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11. Kapitel.

Frau Anna String erzählt nunmehr.

Am Donnerstag gegen 11 Uhr vormittags plauderten Gretchen und ich gerade in der Küche, während der arme Willy schlief, als es klingelte und ein Herr um eine Unterredung mit Gretchen bat.

»Hat der Herr seinen Namen genannt?« fragte Gretchen das Dienstmädchen.

»Ja, Fräulein, er nannte sich Bayliß.«

»Das ist ja der Polizeiinspektor,« warf ich ein, »wollte er nicht mit mir sprechen?«

»Nein, gnädige Frau,« entgegnete das Mädchen, »ich dachte das zuerst auch, er wollte aber gerade das Fräulein sprechen.«

»Ich bin sonst nicht neugierig und mische mich nicht in fremde Angelegenheiten, aber in diesem Falle ging mich alles, was der Polizeiinspektor meiner Schwester zu sagen haben mochte, ebensogut wie sie an. Da das Empfangszimmer gerade gereinigt wurde, so war der Polizeiinspektor ins Speisezimmer gewiesen worden, und es traf sich glücklich, daß sich im Eßzimmer eine mit Glas verkleidete Öffnung befand, durch die die Schüsseln aus der Küche ins Speisezimmer gesetzt werden. Dieses Fensterchen schob ich in die Höhe und konnte nun alles hören, was im Speisezimmer gesprochen wurde.

»Ich hörte, Fräulein Banding,« begann der Inspektor, »daß Sie von Ihrem Erlaubnisschein Gebrauch machten und die Efeuvilla besuchten. Sie hatten auch eine Freundin mit, dürfte ich um deren Namen bitten?«

»Gewiß, es war Fräulein Veerland, die Cousine von Herrn String. Habe ich dadurch die mir gegebene Erlaubnis überschritten?«

»O, durchaus nicht. Ich ging gerade hier vorbei und da wollte ich nur persönlich nachfragen. Übrigens – fand Fräulein Veerland in der Villa nicht ein Stück Papier?«

»Nein,« entgegnete Gretchen.

»Nicht einen kleinen Papierfetzen, der an einem Nagel im Hausflur hängen geblieben war?«

»Nein.«

»Sind Sie dessen ganz sicher?«

»Gewiß.«

Der Inspektor schien verwundert, plötzlich schien ihm jedoch ein Gedanke zu kommen.

»Dann fanden Sie vielleicht das bewußte Papier?«

Gretchen gab keine Antwort.

»Also dann fanden Sie es, Fräulein Banding?« drängte der Inspektor unbeirrt.

Gretchen fuhr auf: »Sie haben kein Recht, mich hier ins Verhör zu nehmen.«

»Bitte betrachten Sie es doch nicht so,« entgegnete der Inspektor ruhig. »Ich wünsche ja nur im Namen der Gerechtigkeit die Wahrheit zu erforschen und hoffte, Sie würden mich unterstützen. Ich bitte Sie also, mir das Papier freundlichst zu überlassen.«

»Und falls ich das verweigere?«

»Dann haben Sie wenigstens meine erste Frage zugegeben und bewiesen, daß es sich in Ihrem Besitz befindet.«

»Nehmen wir an, ich weigere mich, auf dieses Gespräch weiter einzugehen.«

»Dazu ist es nun zu spät, Fräulein.«

»Aber ich habe Ihnen überhaupt noch nichts zugegeben.«

»Das war auch nicht nötig, denn während der ganzen Zeit, wo Sie sich in dem Vorraum der Villa befanden, sind Sie von einem meiner Beamten beobachtet worden, der nur Sie mit Fräulein Veerland verwechselte. Aber – wie ich sehe, haben Sie da ja auch die Verletzung am Finger, die Sie sich an dem vorstehenden Nagel zuzogen.«

»Ja, das mag ich nicht leugnen. Da Sie ja doch alles zu wissen scheinen, so will ich auch zugeben, daß ich das Papier fand und es auch jetzt noch in meiner Börse in der Rocktasche aufbewahre.«

»Und wollen Sie mir das Papier überlassen?«

»Nein – niemals!«

»Warum aber nicht?«

»Ich habe dafür meine Gründe.«

Es entstand eine Pause, während der ich um mich blickte, und da sah ich, daß Gretchen sich geirrt hatte, denn ihre Börse befand sich nicht in ihrer Tasche, sondern lag auf dem Küchentisch. Ich öffnete sie sofort und holte aus einem Fache einen sauber zusammengefalteten Papierstreifen hervor, auf dem die Worte standen: »–schein. Auf dem Revolver steht der Name Gareth Roystock.«

Was hatte das zu bedeuten? Mir blieb jedoch keine Zeit, darüber nachzudenken, denn der Polizeiinspektor begann von neuem:

»Sie nehmen eine sehr große Verantwortlichkeit auf sich, Fräulein Banding, denn durch Ihre Handlungsweise könnte möglicherweise das Gericht einen völlig Unschuldigen verurteilen. Es befindet sich z. B. ein Herr hier im Hause, der nach der Angabe des Arztes am Sonnabend wohl kräftig genug sein dürfte, um ins Gefängnis überführt zu werden. Er ist eines furchtbaren Verbrechens angeklagt und, wie die Sache bis jetzt liegt, dürfte er wahrscheinlich zum Tode verurteilt werden.«

»Unmöglich,« schrie Gretchen entsetzt.

»Sehr leicht möglich, Fräulein. Nun wäre es ja vielleicht denkbar, daß er unschuldig ist – und ich glaube das beinahe – da könnte der Papierfetzen ihn vielleicht retten. Welches Recht haben Sie zudem –?«

»Aber ich habe es versprochen! Mein Gott was soll ich tun?«

In diesem Augenblick fiel mir die Abschiedsszene zwischen Gretchen und Sylvia ein. Sylvia hatte Gretchen in ängstlichem Tone beschworen: »Denke daran, Gretchen, was Gareth mir ist, und was Du mir versprochen hast,« worauf ihr Gretchen flüsternd geantwortet hatte: »Ja, verlaß Dich darauf, ich habe Dir nun einmal – leider – mein Wort gegeben, und werde es auch halten.« Armes Gretchen! Ich wußte, sie würde ihr Wort halten und, um Sylvias Bräutigam zu reiten, das eigene Wohl opfern. Aber das ging mich nichts an; hatte sie ein Versprechen gegeben, so war ich doch nicht in der gleichen Lage. Deshalb ging ich sofort kurz gefaßt in das Speisezimmer.

»Herr Inspektor, ich habe jedes Wort gehört, das hier gesprochen wurde. Meine Schwester beging einen Irrtum, als sie ihre Börse in ihrer Tasche wähnte, denn sie ließ sie auf dem Küchentisch liegen. Ich nehme deshalb die Verantwortlichkeit auf mich, Ihnen das gewünschte Papier zu übergeben.«

»Anna!« rief Gretchen flehend.

»Sei ruhig, Gretchen,« entgegnete ich. »Herr Inspektor, ich hörte Ihre Worte, daß Herr Filbert möglicherweise unschuldig sein könnte. Ich will Ihnen nur sagen, ich weiß, daß er es wirklich auch ist

»Woher wissen Sie das?«

»Weil er seit frühester Jugend mit uns wie ein Bruder verkehrt hat und ich daher weiß, daß er unfähig ist, ein Verbrechen zu begehen. Er ist ein durch und durch guter Mensch.«

Der Inspektor schien meinen Worten keinen Glauben zu schenken, deshalb übergab ich ihm etwas ärgerlich das Papier, das er las und das ihn zu verblüffen schien.

»Der Name eines Herrn steht auf diesem Papier,« sagte er schließlich, »vielleicht halten Sie auch den für unschuldig?«

»Ganz gewiß,« entgegnete ich.

»Aus denselben zwingenden Beweisgründen?«

»Nun jedenfalls können sie nicht beide schuldig sein,« erwiderte ich ärgerlich.

»Das ist wenigstens nicht abzuleugnen,« meinte er, »und ich will nur hoffen, daß sie beide sich als unschuldig erweisen mögen.« Damit machte er lächelnd eine Verbeugung und verabschiedete sich.

Das arme Gretchen saß da und weinte. Dann wandte sie sich zu mir. »Was hältst Du von all dem, Anna?«

»Das ist es gerade, worüber Du Dir nicht den Kopf zerbrechen sollst, Gretchen. In einem solchen Falle denke ich überhaupt nicht. Ich weiß, Willy ist unschuldig – das genügt mir, und die Wahrheit wird schon noch herauskommen, darauf kannst Du Dich verlassen. Inzwischen haben wir Pflichten zu erfüllen, und Du und ich haben nach den Vorschriften des Arztes für unseren Kranken zu sorgen. Tue das jetzt, Gretchen, und sorge Dich nicht um die Zukunft.«

Gretchen fiel mir um den Hals und küßte mich.

»Du bist die beste Schwester, Anna, die es in der Welt gibt,« sagte sie unter Tränen.



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