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5. Kapitel.

Erzählt von Thomas Sleeve.

Ich fuhr nach Bexcliffe, um dort meine alten Genossen zu treffen und mit ihnen am nächsten Tage zu den Pferderennen zu fahren. Ich habe dieses Gewerbe inzwischen aufgegeben, denn ich weiß jetzt einen besseren Erwerbszweig – aber davon wollte ich eigentlich nicht reden.

Unser Zug hielt ungefähr um halb elf in Paychester und auf dem Bahnsteig befand sich nur ein Reisender, der seinem Äußern nach ein Künstler sein mochte. Er stieg in einen der nächsten Wagen ein und kaum war er verschwunden, als plötzlich ein Mann auftauchte, der von jenem augenscheinlich nicht gesehen werden mochte, denn er stürzte auf mein Coupé zu, riß die Tür auf und saß einen Augenblick später mir gegenüber. Ich erkannte ihn sofort.

»Whisky-Ede,« rief ich, »was is los? Bist Du auf dem Kriegspfade?«

»Halt' die Klappe, Manschette,« entgegnete er, »ich bin eben scheußlich hingefallen.«

»Das hat deiner Schönheit nischt geschad't,« erwiderte ich, »das muß ja netter Fall gewesen sein, daß du so 'nen Striemen gekriegt hast. Es ist wirklich schade, ein so schöner Junge müßte vorsichtig mit seinem Teint sein.« Und ich lachte herzlich, denn Whisky-Ede hat ein käsiges Vollmondgesicht mit einer feuerroten Gurke in der Mitte. Natürlich war das Schwindel mit seinem Fall, denn man sah deutlich, daß die dick aufgelaufene Schwiele von einem Hieb mit einer Peitsche oder einem Stocke herrührte.

Ich reimte mir nun eine Geschichte zusammen und überlegte, was er vorhätte. Warum war er dem andern nachgeschlichen und wie war er zu jenem Hiebe gekommen?

Das mußte ich herausbekommen, denn damit ließ sich vielleicht Geld verdienen.

Deshalb sprach ich über alles Mögliche und bald waren wir dicke Freunde geworden. Da ich schon eine Zeitlang nicht mehr in Bexcliffe gewesen war, so wollte ich gern Neuigkeiten von dort hören, und besonders interessierte mich der Mord und das Auffinden der toten Frau, von denen ich in der Zeitung gelesen hatte. Aber Whisky-Ede wollte nicht recht mit der Sprache heraus, deshalb verschob ich das Weitere bis nach unserer Ankunft in Bexcliffe. Ich wußte schon, wie ich Whisky-Ede zum Reden bringen konnte, denn seine Kehle ist trocken wie die Sahara und wenn er genug zu trinken bekommt und den genügenden Grad von Feuchtigkeit erreicht hat, dann schüttet er einem jeden sein Herz aus. Ich kannte auch eine Kneipe, wo man noch nach der Polizeistunde sein Glas kriegt und, um nicht viele Worte zu machen – um halb drei Uhr morgens wußte ich über alles genau Bescheid und Whisky-Ede schlief völlig betrunken auf der Erde den Schlaf des Gerechten. Seine letzten Worte waren: »Manschette, liebster Junge, gib mir ein Küßchen!«

Ich werde von den Bekannten »Manschette« genannt, weil mich nach einem unglücklich verlaufenen kleinen Geschäft mehrere Freunde auf der Straße trafen, wie ich zwischen zwei Herren einherschritt, die durchaus darauf bestanden hatten, mir diese stählernen Schmuckgegenstände anzulegen. Die Handschellen werden im Verbrecher-Rotwelsch »Eiserne Manschetten« genannt. (Anm. d. Übers.)

Am nächsten Morgen um 10 Uhr ging ich an die Arbeit. Whisky-Ede hatte schon bei Roystock sein Möglichstes versucht, deshalb beschloß ich mein Glück bei dem anderen feinen Herrn zu versuchen – zumal mich Herrn Roystocks Familienangelegenheiten ja auch eigentlich nichts angingen. Wenigstens beschloß ich mit Herrn Wafer anzufangen; der sollte für den Mord ordentlich bluten, dann später konnte Herr Roystock für die Heiratsgeschichte immer noch zahlen.

Herr Wafer war in seiner Fabrik. Ich sah mir diese zunächst aufmerksam an, und da ich wußte, daß die Aktien sehr hoch standen, setzte ich meine einmalige Forderung auf 500 Pfund bar fest, denn ich habe zu zukünftigen Versprechungen kein großes Zutrauen.

Schließlich glückte es mir auch, Herrn Ernst Wafer zu sprechen, dem an jenem Abend Whisky-Ede von Herrn Roystocks' Wohnung bis nach Hause gefolgt war und nach dessen Namen mein Freund bei den Dienstboten Erkundigungen eingezogen hatte. Zwar wollte man mich erst nicht vorlassen, denn man glaubte, ich sei ein Geschäftsreisender und ich sollte meine Karte abgeben, aber schließlich band ich ihnen einen gehörigen Bären auf und erreichte meinen Zweck. Endlich mit ihm allein, legte ich mit meinem Anliegen los, behauptete, ich wüßte alles, was sich an jenem Abend in der Efeuvilla zugetragen hätte und bat ihn schließlich, mir »aus Freundschaft« 500 Pfund zu borgen. Er schien im ersten Augenblick beunruhigt, dann fand er aber gleich seine Fassung völlig wieder.

»Erpressung?« fragte er kurz.

»Bitte nein,« erwiderte ich, »beleidigen Sie nicht mein Feingefühl. Ich bin ein Ehrenmann, der so tief niemals sinken könnte. Ich kam nur hierher, um Ihnen mitzuteilen, daß Ihr Geheimnis bei mir in sicherer Hut ist. Die Bitte um 500 Pfund als Darlehen hat damit nichts zu tun, denn ich verpflichte mich, in einem Jahre meine Schuld an Sie zurückzuzahlen, oder –«

»Oder was?« fragte er.

»Oder mir noch mehr auszuborgen.«

Er blieb bei meinen Worten ganz ruhig und schien durchaus nicht aufgeregt.

»Geben Sie mir fünf Minuten Bedenkzeit«, sagte er, »inzwischen treten Sie wohl in dieses Wartezimmer ein,« und er führte mich in ein kleines Zimmer am Ende des Korridors.

In weniger als fünf Minuten war er wieder da und mit ihm zwei baumstarke Hausknechte, die, bevor ich noch ein Wort sagen konnte, auf mich zusprangen und mir mit einem Strick die Hände auf dem Rücken zusammenschnürten. Dann band mich der eine auf einem Stuhle fest und Herr Wafer holte ein paar Schuhbürsten und eine Schachtel mit schwarzer Wichse herbei. Alle drei machten sich jetzt an die Arbeit und schwärzten und wichsten mir mein Gesicht, als hätten sie ein Paar Stiefel vor sich.

Das war scheußlich, aber das Unangenehmste kam noch. Herr Wafer holte zwei große Pappen, ein Stück spitzes Holz und Schwärze herbei und versah beide Pappen mit Inschriften in Riesenbuchstaben. Dann banden mir die Männer eine Papptafel auf der Brust und eine auf dem Rücken fest, führten mich bis an die Haustür und stießen mich auf die Straße. Es war die sehr belebte Hauptstraße der Stadt und alle Leute sahen mich an, lachten und lasen die Inschriften auf den Pappen. Da mir die Arme so festgebunden waren, daß ich die Pappen nicht herunterreißen konnte, so bildete sich sofort rund um mich ein Menschenauflauf. Ein Schutzmann befahl mir, mich fortzuscheren, sonst würde er mich einsperren, und ein Junge gab mir einen Fußtritt, während andere Jungen mir Stöße versetzten. Da kehrte ich mich um und lief, so rasch mich meine Beine tragen wollten, davon. Erst als ich zu Hause war, konnte ich mich von den beiden Plakaten befreien. Das eine auf der Vorderseite lautete:

» Dieser Herr ist an die falsche Adresse geraten

Und auf der Rückseite stand:

» Ich bitte um einen Fußtritt

Das war gräßlich, nicht wahr? Und dann besah ich mich im Spiegel und mußte über meinen Anblick selber lachen, mochte ich wollen oder nicht. Aber Herr Wafer war schließlich im Recht und diese eine Lehre genügte mir, denn ich verzichtete von nun an auf weitere Erpressungsversuche.



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