsig beschäftigt, die dieses Jahr vortreffliche Baumwollernte zu beenden. Unter der heißen Mittagssonne standen die Neger draußen in den schattenlosen Feldern, die weißen Flocken in leichte Schilfkörbe zu pflücken und das ihnen aufgegebene Gewicht noch vor Feierabend zusammenzubringen. Es war gerade nicht mehr, als sie arbeiten konnten, aber säumen und rasten durften sie auch nicht viel dabei, und fehlte ihnen nur ein kleiner Teil an der bestimmten Qualität, so blieb die Strafe selten aus.

Draußen im Feld arbeiteten die Neger und ritt der Aufseher umher, die verschiedenen Trupps zu überwachen, aber um das Herrenhaus her herrschte tiefe und durch nichts gestörte Stille. Die Herrschaft hielt Siesta, und es wäre keinem der Neger zu raten gewesen, auch nur durch einen Laut in der Nähe der Wohnung die heilige Ruhe zu unterbrechen.

Der breite Mississippi, durch die gerade in dieser Jahreszeit herunterkommenden Wasser der Felsengebirge genährt, war ungewöhnlich hoch, aber auch außerordentlich belebt, und keine Viertelstunde verging fast, in der nicht entweder ein Dampfer vorübergekeucht oder Flat- oder Segelboote den Strom herabgekommen wären. Aber niemand in der Plantage kümmerte sich um das, was ihnen auch überhaupt schon lange alltäglich und gleichgültig geworden war. Die Fenster waren dicht verhangen, die Jalousien geschlossen, und nur durch die offenen, auf die Veranda führenden Türen wurde der vom Strom herüberwehenden Luft der Zugang gestattet. Selbst die am Mississippi hinaufführende Straße war vollkommen menschenleer; nur eine einzige alte Frau saß im Schatten eines hochstämmigen Pecan-Baumes und überwachte eine kleine Herde an der Levée weidender Schafe.

Es war ein trauriger Anblick, die alte, zur Mumie zusammengetrocknete Frau da stumpfsinnig kauern zu sehen. In ihrer Jugend vielleicht der Liebling des Aufsehers und von schwerer Arbeit verschont, im reiferen Alter dann in das Baumwollfeld geschickt, bis auch die letzten, allenfalls noch zu verwertenden Kräfte aufgebraucht, hatte sie selbst jetzt noch keine Ruhe. Wie alt sie war, wußte sie selbst nicht mehr, blieb sich auch gleich, denn niemand kümmerte sich darum. Aber hier draußen mußte sie sitzen, den lieben langen Tag, und auf die Schafe aufpassen, die an der Levée hin ihr Futter suchten – wehe, wenn ihr eins verlorengegangen wäre! Aber die Schafe liefen auch nicht fort, und wär es nur aus Mitleid mit der armen Frau gewesen, die dann hätte hinter ihnen dreinkeuchen müssen. Ruhig pflückten sie das süße Cocogras von dem hohen Damm, und die Alte saß neben ihnen, haschte nach den Fliegen, die in ihre Nähe kamen, und drehte dann den gefangenen langsam die Köpfe ab.

Über den Strom herüber kam ein schlankes, scharf gebautes Boot gerudert. Es trieb das Wasser nicht schäumend vor sich her, sondern warf es an beiden Seiten wie abgeschnitten fort. Einem Pfeil gleich schoß es durch die Flut, und die beiden Männer darinnen, die die Ruder führten, schienen trotz der Hitze ihre Lust daran zu haben, den kleinen Klipper springen zu lassen.

Ein dritter, älterer Mann saß am Steuer und hielt sich in der stärksten Strömung, bis er der Landestelle gerade gegenüber war. Dann aber hielt er fast mitten hindurch, kaum einen halben Strich den Bug stromauf gekehrt, und mit einem Fußbreit vermochte die Strömung ihn wohl eine Strecke von hundert Fuß hindurch aus seiner Bahn zu rücken, so wacker lief das Boot.

Ein alter Neger, der ein Stück weiter oben dicht am Ufer stand, um vorbeitreibendes Holz mit einem Haken zu fangen und an Land zu holen, sah nicht mehr nach den Stämmen hin, sondern schaute bewundernd auf das schlanke, treffliche kleine Fahrzeug, bis dieses den scharfen Bug gegen die Strömung herumwarf und im nächsten Augenblick auch schon unter dem steilen Ufer längsseits und an einer vorragenden Wurzel angebunden lag.

Drei Männer stiegen hier aus, alle ihre langen amerikanischen Büchsen auf der Schulter, und schritten langsam die Levée hinauf. Nur der eine war ihnen rasch voraus, und es schien fast, als ob er ungeduldig wäre, den vor ihnen liegenden Platz recht bald zu überschauen. Oben jedoch erwartete er die beiden anderen, die eine Zeitlang schweigend neben ihm stehenblieben. Endlich sagte der ältere, der auch im Boot das Steuer geführt:

»Höre, Jack, nimm dich aber in acht und mach keine Dummheiten, oder halte dich wenigstens im schlimmsten Fall immer in der Nähe vom Boot. Sowie du das unter dir hast, bist du sicher, denn die kleine ›Sally‹ holt kein anderes ein.«

»Habt keine Angst um mich, Sir«, lachte aber der junge Mann. »Lange Jahre sind verflossen, seit wir hier am Ufer lagen, und schwerlich kennt noch einer den jungen Burschen, der damals ja kaum den Fuß an Land gesetzt. Aber wenn auch; was könnten sie mir im schlimmsten Fall beweisen? Überdies hab ich es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, die Botschaft selber auszurichten. Ihr müßt mir meinen Willen schon lassen.«

»Daß du ein Tollkopf bist, weiß ich lange«, lachte der Alte gutmütig vor sich hin, »aber du wirst jetzt niemanden sprechen können. Das ganze weiße Volk hier, den Aufseher ausgenommen, hält um diese Zeit Siesta und läßt sich um die Welt nicht stören.«

»Was tut's?« erwiderte sein jüngerer Begleiter. »Ich habe noch ohnedies vorher ein anderes Geschäft abzumachen. Wißt Ihr nicht, daß ich Sally eine Decke für ihren Sattel von einem der hiesigen Alligatoren versprochen? Die muß ich mir vor allem anderen erst holen, denn wer weiß, ob ich nachher noch soviel Zeit behalte.«

Der Alte schüttelte lachend den Kopf

»Du wirst dir den Schädel wohl noch einmal einrennen«, meinte er, »aber was tut's; wer nicht einmal durch Schaden klug werden will, an dem ist doch Hopfen und Malz verloren. Nun, lauf, wohin du Lust hast, wir bleiben indessen hier im Schatten liegen, und kommst du nicht zur rechten Zeit zurück, so tafeln wir ohne dich. Gewartet wird auf keinen Fall.«

Der junge Mann nickte den beiden freundlich zu und schritt dann langsam über den Fahrweg hin zur Gartentür, die beiden anderen aber stiegen wieder zum Flußrand zurück, wo sie, durch die Levée gedeckt, vom Land aus nicht gesehen werden konnten. Hier stand ein kleines Dickicht von Pecan- und Stechpalmbäumen, in deren Schatten sie sich behaglich lagerten und das weitere geduldig abzuwarten schienen. Das Boot lag dicht unter ihnen, von dem abschüssigen, aber jetzt nicht hohen Uferrand vollkommen gedeckt.

Der junge Mann hatte indes die Gartentür erreicht, die er jedoch von innen verriegelt fand, um Unberufene daraus fernzuhalten, und er mußte in den schmalen Weg hinein, der am Garten hin dem hinter dem Haus liegenden Negerdorf zuführte. Alles war hier wie ausgestorben; selbst die Alten und Kinder schienen sich vor den brennenden Sonnenstrahlen in den Schatten der Gebäude zurückgezogen zu haben. Nur ein paar Hunde und Schweine trieben sich dort faul und schläfrig herum. Der Fremde blieb stehen und schien sich nach jemandem umzuschauen, von dem er irgendeine Auskunft erhalten könne, als er einen Reiter den in die Felder führenden Weg herabsprengen sah. Es dauerte auch gar nicht lange, bis dieser, ein langer, hagerer Mann, mit einem zwar finstern, aber sonst eben nicht bösartigen Gesicht, herankam und ihn artig fragte, ob er irgend jemanden suche.

»Allerdings«, sagte der Fremde, »ich wünsche mit Mr. Beauchamps zu sprechen, wenn er gegenwärtig gerade auf der Plantage ist. Es betrifft eine Geschäftssache.«

»Dann werde ich Sie bitten müssen, ein wenig zu warten«, erwiderte der Reiter. »Mr. Beauchamps hält jetzt gerade seine Siesta und läßt sich unter keiner Bedingung in derselben stören.

»Und wann wäre die beste Zeit, ihn zu sprechen?«

»Am besten etwa in anderthalb Stunden, bei oder nach dem Kaffee. Wenn Sie sich indessen in meiner kleinen Wohnung aufhalten wollen, steht Ihnen dieselbe mit Vergnügen zu Diensten.«

»Ich danke Ihnen für Ihr freundliches Anerbieten«, sagte der Fremde, »aber ich habe mir schon lange gewünscht, einmal einen Alligator zu schießen und könnte die Zwischenzeit indessen wohl dazu benutzen. Sie haben doch deren hier in der Nähe?«

»Du guter Gott«, lachte der Reiter, »die könnten wir Ihnen beim Schock ablassen, und ich wollte nur, daß wir so viele Ballen Baumwolle jährlich zögen, wie Alligatoren hier auf unserem Grund und Boden innerhalb des Waldstreifens liegen, den Sie dort drüben sehen.«

»Sie sind der Aufseher der Pflanzung?«

»Zu dienen.«

»Und kann ich die Erlaubnis bekommen, dort hinzugehen?«

»Deren bedürfen Sie gar nicht«, sagte der Aufseher, »unsere Alligatoren stehen Ihnen mit Vergnügen zu Diensten. Wenn Sie übrigens einen Augenblick hier warten, oder nur langsam jenen Weg, den ich eben gekommen, vorangehen wollen, so werde ich Sie selber begleiten. Ich habe nur einige Aufträge zu besorgen und werde Sie bald wieder einholen. Ich muß doch dorthin zurück, und wenn Sie einen oder ein paar Alligatoren schießen, ist es mir sogar recht, denn wir können das Fett derselben jetzt vortrefflich zum Einölen unserer Baumwoll-Reinigungsmaschinen gebrauchen.«

Der Fremde war gern damit einverstanden und schritt langsam den bezeichneten Weg entlang. Rechts und links davon arbeiteten die Neger, und vor ihm dehnte sich der weite, wassergefüllte Sumpf aus, von einem Zypressen- und Sumpfeichenwald begrenzt. Ehe er übrigens das Ende der Felder erreichte, hörte er schon wieder die Hufschläge eines galoppierenden Pferds hinter sich und sah den Aufseher herankommen, der einen kleinen Negerjungen hinter sich auf dem Pferd hatte und eine lange, dreizinkige Harpune in der Hand trug.

»So«, rief er lachend, als er den Fremden überholte, während der kleine Bursche wie eine Schlange vom Pferd herunterglitt und hinter ihnen dreinlief, »nun können wir unsere Jagd beginnen. Hier ist eine Harpune, um damit, was etwa geschossen wird, aus dem Wasser zu holen, und der kleine Bursche da soll uns die Gesellschaft herbeilocken, daß sie ordentlich zum Schuß kommt.«

»Kann er bellen?« fragte der Fremde.

»Ah! Sie sind auch nicht zum erstenmal dabei«, meinte der Aufseher, »das merk ich wohl. Nein, bellen kann er nicht, aber täuschend wie ein Ferkel quietschen, und Sie sollen einmal sehen, wie toll die Bestien darauf sind. Aber was wollten Sie mit dem Alligator anfangen? Ihn essen?«

»Nein, das nicht, obgleich mir gesagt wurde, daß die Schwänze derselben leidlich schmecken. Ich wünschte nur Haut genug für ein paar Satteldecken zu bekommen.«

»Ja, dazu sind sie vortrefflich und sehen allerliebst aus. Waren Sie schon früher in dieser Gegend?«

»Ich? Nein – ich bin zum erstenmal in Louisiana«, sagte der Fremde, während er sich abwandte, um nach einem über ihnen hinstreichenden blauen Falken zu sehen: »Nur oben am Red River habe ich einmal einen Alligator geschossen.«

»Dort gibt es Massen«, bestätigte der Aufseher, »ich war selber vier Jahre im ›roten Land‹ Overseer auf einer Plantage, und wir konnten uns dort vor ihnen manchmal kaum retten. Hier gibt es aber ebenso viele, wenn nicht noch mehr!«

»Sind Sie schon lange auf dieser Plantage?«

»Beinahe drei Jahre – seit der letzte Aufseher von einem Negerdieb erschossen wurde.«

»Ah, ich habe von der Geschichte gehört«, sagte der Fremde gleichgültig, »wurde nicht eine Frau damals geraubt?«

»Eine Frau nicht, ein junges Quadroonmädchen, die mordsmäßig hübsch gewesen sein soll. Ich bin übrigens aus der Geschichte selber nicht so recht klug geworden, denn die Neger mochte ich nicht fragen, und die Herrschaft mag nicht gern an die Geschichte erinnert werden. So viel nur hab ich gehört, daß sie das Mädchen über jenen Damm, der da vor uns liegt, nach einer Lichtung geschickt hatten, die dort ein Amerikaner angelegt. Den jungen Damen war ein kleiner Hund verlorengegangen, der sich dorthin verlaufen, und das Mädchen sollte ihn abholen. Ob sie ihn nun boshafterweise einem Alligator vorgeworfen oder ob sie Unglück damit hatte, kurz, die kleine Kröte wurde unterwegs gefressen, und das Mädchen bekam eine tüchtige Portion Schläge dafür. Dieselbe Nacht lief sie davon, wie es hieß, auf Veranlassung eines Flatbootmanns, die sich fortwährend hier an den Ufern herumtreiben, und als Mr. Hoof, der frühere Aufseher, ihnen mit einigen Leuten nachsetzte, wurde er dabei von dem Negerdieb erschossen.«

»Und haben sie das Mädchen wiederbekommen?« fragte der Fremde.

»Oh, Gott bewahre«, brummte der Aufseher, »ja den Teufel auch, der Mississippi ist breit und der Wald dicht, und so schwer es einem Schwarzen allein werden sollte, hier herauszukommen, so läßt sich die Sache machen, wenn ein Weißer dabei ist, der als der Herr desselben gelten kann. Neger werden hier deshalb auch fortwährend gestohlen, und nur dadurch, daß wir eben außerordentlich kurze Umstände mit erwischten Dieben machen, können wir die Burschen ein klein wenig im Zaum halten.«

»Aber was tun Sie mit ihnen?« fragte der Fremde. »Soviel ich weiß, steht Zuchthausstrafe darauf«

»Ja«, lachte der Aufseher, »wenn wir sie dem Sheriff ausliefern. Gewöhnlich aber machen wir kurzen Prozeß mit ihnen und hängen sie an den nächsten Baum . In den letzten Jahren sind drei so abgefertigt worden. Aber hier ist der Platz«, unterbrach er sich rasch, »da sehen Sie – dort geht der Damm hinüber, und hier in dem Wasser schwimmen wenigstens ein paar Tonnen Alligatorfett umher. Jetzt machen Sie sich fertig, und Ned, der Junge, mag ein paar für uns zu Gaste laden.«

Ned, ein kleiner, außerordentlich schmutziger Negerjunge, schien aber keine besondere Lust zu haben, der Aufforderung Folge zu leisten. Er sah sich mit den großen, stieren Augen rings um und blickte ängstlich nach dem Wasser hinüber.

»Aha!« lachte der Aufseher. »Er hat sein neuliches Abenteuer noch nicht vergessen. Vor ein paar Tagen ging der Dummkopf hier allein auf den Damm, setzte sich in der Mitte hin, fing an zu quietschen und wäre beinahe von einem großen Alligator von dem Damm heruntergeholt worden. Seit der Zeit mag er nichts mehr davon wissen. Na komm, mein Bursche – häng erst mein Pferd dort drüben an und dann klettere auf die kleine Eiche dort hinauf. Da geschieht dir nichts und du kannst locken nach Herzenslust.«

Der Junge gehorchte rasch dem Befehl, und der Fremde stand indes wie träumend an dem schmalen, langen Damm. Alte Zeiten und Szenen zogen im Geist vor seiner inneren Seele vorüber, und er hörte nicht einmal, wie der kleine Bursche jetzt auf das täuschendste das Quietschen eines kleinen Ferkels aus den Ästen des niedern Baumes heraus nachahmte.


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