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13. Kapitel.

Die Geschichte wird von Silas Inail fortgesetzt, der als Detektiv für Herrn Broadbent in Manchester arbeitete.

Ich hatte den Auftrag, die Vergangenheit von Frau Filbert, der unglücklichen Person, die in der Efeuvilla als Leiche vorgefunden wurde, nach Möglichkeit aufzuklären. Zu diesem Zweck hatte ich viele Zusammenkünfte mit allen möglichen Leuten, aber besonders von zwei Personen erhielt ich vor allem zweckdienliche Auskunft.

Die erste von diesen war Frau Mullian, die im Nebenhause von Filberts in Manchester wohnte, und die, als sie hörte, ich sei ein Detektiv, mit ihrem Wissen durchaus nicht zurückhielt. Hiernach hatten die Filberts gerade nicht eine Musterehe geführt und Frau Filbert schien vor ihrer geschwätzigen Nachbarin nicht besonders viele Geheimnisse gehabt zu haben. Zwar konnte sie der Verstorbenen nichts direkt vorwerfen und auch Herr Filbert schien ein ruhiger und ehrenwerter Bürger gewesen zu sein, aber immerhin hatte Frau Mullian stets einen gewissen Verdacht gehabt, daß bei den Filberts nicht alles im richtigen Lote sei.

»Welchen Eindruck hatten Sie von der Frau?« fragte ich, »ich meine, wie war ihr Äußeres Auftreten?«

»O, sie war eine hübsche Person, die manch einer für geradezu schön hielt. Mir selbst war sie nicht sympathisch, da mir ihr äußeres Auftreten zu keck vorkam.«

»War sie jung?«

»Sicher eine Reihe von Jahren älter als ihr Gatte: er muß ungefähr 25-26 Jahre alt gewesen sein, während sie sicher die dreißig überschritten hatte und vielleicht auch schon 35 Jahre alt war.«

»Warum hielten Sie die Ehe nicht für glücklich?« fragte ich weiter.

»Es schien mir, als hätten die beiden ewig Zank und Streit, an dem sie stets schuld war. Die Häuser hier haben so dünne Wände, daß man fast jedes Wort in den Nebenhäusern hören kann.«

»War er jemals ernstlich auf sie böse?«

»Das gerade nicht, er war mehr betrübt und besorgt um sie, während sie ewig über ihn zu klagen hatte und mir immer ihr Herz ausschüttete, wie schlecht er sie behandelte.«

»Sie sagten bei der Untersuchung aus, daß sie alle möglichen Drohungen ausgestoßen hat.«

»Ja, sie war leichtfertig in ihren Reden, aber man durfte nicht jedes Wort von ihr auf die Goldwage legen.

»Hatte Frau Filbert Freundinnen?« fragte ich nach einigem Nachdenken.

»Nicht gerade viele.«

»Aber wohl eine Freundin ganz besonders?«

»Ja, sie hatte eine Freundin, Frau Queeler, die sich aber nicht gerade des besten Rufes erfreut, da sie eine Mormonin ist. Vor Jahren verließ sie Manchester und heiratete einen Mormonen, mit dem sie lange Zeit lebte, dann kehrte sie aber zurück und versuchte, die Lehre der Mormonen hier bei uns zu verbreiten.«

Mit einiger Mühe erhielt ich von Frau Mullian die Adresse dieser sonderbaren Freundin, begab mich zu ihr und fand in ihr eine leicht erregbare, reizbare Frau, die ganz in kirchlichen Fragen ausging und ihre religiösen Ansichten je nach der Mode des Tages zu ändern pflegte. Es wurde mir daher auch äußerst schwer, etwas aus ihr herauszuholen, da sie immer wieder auf religiöse Fragen zurückkam, deshalb will ich nur mit wenigen Worten das für diese Geschichte Wesentliche kurz erzählen.

»Wie lange kannten Sie Frau Filbert?« war eine meiner ersten Fragen.

»Ungefähr zehn Jahre lang,« antwortete sie.

»Und wie war ihr Mädchenname?«

»Louise Revel.«

»War Frau Filbert vorher schon eine andere Ehe eingegangen?«

»Ja, sie heiratete einen Herrn Roystock, der aber inzwischen, wie man mir gesagt hat, gestorben ist.«

»Waren Sie bei ihrer Hochzeit zugegen?«

»Ja, ich war ihre Brautjungfer.«

»Sind Sie inzwischen öfters mit ihr zusammengekommen, ich meine, haben Sie sich oft getroffen?«

»In letzter Zeit kamen wir alle paar Wochen einmal zusammen, aber ein paar Jahre lang sahen wir uns nicht, da ich während dieser Zeit in London und später in Amerika lebte.«

»Hatte sie irgend welche lebende Verwandte?«

»Nein!«

»Aber es hat jemand behauptet, ihr Bruder zu sein. Hatte sie überhaupt einen solchen?«

»Nein! Sie hatte eine Schwester, die inzwischen gestorben ist, aber –«

»Das ist merkwürdig, der Mann schien ihre ganze Lebensgeschichte zu kennen und betonte seine nahe Verwandtschaft mit größter Entschiedenheit. Es ist ein Mensch, der der Polizei unter dem Namen »Whisky-Ede« bekannt ist.«

»Whisky-Ede,« rief die Frau erschreckt aus, »was hat er mit der Geschichte zu tun?«

»Er machte unaufgefordert Aussagen bei der Gerichtsverhandlung – Sie haben wohl den Bericht hierüber in den Zeitungen gelesen?«

»Nein, denn ich lese überhaupt keine Zeitungen. Aber bitte, erzählen Sie mir, was er eigentlich aussagte.«

Ich gab ihr in Kürze die wesentlichsten Aussagen der Verhandlung wieder und sie sah mich am Schlusse meiner Ausführungen halb belustigt, halb geringschätzig an.

»Ist er nun Frau Filberts Bruder oder nicht?« fragte ich.

»Nein, das ist eine seiner verrückten Schrullen.«

»Wer ist er denn aber eigentlich?«

»Leider ist er mein Bruder. Eduard Boozey, denn das ist sein wirklicher Name, ist nicht recht bei Sinnen und eine seiner Einbildungen besteht darin, daß er sich mit Vorliebe einredet, er sei jemand anders als er selber. Wenn er zufällig ein Stück von einer Familiengeschichte erfährt, so bildet er sich sofort ein, er sei mit dieser Familie verwandt, verfolgt einen jeden, der der Familie angehört und stellt die sonderbarsten Forderungen. Als z. B. im vorigen Jahre Herr Winscombe, der amerikanische Millionär, nach Manchester kam, um hier Baumwollfabriken einzurichten, bildete er sich sofort ein, er sei dessen verstoßener Sohn und bettelte unter allen möglichen phantastischen und unwahren Aussagen viel Geld zusammen. In Ihrer Angelegenheit hat er es mit der Wahrheit also auch nicht gerade genau genommen. Ich sehe Eduard nur selten, da sein verstorbener Vater ihm als Rente eine Summe von 20 Schillingen für jede Woche hinterlassen hat, unter der ausdrücklichen Bedingung, daß er mich nicht belästigt, und ich brauchte dem Testamentsvollstrecker nur ein Wort zu sagen, um die Auszahlung seiner Rente zu verhindern. Es ist also wohl begreiflich, daß er mich in Frieden läßt.

Doch ich besinne mich, daß er mich in einem seiner lichten Augenblicke vor einiger Zeit besuchte und, wie das so geht, sprachen wir auch über alle möglichen Leute und Bekannte. Dabei kam ich auch – was mir nachher leid tat – auf Frau Filbert und ihre beiden Ehen zu sprechen und erwähnte, daß sie früher an einen Herrn Roystock aus Bexcliffe verheiratet gewesen sei. »Roystock,« sagte er, »ist der Name eines berühmten Künstlers, der jetzt in Bexcliffe lebt. Ich möchte nur wissen, ob er mit dem ersten Gatten von Frau Filbert verwandt ist, denn er soll sehr reich sein.« Ich antwortete, das sei sehr unwahrscheinlich, da ihr Gatte sehr arm sei und in Bexcliffe keine Verwandten gehabt habe. »Du kannst doch nicht wissen, ob es nicht überhaupt derselbe Mann ist,« meinte er. Dieser Gedanke kam mir ganz töricht vor und ich verhehlte das auch nicht, denn wie konnte Louise eine zweite Ehe eingehen, wenn noch ihr erster Mann am Leben gewesen wäre? Jedenfalls dachte ich an die ganze Geschichte nicht mehr, bis ich eines Tages bei Frau Filbert vorsprach und meinen Bruder dort vorfand, der ganz aufgeregt auf Frau Filbert einsprach und die Behauptung aufstellte, er wäre mit Herrn Filbert verwandt, oder einen ähnlichen Unsinn. Sobald er mich aber sah, ließ er Louise einfach stehen und lief davon.«

»Dann wußten Sie also auch nicht, daß Frau Filberts erster Gatte noch lebte, als sie ihre zweite Ehe einging?«

»Nein, davon hatte ich keine Ahnung, denn ich war solange fort gewesen, daß ich die näheren Umstände ihrer zweiten Ehe nicht kannte. Aber ich will Ihnen alles sagen, was ich über sie weiß. Frau Filbert, oder wie Sie sie sonst nennen wollen, führte bereits, als sie Herrn Roystock kennen lernte, ein gottloses Leben. Ich habe bereits damals versucht, sie zu bekehren und dem wahren Glauben zuzuführen, aber –«

Und nun kam sie auf ihre religiösen Ansichten zu sprechen, die mit unserer Erzählung ja nichts weiter zu tun haben. Sie konnte mir sonst nichts Wesentliches mehr berichten, deshalb verabschiedete ich mich möglichst bald und eilte davon.



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