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3. Kapitel.

Erzählt von der Zimmervermieterin Agnes Headstrong.

Ich bin wahrhaftig nicht neugierig, was mir auf Wunsch jedenfalls die ganze Stadt gern bestätigen wird und kümmere mich nicht um anderer Leute Angelegenheiten. Ich vermiete Zimmer und mache es meinen Mietern so bequem und behaglich als möglich, da habe ich weiß Gott genug zu tun, und deshalb bleiben meine Mieter auch jahraus jahrein bei mir wohnen und empfehlen mich, wo sie nur können. Ich fing in Belling Avenue Nr. 44 damit an und mußte dann später auch noch aus den angegebenen Gründen Nr. 45 und Nr. 46 dazu mieten.

Also wirklich – ich bin nicht neugierig, aber schließlich ist eine Zimmervermieterin auch nur ein Mensch und hat auch ein Herz im Leibe und deshalb haben wir ebenso unsere Zuneigungen und Abneigungen gegen unsere Mitmenschen wie die Leute aus höheren Kreisen. Aber meine größte Zuneigung besitzt doch Herr Roystock, denn für den könnte ich alles tun – wirklich alles.

Gott, wenn ich denke, was der arme Herr Roystock schon für Unglück im Leben gehabt hat! Manche Nacht bin ich in mein Zimmer geschlichen und habe aus Mitgefühl für ihn weinen müssen. Ich denke noch daran, wie er damals zu mir zog. Er war gerade von einer langen Reise durch Amerika zurückgekommen, weil er telegraphisch von dem Tode seines Vaters benachrichtigt worden war. Der arme Bursche! Er hatte eine sorgfältige Erziehung und Ausbildung genossen und stets geglaubt, er sei ein reicher junger Mann, aber da machte die dumme Bank, bei der sein Vater sein Geld angelegt hatte, Bankerott und alles ging verloren, und sein Vater konnte den Verlust nicht überwinden und starb plötzlich.

Herr Roystock brach aber unter diesem Schlage nicht zusammen, sondern gab alle seine Kunststudien auf und verließ die Stadt, in der er bisher ein so glückliches Leben geführt hatte. Er suchte sich hier eine möglichst einträgliche Stellung zu verschaffen und war von Frau Wilkins, die früher das Geflügel für seine Familie geliefert hatte, an mich empfohlen worden. Da ich wußte, daß er nicht viel zu beißen hatte, forderte ich einen möglichst billigen Preis und gewann ihn gleich lieb, denn er hatte so etwas Gutes in seinem Blick. Ich mußte immer an mein eigenes kleines Hänschen denken, der ja alles war, was ich noch nach dem Tode meines guten Mannes auf der Welt mein Eigen nannte. Hänschen hatte zwar seinen Vater verloren, aber er hatte wenigstens mich noch, während dieser arme Junge nunmehr weder Vater noch Mutter besaß.

Schließlich ging es ihm besser, er rang sich durch und ich mußte mehr Geld von ihm annehmen, trotzdem ich mich dagegen sträubte. Ich hatte ihm ein Zimmer im obersten Stock vermietet, als er zu mir zog, da er nicht viel Geld anlegen konnte, aber als er mir nun mehr zahlte, wollte er deshalb doch nicht wechseln. Eines Tages kam er jedoch zu mir und verkündete mir, daß er heiraten wolle und deshalb ausziehen müßte, da seine Braut gern auf dem Lande leben wolle. Das war alles sehr schnell gekommen, daher blieb er nur noch wenige Tage bei mir. Er sprach so lieb und herzlich zu mir, daß ich Mühe hatte, ihm vernünftig zu antworten, aber als ich allein war, da konnte ich mich nicht mehr halten, sondern weinte bitterlich, denn er war mir völlig ans Herz gewachsen und ich konnte mir eine Trennung von ihm kaum vorstellen.

Seinen Hochzeitstag werde ich sicher mein Leben lang nicht vergessen! Ich ging natürlich in die Kirche, aber das Herz wollte mir fast brechen, als ich seine Frau an seiner Seite zum Altar treten sah, und am schrecklichsten war die Rückfahrt allein nach Hause, die fast eine Stunde mit der Eisenbahn in Anspruch nahm.

Meinem Hänschen ging es ebenso; er hatte seinen »Bruder Gareth« so lieb und konnte es sich gar nicht vorstellen, daß dieser nicht mehr bei uns wohnen sollte. Und am selben Abend – da tauchte plötzlich gegen 8 Uhr Herr Roystock wieder auf, kam zu mir ins Wohnzimmer und wollte sich fast vor Kummer die Augen ausweinen.

»Was gibt's denn?« fragte ich bestürzt. »Was hat sich denn ereignet? Ich dachte, Sie wären längst auf der Hochzeitsreise unterwegs.«

Da schüttete er mir sein Herz aus. Er hatte eine böse, durch und durch verdorbene und kalt berechnende Verworfene geheiratet, die ihn nur zum Altar begleitet hatte, um einen ehrlichen Namen zu erhalten. Sofort nach der Trauung hatte sie ihm alles gestanden, ihn wegen seiner Harmlosigkeit ausgelacht und ihn auf dem Bahnhofe einfach stehen gelassen, um den Weg der Schande allein weiter zu wandeln.

Ich wußte nicht, wie ich ihn trösten sollte, aber Hänschen war froh, daß »sein Bruder« wieder da war, und die Zuneigung meines armen Jungen schien ihm über den ersten Schmerz hinwegzuhelfen. Wie aber der arme Herr litt, das hatte ich täglich Gelegenheit zu sehen, denn selbstverständlich wohnte er wieder bei uns, obgleich er nur noch der Schatten seines früheren Selbst war. Schließlich verfolgte ihn das Schicksal nochmals aufs Härteste, denn er verlor seine gut bezahlte Stellung, da das Haus, in dem er arbeitete, in Konkurs geriet. Nun versuchte er auf alle mögliche Weise seinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber nichts wollte einschlagen. Zwar malte er auch Bilder und verdiente auf diese Weise eine Kleinigkeit, aber zum Leben war das zu wenig. Trotzdem bestand er darauf, mich regelmäßig zu bezahlen, obgleich ich nichts nehmen wollte und es nur mit Mühe durchsetzte, daß er mir wieder den geringen Preis wie bei seiner Ankunft bezahlte. Eines Sonnabends aber war es ganz arg, und er kam ohne Uhr und Kette zurück, die er verkauft hatte, nur um mich bezahlen zu können. Ich nahm ihn also gehörig vor und bestand darauf, daß wir vorläufig alles aufschreiben wollten und er mich bezahlen solle, wenn er erst wieder zu Geld gekommen wäre.

Das ging so fünf oder sechs Wochen lang, und schließlich fing er auch wieder an, etwas zu verdienen, so daß er daran denken konnte, mir seine Schulden abzuzahlen. Und dann kam eines Tages für ihn das große Glück. Ein alter Onkel, der als Goldgräber nach Amerika gegangen war und von dem er lange nichts mehr gehört hatte, starb plötzlich und hinterließ ihm auf Lebenszeit eine jährliche Rente von 40 000 Mark, so daß er mit einem Schlage ein reicher Mann war.

Hänschen und er waren immer gute Freunde gewesen und mein Junge mußte bei ihm sitzen, wenn er in seinem Dachstübchen malte. Auch im Besitze seines neuen Reichtumes behielt er seine Dachstube, nahm aber noch ein Stockwerk dazu und ließ alle Zimmer aufs schönste ausmöblieren. Meinem Hänschen schenkte er das hübscheste Spielzeug, das aufzutreiben war, und ich sollte auch von ihm durchaus ein Geschenk annehmen für alle meine Güte, wie er es nannte – und als ich ein Geldgeschenk ausschlug, da richtete er mir im Nebenhause, das ich gerade dazu gemietet hatte, einen Salon ein, mit so prachtvollen Möbeln, daß ich ihn stets sofort los werde und schon ein schönes Stück Geld daran verdient habe.

Aber kurz darauf wurde Hänschen plötzlich schwer krank und unser Hausarzt gab ihn auf. Als Herr Roystock das hörte, verschwand er plötzlich und tauchte kurz darauf mit einem der hervorragendsten Londoner Spezialisten auf, der ausdrücklich die lange Reise zu uns her von London gemacht hatte. Aber auch dieser Doktor schüttelte nur den Kopf, als er Hänschen untersucht hatte.

»Ich zahle Ihnen 1000 Pfund, wenn Sie ihn retten,« rief Herr Roystock aus, aber der Arzt zuckte nur die Achseln und meinte, Hänschen könne nicht die Nacht überleben und wenn Herr Roystock selbst eine Million böte.

Armes Hänschen! Es war mir entsetzlich, ihn zu verlieren, aber ich glaube fast, der Verlust des Jungen ging Herrn Roystock noch mehr zu Herzen als mir, seiner eigenen Mutter, und es dauerte Wochen lang, bevor er sich wieder dazu verstand, einen Pinsel anzurühren. Dann erbat er sich Hänschens Spielzeug; ich wußte zwar nicht, was er damit anfangen wollte, aber dann sah ich es wieder auf dem wundervollen Gemälde, von dem alle Zeitungen so viel Aufhebens machten und das er »Verlorenes Glück« genannt hatte. Auf dem Bilde sah man einen müde blickenden Mann, der nach zerstreut herumliegendem Kinderspielzeug hinstarrte. Wer der Mann war, weiß ich nicht, aber das Spielzeug erkannte ich wieder, das waren Hänschens Sachen!

Vor einigen Wochen erhielt Herr Roystock einen Brief, der ihm ankündigte, daß seine Frau gestorben sei. Diese verächtliche Dirne hatte ich schon fast vergessen, aber Herrn Roystock bereitete seine Heirat großen Kummer, denn er hatte ein anderes Mädchen lieben gelernt und seine unglückliche Heirat stand ihm bisher im Wege. Deshalb war er froh, daß dieses Hindernis nicht mehr bestand und so gestand er mir eines Morgens, daß er die Absicht hätte, um die neue Angebetete seines Herzens anzuhalten. Obgleich Herr Roystock jetzt ja reich war, so betrachtete er mich immer wie seine zweite Mutter und hatte keine Geheimnisse vor mir. Ich kannte Fräulein Veerland als eine hübsche und liebenswürdige junge Dame und war froh, daß er eine so gute Wahl getroffen hatte; ich wünschte ihm deshalb alles Glück mit auf den Weg, als er sich von mir verabschiedete, um seine Werbung anzubringen. Dann sah ich ihn erst nach jenem gräßlichen Ereignisse wieder.

Ich war an jenem Nachmittage von einer Freundin, die eine gute Seele aber ein wenig schwatzhaft ist, zu einer Tasse Tee eingeladen, deshalb hatte ich mich etwas verspätet und beeilte mich gegen Abend nach Hause zu kommen. Auf meinem Heimwege mußte ich durch Cranstone Park und war gerade an jener reizenden Eckvilla, die nun schon so lange zu vermieten ist, angekommen, als plötzlich Herr Roystock aus jenem Hause hervorgeschossen kam und mich fast umgerannt hätte. Er sah ganz verstört aus und schritt neben einem anderen Herren her. In meinem Schreck ließ ich meinen guten Regenschirm fallen, den mir Tante Elise zu Weihnachten geschenkt hatte, und eilte hinter den beiden Herren her, um zu sehen, wohin sie gingen. Ich muß wohl etwas geistesabwesend gewesen sein, denn erst kurz vor meinem Hause fiel mir wieder mein Schirm ein, deshalb kehrte ich rasch um und fand auch glücklich meinen Schirm noch an derselben Stelle liegen. Ich hob ihn auf und wollte gerade nach Hause gehen, als ein Schutzmann aus der Villa stürzte und einen schrillen Pfiff ertönen ließ. Ich fuhr ordentlich zusammen, so aufgeregt sah der Mann aus.

»Was gibt's denn, Herr Schutzmann?« fragte ich.

»Was es gibt?«, antwortete er, »einen gräßlichen Mord! Eine arme Frau ist in der Villa erschossen worden und ich habe gerade den Leichnam aufgefunden.«

Jetzt kam ein anderer Schutzmann dazu und ich machte, daß ich nach Hause kam. Zu Hause lief ich sofort nach Herrn Roystocks Wohnzimmer und wollte gerade anklopfen, als ich in dem Zimmer Stimmen hörte. Alles konnte ich zwar nicht verstehen, aber ich hörte genug, um zu begreifen, daß die beiden Herren von dem Verbrechen wußten und im Zimmer drinnen den Revolver, mit dem die Tat verübt war, bei sich hatten.

Ich zitterte am ganzen Körper und befürchtete schon das Schlimmste, aber dann hörte ich Herrn Roystock sprechen, wie er mit bewegter und rührender Stimme »bei Gott im Himmel« versicherte, daß er unschuldig sei. Das genügte mir, denn ich wußte, daß Herr Roystock stets die Wahrheit sprach, und ging, ordentlich froh darüber, daß er wirklich unschuldig sei, auf mein Zimmer; liebte ich ihn doch wie einen eigenen Sohn!

Ein paar Minuten später riefen die Zeitungsjungen bereits Extrablätter aus, in denen das ganze Verbrechen haarklein geschildert wurde, und ich kaufte mir eine Nummer und durchflog das Blatt in fieberhafter Hast. Aber der Name des Herrn Roystock war überhaupt nicht darin erwähnt, deshalb versuchte ich mich zu beruhigen und ging etwas erleichtert zu Bett.

Am nächsten Morgen ging Herr Roystock gegen 10 Uhr aus und ich eilte gleich nach seinem Fortgange in sein Zimmer. Ich wußte ja, daß er unschuldig war, aber irgend jemand konnte doch vielleicht auf ihn einen Verdacht werfen, deshalb war es besser, ich sah selber nach, ob bei ihm nicht irgend etwas Verdächtiges im Zimmer herumläge.

Ich bin noch heute froh, daß ich auf diesen Einfall kam, denn der erste Gegenstand, der mir in die Augen fiel, war sein neuer heller Überzieher, der an einem Haken hing. Daß Herrn Roystock das nicht selber aufgefallen war, ist recht merkwürdig – denn auf der einen Seite des Überziehers befand sich ein großer roter Fleck, der, wie ich sofort bemerkte, nur von Blut herrühren konnte. Es sah so aus, als hätte er sich mit angezogenem Überzieher herabgebeugt, und der Rock wäre in eine große Blutlache eingetaucht und so besudelt worden. Sofort verschloß ich die Tür und begann nun, das Zimmer genau zu durchsuchen, aber ich fand sonst nichts Verdächtiges. Schließlich dachte ich an den Revolver, aber der war nicht zu finden. Endlich fiel mir ein, daß Herr Roystock einen für zwei Revolver bestimmten Kasten besaß, in dem aber immer der eine Platz leer gewesen war. Den Kasten fand ich bald und öffnete ihn. Richtig – jetzt lagen zwei Revolver darin, nur war der eine, den ich schon von früher her kannte, als ihn Herr Roystock einmal meinem Hänschen gezeigt hatte, ziemlich rostig. Damals hatte er erzählt, die andere Schußwaffe sei ihm gestohlen worden, oder sonstwie verloren gegangen, aber jetzt lag sie an ihrem Platze, nur sah sie abgenutzter aus und war voller Beulen und Schrammen, als hätte sie jemand lange mit sich herumgetragen.

Ich nahm den Revolver heraus und sah mir ihn genau an, denn ich habe vor Waffen keine Angst, wie die meisten anderen Frauen. Mein seliger Mann besaß eine Flinte, mit der er auf die Kaninchenjagd ging, und auch einen Revolver und hatte mir gezeigt, wie man die Dinger laden und reinigen mußte. Als ich den Revolver in die Hand nahm, hätte ich ihn vor Schrecken fast wieder fallen lassen, denn er trug genau wie der andere auch Herrn Roystocks Namen!

Welche fürchterlichen Gedanken bestürmten mich in diesem Augenblicke, ich faßte mich jedoch rasch, denn ich erinnerte mich an seine Beteuerungen, die er mit so überzeugender Stimme ausgesprochen hatte und fühlte es deutlich, er war wirklich unschuldig!

Ich trug deshalb den Überzieher und den Kasten mit den beiden Revolvern in mein Zimmer hinüber und machte mich sofort an die Arbeit.

Zuerst nahm ich den Rock vor und schnitt mit der Schere das ganze blutbesteckte Stück heraus, das ich dann im Kamin verbrannte. Es roch zwar recht brenzlich, aber ich hielt es mit der Feuerzange tief in den Kamin hinein, so daß der Rauch durch den Kamin abzog. Dann zerschnitt ich den Rest des Überziehers in viereckige Stücke, trennte meine große, aus Stoffflicken zusammengesetzte Bettdecke auf und nähte die Stücke innen hinein. Zum Glück besitze ich eine Nähmaschine, sonst hätte ich Tage zu der Arbeit gebraucht.

Dann machte ich mich an die Revolver und nahm zunächst den Neuling vor. Fünf Kammern waren noch geladen. Rasch hatte ich die Patronen herausgeholt und scheuerte am Laufe einen roten Fleck ab, den ich jetzt erst bemerkte. Die Patronen brach ich sodann auseinander, schüttete das ganze Pulver auf einen Teller und warf die fünf Kugeln ins Kaminfeuer. Ich wußte, sie würden dort bald schmelzen und durch den Kaminrost in die Asche fließen, ohne verdächtige Spuren zu hinterlassen. Dann reinigte ich beide Revolver aufs Sorgfältigste und verschloß sie mitsamt ihrem Kasten in einer Schublade meiner Kommode, in der ich alle meine kleinen Andenken an meinen verstorbenen Mann und an Hänschen aufzubewahren pflege. Da würden sie zunächst sicher ruhen, bis mir später ein gescheuter Gedanke einfiele, was ich mit ihnen anfangen könnte.

Hierauf trug ich das Schießpulver in den Garten und schüttete hier und dort etwas auf die Blumenbeete und das meiste in die Abflußröhre. Die Pappblättchen und die Papierteile der Patronen kratzte ich sorgfältig ab und verbrannte sie, nur mit den Patronenhülsen wußte ich nichts Rechtes anzufangen. Schließlich klopfte ich sie mit einem Hammer zusammen, so daß sie ganz aus der Form kamen und stopfte sie in die Gewichte des herunterziehbaren Gaskronleuchters.

Dann wartete ich auf die Rückkehr von Herrn Roystock, um ihm alle meine Taten zu erzählen.



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