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Lebenswege, krumme und gerade.


I.
Die Frau des Missionärs.

In dem freien England war es, wo eine freie Jungfrau den Entschluß faßte, sich und ihr ganzes Thun und Leben dem Missionswerke zu widmen. Mary Clinton war keine Schwärmerin, sie war keine der resignirten weiblichen Seelen

Wo erst das Herz zum Himmel wird gezogen,
Wenn eine Erdenhoffnung ihm gelogen;

sie gehörte auch nicht zu der Klasse der Vielgesuchten und Vielbewunderten, eine Klasse, die, beiläufig gesagt, immer mehr ausstirbt: sie war ein stilles, nach innen gerichtetes Wesen, die in ihrer Umgebung nicht Genüge fand für ihren Herzensdrang, nicht Anklang für Das, was sie bewegte.

Es wäre der Mary, wie vielen andern jungen Mädchen, das Leben offen gestanden mit harmlosen, leicht zu erringenden Genüssen; ihre Eltern waren todt, aber sie hatte im Haus ihrer zum zweitenmal verheiratheten Stiefmutter eine sichere anständige Heimath gefunden, wenn sie auch keine andern Bande als die der Gewohnheit und Dankbarkeit an diese fesselten. Frau Clarke kam sich ein wahres Muster einer vortrefflichen Stiefmutter vor, weil sie die kleine Mary weder geschlagen, noch geplagt, weil sie ihr Thee gekocht hatte, wenn sie gehustet, sie zur Schule und Kirche geschickt, und in Kleidern und Weißzeug allzeit säuberlich erhalten hatte. Herr Clarke, ihr zweiter Mann, war ein wohlerhaltenes Exemplar eines ächten Philisters in braunem Rock, mit einer Dose von Buxbaum und einem Stock mit silbernem Knopf, der Marys kleines Vatergut gewissenhaft verwaltete, und im Uebrigen ihr nichts zu Lieb und nichts zu Leide that. Das Ehepaar führte so ein recht bürgerlich unbescholtenes Leben, sie feierten den Sonntag so pünktlich wie nur Jemand in England, ohne eben viel dabei zu denken, und glaubten wieder etwas recht Erkleckliches für das Reich Gottes gethan zu haben, wenn sie drei Predigten angehört und ihr allsonntägliches Armen- und Missionsopfer gespendet hatten, während sie dann die ganze Woche, ohne Ahnung des Höhern, in alltäglichem Schlendrian verlebten. Ihre ganze innere Entwicklung verdankte Mary einer Freundin ihrer verstorbenen Mutter, die als Wittwe in demselben Orte lebte, eine Mutter der Armen, eine Schwester der Betrübten, bei der das stille Mädchen ihre Herzensheimath fand.

Daheim, in dem kleinlichen, zwecklosen Leben und Treiben fand sich Mary immer weniger befriedigt, sie konnte sich nicht einmal für nöthig in dem Elternhause halten, denn eine Nichte ihrer Mutter sah sie schon lange mit eifersüchtigem Auge und hätte sich an ihre Stelle gewünscht, zu der sie auch ihrem Thun und Wesen nach besser getaugt hätte.

So bildete sich immer entschiedener in ihr der Wunsch aus, den Samen des Gottesworts in die ferne Heidenwelt zu tragen, was in England oft auch von einzelnstehenden Frauen unternommen wird. Sie wollte zu dem Ende sich an eine Gesellschaft nach Indien anschließen, um in eine der Schulen einzutreten, wie sie dort von Frauen für Weiber und Kinder gehalten werden. Sie hatte diesen Entschluß lang und reiflich erwogen, bis sie sich endlich ein Herz faßte, ihn beim Frühstück den Eltern mitzutheilen.

Das gab ein Erstaunen! Herr Clarke ließ vor Verwunderung die Zeitung unter den Tisch fallen und Madame die Theetasse auf den Schooß: »Ja, was fällt Dir ein? allein unter die Heiden? gibt's da nicht Leute genug dazu? meinst Du, man habe auf die Mary Clinton gewartet, um die Malabaren zu bekehren? Soll ich Dich dazu mit so viel Drangsal erzogen, zweimal den Krampfhusten und einmal das Scharlachfieber mit Dir durchgemacht haben, daß Du mich nun in meinen alten Tagen im Stich läßt!« so deklamirte die Mama. Auch Herr Clarke hielt eine äußerst erbauliche Rede über den Text: »Bleibe im Lande und nähre Dich redlich,« und Mary war zu demüthigen Herzens, um eigensinnig zu sein. So dachte sie, sie habe sich getäuscht, wenn sie ihren Herzenszug für innern Beruf gehalten, und wollte nun auf's Neue suchen, ihrem Herzen in treuer Erfüllung der täglichen Pflichten Genüge zu thun. Sie stickte die Hauben der Mama, fütterte des Herrn Clarke's Vögel und nahm Theil an dem wohlthätigen Wirken ihrer Freundin; aber in stillen Stunden glaubte sie wieder und wieder den Ruf zu hören: »Gehe aus Deinem Vaterlande und von Deiner Freundschaft, in ein Land, das ich Dir zeigen will.«

Um den Gehorsam zu belohnen, mit dem die Mary ihre »übertriebenen Ideen« aufgegeben, beschloß Herr Clarke, auf eine Geschäftsreise, die er nach London zu machen hatte, sie und die Mama mitzunehmen. Mary hatte eben keine besondere Freude darüber, aber man kündigte ihr dies erstaunliche Ereigniß mit so beglückender triumphirender Miene an, daß sie's nicht über's Herz bringen konnte, anders als mit freundlicher Zustimmung darauf zu antworten. Sie nähte bis tief in die Nacht hinein an dem Reisestaat für sich und die Mama, um doch am andern Tag Zeit zu finden, mit ihrer Freundin den Vortrag eines deutschen Missionärs zu hören, der in England sich noch einige Hülfsmittel zur Antretung seines Berufs zu erwerben suchte.

Der junge Mann sprach einfach, ein großer Theil seiner Zuhörer fand sich gestört durch seine mangelhafte Aussprache des Englischen, aber der Mary drangen seine Worte, die Seele, die aus ihnen sprach, bis in's innerste Herz, und es wachte ein recht schmerzliches Heimweh nach ihren alten Wünschen und Planen in ihr auf, wenn sie hörte, wie sicher, wie freudig er seinen schweren Weg antrat.

Der Vortrag war geschlossen, Mary kehrte heim und unterzog sich gehorsam dem verheißenen Vergnügen, aber es war ihr, als wollte sie alle Pracht Londons und alle Herrlichkeit der Welt darum geben, wenn sie noch einmal den deutschen Missionär hören könnte.

Ziemlich müde kam sie nach Brighton und zu ihrer Freundin zurück. »Schade, Mary,« sagte diese, »daß Du nicht hier geblieben bist, der junge Mann, dessen Vortrag Du neulich gehört hast, ist gestern von hier abgereist, um sich eine Braut, eine Gefährtin für sein großes Werk zu wählen; auf den Rath seiner Freunde geht er nach ***, um die Tochter eines dortigen Geistlichen kennen zu lernen. Ich wollte, Du wärst hier geblieben,« fügte sie lächelnd hinzu, »er hätte nicht so weit suchen dürfen.«

Da wurde die Mary dunkelroth, und um das Gespräch abzulenken, erzählte sie so lebhaft von London, daß die Freundin darob erstaunte. Ob aber daheim, in der Stille der Nacht, nicht Mary's Gedanken zu jenem Abend zurückkehrten, zu jenen ergreifenden Worten, die sie gehört, und zu dem, der sie gesprochen, das hat sie Niemand anvertraut. Wenn auch ihre Augen am Morgen etwas geröthet waren, so blickte doch eine stille, getroste Ergebung daraus, nur vermied sie's, wieder mit der Freundin vom deutschen Missionär zu reden.

Aber Mrs. May, so hieß die Freundin, war wie alle ältern Damen recht erpicht aufs Heirathstiften und konnte es lang nicht verschmerzen, daß Mary so zur Unzeit verreisen gemußt. Auch stand es nicht lange an, so entdeckte sie einen andern heirathslustigen Missionär, einen Landsmann, Herrn Miller, nach Abyssinien bestimmt. Da mußte nun die gute Mary zum Thee gebeten werden. Es sprach freilich nicht der frische Muth und der klare Sinn aus seinem Wesen, der ihr an dem Deutschen so wohl gethan hatte, er war ein bleicher, fast düstrer Mann, und seine strengen Worte weckten nicht den Wiederhall in ihrem Herzen, den die gebrochenen Laute des Fremden hervorgerufen, und doch lag wieder eine tiefe Entschlossenheit, ein heiliger Ernst in seinem Wesen, der ihr Scheu und Achtung einflößte. Mr. Miller sprach viel und oft mit Mary, sie schien ihm besser zu gefallen als bisher jede ihres Geschlechts, eine längere und zärtliche Werbung gestattete ihm seine Natur und seine Zeit nicht, und bald hörte Mary aus dem Munde der Freundin die Frage: willst Du mit diesem Manne ziehen?

Vor wenig Wochen wäre es Mary wohl leicht geworden, diese Antwort zu geben, die ihren langgehegten Wunsch auf die für ein Mädchen natürlichste Art erfüllte, aber jetzt wollte das Ja gar nicht über ihre Lippen. Aber es gibt für Frauen einen Hebel, fast so mächtig als die eigne Herzensneigung – das Mitleid. Mary hörte von der Freundin eine recht herzbewegliche Schilderung der lebenslangen Herzenseinsamkeit des armen, frühverwaisten Miller, wie er nun mit seiner leidenden Gesundheit, durch die auch seine Herzensfreudigkeit so schwer bedrückt werde, allein seinem mühsamen Werk entgegen gehe; da wallte ihr Herz über von dem Drang, hier zu helfen, zu trösten, zu stützen, und sie legte endlich still ihre Hand in die seinige.

Mrs. Clarke war höchlich erstaunt, als der bleiche Mann sich als Bewerber um ihre Tochter kundgab. Mary war mündig und so ließ sich wenig ändern, obgleich die Mama reich genug war an Einwürfen. »Da hätt's doch vielleicht ein ordentlicher Pfarrer oder ein Lehrer im Vaterland auch gethan, oder ein Wittwer mit Kindern und einer verwahrlosten Haushaltung; wenn Du durchaus missioniren willst, warum denn so gar weit fort und mit einem so schwächlichen Mann?« – Aber Mary's Entschluß stand diesmal fest und sie war und blieb Millers Braut; eine fröhliche? das wohl kaum, eine glückliche gewiß, wenn Glück in dem friedevollen Bewußtsein liegt, dem Willen Gottes, dem Zug der Bestimmung zu folgen.

Kurz vor ihrer Einschiffung erfuhren sie, daß ein andres junges Paar zu dem gleichen Zweck mit ihnen abreisen werde. Ein junger Mann mit einer lieblichen, zartaussehenden Frau stellte sich ihnen auf dem Schiff als Berufsgenossen vor – es war der deutsche Missionär.

Ueber Mary's Gesicht flog ein leises Erröthen und fester drückte sie die Hand ihres Gatten. Aber sie war ein starkes Gemüth und wollte lieber ihrer Pflicht gerade in's Auge sehen, als sich dämmernden Gefühlen hingeben, und bald fand sie durch eine stille Stunde mit Gott und ihrem Herzen die Ruhe und Kraft, die sie bedurfte. Es bildete sich eine recht herzliche Freundschaft zwischen den zwei Paaren, vielleicht geschah es aber doch durch Mary's Mitwirkung, daß Miller und der Deutsche nicht in Eine Gegend, sondern auf zwei weitentlegene Stationen befördert wurden. Es war Schade, der frische, freudige Muth und die stete Gelassenheit des Deutschen wären gewiß auch wohlthätig für Millers oft düsteres und verzagtes Wesen gewesen; – aber es war wohl auch gut so.

Als die vier Freunde einen recht innigen Abschied – wie sie glaubten, für's Leben – genommen hatten, sagte die zarte Frau des Deutschen mit Thränen im Auge zu ihrem Gatten: »Das ist eine bessere Missionärsfrau als ich schwaches Geschöpf; wenn Gott mich von Deiner Seite ruft, möge er Dir eine solche Gefährtin zuführen.«

Jahre vergingen, es waren schwere Jahre für Mary, Miller's Körper und Geist war dem guten Willen seines Herzens nicht gewachsen und Mary brauchte ihre ganze Kraft, all ihren Muth, um der trost- und hilfreiche Friedensengel an seiner Seite zu bleiben, als den er sie segnete bis zu seinem letzten Hauch.

Sie fühlte sich nun recht allein auf der Welt, und eilte, sich aus der einsamen Gegend nach einer bewohnteren zu begeben. Der alte Plan, an einer Frauenschule zu wirken, wurde nun doch ausgeführt, und sie lebte da in großer Stille, um viele Erfahrungen reicher.

Sie war schon einige Monate dort, als unter die schwarzen Kinderlein auch ein weißes angemeldet wurde – das Kind eines Missionärs, das seine Mutter verloren hatte, und das er hier in Pflege geben wollte, bis er Gelegenheit fände, es sicher den Großeltern nach England zu schicken.

Mary, als die Vorsteherin der Schule, empfing den Vater und das Kind – es war der deutsche Missionär.

Ich schreibe keinen Roman, so wenig als Mary und der Missionär gesonnen waren, einen zu spielen.

Zwei Herzen, die zusammengehörten, wurden nun zusammengefügt und die lange Zeit ihrer Trennung war keine vergeblich gelebte.

Ich habe diese Geschichte aus Mary's eignem Munde, sie war mit ihrem Manne in Deutschland, als er seine alte Heimath besuchte. Ihre Kinder hatten sie kurz zuvor nach England gebracht, weil es in jenen heißen Himmelsstrichen Eltern nicht lange vergönnt ist, sich dieses Glücks zu freuen.

Der Frieden, den die Welt nicht gibt, war über dem ganzen Wesen dieses Paares ausgegossen, und sie gingen getrosten Muthes auf's Neue den Mühen und Beschwerden ihres Berufs entgegen. Ihre Vereinigung war eine schöne Bestätigung des Wortes: Des Menschen Herz schlägt seinen Weg an, der Herr aber gibt, daß er fortgehe.



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