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10. Kapitel.

Thomas Sleeve fährt in der Geschichte fort.

Am Mittwoch dem 27. war ich wieder in Bexcliffe zurück. Nach allem schien mir doch etwas Wahres an Whiskys-Edes Geschichte daran zu sein und ich hatte sonst nichts vor. Zudem war ich sehr schlecht bei Kasse. Mein Gesamtvermögen bestand nur aus ungefähr 100 Schillingen und damit mußte ich über 14 Tage lang auskommen, denn vorher gab es kein Pferderennen.

So begann ich nochmals »Whisky-Edes Trauerspiel«, wie ich es nannte, in Gedanken durchzugehen, las alle Zeitungen daraufhin durch und suchte mich an alle mir erzählten Begebenheiten zu erinnern. So kam ich zu den nachfolgenden Resultaten:

1. Whisky-Edes Erzählung war teils falsch und teils richtig.

2. Seine angebliche Verwandtschaft mit der verstorbenen Frau war wahrscheinlich unwahr. Ich kannte ja aus Erfahrung seine besondere Vorliebe, seine Verwandtschaft mit den unmöglichsten Personen bei allen sich nur bietenden Gelegenheiten zu erklären.

3. Seine Angabe, daß er die Herren Roystock und Wafer aus dem Hause hatte herauskommen sehen, war wahrscheinlich richtig. Trotzdem mich Herr Wafer so schlecht behandelt hatte, sah ich ihm doch gleichzeitig an, daß er mehr von der Geschichte wußte, als er sagen wollte.

4. Seine Aussage, daß Herr Roystock vor sieben Jahren geheiratet hatte, war völlig richtig; ich hatte mich selbst davon im Kirchenbuche überzeugt.

5. Daß Frau Filbert und Frau Roystock ein und dieselbe Person waren, ist zweifelhaft und unsicher.

6. Und das ist der wichtigste Punkt: Whisky-Ede wußte allerlei über das Verbrechen und ebenso über Roystocks Heirat. Er sah ferner Roystock aus dem Hause herauskommen, also war er an jenem Abend auch selber in der Efeuvilla gewesen, und was er auch beobachtet haben mochte, hatte er im Hause selber beobachtet.

Aus allen diesen Erwägungen glaubte ich die nachfolgenden Schlüsse ziehen zu dürfen:

a) Daß die ermordete Person Frau Roystock war;

b) Daß ihr erster Mann und sie sich in dem Hause getroffen und dort miteinander gesprochen hatten;

c) Daß Whisky-Ede das Gespräch belauscht und dann versucht hatte, für sich persönlich Nutzen aus dieser Kenntnis herauszuschlagen;

d) Daß Herr Wafer – ja über den war ich mir nicht recht klar. Ein Mann, der anderen das Gesicht schwärzen und wichsen läßt, hat entweder ein sehr gutes Gewissen oder überhaupt keines!

Meine Absicht war nun, den Amateur-Detektiv zu spielen; sobald ich neue Tatsachen zu erfahren vermochte, würde daraus schon Geld zu ziehen sein. Die Schwierigkeit mit Whisky-Ede bestand nur immer darin, daß man nie wußte, wann er die Wahrheit sagte und wann er log. So beschloß ich, am Nachmittag die Efeuvilla zu besuchen und selbst dort ein wenig Nachforschungen anzustellen.

Ich ging nach der Rückseite des Hauses, kletterte dort über die Gartenmauer, wobei ich meinen Rock zerriß und öffnete, einmal im Garten, mit Leichtigkeit ein Fenster. Nun stand das Haus zu meiner Verfügung. Kaum hatte ich mit meinen Nachforschungen begonnen, als ich die Vordertür öffnen hörte und hatte gerade noch Zeit, mich ungesehen in einen Wandschrank im Korridor zu flüchten. Nach den Stimmen zu urteilen, waren es zwei junge Mädchen, die das Haus von oben bis unten durchsuchten und zwischen Verzweiflungsmut und gräßlicher Angst hin und her zu schwanken schienen. Es wurde mir bald klar, daß sie ebenso wie ich auf eigene Faust den Detektiv spielten. Plötzlich hörte ich einen Namen nennen, so daß ich meine Ohren aufsperrte: »Gareth Roystock« und kurz darauf: »Herr Filbert«.

»Hah,« dachte ich, »so hat also Roystock doch wirklich etwas mit der Geschichte zu tun.«

Dann vernahm ich einen leisen Schrei und hörte etwas von verletztem Finger und vorstehendem Nagel. Ich sah vorsichtig aus meinem Versteck heraus und erblickte zwei hübsche Mädchen, die scheinbar sehr erregt einen Fetzen Papier betrachteten. Bald darauf gingen sie und ich wollte gerade meinen Platz verlassen, als sich die Vordertür von neuem öffnete.

Dieses Mal hörte ich die Schritte eines Mannes und blickte ihm vorsichtig nach, als er vorbei war. Es schien ein wirklicher Detektiv zu sein, der geradewegs ins Hinterzimmer ging und dort eine lange Zeit herumsuchte. Diesmal wurde es mir ungemütlich, denn mit Detektivs habe ich nicht gern etwas zu tun und mußte befürchten entdeckt zu werden.

Manche Leute pflegen laut zu denken, was für den Lauscher sehr angenehm ist, und der Mann, den ich beobachtete, gehörte zu diesen Leuten.

»Es ist ganz klar, daß ein Mann, der mit einer Anzahl von Papieren in der Hand rasch durch einen Gang läuft, diese Papiere ungefähr zwei Fuß vom Boden entfernt in seiner Hand halten wird. Wenn man nach dem Überrest urteilen kann, so wurde ein kleines Stück Papier abgerissen, vermutlich von einem vorstehendem Nagel oder dergleichen. Ah, was ist das!«

Ich blickte vorsichtig aus meinem Versteck und sah, wie er genau an derselben Stelle wie vorher die Mädchen das Holz an der Wandbekleidung betrachtete.

»Ein Nagel, wie ich es mir dachte! Aber da hängt kein Papier mehr daran. Oder doch, da liegt 'was!«

Er riß ein Streichholz an und ich wartete auf seine nächsten Worte.

»Gerade noch ein kleines Fetzchen, aber ich möchte darauf wetten, hier riß das Stück Papier ab und ich würde viel darum geben, es zu besitzen. Es mag unbeschrieben gewesen sein, aber wahrscheinlicher ist es, daß Roystocks Name daraufstand.«

Roystock, immer wieder Roystock! Das war ja auch mein Gedanke gewesen. Wenn ich Geld verdienen wollte, so mußte ich mich beeilen, sonst würden mir die Detektivs zuvorkommen! Inzwischen fing der Mann wieder zu sprechen an:

»Was wurde aus dem Revolver? Sein Name stand sicher darauf.«

Sein Name? Wessen Name? Roystock? Ich wartete gespannt, was nun kommen würde, aber der Mann hatte augenscheinlich sein Geschäft beendigt, denn ich hörte, wie er der Haustür zuschritt. Gerade als er verschwand, konnte ich ihn noch flüchtig sehen und bemerkte, daß sein linkes Ohrläppchen fehlte. Ich war froh, das bemerkt zu haben, denn andernfalls hätte ich ihn später wohl kaum wiedererkannt.

Ich machte nun selber so rasch wie möglich, daß ich aus dem Hause fortkam und begann, mir einen Schlachtplan zurechtzulegen.

Von der Efeuvilla wandte ich mich zunächst nach der Belling Avenue 44, wo Roystock wohnte, aber ich mußte mehrere Stunden bis zum Abend warten, bevor ich eines der Dienstmädchen des Hauses, die keinen gerade sehr geistvollen Eindruck machte, erwischen konnte. Sie hatte einen Brief auf die Post zu bringen und ich stellte mich ihr als Kriminalbeamter vor. Ich ersuchte sie ernst, mir wahrheitsgemäß alle meine Fragen zu beantworten, da sie sonst schwere Gefängnisstrafe treffen würde. Das arme Ding war auch bald derart eingeschüchtert, daß sie mir auf alles bereitwilligst Auskunft gab, und so erfuhr ich denn nach vielen Fragen, daß Roystock in der Tat einen mit seinem Namen bezeichneten Revolver besessen hätte, daß sich dieser aber jetzt in den Händen der Hauswirtin befände. Auf weiteres Drängen erfuhr ich, daß Roystock in seinem Rauchzimmer einen für zwei Pistolen bestimmten Kasten aufzubewahren pflegte, in dem sich aber nur eine, schon ziemlich verrostete Pistole befand, die auf einem Silberplättchen seinen Namen aufwies, und daß diesen Kasten Roystocks Wirtin am Tage nach dem schrecklichen Morde in ihr eigenes Zimmer getragen hatte.

»Also Sie behaupten, die Frau hätte den Kasten noch in ihrem Besitz?« fragte ich weiter.

»Ich glaube es wenigstens, denn in Herrn Roystocks Zimmern befindet er sich nicht mehr. Aber bitte – kann man eine Pistole auch verbrennen?«

»Eine Pistole verbrennen? Welche Idee! Aber weshalb fragen Sie das?«

»Weil aus dem Zimmer der Hausfrau an jenem Morgen ein schrecklicher Geruch nach verbrannten Sachen strömte.«

»Wonach roch es denn?«

»Nach verbranntem Tuche.«

Das war der Überzieher! Den hatte ich ganz vergessen! Ich gab dem Mädchen fünf Schillinge, warnte sie, von unserer Unterredung jemandem etwas zu erzählen, da sie sonst schwere Gefängnisstrafe zu gewärtigen hätte und verließ sie.

Was sollte ich nun mit diesem Wissen anfangen? Erpressung würde wohl nicht viel nützen, deshalb dachte ich an die Polizei, da das Plakat mit der Belohnung von 200 Pfund für jeden, der den Mörder namhaft machen könnte, noch an den Anschlagsäulen klebte. Ich ging deshalb in eine benachbarte Kneipe, verrichtete dort einige schriftliche Arbeiten und begab mich darauf nach der Polizei, wo ich mich bald in dem Bureau des Polizeiinspektors diesem gegenüber befand.

»Ich kenne einen gewissen Verbrecher, der sich noch auf freiem Fuß befindet«, begann ich, »und für dessen Ergreifung eine Belohnung ausgesetzt ist. Ihre Beamten kennen zwar den Mann, aber sie können ihm nichts beweisen. Wenn ich nun die fehlenden Beweise liefere, erhalte ich dann die Belohnung?«

»Wir sind nicht dazu da, um müßige Fragen zu beantworten,« entgegnete er barsch, »wer ist der Verbrecher und um welches Verbrechen handelt es sich?«

»Nicht so rasch; sagte ich; »ich wünsche die Belohnung ausgezahlt zu erhalten, Sie aber wollen meine Mitteilungen kostenlos haben, da ist mit Ihnen kein Geschäft zu machen,« und damit schritt ich der Tür zu.

»Halt!« rief er, »eine Frage zunächst; von welchem Verbrechen sprechen Sie überhaupt?«

Ich wies auf das Plakat mit der Belohnung von 200 Pfund, das auch hier im Bureau klebte.

»Wenn es sich um nichts weiteres handelt,« meinte der Beamte. »Den Verbrecher haben wir schon seit mehreren Tagen.«

»Den haben Sie nicht,« sagte ich bestimmt, »wenn Sie überhaupt jemand haben, dann haben Sie den Falschen erwischt.«

»Geben Sie doch nähere Erklärungen.«

»Es tut mir leid; mit Ihnen ist jedoch kein Geschäft zu machen; so werde ich denn nach London fahren. Scotland-Yard wird mir gern meine Auskünfte bezahlen.«

»Ich habe nicht übel Lust, Sie verhaften zu lassen,« rief er ärgerlich.

»Das würde Ihnen nicht viel nützen,« erwiderte ich ruhig, »denn Sie können mir nichts Schlimmes nachweisen und würden sich später nur Unannehmlichkeiten zuziehen.«

Er überlegte, dann zog er andere Seiten auf.

»Gut, ich will also mit Ihnen verhandeln. Was verlangen Sie von mir.«

»Ich verlange von Ihnen eine Bescheinigung über die verschiedenen Beweisstücke, die ich Ihnen übergeben werde und ferner, daß ich die ausgesetzten 200 Pfund erhalte, falls die Überführung des Verbrechers auf Grund dieser Beweise möglich ist. Ich habe hier einen Bogen Papier beschrieben, auf dem sich vorn verschiedene weiße Stellen befinden. Wenn Sie unterschrieben haben, werde ich diese ausfüllen. Bis das geschehen ist, können wir als Sicherheit jeder eine Seite des Aktenstücks festhalten.«

»Und was geschieht dann mit diesem?«

»Es bleibt in meinem Besitz.«

»Und was bleibt mir dann?«

»Sie können ja lesen, was ich in die leeren Stellen hineinschreibe und vermögen demgemäß zu handeln. Aber es ist besser, ich zeige Ihnen gleich das Papier.« Damit breitete ich den Bogen aus, der folgendermaßen lautete:

»Der Besitzer dieses Schriftstückes hat mich in Kenntnis gesetzt, daß der Revolver, mit dem die Frau in der Efeuvilla getötet wurde, sich jetzt im Besitze von 1. . . .  . . . . .  wohnhaft 2. . . .  . . . . .  befindet. Er glaubt, daß der Revolver auch jetzt noch den Namen 3. . . .  . . . . .  trägt, welche Person aber bereits von einem Detektiv wegen dieses Verbrechens verfolgt wird. Der jetzige Besitzer des Revolvers 4. . . .  . . . . .  hat außerdem gewisse den 5. . . .  . . . . . belastende Beweisstücke verbrannt.

Für diese Mitteilungen verlangt der Besitzer des Schriftstückes die ausgesetzten 200 Pfund Belohnung, falls es gelingt, 6. . . .  . . . . .  auf Grund dieser Angaben zu überführen und soll sie ausgezahlt erhalten.

Unterzeichnet

 . . .  . . . . . «

»So,« sagte ich, »nun haben Sie das Papier gelesen und wenn Sie es unterzeichnet haben, werde ich es ausfüllen und Ihnen eine Abschrift davon geben.«

»Meinetwegen denn,« sagte der Polizeiinspektor, »aber ich lasse es nicht früher los, als bis es ausgefüllt ist.«

Er unterzeichnete und hielt das Papier mit der linken Hand fest, während ich die Zwischenräume folgendermaßen ausfüllte:

Zwischenraum 1. Frau Headstrong.
Zwischenraum 2. Belling Avenue 44.
Zwischenraum 3. Gareth Roystock.
Zwischenraum 4. Frau Headstrong.
Zwischenraum 5. Gareth Roystock.
Zwischenraum 6. Gareth Roystock.

Dann machte ich eine Abschrift davon und übergab sie ihm, während ich fortfuhr:

»Und nun, welche weiteren Angaben darf ich Ihnen über diesen Fall machen? Es liegt jetzt in meinem eigenen Interesse, Ihnen möglichst viele Hilfsmittel an die Hand zu geben.

»Ich danke. Sagen Sie mir zunächst, wie der Detektiv heißt, der Ihrer Ansicht nach Herrn Roystock verfolgt?«

»Ich kenne seinen Namen nicht, ihm fehlt jedoch das linke Ohrläppchen.«

»Schön; und wie kamen Sie auf seine Spur?«

Ich erzählte ihm nun alles, was ich wußte und was sich am Nachmittag in der Efeuvilla zugetragen hatte. Über die Geschichte mit den jungen Mädchen schien er zuerst äußerst verwundert, verstand die Sache später dann aber doch.

»Sie sind ein scharfsinniger Mensch,« äußerte der Beamte schließlich, »und wenn Herr Roystock schuldig befunden wird, so haben Sie Ihr Geld wohl verdient und ich selbst will dafür sorgen, daß Sie es auch bekommen. Es ist wahrhaft kränkend, daß einer unserer Beamten von Ihnen seinerseits überwacht wurde, aber zu seiner Entschuldigung mag gesagt sein, daß er eigentlich kein richtiger Detektiv ist, wie sie sie in Schottland-Yard haben, sondern er wurde nur in diesem einen Falle mangels eines passenden Beamten von uns verwandt.«

Hiermit endete unsere Unterredung und ich versprach ihm, am nächsten Tage wiederzukommen.



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