Autorenseite

 << zurück weiter >> 

10. Kapitel

Worin Rosemarie viel Geld bekommt und Otsche für sein Leben läuft

 

Ein rechter stiller und friedlicher Herbstsonnentag war dieser Gerichtstag für die drei Menschen im Waldhaus, keine Ahnung der Dinge, die über sie gesprochen und beschlossen wurden, rührte sie an.

Noch schlief der Professor sanft, da kam Heini Beier schon mit einem Tragkorb marschiert und packte aus, was sich in nächtlicher Eile hatte besorgen lassen: Eier und Schmalz, Butter und Salz, Brot, Speck und Mettwurst, dazu Malzkaffee und ein derbes Stück Schinken. Sogar an eine Kanne Milch hatten sie gedacht: »Aber die Kanne muß gleich wieder zurück, sonst spukt's bei Strohmeiers«, sagt Albert.

Er nahm sie zurück und die verhängnisvolle Botschaft von Rosemaries Kleidern und Wäsche dazu.

Als dann der Professor aufwachte, roch es schon verheißungsvoll nach Eiern und Speck. Freundlich grüßte er das geschäftige Mädchen, gab ihr nun wirklich einen Kuß auf die Stirn und sprach: »Guten Morgen, Kind. Ich habe gut geschlafen und fühle mich wieder ganz frisch und kräftig. Und du –?«

»Danke, Pate. Gleich werden wir Frühstück haben.«

Den Professor kam es nicht an zu fragen, welch Tischleindeckdich diese Frühstücksdinge in das kahle Waldhaus gezaubert hatte, und so frühstückten sie denn langsam und behaglich, Philipp freilich gesondert vor dem Stall auf einem Hackeklotz. Der Professor schlug vor, nach dem Frühstück zu den Vormündern zu wandern, um mit ihnen zu sprechen: Auf daß alles auch seine Richtigkeit vor Gott und der Obrigkeit bekomme.

Aber Rosemarie war dagegen, es seien drei Stunden hin und drei Stunden zurück und der Pate habe sich seinen Ruhetag gewiß verdient. Morgen könne man dann ja sehen ...

Sie schwieg von dem Beschluß, erst einmal abzuwarten, was mit Schlieker würde, sie schwieg auch von der Nachricht, die Hütefritz gebracht, der Professor habe abreisen wollen ohne ein Wort. Im Mondschein auf der Waldwiese hatte es ganz möglich ausgesehen, den alten Mann mir nichts, dir nichts zur Rede zu stellen, aber heute am Tage war alles anders. Ein Ding ist der Beschluß, nur noch mit der Wahrheit im Bunde zu sein, ein ander Ding, ihn durchzuführen.

Sie sprach nicht von der Herkunft der Eier, nicht von der Flucht des Professors, nicht von der Gefangennahme Päule Schliekers, auch nichts von ihren Plänen und Absichten.

Sie setzte dem Paten mit Philipp zusammen einen Lederstuhl in die Sonne und packte ihn gut in eine warme Decke. Sie gab ihm seine Bibel in die Hand, und dann machte sie sich an ein gründliches Reinmachen des Stalles. Darüber sah sie von Zeit zu Zeit immer wieder zu dem alten Mann hin, sie hatte noch etwas anderes auf dem Herzen, aber selbst um eine so einfache Sache zu fragen hielt schwer.

Der Professor saß stillzufrieden in der lichten Wärme, er las in seiner geliebten Offenbarung, die ihm neu und schön war wie am ersten Tag. Dann und wann ließ er das Buch sinken und sah nachdenklich auf den Buchenwald, aber er wußte natürlich nicht, daß es Buchen waren, er wußte nur, daß es Wald war. Von den Zedern des Libanon hätte er mancherlei zu berichten gewußt, er hätte sogar ihr Aussehen beschreiben können – er kannte sie aus Abbildungen und Büchern –, doch von den Bäumen im deutschen Walde wußte er nichts.

Manchmal kam ihm aber doch zum Bewußtsein, wie weit aus der Welt er wohnte, zum Beispiel jetzt, als Rosemarie ihn – nach einer Stunde Zögerns – fragte:

»Kannst du mir wohl ein bißchen Geld geben, Pate?«

»Ja, natürlich«, sagte der Pate, legte das Buch der Bücher sorgsam auf die Knie und fuhr mit beiden Händen unter die Decke in die Taschen: »Wieviel brauchst du?«

»Vielleicht drei Mark«, bat Rosemarie verlegen. Und rasch: »Ich will nämlich Philipp schicken, daß er uns ein bißchen Essen einkauft. Und Petroleum für die Lampen müssen wir auch haben.«

Der Pate hatte die Bibel auf den Knien liegen und jetzt auf ihr die Brieftasche mit dem Papiergeld und wieder darauf das geöffnete Portemonnaie mit Silber, Nickel und Kupfer.

Etwas hilflos sah er auf diese Dinge. »Weißt du, Rosemarie«, sagte er dann zögernd, »ich habe so viele Jahre nicht mit Geld zu tun gehabt, daß ich ihm recht entfremdet bin.« Er nahm ein Silberstück in die Hand und besah es prüfend. »Was ist zum Beispiel dies für eine Münze?«

»Ein Taler, Pate.«

»Schön, Rosemarie, du weißt also damit Bescheid, aber ich weiß es nicht, und ich denke auch nie an Bezahlen. Willst du mir nicht diese lästigen Gelddinge abnehmen?«

Er schob alles zusammen und hielt es ihr mit beiden Händen entgegen.

Ein leises Rot stieg in Rosemaries Wangen. »O Gott, Pate«, sagte sie. »Das willst du mir anvertrauen? Es ist ja so viel Geld –!«

»Ist es das? Nun, ich bin überzeugt, du wirst sorgsam damit umgehen.«

»Gewiß. Gewiß!« rief Rosemarie. »Ich zähle es gleich nach und gebe dir eine Quittung.«

Sie stand vor ihm, das Geld in der Hand, freudig und gerührt. Jetzt wäre der Augenblick gewesen, ihm ihr Herz zu öffnen. Aber der Augenblick ging ungenützt vorüber, er nickte ihr freundlich zu und sah schon wieder in die Bibel, da ging sie.

Dann saß sie im Waldhaus am Holztisch und zählte, sie störte ihn noch einmal. »Pate, es sind 217 Mark und 83 Pfennig – hier ist die Quittung –, darf ich auch etwas zum Schuheputzen kaufen? Es ist nichts da.«

»Jawohl, jawohl«, nickte er abwesend, schob die Quittung zwischen die Seiten der Bibel und las weiter.

Sie saß noch eine Weile über dem Geld, ihr Herz klopfte heftig. Die höchste Summe, die sie je besessen, waren fünfzig Pfennig gewesen. Herr Vogel hatte sie ihr einmal zum Geburtstag geschenkt, und am gleichen Tage noch waren sie ihr von Frau Gau wieder abgenommen worden.

Sie saß und sann. Dies viele Geld ihr zu geben hatte ihm nichts bedeutet, höchstens eine Erlösung – ihr bedeutete es so viel! Sie rieb die Scheine sachte mit den Fingern, sie knisterten leise: Nun gut!

Dann legte sie fünf Mark auf den Tisch und versteckte ihren Schatz im Bett. Philipp wurde gerufen und bekam seinen Besorgungsauftrag, nebst Geld, Zettel und Petroleumkanne. Weder nach Unsadel noch nach Kriwitz durfte er gehen, sondern quer durch den Wald nach dem preußischen Dorf Lüttenhagen. Und auch dort mußte er aufpassen, denn ein entlaufener Dienstknecht war er heute wie gestern, bei den Preußen wie bei den Mecklenburgern.

Nun stand Rosemarie am Seeufer, sah auf den Waldrand drüben, wo der Pfad nach Unsadel lief, und spähte. Niemand kam, und es war schlimm, hier untätig zu sitzen, da es um ihren Hof und um ihr Schicksal ging. Später machte sie Mittagessen – es gab wieder Eier, diesmal mit Schinken, dazu Brot und Malzkaffee –, und dann legte sich der Professor, wie er es gewohnt war, ein Stündchen hin.

Aber er konnte noch nicht lange geschlafen haben, da rief es ihn sanft an, und als er die Augen aufschlug, war es Rosemarie: »Pate, ich muß schnell mal weg. Aber sorge dich nicht, der Philipp wird in gut einer Stunde zurück sein, und ich bin auch vor Nacht wieder hier.«

Er spürte ihre Erregung und setzte mit Fragen an, so gut das eben direkt aus dem Schlafe ging, aber sie sagte nur hastig: »Nein, Pate, ich muß wirklich sofort weg! Ich erzähle dir alles nachher.« Und damit war sie auch schon aus dem Haus, dessen Tür sie vor dem nachwinselnden Bello sorgsam einklinkte.

Mit dem Schlafen war es nun vorbei, und nachdem der Professor noch eine Weile still auf seinem Bett gelegen hatte, stand er auf und ging nachdenklich im Waldhaus auf und ab. Er hatte allen Grund, nachdenklich zu sein, doch je mehr er grübelte, um so verworrener schien ihm alles, und wieso er eigentlich hier als ein heimlicher Flüchtling im Vogelschen Sommerpalais saß, das begriff er schon gar nicht.

Drinnen war es trübe, draußen schien die Sonne. Der Professor stieß die Tür auf und trat in die helle Lichtung. Mit ihm schoß der Hund Bello hinaus, lief einige Male winselnd, die Nase tief auf der Erde, über die Blöße und verschwand dann auf einem schmalen Waldsteig, leise und freudig blaffend.

Der Professor sah ihm nach, schüttelte verwirrt den Kopf und ging nun auf der Lichtung hin und her, aber der klare Sonnenschein machte es auch nicht klarer.

Nach einem Weilchen kam Philipp mit seinen Besorgungen und schien verwundert und betrübt, daß Rosemarie fehlte. Er wollte vom Professor wissen, wohin sie gegangen sei und warum. Weil der Professor das aber auch nicht wußte und weil jede Verständigung zwischen Platt und Hoch an sich schon schwierig war, so blieb der Junge ohne Aufklärung und unruhig.

Den Sessel setzte er aber dem Professor noch ins Haus zurück, und Feuer legte er ihm auch noch neu in den Kamin, dann aber schien er zu einem Entschluß gekommen: er setzte sich plötzlich in Trab und schoß in genau den Waldpfad hinein, auf dem auch der Bello verschwunden war.

Der Professor konnte ihm nachrufen, soviel er wollte, und selbst den Waldsteig ein wenig hinuntergehen – der Junge kam nicht wieder, und der Wald wurde jetzt rasch dunkel. Langsam ging Professor Kittguß in sein Heim zurück und setzte sich in den Sessel am Feuer, die Ausreißer zu erwarten.

Stunde um Stunde verging, das Feuer fiel zusammen, trübe sinnend vergaß der Professor, neues Brennholz nachzulegen. Und die Lampe anzuzünden. Und etwas zu essen. Er sann, und er kam sich sehr alt, sehr unbrauchbar und sehr verlassen vor. Niemand hielt mehr bei ihm aus.

Schließlich – es war schon tiefe Nacht – schlief er ein. –

Rosemarie und Ernstel Witt liefen, so rasch sie nur konnten, über den Waldsteig nach Unsadel. Sie hatte nur zu hören brauchen, daß Päule Schlieker wieder da und Otsche Gau verschwunden war, sie brauchte nur die unselige Morgenbotschaft von der fehlenden Wäsche dazuzurechnen und sie wußte ziemlich genau, was geschehen war. So liefen sie ohne Wort, aber mit vielen Sorgen den Weg vom Waldhaus nach Unsadel.

Es war kein Gedanke, daß sich Rosemarie in Unsadel sehen lassen durfte, und so war das Stelldichein des Bundes eine kleine Sandgrube etwa dreihundert Meter vom Schliekerschen Gehöft, von der man die Pforte zu Hof und Haus sehen konnte.

Da traf sie ihre Jungens, und sogar der Hütefritz war da – er hatte nun, da wirklich höchste Not war, sogar seine Herde im Stich gelassen. Aber noch jemand war da, der gar nicht zum Bunde gehörte, nämlich die Gausche Älteste, Evi Gau, zwei Jahre jünger als Rosemarie – und die beiden hatten einander in recht guter Erinnerung.

»Sie wird nichts verquatschen«, beruhigte Hütefritz. »Ich habe sie holen lassen, damit wir auch wissen, was bei Gaus los ist.«

Die beiden Mädchen gaben sich recht kühl mit »Dag ok, Evi« – »Dag ok, Marie« die Hand und sahen rasch wieder voneinander fort.

Otsche Gau hatte von zwölf bis zwei Uhr Wache gehabt und, um das Mittagessen versäumen zu können, Streit mit seinem Vater angefangen, der, ein rechter Wutkopf, ihn auch gleich aus der Stube gejagt und in den Holzstall gesperrt hatte. Daß er aus dem, mit der eingeweihten Evi Hilfe, zwei Minuten später bereits wieder entkommen war, das hatten die Gau-Eltern bis jetzt noch nicht gemerkt: »Und wenn sie es merken, werden sie es auch nicht gleich mit der Angst kriegen. Freilich, wenn Vater wüßte, er sitzt da im Schliekerschen Haus, und nun gar wegen deiner Hemden, ich weiß nicht, was euch beiden passierte, dir und Schlieker und der ollen Mali auch.«

Keines antwortete, sondern alle sahen still auf den Hof, wo sich nichts rührte.

»Und seit zwei, seit ich den Otsche ablösen sollte, hat sich auch nichts gerührt«, sprach Hübner eifrig. »Sie müßten doch wenigstens einmal nach dem Vieh sehen.«

»Und jetzt ist es gleich fünf«, heulte plötzlich Evi Gau los. »Und vier Stunden haben sie ihn jetzt schon mindestens drin, und wer weiß, wie sie ihn peinigen und martern! Und vielleicht schlagen sie ihn sogar tot!«

»Schliekers ist alles zuzutrauen«, sagte weise Hübner.

»Halt's Maul, alter Quatschkopf«, schimpfte Hütefritz los. »Vom bloßen Gucken kommt er auch nicht frei«, rief Evi. »Nun sag was, Rosemarie! Deinetwegen sitzt er doch drin, und vielleicht denken Schliekers sogar, er hat klauen wollen!«

Rosemaries Herz war schwer, der Entschluß bitter, aber sie sagte doch: »Das beste wird sein, ich gehe hin und sage, daß ich ihn geschickt habe. Dann müssen sie ihn laufenlassen.«

»Und dich behalten sie!« rief Hütefritz wütend.

»Vielleicht komme ich auch wieder los«, sagte Rosemarie, aber nicht sehr hoffnungsvoll.

»Da warte man drauf!« höhnte Fritz wütend. »Nach dem, was du den Schliekers angetan hast, legen sie dich lieber an den Tüder, als daß sie dich noch einmal laufenlassen.«

Alle schwiegen und sahen gespannt auf Rosemarie.

»Also!« sagte sie jämmerlich, denn sie hatte wirklich Angst. Sie wandte sich zum Gehen, blieb aber wieder stehen. »Du hast ja recht, Evi, steckenlassen darf ich ihn nicht. Ich gehe jetzt rein, und wenn Otsche in einer halben Stunde nicht draußen ist, so läufst du zu deinem Vater und erzählst ihm alles. Und du, Hütefritz, mußt dich mit den andern ein bißchen um Philipp kümmern, der braucht denen auch nicht grade in allernächster Zeit vor die Füße zu laufen. Und dann seht zu, daß der Professor wegkommt ... Ach Gott ja, Hütefritz, er hat mir sein Geld anvertraut, es sind noch 212 Mark und 83 Pfennig.

Sie liegen unter meinem Kopfkissen im alten Kuhstall, die gibst du ihm. Und sagst ihm, er kann mir doch nicht helfen, er soll lieber nach Haus fahren ...«

»Höre zu«, sagte Hütefritz eifrig. »Hör du auch zu, Evi, denn jetzt mußt du entscheiden. Was du gesagt hast, Rosemarie, das behalten wir alle und dafür sorgen wir, darauf kannst du dich verlassen. Aber zu Schliekers gehen, das kannst du in einer halben Stunde auch noch – erst müssen wir doch einmal bestimmt wissen, daß Otsche bei ihnen im Haus sitzt. Sonst gehst du rein für nichts und wieder nichts.«

»Aber wo soll er denn sonst sein?« fragte Hübner.

»Weiß ich das?! Vielleicht ist Schlieker gleich von hier aus nach Biestow zu seiner Verwandtschaft oder sonstwas und der Otsche hinter ihm her. Nein, jetzt gehe ich erst einmal spionieren, und dann, wenn wir bestimmt wissen, Otsche sitzt drin, gehst du, Rosemarie. – Bist du einverstanden, Evi?«

»Ja«, sagte sie zögernd. »Wenn es nicht länger als eine halbe Stunde dauert ...«

»Aber wenn einer spioniert«, sagte Rosemarie, »will ich es sein.«

»So dumm«, höhnte Hütefritz. »Wo man dein rotes Kleid sieben Meilen weit sieht.«

»Ich bin der Kleinste«, piepte Albert Strohmeier. »Und am schnellsten von euch laufe ich auch. Ich will gehen.«

»Ich habe die Idee gehabt«, beharrte Hütefritz. »Ich will gehen.«

»Nein«, entschied Rosemarie. »Strohmeier soll gehen. Wenn der von Schliekers gesehen wird, denken sie, er ist bloß neugierig. Aber wenn sie dich merken, Fritz, wissen sie gleich, ich stecke dahinter, denn du gehörst doch zu mir.«

»Er macht todsicher alles falsch«, murrte Hütefritz unzufrieden. »Du mußt wie 'n Indianer schleichen, Albert, auf Zehen- und Fingerspitzen, daß Schlieker deine Spuren nicht findet.«

»Döskopp«, sagte Strohmeier verächtlich. »Was der schon nach Spuren sieht! Nein, ich geh auf Socken, barfuß quatscht manchmal so, und die Stiefel sind zu laut ...«

Alle sahen ihm zu. Plötzlich war die Stimmung anders, Otsches Gefangenschaft und Rosemaries Opfergang vergessen ...

»Halt dich senkrecht, Albert!« riefen sie.

»Klar«, sagte der und schob sich zwischen die Ginsterbüsche.

»Dussel! Wo willst du hin?!« rief Hütefritz eifersüchtig.

»Verstehst du denn nicht?« erklärte Rosemarie eifrig. »Er macht es ganz richtig, er will nicht den Weg lang. Er geht den Feldrain runter bis an den See und dann am Seerand bis in den Garten ... Was ist denn das?!«

In den Büschen am Rande der Sandgrube rauschte es, brach durch, und freudig winselnd stürzte sich Bello auf Rosemarie.

»Da ist er wieder!« sagte sie. »Hat der Professor ihn laufenlassen. Ja, mein Lieber, mein Starker, es ist ja gut. Nur stille sein, ganz stille sein ... Leg dich, leg dich schön!«

Der Hund legte sich gehorsam vor sie hin und sah sie an.

»Jetzt ist er im Garten«, meldete Hübner.

»Und nun können wir nichts mehr sehen«, sagte Hütefritz. »Nun müssen wir bloß warten.«

Also warteten sie.

Es verging eine Zeit, die ihnen endlos schien.

»Wo er nur bleibt?!« murmelte einer.

»Er müßte längst wieder hier sein.«

»Vielleicht hat Schlieker ihn abgefaßt.«

»Wenn er jetzt nicht gleich kommt, gehe ich«, drohte Hütefritz.

»Du bleibst!« entschied Rosemarie. »Wenn einer geht, bin ich es.«

»Da! Da!« schrie Win. »Er ist schon unten am See!«

»Wirklich und wahrhaftig!«

»Wenn er bloß was ausgerichtet hat! –«

»Nun, Albert?« fragte Rosemarie erwartungsvoll.

»Ist er drin –?!« drängte Hütefritz.

»Wer? Schlieker?« fragte Albert Strohmeier, der recht gut wußte, welch wichtiger Mann er jetzt war. »Erst mal die Schuhe. Was denkt ihr, was für kalte Beine ich gekriegt habe –?! Und die Strümpfe sind auch hin. Na, meine Mutter wird schön schimpfen, wenn sie die Riesenlöcher sieht!«

»Ob er drin ist!« drohte Hütefritz. »Mach endlich, Mensch.«

»Wer denn –?« fragte Strohmeier und sah seine Bedränger mit den flinken, runden Augen triumphierend an. »Jawohl, Herr Schlieker ist zu Haus.«

»Dämlicher Döskopp!« brauste Hütefritz auf.

»Albert!« bat Rosemarie. »Albert Strohmeier! Sag doch, ist Otsche drin?«

»Und ob er drin ist!« strahlte Strohmeier plötzlich. »Weißt du, Rosemarie, er ist in den kleinen Keller eingesperrt, zu dem von deiner Stube eine Luke geht ...«

»Also doch!« sagte Rosemarie.

»Der arme Junge«, weinte Evi. »Ich sage es aber sofort dem Vater, wenn du nicht gleich gehst, Rosemarie ...«

»Ich gehe schon ...«, sagte Rosemarie entschlossen.

»Armer Bengel ...«, grinste Strohmeier über das ganze sommersprossige, magere Gesicht. »Arme Schliekers, meinst du wohl! Denkst du, Otsche hat klein beigegeben? Der brüllt da unten und schimpft und schreit: ›Fuchskopp‹ schreit er, ›Betrüger‹ schreit er – er brüllt so, daß Schlieker die Kellerlöcher schon mit Stroh versetzt hat, damit sie es nicht im Dorf hören ...«

»Raus muß er«, sagte Rosemarie. »Ich will nun gehen ...«

»Halt!« rief Strohmeier und hielt sie am Arm fest. »Warte noch einen Augenblick. Gleich wirst du was sehen ...«

»Ich muß hin«, beharrte Rosemarie und sah auf die blasse, angstvolle Evi. »Ich habe ihn reingeritten, ich muß ihn auch wieder rausholen.«

»Marie, Rosemarie«, sagte Strohmeier geheimnisvoll. »Ich habe was in deiner Stube gesehen ...«

»Und –?« fragte Rosemarie gespannt.

»Und ...«, flüsterte Strohmeier ..., »Päule zieht sich die blaue Joppe mit den Hornknöpfen an ...«

Einen Augenblick war große, gedankenvolle Stille.

»Dann«, sagte Rosemarie entschieden, »geht er in die Stadt, dann bleibt er nicht auf dem Hof ...«

»Vielleicht zum Gendarmen ...«

»Ach, der arme Otsche!« klagte Evi.

»Gans!« sagte Strohmeier verächtlich. »Wenn Päule zur Stadt geht, muß die Frau das Vieh allein versorgen. Und sobald sie im Viehstall ist, schlagen wir die Tür zu, sperren sie ein und holen uns den Otsche, das Haus mag zu oder offen sein ...«

»Großartig!« schrien sie alle.

»Schlieker soll in die Luft gehen!«

»Nun kommt es aber drauf an, daß er wirklich bald geht.«

»Wenn er schon die blaue Joppe anzieht ...«

»Aber es wird schon dunkel ...«

Dieses Mal brauchten sie nicht lange zu warten. Aus dem Hoftor kam Päule Schlieker, das Fahrrad führend.

»Er will wirklich nach Kriwitz ...«

»Ich lauf hinterher«, sagte Hütefritz. »Ich muß doch unbedingt zu meinen Kühen. Wenn er nicht nach Kriwitz fährt, schicke ich euch jemanden.«

Er lief schon, denn Päule Schlieker war hinter dem ersten Haus im Dorf verschwunden.

»Los alle!« rief Rosemarie. »Wir verstecken uns hinter der Hofmauer. Nur der Bello ... Ach Gott, hab ich einen Schreck bekommen, Philipp! Bist du nun auch da? Der Professor ist ganz allein? Schnell, nur schnell, ich kann jetzt nicht alles erzählen ...« Drei Minuten später hockten sie hinter der Hofmauer. Rosemarie spähte durch die eine Türritze, Strohmeier durch die andere. Der Hof lag still und verlassen in der stärker werdenden Dunkelheit. Dann schlug drinnen eine Tür, etwas klapperte.

»Die Melkeimer ...«, flüsterte Rosemarie.

Albert Strohmeier nickte heftig.

Aus dem Haus trat Mali Schlieker, die Eimer in der Hand. Sie stand, zwei Schritte von den Kindern, auf der Innenseite der Mauer und schien in das Haus zurückzulauschen. Rosemarie drückte den Kopf des Hundes fest an sich, sah ihn beschwörend an, ihr Herz klopfte ...

Aber die ahnungslose Frau ging weiter, zur Stallscheune hinüber, ein Riegel klapperte ...

»Jetzt«, flüsterte Rosemarie aufgeregt.

Leise, unendlich sachte und bedachtsam, klinkte Strohmeier die Hoftür auf. Beide spähten sie durch den Spalt, die andern Kinder hinter ihnen.

»Die Stalltür steht offen«, flüsterte Albert.

»Daß sie ein bißchen Licht hat«, erklärte Rosemarie. Und zu den andern: »Ihr bleibt hier! Unbedingt! Albert und ich gehen allein ... Philipp, halt Bello. Albert, Schuhe aus!«

Schon hatten sie die Schuhe ab, schon schlichen sie, eins hinter dem andern, erst an der Mauer lang, dann an der Stallscheune lang, am Scheunentor vorüber: vor ihnen gähnte schwarz und stumm die offene Stalltürlücke.

Albert blieb stehen. »Warten, bis sie melkt!« flüsterte er. »Unter der Kuh kann sie nicht so schnell vor!«

Sie standen eng an die Wand gepreßt, nur einen Meter von der Türlücke ab, auf deren anderer Seite die Tür in den Angeln hing. Gleich würde Albert am offenen Eingang vorüberhuschen, die Tür von der andern Seite her zuwerfen müssen ... Drin war Geraschel von Stroh zu hören.

Plötzlich klang das rasch unterdrückte Heulen Bellos vom Hoftor her, ein Ausruf ... beides erstarb ...

Wenn jetzt die Frau unter die Tür trat, mußte sie die beiden sehen ...

Ach, für Albert Strohmeier war es nur ein Abenteuer, mißlang es, lief er weg, in sein Heim, zu seinen Eltern. Für Rosemarie war es mehr, war es alles! Diese böse Frau drinnen war schlimmer als alle Märchenhexen. Rosemarie war ihr untertan, verfallen ... Sie fühlte, sie würde sich nicht zur Wehr setzen, nicht einmal fortlaufen würde sie können, die da drinnen hatte Gewalt über sie ... Ihre Glieder flogen, ihre Lippen zitterten ...

»Ach, lieber Gott«, betete sie, »mach, daß sie nichts gehört hat, daß sie jetzt losmelkt, gleich jetzt ..., ich halte es nicht mehr aus!«

Sie wartete angstvoll – da klang der Strahl der Milch silberhell im Eimer ...!

»Jetzt!« flüsterte Albert.

Sein kleiner, grauer Schatten schlüpfte geschwind an der Lücke vorbei, krachend schlug die Tür gegen die Stallwand, der Riegel klirrte, Rosemarie steckte zitternd den Vorstecker ein ...

Drinnen wurde ein ... laut, die Frau warf sich mit aller Gewalt gegen die Tür, sie schrie: »Willst du aufmachen, elender Gaubengel!«

»Die Tür hält!« flüsterte Albert. »Nun aber schnell!«

Und indes die Frau von drinnen donnernd mit dem Melkschemel gegen die Tür schlug und kreischte, die erschreckten Kühe brüllten, die Pferde trappelten, huschten sie ins Haus, durch die dunkle Küche, das dunkle Kinderzimmer, in Rosemaries Stube ...

»Otsche!« rief Rosemarie.

»Verfluchter Voßkopp!« antwortete es.

»Ach Otsche, Otsche, dämlicher Junge, ich bin es ja, Rosemarie ... Und Albert Strohmeier!«

»Warte, gleich habe ich die Luke auf.« – »Er hat sie mit Stricken zugebunden.« – »Hast du kein Messer?« – »Mach doch schnell!« – »Einen Augenblick nur noch, Otsche. Hast du viel aushalten müssen –?« – »Wir müssen schnell machen, vielleicht kommt er zurück.« – »So!! Nun klettere hoch.« – »Ach, er hat die Leiter weggenommen.« – »Komm, nimm meine Hände und Alberts. So ...!!! O Gott, Otsche!« rief sie und faßte ihren alten Jugendfeind um. »Daß wir dich nur wieder raushaben! Hat er dich sehr geschlagen –?«

»Das wollte ich ihm geraten haben!« log Otsche Gau mit stolzer Stirn. »Schön Bescheid gesagt habe ich dem Schleicher! Geplatzt sind die vor Wut!«

»Los! Los!« drängte Albert. »Was denkt ihr denn, wie lange ihr hier stehen könnt?! Los! Abmarsch!«

»Nun nimm wenigstens deine Wäsche«, sagte ungerührt Otsche. »Das Theater will ich nicht umsonst gehabt haben. Such aus, du findest auch im Dunkeln. Ich weiß mit euern Schinkenbeuteln nicht Bescheid ...«

Eine helle Stimme piepte: »Otsche, lauf, was du kannst, nach Haus! Hütefritz schickt mich. Päule Schlieker ist zu Vater gegangen.«

»Christa!« rief Otsche.

»Christa Gau!« riefen Albert Strohmeier und Rosemarie.

»Päule Schlieker ist bei Vatern«, piepte die Kleine atemlos. »Lauf, Otsche!«

Otsche lief schon, als gelte es sein Leben.

Aus dem Stallfenster schrie Mali Schlieker: »Päule, mach mich frei! P-ä-u-l-e! Der Junge ist weg!«

Otsche lief ...


 << zurück weiter >>