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Achtundzwanzigstes Kapitel

Fleur stand beim Auto und hob den Apfel zum Mund, ihn zu verspeisen. Die beiden Brüder winkten ihr zu, dann schlugen sie den Fußweg zu den Hügeln ein.

«Geh du voran!» sagte Hilary, «du hast bessere Augen, und deine Kleidung ist nicht so auffallend. Wenn du ihn siehst, werden wir überlegen, was zu tun ist.»

Sie kamen bald zu einem langen, hohen Drahtzaun, der quer über den Hügel lief.

«Dort links hört er auf», sagte Adrian. «Gehn wir herum, oberhalb des Gehölzes; doch je tiefer wir uns halten, desto besser.»

Sie umgingen den Zaun, schritten am Hügelrand über üppigen, ziemlich unebenen Rasen hin und verfielen dabei in ihren altgewohnten Wanderschritt, als seien sie wieder auf einer langen, schwierigen Bergtour. Sie hatten keine Ahnung, ob sie Forest fassen könnten und was sie mit ihm anfangen sollten, wenn er ihnen in die Hände geriet; auch wußten sie, sie hatten es vielleicht mit einem Tobsüchtigen zu tun. Drum spähten beide vorsichtig aus wie Soldaten, Seeleute oder Bergsteiger. Sie hatten einen alten, flachen Kreidebruch überquert und klommen die wenigen Meter zur gegenüberliegenden Seite hinan. Da schrak Adrian zurück und zog Hilary nieder.

«Da ist er!» wisperte er, «etwa sechzig Meter vor uns.»

«Hat er dich gesehen?»

«Nein. Er sieht ganz verstört drein, gestikuliert, hat den Hut verloren. Was sollen wir mit ihm anfangen?»

«Heb den Kopf und schau durch den Busch.»

In kniender Stellung hielt Adrian Ausschau. Nun fuhr Forest nicht mehr mit den Händen durch die Luft, sondern stand mit gekreuzten Armen und geneigtem Kopf da. Er stand mit dem Rücken zu Adrian; er schien in sich gekehrt, seine ruhige, kraftvolle Haltung verriet nicht, was in ihm vorgehn mochte. Plötzlich ließ er die Arme sinken, schüttelte heftig den Kopf und lief in raschem Tempo weiter. Adrian wartete, bis er im Gebüsch des Abhangs verschwunden war, und winkte dem Bruder, ihm zu folgen.

«Zuviel Vorsprung dürfen wir ihm nicht lassen», murmelte Hilary, «sonst wissen wir nicht, ob er in den Wald rennt.»

«Er wird im Freien bleiben, der arme Teufel braucht Luft. Aufgepaßt!» Wieder zog er Hilary ins Gras. Der Boden fiel hier jäh ab und bildete eine Mulde. Unterhalb der Böschung war auf halbem Weg Forest deutlich zu sehn. Er ging langsam, ahnte offenbar nichts von seinen Verfolgern. Jeden Augenblick fuhr er sich mit den Händen an den unbedeckten Kopf, als wolle er etwas wegreißen.

«Herrgott!» murmelte Adrian, «ein entsetzlicher Anblick!»

Hilary nickte.

Wartend lagen sie da. Vor sich sahn sie einen Ausschnitt des bewaldeten Hügellandes in den bunten Farben eines sonnigen Herbsttages. Noch immer duftete das Gras vom Morgentau. Der Himmel war von jenem blassen, unirdischen Blau, das über den Kreidefeldern allmählich in Weiß überging. Ein windstiller Tag, fast kein Hauch, kein Laut. Die Brüder warteten, ohne zu sprechen.

Forest hatte die Talsohle erreicht. Gesenkten Hauptes schritt er durch ein Stoppelfeld auf ein Dickicht zu. Knapp vor ihm flatterte eine Fasan auf. Sie sahn Forest emporschrecken, wie aus einem Traum erwachen und den Flug des Fasans mit den Blicken verfolgen.

«Er kennt wohl jeden Fußbreit Bodens in dieser Gegend», sagte Adrian, «er war ein passionierter Jäger.» Da fuhr Forest mit den Händen hoch, als ziele er mit dem Gewehr. Diese Bewegung schien seltsam sicher.

«Jetzt lauf!» rief Hilary, als Forest im Gehölz verschwand. Sie rannten den Hügel hinab und eilten über holprigen Boden weiter.

«Bedenk doch», stieß Adrian atemlos hervor, «vielleicht ist er im Dickicht stehn geblieben.»

«Müssen wir riskieren. Vorsicht, bis wir die Anhöhe sehn.»

Etwa hundert Meter jenseits des Gehölzes stieg Forest langsam bergan.

«Na schön», murmelte Hilary. «Jetzt müssen wir warten, bis sich der Boden wieder senkt und er uns außer Sicht kommt. Junge, eine seltsame Jagd für dich und mich. Und zu guter Letzt, wie Fleur sagt: ‹Was dann?›»

«Wir müssen erfahren, was er treibt», gab Adrian zurück.

«Eben kommt er außer Sicht. Lassen wir ihm fünf Minuten Vorsprung. Ich seh auf die Uhr.»

Endlos schienen diese fünf Minuten. Vom Waldrand her schrie ein Häher, ein Kaninchen kroch hervor und duckte sich vor ihnen. Ab und zu schauerte ein Windhauch durchs Gehölz.

«Los!» rief Hilary. Sie erhoben sich und stiegen rasch über grasbewachsnen Boden bergan. «Wenn er aber jetzt auf diesem Weg zurückkommt –»

«Je eher wir ihm gegenübertreten, um so besser», meinte Adrian, «aber wenn er uns sieht, beginnt er zu laufen, und wir verlieren seine Spur.»

«Geh langsam, Junge. Da wird der Boden schon wieder eben.»

Vorsichtig erreichten sie die Anhöhe, dann ging es wieder leicht bergab. Über Kreidefelsen lief ein kleiner Fußsteig oberhalb eines Buchenwalds zur Linken. Keine Spur vor Forest.

«Entweder ist er in den Wald hineingelaufen oder durch das benachbarte Dickicht wieder auf den Hügelkamm hinaus. Komm schnell, wir wollen uns überzeugen.»

Sie eilten auf einem Pfad zwischen steilen Abhängen hin und traten ins Gehölz, da vernahmen sie aus ganz geringer Entfernung eine Stimme. Sie hielten inne, zogen sich weiter hinter den Abhang zurück und lagen atemlos auf der Lauer. Irgendwo im Dickicht murmelte Forest zu sich selbst. Sie verstanden die Worte nicht, aber der Klang seiner Stimme machte beide ganz traurig.

«Armer Kerl!» flüsterte Hilary. «Sollen wir nicht zu ihm hingehn und ihn trösten?»

«Horch!»

Ein Knacken von Zweigen unter Fußtritten, ein halblauter Fluch und dann erschreckend plötzlich ein Halali, so gellend, daß es die beiden eiskalt überlief.

«Grauenhaft!» sagte Adrian. «Doch wir sind dem Wild auf der Fährte.»

Vorsichtig drangen sie ins Dickicht; Forest lief auf einen Hügel zu, der sich am Ende des Waldes erhob.

«Er hat uns doch nicht gesehn?»

«Nein, sonst hätte er sich umgedreht. Warten wir, bis er wieder außer Sicht kommt.»

«Die Sache geht mir arg gegen den Strich», erklärte Hilary, «aber du hast recht, wir müssen sie durchführen. Ein gräßlicher Schrei! Doch wir müssen genau wissen, was wir tun wollen, lieber Junge.»

«Vielleicht könnten wir ihn dazu bringen», sagte Adrian, «nach Chelsea heimzukehren, wir würden Angela und die Kinder von ihm fernhalten, die Mädchen entlassen und Wärter für ihn aufnehmen. Ich würde so lang bei ihm bleiben, bis alles geregelt wäre. Nur wenn er im eignen Haus lebt, kann sich vielleicht sein Zustand bessern.»

«Freiwillig geht er uns wohl nicht mit.»

«Dann weiß Gott allein, was wir anfangen sollen. Nie und nimmer biet ich die Hand dazu, daß man ihn einsperrt.»

«Und wenn er sich umzubringen versucht?»

«Das mußt du entscheiden, Hilary.»

Hilary schwieg.

«Spiel nicht auf mein Priesterkleid an», sagte er unvermittelt, «ein Pfarrer im Elendsviertel ist hartgesotten.»

Adrian packte seine Hand. «Jetzt ist er nicht mehr zu sehn.»

«Also vorwärts!»

Sie schritten weiter aus, durchquerten die Talsohle und klommen den Hügel hinan. Hier änderte sich die Vegetation, auf der Anhöhe wuchsen vereinzelte Hagedornbüsche, Eiben und Brombeergestrüpp, hie und da eine junge Buche. Das bot ihnen gute Deckung, sie konnten sich freier bewegen.

«Nun kommen wir zum Kreuzweg oberhalb von Bignor», murmelte Hilary. «Von dort führt ein Fußsteig talab, den schlägt er vielleicht ein. Da könnten wir ihn leicht aus den Augen verlieren.»

Sie liefen ein Stück vorwärts, hielten aber plötzlich hinter einem Eibenbaum inne.

«Er geht nicht bergab», rief Hilary. «Sieh doch!»

Auf der grasbewachsenen Halde jenseits des Kreuzwegs, an dem ein Wegweiser stand, lief Forest der Nordseite des Hügels zu.

«Wenn ich nicht irre, führt dort ein andrer Fußsteig talab.»

«Glückssache, ob wir ihn erwischen. Stehnbleiben können wir jetzt nicht.»

Forest lief nun nicht mehr; langsam, geneigten Haupts stieg er hinan. Hinter der Eibe versteckt, sahn sie ihm zu, bis er jenseits des Hügelkamms verschwand.

«Los!» rief Hilary.

Fast einen Kilometer hatten sie zu laufen, und beide waren über fünfzig.

«Nicht so schnell, lieber Adrian», keuchte Hilary, «wir dürfen unsre Blasebälge nicht sprengen.»

Gemächlicher schritten sie aus, erreichten den Hügelkamm, über den Forest verschwunden war, und sahn einen grasbewachsnen Weg talab führen.

«Jetzt können wir uns ein wenig Zeit lassen», sagte Hilary noch immer atemlos.

Auch hier war der Hügelhang mit Gestrüpp und jungen Bäumen bewachsen; unter dieser Deckung schlenderten sie hin, bis sie zu einem flachen Steinbruch kamen.

«Legen wir uns für eine Minute her, wir müssen doch verschnaufen. Weit weg ist er nicht, sonst hätten wir ihn fortlaufen sehn. Horch!»

Von unten drang Gesang empor. Adrian steckte den Kopf über den Rand der Mulde und spähte hinab. Ein kleines Stück unterhalb des Wegs lag Forest auf dem Rücken und sang. Deutlich drangen die Worte seines monotonen Liedes herauf:

Du darfst in Freiheit gehn, muß ich in Fesseln stehn?
Muß lieben Nacht und Tag eine, die mich nicht mag?
Bin ich solch armer Wicht, daß Lieb das Herz mir bricht?

Er verstummte und lag völlig still. Dann verzerrte sich zu Adrians Entsetzen sein Gesicht, er schüttelte die Fäuste und schrie wild empor: «Ich will nicht, will nicht wahnsinnig werden!» und fiel vornüber aufs Antlitz.

Adrian wich zurück. «Grauenhaft! Ich muß hinunter, muß mit ihm reden.»

«Gehn wir doch beide – auf dem Fußsteig – langsam – erschreck ihn nicht!»

Sie schlugen den Pfad ein, der rings um den Kreidebusch führte. Forest lag nicht mehr dort.

«Vorwärts, Alter, leise!» mahnte Hilary.

In seltsamer Ruhe wanderten sie weiter, als hätten sie die Jagd schon aufgegeben.

«Wer kann noch an Gott glauben?» fragte Adrian.

Hilarys hageres Gesicht verzog sich zu einem schiefen Lächeln. «An Gott glaub ich wohl», gab er zurück, «doch nicht an den gütigen Vater, wie wir ihn uns vorstellen. Hier am Abhang, weiß ich noch, werden Kaninchenfallen gestellt, Hunderte dieser armen Geschöpfe fangen sich drin und leiden Höllenqualen. Wir ließen sie immer frei und versetzten ihnen als Denkzettel ein Kopfstück. Wenn man wüßte, wie es um meinen Glauben steht, man jagte mich aus meinem Amt davon. Damit wäre nichts gewonnen. Ich hab in meinem Beruf eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Sieh doch, ein Fuchs!»

Sie blieben einen Augenblick stehn und sahn zu, wie ein rotbrauner Tierleib geduckt über den Fußpfad glitt.

«Ein prächtiges Biest, so ein Fuchs!» bemerkte Hilary. «Auf diesen bewaldeten Hügeln treibt sich noch viel Getier herum. Von diesen steilen Hängen läßt es sich nicht so leicht verscheuchen. Wildtauben, Häher, Spechte, Kaninchen, Füchse, Hasen, Fasane – kurz, jedes erdenkliche Geschöpf aus des Herrgotts Tiergarten.»

Der Pfad begann sich zu senken, Hilary wies nach vorn. Dort vorn, jenseits der Schlucht, sahn sie Forest langsam einen Drahtzaun entlang gehn.

Sie sahn ihm zu, bis er verschwand und seitlich wieder auftauchte. Offenbar war er um den Drahtzaun herumgegangen.

«Was nun?»

«Von dort aus kann er uns sehn. Wenn wir mit ihm sprechen wollen, müssen wir näher an ihn herankommen, sonst nimmt er Reißaus.»

Sie durchquerten die Schlucht und gingen, von einigen Weißdornbüschen gedeckt, um den Zaun. Auf dem hügeligen Gelände war Forest wieder verschwunden.

«Man hat das für die Schafe eingehegt», erklärte Hilary. «Siehst du sie dort, auf dem Hügel verstreut? Südenglische Rasse.»

Sie kamen wieder auf eine Anhöhe. Keine Spur von ihm. Dann schritten sie eine Umzäunung entlang, bestiegen den nächsten Kamm und hielten Ausschau. Zur Linken dehnte sich der Hügel und fiel steil in eine Schlucht ab. Vor ihnen erstreckte sich eine grasbewachsne Halde bis zu einem kleinen Wald. Zur Rechten lief noch immer der Drahtzaun über Weideland. Plötzlich packte Adrian den Bruder am Arm. Keine sechzig Meter von ihnen, auf der andern Seite des Zauns, lag Forest, das Gesicht im Gras, Schafe weideten nah bei ihm. Die Brüder krochen unter die Deckung eines Busches. Hier konnten sie ihn ungesehn beobachten und starrten ihn schweigend an. Ganz still lag er da, so daß die Schafe ihn gar nicht zu bemerken schienen. Sie hatten Stumpfnasen, runde Körper, kurze Beine, waren von grauweißer Farbe, gutmütig und zutraulich – echt südenglischer Schlag. Friedlich grasten sie weiter.

«Was meinst du, schläft er?»

Adrian schüttelte den Kopf. «Er liegt nur ganz still.»

Forests Haltung wirkte ergreifend, gemahnte an einen kleinen Knaben, der den Kopf im Schoß der Mutter birgt. Die Berührung des Grases am Körper, dem Gesicht und den ausgestreckten Händen gewährte ihm offenbar Trost; es schien, als suche er den Weg in den friedlichen, sichern Schoß der Mutter Erde zurück. Während er so lag, durfte man ihn keinesfalls stören. Vom Westen her schien die Sonne auf ihren Rücken, Adrian wandte den Kopf, daß sie ihm die Wange wärme. Diese warmen Strahlen, der Duft des Grases, der Lerchensang und die Bläue des Himmels hatten seine tiefe Liebe zur Natur wieder wachgerufen. Er merkte, daß auch Hilary den Kopf der Sonne zugekehrt hatte. Es war so still hier, alles Leben der Natur schien verstummt, nur ab und zu hörte man eine Lerche trillern und die weidenden Schafe Gras rupfen. Keine Menschenstimme, kein Tierlaut, kein Autolärm drang aus der Ferne herauf.

«Drei Uhr! Mach doch ein Schläfchen, Alter!» flüsterte Adrian Hilary zu. «Ich werde wachen.»

Jetzt schien Forest zu schlafen. Hier mußte sein krankes Hirn zur Ruhe kommen. Wenn es irgendwo für ihn Heilung gab, Luft, Formen, Farben, die ihm Linderung brachten, waren sie hier auf diesem kühlen, grünen Hügel zu finden, der nun schon tausend Jahre und mehr unbewohnt lag, unberührt vom rastlosen Treiben des Menschen. In alten Zeiten hatten hier Menschen gehaust. Seither aber war nur noch der Wind über diese Hügel gestrichen, der Wind und die Schatten der Wolken. Und heute regte sich kein Windhauch, keine Wolke warf ihren weichen, huschenden Schatten aufs Gras.

Adrian ergriff tiefes Mitleid mit dem armen Teufel, der hier so unbeweglich lag, als könne er sich nie mehr erheben; darüber vergaß er sich selbst, sogar Angela. Wie Forest so dalag, rief er in Adrian ein Gefühl wach, das mit seinen persönlichen Beziehungen zu ihm gar nichts zu schaffen hatte, ein tiefes Mitgefühl, wie man es für einen Sippengenossen empfindet, den unverdient ein schwerer Schicksalsschlag getroffen hat. Ach ja, der Arme schlief, suchte Zuflucht bei der Erde. Was blieb ihm auch sonst, als in der Erde eine ewige Ruhestatt zu suchen? Zwei Stunden lag Adrian wartend da und starrte auf den friedlich hingestreckten Schläfer inmitten der weidenden Schafe, nicht in fruchtloser Empörung und Bitterkeit, sondern in seltsam bekümmertem Staunen. Die altgriechischen Dramatiker hatten recht wohl erkannt, welch klägliches Spielzeug der Mensch in den Händen der Götter war. Später aber ging durch das christliche Dogma von der Barmherzigkeit des Herrn diese Einsicht wieder verloren. Barmherzigkeit? Keine Spur davon! Hilary hatte recht! Was ließ sich tun, nun, da es so um Forest stand? Was tun, selbst wenn ihm ein Schimmer von Vernunft blieb? War es mit einem Mann einmal dahin gekommen, daß er nicht länger arbeiten konnte, daß er für seine Mitmenschen nur mehr ein armer Teufel war, ein angsterregender Wahnsinniger, dann hatte zweifellos die Stunde geschlagen, da er eine ewige Ruhestatt finden sollte in der stillen Erde. Auch Hilary schien dieser Meinung; dennoch wußte Adrian nicht recht, was sein Bruder im Augenblick der Entscheidung tun würde. Sein Beruf war es ja, für Lebende zu wirken. Ein Toter kam für Hilary nicht mehr in Betracht, dann war jede Gelegenheit dahin, ihm zu helfen. Und Adrian wußte dem Schicksal Dank dafür, daß sein Beruf ihm nur mit Toten zu tun gab, mit dem Bestimmen und Einordnen von Gebeinen – dem einzigen Teil des menschlichen Körpers, der von Schmerzen verschont blieb, der Jahrhunderte überdauerte, um von einer interessanten Spezies Zeugnis zu geben. So hielt Adrian Wacht; ab und zu zerrieb er einen Grashalm zwischen den Händen und sog den würzigen Duft ein.

Im Westen glitt die Sonne fast bis zum Horizont hinab; die Schafe hatten aufgehört zu grasen, langsam wanderten sie über den Hügel, sie warteten wohl auf den Hirten. Kaninchen huschten aus ihren Löchern hervor und knabberten an den Grashalmen. Ein kühler Schauer ging durch die Luft, die Lerchen waren eine um die andre vom Himmel verschwunden. Die Bäume im Tal standen schwarz und starr. Der Himmel wurde immer blasser und harrte auf die Abendröte. Das Gras hatte seinen Duft verloren; noch fiel kein Tau. Adrian fröstelte. Sehr bald mußte die Sonne hinter die Hügel sinken, dann wurde es kalt. Wenn Forest erwachte, stand es dann wohl besser um ihn oder schlimmer? Sie mußten es drauf ankommen lassen. Adrian berührte Hilary, der mit hochgezognen Knien noch immer schlafend lag. Augenblicklich erwachte er.

«Was gibt's, Adrian?»

«Psst! Er schläft noch. Was fangen wir an, wenn er aufwacht? Sollen wir zu ihm gehn und drauf warten?»

Da packte Hilary den Bruder am Ärmel. Forest stand aufrecht da. Hinter dem Gebüsch hervor sahn sie ihn um sich blicken wie ein Tier, das Gefahr wittert, noch einmal umherspäht und dann die Flucht ergreift. Er konnte die beiden bestimmt nicht sehn, hatte sie aber offenbar gehört oder die Gegenwart eines Menschen gefühlt. Er trat zum Zaun, kroch hindurch und stand hoch aufgerichtet da, der roten Sonne zugekehrt, die jetzt wie ein feuriger Ball über dem fernen, bewaldeten Hügel hing. Barhäuptig, das Gesicht von ihrer Glut umflossen, stand er reglos wie ein Toter, bis die Sonne schwand.

«Jetzt!» flüsterte Hilary und erhob sich. Adrian sah, wie Forest plötzlich lebendig ward, in wildem Trotz den Arm hob und Hals über Kopf davonlief.

«Er ist ganz außer sich!» rief Hilary entsetzt. «Grad über der Landstraße ist ein Kreidebruch. Rasch! Los!»

Sie liefen, konnten aber mit ihren steifen Knien Forest nicht einholen, der mit jedem Schritt mehr Vorsprung gewann. Wie ein Rasender sprang er davon und schwang schreiend die Arme.

«Halt!» stieß Hilary keuchend hervor. «Er läuft gar nicht auf den Kreidebruch zu. Der liegt weiter rechts. Er will dort in den Wald hinunter. Bleib, dann glaubt er, wir haben die Verfolgung aufgegeben.»

Sie sahn ihn den Hang hinab- und in den Wald hineinrennen, da verloren sie ihn aus den Augen.

«Komm!» rief Hilary.

Geschwind klommen sie den Hang hinunter und betraten den Wald ungefähr dort, wo Forest verschwunden war. Es war ein Buchenhain, nur am Rand wucherte etwas Unterholz. Sie hielten inne und lauschten – kein Laut! Schon sank die Dämmerung, doch der Wald war nicht groß, bald mußten sie ans Ende kommen. Im Tal sahn sie ein paar Hütten und Gehöfte.

«Gehn wir zur Straße hinab.»

Sie eilten weiter. Plötzlich kamen sie an den Rand eines hohen Kreidebruchs. Entsetzt blieben sie stehn.

«Von dem hab ich nichts gewußt!» stammelte Hilary. «Geh du hier und ich am Rand da.»

Adrian stieg hinan, bis er die Höhe erreichte. Unten am Fuß eines schroffen Abhangs von zwanzig Meter Höhe sah er etwas Dunkles liegen. Was immer es sein mochte, es regte sich nicht; kein Laut drang empor. War dies das Ende, ein Sturz in die dämmernde Tiefe? Er spürte ein Würgen in der Kehle, und einen Augenblick konnte er sich weder rühren noch rufen. Dann lief er eilends den Rand entlang zu Hilary.

«Nun?»

Adrian wies zurück in den Kreidebruch. Sie gingen den Rand weiter entlang durch das Unterholz bis zu einer Stelle, wo sie hinunterklettern konnten, und rannten über den grasbewachsnen Boden des alten Kreidebruchs zu dem Winkel, der unter der schroffsten Klippe lag.

Es war Forest. Adrian kniete nieder und hob ihm den Kopf hoch. Forest hatte das Genick gebrochen – tot.

War er nun absichtlich hinabgesprungen oder in seinem rasenden Lauf abgestürzt, sie wußten es nicht. Keiner von beiden sprach ein Wort, Hilary legte dem Bruder die Hand auf die Schulter.

«Dort drüben an der Straße liegt ein Schuppen», sagte er endlich, «aber es ist besser, wir lassen Forest liegen. Bleib du bei ihm, ich geh inzwischen ins Dorf telephonieren. Das Ganze ist jetzt wohl eine Angelegenheit der Polizei.»

Adrian nickte; er lag noch immer auf den Knien neben dem Toten.

«In der Nähe ist ein Postamt, ich bleib nicht lange aus.» Hilary eilte fort.

Adrian saß allein mit gekreuzten Beinen im stillen, dunkelnden Kreidebruch, das Haupt des Toten ruhte an seinem Knie. Er hatte ihm die Augen geschlossen und das Gesicht mit einem Taschentuch bedeckt. Im Wald oben zwitscherten die Vögel ihr Abendlied. Der Tau begann zu fallen, im bläulichen Dämmer stiegen herbstliche Nebelschwaden auf. Alle Umrisse schienen weich und verschwommen, nur die Wände des steilen Kreidebruchs schimmerten noch immer weiß. Kaum vierzig Meter weit von der Landstraße, auf der Wagen und Autos fuhren, lag diese Stelle, an der Forest geendet, und doch schien sie Adrian so trostlos verlassen, fern von der Welt, gespenstisch. ‹Eigentlich müßte ich dem Schicksal für diese Lösung dankbar sein›, dachte er, ‹es gibt ja keine bessere für ihn, für Angela, für mich!› Und dennoch empfand er nur tiefes Mitleid für einen Mitmenschen, der solche Qual gelitten, der in der Blüte seiner Jahre so jäh den Tod gefunden. Tiefes Mitleid ergriff ihn, Mitleid und das mystische Gefühl, er sei eins mit der geheimnisvollen Natur, die den Toten und seine Ruhestatt umgab.

Eine Stimme weckte ihn aus diesem sonderbaren Hindämmern auf. Vor ihm stand ein bärtiger alter Landsmann, ein Glas in der Hand. «Da hat's ein Unglück gegeben, hör ich», sagte er, «ein Geistlicher hat mich mit dem Kognak hergeschickt, Herr.» Er reichte Adrian das Glas. «Is er hier runtergefallen?»

«Ja, hier ist er abgestürzt.»

«Ich hab's ja immer gesagt, da hätt ein Geländer hergehört. Der Geistliche läßt Ihnen sagen, der Doktor und die Gendarmen werden gleich kommen.»

«Danke!» erwiderte Adrian und gab das leere Glas zurück.

«Dort drüben an der Straße liegt ein hübsch großer, gedeckter Schuppen, könnten wir ihn nicht dorthin tragen?»

«Eh die Polizei kommt, dürfen wir ihn nicht anrühren.»

«Ah, richtig!» rief der Alte, «hab davon gelesen. Es gibt da so ein Gesetz, wenn sich's um einen Mord oder Selbstmord handelt.» Er starrte auf den Toten. «Er sieht ruhig aus, nicht? Wissen Sie, wer es war, Herr?»

«Ja. Ein gewisser Hauptmann Forest. Er stammt aus dieser Gegend.»

«Was? Einer von den Forests aus Burto Rise? Bei denen hab ich als junger Bursch gedient, bin in ihrer Pfarre geboren!» Er sah genauer hin. «Das ist doch nicht am End gar Mr. Ronald?»

Adrian nickte.

«O du meine Güte! Jetzt is keiner von ihnen mehr am Leben. Sein Großvater is als Wahnsinniger gestorben, jetzt er. Nein, so was! Mr. Ronald! Hab ihn als kleinen Buben gekannt.» Er beugte sich nieder, um beim letzten Dämmerlicht ins Antlitz des Toten zu schaun, dann wiegte er bekümmert den bärtigen Kopf. Da der Verunglückte kein Landfremder war, gewann, wie Adrian bemerkte, der Fall auf einmal für ihn ein ganz andres Interesse.

Plötzlich drang das Rattern eines Motorrades durch die Stille. Mit brennender Vorderlampe fuhr es den Weg in den Kreidebruch hinab, zwei Gestalten stiegen ab, ein junger Mann und ein Mädchen. Sie schlenderten auf die kleine Gruppe zu, die der Schein der Radlampe grell beleuchtete, und starrten auf den Toten.

«Hier hat's einen Unfall gegeben, haben wir gehört.»

«Wohl, wohl!» bestätigte der alte Bauer.

«Können wir Ihnen vielleicht helfen?»

«Nein, danke», erwiderte Adrian, «Arzt und Polizei kommen schon, wir können nur warten.»

Er sah, wie der junge Mann den Mund zu einer weitern Frage auftat, doch ohne ein Wort ihn wieder schloß und den Arm um das Mädchen legte. Dann standen beide wie der alte Bauer schweigend da und starrten auf den Verunglückten, der an Adrians Knie lehnte. Noch immer ratterte der Motor ihres Rades durch die Stille, und im grellen Licht seines Scheinwerfers sah der alte Kreidebruch noch unheimlicher aus, und die kleine Gruppe der Lebenden um den Toten glich gespenstischen Schatten.


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