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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Der Tag, an dem Forest verschwand, war eigentlich ein Festtag für den Mann, der unter seiner Rückkehr so schwer gelitten. Daß er versprochen hatte, am Abend dieses Festtages den Vermißten wiederzubringen, verdarb ihm die gehobene Stimmung nicht. In fast leidenschaftlichem Eifer fuhr Adrian im Auto zu Hilary und bot unterwegs seinen ganzen Scharfsinn auf, dem Problem beizukommen. Polizei, Radio, Presse – diese einfachen, gewöhnlichen Mittel durfte er aus Scheu vor der Öffentlichkeit nicht in Anspruch nehmen. Durch sie würde der Fall Forest in allzu grelles Licht gerückt. Als er dann über die andern Mittel nachsann, die ihm zu Gebote standen, hatte er ein Gefühl wie beim Lösen von Kreuzworträtseln, das er seinerzeit gleich vielen geistig hochstehenden Menschen eifrig betrieben. Aus Dinnys Bericht ging nicht klar hervor, wann Forest weggegangen war; es blieb noch ein Spielraum von mehreren Stunden. Je länger man die Umfrage in der Nachbarschaft des Hauses hinauszog, um so geringer wurde die Aussicht, jemanden zu finden, der Forest hatte weggehen sehn. Sollte er also den Wagen umkehren lassen und nach Chelsea zurück? Dann aber fuhr er doch nach Sankt Augustin im Grünen. Dazu trieb ihn eher ein Impuls als Überlegung. Er zog Hilary ja stets ins Vertrauen, und bei einer solchen Aufgabe waren zwei Köpfe gewiß besser als einer. Als er im Pfarrhof eintraf, hatte er noch keinen festumrißnen Plan, nur die Absicht, am Themsekai und in der Nähe der Oakley Street nachzufragen. Es war noch nicht halb zehn, Hilary saß über seiner Korrespondenz. Als er die Nachricht erfuhr, rief er seine Frau ins Arbeitszimmer. «Denken wir jetzt drei Minuten nach und sprechen wir dann die Sache durch», schlug er vor. Die drei standen im Halbkreis vor dem Kamin, die Männer rauchten, die Frau sog den Duft einer Herbstrose ein.

«Nun?» fragte Hilary endlich. «Ist dir was eingefallen, May?»

«Nur eins ist mir klar», erwiderte Mrs. Hilary und runzelte die Stirn, «wenn Dinnys Beschreibung des armen Teufels stimmt, müssen wir jedenfalls in den Krankenhäusern nachfragen. Ich kann drei oder vier Spitäler anklingeln, wohin man ihn vermutlich gebracht hat, falls er einen Selbstmordversuch beging. Aber so früh am Morgen hat man noch kaum wen eingeliefert.»

«Ausgezeichnet, Liebste. Einer so klugen Frau wie dir brauchen wir wohl nicht zu sagen, daß du seinen Namen aus dem Spiel lassen sollst.»

Mrs. Hilary verließ sie.

«Nun, Adrian?»

«Ich hab eine Idee, aber sprich zuerst du.»

«Also ich seh zwei Möglichkeiten», erklärte Hilary, «die erste: wir müssen bei der Polizei anfragen, ob man einen Selbstmörder aus der Themse gezogen hat. Die andre, wahrscheinlichere: er hat sich einen Rausch angetrunken.»

«So früh am Morgen kriegt er doch nirgends was zu trinken?»

«In einem Hotel schon, Geld hat er ja.»

«Stimmt. Dem müssen wir nachgehn. Doch hör erst meine Idee.»

«Nun?»

«Ich hab versucht, mich in Forests Lage hineinzudenken. Wenn mir solch ein Verhängnis drohte, dann ginge ich vermutlich nach Condaford, vielleicht nicht ins Schloß selbst, aber in die Umgebung, wo wir uns als Knaben umhertrieben, wo ich lebte, ehe mich das Verhängnis traf. Ein verwundetes Tier verkriecht sich in seiner Höhle.»

Hilary nickte. «Wo ist Forest zu Hause?»

«In West-Sussex, etwas nördlich vom Hügelgelände. Die Station heißt Petworth.»

«Ach ja, ich kenne die Gegend. Vor dem Krieg hielten May und ich uns oft in Bignor auf und machten von dort Wanderungen. Auch könnten wir schnell zum Viktoriabahnhof und nachsehn, ob er nicht dort im Zug sitzt. Vorher aber möcht ich bei der Polizei nach den Ertrunkenen fragen. Ich kann ja sagen, eines meiner Pfarrkinder sei abgängig. Wie groß ist Forest?»

«Etwa einen Meter fünfundsiebzig, breitschultrig, massiver Schädel, hohe Backenknochen, starkes Kinn, leicht ergrautes dunkles Haar, stahlgraue Augen, blauer Anzug, blauer Mantel.»

«Gut», erwiderte Hilary. «Sobald May mit dem Telephonieren fertig ist, ruf ich die Polizei an.»

Adrian blieb allein am Kaminfeuer zurück und versank in Nachdenken. Wie er als Leser von Detektivromanen wußte, ging er selbst nach induktiver französischer Methode vor und tat, von psychologischen Erwägungen geleitet, einen Schuß ins Schwarze; Hilary und May aber suchten nach Art der englischen Kriminalisten den Kreis der Möglichkeiten durch Ausschluß des Unzutreffenden enger zu ziehn. Ein bewährtes Verfahren, doch blieb ihnen in diesem Fall die Zeit dafür? In London konnte ja ein Mensch verschwinden wie eine Stecknadel im Heuschober. Zudem band ihnen die Scheu vor der Öffentlichkeit die Hände. Angstvoll wartete Adrian auf Hilarys Bericht. Welch seltsame Ironie des Schicksals, daß er – just er – davor bangte, man habe vielleicht den armen Forest ertrunken oder erschlagen gefunden, und Angela sei frei!

Er langte ein Kursbuch von Hilarys Schreibtisch. Um 8.50 war ein Zug nach Petworth abgegangen, ein andrer ging um 9.56. Also in ganz kurzer Zeit. Und wieder wartete er, den Blick zur Tür gekehrt. Zwecklos, Hilary zur Eile anzuspornen, im Zeitersparen war er ja Meister.

«Nun?» fragte er, als die Tür ging.

Hilary schüttelte den Kopf. «Keine Spur. Weder in den Spitälern noch auf der Polizei hat man etwas von ihm gehört oder gesehn.»

«Dann zum Viktoriabahnhof!» schlug Adrian vor. «In zwanzig Minuten geht ein Zug. Kannst du gleich mitkommen?»

Hilary warf einen Blick auf den Schreibtisch. «Eigentlich nicht, aber ich tu's doch. Diese Suche nach einem Vermißten macht einen geradezu besessen. Kopf hoch, Alter! Sieh dich vielleicht inzwischen nach einem Taxi um. Wart auf mich in der Sankt-Pancras-Street. Ich will mir nur den Hut holen und es May sagen.»

Adrian machte sich auf den Weg, um ein Taxi zu holen. An der Ecke der Euston Road kam ihm eins entgegen, er ließ es kehrtmachen und stand wartend auf der Straße. Bald sah er Hilarys hagere dunkle Gestalt heraneilen. «Bin nicht mehr ans Laufen gewöhnt», sagte er und stieg ein.

Adrian beugte sich zum Fenster hinaus. «Viktoriabahnhof, so schnell wie möglich!»

Hilary schob die Hand durch seinen Arm. «Seit wir im neunzehner Jahr im dichtesten Nebel den Carmathanberg bestiegen, haben wir keinen gemeinsamen Ausflug mehr gemacht. Alter, erinnerst du dich noch dran?»

Adrian hatte die Uhr hervorgeholt. «Ich fürchte, wir erreichen kaum den Zug bei diesem Riesenverkehr.» Schweigend saßen sie da, hin und her gerüttelt durch die Stöße des eilenden Autos.

Plötzlich bemerkte Adrian: «Als ich einmal in Frankreich an einer maison d'aliénés – so nennt man dort die Irrenanstalten – vorbeikam, sah ich etwas, das werd ich nie vergessen. Es war ein großes Gebäude in einiger Entfernung vom Bahnhof, ein langes Eisengitter schloß es vorn gegen die Straße ab. Ein armer Teufel stand dahinter und suchte mit Armen und Beinen die Eisenstäbe hinanzuklimmen, wie ein Orang-Utan im Käfig. Was ist der Tod im Vergleich zu einem solchen Los? Ein Bett in weicher, kühler Erde und drüber der Himmel. Ich wünschte, sie hätten ihn aus der Themse gefischt.»

«Vielleicht tun sie es noch. Adrian, ich hab das Gefühl, wir ziehn auf eine Treibjagd aus.»

«Nur noch drei Minuten», murmelte Adrian, «wir erreichen den Zug nicht!»

Doch das Auto bahnte sich mit letzter Anstrengung und fast unnatürlicher Geschwindigkeit seinen Weg durchs Gedränge und hielt mit einem Ruck vor dem Bahnhof.

«Frag du in der ersten Klasse nach, ich in der dritten», sagte Hilary, während sie liefen. «Ein Geistlicher macht mehr Aufsehn.»

«Nein», erwiderte Adrian, «wenn er fährt, fährt er bestimmt in der ersten. Frag du dort! Hast du einen Zweifel, denk an seine Augen!»

Er sah, wie Hilarys mageres Gesicht sich über die Bahnsteigsperre beugte und rasch wieder zurückfuhr.

«Er ist hier!» rief er, «fährt mit diesem Zug nach Petworth! Rasch!»

Die Brüder begannen zu laufen, doch als sie den Zug erreichten, hatte er sich bereits in Bewegung gesetzt. Adrian wäre weitergestürmt, doch Hilary packte ihn am Arm.

«Halt, Junge, wir kommen nicht mehr hinein; er wird uns sehn, und alles geht schief.»

Gesenkten Hauptes schritten sie zur Bahnsteigsperre zurück.

«Du hast ins Schwarze getroffen», meinte Hilary, «erstaunlich! Wann kommt denn dieser Zug an?»

«Um 12.23.»

«Dann könnten wir ihn im Auto einholen. Hast du Geld bei dir?»

Adrian wühlte in seinen Taschen. «Nur achteinhalb Shilling», sagte er kläglich.

«Ich hab auch nur elf. Zu dumm! Halt, ich hab's! Wir nehmen ein Taxi und fahren zu Fleur. Wenn ihr Auto frei ist, borgt sie es uns gewiß, und sie oder Michael werden uns fahren. Wir müssen den Wagen auf unbestimmte Zeit zur Verfügung haben.»

Adrian nickte, noch immer ziemlich verblüfft über das Zutreffen seiner Vermutung.

Michael war ausgegangen, Fleur zu Hause. Adrian kannte sie noch nicht so genau wie Hilary und war erstaunt, wie rasch sie die Sachlage erfaßte und den Wagen zur Stelle schaffen ließ. In zehn Minuten waren sie unterwegs, Fleur saß am Lenkrad. «Ich fahre durch Dorking und Pulborough», erklärte sie und lehnte sich zurück. «Da kann ich hinter Dorking volle Geschwindigkeit einschalten. Aber, Onkel Hilary, was wollt ihr tun, wenn er euch in die Hände läuft?»

Bei dieser einfachen, aber unerläßlichen Frage blickten die Brüder einander an. Fleur saß mit dem Rücken zu ihnen, und doch schien sie die Unentschlossenheit in ihren Mienen zu lesen. Ein Hund lief ihr vors Auto, sie hielt es mit einem Ruck an, wandte sich um und fragte: «Wollt ihr es euch nicht überlegen, eh wir weiterfahren?»

Sie erschien ihnen wie die Verkörperung der Jugend – ruhig, hart, selbstbewußt. Adrian blickte von ihrem rundlichen Gesicht mit den scharfgeschnittnen Zügen zu seines Bruders länglichem, faltigem Antlitz hinüber, das welterfahren aussah, müde vom Miterleben fremder Schicksale, und dennoch nicht hart. Er überließ Hilary die Antwort.

«Fahren wir los!» entschied dieser, «kommt Zeit, kommt Rat.»

«Wenn wir an einem Postamt vorbeikommen», bat Adrian, «dann halt an. Ich möchte Dinny telegraphieren.»

Fleur nickte. «In der King's Road ist eins. Ich muß auch noch wo Benzin nachfüllen.»

Das Auto glitt durchs Straßengewühl dahin.

«Was soll ich ihr nur telegraphieren?» fragte Adrian. «Soll ich Petworth erwähnen?»

Hilary schüttelte den Kopf. «Daß wir auf der rechten Spur zu sein glauben, weiter nichts.»

Nachdem sie das Telegramm abgesandt hatten, blieben ihnen nur noch etwa zwei Stunden bis zur Ankunft des Zuges.

«Bis Pulborough sind achtzig Kilometer», sagte Fleur, «dann noch etwa acht. Bin neugierig, ob mein Benzin reicht. In Dorking werd ich's ja sehn.» Von diesem Augenblick an nahm sie von beiden keine Notiz mehr, obwohl sie mit ihnen im geschlossenen Auto saß; sie konzentrierte ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Fahrt.

Die beiden Brüder saßen schweigend da und starrten auf die Uhr und den Geschwindigkeitszähler.

«Ich mach nicht oft Autopartien», murmelte Hilary. «Woran denkst du, Junge?»

«Ich frage mich, was in aller Welt wir mit ihm anfangen sollen.»

«Wenn ich mir bei meinem Amt so im voraus den Kopf zerbräche, ich wär in einem Monat tot. Ein Pfarrer im Elendsviertel lebt wie ein Dschungelbewohner unter wilden Tieren; er erwirbt einen gewissen Instinkt und verläßt sich drauf.»

«Und ich», meinte Adrian, «ich lebe unter Toten, ich hab gar keine Erfahrung.»

«Unsere Nichte fährt gut», flüsterte Hilary. «Sieh dir doch nur einmal ihren Hals an. Ist sie nicht die leibhaftige Tüchtigkeit?»

Dieser weiße, rundliche Nacken mit dem kurzgeschnittnen Haar hielt sich anmutig aufrecht und verriet Geistesgegenwart, Selbstbeherrschung und kühlen Verstand.

Sie fuhren einige Kilometer schweigend drauflos.

«Da sind wir schon beim Box Hill», bemerkte Hilary. «In dieser Gegend hatte ich einmal ein unvergeßliches Erlebnis, das ich dir noch nie erzählte. Es beweist, wie unheimlich nahe dem Wahnsinn wir alle leben.» Er senkte die Stimme und fuhr fort: «Erinnerst du dich noch an den muntern Pfarrer Durcott, mit dem wir öfters zusammenkamen? Wie du weißt, studierte ich vor der Universitätszeit in Harrow in der Beakers-Schule, wo er Lehrer war. Eines Sonntags nahm er mich zu einem Ausflug auf den Box Hill mit. Bei der Rückfahrt blieben wir im Abteil allein und neckten uns. Plötzlich schien er in eine Art Wahnsinn zu verfallen, seine Augen flammten voll wilder Gier. Ich hatte keine Ahnung, was mit ihm los sei, und geriet in höchsten Schreck. Auf einmal gewann er die Selbstbeherrschung wieder. Ganz verrückt, ein verdrängter Sexualkomplex natürlich. Für einige Augenblicke total geistesgestört. Übrigens ein sehr netter Kerl. Ach ja, Adrian, es gibt Kräfte –»

«Dämonische Kräfte. Und wenn die einmal hervorbrechen … armer Forest!»

Dann drang Fleurs Stimme zu ihnen: «Der Motor beginnt zu streiken, ich muß Benzin nachfüllen, Onkel Hilary. In der Nähe ist eine Füllstation.»

«Einverstanden.»

Das Auto fuhr bei einer Pumpe vor.

«Bis Dorking geht's immer langsam», meinte Fleur und streckte sich. «Jetzt kommen wir rasch vorwärts. Nur noch fünfzig Kilometer, eine gute Stunde. Habt ihr es euch überlegt?»

«Nein», entgegnete Hilary, «wir scheuen diese Überlegung wie Gift.»

Fleurs klare Augen warfen ihm einen jener durchdringenden Blicke zu, die den Leuten solch hohe Meinung von ihrer Intelligenz beibrachten. «Willst du ihn wirklich zurückholen, Onkel Adrian? Ich tät's nicht, wenn ich du wär.» Und sie holte ihr Täschchen hervor, strich sich mit dem Lippenstift ein wenig über den Mund und puderte die kurze, grade Nase.

Adrian sah sie fast mit Ehrfurcht an. Die moderne Jugend kreuzte nicht oft seinen Weg. Nicht so sehr ihre knappen Worte verblüfften ihn, sondern mehr noch der geheime Sinn, den sie bargen. Rund herausgesagt, meinte sie: ‹Laß ihn in sein Verhängnis rennen.› Hatte sie recht? Gehorchten er und Hilary nur dem Drang, in das Leben der Mitmenschen einzugreifen? Wollten sie frevelnd der Natur in den Arm fallen? Doch nein! Um Angelas willen mußten sie ja herausbekommen, was Forest trieb, was er im Schilde führte. Und auch um seiner selbst willen mußten sie zu verhindern trachten, daß er in schlechte Hände geriet. Hilarys Mund umspielte ein leises Lächeln. ‹Der kennt wenigstens die Jugend›, dachte Adrian, ‹hat selbst Kinder und weiß, wohin die kühle Sachlichkeit unsre jungen Leute führt.›

Weiter ratterte das Auto und bahnte sich einen Weg durch die lange, belebte Straße von Dorking.

«Freie Bahn!» erklärte Fleur, indem sie den Kopf wandte; «wenn ihr ihn wirklich einfangen wollt, sollt ihr ihn kriegen.» Und sie nahm volle Geschwindigkeit. Während der nächsten Viertelstunde flogen sie die Straße dahin, vorbei an gelbem Laubwald, an Feldern und Ginsterhalden, wo Gänse und alte Pferde weideten, an Dorfwiesen und durch Dorfgassen, wo alles das zähe Festhalten an ländlicher Art verriet. Plötzlich begann das Auto, das bisher ganz ruhig gefahren war, zu knirschen und zu schleudern.

«Der Reifen ist hin!» rief Fleur und wandte den Kopf. «Zerrissen!» Sie hielt den Wagen an, alle stiegen aus. Vom Hinterrad hing der Gummireifen lose herab.

«Adrian, an die Arbeit! Montier den Reifen ab!» rief Hilary und zog den Mantel aus. «Ich nehme inzwischen das Reserverad herunter.»

Fleur neigte sich zum Werkzeugkasten hinab und sagte: «Zu viele Köche verderben den Brei. Laßt mich machen!»

Adrian hatte vom Autofahren nicht die leiseste Ahnung, Maschinen stand er hilflos wie ein Kind gegenüber. Drum trat er beiseite und sah ihnen bewundernd zu. Sie zeigten sich kühl, behend, tüchtig, aber an dem Auto schien etwas nicht in Ordnung.

«So geht's einem immer», meinte Fleur, «just, wenn man's eilig hat.»

Erst zwanzig Minuten später waren sie wieder unterwegs.

«Den Zug kann ich unmöglich einholen», erklärte sie, «aber ihr werdet Forests Spur leicht finden, wenn euch wirklich drum zu tun ist. Der Bahnhof liegt ziemlich weit von der Stadt.» Durch Billingshurst, Pulborough und über die Stephen-Brücke rasten sie mit unverminderter Geschwindigkeit.

«Fahren wir lieber gleich nach Petworth», schlug Hilary vor, «wenn er in die Stadt will, müssen wir ihn treffen.»

«Soll ich halten, wenn wir ihm begegnen?»

«Nein, fahr ruhig weiter und kehr dann um.»

Aber sie fuhren durch Petworth und weitere zweieinhalb Kilometer zum Bahnhof, ohne ihn zu treffen.

«Der Zug ist schon vor mehr als zwanzig Minuten eingetroffen», sagte Adrian, «fragen wir!»

Ein Bahnbediensteter hatte einem Mann in blauem Mantel und schwarzem Hut die Fahrkarte abgenommen. Nein, er habe kein Gepäck gehabt. Er sei fortgegangen, dem Hügelland zu. Wann? Ungefähr vor einer halben Stunde.

Sie eilten zum Kraftwagen zurück und fuhren ins Hügelgelände.

«Ich erinnere mich», erklärte Hilary, «nach einer kurzen Strecke zweigt ein Weg nach Sutton ab. Jetzt handelt es sich nur darum, ob er ihn einschlug oder weiterging. Dort müssen ein paar Häuser stehn. Fragen wir doch, vielleicht hat ihn wer gesehn».

Gleich hinter dem Weg lag ein kleines Postamt. Ein Briefträger fuhr eben von Sutton mit dem Rad darauf zu.

Fleur lenkte den Wagen zur Seite. «Haben Sie nicht einen Herrn in blauem Mantel und steifem Hut auf dem Weg nach Sutton gesehn?»

«Nein, Miß, hab unterwegs keine Seele getroffen.»

«Danke. Soll ich also gegen die Hügel zu fahren, Onkel Hilary?»

Hilary zog die Uhr zu Rate. «Wenn ich mich recht entsinne, ist es bis zum Hügelkamm beim Duncton-Leuchtturm etwa anderthalb Kilometer, zweieinhalb Kilometer sind wir jetzt vom Bahnhof entfernt. Er hat ungefähr fünfundzwanzig Minuten Vorsprung. Wir könnten ihn also in der Nähe des Hügelkamms fassen. Von dort aus sehn wir auch die Straße, die weiter ins Hügelgelände führt, und können so ganz sicher gehn. Wenn wir ihm nicht hier begegnen, muß er auf den Hügeln herumstreifen, aber in welcher Richtung?»

Adrian flüsterte kaum hörbar: «Heimwärts.»

«Also gegen Osten?» fragte Hilary. «Vorwärts, Fleur, aber nicht zu schnell!»

Fleur fuhr die Hügelstraße hinan. «Greift in meine Manteltasche», sagte sie, «ihr werdet drei Äpfel drin finden. Ich hab sie noch vorm Wegfahren schnell eingesteckt.»

«Du denkst doch an alles!» lobte Hilary, «aber iß sie doch selbst.»

«Nein, ich mach eine Abmagerungskur. Einen könnt ihr mir lassen.»

Die Brüder knabberten jeder an einem Apfel. Ihr Blick hing an den Wäldern zu beiden Seiten der Straße.

«Hier stehn die Bäume zu dicht», meinte Hilary, «er läuft gewiß lieber im Freien; wenn du ihn bemerkst, zieh sofort die Bremse.»

Doch Forest kam ihnen nicht vor Augen. Immer langsamer fuhren sie bergan und erreichten den Kamm des Hügels. Zu ihrer Rechten lag das Buchengehölz von Duncton, zur Linken das offne Hügelgelände. Kein Mensch auf dem Weg vor ihnen.

« Vor uns ist er nicht», erklärte Hilary. «Nun müssen wir uns entscheiden, Junge.»

«Hört auf meinen Rat», rief Fleur, «fahrt wieder heim mit mir.»

«Sollen wir wirklich, Adrian?»

Adrian schüttelte den Kopf.

«Ich suche weiter.»

«Recht so, ich auch.»

«Seht nur!» rief Fleur plötzlich und wies auf etwas hin.

Ungefähr fünfzig Meter abseits auf einem holprigen Fußweg, der links von der Straße abbog, lag ein dunkler Gegenstand.

«Ein Mantel, scheint mir.»

Adrian sprang aus dem Auto und lief hinzu. Einen blauen Mantel überm Arm, kehrte er zurück.

«Nun ist kein Zweifel mehr. Entweder, er hat hier gerastet und den Mantel vergessen, oder er war es müde, ihn länger zu tragen. Ein böses Zeichen, das eine wie das andre. Fahren wir weiter, Hilary!» – Er warf den Mantel ins Auto.

«Was steht jetzt zu Diensten, Onkel Hilary?» fragte Fleur.

«Du bist ein Prachtkerl, Fleur. Könntest du nicht ein übriges tun und hier eine Stunde warten? Wenn wir bis dahin nicht zurück sind, so fahr wieder langsam bergab über Sutton, Bignor und Westburton. Und wenn du auch dort keine Spur von uns siehst, dann fahr die Hauptstraße über Pulborough zurück nach London. Wenn du Geld übrig hast, könntest du uns etwas leihen.»

Fleur zog ihr Täschchen. «Drei Pfund. Genügen euch zwei?»

«Besten Dank!» erwiderte Hilary. «Adrian und ich haben nie Geld. Ich bin überzeugt, wir sind die ärmste Familie in England. Leb wohl, Liebe, und nochmals vielen Dank. Los, Junge!»


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