Friedrich Gerstäcker
Der Flatbootmann
Friedrich Gerstäcker

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Rasch kehrte Jack jetzt ins Zwischendeck zurück, dem Mädchen dort die Kunde mitzuteilen, daß er das ihnen so wohlbekannte Boot gesehen, und sorgte dann auf das Freundlichste für seinen Schützling, um es ihm so bequem als irgend möglich zu machen.

Mit dem Leben an Bord eines solchen Boots schon seit langer Zeit vertraut, da er auf dem Ohio und oberen Mississippi manche Dampfbootfahrt gemacht, hatte er auch in Natchez an Geschirr und Proviant alles eingekauft, was sie in einer Woche etwa wohl brauchten. Frischer Proviant war übrigens auch weiter oben in den kleinen und größeren Städten, die sie gelegentlich anliefen, überall wieder zu bekommen. Jack hatte es dabei übernommen, das Mittagsmahl zu kochen, etwas, was in Amerika, besonders an Bord der Boote, sehr häufig geschieht und deshalb nicht auffällt, und Sally konnte dabei viel unbeachteter in ihrer Ecke bleiben. Übrigens bestand das Mahl nur in Kaffee und kalter Küche, war also auch leicht hergestellt, und Jack behielt Zeit genug dabei, dann und wann hinauszugehen, um sich im Strom etwas zurechtzufinden. Näherten sie sich doch der Stelle wieder, an der sie gestern durch den Sumpf die Blockhütte erreicht und Schutz an Bord des Dampfers gefunden hatten.

Das Boot hielt indessen wieder an einer der Plantagen, um irgendeinen Passagier an Land zu setzen oder aufzunehmen; aber Jack zeigte sich hier absichtlich nicht draußen, um keinem bekannten Gesicht mehr in dieser gefährlichen Gegend in den Weg zu treten.

Der Aufenthalt dauerte übrigens auch gar nicht lange, und die ›Queen of the West‹ hielt jetzt ziemlich dicht an der linken Seite des Stroms hinauf – dieselbe, an der die Holzfällerhütte lag, von der sie in jener Nacht geflüchtet waren. Allerdings hatte der junge Mann den Platz nur in der wilden Beleuchtung der hohen, flackernden Feuer gesehen, trotzdem erkannte er aber die Gegend wieder, und das Herz pochte ihm stärker, als er die bekannte Stelle aufs neue und nun in ganz geringer Entfernung vor sich auftauchen sah.

Gern hätte er auch Sally herausgerufen, um ihr den Platz zu zeigen, der für sie beide an Erinnerung so reich war, aber ein großer Teil der Zwischendeckspassagiere hatte sich an dem heißen Tag, wo unter Deck noch dazu der Kochofen in Glut gehalten wurde, hier draußen im Schatten des überragenden Decks einen kühlen Platz gesucht, und er wünschte alles zu vermeiden, was sie unnötigerweise den Augen der Menge zeigen konnte.

Diesmal fuhren sie jedoch vorbei; das Boot hatte noch Holz genug an Bord, um bis gegen Abend auszureichen, und legte jetzt in kurzer Zeit die Strecke zurück, die es den Flüchtigen gestern so entsetzliche Mühe gekostet, zu durchbrechen. Deutlich konnte Jack dabei von Bord aus den ziemlich offenen Sumpf erkennen, den er, Sally in den Armen, in jener Nacht durchwatet – und suchten nicht vielleicht in diesem Augenblick sogar die Verfolger dort drüben nach seinen Fährten? Er lachte bei dem Gedanken trotzig vor sich hin, bis das Ufer selber seine Aufmerksamkeit wieder mehr in Anspruch nahm.

Sie liefen jetzt ziemlich dicht am Waldesrand hinauf, und über ihnen ließ sich schon die Insel erkennen, von der ab sie ihre Flucht in dem Kanu begonnen. Da war der Schilfbruch schon, durch den sie sich mühselig die schwere Bahn gesucht – hier begann die Sandbank, und gleich darüber, wo vom steileren Uferrand das Wasser einzelne Wurzeln unterwühlt und in den Strom hinabgeworfen, dort hatten sie Schutz gefunden. Der vorragende Baum dort mit seinem breiten, von der gelben Flut durchwühlten Wipfel mußte die Stelle sein, wo das Boot damals, ihrer harrend, auf der Wacht gelegen und...

»Da war es, Massa«, flüsterte plötzlich eine leise Stimme an seiner Seite, und als er sich erschreckt danach umschaute, sah er einen alten Neger neben sich, der ihm nur mit den Augen winkte, ihm zu folgen.

Jack war es, als ob all sein Blut zu Eis geworden wäre, und wie ein lähmender Schlag zuckte es ihm durch alle Glieder. Der alte Neger aber, ohne ihn weiter zu beachten, schritt langsam von ihm hinweg der andern Seite des Boots zu, dessen heißer Gang jetzt in der glühenden Mittagssonne von den Passagieren gemieden schien. Niemand befand sich dort draußen, und als Jack dem Schwarzen, nur mechanisch und kaum eines Gedankens fähig, folgte, wandte sich dieser wieder gegen ihn.

»Ihr seid von Massa Poleridges Boot, nicht wahr? Pst«, warnte er aber, als Jack, keines Wortes mächtig, schwieg, »ich weiß alles – ich war in dem Boot, in dem Ihr Massa Hoof so hübsch die Kugel in die Stirn schosset, daß er nur noch ein bißchen mit Armen und Beinen strampelte. Schlechterer Buckra hat nie gelebt, und arme Schwarze danken Gott auf ihren Knien, daß ihn Teufel geholt hat. – Salomo verrät Euch nicht...«

»Aber wo kommst du her?« hauchte Jack, noch immer keines weiteren Gedankens fähig.

»Sollte Euch eher fragen«, lachte der Neger still vor sich hin, »wo Ihr herkommt – müßt es unmenschlich schlau angefangen haben, daß Ihr schon wieder hier vorbeifahrt, als ob Ihr von New Orleans heraufkämt. Ich bin hier mit unserem Boot, und beide Niggertreiber und Scipio sitzen vorn am Bug und schlafen in der Sonne – sind müde wie die Hunde, alle miteinander, und das Beste – Master ist ebenfalls an Bord.

»Dein Herr?«

Salomo nickte mit einem breiten Grinsen, das beide Reihen Zähne sichtbar werden ließ. »Würde sich erschrecklich freuen, wenn er wüßte, wie nah er...« Salomo sah sich erst vorsichtig um, ob niemand hinter ihn getreten sei, und flüsterte dann leise: »... Sally hat.«

»Du hast sie gesehen?« fragte Jack erschreckt.

Der Neger blinzelte lachend mit den Augen.

»Salomo ist nicht dumm – wenn sie auch ein feines Kleid und Bonnet trägt und Handschuhe an den Fingern hat, wie eine feine Lady. Aber Gott segne das Kind – sie haben sie behandelt, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Massa Hoof und die beiden Missusses, und Salomo will eher bei lebendigem Leib verderben, ehe er sie verriete.«

»Aber wenn einer der anderen, einer der Negertreiber, das Mädchen sähe...«

»Pst«, schüttelte Salomo lachend den Kopf, »hat Salomo schon gesehen und weiß, daß alte Mann sie nicht verrät. Hat Salomo letztes Jahr, wie er krank war, gepflegt wie eigen Kind und ihm gute Sachen gebracht und Schläge dafür von Massa Hoof bekommen – gut – liegt da drüben eingescharrt unter Baumwollholzbaum. Schlechteren Aufseher kriegen wir doch nicht wieder...

»Aber ich muß Sally warnen.«

»Ist nicht nötig«, hielt ihn der Neger zurück, »hat Salomo gesehen – Salomo hat ihr leise zugenickt, und sie ist geschwind in Koje gekrochen und schläft mit Gesicht nach Wand hin.«

»Und wenn dein Master nun das Boot durchsuchen läßt?«

»Pah, Unsinn«, lachte der alte Neger, »hat keine Ahnung, daß Ihr so tief unten könnt gewesen sein und jetzt schon wieder hier heraufgekommen. Gestern, wie wir Kanu nicht mehr fanden – Salomo sagte nichts, als er die Spur sah, wo es jemand die Uferbank hinaufgehoben -, ruderten wir nach Plantage hinauf, schickten gleich Boten an Master und ließen die Leiche dort an Land zurück. Und während weiße Konstabler mit Hunden in Wald gingen, Jagd auf Sally und Buckra zu machen, ging unser Boot mit anderem Konstabler den Mississippi ein Stück hinunter – weit, weit – und haben Nachricht auf allen Plantagen gelassen und Weiße in den Wald gehetzt und Wachen zu den Booten an Land gestellt. Master aber kam mit dem ersten Dampfer herunter und traf uns, und weil er keinen Aufseher und Negertreiber mehr zu Hause hat, muß er selber so schnell wie möglich heim – will aber morgen wieder herunterkommen – kann sich selber einmal ein Vergnügen machen.«

»Aber wenn mich nun einer eurer Leute kennt?«

»Pah«, sagte Salomo, den Kopf schüttelnd, »hätte Euch auch nicht erkannt, wäre Sally nicht gewesen. Ein Buckra sieht aus wie der andere – aber geht hinein – setzt Euch in die Ecke, zieht den Hut übers Gesicht und schlaft – guckt niemand nach Euch, und in halber Stunde sind wir oben.«

»Leb wohl, Salomo«, sagte Jack, ihm die Hand hinreichend, »du bist ein braver, redlicher Bursche.«

Der Neger sah sich vorher scheu um, ehe er die dargebotene Hand nahm, dann schlug er ein, drückte sie herzlich und flüsterte, während er sie rasch zurückzog:

»Dank Euch, Massa, aber wenn jemand sähe, daß Ihr armen, schwarzen Nigger die Hand gebt – o Golly, Golly, was für Lärm sie machen würden – und grüßt Sally – Salomo darf nicht zu ihr gehen – sagt ihr, schwarze Männer beten für sie, und – behandelt sie gut, nicht wahr, Massa?«

»Wie meine Schwester, Salomo«, sagte der junge Mann herzlich.

»Gott segne Euch, Massa – Gott segne Euch!« flüsterte der alte Neger, noch einmal flüchtig des Weißen Hand fassend. »Aber nun macht fort – besser sicher – besser sicher.« Und ohne weiter ein Wort zu sagen, drehte er sich ab und wollte den inneren Raum des Zwischendecks wieder betreten.

»He, Salomo – wo steckt der Schlingel?« rief in diesem Augenblick die Stimme eines Weißen, der aus dem Zwischendeck herauskam. Es war eine große, kräftige Gestalt, sehr elegant, aber in lichte Sommertracht gekleidet, einen breiträndigen, äußerst feinen Panamahut auf und ein spanisches Rohr in der Hand.

»Hier, Massa«, rief Salomo, »wollte eben zurück – habe nur nach dem Boot gesehen, ob es noch fest hing.«

»Ach so«, sagte der Pflanzer, sich von ihm ab- und dem Strom zuwendend, »hierher Ben – wo ist Scipio – her mit euch, zum Henker, wie oft soll man euch rufen! Steht bei eurem Boot – ich will an der nächsten Plantage landen – werdet ihr gegen die Strömung nachher ankommen?«

»Geht sehr schwer, Massa«, sagte Scipio, der andere Neger, den Hut ehrerbietig abnehmend, »ist erschrecklich stark, gerade da runter.«

»Geht ganz gut, Massa – Sip weiß viel von Strömung«, versicherte aber Salomo, dem nur daran lag, seinen Herrn mit den Kameraden so rasch wie möglich von Bord zu bekommen, »nur zwei Stellen ein bißchen stark...«

»Gut – dann steht bei, sowie sie das Boot anhalten...«

»Ja – zwei Stellen ein bißchen stark«, murmelte Sip verdrießlich, wenn auch ganz leise vor sich hin, »wird's schon merken – nur eine Stelle bißchen stark, aber den ganzen Weg.«

Der Pflanzer stand, den Fuß auf die Querleiste des Geländers, den Ellbogen auf seine Knie gestützt, an dem hinteren Teil des Decks, und um ihn her seine Neger, um das Anhalten des Boots zu erwarten.

Jack wußte, daß er Sallys Herrn gegenüberstand; und wenn auch keine Gefahr war, daß dieser ihn kennen konnte, mußte er doch nichts mehr fürchten, als einem der anderen Neger zu begegnen. Dicht am überbauten Rad des Dampfers war allerdings noch eine andere Tür, die hinein in das Zwischendeck führte, aber dort konnte ihm ebensogut einer der gerufenen Neger begegnen. Und Sally – aber sie hatte ja Salomo gesehen und kannte die Gefahr, die ihnen drohte, und für den Augenblick blieb ihm nichts zu tun übrig, als sich selber soviel als möglich gedeckt zu halten.

Mit der so plötzlich über ihn hereingebrochenen Gefahr wuchs ihm auch wieder der kecke Mut. Wie deshalb der Pflanzer den schmalen Außengang betrat, sah er ihn ruhig an, drehte sich dann langsam um und lehnte sich, in das Wasser hinausschauend, auf das Geländer. Er hörte die Neger hinter und neben sich sprechen, konnte fühlen, wie sie an ihm vorüberstreiften, aber er wandte den Kopf weder nach rechts noch links und pfiff dabei laut und unverdrossen den Yankee Doodle, die amerikanische Nationalmelodie, vor sich hin.

Da hörten plötzlich die Räder auf zu schlagen – die aufgewühlten Wellen, zu denen er niedergeschaut, ließen nach, und nur durch sein eigenes Gewicht getrieben, durchschnitt der schwere Dampfer noch die Flut.

»Hier steh bei, Sip...«, rief Salomo, geschäftig das eine Tau lösend, mit dem ihre schlanke Jolle neben dem breiten Schiffsboot des Dampfers angehängt war, »spring hinunter, Boy, und hilf Massa einsteigen!«

Die Neger zogen das Boot rasch so dicht als möglich unter den ausgebauten Stern des Dampfers, und während die beiden Negertreiber ihrem Master von oben hinunterhalfen, stützten ihn unten die beiden anderen Schwarzen, daß sein Fuß ja nicht zu hart die Bank berühre.

Ruhig, ohne eine Miene zu verziehen, ohne ein Wort des Dankes nur zu sagen, nahm der Pflanzer die sich von selbst verstehende Dienstleistung hin, und Salomo fest an der Schulter packend, um sich selbst dabei zu stützen, schritt er über die Bänke weg, dem weichgepolsterten Sitz am Steuer zu. Die anderen beiden Neger folgten ihm rasch nach, das Tau wurde von Bord aus losgeworfen, und »Go ahead« rief die Stimme des obern Offiziers dem Lotsen wieder zu. Das Zeichen wurde gegeben, die Räder fingen wieder an zu arbeiten, der Dampfer stemmte sich aufs neue in die Strömung, während sich das Boot dem Land zuwandte.

Salomo, der das hintere Ruder führte, warf einen Blick nach dem Zwischendeck des Dampfers hinauf, aber der junge Bootsmann war von der Galerie verschwunden.


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