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7. Kapitel.

Gretchen Banding erzählt jetzt.

Um halb elf Uhr telephonierte Leonhard, daß er einen Freund zum Abendessen mitbringen würde, der dann über Nacht dabliebe, und als Anna mir nach vielem Necken verriet, daß es Wilhelm Filbert wäre, da kehrten mir die glücklichen Tage der Kindheit in die Erinnerung zurück, wo Wilhelm und ich Mann und Frau gespielt hatten. Auch später waren wir gute Freunde geblieben und sahen einander täglich, bis sich plötzlich das Gerücht verbreitete, ich hätte mich mit dem jungen Mansden verlobt. Da hörte die Freundschaft mit Willy plötzlich auf und bald darauf hieß es, er habe sich Knall und Fall verheiratet. Das erzählte mir Mansden und hielt gleichzeitig um meine Hand an, aber ich gab ihm einen Korb, denn ich ahnte, daß er selber das Gerücht verbreitet hatte und Willy, der daran geglaubt, mich nur aus diesem Grunde verließ und jene Heirat eingegangen war.

Und jetzt sollte ich Willy wiedersehen!

Mein Schwager und er trafen früher als wir sie erwartet hatten, ein, doch wie schrecklich verändert sah Willy aus! Gerade als hätte er eben eine schwere Krankheit hinter sich. Ich hatte mir vorgenommen, ihm kühl gegenüber zu treten, aber bei seinem Anblicke fuhr es mir heraus:

»Um Gottes willen, Willy, was ist mit Dir geschehen, du siehst ja ganz krank aus!«

»Ich habe einigen geschäftlichen Verdruß gehabt,« entgegnete er, »der mich stark mitnahm, aber mir ist bereits wieder besser.«

»Wenn er erst gegessen hat, wird er wieder der Alte sein,« unterbrach ihn Leonhard, »aber jetzt beeilt Euch, ihr Frauen, daß wir bald einen Bissen bekommen, wir werden inzwischen eine Zigarre rauchen.«

Um sechs stand alles bereit, aber es war eine traurige Mahlzeit, und wenn Anna und Leonhard nicht ein paar Worte gesprochen hätten, dann wäre sie völlig schweigend verlaufen. Kaum waren wir mit dem Essen fertig, als sich Willy erhob.

»Ihr müßt mich entschuldigen,« sagte er, »aber mir ist nicht ganz wohl,« und damit ging er zur Tür.

Leonhard begleitete ihn hinaus, kam aber bald ganz verstört zurück.

»Anna,« sagte er, »schicke sofort jemand zu Dr. Bater, er solle gleich kommen; ich fürchte, es ist Gefahr im Verzuge.«

»Ich will selber gehen,« rief ich und rannte ohne Hut und ohne Handschuhe um die Ecke, um den Doktor zu holen, der in unserer Nachbarschaft wohnt. Zum Glück traf ich ihn an und bald waren wir zu Hause zurück.

Als der Doktor den Kranken untersucht hatte, schüttelte er den Kopf. »Das ist ein ernster Fall,« begann er, »das Nervensystem des armen Mannes ist völlig zerrüttet und die übergroße Anspannung aller Nerven hat plötzlich nachgegeben. Er darf keinen Augenblick allein gelassen werden.«

»Was soll mit ihm geschehen?« fragte Leonhard.

»Er muß völlige Ruhe und kräftige Kost haben, weiter gibt es kein Heilmittel für ihn. Ist er mit Ihnen verwandt?«

»Nein, aber ein alter Freund.«

»Das ist eine dumme Geschichte, er ist jetzt nicht transportfähig.«

»Das tut nichts,« entgegnete Leonhard, »er hat keinerlei lebende Verwandte mehr und ich bin froh, ihm helfen zu können.«

»Aber er muß eine tüchtige Krankenpflegerin haben,« meinte der Doktor, »die alle Aufregung von ihm fern hält.«

»Würde ich genügen?« platzte ich heraus, denn ich konnte nicht mehr länger an mich halten.

»Aber vorzüglich,« antwortete der Doktor.

»Und ich will mich mit Gretchen abwechseln,« sagte Schwester Anna, »aber wie steht es mit seiner Frau, Leonhard? Müßte man sie nicht –«

»Seine Frau ist tot – sie starb vor zwei Tagen in – –« Leonhard brach plötzlich ab und schrieb ein paar Worte auf ein Stück Papier, das er dem Doktor reichte.

Der Arzt las die Worte und ließ einen leichten Pfiff hören. »Der arme Bursche! Nun gut also!«

Der Arzt verabschiedete sich bald und Leonhard führte ihn hinaus. An der Tür hatte er das Blatt Papier fallen lassen, das Anna und ich rasch erhaschten, und wir lasen! »Seine Frau ist die arme Person, die in der Efeuvilla ermordet wurde.«

Ich blickte Anna an. »Was sollen wir nun tun?« fragte ich entsetzt.

»Sofort daran gehen, ihn zu pflegen,« erwiderte sie besonnen, »damit er sich bald erholt. Ich bin froh, daß ich zwei Jahre lang Krankenpflege gelernt habe, das kann ich nun gut brauchen. Geh' jetzt zu Bett und versuche zu schlafen. Ich werde um zwei Uhr kommen und Dich wecken, damit Du meine Stelle einnimmst. Leonhard hat ihn schon zu Bett gebracht und die Köchin sitzt jetzt an seinem Bett, aber ich möchte ihn nicht lange in ihrer Obhut lassen, denn sie eignet sich besser zur Köchin als zur Krankenpflegerin.«

Welche lange Nacht war das, zumal der Fall weit ernster war, als es zuerst den Anschein gehabt hatte, und Dr. Bater kam dreimal in der Nacht zu uns, um nach seinem Patienten zu sehen und sah so ernst aus, daß ich ihn nicht einmal zu fragen wagte, wie es dem Kranken ginge.

Willy phantasierte in seinem Fieber und murmelte ununterbrochen verworrene Worte. Er schien auf Reisen zu sein und Waren zu verkaufen, sprach von Preisen und billigster Bedienung, und dann fuhr er plötzlich wieder auf und rief ganz laut: »Gerechter Himmel, jetzt habe ich schon seit zwei Tagen keinen Auftrag erhalten, wie soll das nur werden, ich werde verrückt!« Dann kamen wieder lichte Augenblicke: »Die Woche ist zu Ende und jetzt fahre ich heim.« Aber dann ging es wieder los: »Heim!? Was soll ich zu Hause? Ach, weshalb habe ich Lieschen geheiratet? Welcher Schuft versicherte mir denn, daß sich mein Herzensschatz verlobt hätte?«

Dann kam plötzlich die ganze Wahrheit zutage und ich wurde über und über rot und die Tränen liefen mir ununterbrochen an den Wangen herab.

»Mansden,« schrie er wütend, »Sie haben mich belogen, Sie erzählten mir, daß sie sich mit Ihnen verlobt hätte und das war eine freche Lüge! Aber jetzt ist es zu spät und ich bin nun an jene gräßliche Frau gefesselt, und Gretchen, mein Gretchen ist noch frei!«

Dann stöhnte und jammerte er und verfluchte Mansden und seine Ehe und versicherte immer und immer wieder, daß nur mir allein sein ganzes Herz gehöre. Jetzt fühle ich erst so recht deutlich, wie sehr ich ihn alle die Jahre geliebt hatte und warum ich niemals unsere Kinderliebe hatte vergessen können.

Die nächsten achtundvierzig Stunden vermag ich nicht zu beschreiben; genug, Anna und ich wechselten einander am Krankenbette ab und Dr. Bater kam mehrmals täglich. Zuerst schien eine Besserung einzutreten, aber dann verschlechterte sich sein Zustand wieder, und am Montag morgen brachte der Doktor noch einen zweiten Arzt mit und sie hatten gemeinsam eine lange Beratung.

Leonhard war ins Geschäft gegangen und meine Schwester und ich warteten voller Angst unten auf das Ergebnis. Schließlich kamen die beiden Ärzte zu uns und aus ihren ernsten Mienen lasen wir, daß es verzweifelt stand.

»Es sieht sehr ernst aus, Frau String,« hub der zweite Arzt an, »und Sie müssen sich auf das Schlimmste gefaßt machen.«

»Ist keine Hoffnung mehr?« fragte Anna, da ich kein Wort hervorbringen konnte.

» Fast keine mehr; wenn wir es mit einem Patienten zu tun hätten, der den Willen zum Leben hätte, so könnten wir bei seiner sonst kräftigen Natur noch eine leise Hoffnung hegen, aber der Kranke ist völlig an Geist und Körper erschöpft und ist lebensmüde« – hier hielt er einen Augenblick inne, »er mag nicht länger leben und ist tatsächlich froh zu sterben.«

»Und gibt es kein Mittel, ihn zu retten?« rief ich flehend.

»Nur ein Wunder könnte ihn retten,« erwiderte Dr. Bater, »und sonst nichts. Aber vielleicht gehen Sie nach oben, Fräulein Banding, und sehen nach, ob der Kranke etwas braucht. Wir möchten noch ein paar Worte mit Frau String sprechen.«

Ich lief nach oben und setzte mich an das Krankenlager; ich blickte in das abgemagerte, blasse Gesicht, und mein Herz schien brechen zu wollen, wenn ich daran dachte, daß nur noch ein Wunder ihn retten könnte. Und dann plötzlich kam es über mich und ich berührte den Kranken leise und weckte ihn auf, so grausam das auch von mir war. Er öffnete die Augen und blickte mich an.

»Willy,« flüsterte ich ihm zu, »Du sollst nicht sterben!«

»Aber ich habe niemand, für den es wert zu leben wäre,« sagte er mit kaum vernehmbarer Stimme, »mein ganzes Leben ist verpfuscht von Anfang an.«

»Doch, Willy, Du hast noch jemand, Du hast noch mich

Er riß die Augen weit auf und versuchte zu sprechen.

»Ja,« fuhr ich hastig fort, »Du hast mich noch, denn ich liebe Dich, Willy, und meinetwegen mußt Du am Leben bleiben!«

Zu anderer Zeit hätte ich so nicht sprechen können, aber hatte er mir in seinen Fieberphantasien nicht seine Liebe gestanden und hing sein Leben nicht an einem Haare und vielleicht von jedem meiner Worte ab!?

Ein froher Zug breitete sich über sein Gesicht aus und er flüsterte »Gretchen« und tastete auf der Bettdecke, um nach meiner Hand zu fassen. Ich verstand ihn und legte meine Hand in die seine, und selig schloß er die Augen und entschlummerte friedlich.

So verfloß Stunde um Stunde, und ich saß an seinem Lager und wartete. Anna trat mehrmals ins Zimmer, aber ich winkte ihr nur ab und sie entfernte sich schweigend. Gegen Mittag kam Dr. Bater wie er versprochen. Er untersuchte den Patienten, fühlte seinen Puls, maß die Temperatur, dann richtete er sich von dem Bette auf und sah mich fast erregt an.

»Wie steht es?« flüsterte ich ängstlich und in Erwartung des Schlimmsten.

»Das Wunder ist geschehen, der Kranke wird genesen.«

Dr. Bater bat mich darauf, ihn mit dem Kranken allein zu lassen. Ich war so herzensfroh, daß ich wie ein Blitz die Treppe hinuntersprang und ins Eßzimmer lief, um die gute Neuigkeit zu erzählen. Aber ich fuhr zurück, denn ich fand hier Leonhard und Anna in erregtem Gespräch mit zwei breitschultrigen ernsten Männern, und bei den Worten, die ich hörte, gerann mir das Blut in den Adern.

»Aber es ist ganz unmöglich, mit Herrn Filbert jetzt zu sprechen,« sagte Leonhard, »denn er ist schwer krank und kann jeden Augenblick sterben. Bitte verlassen Sie sofort meine Wohnung.«

»Ich muß darauf bestehen, ihn sofort zu sprechen, Herr String.«

»Warum denn eigentlich?«

»Weil er seine Frau in der Efeuvilla ermordet hat, und ich den Auftrag habe, ihn dieserhalb zu verhaften!«



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