Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Drittes Kapitel

Die Jagdflinte an der Schulter, schritt Hubert Cherrell in Begleitung eines Wachtelhundes über die altersgrauen Steinfliesen der Terrasse. Er war übermittelgroß, hager und hatte einen aufrechten Gang; sein Kopf war schmal, das Gesicht trotz seiner Jugend gefurcht und verwittert. Über den schmalen, ausdrucksvollen Lippen trug er einen kurzgestutzten dunklen Schnurrbart, sein Haar begann an den Schläfen bereits zu ergrauen. Er hatte magere braune Wangen mit ziemlich hohen Backenknochen, eine schmale, gerade Nase und haselnußbraune, ziemlich weit auseinanderliegende Augen; die Brauen liefen gegen die Mitte der Stirn zu ein wenig aufwärts. Er war wirklich eine jüngere Auflage seines Vaters. Wenn ein Mann der Tat zu beschaulichem Leben verurteilt wird, fühlt er sich unglücklich und strebt um jeden Preis wieder hinaus. Seit Hallorsen sein Verhalten so scharf angegriffen, empfand Hubert dumpfen Groll – er war überzeugt, er habe richtig, ja notgedrungen gehandelt. Und sein Groll fraß sich um so tiefer, da Charakter und Erziehung ihm verboten, diesen Gefühlen Ausdruck zu geben. Die militärische Laufbahn hatte er nicht zufällig, sondern aus echter Neigung eingeschlagen; nun sah er seine Karriere gefährdet, seinen Namen als Offizier und Gentleman verunglimpft und fand keine Möglichkeit, sich von seinen Beleidigern Genugtuung zu verschaffen. Ihm war's, als dürfe nun jeder ungestraft auf ihm herumtrampeln – für einen stolzen Mann ein unsäglich bitteres Gefühl. Er ließ Hund und Flinte auf der Terrasse zurück und trat durch die Glastür ein. Sogleich merkte er, daß man eben von ihm gesprochen. Täglich platzte er jetzt in Debatten über seine Zukunft hinein; denn in dieser Familie machte jeder die Sorgen des andern zu seinen eigenen. Er nahm von der Mutter eine Tasse Tee entgegen, erklärte, die Hühnerjagd heiße nicht mehr viel, der Wald stehe zu dünn, dann trat Schweigen ein.

«So, jetzt seh ich meine Post durch», sagte der General und verließ das Zimmer; seine Frau folgte ihm.

Dinny und ihr Bruder blieben allein. Sie nahm sich ein Herz und erklärte: «Hubert, es muß etwas geschehn.»

«Mach dir keine Sorgen, Liebe. Eine scheußliche Geschichte, läßt sich aber nicht ändern.»

«Nimm dein Tagebuch und stell die Sache einmal von deinem Standpunkt dar! Ich schreib dir's auf der Maschine ab, und Michael verschafft dir bestimmt einen Verleger, er ist doch mit all diesen Leuten bekannt. Das können wir doch nicht auf uns sitzen lassen.»

«Es widerstrebt mir, meine Privatangelegenheiten in der Öffentlichkeit breitzutreten; und das bliebe mir nicht erspart.»

Dinny runzelte die Stirn. «Und mir widerstrebt es, daß dieser Amerikaner alles dir in die Schuhe schiebt. Bedenke, Hubert, du bist es der britischen Armee schuldig.»

«Na, so schlimm ist es nicht. An der Expedition nahm ich ja als Zivilist teil.»

«Veröffentliche doch dein Tagebuch, so wie es ist.»

«Das wäre noch schlimmer. Du kennst es nicht.»

«Wir könnten ja einzelne Stellen streichen oder ausschmücken. Weißt du, dem Vater geht die Sache sehr nah.»

«Am besten, du liest das Zeug. Es strotzt von Kraftausdrücken. Wenn man so verlassen ist, läßt man sich eben gehn.»

«Laß einfach weg, was dir nicht gefällt.»

«Bist wirklich ein lieber Kerl, Dinny.»

Dinny strich über seinen Ärmel. «Sag, was für ein Mensch ist dieser Hallorsen eigentlich?»

«Offen gestanden, er hat viele Vorzüge. Frischen Mut, eiserne Gesundheit, keine Nerven. Doch nichts in der Welt geht ihm über Hallorsen. Niederlagen erträgt er nicht, und wenn ihm was mißglückt, dann muß ein andrer herhalten. Nach seiner Behauptung ist das Unternehmen an der schlechten Leitung des Transports gescheitert, und für den Transport hatte ich zu sorgen. Aber in meiner Lage hätte es kein Gott und kein Teufel besser gemacht. Er hat sich eben verrechnet, gibt es aber nicht zu. Das kannst du alles in meinem Tagebuch finden.»

«Hast du das da schon gesehn?» Sie hielt einen Zeitungsausschnitt hoch und las vor: «‹Wie wir erfahren, unternimmt Hauptmann Cherrell, Inhaber der Tapferkeitsmedaille, Schritte, um seine Ehre gegen die Anwürfe zu verteidigen, die Professor Hallorsen in seinem Bericht über die Forschungsreise nach Bolivien gegen ihn erhoben hat. Hallorsen legt bekanntlich Hauptmann Cherrell das Mißlingen zur Last, weil dieser ihn im kritischen Moment mit dem Transport im Stich ließ.› Da will euch jemand aufeinanderhetzen.»

«Wo ist das erschienen?»

«In der ‹Abendsonne›.»

«Schritte unternehmen!» rief Hubert bitter, «was für Schritte? Woher nehm ich einen Zeugen? Mutterseelenallein hat er mich mit dieser Mestizenbrut zurückgelassen.»

«Dann bleibt dir also nur das Tagebuch.»

«Na, ich bring dir das verdammte Zeug …»

 

In dieser Nacht saß Dinny am Fenster und las das ‹verdammte Zeug›. Totenstille ringsum, zwischen den Ulmenzweigen stieg der Vollmond empor. Vom Hügel her drang das Läuten einer einzigen Herdenglocke; eine einzige Magnolienblüte schimmerte ganz nah an ihrem Fenster. Alles schien verzaubert, und immer wieder hielt sie inne und blickte hinaus in die Nacht. Wohl an die zehntausendmal war der Vollmond auf- und niedergegangen, seit ihre Vorfahren diesen Fleck Erde bewohnten. Und im stillen Geborgensein dieser uralten Wohnstätte empfand sie um so mehr die trostlose Verlassenheit, die aus jenen Zeilen sprach. Ein krasser Bericht krasser Tatsachen – da hatte ein Europäer allein inmitten einer Horde von Wilden gehaust, ein Tierfreund inmitten halbverhungerter Tiere und mitleidloser Menschen. In der kühlen Schönheit, dem tiefen Frieden dieser Nacht las sie weiter. Ganz heiß wurde ihr dabei und ganz erbärmlich elend.

‹Castro, dieses verlauste Biest, hat die Maultiere wieder mit seinem verdammten Messer traktiert. Die armen Viecher sind klapperdürr, haben nicht halb soviel Kraft wie früher. Zum letztenmal habe ich ihn jetzt gewarnt. Tut er's wieder, so kriegt er Prügel … Heute Fieber gehabt.›

‹Castro hat heut eine tüchtige Lektion erhalten – fünfundzwanzig! Will doch sehn, ob dem Kerl jetzt die Lust vergeht. Mit diesen Biestern kann man einfach nicht auskommen, das sind ja keine Menschen mehr. Herrgott, könnt ich nur einen Tag wieder in Condaford sein, auf meinem Reitpferd, weit, weit weg von diesen öden Sümpfen und diesen erbärmlichen Maultiergerippen …›

‹Hab einen zweiten dieser Schweinehunde prügeln lassen. Eine Niedertracht, wie sie die Maultiere behandeln! Hol sie der Satan! … Wieder Fieber gehabt …›

‹Tod und Teufel! – heut morgen gab's eine regelrechte Meuterei. Sie sind über mich hergefallen. Manuel hat mich zum Glück gewarnt – ein braver Bursch. Um ein Haar war mir Castros Messer in die Gurgel gefahren. Meinen linken Arm hat's erwischt. Hab den Kerl mit eigner Hand niedergeknallt. Vielleicht pariert die Bande jetzt. Von Hallorsen kein Lebenszeichen. Wie lang läßt er mich noch in dieser Hölle braten? Scheußliche Misere mit dem kranken Arm.›

‹Da hört doch alles auf! – während ich schlief, sind diese Schweinehunde mit den Maultieren bei Nacht und Nebel auf und davon. Nur Manuel und zwei andere Burschen blieben zurück. Wir sind ihrer Spur ein weites Stück gefolgt – stießen aber nur auf die Kadaver zweier Maultiere; das Pack ist in alle Winde zerstoben. Sie suchen? Lachhaft! Dann sind wir ins Lager zurück – völlig geschlagen … Weiß Gott, ob wir lebend davonkommen. Mein Arm tut höllisch weh, hoffentlich ist es keine Blutvergiftung …›

‹Heut haben wir beschlossen, uns, so gut es geht, mit dem Gepäck auf den Rückweg zu machen. Ließ einen Steinhaufen aufschichten und ließ für Hallorsen einen ausführlichen Bericht zurück, falls er mich je holen sollte. Dann hab ich mich eines andern besonnen. Ich rühr mich nicht vom Fleck, bis er kommt, oder bis wir alle krepiert sind, und das ist wahrscheinlicher …›

Und so ging es weiter bis zum Ende – die Geschichte eines bittern Kampfes. Dinny legte die vergilbten Blätter mit den verblaßten Schriftzügen fort und stützte die Arme aufs Fensterbrett. Die tiefe Stille und das kalte Mondlicht da draußen hatten ihre Gefühle gedämpft und abgekühlt. Ihre Kampflust war verflogen. Hubert hatte recht. Man stellte seine Seele nicht nackt und bloß zur Schau, man verbarg vor der Welt seine Wunde. Nur das nicht, um keinen Preis! Beziehungen suchen – das war der einzige Weg! Und den wollte sie unverdrossen wandern.


 << zurück weiter >>