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VI.
Drei Brüder.

»Es waren einmal drei Brüder, die theilten unter sich des Vaters Erbe und zogen dann hin, ein Jeder seines Wegs.« So fängt manch ein schönes Märchen meiner Bekanntschaft an, und so ist auch der Beginn dieser sehr einfachen Geschichte, die kein so glänzendes Ende nimmt wie das Märchen, wo allemal der Jüngste zuletzt die schöne Prinzessin bekommt und obendrein ein halb Dutzend Königreiche.

Meine drei Brüder hießen Philipp, Friedrich und Georg; sie waren die Söhne des Herrn Philipp Friedrich Georg Staar, Kaufmann und Handelsvorsteher, auch Stadtrath in der Stadt Schopfberg.

Sie hatten die Theilung ihres seligen Vaters beendigt und saßen in der Wohnstube des väterlichen Hauses, wo noch dasselbe Kanapee, dieselben hochlehnigen krummbeinigen Sessel standen, die ihre Großmutter dereinst in's Haus gebracht. Diese Wohnstube zusammt dem Haus, vortrefflich gelegen an der Ecke, wo die Hundsgasse und die Hasengasse zusammenlaufen, war jetzt Philipps Eigenthum. Er hatte Haus und Laden, dessen vornehmste Artikel, dem Geruch nach zu schließen, aus Käse und Schnupftabak bestanden, in billiger Schätzung bei der Theilung übernommen.

Die Theilung war friedlich abgelaufen. Friedrich, der Magister, war von jeher so knapp im Geld gehalten worden, daß ihm der bescheidene Antheil, der ihm jetzt zufiel, als eine ganz unerschöpfliche Summe vorkam. Georg, der Jüngste, wußte allerdings als Kaufmann den Werth des Geldes besser zu schätzen, aber er wußte, daß der Vater, wenn auch mit widerstrebendem Herzen, an seine kaufmännische Ausbildung ansehnliche Summen gewandt, während Philipp seine Lehr- und Gesellenjahre im Düster des väterlichen Ladens verlebt hatte. Auch verlangte ihn viel zu sehr fortzukommen, hinaus aus dieser engen Umgränzung, hinaus, dem Glück entgegen und dem frischen vollen Leben, als daß er nicht gern jedes Opfer gebracht hätte, um baldmöglichst frei zu werden. »Also du hast im Sinn nach Hamburg zu gehen?« fragte Philipp den Georg, indem er aus des Vaters hörnener Dose einen etwas Trockenen schnupfte, dieweil derselbe aus der Schublade zusammengekehrt war.

»Nach Hamburg, nach Leipzig, nach Bremen, wo mir's gefällt, wo mir das Glück entgegen kommt!

»Auf der Fortuna ihrem Schiff
Bin ich zu segeln im Begriff«

trällerte dieser, »ich muß zuerst einmal sehen, wie's draußen aussieht und wo mir's zusagt.«

»Bin gar nicht so neugierig, durchaus nicht,« meinte Philipp mit dürrem Ton, »ich kann mir das alles so ziemlich vorstellen, und nun ich das Geschäft allein habe, gedenke ich ganz ordentlich in aller Ruhe darauf vorwärts zu kommen. Auf die Fortuna baue ich just nicht, aber auf unsere Firma und meine Erfahrung.«

»Und ich baue auf mein Glück, gerade!« rief Georg, »wir wollen einmal einander dran mahnen, geritten kommt man weiter als gekrochen.«

»Und der Herr Bruder Magister?« fragte Philipp, »der baut wohl auf eine gute Patronatspfarrei, um seinen langen Brautstand zu verkürzen?«

»Ich baue auf Gottes Hilfe und Segen,« sagte der ruhig.

»Nun ja, das versteht sich von selbst!« riefen die zwei andern. »Nicht immer so ganz,« meinte lächelnd der Magister.

Die Brüder schieden aber als gute Freunde, und die Wohnstube des alten Vaterhauses, die nur bei feierlichen Gelegenheiten eröffnet wurde, schloß sich wieder auf lange.

Philipp wollte keine Zeit verlieren, seine Rößlein in den steten Tritt zu bringen, mit dem er am sichersten weit zu kommen hoffte. Eine Lebensgefährtin war zu solidem Beginn des Geschäfts unerläßlich, sein Herz, wenn er eins hatte, wollte er bei dieser Gelegenheit nicht inkommodiren, der Rath verständiger Freunde führte ihn aus die Jungfer Friederike Malzbrenner, ein gestandenes Frauenzimmer, »sehr angenehme Familienverhältnisse,« wie der Freund sich ausdrückte, d. h. die Eltern beide todt, die einzige kränkliche Schwester über alle Möglichkeit einer Verheiratung hinaus, – ein nettes Vermögen, nicht sehr bedeutend, aber sicher angelegt und leicht baar zu haben, – es stimmte alles zu Herrn Philipps Wünschen.

Vom Tage nach der Hochzeit an begann im Hause Staar ein Leben so gemessen und geregelt, wie eine Seeuhr. Alles ging nach Zahl und Gewicht, Frau Staar war stets wie die Gerechtigkeit mit einer Wage in der Hand zu sehen, sie konnte nach einem Jahr ihres Ehestands beiläufig berechnen, wieviel sie bis zur goldenen Hochzeit Schmalz und Mehl werde konsumirt haben, und sie wußte genau, wie viel Stücke Holz zum Kochen jedes einzelnen Gerichts erforderlich waren.

Geizig konnte man darum das Ehepaar nicht nennen; wenn auch der Magd und dem Lehrling das Brod zugewogen und dem Commis das Licht bezeichnet wurde, wie weit es abbrennen dürfe, so mußte doch alles recht und in Ordnung sein. Auch an »Ehr und Reputation«, wie es Herr Philipp nannte, durfte es nicht fehlen, und mit der Zeit lernte er wirklich die mögliche Zahl der Taufen, Leichen und Hochzeiten in der Honoratiorenwelt soweit berechnen, um den Betrag des Ehrenpfennigs festsetzen zu können; auch hielt Frau Staar alle Jahr eine große Visite, wobei die Tafel hinreichend besetzt war.

Mit sicherster Berechnung, ohne große Wagnisse, führte Herr Philipp Schritt für Schritt das Geschäft weiter. Während der Laden sein unverändert trübseliges, etwas schmieriges Ansehen behielt, während das Familienleben, dessen Leiden und Freuden auch auf sparsamer Wage gewogen schienen, sich in dem ewigen Dunkel der Ladenstube gleichförmig abhaspelte, vermehrte sich die Summe des Gewinns am Schluß des großen Hauptbuchs alle Jahre um ein Ansehnliches.


Friedrich, der Magister, und seine Braut, die älteste Tochter einer kinderreichen Familie, durften sich noch eine Weile im Warten üben, bis sie einen eignen Herd gründen konnten. Aber wie glücklich waren sie, als sie dies Ziel erreicht! Friedrich wußte wohl, welchen Kummer es der guten Sophie und ihrem Vater machte, daß dieser durchaus nicht wußte, wie er eine häusliche Einrichtung für die Tochter erschwingen solle, – für Linnenzeug hatte noch die selige Mutter gesorgt, – wie reich machte ihn nun das Vatererbe, das ihn in den Stand setzte, den bescheidenen Wünschen der Braut zuvorzukommen.

Es war eine alte Liebe, die den Friedrich an seine Sophie band, sie hatte schon im Seminar Wurzel geschlagen, wo er mit Bewundrung das vierzehnjährige Kind im Garten neben dem Seminar beschäftigt sah, wie es die Gartenarbeiten, das Waschtrocknen und ein Halbdutzend kleine Geschwister mit- und nacheinander besorgte; er hatte durch Aepfel, die er den kleinen Buben verabreichte, die Bekanntschaft angeknüpft, die er später unter gewaltigem Herzklopfen durch Briefe fortsetzte. Gerostet war aber diese Liebe nicht, und Sophiens Schönheit war von der guten, hausbacknen schwäbischen Sorte, die sich lange frisch erhält; – der tiefe herzliche Blick voll innerer Freudigkeit, mit dem sich das Paar zum ersten Mal im eignen Haus begrüßte, konnte es wohl mit dem seligen Sturm einer ersten Erklärung aufnehmen.

Sophie hatte indeß beim Vater und den Geschwistern daheim einen schweren Stand gehabt. Der Papa war ein guter Mann, aber ein grundschlechter Haushalter; für jede Einnahme, die Sophie so gern für die dringendsten Bedürfnisse verwendet hätte, wußte er stets eine Extraverwendung, kaufte ihr Schillers Gedichte, während sie zunächst guter Schuhe bedurft hätte, und dem Karl einen kleinen Husarensäbel um vier Gulden, die gerade für ein Wamms gereicht hätten. An der Sophie Geburtstag hatte Champagner her müssen, und sie wußte doch noch nicht, wie die Milchfrau bezahlen.

Nun war sie im Eigenthum bei ihrem Mann, der ihr das Finanzfach ausschließlich überließ, im Besitz eines sichern Einkommens und eines Vermögens, das ihr ein Reichthum schien. Mit welcher Glückseligkeit machte sie ihren kleinen Etat, ihre Berechnung am Jahresschluß und

bringt sie dem Gatten tiefbewegt,
der nichts davon verstand.

Es blieb nun immer ein kleiner Ueberschuß zu einer besondern Freude, zu einem kleinen Familienfest, wozu ihre Geschwisterschaar reichlichen Stoff lieferte, und sie war eine liebe, fröhliche Wirthin, aus deren Händen eine saure Milch so herrlich schmeckte, als aus andern eine crême à la reine.

Sie hatte stets abwechselnd zwei der Geschwister als Gäste bei sich, um sie wieder heraus zu flicken, genügsame und dankbare Gäste, und so fehlte es nicht an Leben und Lärmen im Pfarrhaus, auch noch ehe es die eigenen Sprößlinge bevölkerten.


Nach einem höchst vergnüglichen Streifzug durch die ersten Handelsstädte nahm endlich Georg, von jeher daheim das Glückskind genannt, in einer derselben vorläufig eine Stelle als Volontair in einem angesehenen Handelshaus, »um sich die Sache anzusehen;« er trieb die Geschäfte mit Interesse und Freude, versäumte aber daneben keine Gelegenheit, die Genüsse der reichen Stadt kennen zu lernen. Gar zu lange hätte nun freilich in dieser Weise das Vatererbe nicht ausgereicht; nun hatte indeß Fräulein Sidonie, die allvermögende Tochter des Hauses, gefunden, was für ein schöner, lebhafter junger Mann der neue Volontair sei, und ohne viel Zuthun erhielt er bald eine Stelle mit gutem Gehalt auf dem Comptoir und dazu eine Einladung in den Familienkreis. Dieser Familienkreis bestand zwar nur aus ziemlich steifen Abendgesellschaften im Salon, bei denen Fräulein Sidonie im höchsten Glanz präsidirte, aber es war immerhin eine Auszeichnung und Georg begann zu erwägen, daß es gar nicht übel wäre, mit der Erbin des Hauses so ohne Müh dessen Glanz und Besitz zu erwerben.

Schön war Fräulein Sidonie gar nicht, aber so sehr schön angezogen! so schön, daß man nicht wußte, wo sie selbst anfing und wo der Anzug aufhörte, daher nahmen sie die Leute auch für eine wirkliche Schönheit; und ein vielgesuchtes Gut war sie, was ihren Reiz in den Augen eines verwöhnten jungen Mannes nicht schmälerte.

Nun traf sich's aber, daß alle Morgen früh, wenn Georg sein Fenster öffnete, bevor er sich auf's Comptoir begab, in dem Hause gegenüber, dessen Rückseite ihm zugewendet war, ein Fenster aufging, und ein junges Frauenzimmer erschien, die einiges Geräthe zum Trocknen auf's Fensterbrett ordnete; die Straße war schmal, und er konnte nicht umhin, Notiz von der schönen Schaffnerin zu nehmen. Eine gewöhnliche Magd war sie nicht, dessen war er bei sich gewiß, obgleich weder ihre zierliche Kleidung, noch ihre ungewöhnliche Schönheit dagegen sichre Beweise gewesen wären, aber daß sie in untergeordneter Stellung war, sah er bald. Anfangs erschien sie nur zufällig hie und da, allmählig aber wiederholte sich die Erscheinung immer regelmäßiger. Er stand nun etwas früher auf, das Fenster war bei der wärmern Jahreszeit ganz offen, da unterhielt es ihn, zuzusehen, wie sie das Frühstückgeräth reinigte, einen Theil getrocknet in's Körbchen legte, das andre auf's Fensterbrett, wie sie zuletzt die Serviette heraushängte und dann mit einem kleinen Seitenblick auf das Fenster gegenüber verschwand; sie schien Haus- oder Zimmerjungfer zu sein und eben nicht in erfreulicher Lage. Er entdeckte auch, daß ihr eigen Stübchen einen Stock höher im Giebel war, woselbst sie eine Reseda und ein Rosenstöckchen, der sonnenlosen Lage zum Trotz, emsig pflegte. Allmählich gedieh die stumme Bekanntschaft so weit, daß man sich gegenseitig grüßte; es schickte sich zufällig, daß man sich auf Ausgängen begegnete, es kam zu einem Gespräch und Georg erfuhr, daß das Mädchen Helene hieß und als Waise eines armen Offiziers Dienste in dem vornehmen Haus gegenüber gefunden habe. Sie klagte nicht über ihre Stellung, die Behandlung war gut im gewöhnlichen Sinn, sie durfte weder Hunger noch rauhe Begegnung leiden, sie konnte allein essen, wenn sie nicht gern in der Küche speiste, nur war sie überall im Weg, wo man ihre Dienste nicht gerade bedurfte, von der Magd schnöde behandelt, von der Herrschaft grundsätzlich »drunten gehalten« ohne Umgang, ohne Freude, ohne Herzensnahrung, wie ihre armen Blumen, die zwar Wasser und Boden, aber keine Sonne hatten, zuviel zum Verdorren, zu wenig zum Blühen.

Georg wußte nicht wie's kam, daß ihm, so oft er der glänzenden Sidonie gegenüber beim Whist saß, immer die blauen Augen der armen Helene heller schienen, als das leuchtende Juwel auf der Stirn der Erbin, konnte es ihm, dem übermüthigen Muttersöhnchen doch nie einfallen, im Ernst an die arme Hausjungfer zu denken; Liebe in der Hütte bei Schwarzbrod und Quellwasser, hatte nie zu seinen Zukunftsträumen gehört.

Da traf sich's, als er einst in einen Laden eintrat, wo eben Helene einige Einkäufe zu machen hatte, daß gerade ein Colporteur mit Lotterieloosen, die er als die »sichergewinnenden grünen« anpries, mit dem Herrn des Ladens in Unterhandlung stand. »Geben Sie Ihr Packet her,« rief Georg, und hielt die Loose Helenen hin, »da ziehen Sie, Fräulein, Sie haben vielleicht eine glückliche Hand.« Hocherröthend zog Helene ein Loos, Georg bezahlte es und schob's in seine Brieftasche. »Müssen dem Glück ein Thürlein offen lassen!« flüsterte er dem Mädchen zu und eilte leichten Schrittes davon.

Monate waren indeß vergangen, die Neigung der Fräulein Sidonie, noch gesteigert durch das kühle Verhalten des jungen Schwaben, hatte sich nicht gewendet, der Vater, in allem gewöhnt, dem Töchterlein nachzugeben, suchte endlich seiner Sprödigkeit nachzuhelfen und redete mit Georg: ein reicher junger Kaufmann hatte sich ihm zum Associé angeboten, er wäre zwar nicht abgeneigt, einen Theil seiner Geschäftslast auf jüngere Schultern zu legen, – würde aber einem frühern Bekannten den Vorzug geben, – das weitere ließ sich zwischen den Zeilen lesen. Da kam's denn doch dem Georg zu Sinn, daß er etwas ernstlich über seine Zukunft nachdenken müsse, er bat um kurze Bedenkzeit und schickte sich zur Ueberlegung an.

Noch ehe er zu irgend einem Abschluß gekommen, kam athemlos der Colporteur, von dem er das Loos gekauft, zusammt dem Kaufmann, in dessen Laden er ihn getroffen: »Ihre Nummer?« – »Da ist sie!« sagte Georg in steigender Erwartung. Es war richtig – das große Loos!

Helene war eben im Ankleidezimmer der Herrschaft, bemüht die widerspenstigen Haare der Tochter Mathilde unter unziemlichem Geschrei derselben in Ordnung zu bringen, da stürmte Georg rücksichtslos in den Schooß der erstaunten Familie: »Helene, wir haben das große Loos gewonnen, Sie sind meine Braut!«

Es war so, und war kein Traum gewesen, wie das arme Kind zuerst geglaubt; sie verzieh gern die rücksichtslose Form der Werbung, die ihre Genehmigung vorausgesetzt, und gab sich mit kindlichem Jubel dem Glück, geliebt zu sein, der Freude einer eignen Heimath, dem Glanz der neuen Verhältnisse hin, und sann dann immer wieder, wie sie's denn dem Georg vergüten wolle, daß er sie so glücklich gemacht; oft sagte sie halb im Scherz zu ihm: »gib Acht, es soll dich gewiß nicht reuen.« In all den Schimmer und die Behaglichkeit des Reichthums, in Equipage und seidene Kleider fand sie sich aber so leicht und unbefangen, als ob sie darin geboren wäre.

Fünf Tage nach Georgs Verlobung, der eine solenne Hochzeit im Sturm folgte, fuhr Fräulein Sidonie im prächtigsten Wagen durch die Straßen und gab Verlobungskarten mit dem reichsten Kaufmannssohn der Stadt ab. Der Papa kaufte Schmuck, Shawls und Kleider in denselben Magazinen, wo Herr Staar zuvor für seine Braut eingekauft hatte, nur zu doppelten Preisen.


Daheim, im Stammhause der Staaren war indeß unter Herr Philipps Regiment alles im alten Gleise fortgegangen. Georg Philipp Friedrich, der einzige Sprosse seiner Ehe, hatte sich gleich von seinem ersten Lebensjahr an so still, geordnet und gesetzt benommen, daß sein Erscheinen kaum eine Unterbrechung der Hausordnung zu nennen war. Etwas knapp ausgemessen war der junge Erbe, klein, schmal und dünn, sein Name war noch das reichlichste an ihm. Die regelmäßige Erholung der Familie war Sommers ein Abendspaziergang in den Garten, in dem Kraut und Kohlraben eine Hauptrolle spielten und dessen Beete mit Schnittlauch zur Verzierung eingefaßt waren; an Winterabenden divertirte man sich damit, Papierdüten zu pappen.

Alljährlich aber am Bartholomäusfeiertag wurde eine Fahrt zu Bruder Friedrich unternommen, alljährlich traf man dessen Familie um einen kräftigen Buben vermehrt, während zum Glück die Geschwister der Sophie nach und nach sonst untergebracht wurden. Es ging lustig zu im Haus, die rothbackigen Pfarrbuben konnten den dünnen Georg Philipp Friedrich fast umblasen, er flüchtete sich auch gleich hinter die Mama. Schätze sammeln konnte freilich der Pfarrer nicht, aber sein emsiges Weibchen sorgte doch, daß der Grundstock erhalten bleibe.

Frau Friederike selbst mußte der Häuslichkeit und dem Ordnungssinn der Schwägerin Gerechtigkeit widerfahren lassen; die zu fetten Butterbrode der Buben entschuldigte sie mit dem Gedanken, daß die Butter ein Geschenk bei der Anmeldung sein werde. Aber sie meinte doch nachher, der Kopf thue ihr weh von dem Lärm; es war so hübsch kühl und still in der Ladenstube. Von Georgs Glücksfall und Heirath wußten die Geschwister; der Pfarrer und der Philipp hatten Jeder seine eigenen Bedenken darüber, der Pfarrer über das erste, der Philipp über das letzte.


Es dauerte nicht zu lange, so wurden die Bewohner Schopfbergs durch eine elegante Equipage in Erstaunen gesetzt, die vor den Thüren des Staar'schen Hauses hielt und aus der Georg mit seiner jungen Frau stieg.

Ein schöneres Paar als die Zwei hatte man nie gesehen: jung, blühend, fröhlich mit allem Glanz des Reichthums umgeben. Die Zufriedenheit der Frau Friederike erlitt einen schweren Stoß, es wehte sie mit einemmale an wie ein Hauch aus einer ihr fremden Welt voll Blüthe und Glanz und es brauchte eine Weile, bis sie wieder ohne Nebengedanken sich an den Gartenspaziergängen und am Dütenpappen vergnügen konnte.

Philipp nahm »den Kleinen,« wie Georg noch aus alter Zeit hieß, in Betreff seiner Geschäfte auf's Korn und fand zu seiner Beruhigung, daß er denn doch, trotz alles leichtsinnigen Uebermuths, der leibliche Sohn des seligen Philipp Friedrich Georg Staaren sei, und seine Angelegenheiten, wenn auch keck, doch mit Glück und Geschick betrieb.

Georg aber schüttelte sich, als er die kleine Stadt, den käseduftenden Laden und dumpfige Ladenstube im Rücken hatte: »Puh, wenn wir in solch einem Nest versauern müßten, da hättest du mich nicht genommen, Lenchen?« »Weiß selbst nicht, aber behalten würd' ich dich auf jeden Fall,« lächelte diese.

Im Pfarrhaus machte der Besuch des freundlichen Onkels mit der schönen Tante viel Freude. Das silbergraue Seidenkleid Helenens erhielt etliche Fettflecken, weil sich die Neffen gern eigenhändig von der Glätte des Seidenstoffs überzeugen wollten. Lenchen hatte großes Bedauern mit der Schwägerin, die allezeit ein Kleines auf dem Arm, eins am Kleid hängen und noch ein stetes Gefolge von lärmenden, brodfordernden Burschen hatte, aber sie ergötzte sich auch an dem fröhlichen Treiben und wunderte und freute sich wieder des Glücks, das sie, das arme Mädchen, dagegen in die Fülle des Wohllebens und Behagens versetzt hatte. Sie schieden vom Pfarrhaus und fuhren dahin, glänzend, freudestrahlend, glücklich in eine reiche, schöne, wohlausgestattete Heimath, ohne Gram und ohne Sorgen.

Doch mit des Geschickes Mächten
Ist kein ew'ger Bund zu flechten.


Es ging manches Jahr hin seit diesem Besuche, das Haus Staar in Schopfberg wuchs und gedieh, etwa wie der Stein wächst, an den sich Erde ansetzt und mit verhärtet, aber der junge Georg Philipp Friedrich wollte nicht wachsen.

Auch das Pfarrhaus wuchs und mehrte sich, sechs rüstige Söhne und ein liebliches Töchterlein machten dem Vater den Kopf heiß und das Herz warm. Der Pfarrgarten bot einen ergötzlichen Anblick, wie eine Harlekinsjacke, weil jeder der Söhne ein Stückchen davon nach eigener Phantasie bebauen durfte. Sie waren nun schon zum Theil auswärts, August im Seminar, um in des Vaters Fußstapfen zu treten, Heinrich, der später dem Onkel Georg zur Weiterbeförderung zugedacht war, bei einem Kaufmann in der Lehre, Karl in der lateinischen Schule; aber an Sonntagen und in Ferien, da waren sie Alle noch beisammen, und der Mutter lachte das Herz, wenn sie die Schaar überblickte: es sah keiner aus, als ob er mißrathen wollte, und trotz mancher sorgenvollen Stunde hatte sie ihr Gottvertrauen bis jetzt nie getäuscht.

Georg und Helene lebten indeß in unverkümmerter Lebensfreude, Helene ging vollkommen in Georgs Ansichten ein, daß Genuß überall der Zweck, und Geld nur das Mittel dazu sein dürfe; er überließ ihr, für den Genuß zu sorgen, »für's Geld sorge ich und meine Fortuna,« und Helenens Geschmack und Schönheitssinn, ihre fröhliche, lebenslustige Natur befähigte sie vollkommen zu ihrer Aufgabe.

Die Fortuna erfüllte die ihrige nicht so ganz; Georgs Erwerb hielt nicht Schritt mit dem Aufwand, der ihm ein ganz mäßiger schien, erfand eine bedenkliche Abnahme: »das muß anders werden, ich muß suchen, mich sicherer zu stellen, nur kein so ängstliches Zipfeln und Wägen, ich muß 'mal was Rechtes wagen.« Ohne Helenen etwas mitzutheilen, unternahm er eine großartige Speculation, die allerdings, wenn sie gelang, ihn von allen Wechselfällen auf lange sicher stellen konnte; wie viel er aber auf diesen gewagten Wurf setzen mußte, das ward ihm erst klar, als es zu spät war, die Hand zurückzuziehen, selbst wenn er gewollt hätte.

Ein ihm ungewohntes Bangen ergriff ihn, als sich die Zeit näherte, die über den Erfolg seines Unternehmens entscheiden mußte. Er sandte Helenen aufs Land, wo sie sonst auch die heißen Monate zubrachte, weil er keine Zeugen seiner fieberhaften Aufregung dulden konnte. Tag und Nacht war er rastlos umgetrieben; »es kann nicht fehlen, murmelte er, es kann nicht! und wenn's gelingt, dann sind wir sicher und dann muß erst etwas eingezogen werden, in solche Qual will ich mich nimmer versetzen, – es darf nicht brechen.« Und es brach dennoch, der Wurf mißlang. Vermögen, Ansehn, Geltung, Credit, Alles, Alles war mit Einem Schlage vernichtet. Dagegen hatte der verwöhnte Sohn des Glückes sich nie gewaffnet, solchem Schlage war er nicht gewachsen, er brach zusammen an Seele und Leib.

Helene, obwohl sie in keiner Weise vorbereitet, kaum eine leise Ahnung dieser Krisis gehabt, hatte den leidigen Ausgang noch früher als ihr Mann erfahren. Sie hatte nur den Einen Gedanken: »wie wird er es tragen?« und eilte so schnell, als ihr möglich war, unaufhaltsam zu ihm. »Könnte er's doch zuerst durch mich erfahren!« war ihr sehnsüchtiger Wunsch; sie kam zu spät, sie fand ihn vom Schlage gerührt leblos am Boden liegen.

Der Arzt war gerufen, er schlug die Ader und es zeigten sich Lebensspuren, aber gar bedenklich schüttelte er den Kopf, als die hilflose, gelähmte Gestalt aufs Bett gehoben wurde und mit stieren Augen um sich blickte. Lenchen aber, als sie allein mit ihm war, beugte ihr thränenbenetztes Gesicht auf das seine und flüsterte: »es soll dich doch nicht reuen.«


Ein kleine Mansarde, die nur durch fast wunderbare Ordnung und Nettigkeit zum wohnlichen Stübchen geschaffen ist, ein noch kräftig und blühend aussehender Mann ohne eine Spur geistigen Lebens in seinen Zügen, eine frühgealterte Frau mit den unverwischbaren Resten einst seltener Schönheit, die sich auf's Liebevollste um ihn bemüht – das ist geblieben von dem einst so schönen, stolzen, fröhlichen Paar, das im Sonnenschein des Glückes zuerst die kleine Stadt betreten. Georg hatte Alles verloren, Alles hatte ihn getäuscht, – allein sein Herz nicht.

Ein Wort der Klage hat Niemand von Helenens Lippen gehört; als es sich zeigte, daß Georg gelähmt und geistesschwach bleiben würde, als sie ihr schönes Haus verlassen mußte, als sie ihre reiche, geschmackvolle Einrichtung, ein Stück um's andere, in fremde Hände wandern sah, als sie, die ganz Unwissende und Harmlose, vor Gericht Auskunft geben sollte, ob nichts unterschlagen, nichts veruntreut sei, – bei all dem hatte sie nur Einen Gedanken, nur eine Rücksicht: wie sie ihm alles Leiden, alle Bitterkeit dieses Schlags ersparen könne, und über die schwerste Zeit segnete sie fast seinen unbewußten Zustand, der ihn kein Leiden empfinden ließ.

Vermögen war keines gerettet; was ihr blieb vom Erlös des Geschmeides und der Kleider, die man ihr ließ, das verwendete sie, um ihren Gatten nur ganz allmählich an die Abnahme der äußern Bequemlichkeiten zu gewöhnen, deren Entbehrung das einzige war, das er noch zu fühlen schien.

Sie konnten nicht bleiben, wo sie waren, obgleich es nicht an teilnehmenden Freunden fehlte. Helene hatte Gelegenheit gehabt, die Stacheln von Sidoniens beleidigtem Stolz zu fühlen, an Einem Orte mit ihr konnte sie nicht bleiben, und sonst war sie ohne Heimath auf der ganzen weiten Welt.

Da erging denn eine demüthige Anfrage an Philipp, den Aeltesten der Familie, um Rath in so schwerer Bedrängniß. Die Randglossen des Herrn Philipp und der Frau Friederike wollen wir unterdrücken. Hartherzig war er gerade nicht, und ihm fiel nicht die Möglichkeit ein, seinen leiblichen Bruder fremder Barmherzigkeit oder Unbarmherzigkeit zu überlassen.

So wurde denn die Mansarde gemiethet und Georg und seine Frau hielten zum zweiten Mal einen gar stillen, demüthigen Einzug in seiner Vaterstadt.

Helene nahm sich nicht Zeit zu vergleichen mit der Vergangenheit; alle ihre Leibes- und Seelenkräfte richtete sie nur auf den Einen Punkt, dem armen Mann sein Leben so leicht als möglich zu machen. Jede Kunst ihrer Jugend, auch die Kunst des Sparens, die sie nie besessen, suchte sie um seinetwillen hervor. Mit dem knapp zugemessenen Beitrag des Bruders verstand sie doch, ihn immer noch mit einem Leibgericht zu erfreuen, seine Kleidung reinlich und anständig zu erhalten; die zierlichen Nadelarbeiten, mit denen sie zur Zeit ihres Glanzes die Zeit vertändelt, boten ihr jetzt Mittel, ihrem engen Zimmerlein immer noch ein heitres, zierliches Aussehen zu geben und von dem Erlös ihm manchmal eine Freude zu machen. Freundliche Herzen fanden sich, die ihr da und dort auch einen besondern Genuß zuzuwenden suchten; sie schämte sich nicht, Wohlthaten anzunehmen, es war ja für ihn. Es fehlte ihr nie an Blumen für ihr Stübchen, es standen ihr Gärten offen, wohin sie den Mann in seinem Rollstuhl führen ließ, damit er sich in der freien Luft ergötze. Die neugierigen und mitleidigen Blicke Vorübergehender beirrten sie nicht, wenn sie an seiner Seite hinausging, und bald war der lahme Mann in seinem Sessel eine gewöhnte Erscheinung. Die Empfänglichkeit für äußere Eindrücke, ein kindisches Behagen an guten Speisen, an freundlicher Umgebung und seine Liebe zu Helenen war das einzige, was noch am Leben geblieben war, diese Liebe war freilich eben nur wie die eines unmündigen Kindes zur Mutter, aber Helene fand sich doch glücklich darin. Mit der Freude eines Kindes begrüßte er sie, wenn sie von kurzer Abwesenheit zurückkehrte, voll unbestimmter Angst suchte er sie mit den Blicken, wenn sie nicht da war, nur sie verstand er, nur mit ihr konnte er reden, fast schauerlich für andere klang es, wenn er noch versuchte, mit ihr zu singen, während früher die zwei herrlichen Stimmen des Ehepaars die Bewunderung der Salons hervorgerufen hatten.

Die Lichtpunkte ihres Lebens waren die langen Besuche im Pfarrhaus; mehr konnte der Pfarrer beim besten Willen nicht thun, als ihnen sein Haus gastlich öffnen. Die gute Sophie that ihr mögliches, der armen Schwägerin den Aufenthalt lieb zu machen; die muntern Knaben, deren nur noch zwei daheim waren, schoben den Onkel in seinem Rollstuhl soweit er nur wollte, und Helene war so glücklich in dieser Stille, im Garten unter Blumen und Vögeln. Sie strickte den Neffen Socken, garnirte der Pfarrerin Hauben und suchte sich nützlich zu machen, wo sie konnte. Von ihrer Vergangenheit sprach sie nie.

So lebte der Georg hin, lange, lange Jahre ohne Schmerz und Klage, glückselig, wenn, so oft er: »Lenchen!« rief, die liebe treue Gestalt sich über ihn beugte.

Der Pfarrer ging zur Ruh, nachdem er seine Söhne in muntern Enkeln verjüngt gesehen, er hinterließ die Kinder noch nicht alle auf ebenem Wege, er sah noch Kämpfe und Mühen für sie voraus, aber er schied getrost, ihnen als köstliches Erbe sein Gottvertrauen hinterlassend.

Auch Philipp starb endlich, noch ehe er seinen Georg Philipp Friedrich zu einem Heirathsversuch hatte vermögen können. Eine namenlose Aengstlichkeit, die an's Krankhafte ging, machte diesen fast zu allem untüchtig; Frau Karoline versprach dem besorgten Gatten, noch vor ihrem Tod dem Sohn für eine vernünftige Frau zu sorgen, aber sie starb kurz nach diesem, ehe sie ihr Versprechen halten konnte.

Das Pfarrhaus war für Helene und ihren Pflegling ein schmerzlicher Verlust, zudem wurden ihre Augen dunkler, ihre Hände starrer zum Arbeiten, – es that ihr so weh, jetzt den armen Mann noch verkürzen zu müssen, – da starb der Neffe Georg Philipp Friedrich und ihnen fiel die Hälfte des Erbes zu.

Nun konnte sie ihrem Georg noch einen heitern Abend bereiten, sie war glückselig in seiner kindischen Lust an all den kleinen Dingen, mit denen sie ihm eine Ahnung der alten Zeiten zurückführte, nun konnte sie auch da und dort geben, eine kleine Freude machen, eine gute Freundin bei sich sehen; die fleckenloseste Ordnung und Reinlichkeit hatten von jeher Alles aus ihrer Umgebung entfernt, was sonst eine Scheu vor Krankenstuben einflößt, und Georg sah sich mit vergnüglichem Lächeln um, wenn er bemerkte, wie sein Lenchen wieder eine Art von Haus machte.

Fremde begriffen das tiefe namenlose Leid der Frau nicht, als nach einigen für ihn fast glücklichen Jahren der arme Georg endlich auch heimging. Das Glück und das Leid der letzten dreißig Jahre ihres Lebens war ihr eigenes Geheimniß gewesen. In dem letzten Lächeln ihres Gatten, in dem Ton, in dem er zum letztenmal ihren Namen gerufen, in seinem Blick beim Scheiden, glaubte sie den Funken des wiederkehrenden Geistes gefunden zu haben. Wer hätte ihr den Trost nehmen mögen? Sie durfte ihn nicht zu lang mehr überleben. So hat das Schiff der Fortuna den Georg geführt; soweit hat den Philipp sein stetes Rößlein getragen.

Das Erbe Philipps fiel nun an die Pfarrfamilie zurück. Ach, wie hätte es ihn bekümmert, zu sehen, wie seine lang gesparten Thaler nach allen vier Winden hinflogen, nach Amerika, nach Riga, nach England, wer weiß, wohin noch? Heinrich, einer der Pfarrsöhne hat Haus und Geschäft Staar übernommen, er hat eine alte Scheuer eingerissen, ein paar Fenster ausbrechen lassen und so Licht und Luft in die Ladenstube gelassen, die noch als Speisezimmer dient, während sein junges Weibchen in heiterer, behaglicher Wohnstube oben waltet.



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