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1. Kapitel.

Erzählt von Ernst Wafer.

Morgen halte ich um ihre Hand an!« – das war bei mir beschlossene Sache, deshalb ging ich heute abend nicht wie gewöhnlich sofort nach Hause, sondern lenkte meine Schritte dem Cranstone Park zu. Ich hegte die Hoffnung, Sylvia Veerland würde meinen Antrag annehmen, und die entzückende kleine »Efeuvilla«, die mir schon lange in die Augen gestochen hatte, würde hoffentlich noch nicht inzwischen vermietet worden sein.

Aber ich will in der richtigen Reihenfolge erzählen. Also – es war an einem Mittwoch, am 20. März 1901, sieben Uhr abends und bereits fast völlig dunkel. Ich konnte gerade noch in der Dämmerung sehen, daß die Mietstafel wie bisher an dem Zaune hing, deshalb vermochte ich einer plötzlichen Eingebung nicht zu widerstehen, sondern beschloß, mir die Villa sofort näher anzusehen, obgleich es eigentlich dazu schon zu spät und zu dunkel war.

Die Haustür stand offen, ich trat also ein, hatte aber kaum den Hausflur betreten, als ich ein dumpfes Klopfen hörte.

»Wer ist da?« rief ich aus.

»Ich bin in dem Hinterzimmer eingeschlossen,« ließ sich nun eine männliche Stimme vernehmen, wollen Sie vielleicht so gut sein, mich herauszulassen?«

Ich näherte mich der Tür des Hinterzimmers, tastete mit der Hand längs derselben und bemerkte dabei, daß der Drücker an dieser fehlte.

»An dieser Seite fehlt der Türdrücker,« rief ich deshalb.

»Das ist ja höchst unangenehm,« erklang die Stimme von neuem, der man es anhörte, daß ihr Eigentümer ein gebildeter Mann sein mußte. »Ich wollte gerade hinausgehen,« fuhr der Mann fort, »als ich versehentlich gegen die Tür stieß, die zuschlug. Zum Glück hörte ich Ihre Schritte, deshalb klopfte ich; aber vielleicht läßt sich der Drücker finden, er ist möglicherweise nur auf den Boden gefallen?«

»Warten Sie einen Augenblick,« antwortete ich ihm, »ich habe einen Eisenbahn-Steckschlüssel bei mir und hoffe, mit ihm die Tür aufzubekommen.«

Es gelang mir mit Hilfe des Schlüssels nach einigen vergeblichen Bemühungen den Schnapper der Tür zuzudrücken und diese ging unter meinem Druck nach innen auf.

»Ich danke Ihnen sehr,« sagte der Herr.

Ein leichtes Geklapper auf den Dielen machte mich aufmerksam, daß der Steckschlüssel meiner Hand entglitten und zu Boden gefallen war.

»Ich werde ihn gleich finden,« meinte der Fremde, der bereits am Boden nach dem Schlüssel umhertastete.

»Ich mache sofort Licht,« entgegnete ich, indem ich ein Streichholz anriß.

War es nun Zufall oder Absicht – der Fremde stieß gegen das Streichholz, bevor es noch ordentlich in Brand geraten war, und wir befanden uns wieder im Dunkeln. Deshalb suchte ich ein neues Streichholz hervor.

»Bitte bemühen Sie sich nicht,« sagte der andere hastig, »ich habe den Schlüssel schon gesunden.«

Aber es war bereits zu spät, ich hielt schon ein brennendes Streichholz hoch über meinem Kopfe, so daß die Gefahr eines nochmaligen Verlöschens ausgeschlossen war.

Abermals schien er die Absicht zu haben, mir das Streichholz auszulöschen, denn als er sich aufrichtete, stieß er wie versehentlich an meinen Arm, aber das Streichholz brannte lustig weiter.

Und da sah ich etwas Schreckliches!

Eine Frauengestalt lag auf der Erde, mit einer fürchterlichen Wunde im Gesicht, aus der dickes Blut hervorquoll.

Nur einen Augenblick hatte ich diesen Anblick, während der Fremde sich blitzschnell umdrehte und nach einem Revolver griff, der neben der Frau am Boden lag. Dann erlosch das Streichholz. Ich machte eine rasche Bewegung nach rückwärts und stieß dabei unglücklicherweise mit dem Fuß gegen die Tür, die mit lautem Knall zuschlug. Ich hörte das Einschnappen des Schlosses und war nun eingesperrt – eingeschlossen mit einem Mörder, der seinen Revolver in der Hand hielt, während sein Opfer zu meinen Füßen lag. Und dabei befand sich auch mein Schlüssel in seinen Händen! Da ich es noch gerade gesehen hatte, wie er hastig nach dem Revolver griff, so zitterte ich davor, was nun kommen würde; denn der Mann, der bereits einen Menschen hingemordet hatte, würde auch vor einem zweiten Morde nicht zurückschrecken – hatte ich doch bereits zuviel gesehen und durfte wahrscheinlich kaum auf Gnade rechnen.

Ich wog in Gedanken unsere Vorteile ab – zwar besaß er einen Revolver und meinen Schlüssel, aber dafür hatte ich die Streichhölzer! Doch wozu konnten die mir nützen? Wenn ich ein Streichholz entzündete, so erhielt er dadurch nur die Möglichkeit, genau auf mich zielen zu können, und er mochte jetzt vielleicht im Dunkeln bereits auf jede meiner Bewegungen lauschen, um so herauszubekommen, in welcher Richtung er zu schießen hätte. Vermutlich dauerte dieses Stillschweigen nur wenige Sekunden, aber mir erschienen sie wie Stunden und ich fühlte mein Herz in der Brust hämmern und fürchtete, es könnte mich verraten. Was würde er nun tun? Würde er nach mir greifen und dann? Es waren fürchterliche Augenblicke, und ich fühlte, dieses Schweigen war nicht mehr länger auszuhalten, lieber wollte ich einen Verzweiflungsschritt tun.

In diesem Augenblick hub er an zu sprechen.

»Welche teuflische Tat ist hier verübt worden!?« fragte er mit kalter, scharfer Stimme.

Jetzt wurde mir alles sogleich klar; daß ich Dummkopf daran auch nicht sofort gedacht hatte! Also, er würde mich nun des Mordes anklagen, denn schließlich stand Behauptung gegen Behauptung bei einem derartigen Verbrechen – und während ich erwartet hatte, eine Kugel zwischen die Rippen zu erhalten, hatte er sich ein für mich noch schrecklicheres Schicksal ausgeklügelt, denn mit seinem Revolver konnte er mir höchstens das Leben nehmen, aber mit diesem Schurkenplan raubte er mir auch noch meine Ehre. Das gab mir sofort meine Kaltblütigkeit wieder und ich fürchtete nun nichts mehr.

»Sie Mörder!« rief ich deshalb, »weshalb zögern Sie denn noch? Schießen Sie meinetwegen los, aber rechnen Sie nicht darauf, mir Ihre Greueltat aufzubürden!«

» Meine Greueltat?« erwiderte er, und seine Stimme klang gleichzeitig überrascht und verächtlich, »wie können Sie es wagen, solche Worte auszusprechen, Herr! Draußen mögen Sie Ihre Lügen erzählen, aber hier, wo wir beide uns Auge in Auge gegenüberstehen, ist es meiner Ansicht nach noch zu früh, um diese Komödie zu beginnen.«

»Komödie?« brüllte ich ihn an, » Sie wagen ›Komödie‹ zu sagen, wo Ihr Opfer tot zu Ihren Füßen liegt und Sie sogar das Mordwerkzeug noch in der Hand halten! Ihr Verbrechen ist bereits verrucht genug, beschuldigen Sie wenigstens nicht noch einen unschuldigen Menschen!«

»Sie und unschuldig!« höhnte er verächtlich, »Sie hoffen wohl, dadurch Ihre Unschuld zu beweisen, daß Sie mir Ihr Verbrechen in die Schuhe schieben? Oder vielleicht ist das nur ein Erpressungsversuch? Dann lassen Sie es sich gleich gesagt sein, daß ich lieber hundertmal hängen möchte, ehe ich Ihnen diesen Gefallen täte.«

Welch' wunderbarer Schauspieler!

»Ich verstehe Sie,« erwiderte ich deshalb, »das ist der Beginn von Verhandlungen, um sich mit Geld von mir loszulaufen –«

»Ich sollte mich von einem Mörder loskaufen!«

Diesmal war seine Empörung aus seinen Worten deutlich herauszuhören und mich durchschoß ein Gedanke. Wie nun, wenn er im Ernst spräche und ebenso unschuldig wie ich selbst wäre? Das schien mir zwar ausgeschlossen, aber es war vielleicht doch das Beste, jetzt seine Rede zu beantworten.

»Sie glauben also, ich hätte das Verbrechen verübt?« fragte ich deshalb so ruhig es mir möglich war.

»Ich glaube das nicht nur,« schnaubte er zornig, »sondern ich weiß das ganz genau!«

»Wir wollen ruhig bleiben, mein werter Herr,« entgegnete ich, »Sie behaupten also, das so genau zu wissen. Woher denn nur? Und weshalb sollte ich denn auf den Schauplatz des Verbrechens zurückkehren, wenn ich wirklich der Mörder wäre und wüßte, daß sich dort noch jemand anderes befände?«

Er schien stutzig zu werden, aber dennoch faßte er sich schnell.

»Warum nicht, wenn Sie dadurch Ihre Schuld jemandem Fremden aufbürden könnten?«

Dann würde ich doch wohl nicht allein gekommen sein, sondern Zeugen mitgebracht haben! Nein, nein – das ist völlig ausgeschlossen; was soll ich nun aber von Ihnen denken, wo ich Sie mit dem unglücklichen Opfer zusammen in einem Zimmer vorfinde? Wie soll ich mir das denn zusammenreimen?«

Er fuhr von neuem auf.

»Bitte bleiben Sie ruhig,« fuhr ich fort, »ich bin an dieser Tat völlig unschuldig und hoffe das Gleiche von Ihnen. Wollen Sie mir nicht lieber sagen, was Sie auf meine Worte zu entgegnen haben?«

Er schien schwankend zu werden.

»Würde ein Schuldiger, dessen Opfer neben ihm liegt, an die Türe klopfen und einen Fremden bitten, ihn herauszulassen, wo es ein Kinderspiel wäre, das Schloß aufzubrechen?«

Diese Worte überzeugten mich noch nicht völlig.

»Weshalb versuchten Sie dann, meine Streichhölzer auszulöschen?« fragte ich deshalb.

»Das geschah durchaus nicht absichtlich!«

Es entstand ein kurzes Schweigen, das er aber rasch unterbrach.

»Ich schlage vor, wir verlassen zunächst diesen schrecklichen Ort und begeben uns nach meiner Wohnung, um den Fall näher zu erörtern. Dadurch bleibt ja schließlich unser Verhältnis zueinander das Gleiche.«

War das eine mir gestellte Falle? Es schien mir nicht so, aber selbst, wenn er einen Schurkenstreich beabsichtigte, so war das immer noch besser, als länger an diesem schrecklichen Orte zu verweilen.

»Meinetwegen denn,« antwortete ich daher nach einigem Zögern, »vielleicht ist das der beste Ausweg.«

»Aber zunächst wollen wir einmal nachsehen, ob die arme Frau auch wirklich bereits völlig tot ist.«

Beim Scheine eines von mir angebrannten Streichholzes konnten wir uns überzeugen, daß der armen Frau nicht mehr zu helfen war. Es war ein gräßlicher Anblick und wir waren froh fortzukommen. Wenn ich jetzt an jene Augenblicke zurückdenke, so berührt mich nichts so wunderbar als die Tatsache, daß wir beide einfach durch den Hauptausgang auf die Straße hinausgingen, statt durch irgend ein Hinterpförtchen zu entschlüpfen zu suchen, aber wir waren viel zu erregt, um auf einen derartigen Gedanken zu kommen und dachten im Augenblick nur an uns selber. Ich glaube, hätten wir gewußt, daß die Polizei von ganz England vor dem Hause auf uns wartete, es wäre, uns ebenfalls gleichgültig gewesen.

Wir sprachen kein Wort, bevor wir seine Wohnung erreichten, die in der Nähe in einem altertümlichen Hause der Belling Avenue lag. Er schloß mit dem Hausschlüssel auf und führte mich ins oberste Stockwerk.

»Das ist meine Junggesellenbude, und hier können wir ungestört sprechen,« begann er, während er das elektrische Licht aufdrehte.

Ich blickte um mich und sah mich in einem reich und geschmackvoll eingerichteten Zimmer einem hübschen, tadellos gekleideten Manne von ungefähr 30 Jahren gegenüber. Ein gewisses Etwas in seiner Kleidung und der Einrichtung des Zimmers ließ mich darauf schließen, daß er ein Künstler sein müsse. Ich setzte mich in den mir angebotenen Stuhl neben das lodernde Kaminfeuer, und er spielte trotz allem, was zwischen uns vorgefallen war, den liebenswürdigen Wirt, der einen Gast empfängt. Fast ohne sich dessen selber bewußt zu werden, bot er mir eine Zigarre an, die ich mir in gleicher Gedankenlosigkeit ansteckte.

»Und nun – wie wollen wir beginnen?« fragte er schließlich.

»Jeder soll seine Geschichte erzählen,« antwortete ich, »und wenn es Ihnen recht ist, will ich damit den Anfang machen.«

»Sehr gut so, aber nennen Sie mir zunächst Ihren Namen.«

»Ich heiße Ernst Wafer,« entgegnete ich.

»Sind Sie mit den Tabaksfabrikanten Wafers verwandt?«

»Ich bin der Mitdirektor der Firma.«

»Danke. Ich heiße Gareth Roystock.«

»So sind Sie der bekannte Künstler?«

»Ja, der bin ich.«

Ich befand mich also einem Manne gegenüber, her durch seine Kunst England im Sturme erobert hatte. Zwar hatte ich ihn vorher noch nicht persönlich kennen gelernt, aber bei näherer Betrachtung bemerkte ich die Ähnlichkeit mit den Abbildungen, die die illustrierten Blätter voll ihm gebracht hatten. Sicher war ich vorher im Irrtume gewesen, denn Roystock konnte kein Verbrecher sein. Ich erzählte deshalb meine Geschichte, ließ aber natürlich meine beabsichtigte Werbung um meine zukünftige Braut aus. Meine schlichten Worte schienen ihn überzeugt zu haben, denn er begann nun seinerseits mit seiner Erzählung.

Er hatte die Villa in letzter Zeit häufig aufgesucht, da er fest entschlossen war, sie zu mieten, und bewies mir durch Vorlage von Briefen des Hausbesitzers, daß er mit diesem wegen der Miete bereits verhandelt hatte. Und daran schloß sich eine kleine Beichte. Was ich erst am nächsten Tage zu tun beabsichtigte, hatte er bereits heute nachmittag ausgeführt. Er hatte um die Hand der Dame seines Herzens angehalten und war erhört worden.

Voller Freuden und mit phantastischen Zukunftsplänen war er noch am selben Abend nach der Villa gegangen, um sich noch einmal die Räume anzusehen, in denen bald sein Herzensschatz wohnen sollte. Er war im ganzen Hause umhergewandert und schließlich im Dunkeln nach dem Hinterzimmer des Erdgeschosses gelangt. Dabei hatte er sich entfernende Schritte gehört, aber war viel zu sehr in Gedanken versunken, um sonderlich darauf zu achten. Beim Eintritt ins Hinterzimmer hatte er zufällig die Türe hinter sich geschlossen und konnte nun nicht mehr heraus, da der Drücker fehlte. Aber gleich darauf hatte er draußen wiederum Fußtritte gehört – scheinbar dieselben wie vorher – er hatte deshalb geklopft und ich ihm die Türe geöffnet. Alles spätere ist ja bereits bekannt.

Aber etwas gab mir doch noch zu denken.

»Weshalb sprangen Sie denn sofort nach dem Revolver?« fragte ich etwas mißtrauisch.

»Mein Gott, ich hielt Sie eben für den Mörder und wollte deshalb ein Schutzmittel gegen Sie zur Hand haben.«

Das klang wahrscheinlich, deshalb zögerte ich nicht länger, sondern bat ihn wegen des gegen ihn ausgesprochenen Verdachtes um Entschuldigung. Er kam mir auf halbem Wege entgegen und bat mir auch seinerseits den ungerechtfertigten Verdacht ab. Wir drückten uns dann warm die Hand und damit war unsere neue Freundschaft besiegelt.

»Aber welche Verpflichtungen treten nun an uns heran?« fragte ich schließlich.

»Ich schlage vor, wir rauchen erst unsere Zigarre zu Ende und beratschlagen dann bei einer gemütlichen Pfeife. Hoffentlich haben Sie die Ihrige bei sich?«

»Danke schön, sie steckt in meiner Tasche. Inzwischen sprechen wir vielleicht für eine Weile von etwas anderem. Ist das Bild dort von Ihnen?« Ich wies nach einem im Zimmer hängenden Gemälde.

»Ja. Es stellt eine tiefe Schlucht in der Nähe von Cheddar im Mondlicht dar. Ich malte das Bild im letzten Sommer, aber Landschaften sind eigentlich nicht meine Stärke. Jene Skizze dort auf dem Kaminsims ist mehr –«

»Beim Himmel,« rief ich aus, während ich feiner Hand folgte, die nach einer kleinen Bleistiftskizze wies, neben der eine Photographie hing, »das Gesicht kenne ich doch!«

»So, wirklich? Das ist Fräulein Veerland.«

»Gewiß. Wie kommt es denn in Ihren Besitz?« Mich beschlich ein unangenehmes Gefühl, denn morgen beabsichtigte ich ja um die Hand dieser Dame anzuhalten, seine Antwort jedoch riß mich aus allen meinen Himmeln, und wäre ein Blitz vor meinen Füßen zur Erde gefahren, ich hätte nicht bestürzter sein können.

»Fräulein Veerland ist meine zukünftige Gattin. Wir haben uns heute nachmittag verlobt.«

Welche Schreckensnachricht! So zerstoben also alle meine Träume von Liebe und Glück und zu rasch kam das furchtbare Erwachen! Ich versuchte mich zwar zu beherrschen, aber ich fürchte, meine Bestürzung war nur zu deutlich auf meinem Gesichte zu lesen. Ich erzählte, daß ich sie des öftern getroffen hätte und mein und ihr Vater von Zeit zu Zeit geschäftlich zu tun gehabt hätten. Dann bewunderte ich seine Bilder und versuchte, von allem Möglichen zu plaudern, aber der Gedanke an Sylvias Verlobung verließ mich nicht. Warum hatte ich Dummkopf mich auch nicht früher um sie beworben? Und dazu kam noch die Ironie des Schicksals, daß wir beide uns gerade an dem Orte des Verbrechens treffen mußten, den wir beide mit dem gleichen Gedanken aufgesucht hatten, die Efeuvilla für Sylvia zu mieten! Roystocks Stimme rief mich endlich wieder in die Wirklichkeit zurück und ich fürchte meine Fragen müssen inzwischen recht töricht geklungen haben.

»Wir wollen jetzt wieder an unsere Angelegenheit denken«, hub er an, »denn die Zeit verstreicht und wir müssen handeln.«

Diese Worte übten ihre Wirkung auf mich aus.

»Was sollen wir also anfangen?« fragte Roystock weiter.

»Auf die Polizei gehen und ihr sofort Mitteilung des Geschehenen machen,« antwortete ich.

»Und dann eingesperrt werden?«

»Wir können ja erzählen, daß uns die Neugierde und die Absicht, die Villa zu mieten, dazu veranlaßte, das Haus zu besichtigen.«

»Beide gleichzeitig?«

»Nein, jeder für sich.«

»Das würde für einen von uns verhängnisvoll werden.«

»Für wen denn?«

»Was weiß ich! Ich hatte zwar die besten Absichten und kann auch die Briefe des Hauswirtes vorweisen, aber dann andererseits fanden Sie mich in dem Hinterzimmer bereits vor, und das spricht wieder gegen mich.«

»Müssen wir denn diese Einzelheiten erzählen?«

»Gewiß, wenn wir uns auf die Geschichte überhaupt einlassen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten; entweder wir gehen auf die Polizei und erzählen alles was sich zugetragen hat so ausführlich wie nur möglich, und dann müssen wir auch alle Folgen auf uns nehmen –«

»Aber warum sollen wir über alle Einzelheiten aussagen?«

»Weil die Polizei die Angelegenheit sicher einem geschickten Detektiv übertragen wird, und wenn wir jetzt die Einzelheiten nicht erzählen, so würden sie doch früher oder später ans Tageslicht kommen und dann vielleicht in einem so ungünstigen Augenblicke, daß dann die Geschichte leicht für einen von uns verhängnisvoll werden könnte.«

»Und welche andere Möglichkeit gibt es?« fragte ich.

»Völliges Stillschweigen unsererseits. Die Dinge mögen ihren eigenen Lauf nehmen. Der Leichnam dürfte sicher morgen aufgefunden werden und der kurze Zeitverlust wird wohl nicht viel schaden.«

»Der erste Weg erscheint mir der richtigere,« meinte ich schließlich nach kurzem Überlegen.

»Das ist auch meine Ansicht,« entgegnete Roystock, »es ist entschieden männlicher und wir erfüllen nur unsere Staatsbürgerpflicht.«

»Gut also, ich bin bereit.«

»So wollen wir denn gehen, das nächste Polizeiamt können wir in fünf Minuten erreichen,« schloß Roystock und griff dabei nach seinem Hut.

»Einen Augenblick noch,« hielt ich ihn zurück, »mir fällt gerade ein – was haben Sie mit dem Revolver angefangen?«

»Er steckt noch in der Überziehertasche; an den hatte ich gar nicht mehr gedacht,« entgegnete er und zog die Waffe aus der Tasche.

Voll Neugier betrachteten wir den Revolver genau, aber plötzlich fuhren wir beide zurück und starrten einander entsetzt an – in meinen Zügen muß sich wohl ein furchtbarer Verdacht abgemalt haben, auf seinem Antlitz dagegen stand die bleiche Furcht geschrieben. Denn auf dem Revolver befand sich ein Schildchen mit dem Namen des Besitzers und dieser lautete:

»Gareth Roystock.«



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