Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Neunzehntes Kapitel

Hätte jemand Hilary Cherrell, dem Pfarrer von Sankt Augustin im Grünen, ins Herz schaun und seine geheimsten Gedanken darin lesen können, Gedanken, die er nie durch ein Wort, ja auch nur eine Miene verriet, so wäre ihm klar geworden, daß Hilary von seinem aufopfernden Wirken sich selbst nicht viel Erfolg versprach. Doch es war ihm nun einmal in Fleisch und Blut übergegangen, andern als Führer und Berater zu dienen. Wie ein Spürhund auf einem gewöhnlichen Spaziergang sofort irgendeine Spur zu verfolgen beginnt, wie ein Dalmatiner Hund auf einem Ritt von Anfang an sich dem Roß an die Fersen heftet, so trieb auch Hilary seine Erbanlage zu rastloser Arbeit für seine Mitmenschen; er entstammte ja einer Familie, die seit vielen Generationen dem Vaterland Beamte und Soldaten gestellt hatte. Doch war er drum keineswegs überzeugt, daß sein unermüdlicher Eifer irgendeinen Erfolg bringen werde. In einer Zeit, da der Zweifel an allem fraß, da jedermann sich unwiderstehlich versucht fühlte, über Stand und Standestraditionen zu spotten, vertrat er eine Kaste, die von Geburt dazu bestimmt schien, ihre Pflicht zu erfüllen, nicht um dadurch andern Wohltaten zu erweisen, nicht um Vorteile zu ergattern, sondern lediglich darum, weil man es selbst für Fahnenflucht gehalten hätte, das Amt niederzulegen. Hilary fiel es nicht im Traum ein, durch sein Beispiel die Lebensberechtigung seiner Kaste zu dokumentieren oder dem Volk jenes Wirken für die Öffentlichkeit vor Augen zu führen, dem sein Vater, der Diplomat, sein Onkel, der Bischof, seine Brüder, der Soldat, der Kustos und der Richter (Lionel war unlängst ernannt worden), ihr Leben geweiht hatten. Seiner Meinung nach wurstelten sie und er selbst nur so weiter. Allerdings verband er mit jeder einzelnen Arbeit einen bestimmten Zweck, der aber, wie er sich gestand, in seinem Herzen eher auf Sand denn auf Fels geschrieben war.

An jenem Morgen nach Forests Heimkehr, um halb zehn, saß er eben vor seiner ausgebreiteten Korrespondenz, da trat Adrian in sein ziemlich kahles Arbeitszimmer. Unter Adrians zahlreichen männlichen Freunden konnte nur Hilary das Gefühlsleben und die Lage des Bruders recht verstehn. Hilary war bloß um zwei Jahre älter, und beide hingen seit ihrer Kindheit unzertrennlich aneinander. Beide hatten in der Vorkriegszeit als Hochtouristen bedenkliche Aufstiege und noch bedenklichere Abstiege unternommen, beide hatten den Krieg mitgemacht, Hilary als Feldkaplan in Frankreich, Adrian, der Arabisch sprach, als Unterhändler im Osten. Ihr Temperament war verschieden, doch grade darum hielt ihre Freundschaft um so fester. Sie verstanden einander mit wenig Worten, und Hilary begann ohne Umschweife: «Gibt's heut etwas Neues?»

«Nichts Neues, sagt Dinny. Doch spätestens in einer Woche muß das Wohnen im selben Haus dazu führen, daß er die Selbstbeherrschung verliert. Für den Augenblick mag ja das Gefühl, er sei nun wieder im eignen Haus und sein eigner Herr, ihn ruhig stimmen. Aber länger als eine Woche hält diese Ruhe kaum vor. Ich fahre jetzt in die Anstalt hinaus, doch die Leute dort werden schwerlich mehr wissen als wir.»

«Verzeih, lieber Bruder, das Beste wäre wohl die Wiederaufnahme der ehelichen Gemeinschaft.»

In Adrians Gesicht zuckte es.

«Das geht über Menschenkraft. Eine solche Zumutung ist unsäglich grausam. So etwas dürfte man von einer Frau nicht verlangen.»

«Wenn der arme Kerl gesund bleibt, dann schon.»

«Die Entscheidung liegt einzig und allein bei ihr. Das zu ertragen, kann man von niemandem begehren. Denk doch an seine krankhafte Leidenschaftlichkeit vor dem Ausbruch des Wahnsinns. Aus dem Haus müßte man ihn schaffen, Hilary.»

«Einfacher wär's, wenn sie woanders Zuflucht suchte.»

«Wer soll sie aufnehmen, wenn nicht ich, und das brächte ihn zweifellos gleich wieder um den Verstand.»

«Wenn ihr die Verhältnisse bei uns passen, könnte sie zu uns ziehn», sagte Hilary.

«Aber die Kinder ?»

«Die auch, wenn's sein muß. Freilich, Einsamkeit und Müßiggang tragen wohl kaum zu seiner Genesung bei. Könnte er nicht irgendeine Arbeit leisten ?»

«Ich glaube nicht. Vier Jahre eines solchen Lebens bringen jeden um. Und wer sollte ihm eine Beschäftigung geben? Könnte ich ihn nur dazu bewegen, daß er zu mir zieht!»

«Dinny und das andre Mädchen meinten, er sehe ganz normal aus und spreche durchaus vernünftig.»

«In gewisser Weise ja. Vielleicht sind die Leute in der Anstalt informiert.»

Hilary faßte den Bruder am Arm. «Altes Haus, das ist wahrhaftig entsetzlich für dich. Aber ich wette zehn gegen eins, das Ganze ist nicht so schlimm, wie wir glauben. Ich will mit May sprechen, sprich du mit den Leuten im Sanatorium. Wenn du dann meinst, es sei für Angela am besten, zu uns zu ziehn, so lade sie in mein Haus.»

Adrian drückte die Hand, die auf seinem Arm lag.

«Jetzt will ich eilen, um meinen Zug noch zu erreichen.»

Als er wieder allein war, stand Hilary stirnrunzelnd da. Er hatte die Unerforschlichkeit der göttlichen Vorsehung so gründlich kennengelernt, daß er selbst in seinen Predigten schon längst nicht mehr ihre Güte pries.

Doch hatte er auch erfahren, daß viele Leute durch zähen Widerstand ihr Mißgeschick überwanden und daß viele andre sich drein ergaben und schließlich ganz zufrieden lebten. Seiner Meinung nach wurde die Bedeutung des Unglücks meist überschätzt, und jeder Verlust lief am Ende auf einen Gewinn hinaus, wenn man nur durchhielt und den Mut nicht sinken ließ. In diesem Augenblick trat sein zweiter Besuch ein, Millicent Pole, jenes Mädchen, das kürzlich vorm Polizeigericht gestanden. Sie hatte ihren Posten bei Petter & Poplins verloren, da ihre Unbescholtenheit vor Gericht das üble Gerede nicht zum Schweigen bringen konnte.

Sie erschien zur vereinbarten Zeit in einem netten blauen Kleid; offenbar pflegte sie alles ersparte Geld auf die äußere Erscheinung zu verwenden. Nun wartete sie auf das Verhör.

«Wie geht's Ihrer Schwester, Millie?»

«Gestern is sie aus dem Spital zurückgekommen, Mr. Cherrell.»

«Ist sie denn schon wiederhergestellt?»

«Ich glaub nicht, aber wenn sie länger fortbleibt, sagt sie, verliert sie am Ende auch ihren Posten.»

«Wieso denn?»

«Wenn sie länger fortbleibt, sagt sie, glaubt man bei der Firma vielleicht, sie war auch so eine wie ich.»

«Na, wie steht's denn mit Ihnen? Möchten Sie nicht aufs Land gehn?»

«Ach nein.»

Hilary sah sie prüfend an. Ein anmutiges Mädchen, hübsches Gesicht, feine Fesseln, sinnlicher Mund. ‹Die müßte bald unter die Haube kommen›, fuhr es ihm durch den Kopf.

«Na, haben Sie einen jungen Mann, Millie?»

Das Mädchen lächelte.

«Ganz sicher hab ich ihn noch nicht.»

«Nicht sicher genug zum Heiraten?»

«Soviel ich seh, hat er's nicht im Sinn.»

«Und Sie?»

«Ich hab's nicht so eilig.»

«Was für Pläne haben Sie?»

«Ich möcht – möcht gern Mannekön werden.»

«So so! Hat Ihnen Ihre Firma ein Zeugnis ausgestellt?»

«Jawohl. Sie sagten, sie hätten mich nur ungern entlassen. Aber von der Geschichte stand zuviel in den Zeitungen, da mußten sie wegen der andern Mädel –»

«Verstehe. Millie, Sie haben sich da sauber in die Patsche gebracht. Ich trat für Sie ein, weil Sie arg in der Klemme waren, doch so ganz blind bin ich nicht. Versprechen Sie mir, daß so etwas nicht wieder vorkommt. Es wäre der erste Schritt zum völligen Ruin.»

Das Mädchen erwiderte haargenau, was Hilary erwartet hatte – gar nichts.

«Ich führe Sie jetzt zu meiner Frau. Beraten Sie sich mit ihr über die Zukunft. Wenn Sie keinen solchen Posten wie den frühern finden können, lassen wir Sie schnell einen Kurs absolvieren und verschaffen Ihnen dann eine Stelle als Kellnerin. Wäre Ihnen das recht?»

«Hätt nichts dagegen.»

Halb scheu, halb lächelnd blickte sie ihn an. ‹Mädel wie diese da sollte man von Staats wegen aussteuern und verheiraten›, dachte er. ‹Das einzige Mittel, sie auf dem rechten Weg zu erhalten.›

«Also, Millie, reichen Sie mir die Hand und beherzigen Sie meine Worte. Ihre Eltern waren mit mir befreundet, Sie werden ihnen gewiß keine Schande machen!»

«Nein, Herr Pfarrer.»

‹Wollen's abwarten!› dachte Hilary und führte sie in das Speisezimmer, wo seine Frau an der Schreibmaschine saß. Dann kehrte er wieder in sein Arbeitszimmer zurück, zog eine Schublade seines Schreibtisches hervor und begann sich mit Rechnungen herumzubalgen. Nirgendwo in der Welt spielte das Geld eine so wichtige Rolle wie im Elendsviertel einer Christengemeinde, deren Religion Verachtung des Geldes predigt. Das erfuhr Hilary nur zu oft.

‹Schaut an die Lilien auf dem Felde›, dachte er, ‹sie säen nicht und ernten nicht, wahrscheinlich gehn sie milde Gaben sammeln. Zum Kuckuck, wie soll ich nur die Fürsorgeschule das Jahr über durchbringen?› Das Problem war noch ungelöst, als das Mädchen mit der Meldung kam: «Hauptmann Cherrell, Miß Cherrell und Miß Tasburgh.»

‹Ha! Die lassen nicht locker!› dachte Hilary.

Er hatte seinen Neffen seit der Rückkehr von der Expedition Hallorsens nicht mehr getroffen und erschrak nun über Huberts düstere Miene und sein gealtertes Aussehn.

«Gratuliere dir, mein Lieber!» sagte er. «Hab gestern schon von deinen Plänen gehört.»

«Onkel Hilary», rief Dinny, «mach dich drauf gefaßt, als Salomo zu fungieren!»

«Salomos Ruf als Weiser, meine respektlose Nichte, ist vielleicht das Fadenscheinigste in seiner Historie», gab Hilary zurück. «Bedenk doch nur die Anzahl seiner Weiber. Na, was gibt's?»

«Onkel Hilary», erklärte Hubert, «ich hab in Erfahrung gebracht, daß man vielleicht dem Auslieferungsbegehren Boliviens Folge leisten wird. Du weißt doch, ich hab dort einen Maultiertreiber erschossen. Jeanne wünscht trotzdem augenblickliche Heirat –»

«Grade deswegen», rief Jeanne dazwischen.

«Mir aber scheint es doch sehr gewagt und ihr gegenüber ein Unrecht. Doch wir haben uns geeinigt, die Sache dir vorzulegen und uns deinem Urteil zu fügen.»

«Danke», murmelte Hilary, «warum grade mir?»

«Weil niemand im Handumdrehn so viele Entscheidungen treffen muß wie du», erwiderte Dinny, «höchstens der Polizeirichter.»

Hilary blickte von Jeanne zu Hubert und wieder zurück.

«Durch Warten können wir augenscheinlich gar nichts gewinnen», erklärte Jeanne. «Wenn er ausgeliefert wird, geh ich mit, verheiratet oder nicht.»

«Im Ernst?»

«Natürlich.»

«Könntest du sie dran hindern, Hubert?»

«Ich glaube kaum.»

«Junge Leute, liegt hier ein Fall von Liebe auf den ersten Blick vor?»

Beide schwiegen. Endlich sagte Dinny: «Höchstwahrscheinlich. Ich hab das schon beim Croquetspiel in Lippinghall bemerkt.»

Hilary nickte. «Na, das spricht nicht gegen euch. Mir ist's auch so gegangen, und ich hatte es nie zu bereuen. Wird es wirklich zu deiner Auslieferung kommen, Hubert?»

«Nein», entgegnete Jeanne.

«Was meinst du, Hubert?»

«Ich weiß nicht. Vater macht sich Sorgen. Doch gewisse Persönlichkeiten setzen sich für mich nach Kräften ein. Diese Narbe da hab ich abbekommen» – er schob den Ärmel zurück.

Hilary nickte. «Ein wahres Glück!»

«In jenen Tagen und in jenem Klima kam es mir nicht so vor», meinte Hubert mit bitterm Lächeln.

«Habt ihr schon die Dispens vom Aufgebot eingeholt?»

«Noch nicht.»

«Verschafft sie euch, ich werd euch trauen.»

«Ist das dein Ernst, Onkel?»

«Vielleicht handle ich unüberlegt, doch ich hoffe nicht.»

«Nein, nein!» Jeanne ergriff seine Hand. «Würde Ihnen morgen um zwei Uhr passen, Mr. Cherrell?»

«Lassen Sie mich nachsehn.» Er schlug in einem Buch nach und nickte.

«Herrlich!» rief Jeanne. «Komm, Hubert, wir holen uns sofort die Lizenz.»

«Vielen, vielen Dank, Onkel!» sagte Hubert. «Aber begeh ich damit kein Unrecht?»

«Lieber Junge», erwiderte Hilary, «wenn du dich mit einer jungen Dame wie Jeanne einläßt, mußt du auf eine solche Entwicklung gefaßt sein. Auf Wiedersehn, viel Glück euch beiden!»

Als sie draußen waren, wandte sich Hilary an seine Nichte: «Wer ist denn auf diese Idee verfallen?»

«Jeanne.»

«Dann ist sie entweder eine sehr schlechte oder eine sehr gute Menschenkennerin. Na, das nenn ich flotte Arbeit. Um zehn Uhr fünf seit ihr hergekommen, jetzt ist's zehn Uhr vierzehn. Schneller hab ich noch nie über zwei Menschenleben entschieden. Von den Tasburghs ist doch nichts Nachteiliges bekannt?»

«Nein, sie scheinen mir nur etwas rasch in ihren Entschlüssen.»

«Rasch entschloßne Leute gefallen mir», erklärte Hilary. «Sie haben gewöhnlich Mut.»

«Das hat sich bei der Seeschlacht von Zeebrugge gezeigt.»

«Ach richtig, hat sie nicht einen Bruder bei der Marine?»

Dinny zwinkerte.

«Steuert der nicht auch schon in den Ehehafen?»

«Mit Volldampf.»

«Na, und?»

«Ich bin nicht so rasch entschlossen, Onkel.»

Hilary lächelte seine Lieblingsnichte zärtlich an. «‹Des Auges Bläue bedeutet Treue.› Ich werd dich schon noch trauen, Dinny. Entschuldige mich jetzt, ich habe eine Zusammenkunft mit einem Mann, dem das Abzahlen seiner Raten schlaflose Nächte bereitet. Er ist da hineingesprungen und zappelt jetzt wie der Frosch im Brunnenloch. Übrigens, das Mädchen, das du unlängst vorm Polizeirichter sahst, ist im Speisezimmer bei deiner Tante. Willst du sie dir vielleicht nochmals ansehn? Sie ist, fürcht ich, ein fast unlösbares Problem, dessen Klärung tiefen Einblick in die Menschennatur gewähren könnte. Möchtest nicht du versuchen, diese Nuß zu knacken?»

«Ich möchte schon, aber sie wird nicht mögen.»

«Wer weiß, du bist ja ein junges Mädchen wie sie, kannst also eine Menge Neues aus ihr herausholen. Doch schwerlich viel Gutes. Das klingt zynisch», fügte er hinzu, «doch manchmal muß man sich auf diese Weise Luft machen.»

«Gewiß, Onkel.»

«Auf Wiedersehn, meine Liebe. Morgen seh ich dich bei der Urteilsvollstreckung.»

Hilary sperrte die Rechnungen in die Lade und folgte ihr in die Halle; dann öffnete er die Tür des Speisezimmers, rief: «Liebste, da ist Dinny. Ich bin zum Lunch zurück», und ging ohne Hut davon.


 << zurück weiter >>