Autorenseite

 << zurück weiter >> 

2. Kapitel

Worin Professor Kittguß einen fetten Bauern am Baum hängen und ein Mädchen am Zaun weinen sieht

 

Der frühe Oktobernachmittag war sonnig und windstill. Dennoch – wenn Professor Kittguß bei seinem Marsch auf dem sandigen Heckenweg einen Vogel im Geäst aufscheuchte, glitten lautlos von der flügelschlagenden Flucht des Tieres viele goldene, rote und braune Blätter zur Erde.

Langsam und bedächtig wandelte der alte Lehrer den Sandweg. Ab und zu blieb er stehen, setzte die Reisetasche ab, trocknete die Stirn vom Schweiß der ungewohnten Anstrengung und zog die Uhr zu Rate. Nun ging er schon fast zwei Stunden, auf der Station aber hatten sie gesagt, es sei nur eine knappe Stunde bis Unsadel. Doch soviel er auch nach Haus und Mensch aussah, es waren nur die Hecken da und hinter den Hecktoren herbstlich stille Äcker.

»Ja, ja«, seufzte der Professor, aber er war nicht unzufrieden, nein, die weite Stille mit dem hohen, blaßblauen Himmel darüber tat ihm wohl. »Den Abendzug heute werde ich freilich nicht mehr erreichen. Nun – es wird sich Gelegenheit finden, im Dorf zu übernachten. Und um so gründlicher kann ich dann bis morgen abend alles regeln.«

Was dies »Alles-Regeln« eigentlich hieß, davon hatte er nur eine sehr unklare, nein, gar keine Vorstellung aber –: Die Rosemarie wird mir schon sagen, was ich zu tun habe. Irgendwie wird es sich um ihr Erbteil handeln.«

Er seufzte wieder »Ja, ja«, nahm die Tasche und wandelte weiter. Die Hecken schienen kein Ende zu nehmen, der einsame Sandweg schlängelte sich bald nach rechts, bald nach links. Manchmal stand auch eine hohe Pappel oder eine Weide da, dann betrachtete der Professor den Baum, beifällig nickend, »Ja, ja«, und setzte sich langsam wieder in Gang.

Eben stellte er fest, daß er nun schon zweiundeinehalbe Stunde unterwegs war, als er wie eine Frucht zwischen den Heckenzweigen das Gesicht eines Jungen über sich entdeckte, ein derbes, rotes Gesicht, mit einem blonden, gänzlich ungekämmten Schopf darüber. Dies Gesicht betrachtete den Professor scharf.

»Lieber Sohn«, fragte der. »Wie lange gehe ich noch bis Unsadel?«

»Sie sollen nicht nach Rosemarie fragen, sondern bei Päule Schlieker ein Zimmer mieten«, flüsterte der Junge eindringlich.

»Lieber Sohn!« rief der Professor. »Lieber Junge, warte doch ...«

Aber die Zweige rauschten auf, und die Hecke war ohne Gesicht.

Der Junge, lieb oder nicht, war fort. Der Professor trabte beinahe zum nächsten Hecktor, doch auf der Koppel hinter der Hecke sah er nur Rinder und einen wolligen Schäferspitz, der wütend zu bellen anfing. Kein Junge – soviel auch der Professor gegen das Gebell anlocken mochte.

So ging er denn schließlich weiter, verwundert, verdrossen. »Nicht fragen soll ich, sondern einfach bei Päule Schlieker mieten ... Aber ein Schlieker ist ein Betrüger ... Man sollte solch bösen, ehrabschneiderischen Reim nicht einmal im Scherz sagen ...: Päule ... was das nun wieder soll? Paul –?«

Plötzlich hörten die Hecken auf. Licht und weit wurde das Land, Felder und Wiesen flossen sanft zu einem großen, grünen See hinab. Drüben, am jenseitigen Ufer, stieg in allen lodernden Herbstfarben ein Wald uferan, aber auf dieser Seeseite lag mit roten Ziegeldächern und altersschwarzen Strohhauben das Dorf. Der Professor schritt rascher aus.

Am Eingang des Dorfs stand feierlich, mit ruhenden Flügeln, eine große Windmühle. Hühner suchten verloren, ohne sich um den Wanderer zu kümmern, auf der Straße ihr Futter; eine Schar Gänse kreuzte, eifrig schnatternd, seinen Weg; eine Katze sah, regungslos auf den Latten eines Zauns hockend, wie verzaubert den Professor an.

Aber kein Mensch – Professor Kittguß sah in jedes Fenster, spähte in jeden Hofraum –: nein, kein Mensch. Er hörte die Pferde im Stall scharren, Kühe rasselten mit ihren Ketten – aber an diesem gesegneten Wochentagnachmittag war kein Mensch sichtbar in Haus, Hof, Straße, Dorf.

Nun stand da eine stattliche Wirtschaft mit breiten, einladenden Steinstufen am Wege. »Krug von Otto Beier« war zu lesen über der Haustür.

Erleichtert trat Professor Kittguß auf den dämmrigen Hausflur, an einer Tür entzifferte er die Inschrift »Gaststube«, er klopfte, er trat ein. Ein paar Tische, eine Theke, die Flaschen hinter der Theke, die Gläser auf der Theke, ein Strickstrumpf mit dem Knäuel daneben im grünen Sofa – aber kein Mensch.

Professor Kittguß wartete, er ging hin und her, er scharrte mit den Füßen, er räusperte sich, er hustete, er rief mit schwacher, dann mit starker Stimme: »Ach, bitte –!«

Aber kein Mensch.

Er klopfte gegen eine Tür, er klopfte noch einmal, er klinkte sie vorsichtig auf – und sah in den weiten, leeren, staubigen Tanzsaal. Verschmutzt und zerknittert hingen von der Decke grüne Papiergirlanden, auf der Bühne lagen umgeworfene Stühle – aber kein Mensch.

Kopfschüttelnd klopfte der Professor an eine zweite Tür und kam in ein kleines, düsteres Zimmer. Auf dem ungedeckten, fleckigen Holztisch stand eine Terrine, benutzte Teller und Löffel, als seien sie von den Essern hastig aus der Hand gelegt. Professor Kittguß sah sich um, sah sich wieder um, rief: kein Mensch. Er beugte sich über die Terrine, der Suppengeruch erinnerte ihn daran, daß er seit dem frühen Morgen, seit seinem Abschied von der Müllern nichts gegessen hatte. Ihm wurde ein wenig schwach.

Eiliger ging er, nach hastigem Anklopfen, in den vierten Raum. Bei seinem Eintritt lief das Heer der Schaben leise rasselnd und knitternd, über Herd und schmutzigen Backsteinboden in die bergenden Ritzen.

Noch eine Tür – und von der Steinschwelle sah Professor Kittguß in einen herbstlichen, verliederten Garten, mit zerscharrtem, vertrampeltem Gras, zusammengeklappten Eisentischen, traurig verkommenen Bäumen. Unten aber an seinem Ende leuchtete der grüne, große, reine See, golden lodernd stieg feierlich schweigend der Buchenwald uferan. Eine Weile sah der Professor still auf das schöne Bild, seufzte »Ja, ja« und ging durch den verlassenen Gasthof auf die verlassene Dorfstraße zurück, weiter hinein in dies verlassene Dorf.

Zum erstenmal auf seiner abenteuerlichen Fahrt, zum erstenmal seit vielen, vielen Jahren hatte ihn ein seltsames Gefühl angerührt, ein Gefühl aus seinen Jugendjahren. Im Anblick des schweigenden Landes, hinter sich den verkommenen Gasthof, hatte er zu sich gesprochen: »Welch wunderbare Wege führst du deine Kinder, Herr!« Und an die Stille seines Studierzimmers hatte er dabei gedacht, das er nun, am Rande des Greisenalters, auf die Botschaft welch seltsamen Engels verlassen hatte, um einer Ungewißheit entgegenzugehen, der er sich längst entrückt glaubte.

Aufatmend hörte er plötzlich Geschwirr von vielen Stimmen, Gelächter, Zurufe, Schreie. Rascher schritt er aus. Ein offenes Tor führte ihn zu einer großen Hofstatt, auf der das ganze Dorf versammelt schien. Was irgend gehen, was nur kriechen konnte, stand hier, lachend, schwatzend oder stumm wartend: alte Bauern und junge Arbeitsleute, Frauen, unter der bedruckten blauen Schürze die Hände, junge, derbe Burschen in hohen Stiefeln. Schulkinder drängten sich überall durch das Gewimmel, die jungen Mädchen hatten die Köpfe zusammengesteckt und flüsterten. Und alle, alle sahen sie so gespannt nach der breitästigen, uralten Linde in der Mitte des Hofs, daß sie nicht einmal den näher tretenden Fremden, den Professor Kittguß, beachteten.

Der aber sah staunend hängen an einem hohen Ast der Linde einen starken Balken wie einen Wiegebalken. Und an dem Wiegebalken hingen zwei Schalen, groß und kräftig. Aus festen Brettern gefertigt. In der einen Schale aber schwebte ein ungeheurer, dicker Bauersmann mit fröhlich lachendem, rotem Gesicht, in der andern aber, noch leichteren Schale, türmte es sich hoch von geräucherten braunen Würsten, fast schwarzen, derben Schinken, langen, goldbraunen Speckseiten.

»Seht ihr, es reicht nicht, es reicht immer noch nicht!« rief der fette Bauer, vor fröhlichem Lachen prustend. »Ich hab's dir längst gesagt, Lowising, deine ganze Räucherkammer wird dieses Jahr leer!« Er sah sich triumphierend um: »Habt ihr das gedacht?! Klugschnacker! Im vorigen Jahr habt ihr schon gesagt, ich könnte nicht mehr dicker werden – und nun bin ich doch noch wieder dicker geworden!« Er lachte triumphierend, und alle lachten mit. »Lauf, Lowising, hilf ihr, Maxe, min Söning. Holt noch den Schinken von der Fünfzentnersau! Dann wird es reichen!«

Von seiner unbekümmerten Fröhlichkeit angesteckt, liefen eine große, derbknochige Bauersfrau und ein starker Bengel ins Haus.

»Ihr da –! Fritze, mein Gerhardchen, komm auch du, Elli, haltet meine Schaukel ein wenig fest, sie schwankt so! Heute mittag hab ich gesulzten Aal mit Bratkartoffeln gegessen, der wird mir wieder lebendig von der Schaukelei. Ich fühl's, wie er sich schlängelt ...« Er lachte. »So ist es besser, Kinder. – Wirst du ruhig sein, Aal!« schrie er plötzlich. »Es schaukelt jetzt gar nicht mehr, nichts hast du noch zu krabbeln in mir –!«

»Oh, bitte!« flüsterte Professor Kittguß zu seinem Nachbarn. »Was geschieht hier?«

Der fragte erstaunt: »Haben Sie noch nie von dem lustigen Bauern Tamm in Unsadel gehört?«

»Nein«, sagte der Professor gehorsam.

»Dann kommen Sie von weit her«, entschied der Mann. »Hier im Lande weiß vom dicken Tamm jeder.«

»Ich nicht«, sagte der Professor sanft.

»Dies ist so einer von seinen Narrenstreichen. Jeden Herbst vor dem ersten Schlachten schenkt er sein volles Gewicht in Geräuchertem den Dorfarmen. Damit seine Räucherkammer leer wird und er was lachen kann. – Da – das wird reichen!«

Aus dem Haus waren Frau und Bursche gekommen, einen ungeheuren Schinken schleppend. Sie legten ihn auf die Schale. Der große Wiegebalken bewegte sich seufzend in den Stricken, Fritze, Elli, Gerhardchen ließen den Bauern los. Der stieg und stieg in die Krone hinauf »Der Aal! Der Aal!« jammerte er und stieg schwankend weiter, indes die Schale mit dem Geräucherten zur Erde sank.

Viele jubelten: »Es reicht! Es reicht!«

»Es ist zuviel«, rief die Bauersfrau und wollte wenigstens eine Mettwurst retten.

»Laß sein, Lowising, immer sinnig! Was einmal auf der Schale liegt, bleibt. – Ist es reell mein Gewicht?« rief er gegen die Stallwand, wo die Alten standen.

»In Ordnung, Tamm!« – »Hat seinen Schick, Tamm!« riefen die zurück.

»Dann runter mit euch vom Hof!« befahl der Bauer, und während die Alten eilfertig fortzogen, Maxe hinter ihnen das Tor schloß, kletterte der Bauer unter Hilfe vieler ächzend von seinem Sitz. »Los, Kinder, lauft, Mädchen! Macht es ihnen schwer! Los! Los!«

Und die ganze Hofstatt geriet in einen wirbelnden Aufruhr, denn alles lief mit den Würsten, Schinken und Speckseiten, sie zu verstecken, an Baumäste zu hängen, in Winkel zu schieben.

Ruhig in all dem Treiben standen nur der dicke Bauer, mit ermunternden und verweisenden Rufen, und der Professor Kittguß am Tor.

»Barthel, laß den Schweinkram! Willst du mal den Schinken nicht im Mist verstecken! Legt ihn auf den Holzfeimen, ganz hoch! Maxe, hilf ihnen!«

Jetzt hatte der Bauer den Fremden gesehen und gab ihm die Hand: »Nun kommt was zum Lachen! Sie sind fremd hier?«

»Ja.« Und schon wollte Professor Kittguß trotz des Verbots nach Rosemarie Thürke fragen, da tat sich feierlich langsam das Hoftor auf.

»Lauft!« rief der Bauer, und herein liefen, humpelten, trippelten, ächzten die Alten, die Armen, die Huster, die Krächzer, die Kracher; standen einen Augenblick spähend, entdeckten ein Ziel: eine Wurst, eine Speckseite. Keuchten dahin, sie zu erfassen, jammerten: »Ich lange nicht an!« – »Für mich bleibt nichts!«

»Willst du mal! Die Wurst ist meine!«

»Nein, meine! Ich habe sie zuerst gesehen!«

»Ich –!«

»Doch meine!«

»Meine!«

Und indes die beiden Weiber streitend an der Riesenwurst zerrten, hob ein dritter, ein schlauer, trockener Alter, aus dem gleichen Nest, in dem die Wurst gelegen, schmunzelnd einen derben Schinken.

Ein rüstiger Greis hatte um einer Speckseite willen die Hoflinde erklettert und rutschte behutsam, in Sorge um seine alten Knochen, auf einem Ast dem lecker baumelnden Ziel näher. Doch schon nahte unten mit einer Schubkarre der Feind in Gestalt einer derben Frau. Unter dem Speck kippte sie die Karre um, stieg auf sie, und eben griff der Alte von oben zu, als die Frau von unten zog.

»O weh, nichts bleibt für mich!« rief der Alte auf seinem Ast. »Schämst dich was, Gesche, zehn Jahre bist du jünger ...«

Er brach ab. Vom hohen Sitz hatte er den ungeheuren Schinken auf der Spitze des gut zwei Meter getürmten Holzfeimens entdeckt. Als sei der alte, seit sechzig Jahren zur Ruhe gegangene Knabenmut wieder über ihn gekommen, rutschte er vom Zweig, hing einen Augenblick zappelnd zwischen Himmel und Erde und ließ sich dann, die Gesche als Halt benutzend, zu Boden gleiten. Beide stürzten sie. Die Speckseite entfiel der Frau, zwei, schon drei eilten hinzu, diesen leckeren Vogel zu fangen.

Der Hof brauste und dröhnte von Gelächter.

»Greif dir die Seite, faß zu, Wilhelm!« ermunterten die Leute. Aber den Spatz um der Taube willen verschmähend, lief der Alte zum Feimen.

»Ich kann nicht mehr!« stöhnte prustend Bauer Tamm. »Lieber Mann (Hachhach!), schlagen Sie mir ein paarmal auf den Rücken! (Hachhach!) Aber kräftig!«

Und hier stand nun auf einem Hof in Unsadel der stille Professor Kittguß, Ausleger und Deuter der Offenbarung Johannis, und schlug einem lachenden Bauern, der sich stets von neuem verschluckte, den Buckel.

Dicht bei beiden hatte sich ein altes Weiblein hingehockt, in der Schürze fünf Würste und eine Speckseite. »Ich hab für mich genug. Ich dank auch schön, Tamm. Mit Geräuchertem hab ich für diesen Winter ausgesorgt. Huste nur tüchtig, Tamm. Wer lange hustet, lebt lange.« Und sie kicherte zufrieden.

Der alte Kraxler hatte indessen schon zwei vergebliche Angriffe auf den Holzfeimen gemacht – halb oben, beinahe oben, war er wieder abgerutscht. Da half nichts, er mußte zurück und als Unterbau die Karre holen. Doch bei seiner Rückkehr bestürmten schon drei andere den hölzernen Schinkenberg. Einer, der es auch mit Klettern versuchte, konnte ihm kaum gefährlich werden; aber die beiden andern, ein altes Ehepaar wohl, das im Verein arbeitete, schienen dem Sieg nahe.

»Mir bleibt nichts«, jammerte der Greis, aufgeregt die Karre erkletternd. »Mir geht alles schief! Immer ist mir alles schiefgegangen. Stets waren meine Birnen mulsch!«

Vom alten Ehepaar hatte der Mann sich hingehuckt, die Frau aber war ihm auf die Schultern gestiegen. Von der anderen Seite angelte der Greis auf der Karre. Ach! der Vierzig-Pfund-Schinken war den alten Händen zu schwer, nur ins Rutschen brachten sie ihn, halten konnten sie ihn nicht. Wie eine Lawine rollte er, vom Staubschnee der mitgerissenen Holzscheiter gefolgt, den Feimen hinab, fegte den Kraxler mit schwerem Schlag zur Erde, rollte ein Stück auf den Hof ...

Und der Alte in der Hucke vergaß ganz sein Weib auf dem Buckel. Wie ein Hofhund auf allen vieren kroch er eilig dem Schinken nach. Die kleine Alte tat einen hellen Aufschrei und fiel. Doch ihr Mann hatte sich über den Schinken geworfen, er deckte ihn mit dem Leib gegen den wütenden Angriff des alten Wilhelm, der seine zweite Niederlage nicht ertragen wollte.

»Komm, komm, Wilhelm!« mahnte die Bäurin Tamm. »Ich hab noch was für dich im Hinterhalt. Leer sollst du nicht ausgehen. Nein, nun mußt du dem Goldner seines lassen. Es muß ja Spaß bleiben, nicht?«

»Welch fröhliches, welch gutes Dorf!« rief Professor Kittguß begeistert.

»O Gott!« antwortete fast erschrocken Tamm. »So was sagen Sie man bloß nicht. Wenn ich nicht hier wäre –! Und ich bin auch bloß so, weil die andern gar nicht so sind.« Er sah, plötzlich ernst geworden, den Professor vorwurfsvoll an. »Nun, wenn Sie bleiben, werden Sie's schon erleben. Sie sind doch zu Ferien hier? Jaha, wenn Sie noch nichts haben, ich vermiete auch Zimmer. – Halt!« rief er, sich umdrehend. »Jetzt stellt euch in eine Reihe, damit wir sehen, ob auch alles gefunden ist. Also auf nachher, Herre. Ich muß aufpassen, daß alles seinen Schick hat.«

Er schritt die Reihe der Alten ab, lobend, tröstend, lachend, und Professor Kittguß sah ihm zu.

Etwas berührte seine Hand. Er blickte hinunter auf ein kleines Mädchen mit langen, blonden Zöpfen. »Nun, mein Kind?« fragte er freundlich. »Was möchtest du wohl?«

Die Kleine flüsterte hastig: »Beim Spritzenhaus müssen Sie rechts gehen. Es ist der letzte Hof mit den fünf Tannen davor. Sie dürfen nicht nach Rosemarie fragen. Sie dürfen sie gar nicht kennen.«

Und sie lief fort.

»Aber Kind –!« rief er ihr nach.

Doch sie war schon untergetaucht in den Wirbel der andern. Wieder eine Botin – und welch eifrige!

»Die Kinder scheinen alle von mir zu wissen. Und die Großen gar nichts«, dachte er verwundert. »Aber über all dem Scherz hier habe ich die Rosemarie doch fast vergessen.«

Er sah sich um. Einige gingen schon. Das Lachen war vorbei, die frühe Oktoberdämmerung kam.

»Jetzt habe ich keine Zeit mehr, mit dem Bauern zu sprechen«, entschied er und ging durch das Tor auf die Dorfstraße hinaus.

Plötzlich war die Müdigkeit Herr über ihn geworden, mühsam ging er durch das rasch dunkler werdende Dorf. Oft wechselte er die Handtasche von der rechten in die linke Hand, sie war wie Blei. Die bevorstehende Aussprache mit der Rosemarie beschäftigte, die Ungewißheit, auf welch Kissen er diesen Abend sein Haupt legen würde, bedrückte ihn. Als Nachhall des ungewohnten Lachens auf dem Hof des Bauern Tamm war ihm ein unbestimmtes Gefühl grundloser Traurigkeit geblieben.

Nach einer Weile kam er an einen dunklen, langgestreckten Schuppen. Hier verzweigte sich der Weg. Also war er beim Spritzenhaus und mußte nach rechts. Er ging, an sechs, acht kleinen Häusern vorbei, einen Weg, der, schmäler werdend, auf einen Hügel führte. Von der Höhe des Hügels sah er vor sich gegen den noch ein wenig hellen Himmel die Tannen und, lang hingestreckt, geduckt, lichtlos, das Haus.

Eine Weile stand er, schweigend in Betrachtung versunken. So still war dies zur Ruhe gehende Land, mit See, Wald und Acker. Dann hörte er eine Kuh im Dorf brüllen, er seufzte, sprach: »Wohlan!« und ging auf das düstere Haus zu.

Neben seinem Weg lief ein Staketenzaun, dunkel standen im Garten reihenweise zum weißlich schimmernden See hinab Büsche. Er war schon nahe seinem Ziele; es war nicht zu leugnen, daß sein Herz ein wenig rascher klopfte – da blieb er lauschend stehen: was hörte er? Noch ein paar Schritte tat er, hielt wieder an und fragte sachte ins Dunkle: »Weint hier jemand?«

Es war ganz still, dann fing auf dem Hof ein Hund an zu bellen – und zerriß die Stille.

»Komm, mein Mädchen. Komm, meine Rosemarie«, sagte der Professor sanft. »Ich bin es, dein Pate Kittguß, der Jugendfreund deines Vaters.«

Zwischen den Büschen bewegte es sich, eine schlanke Gestalt trat an den Zaun, kaum unterschied er das weiß dämmernde Gesicht. Er tastete nach ihrer Hand, die kalt war.

»Warum weinst du, Rosemarie?«

Ihre helle Stimme, mit einem eigenwilligen spröden Klang kam überraschend böse zu ihm: »Und wo bist du so lange gewesen?! Vor drei Stunden hat der Hütefritz mir sagen lassen, daß er dich gesehen hat. Bist du auch wie die andern Männer, die sich erst Mut aus dem Krug holen?«

»Kind! Kind!« rief der Professor erschrocken. »Was redest du?! Ich trinke nie, was trunken macht. Ich habe mich bei dem lustigen Bauern Tamm verweilt. Das war nicht recht – verzeih also.«

Sie schwieg.

»Und all diese Stunden hast du hier in der Kälte gestanden und auf mich gewartet?«

»Ja!« rief sie böse. »Und ich habe meine Arbeit darüber versäumt, und die Schliekers haben nach mir gesucht und mich viele Male gerufen. Und wenn ich jetzt komme, wird er mich anbrüllen, und sie wird mich kneifen und an den Haaren ziehen. Das macht sie immer, wenn sie böse auf mich ist, und sie ist immer, immer böse auf mich!«

»Keiner wird dich anbrüllen, und keine wird dich an den Haaren ziehen«, tröstete der Professor. »Denn ich werde mit dir gehen und zu ihnen sprechen.«

»Nein, nein«, flüsterte sie hastig. »Du mußt erst viel später kommen, in einer viertel oder halben Stunde. Dann mußt du um ein Zimmer fragen und tun, als ob du mich gar nicht kennst. Sonst ist gleich alles verloren.«

»Aber, Rosemarie, Kind«, sagte der Professor mahnend, »dann müßte ich ja lügen. Und das weißt du wohl noch von deinem lieben Vater, daß wir nicht lügen dürfen. Du lügst doch nicht?«

»Die lügen und die betrügen!« rief sie. »Und wenn wir gegen sie aufkommen wollen, hilft uns allein die List.«

»Die List ist bei den Bösen, Rosemarie«, warnte der Professor. »Bei uns aber muß die Wahrheit sein.«

»Ach!« rief sie verzweifelt. »Warum habe ich dich nur gerufen?! Wenn du nicht auf mich hören und mir nicht so helfen willst, wie ich es dir sage, so machst du alles nur schlimmer. Die Kinder helfen mir schon und tun, was ich will. Vielleicht schaffe ich es mit ihnen allein. Es ist mein Haus, das dort«, rief sie leidenschaftlich. »Und es ist mein Hof und mein Vieh und mein Acker, und die Schliekers wollen es mir stehlen. Aber ich lasse es ihnen nicht! Der Philipp hat mir gesagt, wenn es ganz schlimm kommt, so zünden wir es lieber an und verderben alles, als daß ...«

»Still! Still!« rief der Professor erschüttert. »Du weißt ja nicht, was du sprichst, du armes, unseliges Kind du! Haben sie dich so gequält?!«

Sie war still nach dem Ausbruch, nur ihr leises, jammervolles Weinen war zu hören.

»Rosemarie«, sagte er sanft. »Es gibt einen hellen Weg und es gibt einen dunklen Weg. Möchtest du denn deine liebe Mutter und deinen guten Vater nie wiedersehen?«

Sie weinte leiser.

»Ich bin«, sprach er, »vielleicht ein weltunerfahrener Mann. Aber ich bin ein sehr alter Mann und weiß eines, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Liebst du Gott, Rosemarie?«

Sie schwieg.

»Siehst du«, sagte er. »Es geht nicht um die Schliekers und um das Kneifen auch nicht und nicht um Haus und Hof – es geht um dich, meine Rosemarie. – Und nun zeige mir den Weg in das Haus, Rosemarie, und ehe wir auf den Hof kommen, kette den Hund an – ich habe Furcht vor Hunden.«

Und bezwungen von seiner Sanftheit, sagte sie leise: »So komm.«

Sie gingen den Zaun entlang, und bei der Zauntür nahm sie ihn bei der Hand und sagte: »Fürchte dich nicht, mein Bello soll dir nichts tun.«


 << zurück weiter >>