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II.
Aus dem Leben einer Hausfrau der neuen Zeit.

Ihr habt gut reden und rühmen von den Hausfrauen der alten Zeit. Damals war's noch ein Spaß, Hausfrau zu sein, trotz aller Ochsen und Kühe, Gärten, Wiesen und Felder, die zu einem rechtschaffenen Hausstand gehörten. Wenn eine Frau ihre Kinder so weit gebracht hatte, daß sie auf eigenen Füßen stehen und gehen konnten, ihnen Strümpfe und Hosen flickte, Mann und Gesinde mit Nahrung und Kleidung versorgte und ein scharfes Auge auf die Mägde hielt, so konnte sie ihr Haupt ruhig niederlegen, auch da und dort eine Kaffeevisite mit gutem Gewissen mitmachen. Die Erziehung war die einfachste Sache von der Welt. Mit dem Studium der Individualitäten befaßte man sich nicht im mindesten; die geistige Ausbildung überließ man getrost dem Präceptor und seinem Stock, der sittlichen half man mit ein paar gesunden Püffen und Schlägen nach und blieb im Uebrigen gut Freund.

Die Erziehung der Mädchen vollends gab sich ganz von selbst; im zehnten Jahr mußten sie anfangen, ihre Haare selbst zu flechten, die kleinen Geschwister hüten und in den Keller gehen. Allmählich avancirten sie vom Strickstrumpf zum Nähzeug, vom Begießen zum Bepflanzen der Gartenländer. Waren sie im vierzehnten Jahr confirmirt, so war die Mutter höchlich erleichtert: »So, jetzt hat das Gelerne ein Ende und das Mädchen ist auch zu etwas zu brauchen.« Nun wurde sie erst recht, nach gut schwäbischem Ausdruck, »im Haus herum gepudelt,« in Küche und Keller, Hof und Garten, im Stall und auf den Feldern. Wollte man ihrer Ausbildung noch die letzte Politur, die höchste Vollendung geben, so schickte man sie auf ein Jahr zu irgend einer Frau Base oder Tante, die als eine besonders böse und exacte Frau bekannt war (welche zwei Begriffe sonderbarerweise sehr häufig in Einen zusammenfallen), und die es vortrefflich verstand, »den jungen Mädchen den Rost herunter zu thun;« hernach noch ein halb Jahr nach Stuttgart, um »das Haubenstecken« zu lernen, und damit war's gethan, und die Ricke oder Mine konnte jeden Tag, wenn sich ein passender »Anstand« zeigte, in die Fußtapfen der Mama treten; im schlimmsten Fall gab sie seiner Zeit eine gute Tante ab, die man »in's Haus metzgen« konnte, oder eine brauchbare Haushälterin für einen respektablen Wittwer.

Dieses solide eherne Zeitalter ist nun vorüber; wir sind im bleiernen, dessen Gewicht so schwer auf der Menschheit lastet, daß sie das Blei in eine Menge von Formen und Gestalten verarbeitet, um es tragbarer zu machen. Sonst war der weibliche Beruf der einfachste, der gar kein Besinnen brauchte, jetzt sind fast die Männer zu beneiden, die doch die Wahl unter bestimmten Brodstudien und eine mehr abgegrenzte Bahn zu durchlaufen haben, während eine töchterreiche Mutter ihrer Seele keinen Rath weiß, für welche Art von Zukunft sie ihre armen Mädchen zustutzen soll, wenn sie sie nicht dereinst nach Californien spediren will.

Doch ich wollte keine kulturhistorische Abhandlung liefern, gewiß nicht! Darum bitte ich den geneigten Leser mir nur in die Stube einer Hausfrau der neuen Zeit zu folgen (ein Budoir besitzt sie nicht), und er wird die Drangsale einer armen Frau begreifen, die der Zeit Rechnung tragen muß.

Und es ist noch eine recht gute Frau, bei der ich euch einführen will, keine Emancipirte und kein Blaustrumpf. Sie hat Mann und Kinder von Herzen lieb und nach achtzehnjährigem Ehestand noch hie und da eine wehmüthige Sehnsucht nach den idyllischen Freuden ihrer Brautzeit. Ihr Mann ist der respektirte Herr des Hauses und ihre Kinder ihres Herzens Stolz und Freude, wenn sich dieselbigen auch theilweise etwas tölpelhaft geberden würden, falls sie, gleich den Gracchen, anstatt des Schmuckes präsentirt werden sollten.

Frau Bernhard steht zu einer ziemlich frühen Stunde auf, denn ein schweres Tagwerk liegt vor ihr. Morgens hat sie ihre Einsammlungen für den Kreuzerverein für Schleswig-Holstein zu machen, eine Arbeit für die indische Missionslotterie soll vollendet werden; Nachmittags ist eine Sitzung des verwahrlosten Kindervereins; Abends Arbeitskränzchen des Frauenvereins für arme Wöchnerinnen; daneben trifft sie die Runde der Krankenbesuche und die Visitation der Suppenanstalt. Das alles ist nur das Departement der auswärtigen Angelegenheiten, die innern sind gar nicht aufzuzählen.

Es ist noch eine Weile still im Haus, die liebe Jugend schläft, die Köchin besorgt das Frühstück und die Kindsmagd den Kleinen. Jetzt könnte sie eben noch die Statuten eines Beschäftigungsvereins für brodlose Mädchen aufsetzen, und daneben hat sie den jüngsten poetischen Versuch ihres ältesten Sohnes zu recensiren. Schon ist sie an Paragraph 3 der Statuten: »Die beaufsichtigenden Frauen erbieten sich zu mütterlicher Leitung und Anweisung der Mädchen,« da erschallt die etwas gellende Stimme ihrer Sophie aus dem Bett: »Mutter, mein Strumpf hat ein Loch.« – »Schon wieder! Mädchen, wie greifst du's an, alle Tage zwei zu zerreißen! Bäbele gibt dir andere.« – Die etwas kleinere Kornelie kann die Schuhe nicht anziehen. »Natalie soll dir helfen.« – »Die Natalie singt schon eine halbe Stunde; es ist heute Probe des Vereins für ursprüngliche Volksmelodien,« bemerkt der eintretende Ehemann, der einen zerrissenen Paletot in der Hand hält. »Vor acht Uhr solltest du mir die Knöpfe da annähen; so kann ich ihn zu keinem Krankenbesuch mehr anziehen.« Während die bedrängte Frau die Knöpfe verspricht und die Köchin an die Schuhe der seufzenden Kornelie kommandirt, rückt der Gustav an mit dem Zumpt in der Hand: »Mutter, überhör' mich!« Mechanisch nimmt sie das Buch und der Bube leiert mit heller Stimme:

Viele Wörter sind auf is
Masculini generis etc.

Jetzt aber schreit der Kleine, dem das Bäbele den Mund mit dem Brei verbrannt hatte; die Mutter läßt den Zumpt fallen und eilt dem Kind zu Hülfe, der Mann beordert das Frühstück herein, die krawalirende Jugend sammelt sich um den Tisch, die Mutter erscheint endlich auch, nachdem sie »nur geschwind« die Milchfrau bezahlt und den Buben der Frau Registratorin drüben abgefertigt hat, der schon in aller Frühe gekommen ist, um die »Worte einer Frau an Frauen über ihre Stellung zur Gegenwart« für seine Mutter zurückzufordern. Auch Natalie erscheint und muß eilig Kaffee trinken, um zeitig in die englische Stunde zu kommen; der Gustav kündigt an: »Mutter, du mußt mich dann erst noch zwei Seiten im Kärcher überhören,« und der zehnjährige Emil supplicirt um eine gestickte Fahne für das bevorstehende Schützenfest für Knaben; die dreizehnjährige Mathilde hat heute die erste Abendstunde in der Experimentalphysik, und Natalie erinnert die Mutter, vom Einsammeln für die Holsteiner doch ja noch zeitig in die Vorlesung über alte Hünengräber zu kommen.

Eine einzige friedliche Viertelstunde rettet die vielgeplagte Frau für das Morgengebet. Das Lied, das sie heute liest, sind auch Worte einer Frau, der frommen Schweizerin Anna Schlatter, und die Strophe:

Und drängt mich der Geschäfte Last,
Will ich entlaufen dir,
Der du den Sturm gestillet hast,
Still auch den Sturm in mir!

ist ihr aus der Seele geschrieben und hilft ihr zu etwas Ruhe und Sammlung. Aber das äußere Leben mit seinen Forderungen fällt alsbald wieder gewaltsam über sie her.

Wir wollen sie nicht den ganzen Tag auf ihren Gängen begleiten durch Armenhütten, Krankenstuben, Vereinssitzungen, Vorlesungen, in die Lehrstunden der Kinder, wo in neuerer Zeit eine gewissenhafte Mutter hie und da assistiren muß, in die Küche, wo das Sauerkraut angebrannt ist und die Suppe um ein Haar ungesalzen auf den Tisch gekommen wäre, in die Stube, wo die Kornette eben im Begriff ist, das Brüderlein aus lauter Liebe mit einem Stück Brod zu Tod zu stopfen, bis sie am Abend endlich erschöpft neben ihrem gleichfalls erschöpften Mann auf dem Sopha sitzt.

»Aber hör', Liebe,« meint der, »so kann's doch unmöglich fortgehen; du gehst an Leib und Seele zu Grund.« – »So sag mir,« fragt die bedrängte Frau, »wo ich abbrechen soll? Die Schleswiger Sammlung kann ich unmöglich aufgeben.« – »Nein, die nicht, das ist eine deutsche Sache!« – »Die Krankenbesuche auch nicht, du bist ja Arzt und sagst selbst, daß sie manchmal wohlthätig sind.« – »Manchmal, meinetwegen, aber die Vorlesung?« – »Aber, Lieber, du weißt doch, daß ich an meiner Ausbildung noch manches nachzuholen habe; zudem schickt sich's nicht, ein junges Mädchen allein gehen zu lassen, und für Natalie ist es unerläßlich; du weißt ja, welche Ansprüche man gegenwärtig an junge Mädchen macht.« – »Schon gut, aber die Experimentalphysik und die italienische Conversationsstunde für die Mathilde neben den vielen andern Lektionen –« – »Aber siehst du denn nicht ein, daß die Mathilde nicht hübsch ist? Mitgeben können wir ihr nicht viel, so bleibt nichts übrig, als sie zur Gouvernante auszubilden, und sie hat noch nicht die Hälfte der Fächer gehört, die dazu erforderlich sind, zumal sie nicht musikalisch ist, was ein so großer Vorzug bei Natalie ist. Aber leid thut mir's, daß ich nicht mehr Zeit habe, die poetischen Versuche Hermanns zu leiten und seine Tagebücher durchzusehen, und jetzt kommt die Zeit, wo für die Sommerkleider zu sorgen ist und für Schmalz.« – »Ja, fällt mir bei dem Schmalz ein, das Essen wird alle Tage schlechter, wie kommt's denn?« – »Weiß wohl,« seufzte die Frau, »die Greth hat eben gar keine Pietät für's Kochen, wenn ich nicht selbst darnach sehe, so ist's nichts.« – »So thu in Gottesnamen eine gewandte Köchin ein, es wird das Leben nicht kosten.« – »Das wird wohl nöthig sein, obgleich so eine Köchin vom Fach immer anspruchsvoll ist. Eine Aenderung mit der Kindsmagd wäre aber noch nöthiger, Bäbele ist brav, aber wie die meisten Bauernmädchen plump und schwerfällig in Verkehr mit Kindern, sie weiß die kleinen nicht zu unterhalten, dann werden sie immer unartiger.« – »Das weiß Gott,« seufzte jetzt der Doktor, »ich kenne ihre Stimmen nur noch am Schreien, und wenn sie Abends heimkommen, fällt mir, verzeih mir's Gott, immer der Vers aus der Glocke ein:

Kommen brüllend,
Die gewohnten Ställe füllend,

aber wie willst du da helfen?« – »Ich sollte ein jüngeres Kindermädchen haben, Selma schlug mir eine vor, die in Fröbels Anstalt für Kindergärtnerinnen gebildet wurde, aber das ist zu theuer.« – »Bah, Unsinn, was Kindergärtnerin?« – Ja gewiß, Lieber, wenn du nur den letzten Aufruf an Mütter gelesen hättest, man kommt sich wie eine wahre Rabenmutter vor, wenn man seine Kinder nicht nach Fröbel'schen Grundsätzen erzieht. Ich will auch nächstens, sobald ich dazu komme, die ganze Fröbel'sche Erziehungsliteratur studieren und indessen ein ganz junges, bildsames Geschöpf zum Kindsmädchen nehmen, die den Kindern Hüterin und Gespielin zugleich ist. Ich weiß schon eine solche, ein Blümchen vom Thale, ein wahres Madonnengesichtchen, ganz unverdorben, unberührt vom Welthauch, die Pfarrerin von R. hat sie mir empfohlen, sie ist wirklich zur Aushülfe bei Stadtpfarrer N's. – »Nun gut, so nimm den Seraph, wenn er uns nicht davon fliegt; sind wir dann versorgt?« – »Ja, – das heißt, ich fürchte sehr ein zu großes Dienstpersonal, aber wenn wir für Küche und kleine Kinder sorgen, so wäre es doch unrecht, wenn die größern Kinder, eben im bildungsbedürftigsten Alter, verwahrlost bleiben sollten.« – »Schatz, das geht in's Große. Wäre es nicht kürzer, ich suchte eine Oberamtsarztstelle in einem Landstädtchen? In kleinen Städten fallen doch diese Teufeleien von Vorlesungen und was zum Gukuk noch, weg und die Sache ließe sich vereinfachen.« – »Unmöglich! Wolltest du deine unversorgten Kinder aller der Bildungsmittel berauben, die eine größere Stadt bietet, und die ihnen allein eine Zukunft sichern können?« – »Nun denn,« sagte der Doktor resignirt, »was verlangst du drittens?« – »Nun siehst du, ich sollte ein gebildetes Mädchen haben, die in meiner Abwesenheit bei den Kindern meine Stelle versieht, die Lectionen und Arbeitsübungen der Mädchen beaufsichtigt und mir im Nähen etwas Beistand leistet. Wenn du die Berge von Flickwasch ansähest! und ich muß jetzt an die Kleider der Mädchen denken, …« – »Und an meine Hemden,« sagte der Mann lachend, indem er an dem bauschenden Kragen zog, »sie sitzen nun und nimmermehr recht.«

Diesen Stein des Anstoßes und Quell der Trübsal für Männer und Frauen, die Klage über nicht passende Männerhemden, die auch ein Produkt der Neuzeit ist, wollen wir beruhen lassen und nur das Endresultat der ehelichen Berathung mittheilen. Diese bestand darin, daß die Frau sich willig zeigte, die Abendvorlesung über die Literatur der Chinesen, so wie die freien Vorträge über die Bedeutung der Grundideen des Sophokles für das weibliche Leben, die ein durchreisender Literat hielt, aufzugeben; dagegen willigte der Mann ein, daß eine tüchtige Köchin, das gerühmte Madonnenköpfchen als Kindsmagd, ferner ein gebildetes Mädchen zur Leitung und Beaufsichtigung der Töchter angestellt werde; durch die Hilfe der letztern würden dann auch alle auswärtigen Nähterinnen entbehrlich, was dem Mann ein großer Vortheil schien. So schloß die Verhandlung im Frieden, während die Kinder alle schon in tiefer Ruhe lagen, bis auf Mathilde, die noch eine italienische Übersetzung zu besorgen hatte, und Natalie, die mit schmelzender Stimme sang: »Mei Herzle ist klei, Kann Niemand drei nei; Nu an einziger Bua Hats Schlüssele darzua.«


Zu den vielen Drangsalen der guten Frau Bernhard kam nun auch noch das, daß sie sich um das neue Personal umsehen mußte. Aber schon der nächste Merkur brachte ungehofften Rath. Sie las, wie gewöhnlich, die Traueranzeigen, zu mehr reichte ihre beschränkte Zeit selten, obgleich sie ihren Mangel an politischer Bildung oft schmerzlich empfand, und stieß unwillkürlich ein ganz erfreutes: »Das ist jetzt geschickt!« heraus. – »Was ist so geschickt?« fragte verwundert der Mann. – »Ach, die Hofrath Mizlenius ist gestorben; weißt, sie war schon lang kontrakt; es ist ihr wohl gegangen,« setzte sie entschuldigend hinzu. »Nun, warum ist's dann geschickt?« – »Ja, die hat einen Ausbund von Köchin, die schon sechs Jahre bei ihr ist, wenn ich die bekommen könnte, so wären wir versorgt.«

Die betriebsame Frau ging gleich auf dem nächsten Vereinsgang in das Trauerhaus und erstand den Phönix von Magd glücklich für das nächste Ziel.

Noch aber fehlte die dritte im Bunde, das »Mädchen von Bildung,« die die Mutter bei den Töchtern ersetzen und den Patienten Auskunft geben sollte, wenn der Doktor abwesend war. Die schien schwerer zu finden, obgleich die Zeitungen wimmelten mit gebildeten Mädchen aller Art, von ansprechendem Aeußern, vortrefflichem Charakter und bescheidenen Ansprüchen, die Alles auf der Welt verstanden und noch Einiges mehr; aber die Frau Doktorin hätte doch noch eine andere Garantie gewünscht.

Auch dafür wurde Rath. Selma, die ästhetische Freundin, der die Doktorin ihr Bedrängniß mittheilte, hatte vergangenes Jahr im Bade die Bekanntschaft eines Fräuleins gemacht, die ihr vollkommen für diesen Zweck geeignet schien, ihre Herkunft war etwas dunkel, aber interessant, ihr Vater war in der Polenschlacht gefallen, oder so, sie war in vornehmen Häusern Gouvernante oder Gesellschafterin gewesen, würde aber nun vorziehen, in eine Familie einzutreten, in deren Schooß sie eine Heimath fände.

Das traf sich wie gerufen. Die Fräulein Klara Werning zeigte sich auch willig, zu mündlicher Verabredung zu kommen, und gefiel außerordentlich beim ersten Auftreten. Sie war nicht eben mehr in der ersten Jugend, eine schöne, volle Gestalt, noch blühend und frisch mit schönen, blauen Augen. Die Doktorin fürchtete nur, ihr Haus werde zu einfach für sie sein, aber Klara sprach so schön über den Segen der Armuth, über das Glück eines stillen Familienlebens, daß sie vollkommen beruhigt wurde; nur das Eine machte ihr noch Kummer, ob sie selbst sich neben einem so ausgezeichneten Wesen keine Blöße gebe.

Fräulein Klara versprach ihren Eintritt auf Georgii, und von Stund an wurden die Kinder bei vorkommenden Unarten immer mit dem Beisatz ermahnt: was wird einmal Fräulein Klara dazu sagen, wenn ihr so ungezogen seid?

Georgii kam und mit dem Tage zogen die drei neuen Genien ein. Fräulein Klara in das Zimmer, das sie mit den ältern Töchtern theilen sollte, das Madonnengesichtchen, Gretchen genannt, in die Kinderstube, Madele, die Köchin, in Küche und Kammer, die ihr Reich sein sollten. Etwas verächtlich sah die Letztere auf Gretchens kleinen Bündel und auf den schmalen Koffer der Klara: ihr folgten vier Nachbarmägde mit Körben auf dem Kopf, von denen solide Kleider, Schürzen mit langen, farbigen Bändern recht vielverheißend herabhingen.

»Es freut mich, daß Sie in Kleidern und Weißzeug solid eingerichtet ist,« sagte die Doktorin.

»Ja, die ist eben schon glücklich gewesen,« bemerkte naiv Eine der Begleiterinnen, »zwei Trauern! in dem Haus, wo sie vor zehn Jahren war, ist der Sohn gestorben, und jetzt gar die einzechte Frau, mit der die Haushaltung aufhört, das ist freilich das Nützlichste, da kann man 'ring zu einem Bett und Kasten kommen, wo ein anderer armer Tropf sein Lebtag d'ran sparen muß.«

Die Andere hatte mehr Takt und sagte: »Ja, es stoßt Einem aber auch fast 's Herz ab, wenn einen so der Tod trennt,« was das Madele mit einem improvisirten Schluchzen bestätigte.

Dem Doktor gefiel die Köchin besonders wohl. »Ein ganz klassischer Magdkopf,« meinte er, als er ihr etwas grobes, gebräuntes Gesicht und ihre kräftige, starkknochige Gestalt überschaute. »Wir haben jetzt alle Schulen vertreten unter unsrem Dach, die Klara ist mehr antik, Gretchen vertritt das mittelalterliche, romantische Element, und die Madel, die ist niederländisch. Wenn nur ein ordentliches Resultat bei dieser Mischung herauskommt.«

Der Haushalt ordnete sich auf's Beste, die Kinder schlossen sich bald an Gretchen an, dem man erlaubte, auf dem stillen Rasenplätzchen hinter dem Schloß mit ihnen spazieren zu gehen und zu spielen; Madele herrschte in der Küche höchst unumschränkt, zwar mit ungemeinem Geräusch und Gepolter, aber mit Umsicht, das Essen war jederzeit vortrefflich gekocht, was dazu beitrug, den Herrn bei guter Laune zu erhalten.

Klara begleitete Natalien in die Vorlesung über Hünengräber und in die über Sophokles, die Doktorin trat ihr diesen Genuß neidlos ab, so ›äußerst interessant‹ sie auch jederzeit diese Verträge gefunden hatte. Klara leitete auch die Singübungen, begleitete die Mädchen auf Spaziergängen und gab ihnen Unterricht; die Doktorin konnte sich beruhigt ihrer Vereinsthätigkeit hingeben, und das war gut, denn die Ansprüche vermehrten sich fortwährend.

Sie brachte mehr als ihre halbe Tageszeit in der Aufopferung für Andere zu, die gute Frau; eine Visite je und je, ein Kränzchen, in dem aber für die Mission gearbeitet wurde, war aller Genuß, den sie sich verstattete, das Uebrige war pure Hingebung und doch wurde ihr nicht wohl dabei. Sie wurde allmählig so fremd in ihrem eigenen Hause; der Mann, der sie selten beim Nachhausekommen antraf, suchte seine Unterhaltung auf dem Museum, die kleinen Kinder waren so sehr an's Fortgehen mit dem Gretchen gewöhnt, daß sie bei der Mutter nicht mehr lange bleiben wollten; – es kam der Doktorin immer wie ein provisorischer Zustand vor und doch sah sie nicht ein, wenn ein definitiver folgen sollte.

Auch bei dem Personal stellten sich einige Schattenseiten heraus. »Hör', die Madel kocht gut,« bemerkte der Mann beim Frühstück, »aber der Kaffee ist schlechter als sonst.« – »Ich weiß wirklich nicht, woran es liegt, sie verbraucht mehr als die frühere.« – »Mir ist die Sache verdächtig, ich wollte gestern meine Pfeife in der Küche anzünden, was sie stets sehr ungnädig aufnimmt, da bemerkte ich, daß bereits eingeschenkter Kaffee von prächtiger Farbe auf dem Küchentisch stand, ich glaube, sie trinkt den ersten Aufguß und wir, was nachläuft.« – »Ja, das ist so ein Vorrecht, das sich hie und da alte Köchinnen nehmen,« sagte die Frau verlegen, »der Kaffee ist ihr Einziges, man wird ihr das nicht wehren können, sie ist dafür in allen andern Sachen um so ehrlicher.« – »Das scheint mir ein ziemlich unbegründeter Schluß,« lachte der Doktor, »und dann ist sie unverschämt grob; gerade wie ich gestern aus der Küche ging, wetterte und tobte sie hinter mir, daß ich meinte, die Küche falle zusammen, und sagte so laut, daß ich's hören mußte: ›was hat Der in meiner Küche zu thun! ich laß ja seine Studierstub' auch ungeschoren.‹« – »Das mußt Du ihr zu gut halten, Lieber, sie hat mir selbst in einer vertrauten Stunde gestanden, daß grob sein ihre Natur sei, ihr Vater schon sei ein entsetzlich grober Mann gewesen.« – »Ein schöner Trost!« – »Und dann,« versicherte die Frau weiter, »ist das gerade das beste Zeichen ihrer Ehrlichkeit, daß sie grob ist; ich gestehe, daß ich selbst sie fürchte und fast nimmer wage, in meine eigene Küche zu gehen, aber das sind gerade die Besten, so der ächte Schlag alter Mägde; unsere alte Bärbel daheim war so grob, daß sie der Mutter einmal eine Kachel vor die Füße warf, und die Mutter sagte oft, eine bessere Magd habe sie nie gehabt.« – »Ei den Gukuk auch, für die Vortrefflichkeit bedanke ich mich; und Geld brauchen wir rasend viel, wenn ich nicht bald Leibarzt beim Großmogul werde, so weiß ich nicht, woher es nehmen.« – »Weiß wohl!« seufzte die Frau, »in die Küchenausgaben läßt sich so eine perfekte Köchin nichts einreden, dann sind wir eben ein Haus voll Leute und leben in einer ungewöhnlichen Zeit.« – »Ja, ich merk's stark,« brummte der Doktor, »wenn sie nur nicht schon drei Jahre lang dauerte!«


Ein ander Mal fand er Abends, daß das Kindermädchen doch gar zu spät mit den Kleinen nach Hause komme.

»Es ist freilich ein Fehler,« gestand die Frau zu, »ich habe deßhalb auch vorgeschlagen, unsere Vereinssitzungen vom Abend auf den Nachmittag zu verlegen, damit ich Abends öfter zu Hause bin; das Gretchen ist eben noch ein pures Kind, an die Natur gewöhnt, kann sie sich nicht losreißen und vergißt sich im Spiel mit den Kindern.« – »Meinst du wirklich, es stecke nichts Schlimmeres dahinter? Die Kornelie erzählte mir gestern: ›Date bielt‹, auch der Kleine sprach schon von Soldaten, die mit ihm gespielt, das Mädchen ist hübsch, ich fürchte eine Militärbekanntschaft …« – »O, was denkst du, das Kind! sie ist so schüchtern, daß es mir oft lästig wird; sie besorgt mir keinen Auftrag in ein Haus, wo Männer sind.«

Der Doktor behielt seine Zweifel.

Klara inzwischen ging in stiller Majestät ihres Weges, war es auch mit der Nähhülfe nicht so viel, als die Doktorin gehofft, Erziehung schien dagegen ihr Hauptfach; die Mama wurde freilich hie und da gereizt durch den entschiedenen Ton, mit dem sie in ihrer Gegenwart den Kindern Lehren und Verweise gab, der Vater bekam dafür nur desto mehr Respekt vor ihr. Sie hatte so gar vortreffliche Grundsätze; es war Genuß und Erbauung zugleich, sie über Tugend und Religion, Selbstverleugnung und Seelenadel sprechen zu hören.

Mit Natalie und Hermann, die eben im freundschaftswüthigsten Alter waren, stiftete sie einen Tugendbund, sie schrieben Tagebücher und lasen sie einander vor, sie bekamen eine wahre Jagdliebhaberei auf Fehler, nur um dieselben einander nachher zu bekennen.

Ueber die Befähigung Klara's zum Unterricht kamen dem Doktor bescheidene Zweifel, wenn er je und je zufällig einer Lehrstunde beiwohnte; zwar viel schöne Redensarten, aber, wie ihm schien, wenig Reelles dahinter. Sie hatte namentlich eine naive Art, unbequeme Fragen abzuweisen, die Lehrern sehr zu empfehlen ist. Einst hielt sie in der Geographiestunde eine schöne patriotische Rede über den Rhein. »Aber wo entspringt er?« fragte Mathilde. – »Es ist eine Schande, daß du's nicht weißt,« sagte Klara würdevoll. »Ich möcht's aber wissen,« sagte Mathilde. – »Gerade zur Strafe für deine Unwissenheit sage ich's dir nicht,« beschied sie Klara.

In der Nähe von Doktors Wohnung war eine Apotheke gelegen, in der der Doktor den meisten Geschäftsverkehr hatte. Der Lehrling daselbst, ein junger Mensch von ungemein viel Kopf (er mußte sich seine Mützen stets extra bestellen), hatte hie und da Aufträge oder Anfragen seines Lehrherrn an den Doktor zu überbringen, und die jungen Mädchen kicherten, so oft er kam, weil Mathilde die kleine Sophie hatte sagen lehren: »Ludwig Dickkopf.« Nun vertraute eines Tags der Apotheker dem Doktor, der Ludwig entferne sich hie und da Abends und seine Magd habe ihn schon vor dem Doktorhaus auf und ab gehen sehen zur Stunde, wo Fräulein Natalie gesungen; auch bringe er unterschiedliche Blümlein nach Hause, die nicht auf Botanisirgängen gesammelt worden. »Nun, sehen Sie,« meinte der Apotheker, »ist der Ludwig noch ein heller Bub', kaum der Schule entwachsen, armer Leute Kind, und Ihre Fräulein Tochter ein Kind.« – »Gewiß, gewiß!« erwiderte der Doktor mit rothglühendem Gesicht, nahm Hut und Stock und eilte nach Hause.

Die Frau kam eben aus dem Abendkranz zur Veredlung armer Bürgerstöchter, als der Mann in Hast eintrat. »Was ist's? hast du keine Gesellschaft auf dem Museum getroffen?« – »Ich habe, – den Apotheker, – Frau, sag' mir, ist's möglich, kann Natalie so dumm sein und an eine Liebschaft mit dem dickköpfigen Ludwig denken?« – »Natalie, das kleine Mädchen? du bist nicht gescheidt!« – »Der Apotheker sagt mir, er gehe am Hause vorbei, wenn sie Abends singt, und bringe Blumen heim; daß doch der Kukuk!« – »Ach, geh', das ist nichts! Frag' nur die Klara; diese ist ja immer bei den Singübungen.«

Klara wurde beschieden; der Vater, immer noch heftig aufgeregt, trug ihr den Fall vor und fragte sie auf's Gewissen. »Wie können Sie das glauben?« sagte sie lächelnd mit ihrer wohltönenden Stimme und dem festen Blick ihrer schönen Augen. »Natalie ist ein Kind und lacht höchstens über den dickköpfigen Buben, ein Kind, bei dem ich mich wohl gehütet, die Saite nur mit einem Hauch zu berühren, die einst den Grundton ihres Lebens angeben soll. Nein, lieber Herr Doktor, da lassen Sie mir die Sorge; ein Glück, daß Sie das Kind auch nicht mit der leisesten Frage aus seiner Unbefangenheit gestört! Natalie und ein Liebesverhältniß!« Sie lachte hell auf, des Doktors Herz war wieder leicht und er meinte: »Ein gescheidtes Mädchen ist sie doch, viel Takt, viel Menschenkenntniß; die Mädchen kann man ihr ruhig anvertrauen; wenn sie nur nicht oft so gar weise wäre.«


Es gehört zu den Gebrechen unserer armen Zeit, daß selten eine Haushaltung des gebildeten Mittelstandes mehr im Stande ist, ein ordentliches Weinlager zu halten, was sonst mit zum Fond eines soliden Hauses gehörte. Auch des Doktors Kellervorrath beschränkte sich auf ein Mostfaß und ein kleines Fäßchen mit edlem Weine, das je von Zeit zu Zeit beim Weinhändler wieder gefüllt wurde. Dies Fäßchen wurde in neuerer Zeit erstaunlich oft leer. »Weißt du nicht, Liebe,« fragte der Doktor seine Frau, »ob der Vater unsrer Madel, von dem sie ihre Grobheit geerbt, nicht auch zufällig ein Säufer war?« »Warum?« »Weil unser Wein immer so reißend schnell zu Ende geht, es könnte doch sein, daß er ihr beliebte.« – »Bewahre! sie trinkt gar nichts hitziges, es steigt ihr gleich so zu Kopfe, sie trinkt nicht einmal Most.« »Das wäre noch kein Grund, ich habe meine Bedenken, will einmal gelegentlich selbst im Keller nachsehen.«

Frau Bernhard fühlte sich mehr und mehr unbehaglich, trotz ihres vortrefflichen Hauspersonals, sie hatte in allen Gebieten ihres Hauswesens den festen Boden verloren und auf den weiten Gebieten ihrer neuen Thätigkeit konnte sie keinen fassen.


Jean Paul sagt einmal: es gibt im häuslichen Leben verrichtete, verwetterte, verregnete Tage, an denen alles Unglück zusammenkommt, wo alles keift und knurrt und mit dem Schwanze wedelt, wo die Kinder und der Hund nicht Muk sagen dürfen, wo der Herr des Hauses alle Thüren zuwirft und die Frau das Schnarrregister des Moralisirens zieht, wo lauter alte Schäden zu Tage kommen, wo alles zu spät kommt, alles verbrät, alles überkocht etc.

Ein solcher Tag brach nun auch über dem Hause des Doktors an.

Die Frau kam eben von dem Hause, wo sie die letzteingegangene Summe für Schleswig abgeliefert und einige andere Vereinsgeschäfte besorgt hatte, Klara war mit den Mädchen in die Vorlesung und Gretchen mit den Kleinen auf den Rasenplatz gezogen.

Froh, doch noch vor ihrem Mann nach Hause zu kommen, eilte sie die Treppe hinauf, da hörte sie aus der Küche dumpfes Stöhnen. Aus Respekt vor der ungnädigen Madel hatte sie diese in letzter Zeit kaum mehr zu betreten gewagt, jetzt eilte sie hinein, da lag Madele mit dunkelrothem Angesicht und stieren Augen und konnte nur noch undeutliche Jammertöne ausstoßen, während der Fleischtopf überlief und das Gemüse verbrannte. »Um Gotteswillen, Madele, was fehlt Ihr?« fragte sie; »'s ist mir so übel,« – stöhnte diese, »noch ganz nüchtern …« – »Unmöglich, Sie hat ja gefrühstückt!« Während die gute Frau sich vergeblich bemühte, den schweren Körper emporzubringen, kam der Mann nach Hause. »Ach Gottlob, daß du kommst! da sieh, das arme Madele, ich fürchte einen Schlagfluß.«

Der Doktor besichtigte die Leidende ziemlich kaltblütig, »die muß in ihr Bett geschafft werden,« entschied er kurz. – »Aber sie ist ganz ohnmächtig und du allein bringst sie nicht hinein; ach, das fehlte uns noch, eine kranke Magd!«

Der Doktor sah zum Fenster hinaus, ein Polizeidiener spazierte eben vorüber, er rief ihn um den christlichen Liebesdienst an und dieser eilte herbei. Die Kammer der Magd war verschlossen, der Schlüssel nirgends zu finden, die Leidende gab Zeichen der Weigerung von sich, als man sie hinein bringen wollte, der Doktor aber drückte die Thür ein. Das jungfräuliche Gemach war nicht in der schönsten Ordnung und der erste Anblick, der sich bot, waren etliche Töpfe und Krüge unter dem Bett. Der Doktor roch daran: »hab' mir's gedacht, habe nicht umsonst ein wenig Alkohol unter den Rest des guten Weines im Keller gemischt, – da haben wir die Bescheerung.« – »Aber Karl, das hast du gethan? wenn sie nun stirbt!« – »Stirbt nicht. Unter diesen Umständen wird es nicht unerlaubt sein, die Effekten dieses Ehrlichkeitsspiegels näher zu untersuchen.«

Der Kasten wurde erbrochen Und zeigte eine schöne Bescheerung, Kaffee, Zucker, Leinwand, Schmalz, Faden, Kleidungsstücke, Weißzeug, und je und je rief die Doktorin: »ach, das ist ja mein!« – »Da bleibt keine Wahl, als Ihnen die Person zu übergeben!« wandte sich der Arzt zum Polizeidiener, »sobald sie den Rausch verschlafen hat.«

Die Frau war ganz angegriffen von der unerwarteten Entdeckung, der Doktor hatte nur zu trösten. »Aber wo bleiben die Kinder?« fragte sie endlich angstvoll, »es ist ja Mittag, um elf Uhr hätte Gretchen mit ihnen zu Haus sein sollen.« Ein vierstimmiges Geheul von der Straße antwortete ihrer Frage, sie war zu matt und entkräftet, um nachzusehen, der Doktor öffnete die Hausthür, da stand Gretchen, bleich und zitternd, den kleinen Rudolf auf den Armen, der aus einer Kopfwunde blutete, Kornelie und Sophie, die unverletzt waren, schrieen zur Gesellschaft womöglich noch lauter als der Verwundete. »Was ist's mit dem Kind?« rief der Doktor entsetzt. »Es ist auf einen Stein gefallen,« sagte Gretchen stotternd. »Das ist keine Wunde von einem Stein,« meinte der Doktor kopfschüttelnd, und trug eilig das Kind herauf, um es zu verbinden. Gretchen wurde in die Apotheke geschickt, die Mutter vergaß ihren Schreck über der Sorge um das Kind, an's Essen dachte Niemand, bis Klara, die mit den Mädchen heimkam, sich dazu verstand, nach der verwaisten Küche zu sehen. »Mutter, ich weiß, woher der Rudolf die Wunde hat,« sagte Sophie geheimnißvoll, als sie mit der Mutter allein war, »er ist nicht auf einen Stein gefallen, in den Säbel.« – »In welchen Säbel?« – »Ja, von dem schönen Herrn Offizier, bei dem Gretchen in der Stube war; weißt, der Bediente, der allemal mit uns gespielt hat, so lang Gretchen bei ihm nähen mußte, der hat den Säbel herausgezogen und uns gezeigt, dann hat er ihn liegen lassen und der Rudolf ist darein gefallen. Der Herr Offizier hat nicht leiden wollen, daß wir heimgehen, aber wir haben so arg geschrieen!« – »Seid ihr denn oft dort gewesen?« – »Fast alle Tage.« – »Aber Kind, warum hast du mir's nicht gesagt?« – »Ja, Gretchen hat gesagt, du werdest so arg böse, wenn du hörest, daß sie nähe in einem andern Hause, und der Herr Offizier haue uns den Kopf ab, wenn wir's sagen. Wenn du aber allein gewesen wärst oder Nachts bei uns, ich hätte dir's doch gesagt; weißt, Kornelie ist noch so dumm.«

Also das war Nummer zwei. Das Gretchen, erschüttert von dem Unglücksfall, bekannte, daß sie schon, ehe sie in den Dienst getreten, das Wohlgefallen eines sehr vornehmen Herrn auf sich gezogen; während nun die Mutter ihre Lieblinge in unschuldigen Spielen mit dem Madonnenköpfchen wähnte, war dies bei dem Grafen, und die Kinder indeß der Obhut eines Bedienten übergeben, der so schlecht war wie sein Herr.

Die Frau hatte genug. Die Wunde schien zum Glück nicht gefährlich; sie wich nimmer von des Kindes Bette.

Die Töchter erfuhren erstaunt, was man sie von der furchtbaren Magdkatastrophe erfahren ließ, »ich wollt', die Klara ginge mit,« murmelte Mathilde, »die ist mir um nicht viel lieber.« Sie wagte aber nicht, es laut zu sagen.

Es war Nacht, die Kinder waren zur Ruh, die Madel hatte nach schmerzlichem Erwachen der Polizeidiener abgeholt. Dem Gretchen hatte man ihrer Jugend und Reue wegen Schonung gelobt, sie sollte in möglichster Bälde in der Stille nach Hause. Die Mutter saß am Bette des kranken Kindes, das sanft schlief, und dachte an gar viel, – nicht an Vereine. Da kam Natalie leise mit dem Nachtlicht herein. »Ei, Kind, du bist noch wach?« – »Ja, Mutter,« hob Natalie sehr verlegen an, »ich sollte dich noch etwas fragen.« – »Was denn, Kind?« – »Mutter,« sagte das Mädchen ängstlich, »sag mir doch, kann's denn sein, daß ich in den Apotheker-Ludwig verliebt bin?« – »Du, Kind?« fragte die Mutter erschrocken. – »Freilich,« schluchzte das Mädchen, »Klara sagt's und ich könne ihn nun mein Lebenlang nimmer vergessen. Ach, Mutter ist's denn wahr, und bekomme ich denn einmal keinen andern? Und er ist doch so dumm!«

Das arme Kind weinte, daß es einen Stein erbarmen konnte. »Aber Kind,« fragte die entsetzte Mutter, »so sprich nur, warum meinst du's denn?« – »Sieh, ich habe zwar Klara unter freiem Himmel schwören müssen, ich wolle euch nichts sagen, aber jetzt, wo so arge Sachen geschehen, kann ich doch nimmer schweigen. – Wie ich, vor vielen Wochen schon, das neue serbische Volkslied probirte und nachher noch meinen Blumentopf ausgoß, um frisches Wasser hinein zu thun, stand der Apotheker-Ludwig unten. »Was thut denn der Dickkopf noch da?« fragte ich Klara. Da schaut sie mich so sonderbar an – o, ich kann gar nicht sagen wie – ganz tief heraus – und sagt: »Natalie, weißt du nicht, was stille Liebe ist?« – »Das weiß ich freilich,« sagte ich. Da deutet sie hinab, wo der Ludwig stand und flüstert mir in's Ohr:

»Und so saß er viele Tage,
Viele Jahre lang,
Harrend ohne Schmerz und Klage,
Bis das Fenster klang.«

»Und so hat sie mir alle Tage und Abende vorgesprochen, wie mich der Ludwig so unaussprechlich lieb habe, und stundenlang in der kalten Nacht dastehe, nur um einen Ton meiner Stimme zu hören. Zuletzt plagte sie mich, ich solle ihm nur ein einziges Blümlein hinunter werfen; das hab' ich zweimal gethan. Dann stellte sie mir vor, wie unglücklich ich den Ludwig machen würde, wenn ich euch etwas sagte, und ließ mich unter dem Sternenhimmel schwören, daß ich keiner Seele ein Wort davon vertrauen wolle. Sie hat mir auch keine Ruhe gelassen, ich solle ihm einmal eine Locke hinunter werfen, das sei sein höchster Wunsch. Aber du weißt, ich trage ja keine Locken, und aus meinen Haaren schneiden, wollte ich auch nicht; aber ich hatte viel herausgekämmte, von denen hab' ich einmal hinunter geworfen. Gesprochen hab' ich aber kein einzigmal mit dem Ludwig. Neulich, als ich schon schlief, kam sie mit dem Licht an mein Bett, ich wachte auf und sie sagte mit feierlicher Stimme: »Natalie, du liebst?« – »Ich?« fragte ich, »wen denn?« – »Du liebst Ludwig, du wirst ihn lieben in alle Ewigkeit!« – Ich weinte beinah und wollte es nicht glauben, weil er mir ja gar nicht gefällt, aber sie hat mir's ganz deutlich bewiesen und gesagt, weil ich ihm Blumen und eine Locke zugeworfen, so gehöre ich nun sein für's ganze Leben. Das war mir so arg! Ich habe so viel geweint in den letzten Wochen! Und gestern Nacht sagte sie mir, Ludwig dürfe nun nicht mehr vor's Haus kommen; wir wollen, wenn alles schlafe, in den Garten hinaus, daß ich ihn nur ein einzigmal spreche. Das habe ich aber nicht gethan, und heute dachte ich, ich wolle dir's sagen.«

Unter heißem Erröthen und vielen Thränen wurde dieses Geständniß abgelegt, unter Lachen und Weinen umfaßte die Mutter ihr Kind, als ob sie es vom Abgrund zurückreißen müsse. Eingedenk aber der weisen Lehren Klara's, wollte sie ihre Aufregung nicht steigern. »Geh nur, Kind, und sei ruhig, du bist recht dumm gewesen und könntest tüchtig ausgelacht werden. Versprich, in deinem Leben niemals mehr der Mutter etwas zu verschweigen.« – »Gewiß nicht, gewiß nicht!« schluchzte die Kleine, »und nicht wahr, Mutter, ich liebe den Ludwig nicht und gehöre ihm auch nicht eigen?« – »Behüte, du einfältiges Kind! Ludwig ist ein dummer Junge und vielleicht hat er so wenig von dir wollen, als du von ihm!« – »Ja, ja, das kann sein!« rief Natalie erleichtert und ging getröstet zu Bette.

Die Mutter war zu erschüttert, um Ruhe zu finden; sie mußte den Mann noch wecken und ihm die Geschichte erzählen. Dieser spie Feuer und Flamme und hätte beinahe noch um Mitternacht die Schlange aus dem Haus geworfen, die so sein Kind vergiften wollte. Doch ließ er sich bewegen, zu warten, um auch den Ludwig zu hören. Dieser wurde denn andern Morgens mit Vorsicht in's Verhör genommen und erzählte fast dieselbe Geschichte. Klara hatte ihn im Haus und auf einsamen Botanisirgängen einigemal allein gesprochen und ihm anvertraut, wie lieb ihn die Natalie habe und wie es sie betrübe, daß er nicht einmal an's Fenster komme, wenn sie singe. So hatte er denn endlich mit großen Herzensängsten die Fensterparaden begonnen und die Blümlein heimgetragen, »das Haar aber nicht.« Auch hätte er einmal in Herrn Doktors Garten kommen sollen; das hatte er aber nicht können, weil er den Hausschlüssel nicht gefunden. Trotz des tüchtigen Verweises von Seiten des Apothekers schien Ludwig doch ungemein erleichtert, daß er nicht mehr obligirt war, ein zartes Verhältniß anzuspinnen. Doktor und Apotheker versprachen sich gegenseitig, jedweden Roman, der sich im Hause finde, zu verbrennen, und schieden als gute Freunde. Das war nun der dritte Schlag; fast zu viel auf einmal.

Klara's Reich war aus, sie hielt es unter ihrer Würde sich zu vertheidigen und erklärte würdevoll, daß sie in Herrn Doktor Lilienschwerdt, dem Lektor über Sophokles, einen Freund gefunden, der schirmend ihr zur Seite stehen werde. Man bezahlte ihr den Gehalt und ließ sie ziehen.


Es ist schwerer als man denkt, eine häusliche Reform durchzuführen, und wäre der Doktor nicht Medizinalrath in einer andern Stadt geworden, es wäre trotz der gewaltigen Erschütterung jenes Schreckenstages vielleicht doch zu keinem gründlichen Umschwung gekommen. So aber kamen die Umstände dem herzlichen guten Willen der Frau zu Hilfe.

Es ist ihr sehr klar geworden, daß die Vereinsthätigkeit, so segensreich und wohlthuend sie ist, nicht für kinderreiche Mütter bestimmt sei, die unter dem eignen Dach innere und innerste Mission genug zu üben haben. Sie war so glücklich, eine tüchtige Hausmagd zu finden und da der kleine Rudolf allein geht, so kann sie die Kleinen in dem schönen Garten, der an ihr neues Wohnhaus stößt, unter ihrer oder der größern Kinder Aufsicht spielen lassen. Natalie und Mathilde üben sich abwechselnd im Kochen, Natalie hat dabei wohl Zeit, ihre Musikstudien zu machen und ihre schöne Stimme leitet den Chor, mit dem die Mädchen und die Mutter am Nähtisch die Zeit kürzen. Mathilde hat freilich noch viele Lehrstunden, das Ueberhören der Vokabeln hat sie aber der Mutter abgenommen, auch übt sie sich vortrefflich für den Gouvernantenberuf, indem sie die jüngern Geschwister unterrichtet.

Und der Vater? nun der tritt mit hellem Angesicht von seinen ermüdenden Berufsgängen in das heitre Wohnzimmer, wo Söhne und Töchter wetteifern, durch ihre Gaben und Kenntnisse den Abendkreis zu verschönern. Es ist so ganz anders als früher, wo er auf die Frage: »wo ist die Frau?« die unabänderliche Antwort erhalten: »im Verein,« oder »im Kränzchen.« Er wollte seinerseits auch nicht zurückbleiben und suchte seine alten Schulkenntnisse hervor, um fremden Unterricht in Geographie und Geschichte entbehrlich zu machen, es ist sein höchster Triumph, wenn er von der jungen Weisheit seiner Söhne überflügelt wird. Es ist nicht als ob die Familie allem geselligen Verkehr nach außen entsagt hätte. Mutter und Töchter haben ihre Kreise, in denen sie gern gesehen sind, aber Visiten und Besuche sind Ausnahmen, die Heimath ist Regel und eine heitere und freudenreiche.

Das redliche Madele sitzt im Zuchthaus, das sie reichlich verdient hat durch den systematischen Diebstahl, den sie hinter dem Schilde biederer Grobheit Jahre lang an ihrer frühern Herrin verübt. Gretchen ist bei einer gestrengen Frau Schulzin auf dem Lande, und da ihr Geschmack zu gebildet ist für eine ländliche Liebschaft, so ist zu hoffen, daß sie vor einem Rückfall bewahrt bleiben wird.

Der Klara hat ihr ästhetischer Freund, ihre einnehmende Gestalt und ihr intriguanter Charakter zu einer vortheilhaften Gouvernantenstelle in einem adeligen Haus verholfen. Es ist noch nicht lange, so hielt ein eleganter Wagen einen Augenblick vor der Thür des Medicinalraths, ein Diener in reicher Livree gab eine zierlich gestochene Karte ab: Madame la baronne de Sternau, née Werning. Glück zu!


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