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Zwölftes Kapitel

Das Charakterbild eines jungen Engländers von schweigsamem Schlag ist nicht so leicht zu entwerfen. Die Spezies der Gesprächigen läßt sich mühelos ergründen. Ihre Manieren und Gepflogenheiten fallen ins Auge und sind für das Leben der Nation nicht eben von Bedeutung. Laut, geschwätzig, kritisch, erfinderisch, schlau, kennen und beachten sie nur die ihnen Wesensverwandten und bilden sozusagen eine schillernde Iris auf der Oberfläche eines Morasts, die den Grundschlamm verdeckt. In fließender Rede und in geistvollen Aphorismen sagen sie immer wieder – so gut wie nichts. Jene andern aber, deren Leben von zielbewußter Arbeit erfüllt ist, bekommt man fast nie zu Gesicht, aber gediegene Menschen sind sie doch. Gefühle, die sich beständig in Worten entladen, zerflattern mit den Worten. Empfindungen, die nie zum Ausdruck gelangen, schlagen um so tiefer Wurzel. Hubert sah weder robust aus noch war er geistig beschränkt. Selbst diese allgemein verbreiteten Merkmale der schweigsamen Spezies waren bei ihm nicht zu finden. Er war geschickt, sensibel, durchaus nicht dumm und vermochte in seiner ruhigen Art Personen und Ereignisse so»treffend zu beurteilen, wie die Redseligen es kaum für möglich gehalten hätten; doch behielt er sein Urteil für sich, ließ sich nie hören – bis vor kurzem hatte es ihm ja auch an Gelegenheit dazu gefehlt. Wer Hubert Cherrell in einem Rauchzimmer, beim Dinner oder in einer ähnlichen Situation sah, in der Schwatzmäuler brillieren, erkannte sofort, daß diesen jungen Mann weder Zeit noch Gelegenheit je gesprächig machen konnten. Weder das Universitätsleben noch London hatten ihren geselligen Einfluß auf ihn geübt, er war ja schon in früher Jugend als Offizier in den Krieg gezogen. Und dann hatten ein achtjähriger Aufenthalt in Mesopotamien, Ägypten und Indien, ein Jahr der Krankheit und die Expedition Hallorsens seinem Gesicht einen abweisenden, verschlossenen und ziemlich bittern Zug aufgeprägt. Ein Mann seines Schlags mußte sich bei einem müßigen Leben vor Kummer verzehren. Nur zu Roß oder mit Hund und Flinte fand er das Dasein einigermaßen erträglich. Wenn es ihm aber an solcher Ablenkung gebrach, gab er sich dumpfem Brüten hin.

Drei Tage nach dem Besuch in Lippinghall trat Hubert, die ‹Times› in der Hand, zu Dinny auf die Terrasse hinaus. «Sieh dir das an!» Dinny las:

 

‹Geehrter Herr!

Gestatten Sie mir die Bitte, in Ihrem Blatte einen Irrtum richtigstellen zu dürfen. Wie ich erfahre, fühlt sich der Zweitkommandierende meiner Expedition, Hauptmann Hubert Cherrell, Inhaber der Tapferkeitsmedaille, der mit dem Transport betraut war, durch gewisse Abschnitte meines im Juli dieses Jahres erschienenen Buches ‹Bolivien und seine Geheimnisse› schwer betroffen. Beim neuerlichen Überlesen dieser Stellen kam ich zu der Überzeugung, daß wohl der Verdruß über das teilweise Mißlingen der Expedition und der Zustand der Überarbeitung, in dem ich mich nach der Heimkehr befand, mich zu ungerechtfertigter Kritik an Hauptmann Cherrells Vorgehen verleiteten. In der zweiten, verbesserten Auflage, die hoffentlich bald erscheint, werden die betreffenden Stellen geändert. Inzwischen möchte ich in Ihrem geschätzten Blatte die Beschuldigung zurückziehen. Es ist mir eine angenehme Pflicht, Hauptmann Cherrell und der britischen Armee, der er angehört, meine Entschuldigung auszusprechen und mein aufrichtiges Bedauern über jede Kränkung, die ich ihm vielleicht verursacht habe.

Ihr sehr ergebener
Edward Hallorsen,
Professor

Piedmont-Hotel, London›

 

«Recht nett», erklärte Dinny, ein wenig zitternd.

«Hallorsen in London! Zum Teufel, was führt er damit im Schilde?»

Langsam pflückte Dinny die gelben Blätter von einem Agapanthusstock. Plötzlich wurde ihr klar, wie gefährlich es sei, für andre Leute zu handeln. «Das sieht fast aus, als fühlte er Reue.»

«Der und Reue! Der! Da steckt was dahinter.»

«Jawohl, ich.»

«Du?!»

Dinny verbarg ihren Schreck hinter einem Lächeln.

«Ich traf Hallorsen in London, in Angelas Haus. In Lippinghall war er auch zu Gast. So hab ich – eh – seine Bekanntschaft gemacht.»

Huberts bleiches Gesicht färbte sich feuerrot.

«Du hast ihn gebeten – gebettelt –?»

«Keine Spur!»

«Was denn?»

«Er schien an mir Gefallen zu finden. Seltsam – Hubert, ich kann nichts dafür.»

«Er tat das also, um sich bei dir einzuschmeicheln?»

«Du formulierst das wie ein Mann und Bruder.»

«Dinny!»

Dinny errötete gleichfalls und verbarg jetzt Ärger hinter ihrem Lächeln.

«Ich hab ihn nicht dazu verleitet, hab ihn oft genug abziehn lassen wie einen begossenen Pudel. Ganz von selbst hat er diese unsinnige Neigung gefaßt. Doch meiner Meinung nach, Hubert, ist er ein anständiger Kerl.»

«Das sagst du natürlich», gab Hubert kalt zurück. Sein Gesicht war wieder bleich geworden, fast aschfahl.

Impulsiv faßte ihn Dinny am Ärmel. «Sei doch gescheit, lieber Hubert! Wenn er öffentlich widerrufen hat, mag sein Beweggrund auch noch so töricht sein, ist das nicht günstig für uns?»

«Nicht, wenn meine Schwester im Spiel ist. In diesen Dingen kenn ich keinen – keinen –.» Er fuhr sich mit den Händen an den Kopf. «Ich bin an allen Gliedern gefesselt. Jeder darf nur auf mir herumtrampeln, und ich kann mich nicht wehren.»

Dinny hatte ihre kühle Ruhe wiedergewonnen. «Sei unbesorgt, ich werde dich nicht kompromittieren. Aber dieser Brief in der ‹Times› kommt uns sehr gelegen. Er nimmt den Angreifern den Wind aus den Segeln. Wer kann nach diesem Widerruf noch etwas gegen dich sagen?»

Doch Hubert ließ den Zeitungsausschnitt in ihrer Hand und ging ins Haus zurück. Dinny war von kleinlicher Ehrsucht fast ganz frei. Ihr Sinn für Humor hinderte sie dran, ihren eigenen Leistungen Wert beizumessen. Nun fühlte sie, sie hätte dieser unerwarteten Entwicklung der Dinge vorbeugen müssen, aber wie?

Huberts Groll war nur zu natürlich. Wäre Hallorsens Erklärung aus Überzeugung erfolgt, so hätte sie Hubert versöhnlich gestimmt. Da sie aber dem Wunsch entsprang, seiner Schwester zu gefallen, steigerte sie nur noch seine Erbitterung. Hallorsens Neigung zu ihr brachte Hubert vollends in Harnisch. Immerhin bedeutete diese Zuschrift ein offenes, unzweideutiges Eingeständnis, daß die Kritik an ihrem Bruder ungerechtfertigt gewesen. Veränderte das nicht die Sachlage mit einem Schlag? Trotzdem begann Dinny sogleich darüber nachzudenken, wie sie Hallorsens Brief verwerten könne. Sollte sie diesen Zeitungsausschnitt vielleicht an Lord Saxenden senden? Da sie sich nun einmal in die Affäre eingelassen, beschloß sie, auch das noch zu tun, und trat ins Zimmer, um den Begleitbrief zu schreiben.

 

Condaford, den 21. September.

Geehrter Lord Saxenden!

Anbei übersende ich Ihnen einen Ausschnitt aus der heutigen ‹Times›, der mir meine Kühnheit vom letzten Abend in Lippinghall einigermaßen zu entschuldigen scheint. Nach einem so anstrengenden Tag hätte ich Sie wirklich nicht auch noch durch das Vorlesen gewisser Stellen aus dem Tagebuch meines Bruders langweilen sollen. Es war unverzeihlich von mir, und ich begreife sehr wohl, daß Sie zum Schlaf Ihre Zuflucht nahmen. Doch die Beilage wird Ihnen zeigen, welch ungerechte Kritik mein Bruder erdulden mußte.

Hoffentlich verzeihen Sie also

Ihrer ergebenen
Elizabeth Cherrell›

Sie schloß den Zeitungsausschnitt bei, schlug Lord Saxendens Londoner Adresse nach, schrieb sie auf den Umschlag und setzte drunter den Vermerk ‹Privat›.

Als sie kurz danach zu Hubert wollte, erfuhr sie, er habe sich im Auto nach der Stadt begeben …

Hubert fuhr in raschem Tempo. Dinnys Erklärung über Hallorsens Brief hatte ihn tief erregt. Er legte die langweiligen achtzig Kilometer in kaum zwei Stunden zurück und traf um ein Uhr mittags im Piedmont-Hotel ein. Seit er vor sechs Monaten Hallorsen verlassen, hatten beide kein Wort mehr gewechselt. Hubert übergab seine Karte und wartete in der Halle. Er wußte nicht recht, was er Hallorsen eigentlich sagen wollte. Als die hohe Gestalt des Amerikaners hinter dem Hotelboy auftauchte, überlief es ihn eiskalt.

«Hauptmann Cherrell!» rief Hallorsen und streckte ihm die Hand entgegen.

Huberts angeborne Scheu vor Szenen war noch stärker als sein Groll; er nahm die Hand, doch ohne sie zu drücken.

«Aus der ‹Times› habe ich ersehn, daß Sie in London sind. Könnte ich Sie irgendwo ungestört fünf Minuten sprechen?»

Hallorsen führte ihn zu einem Erkerfenster und hieß den Kellner ein paar Cocktails bringen.

«Danke, ich nehme nichts. Doch gestatten Sie, daß ich rauche?»

«Hoffentlich die Friedenspfeife, Hauptmann Cherrell.»

«Weiß nicht. Eine Ehrenerklärung, die nicht aus aufrichtiger Überzeugung kommt, hat in meinen Augen nicht den geringsten Wert.»

«Wer sagt Ihnen, daß sie nicht aus aufrichtiger Überzeugung kommt?»

«Meine Schwester.»

«Ihre Schwester, Hauptmann Cherrell, ist eine ungemein feine und bezaubernde Dame. Ich möchte ihr nicht gern widersprechen.»

«Nehmen Sie mir's krumm, wenn ich ganz offen mit Ihnen spreche?»

«Keine Idee.»

«Dann ziehe ich es entschieden vor, von Ihnen keine Ehrenerklärung zu erhalten, als sie Ihrer Neigung für meine Schwester zu verdanken.»

«Nun», erwiderte Hallorsen nach einem Schweigen, «ich kann doch nicht der ‹Times› schreiben, daß ich eine irrtümliche Ehrenerklärung abgab. Ich zweifle sehr, ob sie diese Berichtigung bringen würde. Ich war schwer verstimmt, als ich mein Buch schrieb. Das habe ich schon Ihrer Schwester erklärt und wiederhole es Ihnen heute nochmals. Ich hatte alles Mitgefühl verloren, und das tut mir jetzt aufrichtig leid.»

«Auf Ihr Mitgefühl verzichte ich. Ich will Gerechtigkeit. Hab ich den Mißerfolg verschuldet oder nicht?»

«Na, ohne Frage hat Ihr Unvermögen, dieses Pack beisammen zu halten, mir die letzte Chance verdorben.»

«Das geb ich zu. Aber war es meine Schuld, daß ich es nicht zuwege brachte, oder die Ihre, weil Sie ein Ding der Unmöglichkeit von mir verlangten?»

Eine volle Minute sahn die beiden Männer einander stumm in die Augen. Dann streckte Hallorsen Hauptmann Cherrell nochmals die Hand entgegen.

«Schlagen Sie ein!» bat er, «es war meine Schuld.»

Hubert wollte ihm impulsiv die Hand reichen, zog sie aber auf halbem Weg wieder zurück. «Einen Augenblick! Sagten Sie das meiner Schwester zu Gefallen?»

«Nein, Herr, aus Überzeugung.»

Hubert ergriff die dargebotne Hand.

«Ausgezeichnet!» rief Hallorsen. «Wir haben einander nicht verstanden, Hauptmann. Seit ich jedoch in einem eurer alten Herrenhäuser zu Gast war, begreife ich, warum es so kommen mußte. Ich hatte von Ihnen etwas erwartet, was man von euch Engländern der vornehmen Gesellschaft nicht erwarten darf: so zu reden, wie euch der Schnabel gewachsen ist. Man muß, scheint mir, eure Äußerungen gewissermaßen übersetzen, und ich brachte das nicht zuwege, drum waren wir einander ein Buch mit sieben Siegeln. Und auf diese Art gerieten wir in Streit.»

«Ich weiß nicht warum, aber wir haben uns gründlich zerstritten.»

«Ich wollte, wir könnten einen neuen Anfang machen.»

Hubert schauderte zusammen. «Ich nicht.»

«Ich will tun, was ich nur kann, meinen Fehler gutzumachen. Und nun, Hauptmann, möchten Sie nicht mit mir zum Lunch kommen? Wollen Sie mir nicht sagen, womit ich Ihnen dienen könnte?»

Einen Augenblick schwieg Hubert, seine Miene blieb unbewegt, nur die Hände bebten leicht.

«Besten Dank!» entgegnete er, «ich weiß nichts.»

Und sie begaben sich ins Lunchzimmer.


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