Christoph Martin Wieland
Die Abentheuer des Don Sylvio
Christoph Martin Wieland

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Indessen wuchs der Prinz heran, und übertraf durch seine Schönheit und wunderbare Eigenschaften alles, was jemals gesehen worden ist. Er spuckte lauter Syrup, er pißte lauter Pomeranzen-Blüth-Wasser, und seine Windeln enthielten so köstliche Sachen, daß sie von Zeit zu Zeit der Königin zugeschickt werden mußten, damit sie an Gala-Tägen ihren Nach-Tisch daraus verbessern konnte. So bald er zu reden anfieng, lallte er Concetti und Epigrammata, und sein Witz wurde nach und nach so stachlicht, daß ihm keine Biene mehr gewachsen war, ob gleich die dummste im ganzen Korbe zum wenigsten so viel Witz hatte als einer von den vierzigen der Academie Francoise.

Allein so bald er das siebenzehnte Jahr erreicht hatte, regte sich ein gewisser Instinct bey ihm, der ihm sagte, daß er nicht dazu gemacht seye, sein Leben in einem Bienenkorbe zuzubringen. Die Fee Melisotte, (so nannte sich seine Amme) wandte zwar alles an, ihn aufzumuntern und zu zerstreuen; sie verschrieb ihm eine Anzahl sehr geschickter Katzen, die ihm alle Abend ein Französisches Concert oder eine Opera von Lulli vormauen mußten; er hatte ein Hündchen, das auf dem Seil tanzte, und ein dutzend Papagayen und Elstern, die sonst nichts zu thun hatten, als ihm Mährchen zu erzählen, und ihn mit ihren Einfällen zu unterhalten; allein das wollte alles nichts helfen; Biribinker sann Tag und Nacht auf nichts anders, als wie er aus seiner Gefangenschaft entwischen möchte. Die gröste Schwierigkeit, die er dabey sah, waren die verwünschten Wespen, die den Wald bewachten, und in der That kleine Thierchen waren, die einen Herkules hätten erschrecken können, denn sie waren so groß wie junge Elephanten, und ihr Stachel hatte die Figur und bey nahe auch die Grüsse der Morgensterne, deren sich die alten Schweitzer mit so gutem Erfolg zu Behauptung ihrer Freyheit zu bedienen pflegten. Da er sich nun einsmals voller Verzweiflung über seine Gefangenschaft unter einen Baum geworfen hatte, näherte sich ihm eine Hummel, die wie alle übrigen männlichen Bewohner des Bienenstocks die Grösse eines halb gewachsenen Bären hatte.

Prinz Biribinker, sagte die Hummel, wenn sie Langeweile haben, so versichere ich sie, daß es mir noch schlimmer geht: Die Fee Melisotte, unsre Königin, hat mir seit etlichen Wochen die Ehre angethan, mich zu ihrem Liebling zu erkiesen; aber ich gestehe ihnen, daß ich der Last meines Amtes nicht gewachsen bin. Sie hat, unter uns geredet, über fünf tausend Hummeln in ihrem Serail, die gewiß nicht müßig sind; ich wollte mich nicht beschwehren, wenn sie mich den übrigen gleich hielte; aber, Sapperment! der Vorzug, den sie mir gibt, fangt mir an beschwerlich zu fallen; ich sage ihnen, daß es nicht länger auszustehen ist. Wenn sie wollten, Prinz, so wäre es ihnen ein leichtes sich selbst und mir die Freyheit zu verschaffen. – – Was ist denn zu thun, fragte der Prinz? – – Ich bin nicht allezeit eine Hummel gewesen, antwortete der mißvergnügte Liebling, und sie allein sind im Stande mir meine erste Gestalt wieder zu geben. Setzen sie sich auf meinen Rücken; es ist Abend, und die Königin ist in ihrer Celle in Geschäften begriffen, die ihr keine Freyheit lassen, sich um etwas anders zu bekümmern. Ich will mit ihnen davon fliegen; aber sie müssen mir versprechen, daß sie thun wollen, was ich von ihnen verlange. Der Prinz versprach es ihm, er setzte sich ohne Bedenken auf, und die Hummel flog so schnell mit ihm davon, daß sie in sieben Minuten aus dem Walde waren. Nunmehro, sprach die Hummel, sind sie in Sicherheit. Die Macht des alten Zauberers Padmanaba, der mich in diese Umstände gebracht hat, erlaubt mir nicht weiter mit ihnen zu gehen; aber hören sie was ich ihnen sagen werde. Wenn sie auf diesem Wege linker Hand fortgehen, so werden sie endlich in eine grosse Ebene kommen, wo sie eine Heerde himmelblauer Ziegen sehen werden, die um eine kleine Hütte herum weiden. Nehmen sie sich ja in acht, daß sie nicht in die Hütte hinein gehen, oder sie sind verlohren. Halten sie sich immer linker Hand, und gehen sie fort, bis sie endlich zu einem verfallenen Palast kommen, dessen noch übrige Pracht ihnen beweisen wird, was er ehmals gewesen ist. Sie werden durch etliche Höfe an eine grosse Treppe von weissem Marmor kommen, welche sie in einen langen Gang führen wird, wo sie zu beyden Seiten eine Menge prächtiger und hell erleuchteten Zimmer finden werden. Gehen sie ja in keines derselben hinein, sonst schließt es sich augenblicklich von selbst wieder zu, und keine menschliche Gewalt kan sie wieder heraus bringen. Sie werden aber eines davon verschlossen finden, und dieses wird sich öfnen, so bald sie den Namen Biribinker aussprechen. In diesem Zimmer bringen sie die Nacht zu, das ist alles, was ich von ihnen verlange. Glückliche Reise, gnädiger Herr, und wenn sie sich bey meinem Rath wohl befinden, so vergessen sie nicht, daß ein Dienst des andern werth ist.

Mit diesen Worten flog die Hummel davon, und ließ den Prinzen in keiner mittelmässigen Erstaunung über alles, was sie ihm gesagt hatte. Voller Ungedult nach den wundervollen Begebenheiten, die ihm bevor stunden, gieng er die gantze Nacht durch, denn es war Mondschein und mitten im Sommer. Des Morgens erblickte er die Wiese, die Hütte und die himmelblauen Ziegen. Er erinnerte sich des Verbots gar wohl, das die Hummel ihm so nachdrücklich eingeschärft hatte, allein er fühlte beym Anblick der Ziegen und der Hütte eine Art von Anziehung, der er nicht widerstehen konnte. Er gieng also in die Hütte hinein, und fand niemand darinn als ein junges Milchmädchen in einem schneeweissen Leibchen und Unterrock, die im Begriff war etliche Ziegen zu melken, die an einer diamantnen Krippe angebunden stunden. Der Melk-Kübel, den sie in ihrer schönen Hand hatte, war aus einem einzigen Rubin gemacht, und statt des Strohes war der Stall mit lauter Jasmin und Pomeranzen-Blüthen bestreut. Alles dieses war freylich bewundernswürdig genug, allein der Prinz bemerkte es kaum, so sehr hatte ihn die Schönheit des jungen Mädchens geblendet. In der That Venus in dem Augenblick, da sie von den Zephyren ans Gestade von Paphos getragen wurde, oder die junge Hebe, wenn sie halb aufgeschürzt den Göttern Nectar einschenkte, waren weder schöner noch reitzender als dieses Milchmädchen. Ihre Wangen beschämten die frischesten Rosen, und die Perlenschnüren, womit ihre Arme und ihre kleinen netten Füßchen umwunden waren, schienen nur dazu zu dienen, die blendende Weisse derselben zu erhöhen. Nichts konnte zierlicher und reitzender seyn als ihre Gesichts-Züge und ihr Lächeln, über ihr ganzes Wesen war ein Ausdruck von Zärtlichkeit und Unschuld ausgebreitet, und ihre kleinsten Bewegungen hatten diesen nahmenlosen Reitz, dem die Herzen beym ersten Anblick entgegen fliegen. Diese bezaubernde Person schien auf eine eben so angenehme Art über den Prinzen Biribinker betroffen, als er über sie; halb unschlüßig, ob sie bleiben oder fliehen wollte, blieb sie stehen, und betrachtete ihn mit einem verschämten Blicke, worinne Schüchternheit und Vergnügen sich zu vermischen schienen. Ja, ja, rief sie endlich aus, indem sich der Prinz zu ihren Füssen warf, er ist es, er ist es! – – Wie? rief der entzückte Prinz, der aus diesen Worten schloß, daß sie ihn schon kenne, und daß er ihr nicht gleichgültig seye; ist der allzuglückliche Biribinker – – Götter! schrie das Milchmädchen, indem sie ganz bestürzt zurück bebte, was für einen verhaßten Namen höre ich! wie sehr haben meine Augen und mein voreiliges Herz mich betrogen! Fliehe, fliehe, unglückliche Galactine – – Mit diesen Worten floh sie würklich so schnell aus der Hütte, als ob sie der Wind davon führete. Der bestürtzte Prinz, der den Abscheu nicht begreiffen konnte, den sie vor seinem Namen hatte, lief ihr nach so schnell als er konnte; allein das Milchmädchen flog, daß ihre Fußsolen kaum die Spitzen des Grases berührten. Umsonst beflügelten die Schönheiten, die ihr flatterndes Gewand in jedem Augenblick entdeckte, die Begierden und die Füsse des nacheilenden Prinzen; er verlohr sie in einem dichten Gebüsche, wo er den ganzen Tag hin und wieder lief, und jedem Rascheln oder Flüstern, das er hörte, nachgieng, ohne daß er die mindeste Spur von ihr finden konnte.

Indessen war die Sonne untergegangen, und er befand sich unvermerkt an der Pforte eines alten Schlosses, welches halb eingefallen schien. Denn es ragten allenthalben Mauerstücke von Marmor und umgestürzte Säulen von den kostbarsten Edelsteinen aus dem Gesträuch hervor, und er stieß sich alle Augenblicke an Trümmern, wovon der schlechteste eine Insel auf dem festen Lande werth war. Er merkte hieraus, daß er bey dem Palast sey, wovon ihm sein guter Freund, die Hummel gesagt hatte, und hofte, (wie die verliebten hofnungsvolle Leute zu seyn pflegen) sein holdseliges Milchmädchen vielleicht hier zu finden. Er arbeitete sich durch drey Vorhöfe durch, und kam endlich an die Treppe von weissem Marmor. Zu beyden Seiten stund auf jeder Stuffe, deren zum wenigsten sechzig waren, ein grosser geflügelter Löwe, der bey jedem Athemzug so viel Feuer aus seinen Naßlöchern schnaubte, daß es heller als bey Tag davon wurde; aber es versengte ihm nur nicht ein Haar, und die Löwen sahen ihn nicht so bald, so spannten sie ihre Flügel aus, und flogen mit grossem Gebrüll davon.

Der Prinz Biribinker gieng also hinauf, und kam so gleich in eine lange Galerie, wo er die ofnen Zimmer fand, wovor ihn die Hummel gewarnt hatte. Ein jedes derselben führte in zwey oder drey andere, und die Pracht, womit sie eingerichtet und ausgeschmücket waren, übertraf alles, was sich seine Einbildungs-Kraft vorstellen konnte, ungeachtet ihm die Feerey nichts neues war. Allein dieses mal nahm er sich wohl in acht, seiner Neugier den Zügel zu lassen, und gieng so lange fort, bis er an eine verschlossene Thüre von Ebenholz kam, an welcher ein goldener Schlüssel steckte. Er versuchte lange vergeblich ihn umzudrehen; aber so bald er den Namen Biribinker ausgesprochen hatte, sprang die Thüre von sich selbst auf, und er befand sich in einem grossen Saal, dessen Wände ganz mit crystallenen Spiegeln überzogen waren. Er wurde von einem diamantnen Cronleuchter erhellt, an welchem in mehr als fünf hundert Lampen lauter Zimmet-Oel brannte. In der Mitte stund ein ovaler Tisch von Elfenbein mit smaragdenen Füssen, für zwo Personen gedeckt, und zur Seiten zween Schenktische von Lasur-Stein, die mit goldenen Tellern, Bechern, Trinkschaalen und anderm Tisch-Geräthe versehen waren. Nachdem er alles, was sich in diesem Saale seinen Augen darbot, eine gute Weile voller Erstaunen betrachtet hatte, erblickte er eine Thüre, durch die er in verschiedene andere Zimmer kam, wovon immer eines das andere an Pracht der Auszierung übergläntzte. Er besah alles Stück vor Stück, und wußte nicht mehr, was er davon denken sollte. Die Zugänge zu diesem Pallast hatten ihm ein zerstörtes Schloß angekündiget; das Innwendige schien keinen Zweifel übrig zu lassen, daß es bewohnt sey; und doch sah und hörte er keine lebendige Seele. Er durchgieng alle diese Zimmer noch einmal, er suchte überall, und entdeckte endlich in dem letzten noch eine kleine Thüre in den Tapeten. Er öfnete sie, und befand sich in einem Cabinet, worinn die Feerey sich selbst übertroffen hatte. Ein angenehmes Gemisch von Licht und Schatten erheiterte es, ohne daß man die Quelle dieser zauberischen Dämmerung entdecken konnte. Die Wände von polirtem schwarzem Granit stellten, wie eben so viele Spiegel, verschiedene Scenen von der Geschichte des Adonis und der Venus mit einer Lebhaftigkeit vor, die der Natur gleich kam, ohne daß man errathen konnte, durch was für eine Kunst diese lebende Bilder sich dem Stein einverleibet hatten. Liebliche Gerüche wie von Frühlingswinden aus frisch aufblühenden Blumenstücken herbey geweht, erfüllten das ganze Gemach, ohne daß man sah, woher sie kamen, und eine stille Harmonie, wie von einem Concert, das aus tiefer Ferne gehört wird, umschlich eben so unsichtbar das bezauberte Ohr, und schmerzte das Herz in zärtliche Sehnsucht. Ein wollüstiges Ruhebett, von welchem ein marmorner Liebes-Gott, der zu athmen schien, den wallenden Vorhang halb hinweg zog, war das einzige Geräthe in diesem anmuthsvollen Ort, und erweckte in dem Herzen unsers Prinzen ein geheimnisvolles Verlangen nach etwas, wovon er, so neu als er noch war, nur dunkle Begriffe hatte, ob ihm gleich die Tapeten, die er sehr aufmerksam und nicht ohne eine süsse Unruhe betrachtete, einiges Licht zu geben anfiengen. In diesen Augenblicken stellte sich ihm das Bild des schönen Milchmädchens mit einer neuen Lebhaftigkeit dar, und nachdem er eine Menge vergeblicher Klagen über ihren Verlust angestimmt hatte, fieng er von neuem an zu suchen, bis er es müde wurde. Weil er nun diesesmal nicht glücklicher war als vorher, so begab er sich wieder in das Cabinet mit dem Ruhbette, zog seine Kleider aus, und war im Begriff sich niederzulegen, als eines der unvermeidlichsten Bedürfnisse der menschlichen Natur ihn nöthigte, sich unter dem Bette umzusehen. Er fand würklich ein Gefäß von Crystall, an welchem noch Merkmale zu sehen waren, daß es vor Zeiten zu einem solchen Gebrauch gedient hatte. Der Prinz fieng schon an es mit Pomeranzen-Blüht-Wasser zu begiessen, als er, o Wunder, das crystallene Gefäß verschwinden, und an dessen statt – – eine junge Nymphe vor sich stehen sah, die so schön war, daß es unmöglich hätte scheinen sollen, so sehr über sie zu erschrecken, als der Prinz würklich erschrack. Sie leichte ihn so freundlich an, als ob sie einander schon längst gekannt hätten, und ehe er sich noch aus seiner Bestürzung erhohlen konnte, sagte sie zu ihm: Willkommen Prinz Biribinker! Lassen sie sichs nicht verdriessen einer jungen Fee einen Dienst gethan zu haben, die ein barbarischer Eyfersüchtiger über zwey Jahrhunderte lang zu einem Werkzeug der niedrigsten Bedürfnisse mißbraucht hat. Reden sie aufrichtig, Prinz; finden sie nicht, daß mich die Natur zu einem edlern Gebrauch bestimmt hat? Sie sagte dieses mit einem gewissen Blick, dessen Directions-Linie den bescheidenen Biribinker in einige Verwirrung setzte. Er hatte, wie wir wissen, so viel Witz als man haben kan, aber wir müssen hinzu setzen, eben so viel Unbesonnenheit; er merkte, daß er der Fee etwas verbindliches sagen sollte; weil er aber gewohnt, alles was er sprach, mit einem gewissen Schwung zu sagen, so konnte all sein Witz dißmal nicht verhindern, daß er nicht etwas sehr dummes sagte. Es ist ein Glück für sie, schönste Nymphe, antwortete er ihr, daß ich die Absicht nicht haben konnte, ihnen den seltsamen Dienst zu leisten, den ich ihnen unwissender Weise geleistet habe; denn ich versichere sie, daß ich sonst allzuwohl gewußt hätte, was der Wohlstand – – – –


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