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Dreißigstes Kapitel

Als Adrian und seine Nichte sich tags darauf zum Totenschau-Gericht begaben, stellten sie ungefähr folgende Erwägungen an: Mit der Verhandlung vor dem Totenschau-Gericht war es ähnlich bestellt wie mit Roastbeef und Yorkshire-Pudding, jenem traditionellen Sonntagsgericht der englischen Küche. Doch heutzutage, da man den Sonntagnachmittag dem Sport zu widmen pflegte, da Mordtaten seltener und Selbstmörder nicht mehr an Kreuzwegen begraben wurden, hatte auch die Geschwornen-Kommission des Totenschau-Gerichts ihren ursprünglichen Sinn verloren, ebenso wie jenes Sonntagsgericht. In alten Zeiten hatten die Justiz und ihre Vertreter als Feinde der Menschheit gegolten, da schien es durchaus gerechtfertigt, zwischen sie und den Tod Männer aus dem Volk zu stellen. Doch in einer Zeit, die sich einer ‹großartig organisierten Polizei› rühmte, schien es ziemlich sinnlos, der Polizei die Fähigkeit abzusprechen, dort zu urteilen, wo sie handelnd einschreiten mußte. Die Untauglichkeit der Polizei bot also keinen genügenden Erklärungsgrund für den Fortbestand des Totenschau-Gerichts. Er war wohl eher in der Furcht verankert, das Publikum könne durch die Aufhebung dieser Institution um fesselnde Neuigkeiten kommen. Die Zeitungsleser beider Geschlechter hielten es ja für ihr Seelenheil unerläßlich, von zweifelhaften, anrüchigen und sensationellen Ereignissen Kunde zu erhalten. Und ohne Totenschau-Gericht, das wußte man nur zu gut, fand manchmal vielleicht überhaupt keine öffentliche Verhandlung über einen sensationellen Todesfall statt, zumindest keine zweite. Es war doch fraglos interessanter, statt keiner Verhandlung eine zu haben, und statt einer bisweilen deren zwei! Der Widerwille, den man sonst vor dem Hineinschnüffeln in fremde Angelegenheiten empfand, schwand augenblicklich, sobald man sich unter die Menge der Gerichtssaal-Kiebitze mischte. Je mehr da herausgeschnüffelt wurde, um so mehr kam das Auditorium auf seine Rechnung; je öfter man bei einem Totenschau-Gericht dabei sein durfte, um so heißer sagte man dem Himmel Dank. ‹Nun lobet alle Gott!› – niemals stieg dieses Gebet aus aufrichtigerem Herzen zum Herrn empor, als wenn man das Privileg genossen, bei einer solchen Verhandlung einen Sitzplatz zu ergattern. Denn die Vernehmung über einen ungeklärten Todesfall war fast stets eine Qual für die Überlebenden, und gab es etwas Vergnüglicheres als derartige Quälereien?

Die Tatsache, daß der Zuschauerraum des Saals dicht besetzt war, schien diesen Gedanken zu bestätigen; Adrian und Dinny schritten hindurch und begaben sich in den kleinen Warteraum für die Zeugen. «Dinny, du kommst als fünfte auf die Zeugenbank», erklärte Adrian, «wir beide, Hilary und ich, werden vor dir vernommen.»

«Tut nichts, Onkel, wenn wir nur alle dasselbe aussagen.»

Schweigend saßen sie in dem kleinen kahlen Zimmer. Hilary mit Angela, Dinny mit Adrian. Bald darauf wurde Angela gerufen, dann Hilary. Sie kamen nicht zurück.

«Das geht wie mit den zehn kleinen Negerlein», murmelte Dinny. Ihre Blicke hingen an einem Kalender gegenüber an der Wand. Sie konnte die Buchstaben nicht lesen, empfand aber das Bedürfnis, irgend etwas fest ins Auge zu fassen.

«Da sieh, meine Liebe», sagte Adrian und zog ein Fläschchen aus der Brusttasche, «nimm doch ein oder zwei Schluck von diesem Getränk, aber mit Vorsicht, bitte! Eine Lösung von Hirschhornsalz. Es wird dir Riesenkraft verleihn. Ja nicht zuviel!»

Dinny nahm einen kleinen Schluck. Er brannte in der Kehle, stark, doch nicht unangenehm.

«Trink doch auch, Onkel.»

Adrian tat gleichfalls behutsam einen Schluck. «Ein probates Stärkungsmittel», sagte er, «eh man ins Gefecht geht, zu einem Match oder dergleichen.»

Und wieder saßen sie schweigend da und genossen die Nachwirkungen des Trankes. Dann bemerkte Adrian: «Wenn es ein Weiterleben der Seele gibt – ich kann es allerdings nicht glauben –, was mag dann wohl der arme Forest von diesem Possenspiel halten? Wir sind eben noch immer Barbaren. Da fällt mir eine Geschichte von Maupassant ein, sie handelt von einem Selbstmörderklub, der jene, die ihrer Meinung nach im Leben nichts mehr zu suchen hatten, auf angenehme Art ins Jenseits befördern sollte. Bei normalen Menschen trete ich nicht für den Selbstmord ein, ausgenommen in ganz wenigen Fällen. Dinny, wir müssen durchhalten; aber ich wollte, wir hätten einen solchen Selbstmordklub für Irrsinnige und vom Irrsinn Bedrohte. Hat dir dieser Tropfen gut getan?»

Dinny nickte.

«Es wird noch ungefähr eine Stunde dauern», erklärte Adrian. «Auf Wiedersehn, du Liebe, viel Glück! Wenn du zu dem Vorsitzenden sprichst, wirf ab und zu ein ‹Sir› ein.»

Dinny sah Adrian sich stramm aufrichten, als er durch die Tür trat, und war von ihm begeistert. Von allen Männern, die sie je gesehn, bewunderte sie keinen mehr als Onkel Adrian. Und gegen alle Konsequenz sandte sie ein Stoßgebet für ihn zum Himmel. Adrians Tropfen hatten sie entschieden gestärkt, das Herzklopfen und die Schwäche in den Beinen waren geschwunden. Sie entnahm ihrer Handtasche Spiegel und Puderquaste. Keinesfalls durfte ihre Nase glänzen, wenn sie das Schafott bestieg. Doch eine weitere Viertelstunde verrann, ehe man sie in den Saal rief. Noch immer hing ihr Blick an dem Wandkalender, ihre Gedanken schweiften nach Condaford und in die frohe Kinderzeit zurück, die sie dort verlebt. Sie entsann sich der Zeit vor der Renovierung – ganz klein war sie damals gewesen –, der Heuernten und der Picknicks im Walde. Wo waren die Kindertage, als sie auf dem drahthaarigen Jagdhund ritt und im Garten Lavendel rupfte! Bei Huberts Eintritt ins ‹College› war sie zur Ponyreiterin avanciert. Dann die Zeit ungetrübten Glücks, als sie sich dauernd in dem neuen Heim niederließen. Dinny war zwar in Condaford geboren, doch bis zu ihrem fünften Jahr hatten die Eltern häufig den Wohnort gewechselt und einige Zeit in Aldershot und Gibraltar gelebt. Dann fiel ihr wieder ein, wie vergnügt sie das goldige Gespinst von den Puppen ihrer Seidenwürmer abgewickelt hatte, wie sie herumgekrabbelt und -gekrochen waren – wie Elefanten kamen sie ihr damals vor. Und wie seltsam diese Tierchen rochen!

«Elizabeth Cherrell.»

Sie erhob sich und sagte sich leise vor:

Ein kleines Negerlein saß in der Kammer drin,
Da kam ein Richter, fraß es auf, da war das letzte hin.

Jemand nahm sie an der Eingangstür in Empfang, führte sie durch den Saal und brachte sie in eine Art Verschlag. Ein wahres Glück, daß sie erst unlängst beim Polizeigericht gewesen; nun kam ihr alles vertraut, beinahe komisch vor. Die Geschwornen vor ihr sahen blasiert drein, der Vorsitzende wirkte mit seinem Wichtigtun spaßig. Weiter unten, zu ihrer Linken, saßen die übrigen kleinen Negerlein; hinter ihr bis zur kahlen Wand im Hintergrund starrten Dutzende und aber Dutzende Gesichter von Menschen, eng zusammengepfercht wie Heringe im Faß. Dann gewahrte sie, daß der Vorsitzende sich an sie wandte, und blickte ihn aufmerksam an.

«Sie heißen Elizabeth Cherrell», begann er, «und sind, wie ich sehe, die Tochter des Generals Sir Conway, Komturs des Bath-Ordens, Ritters des Sankt-Michaels- und Georgs-Ordens, und seiner Ehefrau Lady Cherrell?»

Dinny verneigte sich. ‹Mir scheint, das imponiert ihm›, dachte sie.

«Sie leben bei Ihren Eltern auf Schloß Condaford in Oxfordshire?»

«Ja.»

«Sie wohnten bei Hauptmann Forest und seiner Frau bis zu jenem Morgen, an dem er sein Haus verließ. Stimmt das?»

«Ja.»

«Sind Sie mit den beiden nah befreundet?»

«Mit Mrs. Forest. Hauptmann Forest hab ich vor seiner Rückkehr aus der Anstalt, wenn ich nicht irre, nur einmal gesehn.»

«Aha, seine Rückkehr! Wohnten Sie schon bei Mrs. Forest, als er nach Hause kam?»

«Ich war am selben Nachmittag zu ihr auf Besuch gefahren.»

«Am Nachmittag seiner Rückkehr aus der Anstalt?»

«Ja. Tags darauf zog ich in ihr Haus.»

«Und Sie blieben dort bis zu dem Tag, an dem Hauptmann Forest das Haus verließ?»

«Ja.»

«Wie führte er sich während dieser Zeit auf?»

Bei dieser Frage wurde es Dinny zum erstenmal klar, welch großen Nachteil es für den Zeugen bedeutet, daß er die Aussagen der andern vor ihm nicht mitanhören darf. Fast war es ihr, als müsse sie nun alles ganz rückhaltlos erzählen. «Er schien mir ganz normal, nur wollte er nicht ausgehn und niemand treffen. Sein Aussehn war gesund, nur die Augen machten einen ganz krank.»

«Wie meinen Sie das?»

«Sie – sie sahn aus, als flackere ein Feuer dahinter.»

Bei diesen Worten war es ihr, als blickten die Geschworenen einen Augenblick weniger blasiert drein.

«Er wollte nicht ausgehn, sagen Sie? Er hat also während Ihres ganzen Aufenthalts das Haus nicht verlassen?»

«Doch. Am Tag vor seinem Verschwinden ging er aus und blieb, wie ich glaube, den ganzen Tag über fort.»

«Sie glauben? Waren Sie denn nicht selbst dort?»

«Nein. Ich brachte vormittags die beiden Kinder zu meiner Mutter nach Condaford und kam erst knapp vor dem Essen zurück. Hauptmann Forest war nicht zu Hause.»

«Was bewog Sie denn, die Kinder aufs Land zu bringen?»

«Mrs. Forests Bitte. Sie hatte im Benehmen ihres Gatten eine gewisse Veränderung wahrgenommen und hielt es für geraten, die Kinder außer Haus zu schaffen.»

«Hatten auch Sie eine solche Wandlung bemerkt?»

«Ja. Er schien mir noch rastloser und wohl auch mißtrauischer als gewöhnlich, und zum Dinner trank er mehr als sonst.»

«Und im übrigen fiel Ihnen nichts Besondres auf?»

«Nein. Ich –»

«Nun, Miß Cherrell?»

«Ich wollte etwas sagen, was ich nicht aus eigener Erfahrung weiß.»

«Eine vertrauliche Mitteilung von Mrs. Forest?»

«Ja.»

«Nun, das brauchen Sie uns nicht zu erzählen.»

«Danke, Sir.»

«Nachdem Sie also die Kinder zu Ihrer Mutter aufs Land gebracht hatten, kamen Sie wieder zurück. Hauptmann Forest war Ihrer Aussage zufolge weggegangen. War seine Frau zu Hause?»

«Ja, sie war schon zum Abendessen gekleidet. Ich zog mich rasch um, und wir speisten zu zweit. Wir hatten große Angst um ihn.»

«Und dann?»

«Nach dem Dinner gingen wir ins Empfangszimmer hinauf; um Mrs. Forest ein wenig zu zerstreuen, bat ich sie, mir etwas vorzusingen, sie war so erregt und nervös. Bald drauf hörten wir die Haustür gehn, Hauptmann Forest trat ein und nahm Platz.»

«Sagte er etwas?»

«Nein.»

«Wie sah er denn aus?»

«Entsetzlich, wie mir schien. Sein Benehmen war so eigen, so gezwungen, er stand offenbar unter dem Druck eines gräßlichen Entschlusses.»

«Nun, und?»

«Mrs. Forest fragte ihn, ob er schon gespeist habe und zu Bett gehn möchte, und ob der Arzt ihn besuchen solle. Er gab jedoch keine Antwort und saß mit geschloßnen Augen wie schlafend da. Endlich flüsterte ich Mrs. Forest zu: ‹Was meinst du, schläft er?› Plötzlich schrie er auf: ‹Schlafen! Es packt mich schon wieder. Das wart ich nicht ab, Herrgott, das wart ich nicht ab!›»

Beim Bericht dieser Worte ermaß Dinny zum erstenmal die volle Bedeutung des Ausdrucks ‹Bewegung im Auditorium›. Irgendwie auf geheimnisvolle Art hatte sie jenes erregende Moment in das Verhör gebracht, das den Aussagen der Zeugen vor ihr gefehlt hatte. Ob sie aber auch gut daran getan, vermochte sie ganz und gar nicht zu erkennen. Ihr Blick suchte Adrians Gesicht. Er nickte ihr fast unmerklich zu.

«Nun, Miß Cherrell?»

«Mrs. Forest näherte sich ihm, da stieß er hervor: ‹Laß mich in Ruh. Pack dich!› Wenn ich nicht irre, erwiderte sie: ‹Ronald, soll nicht doch jemand bei dir bleiben und dir ein Schlafmittel geben?› Er aber sprang auf und brüllte: ‹Pack dich! Ich mag niemand sehn! Niemand!›»

«Und dann, Miß Cherrell?»

«Wir hatten Angst. Wir gingen in mein Zimmer hinauf und berieten uns. Ich meinte, wir müßten telephonieren.»

«Wem?»

«Mrs. Forests Hausarzt. Sie wollte es selbst besorgen. Ich aber hielt sie zurück und lief hinab. Das Telephon befindet sich in dem kleinen Bibliothekszimmer im Erdgeschoß. Ich schlug eben die Nummer nach, da fühlte ich, wie mich jemand am Handgelenk ergriff. Hinter mir stand Hauptmann Forest. Er schnitt den Telephondraht mit einem Messer durch und umklammerte meinen Arm. Ich rief: ‹Unsinn, Hauptmann Forest, wir meinen es mit Ihnen ja gut!› Da ließ er mich los, steckte das Messer ein und hieß mich die Schuhe anziehn. Ich hielt sie nämlich in der Hand.»

«Hatten Sie denn die Schuhe abgelegt?»

«Ja, um ganz leise die Treppe hinabzulaufen. Ich zog die Schuhe wieder an. ‹Ich dulde keine Einmengung›, rief er, ‹verstanden? Ich nehme mein Schicksal selbst in die Hand!› ‹Wir wollen doch nur Ihr Bestes›, wandte ich ein. ‹Dieses Beste kenn ich›, gab er zurück, ‹hab genug davon!› Dann blickte er aus dem Fenster und sagte: ‹Wie es gießt! Ein Höllenwetter!› Dann wandte er sich mir zu und schrie: ‹Hinaus! Fort, hinaus!› Und ich floh die Treppe hinan.»

Dinny machte eine Pause und holte tief Atem. Ihr Herz schlug schneller, nun, da sie diese Momente nochmals durchlebte. Sie schloß die Augen.

«Nun, Miß Cherrell, was dann?»

Sie schlug die Augen wieder auf. Hier saßen noch immer Vorsitzender und Geschworne mit halbgeöffnetem Mund. «Ich erzählte Mrs. Forest von dem Vorfall. Wir wußten nicht aus noch ein – wußten uns gar nicht zu helfen. Ich riet ihr, wir sollten das Bett vor die Tür schieben und zu schlafen versuchen.»

«Und haben Sie geschlafen?»

«Ja. Doch wir lagen lange wach. Mrs. Forest war so erschöpft, daß sie schließlich einschlummerte, und gegen Morgen fiel auch ich in Schlaf. Das Mädchen weckte mich durch ein Klopfen an der Tür.»

«Und von Hauptmann Forest haben Sie während der ganzen Nacht nichts mehr gehört?»

Dinny fuhr der Grundsatz des Schuljungen durch den Sinn: ›Lüge, aber laß dich nicht erwischen!› Und mit fester Stimme gab sie zur Antwort: «Nein, nichts.»

«Um welche Zeit wurden Sie geweckt?»

«Um acht. Ich weckte meine Freundin, und wir gingen sogleich hinunter. Mr. Forests Schlafzimmer lag in wüster Unordnung; wie es schien, hatte er auf dem Bett gelegen, doch nun war er nirgends zu finden. Auch sein Hut und Mantel waren von dem Sessel in der Halle, auf den er sie hingeschleudert, verschwunden.»

«Was taten Sie dann?»

«Wir hielten Rat. Mrs. Forest wollte zu ihrem Arzt gehn und zu unserm gemeinsamen Vetter, dem Abgeordneten Michael Mont. Ich aber dachte, am ehesten würde mein Onkel Hauptmann Forest ausfindig machen. Drum überredete ich sie, zu meinem Onkel Adrian zu gehn und ihn zu bitten, gemeinsam mit Onkel Hilary Hauptmann Forest zu suchen. Ich kannte sie beide als sehr gescheite und taktvolle Menschen.» Dinny sah, wie sich der Vorsitzende leicht gegen ihre Onkel verneigte, und fuhr rasch fort: «Sie sind alte Freunde der Familie Forest. Ich dachte: ‹Wenn diese beiden ihn nicht in unauffälliger Weise finden, dann kann das wohl niemand.› Wir begaben uns also zu Onkel Adrian, und er versprach uns, zusammen mit Onkel Hilary Hauptmann Forest zu suchen. Dann brachte ich Mrs. Forest zu ihren Kindern nach Condaford. Mehr weiß ich nicht, Sir.»

Der Vorsitzende machte ihr eine tiefe Verbeugung und sagte: «Danke, Miß Cherrell, Sie haben vortrefflich klar ausgesagt.» Die Geschwornen rutschten unruhig auf ihren Bänken, als wollten sie sich gleichfalls verneigen. Dinny gab sich einen Ruck, schritt von der Zeugenbarre fort und setzte sich neben Hilary, der seine Hand auf ihre legte. Wie sie so still neben ihm saß, fühlte sie, daß ihr eine Träne (natürlich war es nur eine Nachwirkung des Hirschhornsalzes) langsam über die Wange lief. Teilnahmslos hörte sie die Zeugenaussage des ärztlichen Leiters der Anstalt und die Ansprache des Vorsitzenden, dann harrte sie stumm des Urteils. Es schmerzte sie, daß sie aus Liebe zu den Lebenden gegen den Toten lieblos gehandelt hatte. Ein entsetzliches Gefühl, sie hatte einen Mann des Irrsinns geziehn, der sich gegen diesen Anwurf nicht mehr wehren konnte. Bang und voll Spannung sah sie endlich die Geschwornen im Gänsemarsch zu ihren Sitzen zurückkehren; der Obmann erhob sich, um über Aufforderung des Vorsitzenden ihre Entscheidung kundzugeben.

«Wir stellen fest, daß der Verstorbene durch Absturz in einen Kreidebruch den Tod gefunden hat.»

«Also Tod durch Unfall», erklärte der Vorsitzende.

«Wir möchten der Witwe unser Beileid aussprechen.»

Dinny fühlte sich beinah versucht, Beifall zu klatschen. Sie hatten im zweifelhaften Fall zugunsten der Beteiligten entschieden, diese blasierten Männer! Und fast mit persönlicher Wärme hob sie plötzlich den Kopf und lächelte ihnen zu.


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