Autorenseite

 << zurück weiter >> 

17. Kapitel.

Benjamin Walterslide erzählt seine Geschichte.

Es sind jetzt zwölf Jahre her, daß ich zuerst Louise Revel traf. Ich war damals ein leichtsinniger, flotter Bursche und sie ein Mädel von 18 Jahren und in ihrem Heimatsort Teignmouth eine anerkannte Schönheit. Ich war gleich verrückt vor Liebe zu ihr, denn sie besaß eine so sinnberückende Schönheit, daß die jungen Leute alle hinter ihr her waren und ihretwegen die tollsten Sachen anstellten. Was soll ich viel erzählen, schließlich heiratete ich sie, doch schon nach einjähriger Ehe wurde sie derart unleidlich und quälte mich so, daß ich es nicht länger aushalten konnte. Wir beschlossen daher, uns zu trennen, um zu sehen, ob wir auch ohne einander auskommen könnten, und diese vorläufige Trennung sollte zunächst drei Monate dauern. Erst dann wollten wir eine endgültige Entscheidung über unser künftiges Leben treffen.

Bis zu meiner Heirat war ich Seemann gewesen, aber hatte schon immer beabsichtigt, mich irgendwo an Land niederzulassen, deshalb hatte ich in Plymouth einen kleinen Laden aufgemacht, wo ich mit allen möglichen Artikeln für Seeleute handelte und mich recht und schlecht durchschlug.

Louise kehrte also nach unserer Trennung nach Teignmouth zurück und ich sorgte für ihren Lebensunterhalt so gut ich konnte. Nach drei Monaten schrieb ich an sie, sie möge zurückkommen, aber sie wollte nicht. Das machte sie mir nur um so begehrenswerter und ich war trotz all ihrer Launen und Schlechtigkeiten nur desto verliebter in sie. Auch ein zweiter Brief nützte nichts, deshalb reiste ich selber nach Teignmouth.

Sie fuhr mich grob an, schalt mich einen Dummkopf und einen einfältigen Esel und sagte schließlich, sie würde sich lieber aufhängen, als nochmals mit mir Zusammenleben.

Jetzt begann ich, sie mit Geld knapp zu halten und verkürzte meine Geldsendungen für ihren Unterhalt von Woche zu Woche, um sie mir dadurch zurückzugewinnen, aber auch das nützte nichts, denn eines schönen Tages war sie verschwunden, ohne daß ich oder ihre alte Mutter, die Witwe eines Schulmeisters, wußten, wohin sie sich begeben hatte.

So verflossen zwei Jahre, Louises Mutter starb und ich fand eine günstige Gelegenheit, mein kleines Geschäft an einen Konkurrenten für 50 Pfund zu verkaufen, unter der Bedingung, daß ich in Plymouth kein neues Geschäft anfangen dürfte. Ich hatte gehört, daß in Bexcliffe ein gutgehendes Geschäft billig zu verkaufen wäre, deshalb begab ich mich dorthin. Herr Bertram Weevil, der Häuseragent, versuchte den gewünschten Abschluß zu erzielen, die Verkäufer verlangten aber eine zu große Summe, deshalb zerschlugen sich die Verkaufsverhandlungen, und ich beschloß, meinen Wanderstab weiter zu setzen.

Während ich mich mit diesen Gedanken noch in Bexcliffe aufhielt, lief ich plötzlich an einer Straßenecke – meiner Frau in die Arme.

Louise sah älter aus, war aber sonst die gleiche geblieben. Sie ging mit einem großen hübschen jungen Manne zusammen, der seiner Kleidung nach den besten Ständen angehörte, und auch sie schien sich ihrem Äußeren nach in guten Verhältnissen zu befinden.

Ich war bei ihrem Anblick wie aus den Wolken gefallen, folgte den beiden aber doch bis an die Türe eines kleinen Hotels, wo sich der Herr von Louise verabschiedete. Ich hörte seine Worte: »Bringe dann Deine Freundin um 5 Uhr mit, Louise, denn meine Wirtin ist ausgegangen und ich möchte Dir gern meine Bilder zeigen. Wir sind zwar verlobt, aber die äußeren Formen müssen gewahrt bleiben, und deshalb ist es besser, Du kommst nur unter dem Schutze einer anderen Person zu mir.«

So waren die beiden also verlobt! Aber schon war der Herr davongegangen und Louise gerade im Eingänge des Hotels verschwunden. Ich sprang ihr nach.

»Lieschen!« rief ich.

Sie kehrte sich um. »Du!« rief sie entsetzt.

»Ja Lieschen, ich bin es. O, kehre zu mir zurück!«

»Pst!« flüsterte sie, »nicht ein Wort davon, mach', daß Du fortkommst.«

»Lieschen,« bat ich, »ich kann Dich so nicht verlassen. Du mußt zu mir zurückkommen.«

»Unsinn! Ich habe Dich Deinen Vergnügungen überlassen, nun lasse auch mir meine Freuden!«

»Lieschen –« begann ich von neuem.

»Kein Wort mehr! Fort mit Dir!«

»Aber –«

»Jetzt sei einmal vernünftig,« unterbrach sie mich kalt, »Du darfst hier nicht gesehen werden. Ich bin bereit, mit Dir irgendwo zusammenzutreffen, wenn Du durchaus mit mir reden willst, aber nur unter der Bedingung, daß Du jetzt sofort gehst.«

»Willst Du mich heute abend um 8 Uhr treffen?«

»Ja, es ist mir recht, um 8 Uhr denn, im Park am Denkmal – aber nun mach', daß Du fortkommst.«

Ich schlich mich davon und die Zeit schien mir unendlich lang, bis es endlich 8 Uhr war und ich sie an der verabredeten Stelle traf. Sie geriet in eine furchtbare Wut, als ich ihr vorwarf, daß sie sich mit jenem Herrn verlobt habe, während sie doch noch immer meine rechtmäßige Frau wäre. Schließlich meinte sie, sei sie doch noch etwas Besseres als ich, denn sie stamme aus einer angesehenen Lehrerfamilie und ich sei nur ein ungebildeter, einfacher Mensch. Ich versuchte, auch zornig zu werden, aber ich vermochte es nicht; ich war so im tiefsten Herzen betrübt, daß sich meine wehmütige Stimmung auch ihr mitzuteilen schien, denn Plötzlich begann sie bitterlich zu weinen und drückte mir mit einem Male etwas Kaltes in die Hand. Ich ergriff den Gegenstand und betrachtete ihn verwundert.

Es war ein Revolver.

»Nimm ihn, Ben,« schluchzte sie, »denn dann werde ich wenigstens keine voreilige Tat begehen.«

»Was meinst Du, Lieschen –« unterbrach ich sie.

»Sei still, Ben,« entgegnete sie. »Ich konnte nicht anders. Er zeigte mir seine Gemälde und während er nicht hinblickte, sah ich diesen Revolver in einer Ecke liegen und steckte ihn zu mir. Er beabsichtigte mich zu heiraten und da kamst Du dazwischen, und der Gedanke, daß nun alles zu Ende sein sollte, machte mich verrückt. Deshalb nahm ich den Revolver und schwor mir zu, ich würde Dich niederschießen, wenn Du meine Heirat verhindern solltest! Aber jetzt vermag ich es doch nicht, deshalb nimm ihn, Ben, damit ich nicht wieder in Versuchung komme.«

»Die Versuchung ist nicht groß,« entgegnete ich mit einem schwachen Versuche zu lächeln, »denn das Ding ist nicht geladen.«

Dann versuchte ich sie zu überreden und ihr klar zu machen, wie schlecht sie an mir gehandelt habe und bat sie und beschwor sie, zu mir zurückzukehren, denn der Geschichte mit dem Revolver maß ich keine große Wichtigkeit bei – Lieschen war immer etwas überschwänglich gewesen. Das einzige jedoch, was ich erreichen konnte, war, daß sie mir versprach, mich am nächsten Morgen früh um 10 Uhr an derselben Stelle zu treffen, und dann schieden wir voneinander.

Ich war pünktlich am nächsten Morgen zu Stelle, aber Lieschen ließ sich nicht blicken; es wurde zehn, halb elf, elf Uhr – und noch immer nichts. Ich eilte nach ihrem Hotel – ihr Freund und sie waren mit dem acht Uhr-Zug abgefahren und hatten keine Adresse hinterlassen.

Erst war ich außer mir vor Wut, dann dachte ich aber an Mr. Weevil, erzählte ihm all meinen Kummer und fragte ihn um Rat. Weevil verlangte den Revolver zu sehen, fand den Namen des Besitzers darauf und versprach, sein Bestes für mich zu tun und die Flüchtigen ausfindig zu machen, falls ich ihm für seine Bemühungen 5 Pfund und außerdem seine Auslagen bezahlen würde.

Ich war damit einverstanden und hielt bereits am nächsten Morgen ein von ihm in Pullaton aufgegebenes Telegramm in Händen:

»Kommen Sie sofort hierher. Trauung ist um 11 Uhr in der Pfarrkirche. Ohne Sie darf ich nicht selbständig eingreifen.

Weevil.«

Mit dem nächsten Zug war ich in Pullaton, aber ich kam zu spät, denn das junge Paar verließ gerade die Kirche. Ich kann hier unmöglich schildern, wie es mir gelang, eine Unterredung mit Louise herbeizuführen; es war schwierig, aber es gelang schließlich und wir fuhren aufeinander wie zwei Raubtiere los. Aber schließlich hatte sie doch Angst und begriff jetzt, wo es zu spät war, was sie für ein Unheil angerichtet hatte. Sie fragte mich, ob ich die Absicht hätte, sie der Polizei anzuzeigen, aber ich antwortete ihr »Nein« und beschwor sie, wieder zu mir zu kommen und bei mir zu leben, und alles solle vergeben und vergessen sein.

»Da möchte ich lieber sterben,« entgegnete sie, »denn ich hasse Dich!«

Das war selbst mir zu viel. »Du sollst aber niemals mit jenem Manne zusammenleben, das verspreche ich Dir!« rief ich zornig.

»Wer will mich daran hindern?« fragte sie wutschnaubend.

»Ich. Denn ich werde sofort die Polizei benachrichtigen.«

»Als wenn mir daran etwas läge,« erwiderte sie verächtlich.

»Dann werde ich alles Herrn Roystock erzählen. Ich nehme an, er ist ein anständiger Mann und –

»O, nein, nein,« flehte sie, »alles andere nur nicht das! Was soll ich also tun, sprich!«

»Ihn sofort verlassen!«

»Ohne ein Wort des Abschiedes?«

»Das kannst Du halten wie Du willst,« entgegnete ich eisig, »lüge ihm vor, was Du willst, aber er und Du dürft nicht zusammen diese Stadt verlassen!«

Sie sah, daß es mein unerbittlicher Ernst war und sagte Herrn Roystock auf dem Bahnsteig Lebewohl. Ich weiß nicht, was sie ihm erzählte, aber es muß etwas Furchtbares gewesen sein, denn er warf ihr einen entsetzlichen Blick zu und es schien einen Augenblick lang, als solle er ohnmächtig werden; aber dann raffte er sich doch zusammen und floh aus dem Bahnhof. Lieschen wollte nicht mit mir gehen und so schieden wir im tiefsten Unfrieden, indem ich ihr noch androhte, ich würde Herrn Roystock überwachen lassen; sie sollte nie die Seine werden, das wäre meine feste Absicht.

Später fuhr ich dann nach Hull und erwarb durch die Vermittlung von Herrn Weevil jenen kleinen Laden, in dem ich jetzt mein Geschäft betreibe, das denn auch ganz leidlich geht. Aber ich fühlte mich einsam und wünschte mir oft eine Frau; ich war jedoch verheiratet und die Heiligkeit der Ehe stand mir zu hoch, um Lieschen Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Da hörte ich eines Tages aus scheinbar sicherer Quelle, daß sie gestorben sei. Ich hätte dem eigentlich genau nachforschen sollen, aber es waren seit der Flucht Lieschens bereits fünf Jahre verflossen, und zudem lernte ich damals gerade Maria kennen – deshalb fühlte ich weiter keine Bedenken.

Maria wurde mir ein braves Weib; zwar ist sie nicht übermäßig klug, aber sie hat ein sanftes Wesen, ist in meinem Geschäft früh und spät tätig, und zwei liebe kleine Kinderchen tragen zum Glücke unseres Heimes bei.

So hatte ich den Himmel auf Erden bis zu einem Tage, als ich nach Manchester fuhr und Lieschen wiederum gerade in die Arme lief. Sie hatte mich nicht erkannt und ich redete sie auch nicht an, aber ich befand mich jetzt, wo ich Weib und Kinder hatte und Lieschen noch lebte, in einer schönen Patsche!

Ich war ganz ratlos, beschloß aber schließlich, nochmals Herrn Weevils Rat einzuholen, denn er schien mir ein äußerst kluger Mann zu sein. Weevil hörte meine Geschichte an, dann ging er nachdenklich im Zimmer auf und ab.

»Damit kann man ein tüchtiges Stück Geld verdienen,« sagte er schließlich, »das ist ein gutes Geschäft für Sie.«

»Ein gutes Geschäft?« fragte ich erstaunt, »ich bin schon froh, wenn ich nicht ins Gefängnis muß.«

»Mit dem Gefängnis hat es keine Gefahr,« lachte er, »nein, nein, damit ist Geld zu verdienen, es fragt sich nur, wie viel.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Das ist doch ganz einfach. Es lassen sich damit 500 Pfund oder mehr verdienen, wenn man die Geschichte richtig anfängt. Wie gefällt Ihnen das?«

500 Pfund! Damit hätte ich gerade meinen Geschäftsteilhaber an dem Fischdampfer »Vigo« auszahlen können und brauchte dann nicht mehr in meinem Laden zu stehen und mich zu plagen. Das hatte ich schon seit Jahren ersehnt. So ging ich denn in die Falle, denn der Mensch verstand es trefflich, mich zu beschwatzen. Während mir auf der einen Seite 500 Pfund winkten, drohte er mir andererseits so halb und halb, mich wegen Doppelehe anzuzeigen, wenn ich nicht auf seine Wünsche einginge, deshalb überließ ich mich, der ich sonst stets ein anständiger Mann gewesen bin, willenlos seiner Führung. Seit der Zeit hatte ich nichts als Sorgen, häufte Lüge auf Lüge und war gezwungen, ein Doppelleben zu führen.

Er enthüllte mir zunächst seinen Plan. Das Geld sollte Herr Roystock hergeben, dafür daß er mir – wie Weevil es nannte – »mein Weib gestohlen habe.«

»Herr Roystock ist jetzt ein reicher Mann,« fuhr er fort, »und ich habe schon seit Jahren den richtigen Augenblick erspäht, um ihn gehörig zur Ader zu lassen. Der Zeitpunkt ist nun gekommen, denn Herr Roystock will durch mich ein Haus mieten, um darin später mit seiner Frau – er ist jetzt gerade verlobt – zu wohnen. Mit Erpressung ist bei Herrn Roystock nichts anzufangen, man muß es so drehen, daß er Ihr Heim zerstört, Ihre Frau geraubt hat, und da Sie nur ein armer Mann sind – und so weiter. Ich glaube, so läßt sich ein hübsches Sümmchen herausschlagen. 1000 oder 2000 Pfund würden ihn noch nicht arm machen.«

»Aber Sie sprachen vorher doch nur von 500 Pfund?« warf ich ein.

»Gewiß, aber zunächst haben wir große Kosten und dann kommt auch mein Anteil in Betracht. Halb und halb für jeden von uns – anders arbeite ich nicht.«

Was blieb mir weiter übrig, als zuzustimmen, zurück konnte ich ja sowieso nicht mehr! Dann sprach er von Lieschen. Er hatte sie stets im Auge behalten und erzählte mir, daß sie eine neue Heirat eingegangen sei. Er kannte ihren neuen Namen und ihre Adresse, und wir fuhren zusammen nach Manchester, um mit ihr zu reden.

»Sprechen Sie nicht davon, daß Sie sich wieder verheiratet haben, denn das würde vielleicht das ganze Spiel verderben,« sagte er. »Es ist besser, Sie erzählen ihr, Sie hätten Ihren Namen gewechselt und wohnten jetzt in einer anderen Stadt – dann kann sie wenigstens keine Nachforschungen anstellen.«

»Würde Sheffield passen?« fragte ich. »Mein Teilhaber an dem Fischdampfer wohnt dort und ich muß öfters dorthin fahren, um mit ihm zu verhandeln.«

»Meinetwegen, und dann geben Sie sich einen anderen Namen, so daß sie an Sie schreiben kann, denn – besser ist besser.«

Frau Filbert, denn so hieß Lieschen jetzt, war durchaus nicht erbaut, uns zu sehen. Sie schlug es rundweg ab, auf unsere Pläne einzugehen und erzählte, sie hätte bereits vor längerer Zeit eine Freundin in Amerika beauftragt, Herrn Roystock zu schreiben, daß sie gestorben und er demgemäß frei sei, und sie wolle weiter nichts, als in Ruhe leben und unbelästigt bleiben. Aber Weevil war so leicht nicht los zu werden, er verstand es, sie seinem Willen gefügig zu machen, schließlich versprach sie alles, was er wollte, und der Kriegsplan wurde festgelegt.

Danach sollte ich mich in nächster Woche in Sheffield unter dem Namen Felix Greeson aufhalten und sowohl Weevil als auch Lieschen meine Adresse senden. Dann würden sie mich wissen lassen, an welchem Tage wir uns alle in Bexcliffe treffen könnten, um unseren Plan durchzuführen. Zuerst sollte Weevil mit Herrn Roystock sprechen und dabei alle Beweisstücke, die wir zusammenbringen konnten, als Beleg dafür vorweisen, daß Roystock meine Ehefrau geheiratet hatte. Sollte das nichts nützen, dann sollte ich handelnd auftreten, und schließlich wollten wir als letztes Mittel alle drei zusammen unser Heil versuchen.

Ich wartete also in Sheffield, bis ein Brief von Lieschen eintraf, der mich für nächsten Mittwoch nach Bexcliffe bestellte. Ich sollte auch den Revolver mitbringen, den sie mir damals gegeben hatte, um auch dadurch beweisen zu können, daß sie wirklich meine Gattin gewesen sei. Nun hatte ich die Waffe in Hull gelassen, schrieb deshalb an Lieschen eine zusagende Antwort und fuhr nach Hull, um den Revolver an mich zu nehmen. Törichterweise schrieb ich Maria wie gewöhnlich auf, daß mich Briefe während der nächsten zwei Tage in Bexcliffe treffen würden.

Auf dem Bahnhof in Manchester traf ich Lieschen und wir fuhren zusammen nach Bexcliffe und besprachen in Herrn Weevils Bureau nochmals die ganze Angelegenheit aufs Gründlichste. Weevil hatte eine Liste von all den Dingen entworfen, die wir als Beweisstücke mitgebracht hatten; ich sah jedoch nur die Schlußworte, die folgendermaßen lauteten:

»Der Revolver. Walterslides Trauschein. Auf dem Revolver steht der Name Gareth Roystock.«

Gerade als Weevil gehen wollte, bekam Lieschen wieder ihre Launen und weigerte sich, uns überhaupt irgendwelche Hilfe in dieser Angelegenheit zu leisten. Sie wollte auch nicht ihren Trauschein und die anderen Gegenstände, die sie besaß, ausliefern. Weevil konnte soviel fluchen, als er wollte, es nützte nichts, und uns wurde es klar, daß Louise Herrn Roystock noch immer liebte und es jetzt im letzten Augenblick durchsetzen wollte, daß ihm keinerlei Schaden zugefügt würde. Aber Weevil verstand es, mit Weibern umzugehen. Er bat mich, das Zimmer zu verlassen und flüsterte mir zu: »Überlassen Sie sie nur mir, ich werde sie schon noch herumkriegen.«

»Aber wie?« fragte ich. »Sie kennen nicht –«

»Ich will ihre Eifersucht anstacheln,« antwortete er. »Sie ist noch immer in Roystock verliebt, deshalb werde ich ihr erzählen, daß er sie vergessen und sich mit einer anderen verlobt hat. Ich führe sie dann nach der Efeuvilla, dem Hause, das Roystock durch meine Vermittlung beinahe schon gemietet hat, und wenn sie dort ist, so wird sie schon Vernunft annehmen. Lassen Sie mich nur machen, ich will sie derart gegen Roystock und seine Zukünftige aufhetzen, daß sie zu allem ihre Einwilligung gibt.«

Ich verließ ihn also und da es bereits spät am Tage war, so ging ich nach dem Hotel »zum Goldenen Bären« und bestellte ein Zimmer für die Nacht. Darauf wartete ich in der Nähe von Weevils Wohnung auf dessen Rückkunft. Gegen 7 Uhr sah ich ihn völlig aufgeregt und scheinbar sehr beunruhigt ankommen.

»Haben Sie Frau Filbert gesehen?« fragte er mich.

»Nein.«

»Denken Sie nur, sie ist verschwunden. Erst gab sie mir alle ihre Papiere, dann riß sie mir plötzlich den Revolver aus der Hand und lief so rasch als sie konnte davon. Ich weiß nicht, wo sie geblieben ist.«

»Wann hat sich das denn ereignet?«

»Gerade als wir die Efeuvilla verlassen hatten.«

»Wissen Sie, wo sie in Bexcliffe wohnt?«

»Nein, meines Wissens hatte sie bisher noch nicht ein Zimmer bestellt.«

»Dann ist sie vielleicht in die Villa zurückgekehrt?« fragte ich.

»Das erscheint mir sehr unwahrscheinlich.«

»Wollen wir hingehen und nachsehen?«

»Ist mir recht,« meinte er, »doch da fällt mir ein, daß der Zug nach Manchester kurz vor 8 Uhr abfährt, vielleicht ist sie auf dem Bahnhof, um mit ihm abzufahren.«

Wir gingen nach dem Bahnhof und warteten, bis der Zug abfuhr, aber sie erschien nicht, deshalb begaben wir uns nunmehr nach der Efeuvilla. Rund um diese war ein großer Menschenauflauf und ein vierschrötiger Arbeiter erklärte den Umstehenden gerade, daß man in der Villa eine Frauenleiche vorgefunden habe, die durch einen Revolverschuß getötet worden sei. Mir wurde sofort klar, daß es sich um Lieschen handeln müsse, die nach jenem Hause zurückgekehrt sei und sich dort erschossen habe. Herr Weevil zog mich aber am Ärmel aus der Menge fort und wollte nicht zugeben, daß ich über meine Kenntnisse von der Angelegenheit der Polizei Bericht erstattete.

»Sie würden in ernste Ungelegenheiten kommen,« sagte er, »wenn unser Plan herauskäme, deshalb ist es das Beste, Sie verlassen sofort Bexcliffe. Wir gehen zusammen zur nächsten Station, von wo Sie dann den Bummelzug nach Manchester erreichen können und sind dann morgen früh wieder in Hull. Und dann halten Sie über die ganze Geschichte reinen Mund, da wir ja keinen Beweis dafür in den Händen haben, daß sie sich ganz allein und in unserer Abwesenheit erschoß.«

»Aber wie steht es mit den verschiedenen Sachen, die sie mitbrachte, mit dem Trauschein und dem übrigen?« fragte ich.

»O, die habe ich alle in den Händen mit Ausnahme des Revolvers, den sie mir wegriß, und des Zeitungsblattes – des »Boten von Manchester« – auf das sie ihren Namen quer über das Datum geschrieben hatte. Das letztere muß irgendwie verloren gegangen sein, aber das kann ja schließlich Ihnen nicht schaden.«

Ich ließ mich leicht überreden, verließ Bexcliffe so schnell ich konnte und kehrte nach Hull zurück. Und ich war zufrieden, daß die Geschichte nun endlich aus war, denn ich war seit langer Zeit nicht mehr zur Ruhe gekommen. Später las ich dann den Fall in der Zeitung und war über den Bericht des Doktors bestürzt, wonach es sich wegen der Lage der Wunde um keinen Selbstmord sondern nur um einen Mord von fremder Hand handeln konnte; aber als sie dann scheinbar den rechten Mann festgesetzt hatten, der die Tat begangen, war ich völlig befriedigt und versuchte, die ganze Geschichte möglichst bald zu vergessen.

Dann tauchte plötzlich der Detektiv in meinem Laden auf und ich hatte nur wenige Pfennige in der Tasche. Deshalb verschaffte ich mir mit List das Geld, das, wie ich wußte, in der Ladenkasse war und schlüpfte dem Beamten durch die Finger. Einen Teil des Weges ging ich und fuhr den übrigen mit der Bahn, bis mich die Polizei dann schließlich in York erwischte.



 << zurück weiter >>