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2. Kapitel.

Ernst Wafer fährt in seinem Bericht fort.

So standen wir und starrten einander an, während der Revolver zwischen uns auf dem Tische lag. Keiner von uns brachte ein Wort über die Lippen, desto hastiger aber jagten sich unsere Gedanken. Großer Gott, dieser Mann also war der Bräutigam Sylvias! In dem Hause, das er für Sylvia mieten wollte, hatte er eine andere Frau ermordet. Das kam mir wie eine Entweihung meiner Liebe vor und der Zorn raubte mir fast die Überlegung; mit wutverzerrtem Gesicht starrte ich in sein bleiches entsetztes Antlitz – die Maske war gefallen, denn Roystock hatte vergessen, daß sein Name auf der Waffe stand. Wahrhaftig ein schöner Künstler das – ein Mordkünstler!

Plötzlich legte er mir die Hand auf die Schulter.

»Sehen Sie mich nicht so schrecklich an,« bat er mit flehender Stimme, »so wahr ein Gott im Himmel lebt, ich bin unschuldig!«

Nicht seine Worte, sondern der Ton seiner Stimme packten mich, und er hielt meinen Blick, mit dem ich sein Innerstes zu erforschen strebte, ohne mit der Wimper zu zucken, aus. Warum ich ihn auch jetzt noch für unschuldig hielt, weiß ich nicht, aber ich schenkte ihm Glauben und hielt ihm die Hand hin, die er warm drückte. Dann sank er stöhnend in einen Sessel.

»Was sollen wir jetzt nur anfangen?« fragte er mich.

»Erzählen Sie mir zunächst alles, was Sie über den Revolver wissen.«

Schaudernd blickte er nach der Waffe.

»Ich besaß früher zwei solche Revolver, die ich als Geschenk erhalten hatte, aber vor einigen Jahren ging einer von ihnen verloren und wahrscheinlich ist dieses hier die vermißte Waffe. Wie der Revolver jedoch in die Villa gelangte, weiß ich nicht. Ich werde Ihnen gleich den anderen zeigen.«

Er kramte einige Minuten in einer Schublade herum, dann brachte er einen mit verschossenem Leder überzogenen Kasten hervor, dessen Deckel auf einem Silberplättchen die nachfolgenden Worte trug: »Gareth Roystock, von seinen Freunden aus dem Britischen Fußball-Klub.«

»Ein merkwürdiges Geschenk!« rief ich aus.

»Das stimmt, aber es ist leicht zu erklären, denn ich wollte damals gerade eine längere Reise durch die Weststaaten von Nord-Amerika antreten, und da glaubten meine Klubgenossen, mir gerade mit einem solchen Geschenke eine besondere Aufmerksamkeit zu erweisen. Um Ihnen jedoch die Wahrheit zu gestehen – ich habe den Kasten überhaupt nicht nach Amerika mitgenommen.«

Ich öffnete den Kasten und verglich die beiden Waffen.

»Meiner Ansicht nach rechtfertigt Sie das,« sagte ich.

»Was?« fragte er erregt.

»Sehen Sie den Revolver hier im Kasten an,« entgegnete ich, »er ist noch völlig ungebraucht und doch dabei leicht verrostet. Der andere ist dagegen schon recht zerkratzt und scheint manchen Sturm erlebt zu haben. Befände sich nicht der Name auf den beiden Waffen, so würde man sie nicht für ein gleiches Paar halten.«

Roystock schien aufzuatmen.

»Wie war es denn nur möglich, daß Sie den einen Revolver verloren?« fragte ich weiter.

»Das weiß ich selber nicht, denn ich öffnete nur selten den Kasten. Aber eines Tages geschah es doch rein zufällig und da entdeckte ich, daß ein Revolver fehlte. Da ich mich jedoch schon ein oder zwei Jahre nicht mehr um den Kasten gekümmert hatte, so war es mir begreiflicherweise auch damals nicht mehr möglich, festzustellen, auf welche Weise der Revolver abhanden gekommen war.«

»Schön – aber was beginnen wir nun?«

»Schlagen Sie doch etwas vor!«

»Wir könnten vielleicht die ganze Begebenheit erzählen, dabei aber jede Anspielung auf den Revolver unterlassen.«

»Angenommen wir täten das;« entgegnete er, »aber wie nun, wenn man uns festnimmt, unsere Wohnungen durchsucht und hier bei mir diesen Revolver findet, von dem fünf Kammern noch geladen sind und dessen sechste erst vor kurzem abgefeuert wurde?«

»Wir könnten ja die Patronen herausziehen und die Kammern und den Lauf reinigen.«

»Und was beginnen wir mit den Patronen?«

»Die werfen wir in den Fluß, wenn wir an ihm vorbeikommen.«

»Die Detektivs sind aber äußerst klug und würden vielleicht herausfinden, daß der Revolver erst unlängst gereinigt wurde.«

»Gut also, dann werfen wir auch noch den Revolver in den Fluß, oder wenn Sie fürchten, daß er aufgefischt werden und Sie verraten könnte, meinetwegen vom Landungssteg aus ins Meer.«

»Und dann kommt die Polizei zu mir und findet den Kasten, in dem die eine Waffe fehlt. Untersuchungen würden sofort angestellt werden und die Wahrheit könnte leicht herauskommen, denn es wäre merkwürdig, wenn uns auf unserem Wege zum Hafen niemand von unsern Bekannten treffen würde.«

»Dann werfen Sie beide Revolver in die See und verbrennen den Kasten.«

»Leder brennt schlecht!«

Ich war mit meiner Weisheit zu Ende.

»Ja, dann weiß ich auch nicht, was wir tun sollen, schlagen Sie doch etwas vor.«

»Ich wünschte, ich hätte den Mut, die volle Wahrheit auszusagen, aber –« er zögerte einen Augenblick und seine Stimme erbebte – »aber heute ist mein Verlobungstag!«

Das berührte mich wie ein Dolchstich und mein Mitleid für Roystock verschwand. Das muß sich wohl auch auf meinem Gesichte ausgedrückt haben, denn er blickte mich angsterfüllt an. Ich versuchte zwar zu sprechen, vermochte es aber nicht, denn die Wunde in meinem Herzen war noch zu frisch. Schließlich faßte er einen Entschluß.

»Ich will ein Mann sein,« sagte er, »und der Gefahr ins Auge blicken. Deshalb werde ich den Revolver mit auf die Polizei nehmen und die ganze Geschichte, wie sie sich zugetragen hat, erzählen.«

In diesem Augenblick hörten wir von der Straße her das Gebrüll eines Zeitungsjungen:

»Extrablatt! Neuestes Extrablatt! Schreckliches Verbrechen in Cranstone Park. Die Leiche einer Dame in einer leeren Villa aufgefunden. Extrablatt!«

»Zu spät!« rief ich.

»Nein,« antwortete er, »durchaus noch nicht zu spät, ich gehe sofort und erzähle alles.«

Ich hielt ihn erregt fest.

»Sie sollen aber nicht! Hören Sie mich erst an.«

Er blickte mich, erstaunt über meine Sinnesänderung, an, ich aber erhob mich und nahm Sylvias Photographie vom Kaminsims.

»Dies hier ist Ihre Braut,« begann ich, »so hören Sie nun auch meinen Liebestraum an. Drei Jahre lang vergötterte ich ein Weib aus tiefstem Herzen, mußte aber erst den rechten Zeitpunkt abwarten, um ihr meine Liebe gestehen zu können. Dieser Augenblick war nun gekommen und morgen wollte ich die große Frage ans Schicksal stellen. Heute Abend ging ich mit demselben Glücksgefühl in jene Villa wie Sie selber und dachte, genau wie Sie, in jenem Hause in Zukunft mein Glück zu beherbergen.«

Er sah mich in grenzenlosem Erstaunen an.

»Im Namen dieser Frau, die ich liebe, wünsche ich nun, daß Sie nicht zur Polizei gehen.«

»Aber – was hat das denn zu tun mit –«

»Davon hängt alles ab. Wollen Sie wissen, wie das Weib heißt, dem ich mein Herz schenkte?«

Hatte er es erraten? Ein eigenes Leuchten erhellte seine Züge. Ich aber fuhr fort:

»Ich will Ihnen nichts verbergen. Ich liebe Sylvia Veerland, Ihre Braut. Zunächst ergriff mich ein fürchterliches Weh, als ich aus Ihrem Munde hörte, daß mein Traum ausgeträumt sei, aber ich habe es niedergerungen und ein edleres Gefühl ist an seine Stelle getreten. Um ihretwegen also – gehen Sie nicht dem sicheren Tode und der Schande entgegen! Für mich ist sie zwar auf immer verloren, aber ich liebe sie noch zu heiß, um ihr nicht einen jeden Schmerz zu ersparen, wenn ich es vermag. Ihr Leben, Roystock, ist Sylvia teuer und deshalb ist es auch mir kostbar!«

Ich wußte kaum, was ich tat, preßte die Photographie an meine Lippen und stellte sie dann schließlich auf ihren Platz zurück.

Roystock richtete sich auf und griff nach meiner Hand. Eine Träne schimmerte in seinen Augen und mit zitternder Stimme sagte er dann:

»Um ihretwillen mag denn Ihr Wunsch geschehen, lieber Freund, und um ihretwillen will ich Sie von jetzt an wie meinen Bruder lieben.«



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