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14. Kapitel.

Sylvia Veerland fährt in der Erzählung fort.

Freitag, den 29. März.

Ein Unglück folgt dem andern und ich weiß nicht, wie lange das noch so fortgehen soll! Gestern abend, als Vater mit dem letzten Zuge von Bexcliffe zurückkehrte, war es bereits zu spät, um noch alle Neuigkeiten zu erfahren. Zwar war ich aufgeblieben, um ihn über die schreckliche Geschichte auszufragen, aber ich konnte nicht viel mehr, als ich bereits wußte, aus ihm herausbringen. Er war jedoch so lieb zu mir und küßte mich so zärtlich, als ich ihm Gute Nacht sagte, daß es mir fürchterlich ängstlich zu Mute wurde und ich die ganze Nacht kein Auge schließen konnte. Schon um fünf Uhr früh erhob ich mich, ging in den Garten und wanderte in meiner Unruhe stundenlang umher, bis endlich um halb 8 Uhr der Briefträger anlangte, der Briefe und die neuesten Zeitungen brachte.

Ich war entschlossen, die volle Wahrheit zu ergründen und fürchtete, man würde mir allerlei verhehlen und die Zeitungen verstecken, deshalb öffnete ich kurz entschlossen die »Bexcliffer Nachrichten« und fand darin den vollen Bericht von Gareths Verhaftung und der Haussuchung in seiner Wohnung. Die »Bexcliffer Morgenpost« sah ich nicht erst an, da ich vermutete, beide Zeitungen würden doch dieselben Nachrichten enthalten, sondern griff nach dem einzigen Briefe, der für mich eingetroffen war und von Gretchen Banding herstammte. Wie entsetzt war ich aber von seinem Inhalte! Gretchen schrieb mir, daß wir während unseres Besuchs in der Efeuvilla von einem Detektiv beobachtet worden seien und daß jener die Auffindung des Papierstreifens beobachtet hatte. Sie berichtete dann, wie sie vergebens versucht hatte, ihr mir gegebenes Versprechen zu halten, und wie es der Polizei schließlich doch gelungen sei, in den Besitz des Papieres zu gelangen. Es war ein seltsamer Brief, voll von Freundschaftsversicherungen für mich, und der damit schloß, der Polizeiinspektor habe meinem Vetter Leonhard mitgeteilt, Herr Filbert möge sich nunmehr als völlig freier Mann betrachten!

Die Polizei besaß also jenes schreckliche Stück Papier! Ich wußte nicht, was ich beginnen sollte, und obgleich ich von Gareths Unschuld überzeugt war, setzte ich mich doch auf eine Gartenbank und begann bitterlich zu weinen. Da fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter, blickte auf und sah meinen Vater vor mir stehen.

»Du mußt Mut haben, liebes Kind,« sagte er weich, »trockne Deine Tränen, denn Gareth ist ja unschuldig und die Wahrheit wird schon noch ans Licht kommen.«

O, wie glücklich mich diese Worte machten, denn ich wußte, Vater würde niemals so zu mir sprechen, wenn er nicht auch die feste Überzeugung von der Schuldlosigkeit meines Verlobten gehabt hätte.

»Hast Du die Zeitungen gelesen?« fragte er mich dann.

»Ja, die Bexcliffer Nachrichten,« antwortete ich.

»Es ist vielleicht besser so, aber nun komm, Kind, wir wollen zum Frühstück gehen.«

Nach dem Frühstück las er die beiden Zeitungen, dann reichte er mir die »Bexcliffer Morgenpost«:

»Sylvia, es ist das Beste, wenn Du die volle Wahrheit erfährst. Die »Nachrichten« enthalten nicht alle Neuigkeiten, sondern die »Morgenpost«, die später gedruckt wird, bringt noch neuere Mitteilungen, die ich bereits gestern abend mündlich auf der Polizei erfuhr.«

Er wies dabei auf einen Artikel, den ich mit klopfendem Herzen las:

 

Das Geheimnis der Efeuvilla.

Fast im selben Augenblick, als wir die Zeitung in den Druck geben wollten, erfuhren wir noch eine überraschende Neuigkeit. Wie bereits im Hauptblatte berichtet wurde, hatte die Polizei bei Herrn Roystock in der Belling Avenue 44 eine Haussuchung vorgenommen. Spät am Nachmittag durchstöberte man auch noch den Garten, wobei eine überraschende Entdeckung zu Tage kam. Au einer Stelle schien die Erde unlängst umgegraben zu sein und der Beamte, der über das frisch geharkte Beet geschritten war, sank an einem Orte mit dem Fuße tiefer ein als an den anderen Stellen. Er ließ nachgraben und ein kleiner Lederkasten wurde zu Tage gefördert. Als man den Kasten öffnete, fand man darin zwei Revolver, die beide den Namen »Gareth Roystock« trugen. Die Polizei scheint hierüber äußerst verwundert zu sein, da man nach den Aussagen des einen Dienstmädchens nur einen Revolver vorzufinden erwartete, weil der andere vor einigen Jahren angeblich verloren gegangen sein sollte. Gerüchtweise melden wir, daß Frau Headstrong, die Hauswirtin, als verdächtig der Mitschuld verhaftet wurde, die Polizei verweigert hierüber aber jede Auskunft.«

 

Schaudernd legte ich die Zeitung beiseite und ging den ganzen Tag über wie im Traume im Hause umher, aber erst am Nachmittag konnte ich mich dazu entschließen, etwas frische Lust zu schöpfen und einen kleinen Spaziergang zu machen.

Ich war in die Nähe des Bahnhofes gelangt, als ich an einer Ecke Herrn Wafer begegnete.

»Ich wollte Sie gerade besuchen,« begann er, mich begrüßend, »haben Sie einen Augenblick Zeit für mich?«

Solange er wolle, versicherte ich ihm, denn Ernst Wafer ist gerade so ein rechter Freund in der Not, dem man sein volles Herz ausschütten kann. Deshalb beschloß ich auch, ihm meine Kümmernisse zu erzählen und seinen Rat einzuholen. Ich berichtete ihm alles, was ich wußte und fragte ihn zum Schlusse in plötzlich aufsteigender Angst:

»Herr Wafer, sagen Sie mir offen, glauben Sie, daß er –?«

Er unterbrach mich: »Nein, nein, ich bin dessen ganz sicher, er ist völlig unschuldig, aber – Fräulein Veerland – ich will ganz offen zu Ihnen sein, ich kam heute nicht hierher, um Rat zu erteilen, sondern um Ihren Rat einzuholen.«

» Meinen Rat?«

»Ja. Ich weiß in dieser Angelegenheit bedeutend mehr als Sie ahnen. Sie haben mir Ihre Geschichte erzählt, nun hören Sie auch die meinige.«

Er berichtete mir nun alles, von dem Abend in der Efeuvilla angefangen bis zu den Enthüllungen, die er nach Roystocks Verhaftung dem Detektiv Broadbent gemacht hatte.

»Und weshalb kommen Sie nun zu mir?« fragte ich schließlich.

»Um Sie zu fragen, ob ich auch den Rest meiner Erlebnisse, den ich bisher verschwiegen, erzählen soll.«

»Und was haben Sie verschwiegen?«

»Die Geschichte von dem Blutfleck an dem Überzieher, den die Wirtin vernichtet zu haben scheint.«

»Das können Sie ruhig erzählen,« entgegnete ich nach kurzem Zaudern; »sein Niederknien, als er den Schlüssel suchte, gibt für den Fleck eine genügende Erklärung.«

»Gut also. Aber soll ich auch den Revolver erwähnen. der seinen Namen trug?«

Mein Herz stand still, denn ich dachte an den Zeitungsbericht und wußte nicht, was ich antworten sollte.

»Herr Wafer,« sagte ich schließlich, »Gareth ist mein Verlobter und ich glaube an seine Unschuld ebenso wie an Ihre Herzensgüte. Wir werden meiner Ansicht nach nichts dadurch erreichen, daß wir immer noch Einzelheiten vor der Polizei verbergen. Gehen Sie lieber dorthin, erzählen Sie die volle Wahrheit und halten Sie mit nichts hinter dem Berge.«

Als Antwort sah er nach der Uhr.

»Ich kann noch gerade den 5 Uhr-Zug erreichen, wenn ich mich beeile,« sagte er; »Sie haben recht und jede Minute der Zögerung könnte nur schaden. Entschuldigen Sie also bitte, wenn ich Sie jetzt sofort verlasse.«



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