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21. Kapitel

Worin nichts klappt und Doktor Kimmknirsch mit Trinken anfängt

 

Der Jugend verscheuchen die Sorgen noch nicht den Schlaf. Als sie vor ihrem Bett stand, meinte Rosemarie, vor Kummer und Herzeleid kein Auge schließen zu können. Aber kaum lag sie, kaum wurde der Körper warm zwischen den Federn, da wischte eine mildtätige Hand über die bös verkritzelte Schiefertafel, und alles war ausgelöscht. Nichts als tiefe, warme, sanfte Schwärze. Den Kopf in die Armbeuge geschmiegt, schlief Rosemarie, fest und sorgenlos – und sie hätte wohl bis in den nächsten Morgen hinein, bis zum Weckruf des verhaßten Schlieker geschlafen, hätte nicht ein ungewohntes Geräusch sie geweckt.

Nur langsam entrang sie sich dem guten Schlaf, die Stimmen im Nebenzimmer führten sie eher in ihn zurück als hinaus, aber dann prasselte es wieder gegen die Scheiben ...

Rosemarie setzte sich auf. Nebenan sprachen in der plötzlichen Stille die beiden Schliekers miteinander, was, war nicht zu verstehen, aber die Stimme der Frau klang weinerlich-laut, Päules unterdrückt, beruhigend ...

Schon wollte sie sich wieder zurücklegen, da stob es prasselnd gegen das Fenster wie ein ganzes Hagelwetter, und Rosemarie war mit einem Satz aus dem Bett. »Die Jungens«, dachte sie freudig. »Meine Jungens – sie lassen mich doch nicht ...«

Draußen war noch etwas Mond, grade genug, daß sie ein paar Schatten sah. Die aber konnten sie nicht sehen im dunklen Fenster, schon wieder prasselte eine Handvoll Kies dagegen. Wenn Schliekers auch sprachen, wenn ihr Fenster auch um die Hausecke herum lag, diesen Lärm mußten sie schließlich doch hören.

Rosemarie faßte eilig den Fenstergriff, drehte, zog: das Fenster rührte sich nicht. Sie riß, der Rahmen knackte, aber das Fenster ging nicht auf. Während ein neuer Schauer Kies gegen die Scheibe flog und Rosemarie angstvoll ins Nebenzimmer lauschte, befühlte sie eilig den Rahmen. Gleich fand sie drei, vier umgeklopfte Nagelenden. Die Wut hatte Päule Schlieker an alles denken lassen, er hatte auch das Fenster vernagelt. Nicht zu öffnen.

Aber die Jungens mußten um jeden Preis mit dem Lärm aufhören, sie brachten sich ja in Gefahr! Vom Bett riß sie das helle Kopfkissen, preßte es gegen die Scheibe, gegen die andere drückte sie ihr Gesicht, klopfte mit den Fingern, vorsichtig hinter sich lauschend, ein Signal. Die Stimmen im Nebenzimmer gingen weiter, doch das Prasseln wiederholte sich nicht. Trotz der Holzstangen über der Fensternische hatten die Jungen ihr Signal gemerkt. Nun mußte Rosemarie schnell sein, damit ihre Freunde nicht wieder ungeduldig wurden. Der Schlaf, ob kurz oder lang, hatte ihr neue Frische gebracht, die trübe Niedergeschlagenheit war vorbei. Rasch öffnete sie die Luke zum Wrukenkeller, und rasch kletterte sie, so, wie sie war, also im Hemd, in den Keller. Es gab da nur Luftlöcher, kaum so groß wie ihr Kopf und vergittert gegen Ratten und sonstiges Viehzeug, aber sie stellte die Leiter so, daß sie an ein Loch reichte, und flüsterte eindringlich: »Hütefritz! Hier – am Kellerloch!«

Die Luke verdunkelte sich. »Ja?« fragte es. »Warum machst du dein Fenster nicht auf?«

»Zugenagelt, Fritze!«

»Wir sind alle da«, flüsterte er. »Wir haben Baumsägen mitgebracht, wir sägen dich frei, sobald bei Schliekers das Licht aus ist.«

»Unsinn, Fritze! Das heißt, es ist nett von euch, aber es geht nicht. Denkst du, Schlieker hört euer Sägen nicht, der schläft wie ein Hase, mit einem Auge nur und mit einem Ohr ...«

»Aber –!« protestierte Hütefritz.

»Es ist auch gar nicht nötig, Fritze«, flüsterte Rosemarie. »Glaube mir, wenn ich will, kann ich immer weg. Aber jetzt will ich noch nicht.«

»Ja, dein Plan mit den studierten Leuten«, sagte er gekränkt. »Rosemarie, du fällst nur rein damit.«

»Bestimmt nicht, Fritze«, sagte sie. »Aber du kannst mir einen ganz großen Gefallen tun, wenn du willst ...«

»Na«, sagte er schon halb versöhnt. »Was soll's denn sein?«

»Du mußt es aber selber machen, Hütefritz«, flüsterte die Tochter Evas. »Dann weiß ich, daß es bestimmt geschieht.«

»Na, sag schon«, drängte er begierig. »Soll ich Schlieker die Pferde aus dem Stall stehlen? Oder ihm die Hofpumpe kaputtmachen, daß er kein Wasser hat?«

»Nichts, Fritze, nichts von alledem – mit diesen Dingen ist für immer Schluß. Nein, aber du kannst dich vielleicht morgen am Tage für drei oder vier Stunden frei machen?«

Der Hütefritz, eben noch so entschlossen, war bedenklich. »Morgen ist Sonnabend«, sagte er zögernd, »leicht ist das nicht. Es ist wegen der Kühe, weißt du«, entschuldigte er sich. »Ich habe soviel Ärger mit Tamms gehabt, weil ich ein paarmal in der letzten Zeit fort war ... aber vielleicht am Abend –?«

»Dann muß ich eben etwas länger warten, das macht auch nichts«, tröstete sie ihn. »Aber willst du dann zum Amtsgerichtsrat gehen und ihm sagen: Rosemarie Thürke ist nicht weggelaufen, sie ist bei Schliekers, und Schlieker hat ihr das Geld fortgenommen ...«

»Ach, Rosemarie«, flüsterte der Hütefritz traurig ins Kellerloch, »nun hast du also doch gelogen, nun hast du gar keinen Plan! Ich hab's ja gewußt. Wenn alles in Ordnung ist, sagst du einfach: Hütefritz, tu dies und das; aber wenn etwas nicht stimmt, dann bittest du ...«

Sie schwieg einen Augenblick, die Kinderkönigin von Unsadel schwieg betroffen. »Ich wollte dich doch nicht kränken, Hütefritz«, sagte sie dann. »Ich habe nur solche Angst um dich, der Schlieker ist so böse wie nie. Ich glaube, er ist nicht mehr richtig bei Sinnen ...«

»Du sollst aber keine Angst um mich haben; wenn ich keine um mich habe, sollst du es schon gar nicht. Wir haben ausgemacht, wir wollen uns immer alles sagen ...«

»Ich wollte es dir ja auch sagen, nur, es ging immer so schnell, und dann war die Angst da ...«

»Du sollst aber nicht ...«

»Und glaube mir, Fritz, ich weiß bestimmt, es geht gut aus. Wie ihr eben den Sand gegen die Scheiben warft, war ich so fröhlich. Manchmal denke ich, ich schaffe es wirklich, und du kommst von dem Fresser Tamm fort zu uns und kriegst die Pferde.«

»Rosemarie«, sagte er überwältigt, und es war wirklich, als hätte es ihn vor die Brust gestoßen. »Und Schlieker –? Und Philipp –?«

»Ich sage dir alles noch, wie ich es mir denke. Ach, Fritz, wir müssen Schluß machen, die andern schimpfen schon – und ich steh hier im Hemd und friere ja wohl wie ein Scheit Holz im Walde. – Gehst du zu Schulz?«

»Natürlich, Rosemarie, aber erst am Abend.«

»Und du sagst ihm, Schlieker hat das Geld und wie er mich hier gefangenhält, und er soll so schnell wie möglich kommen!«

»Ich vergesse nichts, er muß gleich mitkommen.«

»Ja, das wäre gut. Aber die Hauptsache ist doch, daß er Bescheid weiß, ich bin nicht wieder fortgelaufen. Und nun sag den andern, daß ich ihnen noch gute Nacht wünschen will, und mach auch, daß du in dein Bett kommst. Ach, Fritze, du hast ja wohl in den letzten Nächten fast gar nicht geschlafen!«

»Ich schlaf am Tage, auf der Weide, die Sonne ist noch schön warm«, beruhigte er sie. »Also, gute Nacht, Rosemarie, und zu Schreischulze geh ich todsicher.«

Nun kamen die andern, Kinderhand auf Kinderhand schlüpfte zwischen den Gitterstäben durch. Heini Beier und Robert Hübner, Albert Strohmeier und Ernst Witt und schließlich am Ende noch Otsche Gau.

»Otsche, wirklich du auch wieder?«

»Natürlich, ich gehöre doch jetzt dazu«, und: »soll ich Vater was sagen? Vater ist jetzt ganz anders, er hat sogar nach dir gefragt. Ich glaube, ihm tut's leid, daß er den Schlieker auf dich gehetzt hat.«

»Nein, sag Vater nichts, Otsche. Hütefritz weiß Bescheid – morgen, übermorgen ist bestimmt alles vorbei. Gute Nacht, Otsche.«

»Gute Nacht, Rosemarie!«

Gute Nacht auf und ab, gute Nacht, gute Nacht, schönes warmes Bett, in dem so gut zu liegen ist, gute Nacht, gute Nacht! Nebenan reden sie noch immer, nichts gehört, gleich schlafen wir wieder. »Ich hätte Otsche fragen sollen, wieviel Uhr es ist, dann wüßte ich, wie lange ich noch schlafen darf ...«

Und schläft schon.

Gute Nacht, und das bißchen Mond verschwindet, Südwest kommt mit Wolken und verfinstert seinen Schein, gute Nacht, der Wind jagt Regen gegen das Haus. Die schönen Herbsttage sind vorüber, Stürme beginnen, die Nässe ist da, die Blätter fallen zu Tausenden – gute Nacht, und wenn wir wüßten, welches die letzte Nacht in unserm Heimatbett ist, wir schliefen nicht so sanft und ruhig. Gute Nacht ...

Ja, grau, dunkel, stürmisch, regnerisch war der Morgen, in den Päule Schliekers Stimme Rosemarie rief. Grämlich und böse klang die Stimme des Pflegers, der sie zum Melken und Füttern schickte. Sie hatte alles allein zu tun, er stand nur in der Stalltür und sah ihr, hüstelnd und finster, zu. Sie mußte Pferde und Kühe putzen, dann ausmisten, frisches Stroh streuen ...

Es wurde Tag, aber es wurde kein heller Tag. Tief zogen die eiligen Wolken, immer wieder fiel ein Schauer, es war kalt geworden ...

»Trag Wasser ins Schaff!«, und sie pumpte und trug den Wasservorrat für zwei Tage ins Haus. Sie schälte Kartoffeln, bereitete alles vor.

»So«, sagte er. »Jetzt bleibst du wieder da drinnen. Und daß du stille bist, verstehst du –?!«

Er hatte das nicht ohne Absicht gesagt, denn nicht viel später hörte sie ein Auto knattern, ach nein, es war wohl sein Motorrad. Dann hörte sie die Stimme des jungen Arztes durch die Wand.

Wie gerne hätte sie ihn gerufen. Aber er war im Zorn von ihr gegangen, und sie schämte sich, seine Hilfe noch einmal zu erbitten.

Der Doktor blieb lange. Manchmal hörte sie, wie seine Stimme heftig wurde, vielleicht fragte er auch nach ihr. Aber, das wußte sie ja, die kannten den Schlieker noch alle nicht, er wandte und drehte sich, er war bieder, er war ihnen zu schlau. Sicher hatte er nach ihr gefragt! Nun, er hatte umsonst gefragt. Schlieker log ihm etwas vor.

Aber es tat doch gut zu denken, daß er gefragt hatte. Und heute abend erfuhr Amtsgerichtsrat Schulz alles und dann war es ausgestanden. Was sich Schlieker bei diesem Gefängnis überhaupt dachte, das konnte man nicht verstehen – meinte er etwa, er könnte sie so Wochen und Monate halten? Er durfte ja nicht einen Fuß vors Haus setzen, er konnte nicht den Acker bestellen, die Pferde bewegen: er war der Gefangene seiner Gefangenen.

Aber vielleicht dachte er gar nicht weiter, vielleicht glühte alles in ihm vor besinnungsloser Wut. Vielleicht war es genauso wie bei der Ablieferung der fünf Pflegekinder, lieber ging alles kaputt, als daß er denen den Willen tat.

Der Arzt sprach und Schlieker sprach, einmal wurden die Stimmen so laut, daß sie eine atemraubende Sekunde gewiß war, er erzwänge den Zugang zu ihr. Aber dann ging es wieder sanfter, die Stimmen entfernten sich, und nun töffte draußen das Motorrad. Vorbei ... vorbei ...

Der Riegel klang, Schlieker stand in der Tür, sah sie aufmerksam an und befahl: »Häcksel schneiden!«

Sie ging vor ihm über den Hof, vom Motorrad war nichts mehr zu hören. Ihr blieb nur, auf den Abend zu hoffen und den Amtsgerichtsrat.

 

Der junge Doktor Kimmknirsch töffte langsam und gedankenvoll durch das Dorf Unsadel.

Ja, es hatte eine lange und manchmal recht erregte Auseinandersetzung mit Päule Schlieker gegeben. Der Mann hatte – wie viele Ehemänner – nicht einsehen wollen, daß seine Frau wirklich krank war, ernstlich krank war.

»Das bißchen Krämpfe!« hatte Schlieker verächtlich gesagt. »Sie soll sich bloß zusammennehmen, ich nehme mich auch zusammen.« Das tat er, Kimmknirsch bestritt es nicht. Er läge viel besser im Bett, es ging ihm bei weitem noch nicht gut, dieser Husten war nicht unbedenklich.

»Unsinn!« hatte Schlieker gelacht.

»Aber Ihre Frau sollten Sie lieber für ein paar Wochen in eine Anstalt bringen, meinethalben auch in ein Krankenhaus. Sie hat ›Absenzen‹, sie ist oft nicht bei sich, man weiß nicht, was sie dann tun kann.«

»Was soll sie schon tun? Einen Topf zerschmeißen oder zwei, das ist immer noch billiger als Ihr Krankenhaus. Ein paar Wochen Krankenhaus, Sie sagen so was leicht, es ist mein Geld, was das kostet, nicht Ihres, Herr Doktor.«

»Es ist Ihre Frau, die krank ist, nicht meine«, hatte der junge Arzt noch völlig ruhig erwidert.

Aber dann waren sie darüber doch in Streit geraten. Schlieker war immer wilder geworden, Widerspruch konnte er nun einmal nicht vertragen. Die Welt hatte sich nach seinem Kopf zu drehen, und wenn der Doktor behauptete, die Frau sei so krank, so sollte die Frau auf der Stelle aufstehen und arbeiten – das wäre doch gelacht!

Nun, sie beruhigten sich auch wieder, die Frau kam nicht ins Krankenhaus, blieb aber im Bett – und dann stellte es sich heraus, daß Schlieker persönlich noch ein Anliegen an Herrn Doktor Kimmknirsch hatte.

Er machte die linke Schulter frei, und der Doktor sah sich kopfschüttelnd die vier kleinen, aber tiefen Löcher an, die schon rot entzündet waren.

»Wer wirft denn hier mit Gabeln?« fragte Kimmknirsch schließlich, und Schlieker ärgerte sich, daß der das doch erraten hatte.

»Wer anders als die Giftkröte, die Marie?! Mich mit der Gabel geschmissen und weggelaufen. Das sind die rechten – Pastorentöchter!«

»So!« hatte Doktor Kimmknirsch geantwortet, und damit war das Thema Rosemarie Thürke zwischen den beiden erledigt gewesen. Keiner schien sich nach einer Aussprache darüber zu sehnen.

Aber nun fuhr Doktor Kimmknirsch durch den nassen, windigen, trüben Oktobertag langsam und gedankenvoll heim und grübelte. Stimmte, was Schlieker sagte, oder stimmte es nicht? Und wenn es nicht stimmte, was stimmte nicht?

Wie jeden Abend hatte auch gestern abend der junge Arzt mit Amtsgerichtsrat Schulz bei Stillfritzens am runden Tisch gesessen, und da hatte Schulz verärgert zuerst von dem plötzlich aufgetauchten Professor Kittguß berichtet, der sich als ein recht wohlhabender Mann erwiesen hatte, dann aber von der neuen Flucht des jungen Mädchens, das, entschieden völlig verwildert, auch nicht mehr den leisesten Zwang ertragen wollte ...

»Und wenn sie sich nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden meldet, dann ist es mit jeder Milde, Schonung und Rücksichtnahme vorüber! Für solche gibt es dann schließlich etwas wie Zwangserziehung!«

Kimmknirsch hatte weder auf diese düstere Drohung etwas geantwortet noch überhaupt viel gesagt. Rosemarie Thürke hatte auch ihn bitter enttäuscht, und so etwas wird nicht so leicht verziehen. Aber vielleicht hätte er doch ein bißchen Näheres erfragen sollen, denn wie Amtsgerichtsrat Schulz berichtete, war die Rosemarie nach Schliekers Angabe schon am Nachmittag entlaufen – aber wann hatte sie dann die Gabel geworfen? Vorher! Vorher, vor dem Weglaufen nämlich, und so eine häßliche Tat sollte Schlieker dem Amtsgerichtsrat nicht berichtet haben? Unwahrscheinlich, höchst unwahrscheinlich! Hatte sie aber erst am Abend nach dem richterlichen Besuch geworfen, so hatte Schlieker den Schulz belogen, so war sie noch während des Schulzschen Besuches im Hause gewesen – warum aber hatte sie sich dann nicht gemeldet?

Etwas stimmte nicht, das konnte man sich ohne viel Mühe ausrechnen, und Kimmknirsch nahm sich vor, sobald er in Kriwitz war, mit dem Amtsgerichtsrat über die Sache zu reden.

Vorher hatte er aber noch eine andere Besprechung zu erledigen, und für die war er grade an der richtigen Stelle, trotzdem er mitten auf dem Landweg zwischen Unsadel und Kriwitz hielt, wo nicht Hütte noch Haus, nicht Mann noch Weib zu sehen waren. Aber ein Hecktor war hier, und es war zweifellos genau die Stelle, an der gestern der wegelagernde Köter das Auto angefallen hatte.

Kimmknirsch lehnte das Motorrad an das Hecktor und stieg über. Immerhin hatte sie den Hütefritzen Freund genannt, und er konnte Dinge wissen, die dem Amtsgerichtsrat Schulz und dem Arzt noch verborgen waren.

Hütefritz sah den »Studierten« über die nasse Stoppel herankommen. Es war klar, daß sich hier eine vorzügliche Gelegenheit bot, ohne langen Abendmarsch nach Kriwitz Rosemaries Botschaft loszuwerden. Aber ebenso klar war auch, daß diese Gelegenheit nicht benutzt werden würde. Dieser Nichtstuer mit Auto und Motorrad, der so vertraut bei Rosemarie im Wagen gesessen hatte, sollte nichts erfahren! Dann lieber noch heute abend den Weg zum Richter!

Hütefritz erwog die Sachlage, leichter, als sich dumm zu stellen, war, gar nicht dazusein. Er rief die Hunde an (auch Bello half beim Hüten und machte sich gar nicht schlecht) und trieb die Kühe kurz entschlossen in Gaus Klee. Da würden sie stehen, fressen und nicht weglaufen, ob er dabei war oder nicht.

Der Doktor sah den Rückzug des gegnerischen Heeres, noch lief er nicht, aber er rief schon. »He, du, Junge!« rief er.

Der Doktor Kimmknirsch hätte es besser wissen müssen, er war immerhin neben einem Schafstall geboren worden, er hatte seine zehn oder zwölf Jahre auf dem Lande gelebt, er hätte wissen müssen, daß man einen vierzehnjährigen Jungen nicht »He, du, Junge!« anruft. Das waren Städtermanieren. Er hatte ja den Namen gehört, er hätte sich schon besinnen können. Hütefritz oder Fritz wäre wirkungsvoller gewesen.

Die Kühe gaben sich mit Begeisterung dem streng verbotenen Klee hin, der Junge verschwand hinter einer Hecke. Doktor Kimmknirsch fing an zu laufen; als er hinter die Hecke tauchte, sah er grade an ihrem andern Ende den Jungen verschwinden. Er machte kehrt, verdammt noch mal, hat man dazu seinen Doktor gebaut, um Haschen mit Dorfbengeln zu spielen –?!

Beinahe hätte er den Jungen erwischt, aber der wußte ein Loch in der Hecke und war wieder fort. Auf allen Vieren kroch Doktor Kimmknirsch nicht mehr durch Heckenlöcher. Das ging ihm gegen das Gefühl. Also rief er. Da fingen die Hunde bei den Kühen ohrenbetäubend zu bellen an. Der Doktor rief noch einmal und ging leise und listig rasch um das Heckenende. Grade sah er leise und listig eine Jacke ums andere Ende verschwinden.

Nun meinte es der Himmel auch noch gut, ein fauchender Windstoß jagte einen prasselnden Schauer Regen in sein Gesicht. Dieser verdammte Bengel besaß alle Wissenschaft und wollte sich nicht fangen lassen! Mit einem wütenden Ruck war der Arzt auf allen Vieren und kroch durch Schlehen, Rosen und Haseln.

Drüben war der Junge zwei Schritte von ihm ab, aber ehe der Doktor noch hochkam, waren es zehn. Kimmknirsch rannte über den ungepflügten Acker hinterdrein und gab Notsignale: »Rosemarie! He, Junge! Helfen! Gegen Schlieker!«

Er hätte sich besser mit einem lahmen Taubstummen verständigt, der Bengel jedenfalls tauchte in eine triefende Ginsterwildnis unter, in die ihm der Arzt keinesfalls folgen wollte.

Er machte kehrt und ging sauwütend zu seinem Motorrad zurück. Seine Schuhe quatschten vor Nässe und trugen einen kleinen Bauernhof Lehm an sich, seine Knie waren vom Kriechen durchgeweicht, die Hände dreckig. Hätte er den Hütefritz dagehabt, er hätte ihn ganz heimatlich hinterpommersch vermöbelt! Das aber war grade die Sache, der Junge war nicht da, weder zum Befragen, noch zum Verhauen. Das war überhaupt der ganze Schiet: in dieser Sache Rosemarie Thürke ging alles schief! Man mochte es anfassen, wie man wollte.

Kaum war das Motorrad in Gang, so stand der Junge schon auf einem Heckentor, gradeaus, fünfzig Meter ab, und winkte mit den tollsten Verrenkungen dem Arzt höhnische Abschiedsgrüße zu. Als der Arzt auf zehn Meter heran war, verschwand er natürlich, miserabler Feigling, der er war!

Es hatte nicht den geringsten Sinn, sich noch mit dieser ganzen Angelegenheit zu befassen. Doktor Kimmknirsch fuhr wütend darauf los, daß Dreck und Wasser spritzten. Er überlegte, ob er sich erst umziehen und dann den Amtsgerichtsrat aufsuchen sollte oder umgekehrt. Er entschloß sich für Erst-Umziehen.

Ach, an diesem ganzen Tag hatte der Doktor Georg Kimmknirsch kein Glück! Als er auf das Amtsgericht kam, mußte er erfahren, daß Herr Amtsgerichtsrat Schulz fortgefahren war, Gerichtstag zu halten im Flecken Krüselin. Zeitpunkt der Rückkehr ganz unbestimmt, kaum vor Abend. Und als er verdrossen und verärgert – warum eigentlich? er wollte sich doch gar nicht mehr damit befassen! – in seine Wohnung zurückkam, war dort zwar kein Patient gewesen, aber der Amtsgerichtsrat Schulz. Und hatte einen Brief für seinen Freund Kimmknirsch hinterlassen.

»Lieber Doktor« usw. »Tun Sie mir den Gefallen, vom Zwei-Uhr-Zug den Professor Kittguß abzuholen. Er hat viel Geld bei sich. Passen Sie auf das Unglückshuhn auf und erwarten Sie mich gegen sieben mit ihm im ›Erbherzog‹. Sie nehmen ja auch Interesse am Fall R. Th. Sonst möchte ich Ihnen so etwas gar nicht ansinnen. Ihr ...« usw.

Ja, und so stand denn Doktor Georg Kimmknirsch fünf Minuten vor zwei auf dem Bahnsteig und erwartete den Herrn Professor Kittguß, den er gar nicht kannte.

Und der Zug lief ganz ortsüblich mit zwanzig Minuten Verspätung ein, und ihm entstiegen vier Frauen und der alte Fellhändler Lau mit seinem Packen, aber sonst keiner.

Nichts ging in dieser Sache Thürke, wie es sollte. Bis zum nächsten Zug um sieben Uhr abends konnte sich nun Doktor Kimmknirsch um »das Unglückshuhn, das viel Geld bei sich hatte«, ängsten und den Amtsgerichtsrat verfluchen, der ihm auch noch diesen Stachel ins Fleisch gestoßen hatte.

Wenig konnte dabei ein Krankenbesuch bei dem Patienten Philipp Münzer trösten, dem es nun wirklich schon wieder recht gut ging und der da aus Bett und Krankenstube eine Holzschnitzerwerkstatt gemacht hatte und unermüdlich Holzlöffel für Stillfritzens und Kimmknirschs schnitzte. Glücklich war er, strahlend war er, der Junge – doch, doch, dies munterte den Doktor ein wenig auf –, und nur seine Freundin und Herrin Rosemarie hätte er gern wieder einmal gesehen, wenigstens für eine Minute, ja, Herr Doktor?

»Morgen, Philipp, morgen bestimmt«, log der Doktor gegen all seine Grundsätze und entzog sich hastig den besorgten, ängstlichen, rührenden Fragen nach dem Ergehen der Rosemarie, Fragen, auf die er selbst nicht die tröstlichste Antwort wußte.

Es stürmte und regnete, der Wind klirrte mit den Dachrinnen und heulte im Ofen der Stillfritzschen Gaststube. Nun hatte der Doktor bis zum Sieben-Uhr-Zug und der Rückkehr des Amtsgerichtsrats eigentlich nichts mehr, die Zeit zu verbringen, als den witzig-versoffenen Wirt Stillfritz – und was der für ein herzabdrückender Spuk aus dem Lebenspanoptikum sein konnte, das erfuhr Doktor Kimmknirsch so recht an diesem trostlosen Herbsttage.

»Hören Sie auf, Stillfritz«, sagte der Doktor schließlich schroff in die Jeremiaden des alkoholisierten Philosophen hinein, »mir ist schon schlecht genug. Machen Sie mir noch einen Grog.«

»Sehen Sie«, sprach der tüchtige Gastwirt Stillfritz triumphierend, »ich sage es ja. Mit dem Saufen fängt es an, bei jedem!«


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