Autorenseite

 << zurück 

Nachwort

Als Adolf Wilbrandt am 24. August 1907 seinen 70. Geburtstag feierte, war er ein vielgelesener, vielgespielter und hochdekorierter Autor. Seine Stücke hatten ihm den Schiller-Preis und den Grillparzer-Preis eingebracht, König Ludwig II. von Bayern hatte ihm den Maximilianorden und den persönlichen Adelstitel verliehen (von dem Wilbrandt zumindest in seinen Büchern keinen Gebrauch machte), der österreichische Kaiser hatte den Orden der Eisernen Krone folgen lassen. 1907 lebte Wilbrandt seit 20 Jahren wieder in seiner Heimatstadt Rostock. Kollegen und Freunde überbrachten ihm ihre Grüße in Buchform: Den Reigen eröffnete darin Reichskanzler Bernhard von Bülow, der Wilbrandt mit einem Verweis auf Goethe als »Erzieher seines Volkes« feierte (»Grundton seines Schaffens ... ist eine starke und treue Liebe zur deutschen Heimat und zum deutschen Volk«). Neben Erinnerungen und Würdigungen konnte der Jubilar Glückwünsche etwa von Wilhelm Raabe, Wilhelm Busch, Peter Rosegger (»Mit heißem Willen manchen Brand / Hast Du im kühlen deutschen Land / Entfacht«) oder Marie von Ebner-Eschenbach lesen. Paul Heyse steuerte ein dreiseitiges Gedicht bei, in dem er auf ihren gemeinsamen Lebensweg zurückschaute (»Tür an Tür / Verbrüdert traulich hausten wir«). Er schloß mit einem Selbstzitat: »... wer im Dichten, Wirken, Streben / Es nie erlebt, sich selbst zu überleben, / Der preise seiner Sterne Gunst!« und wünschte (wie zuvor sich selbst) nun auch dem wenige Jahre jüngeren Freund und Kollegen: »Daß diese Gunst Dir bleib' erhalten, / Das mögen freundliche Götter walten!« Doch das Schicksal meinte es in dieser Hinsicht nicht gut mit den beiden. Heute, ein Jahrhundert später, wird selbst Paul Heyse, der 1910 den Nobelpreis für Literatur erhielt, kaum noch wegen seiner vielen Werke genannt, sondern weil er Mittelpunkt des Münchner Dichterkreises und Repräsentant einer ganzen Dichtergeneration war. Und Adolf Wilbrandt, ebenfalls Autor zahlreicher Gedichte, Erzählungen, Romane und Dramen, die zumeist mehrere Auflagen erlebten, ist den Literaturhistorikern höchstens eine kurze Erwähnung wert. Selbst in Darstellungen zum 19. Jahrhundert (wie der von Ernst Alker) muß er sich mit dem zweifelhaften Lob zufrieden geben, ein besonders liebenswürdiger Eklektiker gewesen zu sein (»Wie manchen anderen Eklektiker begünstigte ihn das Glück«). Wilbrandts Gedichte tut Alker mit dem Hinweis ab, sie »entsprechen dem Durchschnitt der Zeit«, die »erzählenden Schriften«, die von Zahl und Umfang her »eine kleine Bücherei« bilden, sind seiner Einschätzung nach zwar »immer geschmackvoll und bewahren stets eine mittlere Wertlage, entbehren jedoch besonderer Eigenart und werden nie zu wirklichen Dichtungen«.

Die Bandbreite der von Wilbrandt behandelten Themen hat 1911 Max Behr in seiner Würdigung des am 10. Juni 1911 verstorbenen Autors umschrieben. Damit wollte er zwar vor allem unterstreichen, daß es Wilbrandt an »plastischer Phantasie« gemangelt und er deshalb ein »weitgehendes Bedürfnis der Anlehnung an die Wirklichkeit« gehabt habe; aus heutiger Sicht aber zeigt er auf, wie sehr es Wilbrandt verstanden hat, Themen seiner Zeit literarisch zu verarbeiten: »Er behandelt Spiritismus und Hypnotismus, Monismus und Theosophie, Sozialismus und Frauenemanzipation, setzt sich mit Schopenhauer und Tolstoi, mit Nietzsche und Haeckel, mit Naturalismus und Symbolismus, mit Naturheilkunde und Vegetarianismus auseinander, begeistert sich mit seinen Helden für Isadora Duncan und Helen Keller, für Virchow und Madame Curie, für Röntgenstrahlen und Radium.«

Ein Thema fehlt in dieser Auflistung: Homosexualität – und damit ein Hinweis auf die 1875 erschienene Erzählung »Fridolins heimliche Ehe«. Mit dieser Erzählung war Wilbrandt seiner Zeit deutlich voraus. Der Begriff ›Homosexualität‹ kommt in der Erzählung nicht vor, war er doch 1875 gerade erst geprägt und noch längst nicht ins allgemeine Bewußtsein gedrungen. Wilbrandt wollte nur das Porträt eines Freundes zeichnen, doch zunehmend wurde seine Erzählung als literarische Gestaltung des Phänomens gelesen, geschätzt und kritisiert, für das sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Begriff Homosexualität durchsetzen sollte.

1875 umriß Wilbrandt seinen Lebensweg mit den Worten: »Aus Pietät ward ich Jurist, aus Neigung Historiker, aus Patriotismus Journalist, aus Naturtrieb Poet«. Erst spät wurde aus dem »sechsjährigen Hauspoeten« (»Meine ganze Knabenzeit hindurch fand ich es so selbstverständlich, daß ich dichte und zum Dichter mich ausbilde, wie etwa ein Kronprinz sich auf den Regenten vorbereitet«) ein »Dichter für die Welt«. Studien- und arbeitsreiche Jahre lagen hinter ihm, als er 1871 nach Wien übersiedelte, um dort als freier Schriftsteller zu leben. Als Sohn des Lehrers Christian Wilbrandt, der 1837 Professor für Ästhetik und neuere Literatur an der Universität seiner Heimatstadt Rostock wurde, studierte er zunächst seinem Vater zuliebe Jurisprudenz, ging dann nach Berlin, studierte dort Philosophie und Kunstgeschichte, wurde in München schließlich Schüler des Historikers Heinrich von Sybel. Prägend war für den Heranwachsenden das politische Engagement des Vaters (»Seit 1848 war ich, eines begeisterten Politikers Sohn, in Vaterlands- und Freiheitsgefühlen aufgewachsen«), und so stellte er sich 1859, als »die in München lebenden Patrioten die ›Süddeutsche Zeitung‹ gründeten«, mit 22 Jahren auch selbst in den »Dienst des Vaterlandes«. Zwei Jahre schrieb er »über alles und jedes, Leitartikel, Politisches von nah und fern, Literarisches, Kunst, Theater, Vermischtes jeder Art«. Im Rückblick waren dies für ihn die »tätigsten Jahre« seines Lebens. Daneben wuchs nicht nur sein erster Roman heran: »Geister und Menschen« (1864), ein Mammutwerk von tausend Seiten (»Ich hatte diesen Dreibänder überfüllt mit Gestalten, Problemen, Ideen und Schicksalen«), das er selbst als »wundervoll mißratenes Buch« bezeichnete, er legte 1863 auch eine umfassende Studie zu Heinrich von Kleist vor, mit dem er zum »Herold« des »vernachlässigten Dichters« werden wollte. So hatte er mit 27 Jahren schon »ein reiches Stück Leben« hinter sich, zahlte dafür aber auch einen Preis: Nervenzusammenbruch. Italien sollte Gesundung bringen und bewirkte noch mehr: »In Italien reifte er zum Denker und Dichter« (Victor Klemperer).

Zurück in Deutschland, war München nur noch Zwischenstation auf dem Weg nach Wien. Dort wurde er zu einem erfolgreichen Autor des Burgtheaters, nicht nur mit Dramen wie »Gracchus, der Volkstribun« oder »Arria und Messalina«, sondern in den 1870 Jahren vor allem auch mit Komödien wie »Jugendliebe«, »Die Vermählten« oder »Die Maler«. In Wien ließ er sich – wie zwei Jahrzehnte zuvor in München – noch einmal in die Pflicht nehmen, als er 1881 die künstlerische Leitung des Burgtheaters übernahm. Zuvor schon hatte er 1873 die Schauspielerin Auguste Baudius geheiratet (Sohn Robert, später ein bekannter Volkswirtschaftler, wurde 1875 geboren). In seinen »Erinnerungen« faßte Wilbrandt seine Beziehung zum Burgtheater in dem Satz zusammen: »Ich habe als Dichter, dann als Gatte einer Schauspielerin, dann als Direktor, Übersetzer, Bearbeiter mit dem Burgtheater gelebt.« Im September 1911, als Wilbrandts letztes Stück, »Siegfried der Cherusker«, Premiere hatte, konnte man in der »Wiener Zeitung« eine Aufstellung lesen, nach der im Burgtheater seit 1869 mehr als zwanzig Stücke von Wilbrandt, außerdem fast ein Dutzend seiner Übersetzungen und Bearbeitungen zu Stücken von Sophokles und Euripides, Calderon und Shakespeare aufgeführt worden waren (»Die genannten Werke erschienen bisher 755mal auf der Wiener Hofbühne, die Originaldichtungen 538mal, die Bearbeitungen beziehungsweise Übersetzungen 217mal«). Als ein besonderer Höhepunkt galt die Aufführung von Goethes »Faust« an jeweils drei Abenden. Wilbrandt hat als Direktor keine neuen Akzente gesetzt, doch bescheinigte ihm Rudolph Lothar in seiner Geschichte des Burgtheaters, »Großes und Schönes« erreicht zu haben: »Die Schauspieler folgten ihm willig und liebten ihn.« Einem dieser Schauspieler, Hermann Schöne, widmete Wilbrandt seinen »Fridolin«. 1836 in Dresden geboren, gehörte Hermann Schöne über drei Jahrzehnte zum Ensemble des Burgtheaters. In seinen »Erinnerungen« gedenkt Wilbrandt seines inzwischen verstorbenen »alten Hermann Schöne« gleich auf der ersten Seite mit dem Satz: »Und ich hatte ihn besonders lieb.« »Er hatte alle Tugenden des Schauspielers wie wenige. Er war das vollkommene Gegenteil eines Komödianten und lebte doch ganz in seinem Beruf, der gewissenhafteste und liebevollste Schauspieler, den man sehen konnte. Er ... vermochte sich mit schmeckendem Verständnis, mit künstlerischer Wollust in den Dichter hineinzuleben. ... Dazu nun sein tiefer Humor, seine Redlichkeit, seine unendliche Scheu vor allem, was Pose oder Phrase heißt, die Keuschheit seiner Seele ...«

Es war nach Wilbrandts Worten der »Dichter«, der »den Director von seinem Stuhle herunterzog«. Der 50-Jährige wollte fortan nur noch als Dichter leben – und das nicht in Wien, sondern in seiner Heimatstadt Rostock.

Zu seinem 70. Geburtstag konnte Adolf Wilbrandt auch erstmals eine umfassende Studie über seine Werke lesen, verfaßt von Victor Klemperer. Darin findet sich auch eine Würdigung des »Fridolin«. Bis dahin hatten sich Literaturkritik und Literaturwissenschaft schwer getan mit der Erzählung. Klemperer verweist auf Adolf Stern, der es abgelehnt hatte, sich näher mit dieser »prächtigen Novelle« zu beschäftigen, »weil ihm ihr Stoff zu peinlich erschien«. Stern gestand zwar zu, daß es der Erzählung »weder an lebendigen noch an feinen Zügen« fehle, doch ihn störte das (nicht beim Namen genannte) »Motiv«: »Alle Kunst der Behandlung vermag gewisse peinliche Voraussetzungen nicht zu überwinden. Die Wärme und Anmut der Einzelheiten söhnen uns nicht mit dem Motiv aus.« Geradezu erfrischend liest sich dagegen die Einschätzung Klemperers, der die Erzählung »in der Form und den Charakteren meisterlich gelungen« fand:

 

»Der Verlauf der heiteren Handlung ist hier eigentlich so unwesentlich wie in einer Molièreschen Komödie. Drei zu Anfang gar nicht ehelustige Menschen werden durch das Erscheinen eines tüchtigen und lieben, übrigens durchaus nicht hervorragenden Mädchens sehr schnell auf Heiratsgedanken gebracht. Ottilie Ritter fällt schließlich dem jungen Naturforscher Leopold zu. Alles Interesse konzentriert sich aber auf die Charaktere der beiden unglücklichen Bewerber, des Kunsthistorikers Fridolin und seines geistlichen Bruders Philipp. Dieser Fridolin ist eine äußerst originelle Gestalt; er selbst nennt sich eine ›tragische Erscheinung‹, doch nimmt er die wahrhaft vorhandene Tragik seines Schicksals nicht allzu schwer. Fridolin muß nämlich notgedrungen, so oft er sich auch verliebt, lyrische Gedichte schmiedet, wirbt und Ehepläne wälzt, dennoch ewig ein Junggeselle bleiben, denn er lebt mit sich selbst in einer heimlichen Ehe, d. h. in seinem Charakter mischen sich zu gleichen Teilen männliche und weibliche Eigenschaften. In einem tiefsinnig humoristischen Gespräch erklärt er die Tragik solcher ›Übergangsmenschen‹. ›Sie suchen ihre Ergänzung, aber sie finden sie nicht. Suchen sie den Mann? Nur die weibliche Hälfte ihrer Seele sucht den Mann. Suchen sie die Frau? Nur diese andere Hälfte ihrer Seele sucht nach der Frau. Sie können sich nicht ergänzen, denn sie sind schon ergänzt. Sie sind mit sich selbst verheiratet.‹ Eine Zeitlang pflegt Fridolins männlicher Teil zu siegen, dann wirbt er um ein Mädchen; eine Zeitlang wiederum Fridolins weiblicher Teil, dann liebt er einen Jüngling mit jener geistigen Liebe, wie sie Sokrates für seine Jünger hegte. Aber immerhin er liebt ihn doch, liebt ihn mit starkem Überschwang, der sich erst zur Freundschaft herabdämpft, wenn der männliche Teil wieder in seine Rechte tritt. Dabei ist die Liebe zum Jüngling offenbar das höhere Gefühl in Fridolin. Wie er sich denn von Ottilie abwendet, obschon sie ihm gut ist, ihren Bruder Ferdinand aber sogleich als die Vollendung des in Ottilie nur Angedeuteten schwärmerisch zum Freund und Geliebten begehrt. Was hier mit Humor und rein geistig behandelt ist, streift doch nahe an jene krankhafte Erscheinung, die im Leben und der Literatur unserer Tage wieder zu trübselig großer Rolle erstarkt ist.«

 

Mit dem letzten Satz über »jene krankhafte Erscheinung« scheint Klemperer nicht weit entfernt zu sein von dem Stern'schen Geraune über das »Motiv« der Erzählung, doch macht er wenig später klar, warum die Erzählung im Jahre 1907 nicht mehr unbefangen gelesen werden konnte: »Wenn dieser Professor, statt in den Siebzigerjahren, heute lebte«, könnte er »fast täglich in Zeitungen und Journalen dem erbitterten Kampf folgen ..., der um die Berechtigung des § 175 unseres Strafgesetzbuches geführt wird.«

Daß »Fridolins heimliche Ehe« als »urnische Novelle« gelesen wurde, sagt aber noch nichts aus über die Intentionen des Autors. Wenn man wie Klaus Müller die Erzählung als Beleg dafür wertet, daß die Literatur »überraschend schnell« die Erklärungsversuche von Karl Heinrich Ulrichs zum Phänomen des Uranismus aufgegriffen habe, hält eine solche Einschätzung einer Überprüfung kaum stand und ist nicht mehr als ein Rückschluß von der Wirkungsgeschichte auf die Absichten des Autors.

Es gibt keinen Hinweis darauf, daß Wilbrandt von Ulrichs und seinen »Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe« gewußt hat, von denen bis 1870 immerhin schon elf Schriften erschienen waren. Zudem ist Fridolin gar kein klassischer Urning (der nach Ulrichs' Definition »geschlechtliche Liebe zu Männern, geschlechtlichen Horror vor Weibern« empfindet), sondern eine Mischung aus Urning und Dioning, in der Terminologie Ulrichs' ein Uranodioning, nach heutigem Sprachgebrauch ein Bisexueller. Hätte Wilbrandt Ulrichs' Thesen in Literatur verwandeln wollen, hätte er doch wohl von einem echten Urning erzählt, nicht von einem Uranodioning, mit dem Ulrichs gar nicht viel anfangen konnte. Er wußte nicht so recht, ob er die doppelte Liebesneigung zur Frau und zum Mann als »doppelte Geschlechtsliebe« oder nicht eher als »unentschiedene Liebe« werten sollte. Da er aus eigenem Erleben nichts zur Aufklärung beitragen konnte, druckte er in seiner vierten Schrift »Formatrix« nur zu gerne die Selbstcharakterisierung eines 40-jährigen Uranodionings ab, der von »voll und kräftig blühenden Körpern« und »Virginität der Seele« schwärmte. Doch überzeugt war er auch dann noch nicht: »Trotz dieser offenen Äußerung dürstet mich noch sehr nach Licht über den Uranodionäismus.« Einiges von diesem Licht hätte er in der Figur des »Fridolin« finden können, doch Ulrichs scheint seinerseits Wilbrandts Erzählung nicht kennengelernt zu haben. Als er 1879 die letzte Schrift seiner Forschungen veröffentlichte, hat er noch auf der letzten Seite einen Hinweis auf die Erzählung »Rubi« von »Aurelius« (Carl Robert Egells) angebracht (»Der urnischen Sache nämlich will das Buch dienen, einer Sache, deren Gerechtigkeit der Verfasser gleich mir erkannt hat«), von der er sich aber wenig später in Briefen an Paul Heyse deutlich distanziert hat und damit Heyses abwertendem Urteil zustimmte: »Mehrere Stellen des ›Rubi‹ haben meine förmliche Entrüstung erregt. Hätte ich ihn damals schon durchgelesen gehabt, so hätte ich ihn am Schluß meines Buchs einer Erwähnung wahrscheinlich gar nicht gewürdigt.« In Wilbrandts »Fridolin« dagegen hätte er in dem Bild des Übergangsmenschen zwischen dem »Nordpol der Männlichkeit« und dem »Südpol der Weiblichkeit« in dichterischer Form schon die Erkenntis formuliert gefunden, mit der er selbst seine Theorie abrunden und zugleich aufheben sollte: »Die Natur schafft auf so vielen ihrer Gebiete in Übergängen.«

Ulrichs hätte wohl auch zu schätzen gewußt, daß es sich bei »Fridolin« nicht um ein reines Produkt dichterischer Phantasie handelt, sondern um ein poetisches Porträt. Angedeutet ist das schon im Titel (der, später nur orthographisch modernisiert, in allen Auflagen erhalten blieb): »Fridolin's heimliche Ehe. Nach Erinnerungen und Mittheilungen erzählt von Adolf Wilbrandt«. Deutlicher wurde Wilbrandt 1877 in der Vorrede zu »Die Reise nach Riva«, der nach der Erzählung gestalteten Komödie: »In seiner (= Fridolins) sonderbaren psychologischen Zwiespältigkeit soll ich – durchsichtig verhüllt – jene widernatürliche Verirrung dargestellt haben, die des edlen griechischen Alterthums traurigster Makel ist. Hierauf hab' ich nur Eines zu erwidern. Der Mann, den ich unter dem Namen Fridolin geschildert – dieser, wie Andere sagen, ›ausgeklügelte‹ Held – ist so treu der Wirklichkeit entnommen, wie irgend eine künstlerische Gestalt. So ahnungslos hab' ich ihn dargestellt, wie er war, daß erst grübelnde Leser der Novelle mir deutlich machten, welcher Verkennung ich sein Andenken aussetzte.«

Mit der Formulierung von der »widernatürliche Verirrung« als »des edlen griechischen Alterthums traurigstem Makel« zeigt sich Wilbrandt noch völlig befangen in (Vor-) Urteilen seiner Zeit; dies allein belegt schon, daß er von der durch Ulrichs angestoßenen Diskussion noch nichts mitbekommen hatte. Doch er hat bald dazugelernt und sich irgendwann auch nicht mehr gegen eine ›urnische‹ Interpretation seiner Erzählung gewehrt. Deutlichster Beleg dafür ist die Tatsache, daß die Erzählung immer wieder neu aufgelegt wurde. Die zweite Auflage erschien 1882 (wie die erste bei seinem Wiener »Verleger und Freund« Leopold Rosner). Die Aufregung um Erzählung und Komödie wird damals noch vielen in Erinnerung gewesen sein. Mit dem Weggang aus Wien wechselte Wilbrandt zum Verlag J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger mit Sitz in Stuttgart und Berlin. Die dritte Auflage des »Fridolin« erschien 1899, als in Berlin schon seit zwei Jahren das »Wissenschaftlich-humanitäre Komitee« wirkte und Magnus Hirschfeld mit der Herausgabe der »Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen« begann. Aus heutiger Sicht hat Wilbrandt mit seiner Erzählung den Weg ebnen helfen, der von den einzelkämpferischen Anfängen des Karl Heinrich Ulrichs zur Gründung des Komitees führte. Ein wichtiges Anliegen war die Reform des Strafrechts; um das Ziel zu erreichen, sammelte das Komitee Unterschriften unter eine Petition, die im Dezember 1897 erstmals an Reichstag und Bundestag gerichtet wurde. »Dr. Adolf Wilbrandt, Schriftsteller, Rostock« gehörte zu den Erstunterzeichnern. Die vierte und letzte Auflage des »Fridolin« erschien dann im Jahre 1907, als im Gefolge der Eulenburg-Affäre Homosexualität gar zum Tagesthema wurde.

Anders als der Erzählung war der daraus erwachsenen Komödie kein großer Erfolg beschieden: Im Burgtheater brachte sie es nur auf fünf Vorstellungen, und die Buchausgabe erlebte keine Neuauflage. Wilbrandt nannte das Stück eine »freie Bearbeitung« der Erzählung: »Aufforderungen der verschiedensten Art, mehr noch der Reiz, den die lustspielhaften Elemente der Erzählung dauernd auf mich ausübten, haben diese Umformung hervorgerufen, die in den ersten Akten oft nur Zusammenziehung, Scenenwechsel, ein Mehr oder ein Minder, im dritten aber völlige Neubildung ist. Doch nur die Motive, die Situationen haben sich verändert; die Gestalten nicht. Auch wenn diese Gestalten Anderes erleben, folgt dieses Andere aus dem, was sie waren und sind.« Das Experiment der Umformung sei nicht geglückt, meint Victor Klemperer: »Gerade die feinsten Züge der Novelle wurden durch das Hervorheben der possenhaften Bestandteile geschädigt, und die Einheit des Ortes und der Zeit, die doch für jeden Akt zu wahren war, schob des öftern sprunghafte und schlecht motivierte Ereignisse an die Stelle von zartlinigen Entwicklungen.« Durch die »völlige Neubildung« des dritten Aktes ist aus dem an mehreren Orten spielenden Schluß der Erzählung ein »gewöhnliches Eisenbahnstück im Wartesaal dritter Classe« geworden, wie ein Rezensent zu Recht meinte. In diesem Wartesaal fehlt Ferdinand, die »Vollendung des in Ottilie nur Angedeuteten« (Klemperer). Klaus Müller wertete deshalb (wie zuvor schon James Jones) die Umgestaltung als Zurückweichen des Autors vor der an der Erzählung geübten Kritik. Doch auch in diesem Punkt sollte man den Autor beim Wort nehmen: »Nur die Motive, die Situationen haben sich verändert; die Gestalten nicht.«

Wessen Andenken in der Gestalt des Professors Fridolin lebendig bleiben sollte, hat Wilbrandt in seinen Erinnerungsbüchern dargelegt: Friedrich Eggers. Die Erzählung ist nicht zuletzt auch das Dokument einer engen, langjährigen Freundschaft. Friedrich Eggers, 1819 geboren und damit fast zwanzig Jahre älter als Wilbrandt, hatte sich sein Lebensziel erkämpfen müssen: Erst nach einer kaufmännischen Lehre konnte er studieren und zu seiner Bestimmung als Lehrer finden. Sprechend ist der Titel seiner Dissertation: »Von der erziehenden Macht der Kunst für die Jugend«. Er war ein »Lebenslehrer«, der »jeden Ort seiner Welt in einen geselligen Bildungsverein umformte, in dessen Mitte er dozierend und wertend wandelte«, schreibt Roland Berbig in seiner biographischen Studie: »An nachwachsenden jungen Leuten hatte es nie Mangel!« Seinen selbstgestellten Bildungsauftrag nahm Eggers zunächst als Journalist und Redakteur wahr, daneben hielt er jahrelang Vorträge »für ein gemischtes Publikum«, bevor er 1863 als akademischer Lehrer tätig werden konnte und an seinem 44. Geburtstag zum Professor ernannt wurde. Die in »Fridolin« erwähnten »drei Akademien, an denen er Kunstgeschichte lehrte«, waren die Kunstakademie sowie die Gewerbe- und Bauakademie. Neben Kunstgeschichte belehrte er, der selbst seit seiner Jugend schriftstellerisch tätig war, mit 15 Jahren eine preisgekrönte Erzählung veröffentlichte und später von Fontane respektvoll als Balladendichter anerkannt wurde, die Jugend auch über »classische Dichtung alter und neuer Zeit«.

Eine andere Facette seines Wesens hat Theodor Fontane hervorgehoben, der Eggers in die literarische Gesellschaft »Der Tunnel über der Spree« einführte, der Eggers dann als »Anakreon« über drei Jahrzehnte seinen Stempel aufdrückte. Fontane erlebte ihn als »Gesellschafts-Genie«, das »die Gabe besaß, nicht bloß Vereine zu gründen, sondern auch durch Anwerbung neuer Mitglieder und Aufstellung neuer Programme den etwa matter werdenden Pulsschlag sofort wieder zu beleben. Er war ein großer Organisator im kleinen, eine Art Friedens-Carnot, unerschöpflich in Hülfsmitteln, und gab davon, noch kurz vor seinem Tode, die glänzendsten Beweise. Viele seiner jungen Freunde, zur Hälfte mecklenburgische Landsleute, zur andren Hälfte Schüler des Polytechnikums, an dem er Unterricht erteilte, waren mit in den Krieg gezogen, und diese jungen Leute durch Nachrichten in Verbindung mit der Heimat und durch Liebesgaben bei frischem Mut und fröhlichem Herzen zu erhalten, machte er sich durch den ganzen langen Winter 1870 auf 71 hin zur schönsten Lebensaufgabe. Damals hab ich ihn lieben und bewundern gelernt.«

Schon 1872 ist Friedrich Eggers gestorben, »beklagt und betrauert von einer ungewöhnlich großen Schar Menschen, die den Mann ... geliebt hatten, denen er Lehrer, Freund, vielleicht Geliebter gewesen war« (Berbig). Joseph Viktor (von) Scheffel bekannte: »Es ist mir, als wäre ein Stück von mir selber begraben« und erinnerte an ihre gemeinsamen Studienjahre – Scheffel und Eggers hatten sich in München kennen gelernt –, die sie »in idealer Liebe zur Kunst und idealer persönlicher Freundschaft« verlebt hätten. Diese »ideale Freundschaft« hat im Briefwechsel der beiden ihren Ausdruck gefunden, der ebenso wie Wilbrandts »Fridolin« Zeugnis ablegt für die übergroße »Freundschaftsfähigkeit« (Berbig), die Friedrich Eggers auszeichnete. Im Oktober 1844 (»Heute sind es schon 5 Wochen, daß wir zum letztenmale zusammen durch Münchens Straßen zogen – Arm in Arm und Herz an Herz«) zitierte Scheffel in einem Brief an Eggers (»Du gutes treues Herz«) nicht nur Zeilen von August von Platen (»Und kaum genossen wir des neuen Dranges / Als schon die Trennung unser Glück vermindert ...«), sondern widmete dem »Abschied der zwei treuen Kameraden« ein eigenes Gedicht, das mit den Zeilen endet: »Was war denn wohl den beiden? / Was machte sie so trüb? / ›Ach Gott! sie mußten scheiden / Und hatten einand so lieb!‹«.

Adolf Wilbrandt lernte seinen Landsmann Friedrich Eggers in Berlin kennen, wo dieser – wie in der Erzählung – in der »Hirschelstraße, die jetzt Königgrätzerstraße heißt«, wohnte. Die erste gemeinsame Unternehmung war eine »Lust- und Bildungsreise« auf den Spuren des Barock, die die beiden nach Wien führte. Im Rückblick zeichnet Wilbrandt ein Porträt seines Freundes, das den lebensgeschichtlichen Hintergrund der literarischen Gestalt Fridolin deutlich macht:

 

»Der Reisegefährte, mit dem ich nach Wien gekommen war, ... war einer der friedlichen Menschen, die vor allem das Schöne und das Zarte suchen. Auch sonst ein ungleiches Gespann, da er um viele Jahre älter war, fühlten wir uns doch als richtige gute Kameraden, da uns herzliche Zuneigung und Rostocker Blut und mecklenburgischer Humor verband. Er hieß Friedrich Eggers ... war Professor der Kunstgeschichte an den drei Akademien Berlins, lyrischer Dichter in hochdeutscher und plattdeutscher Sprache, und verfolgte auf dieser Lust- und Bildungsreise den Nebenzweck, das Zeitalter des Barockstils und des Rokoko in Dresden, Prag, Brünn, Wien und andern österreichischen Städten zu durchforschen. Ich ... machte in jugendlichem Übermut und Wissensdrang alle Forschungen meines Kameraden mit; so tief in Barock und Rokoko bin ich nie gewatet wie in dieser Zeit. ...

Friedrich Eggers war ein Original, der mit vielem Humor sich selber spielte und doch wirklich echt war; ein schwer zu beschreibender Mensch. In meiner Erzählung ›Fridolins heimliche Ehe‹ hab' ich ihn dichterisch darzustellen gesucht; doch ihn erschöpfen konnte und wollte ich nicht, vielleicht ist's unmöglich. In seiner guten, feinen Seele war allerlei Weibliches, das jüngere Männer – zumeist seine Schüler – väterlich zu bemuttern liebte; an mich hatte er sich bald besonders herzlich angeschlossen, und den Unterschied der Jahre glich mein Drauflosgehen aus, dem er sich mit Humor und Liebe fügte. ... Später ... kam mir die Lust, auch ihn zu ›schreiben‹, und ich kündigte es ihm eines Tages an: ›Friede (so nannt' ich ihn), ich mach' ein Lustspiel aus dir!‹ Zuerst, wenn ich mich recht erinnere, stutzte er darüber; dann lebte er sich aber hinein – buchstäblich. Da ich die Drohung jahrelang nicht ausführte, sie aber über seinem Haupte schwebte, gewann er sie lieb; und so oft wir uns wiedersahen – wenn ich durch Berlin kam, so war ich sein Gast – teilte er mir mit seinem anmutigen Augenlächeln und tiefen Lippenernst mit: ›Adi, ich hab' wieder einen neuen Zug von mir für dein Lustspiel!‹ Den spielte er mir dann vor. So arbeitete er mit. Das mag kokett und befremdlich klingen; es war aber guter, freier Humor, der mit etwas barocker Grazie über sich selber schwebte.

Dieser Humor glich denn auch alles aus, was unsere Organismen im Grunde trennte; er war ›in unserem Bunde der dritte‹ und blieb es bis zu Fridolins Tod. Er verklärte uns auf dieser Reise seine Wanzenfurcht, die ihn verfolgte wie die Eumeniden den Orest, und seine Insektenjagden bei Nacht, die mich manches Mal aus dem Schlaf erweckten. Er machte uns jedes kleine ›Idyll‹, das andere wohl kaum bemerken, zum Fest, und verband uns mit jedem neuen Menschen sofort; darin war Fridolin Meister und unvergleichlich.«

 

Eine der in die Erzählung eingegangenen Eigenarten ist auch anderen aufgefallen: Eggers' Vorliebe für bunte Westen. Fontane zitiert dazu Heinrich Seidel, Eggers' »besten Freund im Tunnel«: »Er beklagte es oft, daß die Sitten der heutigen Zeit es dem Manne verbieten, farbige Stoffe zu tragen. Er selbst ließ es sich denn auch nicht nehmen, sein farbenfreudiges Auge wenigstens an bunten Westen von Seide, Sammet oder anderen Stoffen zu ergötzen, und besaß davon eine große Sammlung. Hatte einer seiner jüngeren Freunde sich irgendwie ausgezeichnet oder sonst sein Wohlgefallen erregt, so ging er wohl würdevoll an die Kommode, wo diese Sammlung aufbewahrt wurde, kramte ein wenig darin und schenkte ihm feierlichst eine Weste. Das war eine Art von Ordensauszeichnung.« Aus einem Brief seiner Frau erfuhr Fontane einmal, daß Eggers sich von einer Reise »nichts weiter mitgebracht (hatte), als eine brennend rothe Weste« – und die habe er auch noch »zu unser Aller Entsetzen« angehabt.

Im zweiten Band seiner Erinnerungen (»Aus der Werdezeit«) kommt Wilbrandt noch einmal auf Friedrich Eggers zu sprechen. Befreundet zunächst mit Gustav Eggers, der ihn in Berlin an die Musik heranführte, lernte er später auch dessen älteren Bruder Friedrich kennen und in ihm »den ersten dieser Menschen ..., die ich mir für meinen Werdeweg vom Schicksal gewünscht hatte«.

 

»Ein Mensch wie Friedrich Eggers ist schwer zu schildern; in meinen ›Wiener Erinnerungen‹ hab' ich es in Kürze versucht, in meinem Buch ›Fridolins heimliche Ehe‹ ist er zur redlich treu gemalten Romangestalt geworden; immer droht aber die Gefahr, daß er, den gleichsam ein Geranke von Drolligkeiten umwucherte, bei noch so liebevoller Darstellung etwas zu lächerlich wird. Er war aber in seiner irisierenden Vielfarbigkeit zugleich ein rührender Mensch, von unerschöpflicher Güte, für unzählige Jünglinge und Jünger, die ihm als ihrem Meister anhingen, in selbstlosester und reinster Weise mütterlich-väterlich; denn die weiblichen und die männlichen Eigenschaften in ihm waren nicht zu trennen. Ich glaube, alle diese Jünger – ›Leibschwaben‹, wie der Humor sie nannte – haben an ihm gehangen bis zu seinem, leider grausam vorzeitigen Tod. Er blieb jung bis zuletzt, weil er eigentlich nichts als Begeisterung und Liebe war. Als Dichter in hochdeutscher und plattdeutscher Sprache ist er nicht ›durchgedrungen‹, wie man sagen muß, auch hat er als Lyriker nicht neue eigene Töne gefunden; aber in seinen sinnigen, plaudernden, erzählenden plattdeutschen Gedichten (›Tremsen‹ heißt die Sammlung, und ›Kornblumen‹ bedeutet das Wort) ist er auch geworden, was er im Leben war: ein Original, und eine Dichtung wie ›Pultawa‹, voll schlicht tiefsinnigen Humors, würde jedes Mustersammelbuch schmücken. ...

Ich war viele Jahre jünger als er, und damals noch ein grüner Student; aber wir wurden bald wundergute Freunde, und – wie soll ich es sagen – der Unterschied der Jahre verging. War ich durch seinen Bruder ein wenig tiefer in die Musik hineingekommen, so kam ich durch ihn in die bildenden Künste, deren Geschichte er lehrte und die seine Zimmer, seine Wände füllten. Er hatte weniger tiefe als warme Augen, ihn begeisterte mehr das Liebliche, Anmutige, Rührende als das Gewaltige und Erhabene; aber sein Schönheitssinn war leicht erregt und fand frische Worte, heitere und ernste. Mit ihm war gut streiten; was die Jugend braucht. Und als Schutzwächter vor zu bösem Streit stand der Dritte da, der uns beiden Freund war, der Mecklenburger Humor.

Es dauerte nicht lange, so mußte ich schon sein Gast sein, wochenlang bei ihm wohnen; mit einer großen Reisetasche, in einer Droschke zweiter Klasse, ›reiste‹ ich zu ihm, in die Hirschelstraße, die jetzt Königgrätzerstraße heißt.«

 

Von der Diskussion, die Wilbrandts Erzählung ausgelöst hat, berichtet der Autor selbst im Vorwort zu »Die Reise nach Riva«: »So ist denn auch dem Lustspiel sofort die gleiche Anfechtung zu Theil geworden, die vordem der Erzählung widerfuhr; und was, aus künstlerischer Rücksicht auf die Bühne, aus dem Lustspiel verschwunden ist, haben feindselige, giftige Kritiker aus der Erzählung herübergeholt und gleichsam in die Zwischenakte hineingepreßt, um es hier als ersehnte Beute nochmals zu zerreißen.« Heute läßt sich die Diskussion nicht mehr im einzelnen nachzeichnen. Zur »Reise nach Riva« teilt Wilbrandt jedoch das Datum der Uraufführung mit (22. September 1877) und ermöglicht so eine gezielte Suche nach Zeitungsartikeln. Allgemeiner Tenor der ersten Rezensionen war: ein schwaches Stück, das nur durch die gute Leistung der Schauspieler kein reiner Mißerfolg war. Der Rezensent des »Vaterland« sah auf der Bühne »drei windelweiche Männer« und erinnerte daran, daß schon die Erzählung »spintisirte und für männliche Leser unangenehme Seelenvorgänge« geschildert habe; in der »Presse« war zu lesen, der »mit sich selbst verheiratete Fridolin« sei »eine der bedenklichsten literarischen Hirngeburten«, und in der »Wiener Sonntags- und Montags-Zeitung« meinte der Berichterstatter zu dem Professor, der »lieber Garçon und der Freund seiner Jungen« bleibt, als die schöne Ottilie zu heiraten, nur vielsagend: »De gustibus non est disputandum«.

Von »hämischen, boshaften, ja, nicht selten unflätigen Angriffen« auf einen »vortrefflichen Menschen und reichbegabten Dichter« sprach noch in den 1890er Jahren Otto de Joux, der zu jung war, um selbst die Diskussion erlebt zu haben, als Journalist in Wien aber wohl noch den einen oder anderen Beteiligten getroffen haben mag. De Joux lebte später in Berlin und engagierte sich beim Wissenschaftlich-humanitären Komitee. In seinem Buch »Die Enterbten des Liebesglückes« ist er voll des Lobes über Wilbrandts Erzählung, habe dieser doch den Mut gehabt, »die androgyne Seele zum Ausgangspunkte eines dramatischen Konfliktes zu machen«. Er stellt Wilbrandt gar in eine Reihe mit »Kleist, Grillparzer, Hölderlin, Platen«, ja der »Dichter des ›Meisters von Palmyra‹« gehört für ihn zu den »Auserwählten«, zu den »Geistesfürsten der Gegenwart«. Ein wenig überrascht wäre Wilbrandt wohl gewesen, wenn er den abschließenden Satz gelesen hätte: »Ob auch seine Denkwürdigkeiten, wie die Grillparzers, uns dereinst von Seelenkämpfen erzählen werden?«

Als Elisar von Kupffer seine Anthologie »Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur« (1900) zusammenstellte, durften Auszüge aus dem »mit einem seltenen Humor« geschrieben Roman eines der »persönlichsten und feinsten Dichter und Schriftsteller von denen, die heute einen Namen haben«, nicht fehlen. Er läßt den Leser teilhaben am Gespräch zwischen Fridolin und Leopold, in dem der Kunstprofessor dem Naturforscher ein »Geheimnis der Natur« enthüllt, und läßt ihn dabeisein, wenn im Schlußteil der Erzählung Professor Fridolin und Ottiliens Bruder Ferdinand aufeinander treffen und Fridolin »in reizender, humorvoller Weise« »die Erregung des schönen jungen Mannes« zu parieren weiß.

Auch Edward Irenaeus Prime-Stevenson, der unter dem Pseudonym Xavier Mayne eine Kulturgeschichte der Homosexualität vorlegte, räumte der ›unterhaltsamen und subtil philosophischen‹ Erzählung einen besonderen Platz ein (»The story is extremely amusing, farcially droll in places, but subtly philosophic - a small chef d'oeuvre in its kind«) und übersetzte einzelne Passagen. Daß diese Erzählung als einziges von Wilbrandts Werken schon 1884 unter dem Titel »Fridolin's Mystical Marriage« in Amerika erschienen war, hatte der nach Europa übergesiedelte Amerikaner nicht mitbekommen.

»Fridolin« fand Eingang in die Literatur: Der pseudonyme Autor Konradin läßt in »Ein Jünger Platos. Aus dem Leben eines Entgleisten« (1913) die Freunde Theodor und Lorenzo nicht nur Platons »Symposion«, das »Evangelium der Freundesliebe«, sondern auch Wilbrandts »Fridolin« lesen. Und als Carl Friedrich Müller 1921 im »Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen« lobend auf Friedrich Fromms Erzählung »Die Exzellenz und ihr Sohn« aufmerksam machte, kleidete er sein Lob in einen Vergleich mit Wilbrandt: »Seit Adolf Wilbrandts Versuch, der homoerotischen Natur seines Freundes Friedrich Eggers in der Novelle ›Fridolins heimliche Ehe‹ gerecht zu werden, ist dieses trotz aller wissenschaftlichen Aufklärung noch immer verfemte Problem nie edler und gehaltener behandelt worden.«

Auch die Wissenschaft nahm von Wilbrandts Erzählung Notiz. Richard von Krafft-Ebing führt sie als frühestes Beispiel an für seine Feststellung: »Dass konträre Sexualempfindung nicht selten sein dürfte, beweist u. a. der Umstand, dass sie in Romanen häufig Gegenstand ist.« Magnus Hirschfeld zitiert in »Die Homosexualität des Mannes und des Weibes« den »urnischen Kunstprofessor« Fridolin als Beleg dafür, daß sich die »Liebe des homosexuellen Mannes« nicht nur vom Bruder auf die Schwester, sondern auch von der Schwester auf den Bruder, hier von Ottilie auf »Ottilius«, Ottilies »Übersetzung in die festere, straffere Sprache der Männlichkeit«, übertragen kann, und führt ein anderes Zitat gleichsam als »Motto« an zum Abschnitt über die »Verbreitung der männlichen und weiblichen Homosexualität«: »Ein Unikum? – Mein Teurer, du sprichst wie jener törichte Laie, nicht wie eine höhere Intelligenz. Ein Unikum? Glaube mir, es gibt ungezählte Existenzen, ähnlich wie ich. So viele Junggesellen beiderlei Geschlechts – so viele sogenannte ›Originale‹ und ›Käuze‹ – so viele Eheleute sogar, die sich in der Ehe ausnehmen wie der Fisch im Sande – sind ähnliche, nur etwas ungleichere Mischungen als ich. Man stößt auf sie, man wundert sich über sie, man lacht oder man ärgert sich über sie, man findet sie ›sonderbar‹ – aber man zergliedert sie nicht wissenschaftlich, man erkennt sie nicht.«

 

Bibliographische Notiz:

Eine detaillierte Bibliographie zu Adolf Wilbrandt hat Reinhard M&UUML;LLER erstellt: http://agso.uni-graz.at/marienthal/ Bibliothek/ biografien. – Fridolin's heimliche Ehe. Nach Erinnerungen und Mittheilungen erzählt von Adolf WILBRANDT, erschien zuerst in: Deutsche Roman-Bibliothek zu ›Über Land und Meer‹, herausgegeben von Friedrich Wilhelm HACKL&AUML;NDER, 3. Jahrgang, Band 2 (Stuttgart: Eduard Hallberger 1875) S. 517–526, 537–546, 557–567, 577–584, 597–606, 617–626; Buchausgaben: 1. und 2. Auflage Wien: L. Rosner 1875 und 1882 (223 S.), 3. und 4. Auflage Stuttgart: J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger 1899 (230 S.) und 1907 (220 S.)

Adolf WILBRANDT, Gespräche und Monologe (Stuttgart 1889) (darin: Ein Gespräch, das fast zur Biographie wird, 1875); Erinnerungen (Stuttgart – Berlin 1905); Aus der Werdezeit (Stuttgart – Berlin 1907); vgl. auch Robert WILBRANDT, Mein Vater Adolf Wilbrandt. Zu seinem 100. Geburtstag (Berlin – Wien – Zürich 1937); Rudolph LOTHAR, Das Wiener Burgtheater (Leipzig – Wien – Berlin 1899).

Studien zu Leben und Werk: Adolf STERN, Adolf Wilbrandt, in: Studien zur Literatur der Gegenwart (Dresden – Leipzig 31905) S. 295–322; Victor KLEMPERER, Adolf Wilbrandt. Eine Studie über seine Werke (Stuttgart – Berlin 1907); Adolf Wilbrandt. Zum 24. August 1907. Von seinen Freunden (Stuttgart – Berlin 1907); Max BEHR, Adolf Wilbrandt und die Grundlagen seines Schaffens, in: Hochland 8 (1911), Band 2, S. 572–582; Karl JACOBS, Die Dramendichtung Adolf Wilbrandts in zeitgeschichtlicher und -kritischer Darstellung (Diss. 1929); Ernst ALKER, Die deutsche Literatur im 19. Jahrhundert (1832–1914) (Stuttgart 31969).

Zu Friedrich Eggers: Alfred WOLTMANN, Eggers, Hartwig Karl Friedrich, in: Allgemeine Deutsche Biographie 5 (1877) S. 671– 673; Gerda RUGE (Hg.), Eine Studienfreundschaft. Scheffels Briefe an Friedrich Eggers 1844/1849 (Karlsruhe 1936); Theodor FONTANE, Von Zwanzig bis Dreißig (Autobiographische Schriften, Band 2) (Berlin – Weimar 1982); Roland BERBIG (Hg.), Theodor Fontane und Friedrich Eggers. Der Briefwechsel (Berlin – New York 1997) (S. 451–461: Vita und Auswahlbibliographie); Roland BERBIG, »Ich bedaure dann, daß [. . .] ich Euch nicht genug sein kann«. Friedrich Eggers – Kunsthistoriker, Redakteur, Vereinsgründer und ein schwieriger Freund Theodor Fontanes, in: Berliner Lesezeichen, 8. Jahrgang (2000) Heft 6/7, S. 37–52.

Zur Interpretation und Rezeption: Hubert Kennedy, Karl Heinrich Ulrichs. Leben und Werk (Hamburg 2001); James W. JONES, »We of the Third Sex«. Literary Representations of Homosexuality in Wilhelmine Germany (New York u. a. 1990), Chapter 4: »Adolf von Wilbrandt: The Beginning of the Medical Discourse in Literature« (S. 115–128); Klaus M&UUML;LLER, »Aber in meinem Herzen sprach eine Stimme so laut«. Homosexuelle Autobiographien und medizinische Pathographien im neunzehnten Jahrhundert (Berlin 1991); Gregory WOOD, A History of Gay Literature (New Haven – London 1998). – Rezensionen zur Uraufführung der »Reise nach Riva« stehen im Internet unter »ANNO – AustriaN Newspapers Online« zur Verfügung (Dank an Othmar Barnert vom Theatermuseum Wien für seine Hinweise auf folgende Ausgaben vom 23. 9. 1877: Die Presse S. 9, Neue Freie Presse S. 6, Das Vaterland S. 3, Wiener Sonntags- und Montags-Zeitung S. 2); Otto DE JOUX, Die Enterbten des Liebesglückes oder Das dritte Geschlecht (Leipzig 1893, zweite vermehrte und verbesserte Auflage 1897); Xavier MAYNE (Edward Irenaeus PRIME-STEVENSON), The Intersexes. A History of Similisexualism as a Problem in Social Life (o. O. o. J. [1909/10], Nachdruck New York 1975).

 

James Steakley und Wolfram Setz

 


 << zurück